»Okay, jetzt wird es kompliziert«, sagte Marce. Er hantierte mit seinem Tablet, um seine letzte Präsentation aufzurufen.
Cardenia verkniff es sich, über seine Warnung zu lachen. »Das ist mir klar«, sagte sie. »Vergiss nicht, was wir hier tun. Dein Job ist es, das, was du erklären willst, Menschen verständlich zu machen, die keine Strom-Physiker sind. Politikern. Journalisten. Normalen Menschen. Mir.«
»Du bist nicht normal«, entgegnete Marce.
»Nein«, gab Cardenia zu. »Aber es gab einmal eine Zeit, in der ich es fast war. Allerdings bin ich definitiv keine Physikerin. Das muss genügen, um den Zweck dieser Präsentation zu erfüllen.«
Die beiden saßen im kleinen Mediensaal, der zu Cardenias Privatgemächern gehörte. Er hatte etwa fünfundzwanzig Plätze, und wenn die Imperatox das Bedürfnis verspürte, sich zu entspannen, konnte sie Freunde einladen, um sich auf einem großen Bildschirm mit wahrhaft hervorragender Akustik die neuesten Unterhaltungsprogramme anzuschauen.
Zumindest theoretisch. In der Realität sah es so aus, dass Cardenia, wenn sie ihre täglichen Pflichten als Imperatox erledigt hatte, keine Lust auf einen Haufen Leute hatte, die über schrille und laute Sachen lachten und johlten. Eigentlich wollte sie dann nur noch mit Marce ins Bett kriechen, und falls die beiden sich etwas anschauten, dann taten sie es auf ihren Tablets, die sie gegen ein Knie lehnten. Marce hatte einmal auf die Ironie hingewiesen, dass die mächtigste Person im bekannten Universum wie eine darbende College-Studentin Medien konsumierte. Cardenias Antwort hatte darin bestanden, ihn aus dem Bett zu zerren und zu zwingen, sich das Programm im Theater anzusehen. Doch nur fünf Minuten später waren sie dabei, etwas ganz anderes zu tun, bei dem sie nicht dazu kamen, den Blick auf den Bildschirm zu richten.
Cardenia lächelte, als sie sich daran erinnerte. Was sie jetzt im Theater taten, war nicht das, was sie damals getan hatten.
»Gut«, sagte Marce und aktivierte dann seine Diashow auf dem äußerst großen Bildschirm des Theaters. Der Titel des ersten Bildes lautete: »Was sind die Ströme?« Marce runzelte die Stirn. »Äh, das kennst du bereits«, sagte er zu Cardenia.
»Ja«, bestätigte sie. »Warum springst du nicht einfach weiter zu den neuen Sachen, wo es kompliziert wird?«
Marce klickte sich durch mehrere weitere Bilder, auf denen die einfachsten Grundlagen der Strom-Physik und der Astrographie der Ströme und der Interdependenz erklärt wurden. Cardenia nahm sich vor, jemanden von ihren Leuten zu bitten, im Imperialen Informationsbüro anzufragen, ob einer der dort beschäftigten visuellen Künstler Marce helfen könnte, das Ganze für die Öffentlichkeit aufzuhübschen. Marce mochte in vielerlei Hinsicht ein Genie sein, aber visuelles Design war nicht unbedingt seine Stärke.
»Also gut«, sagte er schließlich und stoppte bei einem Bild, das eine Strommündung veranschaulichte. »Das ist eine typische Strommündung. Dort treten Raumschiffe in den Strom ein oder verlassen ihn, und sie ist statisch in Relation zum massereichsten Objekt eines Systems, für gewöhnlich der zentrale Stern. In gewisser Weise könnte man sogar sagen, dass die Strommündung durch die Gravitation verankert wird – deshalb finden wir solche Mündungen hauptsächlich in Sternensystemen und fast nie außerhalb.«
Marce tippte auf sein Tablet, und eine weitere Darstellung einer Strommündung wurde sichtbar, eine, die sich in einer Endlosschleife bewegte und schrumpfte. »Doch dann, vor etwa zwei Jahren« – Marce blickte zu Cardenia auf – »buchstäblich kurz bevor ich ein Schiff bestieg, um nach Nabe zu kommen, geschah es …«
Cardenia lächelte.
»… dass ein Fünfer, der unerwartet aus einem sich auflösenden Strom gefallen war, Folgendes entdeckte: eine evaneszente Strommündung, die sich im Gegensatz zu den Strommündungen, die wir typischerweise beobachten, unabhängig bewegte und schrumpfte. Wenn man bedenkt, wie klein der Zeitrahmen war, in dem sie existierte, könnte man mit Fug und Recht behaupten, sie hätte sich einfach verflüchtigt.«
Ein weiteres Bild voller Gleichungen, die Cardenia vermutlich niemals verstehen würde. »Wie konnte so etwas passieren? Meine Hypothese lautet, dass die Auflösung der Ströme die Existenz mehrerer lokal begrenzter evaneszenter Ströme begünstigte, die sich temporär mit dem Hauptstrom verbanden – wie Fasern, die sich aus einem aufgedröselten Seil lösen. Es gibt keine Gravitationsquelle, an der sie sich verankern könnten, also bestehen sie nicht lange. Wir haben so etwas noch nie zuvor beobachtet, denn immer wenn ein Schiff unerwartet aus einem Strom fiel, war es üblicherweise im Leerraum gestrandet, und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Also gab es bislang keine Daten.«
Nächstes Bild. »Aber nachdem wir jetzt solche Daten haben und nachdem wir dank Hatide Roynold die allgemeinen und sogar einige physikalische Grundlagen dieser evaneszenten Ströme viel besser verstehen, denke ich, dass wir ein paar potenziell außergewöhnliche Möglichkeiten in Betracht ziehen können, wie diese evaneszenten Ströme im Raum auftreten werden.«
Marce hielt inne. »Wie ist es bis hierhin? Kannst du noch folgen?«
Cardenia führte Daumen und Zeigefinger nahe zusammen. »Etwa so nahe dran, wo ich nicht mehr folgen kann.«
Marce nickte und wechselte zu einem anderen Bild. »Dann werde ich es vereinfacht darstellen. Ich glaube, wenn ein evaneszenter Strom erscheint, macht die Mündung das, was unser beinahe verschollener Fünfer bei der verschwindenden Mündung beobachtet hat, nur umgekehrt. Sie erscheint, anfangs noch winzig klein, dann bewegt sie sich und wird größer, bis sie sich verankern kann.«
Eine Pause. »Ich glaube sogar, dass alle Ströme so etwas machen, wenn sie in die normale Raumzeit eintreten, aber die regulären Ströme waren so stabil – nun ja, zumindest bis vor kurzem –, dass wir einfach niemals die Gelegenheit hatten, es zu beobachten.«
»Vielleicht lässt du das weg, wenn du vor anderen Leuten sprichst«, schlug Cardenia vor.
»Verstanden.« Marce widmete sich wieder seiner Präsentation und ging zum nächsten Bild über, das nur Gleichungen zeigte. »Warum spielt das alles überhaupt eine Rolle? Wenn sich die Mündungen auftauchender evaneszenter Ströme erweitern und bewegen, könnte die Möglichkeit bestehen, diese Veränderungen zu manipulieren oder sogar zu kontrollieren – um die Mündungen näher an menschlichen Habitaten zu positionieren und sie weit genug zu machen, damit größere Objekte hindurchgeleitet werden können.«
»Also mehr Raumschiffe«, sagte Cardenia.
»Nein«, erwiderte Marce. Ein weiteres Bild erschien, das ein größeres Habitat zeigte, in dem mehrere hunderttausend Menschen Platz hatten. »Ich denke an tatsächliche Wohnstätten.«
Cardenia brauchte einen Moment, bis es ihr dämmerte. »Du willst ganze Habitate durch die Ströme befördern?«
»Von ›wollen‹ würde ich nicht sprechen«, sagte Marce. »Aber es könnte möglich sein. Und wenn es möglich ist, werden plötzlich andere Dinge interessant.«
»Interessant?!?«, rief Cardenia. Denn nun hatte sie es verstanden. Wenn man tatsächlich ganze Habitate in die Ströme bringen konnte, dann wurde das größte Flaschenhalsproblem, das die Menschheit je hatte – die Umsiedlung von vielen Millionen Menschen, während Raumschiffe nur einen Bruchteil dieser Menge transportieren konnten –, auf einmal zu einem gar nicht mehr so großen Problem. Man brauchte überhaupt keine Schiffe mehr. Man konnte die Menschen einfach mitsamt ihrem Lebensraum befördern.
Und man könnte nahezu alle retten.
»So machen wir es«, sagte Cardenia.
Marce hob die Hände. »Moment, so einfach ist das nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil – nun, dazu habe ich leider keine Folie.«
»Vergiss die verfickte Folie«, erwiderte Cardenia verärgert. »Sag es mir einfach.«
»Wow!«, staunte Marce.
Cardenia hob eine Hand. »Tut mir leid. Das klang viel fieser, als es gemeint war.« Sie zeigte auf den Bildschirm. »Aber das könnte es sein. Die Lösung.«
Marce lächelte. »Vielleicht«, räumte er ein. »Aber zuvor muss noch eine Menge geklärt werden.«
»Was zum Beispiel?«
»Nun, zuallererst muss ich herausfinden, ob es überhaupt korrekt ist.« Marce gestikulierte in Richtung Bildschirm. »Das ist nur eine Hypothese. Eine Vermutung, die auf Daten basiert. Aber nicht einmal auf vielen Daten, da es sich im Wesentlichen auf ein einziges Ereignis gründet. Ich wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn ich dir nicht sagen würde, dass das Ganze mehr als nur ein bisschen wacklig ist.«
»Gut«, sagte Cardenia. »Wie könntest du es herausfinden?«
»Ich müsste beobachten, wie die Mündung eines evaneszenten Stroms existent wird.«
»Gut, dann tu das.«
»Und idealerweise mehr als nur einen Fall.«
»Wie viele insgesamt?«
Marce wedelte unbestimmt mit den Händen. »Vielleicht einige Dutzend? Für den Anfang?«
»Wie viel Zeit würde das beanspruchen?«
»Wenn ich es allein mache, mehr Zeit, als wir haben. Mit Hilfe anderer vielleicht ein Jahr.«
»Bis dahin werden erste Systeme abgeschnitten sein.«
»Ja«, bestätigte Marce, was Cardenia zu einem Stirnrunzeln veranlasste. »Aber selbst wenn wir die Daten sammeln, haben wir nicht mehr als die Daten. Wir wüssten lediglich, ob die Hypothese solide genug ist, um zu einer Theorie zu werden. Doch dann müssten wir uns noch um gewisse praktische Probleme kümmern.«
»Zum Beispiel, wie man diese Strommündungen weit genug macht«, sagte Cardenia.
»Richtig. Und nicht nur das.« Marce zeigte auf die Darstellung des Habitats. »Habitate sind keine Raumschiffe. Sie sind im Orbit oder an Lagrange-Punkten geparkt. Sie bewegen sich nirgendwohin, relativ gesehen. Sie haben gar keine Möglichkeit, sich irgendwohin zu bewegen. Bestenfalls verfügen sie über Triebwerke zum Ausgleich der Abdrift, um sie auf der Orbitalbahn zu halten. Aber damit lassen sich die Habitate nicht über nennenswerte Distanzen bewegen. Wir können Sie nicht zu einer Strommündung navigieren. Die Strommündung müsste zu ihnen kommen.«
»Und wie bewerkstelligen wir das?«
Marce zuckte bedauernd mit den Schultern. »Genau das ist der komplizierte Teil.«
»Das heißt also, du weißt es nicht«, sagte Cardenia und erkannte im gleichen Moment, dass sie beinahe vorwurfsvoll klang. Sie hoffe, dass Marce es nicht bemerkte.
Natürlich bemerkte er es. »Wie bitte?«
Cardenia zählte bis fünf, bevor sie wieder etwas sagte. »Nein, so war das nicht gemeint. Ich bin nur … nun ja.«
»Ich weiß«, sagte Marce. »Ich verstehe dich, das kannst du mir glauben. Aber ich kann nicht versuchen, eine Strommündung an einen bestimmten Punkt zu dirigieren, ohne zu wissen, ob sie sich überhaupt bewegen lässt. Bei dieser Art von Wissenschaft geht es nur nach dem Prinzip ›einen Schritt nach dem anderen‹. Tut mir leid.«
»Es gibt wirklich keine Abkürzungen?«, fragte Cardenia.
»Leider nicht«, sagte Marce. »Es sei denn, du findest die Daten von den Leuten, die damals die Ruptur ausgelöst haben.«
»Was?«
»Die Ruptur. Du weißt schon, die Sache, als die Leute in den Systemen der Interdependenz, bevor sie die Interdependenz wurde, beschlossen, sich von der Erde und allem anderen abzunabeln.«
»Ich weiß, was das ist«, sagte Cardenia.
»Gut, also, was auch immer sie damals getan haben, sie mussten die Physik der Ströme ausgesprochen gut verstanden haben, um es hinzubekommen. Sie haben tatsächlich den Kollaps eines Stroms ausgelöst.« Marce verzog das Gesicht. »Und damit setzten sie einen Widerhall in Gang, mit dem wir uns jetzt herumschlagen müssen. Um so etwas zu tun, müssen sie sehr genau gewusst haben, was sie tun. Viel genauer als wir. Oder viel genauer als ich.«
»Das heißt, wenn du ihre Daten hättest, könntest du all die Schwierigkeiten umgehen, die du erwähnt hast.«
»Schwer zu sagen«, gestand Marce ein. »Ich glaube, wir müssten trotzdem die Bewegungen der Mündungen nachprüfen. Und alles Weitere …« Er zuckte mit den Schultern. »Das hängt davon ab. Aber wir wären erheblich besser dran als jetzt. Doch die Daten existieren nicht. Du hast mir gesagt, Jiyi hätte nichts gefunden.«
»Ja«, sagte Cardenia. »Genau. Aber … was wäre, wenn Jiyi sie doch gefunden hat?«
»Du meinst, wenn Jiyi all die Daten hätte, von denen wir gerade gesprochen haben?«
»Ja.«
»Dann wäre ich richtig sauer«, sagte Marce nach einer kurzen Pause. »Denn das würde bedeuten, dass du gewusst hast, dass diese Daten existieren und du sie mir nicht gegeben hast. Was bedeutet, dass ich mir das Gehirn zermartert habe, wie man Milliarden Menschen vor dem Tod retten könnte, während mir sozusagen die Hände hinter dem Rücken gefesselt waren.«
»Oh«, sagte Cardenia.
»Was? Hat Jiyi die Daten über die Ruptur?«
»Nun ja«, sagte Cardenia. »Hm.«
»Anscheinend bin ich das schlimmste Ungeheuer der Geschichte«, sagte Cardenia zu ihrem Vater.
»Statistisch betrachtet wäre das sehr unwahrscheinlich«, sagte Attavio VI.
»Sei dir da nicht so sicher«, sagte Cardenia. »Derzeit bin ich auf gutem Wege, an der Rettung von buchstäblich Milliarden vor einem langsamen Tod zu scheitern, während das Universum um sie herum kollabiert. Ich bin mir nicht sicher, ob da irgendjemand mithalten kann, statistisch betrachtet.«
»Der Kollaps des Universums ist etwas, das du nicht unter Kontrolle hast«, sagte Attavio VI. »Menschen nicht retten zu können ist nicht dasselbe, wie sie zu töten.«
»Nun ja, genau das wird im Moment etwas kontrovers debattiert.« Cardenia erinnerte sich an das Ende des Gesprächs über den Probedurchlauf von Marces Präsentation, das zu Cardenias großer Bestürzung in den ersten wahren und tatsächlichen Streit des Paars übergegangen war. Als es vorbei war, hatte sich Marce entschuldigt, angeblich, um an seiner Präsentation weiterzuarbeiten, aber in Wirklichkeit, um nicht mehr mit Cardenia reden zu müssen. Er war in sein eigenes Quartier im imperialen Palast verschwunden, im Grunde nicht mehr als ein Zimmer in einem Wohnheim für den Nachwuchs der imperialen Bürokratie.
»An dieser Stelle sollte ich mich wohl nach dem Ereignis erkundigen, das deinen Besuch zur Folge hatte, nicht wahr?«, sagte Attavio VI.
Cardenia betrachtete ihren Vater durch leicht zusammengekniffene Augenlider. »Richtig, aber du solltest es eigentlich nicht aussprechen.«
»Ich werde es mir für das nächste Mal merken.«
»Schon gut«, sagte Cardenia. »Ich glaube, mit dir wollte ich ohnehin nicht reden.« Sie entließ Attavio VI. und bat Jiyi, Rachela I. aufzurufen, die erste Imperatox der Interdependenz. Während Attavio sich verflüchtigte, gelangte Cardenia zu der beinahe wehmütigen Erkenntnis, dass sie die Simulation ihres Vaters fast genauso beiläufig hatte verschwinden lassen, wie sie es mit irgendeiner anderen Erscheinung tun würde, die sie hier im Gedächtnisraum heraufbeschwor. Auf irgendeine sehr reale Weise hatte sie in diesem Moment die Verbindung zu ihrem Vater – zu ihrem wirklichen Vater – verloren.
Cardenia hätte vielleicht noch länger darüber nachgedacht, doch nun stand Rachela I. abwartend vor ihr.
»Du hast viel gelogen«, sagte Cardenia zu Rachela. Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
»Menschen lügen viel«, erwiderte Rachela.
»Ja, aber du hast aus politischen Gründen gelogen«, entgegnete Cardenia. »Während der Gründung der Interdependenz.«
»Ja«, bestätigte Rachela. »Ob ich unter dem Strich mehr oder weniger als andere Leute oder nachfolgende Imperatoxe gelogen habe, ist eine Frage, die einiger Recherche bedürfte. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass ich irgendwo im mittleren Bereich der Verteilung lag.«
»Ist eine Lüge für dich jemals nach hinten losgegangen?«
»Persönlich oder als Imperatox?«
»Sowohl als auch.«
»Selbstverständlich«, sagte Rachela. »Manchmal ging es genauso nach hinten los, wenn ich die Wahrheit gesagt habe, während eine Lüge netter, einfacher oder diplomatischer gewesen wäre. Lügen führen nicht zwangsläufig zu ungünstigeren Konsequenzen, genauso wie die Wahrheit nicht in jedem Fall günstige hat. Wie so oft kommt es auf den Kontext an.«
»Es hat dich niemals beunruhigt, dass du eine so … flexible Einstellung zu Wahrheit und Lüge hast?«, fragte Cardenia.
»Nein. Ich hatte ein konkretes Ziel, die Gründung der Interdependenz, und dann wollte ich sie stärken, damit sie die Anfangsjahre übersteht. Wahrheiten und Lügen und alles dazwischen standen im Dienst dieser Ziele.«
»Der Zweck heiligt die Mittel.«
»Damals hätte ich es anders formuliert.«
»Was hättest du gesagt?«
»Dass der Zweck zu bedeutend war, um bestimmte Mittel auszuschließen.«
»Eine bequeme Spitzfindigkeit«, sagte Cardenia.
»Das war es«, pflichtete Rachela ihr bei, und erneut wurde Cardenia daran erinnert, dass diese Version von Rachela durch kein Ego belastet wurde und demzufolge nicht darauf achten musste, ihre Handlungen auf irgendeine Weise zu rechtfertigen. Das muss nett sein, dachte Cardenia.
»Gibt es einen Grund, warum du nach Wahrheiten und Lügen fragst?«, erkundigte sich Rachela.
»Ich habe jemandem Informationen vorenthalten«, sagte Cardenia. »Daten über die Ruptur, die für ihn möglicherweise nützlich gewesen wären. Darüber war er gar nicht glücklich. Er war enttäuscht, dass ich ihn belogen hatte, was Jiyis diesbezügliche Informationen betrifft, und dass ich sie ihm nicht zur Verfügung stellen wollte.«
»Das ist dein Vorrecht«, sagte Rachela.
»Außerdem ist er mein Geliebter.«
»Das verkompliziert die Angelegenheit.«
»O ja.«
»Hast du eine Lösung gefunden?«
»Nein«, sagte Cardenia. »Ich habe Marce um Entschuldigung gebeten, weil ich ihn belogen habe, und ihm erklärt, warum ich ihm nichts über die Daten gesagt habe. Weil die Ruptur der Grund ist, warum wir uns in der jetzigen Situation befinden. Aufgrund der Entscheidung der Wissenschaftler und Politiker vor eintausendfünfhundert Jahren, die Ruptur auszulösen, wurde der Kollaps der Ströme unvermeidlich. Für diese Daten sind wir nicht verantwortungsbewusst genug. Zumindest glaube ich nicht, dass wir es sind.«
»Und Marce war anderer Ansicht.«
»Er sagte, wir sind nicht diese Leute, wir sind klüger als sie. Und dann habe ich etwas getan, das ich nicht hätte tun sollen.«
»Was hast du getan?«
»Ich habe ihm ins Gesicht gelacht«, sagte Cardenia und sah Rachela hilflos an. »Ich wollte es nicht tun. Es platzte einfach heraus. Aber er irrt sich. Jeder Augenblick meiner Herrschaft als Imperatox hat mir gezeigt, dass wir kein Stück besser sind als diese Leute vor eintausendfünfhundert Jahren. Wir sind auch nicht besser als du, als du die Interdependenz ins Leben gerufen hat. Nichts für ungut.«
»So etwas kränkt mich nicht«, sagte Rachela. »Ich besitze gar nicht die Fähigkeit, mich gekränkt zu fühlen.«
»Nun, Marce schon. Und er war gekränkt. Und dann war er wütend, dass ich ihm die Daten über die Ruptur nicht geben wollte. Dass ich es immer noch nicht tun will.«
»Du glaubst, er würde etwas Schlimmes mit den Daten machen?«
»Nein.« Cardenia schüttelte den Kopf. »Nicht er. Ich vertraue Marce. Sorgen mache ich mir wegen allen anderen in diesem Universum. Sobald die Daten draußen sind, sind sie draußen. Die Leute, die sie zuvor benutzt haben, hätten damit beinahe sich selbst und alle anderen umgebracht. Jetzt wird die unbeabsichtigte Folge sein, dass sie uns alle damit umbringen. Wir hatten Glück, dass dieses Wissen so lange Zeit verloren war. Es ist Gift.«
»Du glaubst nicht, dass Marce diese Daten für sich behalten könnte?«
»Er kann es nicht. Er ist nur ein einzelner Mensch. Er kann die ganze Arbeit nicht allein bewältigen. Sollten sich seine Daten auf irgendeine Weise als nützlich erweisen, müsste er sie anderen Wissenschaftlern zugänglich machen. Um seine Schlussfolgerungen zu überprüfen und um an Teilen des Problems arbeiten zu können, während er sich mit anderen Dingen beschäftigt. So macht er es bereits jetzt. Sobald sie anfangen, mit diesen Daten zu arbeiten, werden sie ihre Bedeutung erkennen. Nichts bleibt ein Geheimnis.« Cardenia lächelte, als sie das sagte. »Das solltest du besser wissen als jede andere. Du hast Jiyi darauf programmiert, jedes Geheimnis in der Interdependenz aufzuspüren.«
»Das alles hast ihm du erklärt?«
»Das habe ich. Doch Marce ließ sich nicht überzeugen. Er sagte, wenn sich aus diesen Daten nützliche Konsequenzen ergeben und wenn ich sie unter Verschluss halte und wir keine Möglichkeit finden, die Bürger der Interdependenz zu retten, wäre ich für ihren Tod verantwortlich.« Cardenia zuckte mit den Schultern. »Und ich bin mir nicht sicher, ob er damit falschliegt. Es ist durchaus möglich, dass ich tatsächlich als schlimmstes Ungeheuer in die Geschichte eingehe. Marce ist wütend auf mich, dass ich ihn belogen habe. Und er ist noch viel wütender auf mich, dass ich ihm die Daten nicht geben will.«
»Du hast ihm gegenüber zugegeben, gelogen zu haben?«
»Es ist mir sozusagen rausgerutscht.«
»Das hättest du vielleicht nicht tun sollen«, sagte Rachela, »wenn du hättest vermeiden wollen, dass er wütend auf dich ist.«
»Dazu ist es jetzt ein bisschen zu spät«, erwiderte Cardenia verärgert. »Ich hatte gehofft, dass du irgendwelche Erfahrungen gemacht hast, die mir helfen könnten, das wieder in Ordnung zu bringen. Weil, du weißt schon. Du warst gut im Lügen. Und ich bin es offenbar eher nicht.«
»Fragst du mich, was ich in derselben Situation tun würde?«
»Ja. Klar.«
»Ich würde vermutlich mit ihm Schluss machen.«
»Was?«
»Wenn keine persönliche Beziehung mehr zu ihm besteht, musst du dir keine Sorgen machen, dass er verärgert oder wütend auf dich ist. Du bist die Imperatox. Du wirst keine Schwierigkeiten haben, andere Leute für persönliche Beziehungen zu finden.«
»Okay, erstens, meiner Erfahrung nach stimmt das nicht unbedingt«, sagte Cardenia. »Und zweitens, lass uns vorläufig davon ausgehen, dass ich diese Beziehung eigentlich aufrechterhalten will.«
»Wenn du meinst.«
»Du würdest wirklich auf diese Weise mit jemandem Schluss machen?«
»Ich habe auf diese Weise mit jemandem Schluss gemacht«, sagte Rachela. »Mit meinem ersten Ehemann.«
»Und das war kein Problem für dich?«
»Nein. Er war schon seit längerem ein Arschloch.«
»Nun, Marce ist kein Arschloch«, sagte Cardenia. »Ich würde ihn gern behalten.«
»Dann gib ihm die Daten.«
»Ich habe bereits erklärt, warum ich das nicht möchte.«
»Gib sie ihm und isoliere alle, an die er sie weitergeben möchte.«
»›Isolieren‹«, wiederholte Cardenia. »Das klingt verdächtig nach ›Steck sie in ein Wissenschaftlergefängnis, damit nichts nach außen dringen kann‹.«
»Es würde einige nachrangige Probleme mit sich bringen«, räumte Rachela ein.
»Ich glaube, so etwas könnte ich nicht tun«, sagte Cardenia und hielt dann inne.
Rachela wartete geduldig, weil es für sie als Simulation keinen Grund gab, anders zu reagieren.
»Jiyi«, rief Cardenia nach einer Weile. Der humanoide Avatar erschien neben Rachela. »Wie ich hörte, hast du versucht, auf den Computer der Auvergne zuzugreifen. Das Schiff, das derzeit an meinem Dock liegt.«
»Ja«, bestätigte Jiyi.
»Damit hattest du keinen Erfolg.«
»Nein, bislang nicht.«
»Dir ist außerdem bekannt, dass Tomas Chenevert, die künstliche Persönlichkeit des Computers der Auvergne, dir eine Einladung übermittelt hat, mit ihm zu plaudern.«
»Ja.«
»Warum hast du diese Einladung nicht angenommen?«
»Weil ich nicht darauf programmiert bin«, sagte Jiyi. »Ich wurde dazu konstruiert, im Gedächtnisraum mit den Imperatoxen zu interagieren und nach verborgenen Informationen zu suchen. Abgesehen von der sehr eingeschränkten Fähigkeit, Wartungspersonal anzusprechen, wenn es Problem gibt, die ich nicht selbst lösen kann, habe ich keine Protokolle für anderweitige Interaktionen.«
Cardenia richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Rachela. »Warum nicht? Du hast dieses Wesen programmiert. Es gibt keinen Grund, Jiyi nicht mit der Fähigkeit auszustatten, mit anderen Leuten zu kommunizieren.«
»Welche anderen Leute?«, fragte Rachela. »Der Gedächtnisraum ist nur für die Nutzung durch amtierende Imperatoxe vorgesehen.«
»Und bislang hat kein Imperatox jemals daran gedacht, Jiyi mit anderen Personen sprechen zu lassen?«
»Bislang haben alle Imperatoxe Jiyis vorgesehene Rolle akzeptiert.«
»Also bin ich einfach nur sonderbar«, sagte Cardenia.
»Ich hätte es nicht so formuliert, aber ja.«
Cardenia lächelte und wandte sich dann an Jiyi. »Ich möchte, dass du Tomas Cheneverts Einladung zu einem Gespräch annimmst«, sagte sie. »Er hat mich bereits informiert, dass er einen isolierten Bereich innerhalb seiner Server erstellen kann, um dich zu empfangen. Darüber hinaus kannst du nicht auf seine Server zugreifen und er nicht auf deine. Es wäre ein Treffen auf neutralem Boden. Triff die nötigen Vorbereitungen und melde dich baldmöglichst bei ihm.«
»Jawohl, Euer Majestät«, sagte Jiyi und verschwand.
»Zu welchem Zweck?«, fragte Rachela.
»Marce tauscht bereits Informationen mit Chenevert aus«, sagte Cardenia. »Und Chenevert hat sich auf den aktuellen Stand der Strom-Physik gebracht. Wenn ich von seiner Vertrauenswürdigkeit überzeugt bin, kann ich Marce die Daten über die Ruptur zur Verfügung stellen, unter der Bedingung, dass er sie ausschließlich mit Chenevert teilt. Chenevert ist eine künstliche Persönlichkeit, und er hat die letzten dreihundert Jahre in Isolation verbracht. Es wäre nicht grausam, ihn von allen anderen Kontakten abzuschotten. Das ist für ihn bereits der Normalzustand.«
Cardenia verbrachte noch ein paar Momente im Gedächtnisraum, bevor sie ihre Sitzung beendete. Marce wartete auf sie, als sie herauskam.
»Es gibt Neuigkeiten, von denen ich dir erzählen muss«, sagte sie. »Bedeutende Neuigkeiten.«
»Sie können warten«, sagte Marce. Seine Miene war angespannt und verärgert.
Cardenia runzelte die Stirn. »Was ist los?«
»Etwas ist passiert«, sagte er. »Mit Kiva Lagos.«