15

»Also gut, erste Frage: Wo zum Henker bin ich?«

Die Person, die Kiva Lagos ansprach, saß an einem kleinen Schreibtisch in einem kleinen Raum und machte einen amüsierten Eindruck. »Ich dachte, Ihre erste Frage könnte lauten: Wer zum Henker bin ich

»Also gut, schön. Wer zum Henker sind Sie?«

»Mein Name ist Kapitän Robinette.«

»Hallo, Kapitän Robinette. Entzückend. Wo zum Henker bin ich?«

Kapitän Robinette blickte zu den beiden Besatzungsmitgliedern hinüber, die Kiva Lagos in seine Kabine geführt hatten. »Warten Sie draußen«, sagte er. »Schließen Sie die Tür. Falls Sie etwas anderes hören als Stimmen in mittlerer Lautstärke, kommen Sie wieder herein und schlagen sie bewusstlos.«

Die beiden gingen.

Kiva war unbeeindruckt. »Sie werden gar keinen verfickten Laut mehr von sich geben, wenn ich Sie stranguliere«, sagte sie.

»Ich baue darauf, dass Sie einigen Lärm verursachen werden, wenn Sie sich über den Schreibtisch auf mich stürzen.«

»Und Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet. Wo zum Henker bin ich?«

»Bevor ich darauf antworte, sagen Sie mir bitte, woran Sie sich erinnern, bevor sie hierhergebracht wurden.«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Seien Sie so nett.«

»Das Letzte, woran ich mich erinnere, bevor ich hier aufgewacht bin, ist, dass mir jemand ins verfickte Gesicht geschossen hat. Als ich hier aufgewacht bin, befand ich mich in einem Raum von der Größe eines verfickten Besenschranks, wo ich mich vier verfickte Tage lang aufgehalten habe und mir nur eine Kiste mit Proteinriegeln und eine chemische Scheißtoilette Gesellschaft geleistet haben. Das Ding ist übrigens eine verfickte Katastrophe.«

»Nach vier Tagen dürfte das durchaus der Fall sein. Erzählen Sie weiter.«

Kiva deutete nach hinten. »Dann wurde die Tür zu meiner Zelle entriegelt, und Ihre Kumpels Arsch und Geige sagten mir, dass ich mitkommen soll. Dann war ich hier. Ende. Wo zum Henker bin ich?«

Robinettes amüsierter Gesichtsausdruck hatte sich kaum verändert, seit Kiva den Raum betreten hatte, was sie zutiefst verärgerte. »Sie befinden sich an Bord des Frachters Our Love Couldn’ Go On, der vor« – Robinette sah auf seine Uhr – »fünfundvierzig Minuten in den Strom zum Bremen-System eingeflogen ist, eine Reise, die fünfzehn Tage und drei Stunden dauern wird, mehr oder weniger. Während der vier vorausgehenden Tage haben wir in Richtung Strom beschleunigt. Ich hatte die Anweisung, Sie in diesen vier Tagen nicht aus der Kabine zu lassen. Meine Arbeitgeberin hat sich dazu recht eindeutig geäußert. Deshalb die Proteinriegel und die chemische Toilette. Ich vermute, Sie haben festgestellt, dass es im Waschbecken Wasser gibt.«

»Es hat wie Scheiße geschmeckt.«

»Nun ja, da es aufbereitetes Wasser ist, könnte das durchaus sein. Es ist trinkbar, wenn auch gerade so.«

»Arschloch.«

»Meine Arbeitgeberin bemerkte, Sie könnten feindselig eingestellt sein«, stellte Robinette fest.

»Wenn ich feindselig bin, bin ich anders«, sagte Kiva.

»Ich vermute, es wäre feindselig, wenn Sie sich über den Schreibtisch auf mich stürzen, um mich zu strangulieren.«

»Das wäre ein Anfang.«

»Verständlich«, sagte Robinette freundlich und griff dann in eine Schublade, um eine Handfeuerwaffe hervorzuziehen, die er auf Kiva richtete, den Finger locker an den Abzug gelegt. »Damit es hier weiterhin zivilisiert zugeht.«

»Arschloch.«

»Zumindest einigermaßen zivilisiert.«

»Warum zum Henker fliegen wir nach Bremen?«

»Weil dort nächsten Monat Oktoberfest ist und ich noch nie da war.«

»Ich habe eine ernst gemeinte Frage gestellt.«

»Und ich habe Ihnen eine ernst gemeinte Antwort gegeben. Meine Arbeitgeberin machte deutlich, dass Sie aus dem Nabe-System gebracht werden sollen, aber wohin genau, war für sie nicht von Belang. Ich schlug das Bremen-System vor, weil es innerhalb der Ströme ein relativ kurzer Hüpfer ist und weil die Ströme von und nach Nabe laut Vorhersagen noch einige Jahre lang stabil sein sollten und weil das Oktoberfest klingt, als würde es Spaß machen. Angeblich stammt die Tradition noch aus den Zeiten der Erde. Ich war noch nie dort. Warum also nicht? Und meine Arbeitgeberin war damit einverstanden, also sind wir jetzt dorthin unterwegs.«

»Lassen Sie mich raten, wer Ihre mysteriöse verfickte Arbeitgeberin ist.«

»Sie müssen nicht raten«, sagte Robinette. »Es ist Nadashe Nohamapetan. Dieselbe Person, die den Auftrag erteilte, Ihnen Betäubungskügelchen ins Gesicht zu schießen. Wie geht es Ihnen übrigens?«

»Was zum Henker glauben Sie, wie es mir geht?«, gab Kiva zurück. »Als hätte man mir einen Haufen Steine ins verfickte Gesicht gefeuert.«

Robinette nickte. »Sie sehen auch schlimm aus. All diese kleinen Einstiche, wo die Kügelchen in Ihren Kopf und Hals eingedrungen sind.«

»Danke, Arschloch.«

»Die gute Neuigkeit ist, dass sie recht schnell verheilen werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit noch bevor wir Bremen erreichen werden.«

»Und was dann?«

»Wie ich bereits sagte: Oktoberfest.«

»Ich meine, was geschieht mit mir, Sie ausgesprochen begriffsstutziges Oberarschloch.«

»Das wurde noch nicht entschieden. Mir wurde nur mitgeteilt, dass weitere Anweisungen folgen, sobald wir Bremen erreicht haben. Wir sollen dort zwei Monate lang warten. Wenn bis dahin keine neuen Anweisungen eingetroffen sind, soll ich Sie durch eine Luftschleuse hinausbefördern. Wir haben drei. Sie dürfen sich eine aussuchen.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Kiva. »Warum will sie mich am Leben lassen, nur um mich durch eine verfickte Luftschleuse zu werfen?«

»Das sollten Sie sie selbst fragen.«

»Unpraktischerweise ist sie im Moment nicht hier, Sie blöder Drecksack.«

»Nun … wenn ich diese Waffe weglege, versprechen Sie mir, sich nicht über den Schreibtisch auf mich zu stürzen?«

»Ich verspreche gar nichts.«

»Ich werde das Risiko eingehen. Bitte beachten Sie, dass die Waffe auf meinen Fingerabdruck kalibriert ist. Das heißt, selbst wenn sie danach greifen, wird sie Ihnen nichts nützen.«

»Ich könnte Sie damit zu Tode prügeln.«

»Dann lege ich sie einfach wieder in die Schublade zurück«, sagte Robinette und tat es. Aus derselben Schublade nahm er einen Umschlag, den er Kiva reichte. »Das ist von meiner Arbeitgeberin. Sie hat angeordnet, dass ich Ihnen das geben soll, sobald Sie aus ihrer Gefangenschaft entlassen werden.«

Kiva starrte auf den Umschlag. »Ach du verfickte Scheiße. Schadenfreude in Schriftform.«

»Möglicherweise«, pflichtete Robinette ihr bei. Er zeigte auf den Umschlag. »Wenn Sie das gelesen haben, würde ich gern wissen, was sie sagt, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Warum interessiert Sie das?«

»Ich bin neugierig, mehr nicht. Sie war für ein paar Monate Passagierin dieses Schiffs, müssen Sie wissen. Ab dem Moment, als ihre Mutter und all die anderen wegen Hochverrats verhaftet wurden, bis vor relativ kurzer Zeit. Soweit ich weiß, wurde sie hinsichtlich ihrer Unterbringung hochgestuft, was ich ihr vermutlich gar nicht übelnehmen kann.«

»Ja, dieses Schiff ist ein ziemliches Scheißloch, wenn ich danach gehe, was ich gesehen habe«, sagte Kiva.

»In Anbetracht Ihrer Situation, Lady Kiva, ist es deutlich besser, sich innerhalb statt außerhalb dieses Schiffs zu befinden.«

»Da haben Sie nicht ganz unrecht«, räumte Kiva ein. »Dem entnehme ich, dass Nadashe an Bord Ihres Schiffs nicht allzu beliebt war.«

»Ich glaube, der höfliche Euphemismus lautet: ›Sie hat jegliche Gesellschaft gemieden.‹«

»Warum zum Henker machen Sie dann Ihre Drecksarbeit?«

»Aus dem offensichtlichsten Grund, den es dafür geben könnte, Lady Kiva: Sie bezahlt mich sehr, sehr gut dafür.«

»Ich kann Ihnen mehr bezahlen«, sagte Kiva.

»Vielleicht könnten Sie das, theoretisch. Aber praktisch gesehen haben Sie an Bord dieses Schiffs keinen Zugang zu irgendwelchen Geldmitteln, während Nadashe Nohamapetan mir bereits im Voraus die Hälfte gezahlt hat, was für sich schon weit mehr ist, als ich in den letzten zwei Jahren verdient habe. Also bringt Ihr Geld – falls Sie denn welches hätten, was nicht der Fall ist – Sie hier nicht weiter. Tut mir leid.«

»Sie begehen einen Fehler.«

»Vielleicht, aber ich bezweifle es. Ich hatte schon von Nadashe Nohamapetan gehört, lange bevor ich jemals Grund hatte, ihren Weg zu kreuzen. Sie scheint mir eine Person zu sein, die überaus zielstrebig ist und bei der man sich auf keinen Fall unbeliebt machen sollte. Also werde ich ihr Geld nehmen und mich bei ihr beliebt machen, wenn das für Sie in Ordnung ist.«

Kiva schnaufte.

Kapitän Robinette verstand das als Bestätigung und fuhr fort. »In der Zwischenzeit stehen Ihnen zwei Möglichkeiten offen, Lady Kiva. Die eine wäre, sich anständig zu benehmen, was bedeutet, in den Bereichen des Schiffs zu bleiben, die ich Ihnen erlaube, und einen großen Bogen um den Schiffsbetrieb und die Pflichten der Besatzung zu machen. In diesem Fall wäre Ihnen eine gewisse Bewegungsfreiheit gestattet sowie der Zugang zu einem Tablet zu Unterhaltungszwecken. Die Our Love ist kein Kreuzfahrtschiff, und es gibt nicht viel zu tun, und alle wissen, warum Sie hier sind, und niemand wird geneigt sein, Sie zu bedienen. Aber das ist deutlich besser als die Alternative.«

»Die da wäre?«

»Dass Sie beschließen, mir Ärger zu machen, Lady Kiva. Worauf ich Sie wieder in Ihren Besenschrank sperren würde, zusammen mit ein paar Proteinriegeln und der chemischen Toilette, und Sie könnten dann wieder die Nieten in den Wänden zählen. Und wenn Sie richtig großen Ärger machen, werfe ich Sie vielleicht durch eine Luftschleuse hinaus, ohne auf die entsprechende Erlaubnis zu warten.«

»Das würde Nadashe nicht gefallen«, sagte Kiva. »Sie bezahlt Sie nicht dafür, Entscheidungen zu treffen.«

»Das stimmt. Es ist ihr Geld. Aber es ist mein verficktes Schiff, Lady Kiva. Verzeihen Sie meine Wortwahl. Also, für welche Möglichkeit entscheiden Sie sich?«

»Ich werde nett sein.«

»Darauf hatte ich gehofft.« Robinette griff erneut in die Schublade und holte ein Tablet hervor, das er Kiva reichte. »Es hat einen Gästezugang und enthält Informationen über das Schiff und die verfügbaren Dienste. Sie dürfen sich an den Schiffsarzt wenden, was ich Ihnen empfehle, und wenn Sie mit dem Chefsteward reden, können wir Ihnen Kleidung zum Wechseln zur Verfügung stellen. All das gewähre ich Ihnen. Betrachten Sie es als Geste des guten Willens.«

»Danke«, sagte Kiva mit hörbarem Sarkasmus.

»Keine Ursache«, sagte Robinette ohne jeden Sarkasmus. »An Bord sind zwei Sexarbeiter, aber sie sind eine Zusatzleistung für die Besatzung, und da Sie kein Geld haben, sollten Sie ihnen vielleicht aus dem Weg gehen. Aber Sie dürfen jedes andere Besatzungsmitglied flachlegen, das Ihnen gefällt, solange Sie nicht den Betriebsablauf des Schiffs oder die allgemeine Ruhe stören.«

»Dazu bin ich eigentlich nicht in Stimmung.«

»Wir sind zwei Wochen nach Bremen unterwegs. Sie dürfen gern Ihre Meinung ändern. Jedenfalls haben Sie jetzt das Tablet und den Brief, und jetzt wissen Sie, wo Sie sind und warum. Haben Sie im Moment noch irgendwelche weiteren Fragen?«

»Nicht an Sie«, sagte Kiva.

»Dann können Sie jetzt gehen. Entweder Arsch oder Geige, wie Sie sie nennen, wird Sie zurück zu Ihrem Quartier begleiten. Und ich würde Ihnen gern noch einen Vorschlag unterbreiten, Lady Kiva.«

»Welchen?«

»Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass ich während unserer kleinen Unterhaltung nachsichtig gegenüber Ihren Drohungen und Ihrer Einstellung war«, sagte Robinette. »Das liegt daran, dass ich Ihr Verhalten auf seltsame Weise charmant finde, und mir ist bewusst, dass nach vier Tagen in einem Loch jeder etwas gereizt ist. Doch ich schlage vor, dass Sie mir gegenüber von nun an nicht mehr diese Haltung einnehmen. Die Our Love mag ein Scheißloch sein, wie Sie es beschreiben, aber es ist ein Scheißloch, das straffe Disziplin erfordert, und ich kann und werde nichts dulden, was dem zuwiderläuft. Haben wir uns verstanden?«

»Bestens.«

»Gut. Außerdem rate ich Ihnen dringend, auch gegenüber der Besatzung nicht mit dieser Haltung aufzutreten.«

»Warum? Weil es gemein wäre?«

»Nein, weil man Ihnen dann ein Buttermesser in den Hals rammen würde.«

»Ich dachte, Sie legen großen Wert auf straffe verfickte Disziplin auf diesem Schiff.«

»Ich sagte, das Schiff erfordert straffe Disziplin. Ich habe nicht gesagt, dass Sie es überleben werden, wenn Sie meine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen wollen.«

Nadashes Brief war natürlich ein ausgesprochenes Ärgernis.

Er lautete wie folgt:

Kiva,

weil mir klar ist, dass Sie sich diese Frage stellen, will ich Ihnen erklären, warum ich Sie am Leben lasse.

1. Weil es mich amüsiert, Sie am Leben zu lassen, vor allem an Bord dieses grässlichen Schiffs.

2. Weil ich Sie lebend brauche, um Zugang zu einigen der nach wie vor eingefrorenen Konten zu erhalten.

3. Weil ich auf diese Weise Ihre Mutter und das Haus Lagos im Zaum halten kann. Die hohe Kunst der Geiselnahme hat tatsächlich etwas für sich.

Ich sollte anmerken, dass der letzte Punkt etwas ist, das ich vorläufig für mich behalten werde. Soweit irgendjemand weiß, sind Sie zusammen mit Drusin Wolfe gestorben. Nachdem mein Auftragnehmer Wolfe getötet und Sie betäubt hatte, war mein Sanitäterteam zuerst am Tatort und schaffte Sie fort. Zu meinem großen Bedauern sind Sie auf dem Weg zur Klinik gestorben, und Ihre Leiche wurde unverzüglich in einem verschlossenen Sarg nach Ikoyi überführt. Ich habe es Wolfe in die Schuhe geschoben. Er wurde zum Opfer seines eigenen unfähigen Auftragnehmers. Es ist schwer, gute Helfer zu finden.

»Oh, du verficktes Lästermaul!«, rief Kiva laut, als sie die letzte Passage las. »Du glaubst wirklich, dass du ziemlich clever bist.«

Ich habe Sie vorläufig am Leben gelassen, aber ich kann Sie aus offensichtlichen Gründen nicht auf Ende dulden. Also sind Sie jetzt auf dem Weg nach Bremen. Ich glaube, Sie wissen, was ich geplant habe. Ich habe Grund zu der Annahme, dass es schon bald geschehen wird. Wenn ich erfolgreich bin, wäre es möglich, dass ich Sie zurückholen lasse, um wieder an mein Vermögen zu kommen und mit Ihnen als Verhandlungsführerin Ihrer Familie zu diskutieren, welche Stellung das Haus Lagos unter der neuen Regierung einnehmen wird. Schließlich sind Sie sehr rücksichtsvoll mit dem Haus Nohamapetan umgegangen, während Sie das Privileg hatten, seine Interessen zu vertreten. Ich freue mich schon darauf, Ihnen diesen Gefallen durch einen Nohamapetan erwidern zu lassen.

Sollte ich nicht erfolgreich sein, muss ich zu meinem Bedauern sagen, dass ich vermutlich nicht in der Lage sein werde, weitere Anweisungen an Kapitän Robinette und seine Besatzung zu übermitteln, wie mit Ihnen verfahren werden soll. Inzwischen hat der Kapitän Ihnen sicherlich erklärt, was das bedeuten würde. Und bevor Sie ihm vorschlagen, mein Misserfolg würde bedeuten, dass er auf den Rest seiner Entlohnung verzichten muss, sollten Sie wissen, dass er weiß, dass der Rest bereits auf einem Treuhandkonto in Nabenfall bereitliegt. Tut mir leid, dass ich Sie in diesem Punkt enttäuschen muss.

Ich fürchte, viel mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass Sie mir Glück wünschen sollten. Ihr Leben hängt von meinem Erfolg ab.

Genießen Sie das Oktoberfest!

NN

Kiva las den Brief, las ihn noch einmal, las ihn dann ein weiteres Mal, nur um sich ganz sicher zu sein, und zerriss ihn schließlich in kleine Fetzen. Dann ging sie durch den Korridor zur Besatzungstoilette nicht weit von ihrem Besenschrank, warf die zerrissenen Briefschnipsel in die Schüssel, zog sich die Hose herunter, setzte sich und pisste darauf. Diese Handlung änderte nichts an Kivas derzeitiger Gesamtsituation, aber danach fühlte sie sich tatsächlich ein wenig besser.

Nachdem das erledigt war, kehrte Kiva zu ihrem Besenschrank zurück und dachte über ihre Lage nach, insbesondere über ihre Vorteile und Aktivposten.

Vorteile: Sie war am Leben, was für sie eine verfickte Überraschung gewesen war, nachdem man auf sie geschossen hatte. Der Kapitän hatte recht damit, dass sie im Moment nicht besonders hübsch aussah – ihr Gesicht war eine Ansammlung subkutaner Hämatome und Narben, wo der mit der Droge versetzte pulvrige Schrot in ihre Haut eingedrungen war, um seine Wirkung zu entfalten. Doch das war nichts, weswegen sie sich allzu große Sorgen machte. Es würde sie in keiner Weise beeinträchtigen.

Aktivposten: Ihr Gehirn. Ihr Körper. Nicht ihr Gesicht an sich – siehe oben –, aber alles andere daran und darin arbeitete mit voller Kraft. Hinzu kam ihr aktueller Gemütszustand, der sich mit verdammt angepisst umschreiben ließ.

Nein, nicht nur wegen Nadashe Nohamapetan verdammt angepisst, um das klarzustellen, auch wenn Kiva wegen ihr in der Tat rechtschaffen angepisst war. Nadashe hatte ihr ins Gesicht geschossen, sie entführt und in ein Raumschiff gesteckt, das im Wesentlichen ein Fall von verficktem Wundstarrkrampf war, der jederzeit eintreten konnte. Nadashe brauchte dringend Nachhilfeunterricht in Sachen Anstand, und Kiva hätte ihr diese Lektion gern höchstpersönlich erteilt.

Doch am meisten verdammt angepisst war sie wegen sich selbst. Senia hatte recht behalten: Nadashe hatte Kiva dort erwischt, wo sie am wenigsten damit gerechnet hatte. Kiva war einfach zu diesem Treffen mit Drusin Wolfe spaziert, voller Zuversicht, dass sie die Oberhand hatte, dass Wolfe und, wie sie es vorgesehen hatte, Nadashe auf ihren Plan hereinfallen würden. Sie war zu selbstsicher und zu unvorbereitet gewesen, und es hatte damit geendet, dass man auf sie geschossen hatte und ihr Schicksal nun in den Händen einer verfickten Nohamapetan lag.

Kiva hielt kurz inne, um an Senia zu denken, die zweifellos glaubte, dass Kiva tot war, und die nun mit diesem Umstand zurechtkommen musste. Kiva verspürte einen Stich, etwas, von dem sie sich nicht ganz sicher war, ob sie es je zuvor verspürt hatte – Trauer, aber nicht um eine Tote (die sie wäre, was sie aber nicht war), sondern um eine Lebende, die mit ihrer eigenen Trauer um eine Verstorbene dasaß. Es war nicht fair, dass Senia sich damit auseinandersetzen musste, und obwohl Kiva sich niemals der Illusion hingab, dass die Welt auch nur ansatzweise fair war, fühlte sich das hier wie eine besondere Variante von voll daneben an, etwas ganz Spezielles, das sie Nadashe heimzahlen musste.

Also ja. Kiva war verdammt angepisst. Wegen Nadashe. Wegen sich selbst. Wegen Senia. Und weil sie sich in einem Schiff befand, das anscheinend hauptsächlich aus Rost und Wichse bestand und einem verfickten Oktoberfest entgegenraste, was zum Henker das auch immer sein mochte.

Kiva hatte es verpatzt. Es wurde Zeit, sich zu revanchieren.

Dafür blieben ihr jetzt noch fünfzehn Tage und ein paar Stunden.

Also machte Kiva sich an die Arbeit.