12

Kiva Lagos hatte sich überlegt, dass es ganz einfach war, sich zu ziemlich jeder Zeit zu jeder Person Zugang zu verschaffen, wenn man a) einen hinreichend hohen Status hatte und b) bereit war, sich wie ein absolutes Arschloch aufzuführen. Als sie daraufhin, mit verschiedenen Dokumenten in der Hand, den Aufzug des Gildenhauses auf jenem Stockwerk verließ, wo das Haus Wolfe seine Büros hatte, machte sie sich nicht die Mühe, am Empfangstresen stehen zu bleiben. Sie bog einfach nach links ab und marschierte durch den Korridor zu Drusin Wolfes Büro, ohne auf die zunächst verwirrten und dann zunehmend schrillen Stimmen der letztlich drei verschiedenen Leute zu achten, die sie aufhalten wollten.

Sie ließ sich nicht aufhalten. Sie riss die Tür zu Drusin Wolfes Büro auf, schlug sie wieder zu und verriegelte sie, bevor ihr recht zaghaftes Gefolge zu ihr gelangen konnte. Drusin Wolfe blickte von einem Couchtisch auf, wo er in einem Sessel saß, in ein Gespräch mit einem anderen Mann vertieft, den Kiva nicht kannte und für dessen Identität sie sich einen Scheiß interessierte.

»Was zum Teufel?«, sagte Wolfe.

Kiva zeigte auf den anderen Mann. »Sie. Verpissen Sie sich.« Es wurde gegen die Tür gehämmert. Kiva achtete nicht darauf.

Drusin Wolfe legte dem anderen Mann eine Hand auf den Arm, um zu verhindern, dass er sich irgendwie verpisste. »Sind Sie verrückt geworden? Sie können nicht einfach in mein Büro stürmen und Leuten sagen, dass sie sich verpissen sollen.«

»Und dennoch bin ich hier«, sagte Kiva. »In Ihrem Büro. Um diesem irrelevanten Schwachkopf zu sagen, dass er sich verpissen soll.« Sie wandte dem irrelevanten Schwachkopf ihre Aufmerksamkeit zu. »Welchen Teil von ›Verpissen Sie sich!‹ haben Sie nicht verstanden?«

»Er und ich haben wichtige Dinge zu besprechen.«

»Sie und ich haben wichtige Dinge zu besprechen«, sagte Kiva. Sie ging zu ihm hinüber und warf ihm ein Dokument zu, was Wolfe einen würdelosen Moment bescherte, während er ungeschickt danach zu greifen versuchte. »Denn falls ich dieses Büro verlasse, ohne mit Ihnen über das hier gesprochen zu haben, und zwar sofort, werden Sie sehr unglücklich über die Aufmerksamkeit sein, die das nach sich zieht.«

Wolfe las das Dokument durch und runzelte die Stirn. Kiva wandte sich wieder dem irrelevanten Schwachkopf zu. »Und das ist der Moment, in dem er Ihnen sagen wird, dass Sie sich verpissen sollen«, versicherte sie ihm. Der irrelevante Schwachkopf war zutiefst verwirrt und schaute zu Wolfe.

»Das werde ich nicht zu Ihnen sagen«, erklärte Wolfe seinem Gesprächspartner und warf einen kurzen Blick zu Kiva. »Aber ich fürchte, ich muss mich jetzt sofort mit dieser … Person auseinandersetzen.«

»Soll das ein Witz sein?«, fragte der irrelevante Schwachkopf, der endlich seine Sprachfähigkeit wiedergefunden hatte.

»Ich wünschte, es wäre einer«, versicherte Wolfe ihm. »Ich werde Michael sagen, dass er Ihr Büro anrufen und einen neuen Termin machen soll.«

Der irrelevante Schwachkopf saß mit offenem Mund da, bis Kiva ihm auf die Schulter klopfte. »Sie haben ihn gehört«, sagte sie. »Und jetzt verpissen Sie sich endlich!« Sie ging zur Tür, entriegelte sie und riss sie auf, was dazu führte, dass mindestens eine der Personen, die dagegengeschlagen hatten, über die Schwelle stolperte. Der irrelevante Schwachkopf ging und nachdem Wolfe seinen Assistenten, der Empfangschefin und einem hastig dazugerufenen Wachmann versichert hatte, dass alles in Ordnung war, waren Kiva und Wolfe endlich miteinander allein.

»Ist das Ihre übliche Art, einen Raum zu betreten, Lady Kiva?«, fragte Wolfe.

»Das habe ich von meiner Mutter gelernt.«

Wolfe legte das Dokument, das Kiva ihm gegeben hatte, auf den Couchtisch und tippte darauf. »Es würde mich sehr interessieren, wie sie an diese speziellen Informationen gelangt sind.«

Kiva hatte sich in den Sessel gesetzt, den der irrelevante Schwachkopf geräumt hatte. Er war noch warm, was sie irgendwie widerlich fand. »Nun, Drusin, als Sie rübergekommen sind, um mein verficktes Abendessen mit einem Monolog zu ruinieren, konnten Sie davon ausgehen, dass ich einige Nachforschungen anstellen würde, was Sie im Schilde führen.«

»Ich dachte, ich wäre mit diesen Transfers sehr vorsichtig gewesen.«

»Ich bin davon überzeugt, dass Sie das dachten. Aber Sie waren es nicht. Und ich bin gut darin, Geheimnisse aufzuspüren.«

»Aber nicht so gut, Ihre eigenen Geheimnisse zu hüten, nicht wahr?« Wolfe lächelte und legte den Kopf schief. »Ich habe gehört, dass Sie recht überstürzt von Ihrem Platz im Exekutivkomitee der Imperatox zurückgetreten sind. Und dass das Finanzministerium gegen Sie ermittelt. Es heißt, Sie hätten ein bisschen von den Nohamapetan-Konten abgeschöpft, die Sie eigentlich überprüfen sollen.«

»An diesen Vorwürfen ist nichts dran.«

»Natürlich nicht«, entgegnete Wolfe trocken. »Genauer gesagt habe ich gehört, dass etwas mehr als nur ein wenig Geld abgeschöpft wurde. Das hat eine gewisse Ironie. Sie decken sämtliche finanziellen Verrenkungen der Nohamapetans auf, und dann machen Sie selbst ein paar gymnastische Übungen.«

»Das ist alles Blödsinn, was die Ermittlungen erweisen werden, also ist es gar nicht so ironisch, wie Sie denken«, sagte Kiva und warf dann einen bedeutungsschweren Blick auf das Dokument. »Die gute Neuigkeit ist, dass ich vielleicht eine Möglichkeit gefunden habe, die Gunst der Imperatox zurückzugewinnen.«

»Sie sind nicht nur hierhergekommen, um sich in Schadenfreude zu ergehen, Lady Kiva?«

»Nein, wenn ich das wollte, hätte ich Sie einfach nur bei Ihrem verfickten Abendessen gestört.«

»Weshalb sind Sie also hier?«

Nun war es Kiva, die auf das Dokument tippte. »Ich will da mitmachen«, sagte sie.

»Wie bitte?«

»Sie haben mich verstanden.«

»Ist Ihnen überhaupt klar, was Sie verlangen? Wobei Sie mitmachen wollen?«

Kiva schmunzelte. »Sie glauben, Sie wären der Einzige, gegen den ich etwas in der Hand habe?« Sie wedelte mit dem restlichen Dokumentenbündel. »Das ist eine nette kleine Verschwörung, die Sie da in Gang gebracht haben. Es wäre doch schade, wenn dabei etwas schieflaufen würde.«

»Es ist nur so …«

»Was?«

»Nun.« Drusin rutschte auf seinem Sessel hin und her. »Das kommt etwas plötzlich. Letzte Woche waren Sie noch der Liebling der Imperatox.«

»Nein.« Kiva schüttelte den Kopf. »Nach diesem letzten beschissenen Staatsstreich brauchte Grayland ein vertrautes Gesicht im Exekutivkomitee. Jemanden, den sie glaubte, unter Kontrolle zu haben. Aber ich bin eigentlich nicht kontrollierbar, Drusin.«

Drusin lächelte matt. »Das ist mir aufgefallen.«

»Natürlich, weil Sie kein absoluter verfickter Schwachkopf sind.« Kiva beugte sich vor. »Was glauben Sie, warum mir plötzlich finanzielle Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit den Nohamapetan-Konten vorgeworfen werden? Nicht weil ich irgendetwas abgeschöpft hätte. Sondern weil unsere geliebte Imperatox einen Vorwand brauchte, um mich aus dem Exekutivkomitee zu werfen, ohne den Eindruck zu erwecken, sie würde mich aus einer Laune heraus feuern. Ich sitze in meinem Büro, als auf einmal diese verfickten Schläger von der Finanzaufsicht hereinkommen und mir diese Scheiße hinlegen, und als sie damit fertig sind, ruft mich keine zwanzig Minuten später irgendein Lakai der Imperatox an, um mir die verfickte ›Chance‹ eines Rücktritts anzubieten. Ich erkenne ein abgekartetes Spiel, wenn ich eins sehe. Und so etwas passiert nicht innerhalb einer verfickten Woche. Das war von langer Hand vorbereitet.«

»Sie scheinen recht wütend auf die Imperatox zu sein.«

»Natürlich bin ich wütend auf die verfickte Imperatox. Scheiß auf sie und ihre feige Taktik.«

»Also sind Sie auf die Lösung gekommen, mich zu erpressen.«

»Nein.« Wieder schüttelte Kiva den Kopf und zeigte auf das Dokument. »Hätte ich das benutzen wollen, um die Unstimmigkeiten mit Grayland wieder in Ordnung zu bringen, hätte ich es getan, als ihr verfickter Lakai anrief. Nein, ich wollte es benutzen, um Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nachdem ich Ihre Aufmerksamkeit jetzt habe, will ich Ihnen sagen, was ich Ihnen anbieten kann, wenn Sie mich mitspielen lassen.«

Wolfe lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Ich höre.«

»Punkt eins: Ich bringe Ihnen bei, wie Sie Ihr verficktes Geld hin und her bewegen, damit es nicht so offensichtlich ist wie ein Kind, das Farbe auf dem Küchenboden verschmiert. Ich bin sehr erstaunt, dass Graylands Schläger immer noch nicht Ihr verficktes Büro gestürmt haben.«

»In Anbetracht der Tatsache, dass Sie gerade Besuch von ihren Schlägern hatten, bin ich mir nicht sicher, ob ich Ihren Rat annehmen möchte, Lady Kiva.«

»Ich habe Ihnen gesagt, dass es ein abgekartetes Spiel war. Ein Vorwand. Nachdem ich jetzt aus dem Exekutivkomitee raus bin, wird das alles verwehen wie ein Furz im Wind. Was uns zu Punkt zwei bringt: Sie erinnern sich an Ihren Wunsch nach einer Neuverhandlung Ihrer Nohamapetan-Verträge?«

»Sicher.«

»Herzlichen Glückwunsch, er wurde Ihnen bewilligt.«

»Aha.«

»Ja – wenn ich in diese Sache reinkomme.«

»Und Sie glauben, nachdem das alles« – Wolfe deutete mit einer vagen Geste die Verschwörung an, um die sie herumredeten – »vorbei ist, werden Sie immer noch in einer Position sein, um solche Angebote machen zu können?«

Kiva schnaufte. »Wir müssen damit nicht auf das alles warten.« Sie wedelte mit den Händen und machte sich über Wolfes Bewegungen lustig. »Diesen Teil können wir schon jetzt erledigen. So bekommt Ihr Haus den Deal, auch falls ›das alles‹ in die Binsen gehen sollte.«

»Und wen ›das alles‹ wie geplant läuft?«

»Dann schauen wir mal, was passiert, ja?« Kiva zuckte mit den Schultern. »Ich habe mein eigenes Haus, Drusin. Ich habe meine eigenen Geschäfte und meine eigenen Sorgen. Ich wurde schlicht abkommandiert, um die Angelegenheiten des Hauses Nohamapetan zu übernehmen. Es wird mich auf keinen Fall umbringen, wenn ich dann darauf verzichte. Aber in der Zwischenzeit können wir beide immer noch Geschäfte miteinander machen.«

»Zu meinen Bedingungen.«

»Nein, jetzt sind es meine Bedingungen. Nachdem bei diesem Geschäft nun auch etwas für mich herausspringt.«

»Hmmm. Was noch?«

Kiva hob ihre Dokumente. »Nun, zunächst einmal ist Ihr Abenteuer ernsthaft unterfinanziert. Ich kann Ihnen Kapital beschaffen.«

»Sie wollen in die Revolution investieren«, fasste Wolfe sarkastisch zusammen.

»Natürlich nicht«, sagte Kiva. »Sie tut es.«

»Welche sie

»Dieselbe Person, deren verborgene Privatkonten ich während des letzten verfickten Jahres eingefroren hatte«, sagte Kiva und genoss dann Wolfes schockierten Gesichtsausdruck. »Ich bitte Sie, Drusin! Ich bin nicht blöd. Sie glauben doch nicht, ich hätte den Eindruck gehabt, das alles wäre Ihre Idee gewesen.« Erneut wedelte sie mit den Dokumenten. »Oder die von irgendeinem dieser Witzbolde. Für so etwas muss man wirklich ambitioniert sein. Das Ganze stinkt eindeutig nach ihr.«

»Ich hatte den Eindruck, dass Sie diese Person nicht mögen«, sagte Wolfe.

»Es geht auch nicht darum, dass ich sie küssen werde. Ich muss sie gar nicht mögen. Es genügt, wenn ich sie respektiere. Und das tue ich. Zumindest mehr als die verfickte Grayland. Ich habe beide aus nächster Nähe erlebt. Die eine weiß, was sie tut. Die andere weiß es nicht

»Und wie wollen Sie diese Gelder … freisetzen? Ich dachte, Sie hätten die geheimen Konten preisgegeben, die Sie gefunden haben.«

»Ich habe alle geheimen Konten preisgegeben, von denen ich den Leuten erzählt habe, ja«, sagte Kiva. »Und dann gibt es noch ein paar, von denen ich ihnen nichts erzählt habe.«

Wolfe lächelte. »Und ich hatte nie den Verdacht, Sie könnten irgendetwas abschöpfen.«

»Das ist kein Abschöpfen. Das ist vorausschauende Finanzplanung.«

»Das ist nicht der tollste Plan, von dem ich jemals gehört habe«, sagte Senia Fundapellonan nachts zu Kiva, nachdem sie ihr gewohntes abendliches Gelage aus gegenseitigen Orgasmen hinter sich gebracht und die Sprache wiedergefunden hatten.

»Es wird schon gut gehen«, versicherte Kiva ihr.

Senia setzte sich im Bett auf. »Du hast ein Zerwürfnis mit der Herrscherin des bekannten Universums vorgetäuscht, bist öffentlich wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten angeklagt und gibst vor, dein Schicksal einer Person anzuvertrauen, die mindestens zweimal versucht hat, die Imperatox zu ermorden. Diese Person gehört einer Familie an, die sich eines Umsturzversuches schuldig gemacht hat und, das sollten wir nicht vergessen, mindestens ein Mitglied der imperialen Familie ermordet hat. Ach ja, und die versucht hat, dich umzubringen, nebenbei bemerkt.«

»Und für die auch du früher gearbeitet hast«, rief Kiva ihr ins Gedächtnis. »Was du irgendwie immer noch tust, eigentlich. Zumindest für das Haus.«

Senia beugte sich vor und küsste Kivas Schulter. »Jetzt arbeite ich für dich. Du hast mich abgeworben, weißt du noch? Nachdem sie mich angeschossen hatten, während sie auf dich zielten.«

»Wenn du es so ausdrückst, klingt es wirklich etwas heikel«, räumte Kiva ein.

»Nur ein wenig. Ich will damit nur sagen, dass Nadashe eine Menge Gründe hätte, dir gegenüber misstrauisch zu sein. Du solltest ihrem Argwohn etwas entgegensetzen können.«

»Wir haben in diese Richtung bereits einiges vorbereitet«, sagte Kiva. »Mit ziemlicher Sicherheit hat Nadashe ihre Leute im Justiz- und Finanzministerium. Wenn sie die Vorwürfe gegen mich überprüfen, werden sie die hübsch frisierten Ermittlungsberichte sehen, die bestätigen, was ich zu Wolfe gesagt habe. Die Ermittlungen sind über einen längeren Zeitraum dokumentiert, und den Metadaten lässt sich entnehmen, dass sie während der letzten paar Wochen erstellt wurden. Genau das, was man erwarten würde, wenn jemand bloßgestellt werden soll.«

»Darauf bist du sehr stolz«, murmelte Senia.

»Komm schon, das ist ein nettes verficktes Detail.«

»Es ist keine tolle Idee, in die eigene Cleverness verliebt zu sein.«

»Wer bist du, meine Mutter?«

»Wenn ich deine Mutter wäre, würde ich das Wort ›verfickt‹ häufiger benutzen.«

»An diesem Wort gibt es absolut nichts auszusetzen.«

»Klar«, sagte Senia. »Vielleicht im Gegensatz zu jedem anderen Wort, das aus deinem Mund kommt.«

»Ich selbst höre es gar nicht, wenn ich es sage, zumindest die meiste verfickte Zeit.«

Senia tätschelte Kiva. »Das weiß ich. Du würdest es hören, wenn ich es so häufig benutzen würde wie du.«

»Nein.«

»Verfickt ja, du würdest es verfickt hören, verfickt nochmal.«

»Jetzt übertreibst du maßlos.«

»Aber nicht sehr.«

»Toll. Jetzt werde ich es jedes verfickte Mal hören, wenn ich es benutze.«

Senia tätschelte Kiva erneut. »Das wird vorübergehen, davon bin ich überzeugt. Aber was ich sagen wollte – ganz gleich, für wie schlau du dich hältst, bei Nadashe solltest du vorsichtig sein. Du hast recht, ich habe für ihre Familie gearbeitet. Ich kenne diese Leute. Sie werden dich dort erwischen, wo du am wenigsten damit rechnest. So sind sie.«

»Das weiß ich.«

»Ich weiß, dass du es weißt, Kiva. Aber du musst es auch spüren.« Senia richtete sich auf. »Hör zu. Das kommt vielleicht etwas früh für dich, weil du, nun ja … du bist, aber ich liebe dich nun einmal. Womit ich ganz und gar nicht gerechnet hatte. Ich hatte Spaß mit dir, und als dann auf mich geschossen wurde und du dich um mich gekümmert hast, war ich dir dankbar, und ich habe dich schon immer gemocht. Aber nun weiß ich, dass ich dich liebe, und das ist schlimm, weil ich mir jetzt verfickte Sorgen um dich mache. Also will ich, dass du es spürst, in deinem Kopf und in deinem Bauch, dass Nadashe Nohamapetan gefährlich ist. Weil du dich nur dann sicher fühlen darfst. Was schrecklich für mich ist.«

Kiva lag im Bett und nahm alles in sich auf, was Senia sagte, und nach einer respektvollen Pause erwiderte sie das Einzige, was sie, wie sie fand, in diesem Moment erwidern konnte. »Du willst mich verfickt verfluchen, oder?«

Senia sah sie verwirrt an. »Was?«

»Du willst mich verfickt verfluchen«, wiederholte Kiva. »Indem du mir sagst, dass du mich liebst, kurz bevor ich losziehe und versuche, diesen verfickten Umsturzversuch zu ficken. Das ist einfach nur verfickte Scheiße.«

Senia starrte Kiva an, dann brach sie in lautes Gelächter aus und warf sich auf Kiva. »Du Arschloch«, sagte sie.

»Schon viel besser.«

»Es ist nicht besser, aber das bist du.« Senia kuschelte sich an Kiva.

»Ich werde vorsichtig sein«, sagte Kiva ein paar Minuten später.

»Okay, gut«, sagte Senia. »Versteh mich nicht falsch. Ich weiß, dass du Nadashes Pläne gründlich zunichte machen wirst. Niemand kann die Pläne anderer Leute so gut vermasseln wie du.«

»Danke.«

»Keine Ursache. Pass nur auf, dass sie nicht dasselbe mit dir macht.«

»Das werde ich«, versprach Kiva.

Es war Kiva, die das Folgetreffen vereinbarte. Weil sie einerseits dachte, es würde einen besseren Eindruck machen, wenn sie den Anschein erweckte, den Verschwörern nicht zu trauen, und weil sie andererseits den Verschwörern wirklich nicht traute, schlug sie vor, dass es an einem öffentlichen Ort stattfinden sollte: im kürzlich umbenannten Attavio-VI.-Park. Der Park lag nicht weit von Brighton entfernt, der Wohnung des früheren Imperatox in Nabenfall, wo er sich viel lieber aufgehalten hatte als im eigentlichen imperialen Palast in Xi’an. Kiva wählte den Nachmittag für das Treffen, denn dann würde der Park voller Leute sein, die joggten, radelten, ihre Haustiere ausführten, mit ihren Kindern spielten oder anderweitig im Weg waren. Der Attavio-VI.-Park war nicht allzu groß, aber es gab mehrere Fußgängeralleen, die von Bäumen mit üppigem Blattwerk gesäumt wurden, das ein fast geschlossenes Dach bildete, was einem Heckenschützen die Arbeit erschweren würde.

Kiva gestand sich selbst ein, dass sie mit der Heckenschützensache vielleicht übertrieben vorsichtig war. Andererseits hatte Nadashe schon einmal versucht, sie auf diese Weise zu ermorden. Also war es vielleicht eher ein verficktes Mindestmaß an Vorsicht, wenn man es mit den Nohamapetans zu tun hatte.

Drusin Wolfe saß auf einer Bank nicht weit entfernt vom Eingang des Parks und winkte, als er Kiva sah. Sie ging zu ihm hinüber. Wortlos streckte er ihr die Hand hin. Darin hielt er einen Ohrhörer, ein bekanntes Markenmodell mit Gestikkontrollen für die Lautstärke an der Oberfläche. Kiva nahm das Gerät entgegen, steckte es sich ins Ohr und tippte dagegen, um es einzuschalten. Zehn Sekunden später signalisierte ein Tonsignal einen Anruf. Kiva tippte erneut gegen den Ohrhörer, um ihn anzunehmen.

»Hallo, Kiva«, sagte Nadashe Nohamapetan am anderen Ende.

»Hallo, Nadashe«, sagte Kiva. Sie stupste Wolfe, der immer noch dasaß, leicht mit dem Schuh an.

Was?, fragte er lautlos. Kiva bedeutete ihm, dass er aufstehen sollte. Wolfe sah sie ratlos an. Kiva verdrehte die Augen, zerrte ihn von der Bank hoch, schob ihren Arm in seine Ellenbeuge und lief mit ihm durch die Fußgängerallee, um kein leicht zu treffendes Ziel zu bieten.

»Wie ich erfahren habe, sind Sie daran interessiert, sich unserer kleinen Unternehmung anzuschließen«, sagte Nadashe, während Kiva Wolfe von der verfickten Bank wegzerrte. »Sie verstehen vielleicht, dass ich mir Gedanken über Ihre Aufrichtigkeit mache.«

»Sie meinen, weil ich die Geschäfte Ihres Hauses leite und weil Ihre verfickte Familie versucht hat, mich zu ermorden, hätten wir beide sehr gute Gründe, Abneigung und Misstrauen gegeneinander zu empfinden«, sagte Kiva.

»Ja, genau das«, bestätigte Nadashe. Kiva bemerkte, dass eine kleine Pause entstand, nachdem sie zu Ende gesprochen hatte und bevor Nadashe antwortete. Das deutete darauf hin, dass Nadashe sich derzeit vermutlich nicht auf Nabe aufhielt, sondern weit genug entfernt war, dass es zu einer winzigen Verzögerung durch die Lichtgeschwindigkeit kam. Kiva konnte es ihr nicht verübeln. Schließlich war Nadashe eine Verbrecherin auf der Flucht. Würde sie nach Nabe kommen, wäre der Ärger vorprogrammiert.

»Ich habe Drusin Wolfe bereits meine Gründe erklärt«, sagte Kiva. »Sie können sie entweder als aufrichtig akzeptieren oder nicht. Was mich betrifft, würde ich darüber hinwegsehen, dass Ihre Familie mir das Hirn aus dem Schädel pusten wollte. Ich verstehe, dass es eine rein geschäftliche Angelegenheit war. Dumm und scheißidiotisch, aber rein geschäftlich.«

»Und Sie möchten, dass auch ich die Tatsache, dass Sie das Haus Nohamapetan leiten, als etwas rein Geschäftliches betrachte.«

»Es ist rein geschäftlich. Und im Moment gibt es sonst niemanden, der es leiten könnte. Sie sind auf der Flucht, Ihre Mutter sitzt im Gefängnis, ein Bruder ist tot, und der andere Bruder ist auf Ende und vielleicht sogar ebenfalls tot. Seien Sie froh, dass Ihre Familiengeschäfte derzeit bestens laufen. Und wenn alles gesagt und getan ist und alle Konten abgeglichen sind, können Sie alles wiederhaben.«

»Einfach so.«

»So in etwa. Verstehen Sie mich nicht falsch, Nadashe. Das Haus Nohamapetan bezahlt mich großzügig für meine Verwaltungstätigkeit. Ich leite Ihre Geschäfte nicht aus verfickter Herzensgüte. Ich habe etwas davon. Aber auch Sie werden etwas davon haben, und ich bin gut genug darin, Ihren Laden zu schmeißen, dass Sie meinen Anteil problemlos verschmerzen können.«

»Wenn ich etwas davon haben soll, würden auch die Konten dazugehören, die Sie eingefroren haben. Die Sie noch nicht gemeldet haben.«

»Ja.«

»Bei einem solchen Transfer würden sofort die Alarmsirenen losgehen. Erklären Sie mir, wie Sie mir die Gelder zukommen lassen wollen, ohne mich oder Sie zu belasten.«

Kiva führte aus, wie sie das in die Wege leiten wollte, während sie in einem unregelmäßigen Muster mit Wolfe weiterspazierte. Sie bewegten sich unablässig durch die Allee, gingen von Baum zu Baum, vermieden Lücken im Blätterdach und stießen gelegentlich fast mit Radfahrern oder Fußgängern zusammen. Wolfe ließ sich nicht anmerken, ob ihm klar war, was Kiva tat, sondern gab lediglich ein genervtes Knurren von sich, während Kiva ihn hierhin und dorthin führte. Kiva war seine Verärgerung scheißegal. Für sie war sein Körper eine kugelsichere Weste.

Schließlich schien Nadashe überzeugt zu sein, dass Kiva wirklich schaffen würde, was sie sich vorgenommen hatte. »Also haben wir eine Abmachung«, sagte Nadashe. »Kurzfristig leiten Sie die weiterhin verborgenen Geldmittel zu mir. Langfristig übernimmt meine Familie wieder die Kontrolle über das Haus Nohamapetan.«

»Ja zu den Geldmitteln«, sagte Kiva. »Diese langfristige Sache hängt ausschließlich davon ab, ob Sie Ihren Plan erfolgreich in die Tat umsetzen können.«

»Lassen Sie das meine Sorge sein.«

»Gern«, bestätigte Kiva. »Aber mein Anteil der Abmachung besteht darin, dass Sie mich in den inneren Kreis aufnehmen. Lassen Sie mich rein, und als Gegenleistung kann ich Ihnen buchstäblich bis zur letzten Woche erzählen, wie der aktuelle Stand im imperialen Palast aussieht. Und ich kann Ihnen helfen, diese ganze Sache viel besser unter Verschluss zu halten, als Sie es bislang gemacht haben.«

»Ja«, sagte Nadashe. »Ich war sehr verärgert über Drusin, als ich erfuhr, dass sein Moment der Schadenfreude Sie direkt zu uns geführt hat. Das war sehr bedauerlich.«

»Beim nächsten Mal sollten Sie Ihre Mitverschwörer daran erinnern, ihr verficktes Maul zu halten.«

»Das ist eine ausgezeichnete Idee, Kiva, vielen Dank. Das werde ich tun.«

»Und was jetzt?«, fragte Kiva.

»Nachdem Ihr Bewerbungsgespräch erfolgreich war«, sagte Nadashe, »werden weitere Anweisungen an Sie und Drusin Wolfe gehen. Sie werden sie erkennen, wenn Sie sie sehen.«

»Das ist sehr vage.«

»Sie werden Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen, das verspreche ich Ihnen. Auf Wiedersehen, Kiva. Ich freue mich schon darauf, wenn ich meinen Anteil bekomme und Sie Ihren.« Der Ohrhörer verstummte.

Was für ein Arschloch, dachte Kiva und zog das kleine Gerät aus ihrem Gehörgang.

Im Großen und Ganzen war dieses »Treffen« so gut verlaufen, wie Kiva erwartet hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Nadashe sie mit offenen Armen willkommen heißen würde, darum ging es nicht. Im Moment ging es um Entspannungspolitik und das Sammeln von Informationen, um im richtigen Moment an den richtigen Stellen Sand ins Getriebe streuen zu können. Grayland wollte nicht, dass Kiva diese Verschwörung niederschlug, sie sollte nur dafür sorgen, dass sie zum Stillstand gebracht wurde, ohne dass sie sich dabei verdächtig machte.

Das krieg ich hin, dachte Kiva. Senia hatte recht: Wenn es darum ging, die Pläne anderer Leute zu vereiteln, war Kiva die Beste, und sie wurde immer besser darin. Und dieses kleine Abenteuer entsprach genau der Entscheidung, die Kiva kurz nach ihrer ersten Rauferei mit dem Haus Wolfe getroffen hatte: Sie würde die anderen zum Wohl aller zu Veränderungen zwingen, ob sie nun damit einverstanden waren oder nicht. Dieser Umsturzversuch würde auf jeden Fall scheitern, und wenn das geschah, wäre die Interdependenz – oder zumindest ihre Bevölkerung – einer Rettung wesentlich näher als jetzt.

Und ich werde die verfickten Nohamapetans in die Sonne geschubst haben, dachte Kiva. Gut. Das wäre eine schöne Dreingabe.

»Was hat sie gesagt?«, fragte Drusin Wolfe.

»Wollen Sie eine Mitschrift der gesamten verfickten Unterhaltung?«, fragte Kiva zurück. Sie senkte den Blick, um sich den Ohrhörer in eine Jackentasche zu stecken.

»Nur was wir als Nächstes tun sollen.«

»Sie sagte, dass weitere Anweisungen folgen werden.«

»Mir ist nicht klar, was das bedeuten soll.«

»Sagen Sie es mir, Sie gehören zu den ursprünglichen Verschwörern«, erwiderte Kiva und blickte gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie sich ein Loch in Drusin Wolfes Nase bildete, knapp über dem linken Nasenloch. Drusin blinzelte einmal, sah Kiva an und kippte dann nach hinten.

Kiva hörte etwas klappern und drehte sich um. Sie sah, wie jemand eine Handfeuerwaffe zu Boden fallen ließ, während die Passanten schrien und wegrannten. Dann hob die Person, die über keine bemerkenswerten äußerlichen Merkmale verfügte, eine weitere Waffe und zielte auf Kivas Gesicht. Bevor alles schwarz wurde, blieb ihr noch Zeit für einen letzten Gedanken:

Oh, Scheiße. Sie hat mich wirklich verflucht.