Marce Claremont betrachtete sich nicht als jemanden, der zu emotionalen Achterbahnfahrten neigte, aber er musste sich eingestehen, dass die letzten paar Tage seinem Kopf schwer zugesetzt hatten.
Als Erstes die Erkenntnis, dass Cardenia – die Frau, die er, trotz des Umstandes, dass sie gleichzeitig Grayland II. war, die Imperatox der Interdependenz, ja, tatsächlich sehr liebte – ihn belogen hatte. Nicht bei einer kleinen Sache wie zum Beispiel, dass sie seine Fußmassagen mochte, und auch nicht bei einer großen Sache, einer Affäre mit irgendeinem anderen Mitglied ihres Hofstaats, einfach weil sie die Imperatox war und niemand sie davon abhalten konnte. Sie hatte ihn bei der denkbar größten Sache belogen, indem sie ihm eine unmögliche Aufgabe anvertraut hatte – eine Aufgabe, von der Milliarden Menschenleben abhingen und die ihn für immer zu Boden werfen würde, wenn er daran scheiterte –, und dann hatte sie die Informationen zurückgehalten, die er gebraucht hätte, um diese unmögliche Aufgabe zu lösen.
Selbst jetzt war es für Marce außerordentlich schwierig, mit der Wut und der erschütternden Enttäuschung zurechtzukommen, die er empfunden hatte, als ihm klar geworden war, was Cardenia getan hatte, ganz zu schweigen von der beinahe beleidigenden Rechtfertigung, die sie für ihr Tun vorgebracht hatte. Marce aufzufordern, eine Möglichkeit zu finden, die evaneszenten Ströme zu nutzen, um Milliarden zu retten, ohne ihm Zugang zu der hochentwickelten Wissenschaft zu verschaffen, die eingesetzt worden war, um die Ruptur auszulösen, war etwa so, als würde man jemanden auffordern, eine äußerst ansteckende Krankheit zu bekämpfen, ohne ihm etwas über die Keimtheorie und all die anderen Daten zu verraten, die man zufällig in den Händen hielt.
Cardenia hatte darauf hingewiesen, dass sich die Menschheit beim letzten Mal, als sie über dieses spezielle Wissen verfügte, beinahe selbst ausgelöscht und sich letztlich in die Situation gebracht hätte, in der sie heute waren. Dem konnte Marce nicht widersprechen, aber er hatte erwidert, dass die Umstände jetzt ganz anders waren und niemand, der heute mit diesen Daten arbeitete, so dumm wäre, sie für den gleichen Zweck zu verwenden. Darauf hatte Cardenia ihm ins Gesicht gelacht, und etwas in ihm hatte sie in diesem Moment nicht mehr geliebt.
Die beiden hatten diskutiert und sich gestritten, und Marce hatte einige recht unverzeihliche Dinge gesagt, bevor er hinausgestürmt war, um in seiner Junggesellenbude zu schmollen, die etwa halb so groß war wie Cardenias persönliches Badezimmer. Dort schmorte er eine Weile, während Cardenia loszog, um sich mit ihren Vorfahren zu beraten oder was auch immer sie genau machte, wenn sie in den Gedächtnisraum ging. Marce hatte beabsichtigt, noch einiges zu erledigen, doch stattdessen gingen ihm immer wieder die Einzelheiten des Streits durch den Kopf. Er spielte sie in einer Dauerschleife ab, mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Moment, als Cardenia ihm ins Gesicht gelacht hatte.
Er vermutete, dass er umso wütender wurde, je öfter er sich diese Szene veranschaulichte. Aber in Wirklichkeit wurde er dabei immer trauriger und deprimierter. Er brauchte ziemlich lange, bis ihm klar wurde, warum: Es ging nicht darum, dass er falsch lag, sondern eher darum, dass auch Cardenia nicht falsch lag, und wahrscheinlich lag sie etwas weniger falsch als er. Er war Wissenschaftler und offen gesagt nicht gerade der scharfsinnigste Beobachter der aktuellen Situation der Menschheit. Er würde die Daten der Ruptur niemals auf diese Weise benutzen und konnte sich auch nicht vorstellen, dass irgendein anderer Wissenschaftler, mit dem er zusammenarbeitete, das tun würde. Schließlich verfolgten sie alle das Ziel, das Universum zu retten.
Doch in jenem Moment hatte er vergessen, dass Cardenia auch Grayland war und womit sie sich Tag für Tag auseinandersetzen musste: dem aufreibenden Opportunismus und den politischen Manövern der Welt, in der sie lebte; den vielen Leuten, die etwas von ihr wollten oder ihr gern etwas wegnehmen würden; der deprimierenden Gewissheit, dass es Leute gab – ach was, keine Leute, sondern ganze Verschwörungen –, die kein Problem damit hätten, Grayland zu töten, um sie zur Durchsetzung ihrer egoistischen Ziele aus dem Weg zu räumen.
Cardenia – Marces Freundin, die Frau, die er liebte – war süß und nett und unbeholfen und ein bisschen albern. Grayland II., die Imperatox der Interdependenz, konnte sich all diese Eigenschaften nicht leisten. Und dennoch waren beide dieselbe Person. Als er Cardenia gegenüber seine naive Bemerkung gemacht hatte, war es Grayland gewesen, die ihn ausgelacht hatte. Weil Grayland es besser wusste.
Nachdem er die Natur ihres Streits verstanden hatte, ging es Marce nicht besser – im Gegenteil, es ging ihm sogar noch schlechter. Es fühlte sich so schlimm an, dass ihm klar wurde, dass er Cardenia um Entschuldigung bitten musste, ganz gleich, wie sauer er war, dass sie ihm die Ruptur-Daten nicht geben wollte.
Mit diesem Entschluss spritzte sich Marce Wasser ins Gesicht und war bereit, vor Cardenia auf die Knie zu fallen, als er den Anruf von Senia Fundapellonan erhielt, die ihm mitteilte, dass Kiva Lagos im Attavio-VI.-Park ermordet worden war.
Für Marce war diese Neuigkeit wie ein Schlag in die Magengrube. Er hatte Kiva nicht oft gesehen, seit er auf Nabe eingetroffen war und sich auf die Affäre mit Cardenia eingelassen hatte, und Kiva war sehr mit ihren eigenen Angelegenheit beschäftigt gewesen, mit der Verwaltung des Hauses Nohamapetan und seit kurzem mit ihrer neuen Beziehung zu Senia. Aber Marce blickte mit angenehmen Erinnerungen auf ihre gemeinsame Reise nach Nabe und die Zeit zurück, die sie miteinander verbracht hatten, und er war dankbar, dass sie eine verlässliche Verbündete für Grayland in einer Phase war, wo sie es dringend brauchte.
Senia hatte Marce angerufen, weil sie wusste, dass die Neuigkeit über ihn definitiv am schnellsten zu Cardenia gelangen würde. Irgendwann würde sie ohnehin bis zu ihr vordringen, aber erst, nachdem sie über mehrere Kanäle weitergeleitet worden war, bis sie schließlich auf ihrer Türschwelle landete. Marce sprach Senia sein tiefstes Beileid aus und machte sich dann auf den Weg durch den weitläufigen Palast. Cardenias Gemächer erreichte er genau in dem Moment, als sie den Gedächtnisraum verließ.
Er erzählte ihr von Kiva Lagos. Und nachdem sie beide ausgiebig um sie geweint hatten, sagte sie ihm, dass sie ihm die Ruptur-Daten geben würde.
»Das kann ich ehrlich gesagt im Augenblick nicht verarbeiten«, war alles, was Marce dazu herausbrachte.
Kiva Lagos’ Leiche wurde anhand der Fingerabdrücke und ihrer DNS identifiziert. Nachdem die Klinik ihren Tod bestätigt hatte, wurde sie gemäß ihren testamentarischen Anweisungen in einem tiefgekühlten Transportsarg versiegelt und mit dem nächsten verfügbaren Raumschiff ins Ikoyi-System überführt. Selbst Senia traf erst in der Klinik ein, nachdem der Sarg bereits geschlossen war, und sie konnte gerade noch drei Minuten mit ihm verbringen, bevor er im Eilverfahren zur That’s Just Your Opinion befördert wurde, die unmittelbar danach ablegte.
Es entbehrte nicht einer gewissen traurigen Ironie, dass die Your Opinion die Strommündung nach Ikoyi etwas mehr als eine Stunde nach dem Eintreffen der This Indecision’s Bugging Me erreichte, mit der die Gräfin Huma Lagos, Kivas Mutter und das Oberhaupt des Hauses Lagos, nach Nabe kam, um sich mit den verschiedenen Systemgeschäftsführern ihres Hauses zu treffen. Grayland bat Marce, sie bei der Gräfin Lagos zu vertreten, um ihr persönliches Beileid zu übermitteln und der Gräfin zu versichern, dass das öffentliche Zerwürfnis zwischen ihrer Tochter und der Imperatox nur ein Täuschungsmanöver gewesen war.
Die Gräfin Lagos war nicht nur völlig unbesorgt über den Umstand, dass ihre Tochter angeblich in Ungnade gefallen war, sie schien auch gar nicht weiter besorgt über die Neuigkeit zu sein, dass ihre Tochter nun angeblich tot war. »Haben Sie die Leiche gesehen?«, fragte sie Marce im Büro ihrer Tochter im Gildenhaus, als er ihr im Namen der Imperatox kondolierte.
»Die Leiche wurde auf zweierlei Weise identifiziert«, antwortete Marce.
»Das habe ich nicht gefragt«, erwiderte die Gräfin Lagos.
»Ich selbst habe die Leiche nicht gesehen.«
»Ebenso wenig wie Miss Fundapellonan. Sie erzählte mir, die Leiche wäre in einem Sarg versiegelt worden, bevor sie dort eintraf. Auch niemand von Kivas Personal hier im Gildenhaus hat sie gesehen, um sie identifizieren zu können, weder in den Räumen des Hauses Nohamapetan noch des Hauses Lagos. Die einzigen Personen, die sie gesehen haben, waren die Sanitäter, die ihre Leiche zur Klinik schafften, und Ärzte, die nach ihrem Eintreffen den Tod feststellten. Niemand, der sie kannte.«
»Man hat die Fingerabdrücke und die DNS geprüft«, bemerkte Marce.
Die Gräfin Lagos bedachte Marce mit einem nachsichtigen Blick. »Lord Marce, helfen Sie meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Sind Sie der sympathische junge Mann, den meine Tochter während ihrer Reise von Ende nach Nabe als Sexspielzeug benutzte?«
»Ich … hätte es nicht so formuliert, aber ja, Mylady.«
»Sie hatte eine hohe Meinung von Ihnen, in vielerlei Hinsicht.«
»Äh, vielen Dank.«
»Um auf unser eigentliches Thema zurückzukommen … ich glaube mich zu erinnern, dass Ihr Schiff kurz vor dem Sprung nach Nabe von Piraten eingeholt und von Ihnen verlangt wurde, eine andere Identität vorzutäuschen, was eine gefälschte DNS-Probe erforderte. Ist das korrekt?«
»Ja.«
»Und um überhaupt an Bord unseres Schiffs gehen zu können, nahmen Sie bereits davor eine falsche Identität an, wozu Ihre Fingerabdrücke und Ihre Iris gefälscht wurden. Zumindest wurde es mir so erzählt. Ebenfalls korrekt?«
»Ja.«
»Nun, Lord Marce. Dann möchte ich Sie erneut fragen: Haben Sie die Leiche meiner Tochter gesehen? Hat irgendjemand, den Sie kennen, ihre Leiche gesehen?«
»Nein.«
»Und würden Sie mir zustimmen, dass ihre Anführungszeichen Leiche Abführungszeichen mit ungebührlicher Hast in diesem Sarg versiegelt und ebenso überstürzt in ein abfliegendes Raumschiff verfrachtet wurde?«
»So lauteten ihre Anweisungen.«
Die Gräfin schnaufte abschätzig. »Lord Marce, Sie sind auf jeden Fall ein gut aussehender junger Mann, aber mir scheint, dass Sie nicht allzu gescheit sind. Kiva hat keine besondere Bindung an Ikoyi. Seit ihrer Kindheit hat sie dort nicht mehr für längere Zeit gelebt. Und unsere Familie ist weder religiös, noch neigt sie zu speziellen Bestattungsriten. Wissen Sie, was ich wünsche, wie nach meinem Tod mit meiner Leiche verfahren wird?«
»Ich weiß es nicht, Gräfin.«
»Ich ebenso wenig. Wenn ich tot bin, interessiert es mich einen Scheißdreck. Wenn ich dann zu Hause bin, werden meine Kinder entscheiden, was geschehen soll. Vermutlich wird man mich liquifizieren, weil es so bei den Bewohnern von Ikoyi Usus ist, aber meinetwegen können sie meine Leiche auch auf Stäbe aufspießen und wie eine Puppe im Kreis herumwirbeln. Wenn ich in einem Schiff sterbe, können sie mich einfach über Bord werfen. Und ich bin die Gräfin Lagos. Ich wüsste nicht, dass es für meine Kinder mehr Bedeutung hätte als für mich, ganz zu schweigen von Kiva, die nicht zur Sentimentalität neigt, wie Sie aus eigener Erfahrung wissen.«
»Wohl wahr«, pflichtete Marce ihr bei.
Die Gräfin lächelte. »Also, noch einmal: Niemand hat die Leiche gesehen, und sie wurde mit ungebührlicher Hast weggeschafft, nach zweifelhaften Anweisungen und durch unbekannte Personen. Und nun befördert dieses Schiff ihre Leiche angeblich durch einen Strom, nicht wahr? Normalerweise nehme ich keine Wetten an, Lord Marce, aber wenn Sie mit mir wetten möchten, dass das Schiff mit dem Sarg an Bord wohlbehalten sein Ziel erreicht, würde ich sofort dagegenhalten.«
»Also glauben Sie, dass Kiva noch am Leben ist?«
»Ich würde eher sagen, solange ich ihre Leiche nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen berührt habe, halte ich es für unwahrscheinlich, dass sie tot ist.«
»Haben Sie das auch zu Senia Fundapellonan gesagt?«
Das Gesicht der Gräfin Lagos wurde ernst. »Nein. Das wäre grausam.«
»Obwohl Sie glauben, dass Ihre Tochter noch am Leben ist?«
»Lord Marce, lieben Sie meine Tochter?«
»Ich … mag sie sehr.«
»Aber Sie lieben sie nicht.«
»Nein.«
»Im Gegensatz zu Senia Fundapellonan.«
»Ich verstehe.«
»Das freut mich.«
»Wenn Kiva nicht in diesem Sarg ist, wessen Leiche ist es dann, und wo ist Kiva?«
»Ich bin kein Detektiv, Lord Marce. Aber wenn ich mutmaßen sollte, würde ich überprüfen, ob irgendeine junge Frau von ähnlicher Größe, Hautfarbe und Statur als vermisst gemeldet wurde. Vielleicht würde ich auch versuchen, die Ambulanz zu finden, die sie zur Klinik gebracht hat. Ich habe jedoch den Verdacht, dass sie schwer aufzuspüren sein wird.«
»Ich werde jemanden beauftragen, Nachforschungen anzustellen«, sagte Marce.
»Tun Sie das. Und was ihren Aufenthaltsort betrifft – Sie sagten, Kiva hätte mit der Imperatox daran gearbeitet, die Pläne von Nadashe Nohamapetan zu vereiteln.«
»So hat es mir die Imperatox gesagt, ja.«
»Dann vermute ich, dass sie genau das gerade tut.«
»Ich hoffe, Sie haben recht.«
»Ich ebenso, Lord Marce. In der Zwischenzeit werde ich in der Öffentlichkeit vorgeben, um meine Tochter zu trauern.«
»Das dürfte das Klügste sein«, sagte Marce. »Wie lange gedenken Sie, im System zu bleiben?«
»Auf unbestimmte Zeit«, antwortete die Gräfin. »Ich muss mich um meine Geschäfte kümmern. Ich habe den Eindruck, die Imperiale Flotte wünscht ein Gespräch mit mir über ein Einsatzkommando, das man im Ikoyi-Sektor zusammenstellen möchte. Und darüber hinaus möchte ich miterleben, was auch immer mit der Imperatox und meiner Tochter geschieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es weniger als höchst spektakulär sein wird, wenn sich die Sache zuspitzt. Das möchte ich um nichts in aller Welt verpassen.«
Und dann waren da noch die Ruptur-Daten.
Daraus lernte Marce zwei Dinge. Erstens, dass die Wissenschaftler der Freien Systeme, die lockere Konföderation aus Sternensystemen in denselben Regionen, die heute die Interdependenz bildeten, enorm fortgeschritten waren, zumindest in ihrem Verständnis der Ströme und ihrer Dynamik. Marce könnte den Rest seiner Lebenszeit damit verbringen, die Daten zu untersuchen, die Cardenia ihm mit großem Widerstreben überlassen hatte, ohne mehr als nur die Oberfläche dessen anzukratzen, was sie ihm zeigen.
Es waren so viele Daten, so viel Wissen über die Natur der Ströme, das Marce bislang verborgen geblieben war, dass er deswegen wirklich wütend wurde. Beobachtungen und Strukturen, über die sein Vater dreißig Jahre lang Daten gesammelt hatte, um sie beschreiben zu können, wurden hier in Anhängen skizziert – sie waren so gut erforscht, dass sie im Grunde nur beiläufig erwähnt wurden. Die Vorstellung, dass man all diese Informationen und all dieses Wissen vor eintausendfünfhundert Jahren in ein Loch des Vergessens geworfen hatte, versetzte Marce kurzzeitig in einen Zustand, der sich nur als existenzielle Verzweiflung umschreiben ließ.
Aber nur kurzzeitig, denn schließlich hatte er diese Daten jetzt. Eigentlich wollte er sich nur darin suhlen, sich darin aalen, den Gedankengängen nach Belieben folgen, um zu sehen, wohin sie führten und was sie bedeuteten. Aber dafür hatte er keine Zeit. Im Moment musste Marce Milliarden Menschen retten oder zumindest herausfinden, ob es möglich war. Äußerst widerwillig legte er all die Daten beiseite, um sich auf das Material zu konzentrieren, das ihm für das dringlichste Problem relevant zu sein schien.
Die zweite Sache, die er lernte, war, dass die Wissenschaftler der Freien Systeme nicht ansatzweise schlau genug gewesen waren.
Beispielsweise wussten sie, dass die Ströme vibrierten, aber sie begriffen nicht, dass sie eine Flüssigkeit waren.
Zumindest annähernd. Zu versuchen, diese grundlegenden mathematischen Fakten über die Ströme in menschlicher Sprache zu beschreiben, war ungefähr so, als wollte man den Inhalt eines Wörterbuchs mit den Mitteln des Tanzes darstellen. Denn weder vibrierten die Ströme, noch verhielten sie sich wie eine Flüssigkeit, soweit das menschliche Gehirn diese beiden Begrifflichkeiten verstand. Um es genauer auszudrücken: Über mehrere dimensionale Achsen hinweg, von denen einige in andere eingebettet und manche nur teilweise ausgeprägt waren, gab es eine ruhende Frequenz eines Stroms, die sich lokal manipulieren ließ, indem Energie hinzugefügt wurde. Dadurch konnten Strommündungen und Ströme theoretisch dazu angeregt werden, sich zu erweitern oder zu schrumpfen oder sich durch die konventionelle Raumzeit zu bewegen. So hatten die Freien Systeme den Strom, der von ihrem Teil des Universums wegführte, zum Kollaps gebracht. Sie hatten das hyperdimensionale Äquivalent eines Resonators entwickelt, ihn in den Strom geworfen und gezündet, wodurch der betreffende Strom zusammengebrochen war. Das war die Ruptur.
Was sie nicht verstanden hatten, war, dass sich ein Strom in dynamischer Hinsicht nicht wie Energie verhielt, sondern wie eine Flüssigkeit, in der sich die Entsprechung von Druckwellen ausbreitete, wodurch im Gegenzug Unterdruckbereiche entstanden. Mit der Zündung der Resonanzbombe verstärkten die Wissenschaftler der Freien Systeme nicht nur den Strom, er wurde dadurch kavitiert, was multidimensionale Leerräume erzeugte, die den Strom erschütterten, als er kollabierte.
Der Widerhall des Resonators verflüchtigte sich irgendwann und betraf nicht mehr als den Strom, den er zum Kollaps brachte. Doch die Nachwirkungen der Kavitation breiteten sich durch die Ströme aus und destabilisierten die Bereiche, die der Interdependenz entsprachen, und noch ein paar mehr. Soweit Marce erkennen konnte, deutete die Mathematik darauf hin, dass sie sich immer noch ausbreiteten und dabei durch die unbeschreibbare Struktur der Ströme hallten.
Die Mathematik ließ unzweifelhaft erkennen, dass sowohl die Kavitationen als auch die Vibrationen vorhanden waren. Entweder hatten die Wissenschaftler, die den Resonator entwickelt hatten, das übersehen, oder sie hatten es bemerkt, die Konsequenzen verstanden und beschlossen, sie zu ignorieren.
Oder sie hatten sie gar nicht ignoriert. Vielleicht hatten sie gesehen, dass die Nachwirkungen sie fünfzehn Jahrhunderte in der Zukunft heimsuchen würden, und entweder beschlossen, das Problem von der Zukunft lösen zu lassen, oder darauf gehofft, dass sie bis dahin eine Möglichkeit gefunden hatten, die Angelegenheit in den Griff zu bekommen.
Nur dass ihnen das nicht gelungen war. Durch die folgende Ruptur war die Zivilisation der Freien Systeme in eine Anarchie gestürzt, die so umfassend war, dass weite Bereiche der Geschichte und Wissenschaft für ihre Nachkommen verloren gingen. Deshalb waren diese Nachkommen nicht nur völlig unvorbereitet, sich mit den Konsequenzen der Ruptur auseinanderzusetzen, sondern sie wussten nicht einmal, dass es zu diesen Konsequenzen kommen würde.
Marce fragte sich, ob die Wissenschaftler der Freien Systeme ihre Politiker und Staatsoberhäupter vor den Konsequenzen der Ruptur gewarnt hatten, ob sie sich Sorgen gemacht hatten, was sie, ungezählte Generationen in der Zukunft, auf ihre Kinder losließen, oder ob sie einfach nur von ihrem Vorhaben begeistert gewesen und mit naivem Optimismus davon ausgegangen waren, dass alle eventuellen Probleme noch zu ihren Lebzeiten gelöst werden würden.
Wie auch immer es gewesen war, sie hatten es gründlich vermasselt.
»Du hattest recht«, sagte Marce später zu Cardenia, als er versuchte, ihr all das zu erklären. »Menschen sind schrecklich, und man darf ihnen kein Wissen anvertrauen. Wir waren besser dran, als wir in Höhlen wohnten und Stöcke aneinanderrieben, um Feuer zu machen.«
Cardenia lächelte. Anscheinend war Marces Bitte um Entschuldigung angenommen worden.
Abgesehen von Marces derzeitigem Pessimismus hinsichtlich der Natur der Menschheit hatte er einen Vorteil gegenüber den unglückseligen Wissenschaftlern der Freien Systeme, und das war der Umstand, dass er die Natur der Ströme und die Art und Weise verstand, wie sie durch die »Kavitation« beeinflusst wurden. An diesem Punkt gab es keine Möglichkeit, die Auswirkungen der Kavitation, die vor eintausendfünfhundert Jahren begonnen hatten, zu stoppen. Die sogenannten stabilen Ströme der Interdependenz waren zum Kollaps verdammt und würden sich in den nächsten Jahrtausenden nicht mehr neu bilden. Daran gab es nichts zu rütteln.
Doch dieselbe Kavitation, die die stabilen Ströme zerstörte, erzeugte gleichzeitig die evaneszenten Ströme als chaotisches Resultat der Kavitation, die sich wellenförmig durch das Medium der Ströme ausbreitete. Die evaneszenten Ströme waren eigentlich gar nicht neu – die Mathematik deutete darauf hin, dass sie schon seit Jahrhunderten immer wieder auftauchten. Aber sie bildeten Cluster und traten zu manchen Zeiten häufiger auf als zu anderen. Derzeit erlebten die Menschen der Interdependenz eine evaneszente Clusterbildung, die für ein paar Jahrzehnte Bestand haben würde. Marce sagte voraus, dass weitere Cluster in Zeitabständen entstehen würden, die oberflächlich betrachtet unregelmäßig erschienen, aber mathematisch bestimmt waren.
»Was bedeutet das für uns?«, wollte Cardenia wissen.
»Im Moment nicht viel«, räumte Marce ein. »Aber wenn wir herausfinden können, wie sich diese evaneszenten Ströme und ihre Mündungen beeinflussen lassen, könnten wir dadurch etwas Zeit gewinnen. Wir müssten nicht alle Menschen auf einmal umsiedeln. Wir könnten sie etappenweise befördern, von einem System zum nächsten, bis schließlich alle auf Ende enden.«
»Und wie lange würde das dauern?«
»Vielleicht ein paar hundert Jahre?«
»Wir können das Parlament nicht einmal dazu bewegen, einem Plan zuzustimmen, wenn wir ihm dazu sechs Monate Zeit geben«, gab Cardenia zu bedenken.
»Ich stimme dir zu, dass die Menschen das Problem sind«, sagte Marce.
»Und wie lösen wir das?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht sorgen wir dafür, dass sie länger leben, damit sie sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellen müssen.«
»Du bist ein Optimist«, sagte Cardenia.
»Scheint so.«
Cardenia lachte leise, was Marce glücklich machte. Dann fragte sie: »Wie können wir die evaneszenten Ströme beeinflussen?«
»Wir bauen einen Resonator.«
Cardenia lächelte nicht mehr. »Dasselbe, was dieses ganze Problem ausgelöst hat?«
»Nicht genau dasselbe. Etwas Ähnliches. Unsere Version würde eine Strommündung erweitern, statt sie zum Kollaps zu bringen.«
»Wie lange würde es dauern, so etwas zu bauen?«
»Nicht allzu lange. Die Pläne stecken in den Daten. Das größte Problem ist, dass es eine wahnsinnige Menge Energie benötigt.«
»Wie viel?«
»So viel, dass wir Xi’an damit monatelang beleuchten könnten. Nur dass all diese Energie schlagartig freigesetzt wird. Doch bevor wir so weit kommen, muss ich die Bildung einer evaneszenten Strommündung beobachten. Ich muss überprüfen, ob die tatsächlichen Ereignisse zu den Daten passen, die ich habe. Ich brauche zumindest einen akkuraten Datensatz, bevor ich irgendetwas anderes tun kann.«
»Wann kannst du das machen?«
»Nun, die gute Neuigkeit ist, dass wir ein solches Ereignis für das Nabe-System in zehn Tagen vorhersagen können«, antwortete Marce. »Die weniger gute Neuigkeit ist, dass ich acht Tage brauchen werde, um mit der Auvergne dorthin zu gelangen. Also muss ich morgen aufbrechen.«
Cardenia runzelte die Stirn. »Das kommt plötzlich.«
»Ich hätte es dir früher gesagt, aber wir hatten einen Streit. Und dann mussten wir uns mit Kiva beschäftigen.«
»Richtig.« Cardenia war nicht von der Theorie der Gräfin überzeugt, was mit ihrer Tochter geschehen war, aber Marce hatte sie gedrängt, von den Ermittlern in Nabenfall Nachforschungen anstellen zu lassen, ob es vermisste Frauen gab, auf die Kivas Personenbeschreibung ungefähr passte.
»Ich habe Chenevert bereits informiert, und er ist bereit, jederzeit aufzubrechen. Wir brauchen nur deine Startfreigabe.«
»Ich könnte dich einfach hierbehalten«, sagte Cardenia. »Chenevert kann sich um alles kümmern.«
»Ich möchte es mit eigenen Augen sehen.«
»Du kannst es nicht einmal sehen. Strommündungen sind für das menschliche Auge unsichtbar.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Ja.«
»Mach dir keine Sorgen. Es sind zwei Wochen, und ich bleibe im System. Du kannst mir sogar schreiben. Das funktioniert mit Lichtgeschwindigkeit.«
Cardenia stieß ihn an. »Danke. Das klingt, als würde ich mich an dich klammern.«
»Dagegen habe ich nichts.«
»Ich werde dich daran erinnern, dass du das gesagt hast, wenn ich dir dann sechzehn Nachrichten pro Tag schicke.«
»Ich kann es gar nicht erwarten.«
Cardenia wurde wieder ernst. »Glaubst du, dass wir so etwas tatsächlich schaffen können?«
»Du meinst so etwas wie ›im Alleingang eine neue Theorie der Strom-Physik ausarbeiten, um eine Möglichkeit zu finden, Strommündungen auf eine Weise zu beeinflussen, wie es nie zuvor versucht wurde, damit wir Milliarden Menschen retten können, obwohl andere Leute hartnäckig versuchen, uns zu ermorden und unsere Pläne zu vereiteln‹?«
»Ja«, sagte Cardenia. »Genau das.«
»Nein«, sagte Marce, weil er fand, dass er in diesem Punkt ehrlich zu Cardenia sein sollte. »Ich glaube nicht, dass wir es tatsächlich schaffen werden.«
»Warum versuchen wir es dann?«, wollte Cardenia von ihm wissen.
Marce dachte einen Moment nach. »Ich habe mir eine Menge Gedanken über die Wissenschaftler gemacht, die die Ruptur auslösten«, sagte er dann. »Was ihnen durch den Kopf ging, als sie es ausgearbeitet haben, als sie das Ding gebaut und aktiviert haben. Und was sie dachten, als es zur Folge hatte, dass alles um sie herum zusammenbrach. Verstehst du?«
»Ja.«
»Ich habe die Chance, daran mitzuarbeiten, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Keine große Chance, ich weiß. Eher eine sehr kleine Chance. Eins zu einer Million vielleicht. Eigentlich lohnt es sich kaum. Aber die Alternative wäre, nichts zu tun. Dann würden wir unser Schicksal von ebendiesen Wissenschaftlern der damaligen Epoche entscheiden lassen. Wenn wir scheitern, würde es nicht daran liegen, dass wir nichts getan haben. Wir würden kämpfend untergehen. Wir würden untergehen, während wir versuchen, alle zu retten.«
»Heirate mich«, sagte Cardenia.
»Moment, was?«, sagte Marce.
»Heirate mich«, wiederholte Cardenia.
»Ist das dein Ernst?«, sagte Marce nach einer Weile.
»Ja.«
»Ich … das ist … du, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre.«
»Also willst du mich nicht heiraten.«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Und was willst du damit sagen?«
Marce suchte nach einer eleganten Formulierung, jedoch ohne Erfolg. »Ich stehe gesellschaftlich weit unter dir«, platzte es aus ihm heraus.
Cardenia brach in schallendes Gelächter aus.
»Tut mir leid«, sagte sie, als sie sich wieder beruhigt hatte. »Ich hatte versprochen, so etwas nie wieder zu tun.«
»Schon gut«, sagte Marce. »Wirklich.«
»Danke.«
»Bist du dir sicher? Dass du mich heiraten möchtest.«
»Ja.«
»Warum?«
»Weil du ein guter Mensch bist«, sagte Cardenia. »Weil du einen Kampf führst, von dem du weißt, dass du ihn verlieren wirst, aber du kämpfst trotzdem mit aller Kraft weiter. Weil deine Unbeholfenheit zu meiner passt. Weil niemand meiner gesellschaftlichen Stellung angemessen ist, wenn du es nicht bist. Weil die Momente, in denen ich glücklich bin, die Momente sind, in denen ich mit dir zusammen sein kann. Weil ich auch etwas für mich allein haben sollte, und das bist du. Weil es dich nicht stört, wenn ich im Bett Kuchen esse. Weil ich möchte, dass du weißt, dass du mir viel bedeutet hast, wenn das Ende kommt. Und weil ich dich liebe. Wirklich. Soll ich weitermachen?«
»Nein«, sagte Marce und lächelte. »Nein, ich habe es verstanden. Ich liebe dich auch.«
»Also, willst du mich heiraten?«
»Ja«, sagte Marce. »Ja, Cardenia Wu-Patrick, ich will dich heiraten.«
»Dafür danke ich dir«, sagte Cardenia.
»Dafür, dass ich gesagt habe, dass ich dich heiraten will?«
»Nein … das heißt, ja, das auch. Dafür danke ich dir sehr. Aber ich danke dir, dass du ›Cardenia Wu-Patrick‹ gesagt hast und nicht ›Grayland‹.«
»Ich weiß, wen ich heiraten werde«, sagte Marce.
»Gut.« Cardenia lächelte Marce an, dann schüttelte sie die Hände aus, als würde sie damit eine enorme Menge Stress abbauen. »Ich glaube, ich muss mich hinsetzen. Oder pissen. Eins davon. Vielleicht beides.«
»Wie wäre es mit zuerst das eine und dann das andere?«, sagte Marce.
»Ja. Einverstanden.« Doch bevor sie irgendetwas davon tat, küsste Cardenia ihren Verlobten.
Wie zuvor angemerkt, war es gerade eine turbulente Zeit für Marce.