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Für Nadashe Nohamapetan sah es schon wesentlich besser aus.

Zum einen hatte sie einigen Müll entsorgt, in Gestalt von Drusin Wolfe und Kiva Lagos.

Außerdem, und im Moment war es dieser Umstand, in dem sie schwelgte, hatte sie eine neue Adresse. Sie war aus der nasskalten, übelriechenden Enge der Our Love Couldn’t Go On befreit worden und residierte nun in der White Spats and Lots of Dollars. Wie die Our Love war das ein interplanetares Frachtschiff, doch anders als die Our Love benötigte man im Fall der White Spats keine Antibiotika, wenn man nur einen Blick darauf warf.

Jemand hatte die White Spats geleast, und nachdem der Vertrag abgelaufen war, wurde sie an das Haus Wu zurückgegeben, um überholt zu werden, bevor sie erneut verleast wurde. Wie üblich zwischen zwei Leasingverträgen stand sie aktuell nicht auf der Liste der Schiffe, deren kommerzielle Nutzung verfolgt wurde. Proster Wu hatte sie für zeitweilige persönliche Dienste abgestellt, was ein Vorrecht von Führungskräften des Hauses Wu war, und sie am privaten Dockkomplex der Familie Wu geparkt, wo sie niemals von einem imperialen Inspektor oder Steuerprüfer behelligt werden würde. Sofern sie das Dock nicht verließ, war sie praktisch unsichtbar.

Nadashe war begeistert. Die White Spats war sauber und modern, und der bisherige Nutzer hatte sie darauf konfiguriert, sowohl Passagiere als auch Fracht aufzunehmen. Also war Nadashes Wohnquartier nicht mehr mit ächzendem, angelaufenem Metall und gelegentlichen Schimmelflecken ausgekleidet. Proster Wu hatte das Schiff mit einer Minimalbesatzung aus Technikern und Haushaltsdienern ausgestattet, die alle vom immer noch im System befindlichen Fünfer der Gräfin stammten, nachdem das Schiff konfisziert worden war, als man sie wegen Hochverrats und Mordes verhaftet hatte. Nadashe erkannte ihre Gefolgschaft als amtierendes Oberhaupt ihres Hauses an, worauf sie in wahrer Nohamapetan-Manier vergaß, dass sie existierten, bis sie etwas Bestimmtes von ihnen verlangte.

Auch nur vorübergehend mit Duldung der Familie Wu zu leben hatte jedoch seine Schattenseiten, woran Nadashe erinnert wurde, als ihre Suite von Proster Wu heimgesucht wurde, der unangekündigt und, sogar ohne anzuklopfen, eintrat.

»Sie haben Drusin Wolfe ermordet«, sagte er.

»Ich nicht«, entgegnete Nadashe sanftmütig. Sie ruhte müßig auf einer Chaiselongue und blätterte sich durch ihr Tablet. »Ich war die ganze Zeit hier. Ich habe Zeugen.«

»Sie können nicht einfach dazu übergehen, Ihre Verbündeten zu ermorden. Das würde dazu führen, dass sie aufhören, Ihre Verbündeten zu sein. Sie brauchen all Ihre Verbündeten. Wir brauchen sie.«

Nadashe legte ihr Tablet weg. »Nun, Proster. Es gibt zwei Möglichkeiten zu erklären, was mit unserem lieben Freund Drusin Wolfe geschehen ist. Die erste läuft darauf hinaus, dass ich ihn nicht ermorden ließ. Zufällig werden die verschiedenen Polizeibehörden, die die Sache untersuchen, was sie unweigerlich tun werden, Nachrichten finden, die offenbaren, dass Kiva Lagos von Drusin Wolfe in den Park gelockt wurde, um ermordet zu werden – schließlich hatten die beiden vor kurzem kontroverse Geschäftsverhandlungen geführt. Er lässt sie in den Park kommen, ein Auftragskiller schießt ihr in den Kopf, Problem gelöst.«

»Abgesehen von der Tatsache, dass Wolfe jetzt tot ist.«

Nadashe zuckte mit den Schultern. »Ein Stolpern, eine Rempelei. So etwas passiert, wenn man Billigkiller anheuert.«

»Und Sie erwarten, dass irgendjemand diese Geschichte glaubt?«

»Ich erwarte, dass die Polizei sie glaubt, ja«, sagte Nadashe. »Wenn man ihnen eine einfache Antwort liefert, sind sie immer damit zufrieden. So macht es viel weniger Arbeit, und die einfachste Antwort ist meistens die richtige. Die Spuren sind eindeutig. Wolfe hat nachweislich einen Anschlag auf Kiva Lagos in Auftrag gegeben. Dann stand er bedauerlicherweise selbst im Weg. Ich hoffe, sein Auftragnehmer wurde bereits bezahlt. Wenn er jetzt wegen der zweiten Hälfte der Summe nachfragt, wäre das ungünstig für ihn.«

Proster Wu wirkte nicht im Geringsten beeindruckt. »Das ist eine Möglichkeit, es zu betrachten. Sie sagten, es gäbe noch eine andere.«

»Die andere sieht so aus, dass Drusin Wolfe sich unbedingt vor Kiva Lagos damit hervortun musste, dass sie ihre Rechnung serviert bekommen würde, was sie dazu anregte, ein wenig nachzuforschen, was er im Schilde führte, wodurch auch mehrere andere Häuser sowie ich und Sie, Proster, ins Visier gerieten. Kiva Lagos ist jemand, den man auf gar keinen Fall verärgern sollte, weil sie schlau ist und sie Ihnen eins in die Fresse geben wird, wenn Sie ihr auf den Sack gehen. Und genau das hat sie mit Drusin Wolfe gemacht. Sie hat ihn genau dorthin dirigiert, wo sie ihn haben wollte, und ihn gezwungen, über ihre Stöckchen zu springen.«

Nadashe streckte sich auf der Chaiselongue aus. »Sie musste offenkundig verschwinden. Aber er auch. Um ungelöste Probleme zu klären und Lecks abzudichten. Aber auch, um unsere Leute daran zu erinnern, dass sie sich auf eine Sache konzentrieren sollten. Für die Begleichung persönlicher Rechnungen wird nach dem Staatsstreich genug Zeit sein. Als Imperatox werde ich all ihre kleinlichen Rachefeldzüge gutheißen, zur Belohnung für ihre Dienste. Aber erst wenn Grayland weg ist und ich im imperialen Palast residiere.«

»Also senden Sie damit eine Botschaft.«

»Ich tue überhaupt nichts«, erwiderte Nadashe. »Wie gesagt. Aber wenn irgendwelche furchtsamen und paranoiden Verbündeten eine Lektion daraus ziehen und sich besondere Mühe geben, bis zum Umsturz keine Dummheiten zu begehen, dann ist das doch etwas Gutes, nicht wahr?« Sie zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls ist es eine preisgünstige Lektion. Das Haus Wolfe hat für unsere Pläne keine große Bedeutung. Es ist ein kleineres Haus. Und jetzt haben wir die günstige Situation, dass Kiva Lagos aus dem Rennen ist und das Haus Nohamapetan dem Ziel, wieder von der Familie geleitet zu werden, deutlich näher gerückt ist, was für mich einfacher sein wird, wenn die Zeit gekommen ist.«

»Was soll ich unseren Verbündeten also erzählen? Wenn ich deswegen von allen angeschrien werde.«

»Erzählen Sie ihnen, was Sie wollen. Aber stellen Sie klar, dass Drusin Wolfe noch am Leben wäre, wenn er nicht das Bedürfnis gehabt hätte, sich vor einer Person zu brüsten, die seine Absichten genauso mühelos aufgedeckt hat, wie wir uns die Schuhe zubinden. Das wäre unabhängig davon der Fall, an welche der beiden Möglichkeiten Sie glauben wollen. Sie könnten unsere Verbündeten auch daran erinnern, dass Drusins Prahlerei außerdem dazu führte, dass Kiva Lagos ihre Beteiligung aufgedeckt hat. Wäre Kiva nicht bei Grayland in Ungnade gefallen, würde Drusins Unbesonnenheit bedeuten, dass wir alle jetzt auf unsere Gerichtsverfahren wegen Hochverrats warten würden.« Nadashe hielt kurz inne. »Das heißt, diese Leute würden darauf warten. Genauso wie Sie, Proster.«

»Ich wurde in Lagos’ Dokumenten nirgendwo erwähnt«, sagte Proster.

Nadashe lächelte. »Ich finde es allerliebst, dass Sie glauben, unsere Verbündeten, wie Sie sie nennen, würden Sie nicht bereits in dem Moment verraten, wenn sie geschnappt werden.«

»Ich verstehe, was Sie meinen.«

»Das hatte ich gehofft.«

»Also glauben Sie, dass es wirklich zu einem Zerwürfnis zwischen Lagos und Grayland kam?«

»Niemand aus unserem kleinen Club ist im Gefängnis gelandet. Wenn man bedenkt, wie Grayland die letzte Verschwörung ausgehoben hat, deutet nichts darauf hin, dass sie sich Zeit damit lässt, jemanden wegzusperren. Und Kiva ist ein Arschloch, weshalb ich mir gut vorstellen kann, dass irgendwann jeder von ihr die Schnauze voll hat.«

»Das wäre also ein Ja.«

»Das wäre ein ›Wegen Kiva Lagos mache ich mir keine Sorgen mehr‹«, entgegnete Nadashe und nahm wieder ihr Tablet in die Hand. »Ich habe noch andere Dinge, auf die ich mich konzentrieren muss. Auch unsere sogenannten Verbündeten sollten sich auf andere Dinge konzentrieren.«

Proster hatte verstanden, dass er entlassen worden war, und ließ sie auf ihrer Chaiselongue allein.

In Wirklichkeit war Nadashe in Bezug auf Kiva Lagos nicht annähernd so zuversichtlich, wie sie Proster gegenüber angedeutet hatte. Sie war keineswegs davon überzeugt gewesen, dass Kiva nicht versucht hatte, vor Drusin Wolfe die Doppelagentin zu spielen, als Drusin mit der Neuigkeit zu ihr gekommen war, dass Kiva in ihre Pläne eingeweiht werden wollte. Sie hätte ihn deswegen fast aus einer Luftschleuse geworfen, so sehr wurde sie von Sorgen und Ängsten geplagt (innerlich natürlich – es ging einfach nicht an, jemanden wie Drusin Wolfe wissen zu lassen, was sie tatsächlich dachte). Es hatte ein paar Tage gedauert, bis ihre Leute die Dokumente geliefert hatten, die bestätigten, was Kiva behauptet hatte – dass Grayland so sehr von Kiva angepisst war, dass sie sie hinausgeworfen hatte.

Das entzückte Nadashe, weil sie Kiva Lagos immer mehr verabscheute. Sie respektierte Kiva, und sie gab sich alle Mühe, sie nicht zu unterschätzen, und ihr war sehr wohl bewusst, dass Kiva zwar eine furchteinflößende Gegnerin war, wie die viel zu große Anzahl eingefrorener, angeblich geheimer Konten deutlich machte, dass sie aber auch eine formidable Verbündete wäre, die obendrein eine Menge Insiderwissen über den imperialen Haushalt zu bieten hatte.

Doch letztendlich konnte Nadashe Kiva nicht ertragen – ihr Selbstbewusstsein, ihre Vulgarität, ihr äußerer Anschein völliger Anarchie, unter dem sich ein eigenartig unflexibler Kern moralischer Normen verbarg. Auch die Tatsache, dass Kiva ihren Bruder Ghreni im College bis zur Bewusstlosigkeit gevögelt hatte, verursachte Nadashe ein mulmiges Gefühl, auch wenn Ghreni bei der Auswahl seiner Partner nie allzu anspruchsvoll gewesen war. Nadashe und Kiva würden niemals Verbündete sein.

Was schade war, dachte Nadashe. Als Drusin Wolfe seine Entgleisung und Kivas Versuch, daraus Kapital zu schlagen, offenbart hatte, vergeudete Nadashe nicht mehr als eine Sekunde darauf, über sein weiteres Schicksal nachzudenken. Er würde sterben müssen, und zwar je früher, desto besser. Aber trotz allem hatte Nadashe sich überlegen müssen, was sie mit Kiva machen wollte. Denn so sehr sie sie verachtete (und Kiva empfand ihr gegenüber zweifelsohne genauso), kam es ihr fast wie Verschwendung vor, sie zum gleichen Schicksal wie Drusin Wolfe zu verurteilen. Niemand würde Wolfe länger vermissen, als es dauerte, bis er zu Boden gegangen war. Bei Kiva sah das ein klein wenig anders aus.

Dennoch konnte Nadashe nicht dulden, dass Kiva weiter frei herumlief und durch ihre bloße Existenz eine Agentin des Chaos war. Kiva musste vom Spielbrett entfernt werden. Also entfernte Nadashe sie und fand, dass es eine kluge Entscheidung war.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Nadashe auf eine abstrakte Weise, ob vielleicht irgendetwas an ihr nicht ganz richtig war. Würde man ihre Taten während der letzten paar Jahre auflisten, könnte man auf die Idee kommen, dass es die Handlungen einer Soziopathin waren. Schließlich hatte sie mitgeholfen, einen Bürgerkrieg anzufachen, nicht nur einmal, sondern zweimal versucht, die Imperatox zu ermorden, beim zweiten Mal ihren eigenen Bruder als Kollateralschaden getötet, sich an einem Staatsstreich beteiligt und bereitete nun einen weiteren vor, und in den letzten paar Wochen hatte sie eine Handvoll Adliger beseitigt. Auf dem Papier waren das alles nicht die Taten einer netten oder moralischen Person.

Nadashe störte sich nicht daran, dass sie nicht nett war. Nett war etwas für andere Leute – die Leute, die keine Macht oder keinen Plan hatten, um etwas zu bekommen, was sie nicht hatten. Nadashe konnte sich nicht erinnern, jemals im üblichen Sinne des Begriffs »nett« gewesen zu sein. Höflich? Gewiss. Respektvoll? Wenn es angebracht oder notwendig war. Nett? Nein. Nett fühlte sich wie ein Verzicht auf etwas an. Wie das Eingeständnis einer Niederlage. Wie jemand, der ein Bittsteller und kein Höhergestellter war, zumindest kein Ebenbürtiger.

Wärst du ein netter Mensch, wärst du vielleicht längst mit einem Imperatox verheiratet, und all das wäre unnötig gewesen, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, eine Stimme, die fast genauso klang wie die ihrer Mutter. Nadashe hätte die Verlobte von Rennered Wu werden sollen, dem Kronprinzen der Interdependenz, bis sie es nicht wurde, weil sich herausstellte, dass Rennered keine Partnerin wollte, sondern eher einen fügsamen Fußabtreter. Einen netten, fügsamen Fußabtreter. Nadashe war bereit gewesen, vieles hinzunehmen, um zur imperialen Gemahlin zu werden, aber nicht das. Also kam alles anders. Und vielleicht hatte es ihrer Mutter nicht gefallen, aber dann ließ sie Rennered töten, indem sie seinen Rennwagen sabotierte, um anschließend zu versuchen, die derzeitige Imperatox abzusetzen. Also war sie vielleicht nicht die ideale Besetzung, um jemandem Vorträge zu halten, wie man sich nett verhielt.

Deshalb gehörte »nett« nicht zu Nadashes persönlichem Vokabular. Aber »moralisch« schon. Nadashe war sich bewusst, dass die Ermordung von Menschen und die Vorbereitung von Staatsstreichen keine typischen Handlungsweisen von moralischen Personen waren, zumindest nicht für sich genommen. Aber Nadashe glaubte ganz fest daran, dass es einen Kontext für ihre Taten gab. Der erste war der Kontext der Familie Nohamapetan, die objektiv betrachtet eine überlegene Linie war – nicht auf irgendeine idiotische eugenische Weise, sondern in der Beständigkeit des Einflusses und der Bedeutung der Familie und ihres Hauses, die bis in die frühesten Tage der Interdependenz zurückreichten, als die Nohamapetans eine der ersten Familien gewesen waren, die sich den Wus angeschlossen hatten.

Die Wus und insbesondere die imperiale Linie waren mehr als einmal vom Weg abgekommen, und genau das war auch das Problem mit der derzeitigen Imperatox, die ohne einen bestimmten Zufall (oder eher einen Unfall) bestenfalls eine mittelständische Akademikerin in einem fernen System geblieben wäre, weitab von den Korridoren der Macht. Deshalb war Proster Wu einverstanden, Nadashe auf den Thron zu setzen. Er wusste, dass es an der Zeit war, dort jemanden zu platzieren, der den Mut zu harten Maßnahmen hatte, und dass es niemanden in der Familie Wu gab, ihn nicht ausgeschlossen, der dazu bereit war. Im Zuge der Übereinkunft hatte Nadashe versprochen, einen Wu zu heiraten und ihrem Erben seinen Familiennamen zu überlassen, wenn sich alles beruhigt hatte und es ein neues Imperium mit Sitz im Ende-System gab.

Und wer weiß?, dachte Nadashe. Vielleicht tat sie das sogar.

Über die Familie Nohamapetan hinaus war da noch die Frage, was die Interdependenz eigentlich darstellte. Grayland, die ihr ganzes bisheriges Leben außerhalb des Adels und der Gilden verbracht hatte, glaubte, die Interdependenz wäre ihre Bevölkerung – sämtliche Bürger, ein vielzelliges Wesen aus Milliarden unverzichtbarer Zellen, von denen keine ohne all die anderen überleben würde. Das war idiotisch und zudem sinnlos. Es gab keine Möglichkeit, jede einzelne Zelle dieses gewaltigen Organismus zu retten, und es war reine Zeitverschwendung, es zu versuchen.

Jemand musste bereit sein, den Körper zu opfern, um das zu retten, was wichtig war: das Gehirn und das Herz der Interdependenz, den Adel und seine Monopole sowie die Gilden, die sich entwickelt hatten, um beiden Instanzen zu dienen. Dass die Interdependenz überhaupt existierte, lag daran, dass die Wus und die Nohamapetans und andere Adelsfamilien sie begründet hatten. Solange es diese Familien gab, würde die Idee der Interdependenz und ihre Struktur überleben und mit der Zeit auch auf ihrer neuen Heimatwelt Ende florieren.

Das war das einzig Wichtige. Nadashe verstand, ebenfalls auf recht abstrakte Weise, dass die Milliarden Menschen, die durch den Kollaps der Ströme sterben würden, nicht von ihrer Argumentation begeistert wären, genauso wenig wie von ihrer Zielsetzung, sich auf den Adel, die Gilden und das Kapital zu konzentrieren. Aber es war eine Tatsache, dass sie in jedem Fall sterben würden. Es war unmöglich, sie alle zu retten. Es war unmöglich, auch nur ein wenig mehr als einen winzigen Bruchteil zu retten. Nadashe sah keinen Sinn darin, ihre Zeit darauf zu verschwenden, sich um sie Sorgen zu machen.

Die Adligen waren eine erheblich kleinere Anzahl von Menschen, mit denen sie sich auseinandersetzen musste. Sie verstanden die Wichtigkeit, sich selbst zu retten. Sie waren es, die den überwiegenden Anteil des Kapitals besaßen. Sie verstanden auch die realpolitischen Probleme, vor denen sie standen – dass die große Mehrheit der Menschen in der Interdependenz sterben würde, aber nicht notwendigerweise die Adligen, solange sie bereit waren, die Nohamapetans für die Übersiedlung nach Ende zu bezahlen. Das waren schlicht die Kosten dafür, dass sie unter dem neuen Paradigma Geschäfte machen konnten.

Und damit würden sie die Interdependenz retten. Nadashe würde die Interdependenz retten.

Letztendlich war das der höchste moralische Wert.

Und falls Nadashe auf dem Weg dorthin einige fragwürdige Dinge tun musste? Nun denn. Auch das gehörte zu den Kosten für das neue Paradigma.

Also nein, dachte Nadashe. Mit ihr war alles in Ordnung. Sie war stark, moralisch und mutig, und zwar auf eine Weise, die die Geschichte verstehen würde. Und auf ganz und gar nicht scherzhafte Weise fand Nadashe, dass sie Rachela I. nicht unähnlich war, der ersten Imperatox der Interdependenz. Wenn man die Mythenschöpfung durch die Kirche der Interdependenz und verschiedene untertänige Historiker beiseiteließ, sah man eine Frau, die schwierige Entscheidungen zum Gemeinwohl einer Gesellschaft getroffen hatte. Denn solche Entscheidungen mussten getroffen werden. Ohne solche Entscheidungen und ohne Rachela I. würde es keine Interdependenz geben.

Nadashe hatte den flüchtigen Gedanken, dass ihr Name als Imperatox ebenfalls Rachela sein sollte, um diese Verbindung zu verdeutlichen. Doch fast genauso schnell verwarf sie diese Idee wieder. Das wäre ein wenig zu platt, und wenn die Interdependenz eine neue Heimat auf Ende gefunden hatte, war es nicht allzu sinnvoll, in die Vergangenheit zu schauen.

»Imperatox Nadashe I.« wäre völlig in Ordnung.

Ja, in der Tat, für Nadashe Nohamapetan sah es schon wesentlich besser aus.

Nadashes Tablet pingte, das Signal, dass jemand aus ihrem Personal um Zutritt zu ihrer Suite bat. Nadashe gestattete es.

»Die Gräfin Rafellya Maisen-Persaud vom Haus Persaud ist hier, um Sie zu sprechen, Ma’am.«

»Wunderbar«, sagte Nadashe. »Bereiten Sie Tee zu und führen Sie sie dann herein.«