Prolog

Das Komische war, dass Ghreni Nohamapetan, der amtierende Herzog von Ende, die Boden-Luft-Rakete, die in seinen Fluggleiter krachte, eine Sekunde vor dem Einschlag tatsächlich sah.

Er hatte sich mit Blaine Turnin unterhalten, seinem Verteidigungsminister, der im Nachhinein betrachtet doch nicht so gut in diesem Job war, und zwar über das bevorstehende Geheimtreffen mit einer Rebellengruppe, die versprochen hatte, sich im derzeitigen Bürgerkrieg auf die Seite des Herzogs zu schlagen. Als Ghreni sich Turnin zuwandte, um ihm etwas zu sagen, bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Lichtblitz, der seinen Blick zur dicken Scheibe des Bullauges lenkte, wo die bereits erwähnte Boden-Luft-Rakete mit einem Mal das Sichtfeld beherrschte.

Ich glaube, das ist eine Rakete, wollte Ghreni in diesem Moment bemerken, doch er kam nur dazu, »I…« zu sagen, tatsächlich nur das allererste Phonem jenes sehr kurzen Wortes, bevor die Rakete in den Fluggleiter schlug und alles – offen gesagt – total im Arsch war.

Im folgenden Sekundenbruchteil, während der Fluggleiter plötzlich um mehrere Achsen trudelte und sich der unangeschnallte Blaine Turnin in einen überraschten Fleischball verwandelte, der zwischen den Wänden der Passagierkabine des Fluggleiters hin und her geworfen wurde, formulierte Ghreni Nohamapetan, der amtierende Herzog von Ende, verschiedene gleichzeitige Gedanken, die weniger von seinem Gehirn verarbeitet wurden, sondern eher komplett ausgebildet und sich überlagernd auftauchten, als hätten seine höheren kognitiven Funktionen entschieden, den ganzen Ballast abzuwerfen, damit er das alles später sortieren konnte, falls es ein »Später« gab, was in Anbetracht der Tatsache, dass Blaine Turnins Hals soeben auf beunruhigende Weise erschlafft war, zunehmend unwahrscheinlich wurde.

Vielleicht wäre es einfacher, diese Gedanken in prozentualen Anteilen entsprechend ihrer Anwesenheit in Ghrenis Bewusstseinstheater zu beschreiben.

Zunächst war da ein Scheiße verfickte Scheiße Scheiße verfickt nochmal verfickte Höllenscheiße, was ungefähr 89 % von Ghrenis Bewusstsein beanspruchte und durchaus verständlich war, da sein Fluggleiter immer stärker rotierte und an Höhe verlor.

Ein ferner zweiter Gedanke, der vielleicht 5 % ausmachte, lautete: Wie konnten die Rebellen davon wissen, wir haben dieses Treffen doch erst vor einer Stunde anberaumt, nicht einmal ich wusste, dass ich in diesem Gleiter sitzen würde, und wo zum Teufel bleibt eigentlich die Raketenabwehr, ich bin der Regierungschef eines ganzen Planeten, und hier tobt ein Bürgerkrieg, also sollte man meinen, dass meine Sicherheitsleute etwas mehr auf Zack wären. Das war in der Tat recht viel, um es in diesem Moment zu verarbeiten, so dass Ghrenis Gehirn entschied, vorläufig auf Antworten zu verzichten.

An dritter Stelle mit vielleicht 4,5 % von Ghrenis bewusster Aufmerksamkeit kam: Ich glaube, ich brauche einen neuen Verteidigungsminister. Insofern als Blaine Turnins Körper sich mittlerweile in einer Gestalt präsentierte, dich sich nur als »hochgradig verdreht« beschreiben ließ, war dieser Gedanke vermutlich korrekt und bedurfte keiner weiteren Erwägung.

Womit nur noch der vierte Gedanke übrig blieb, der zwar nur den letzten winzigen Rest von Ghrenis Bewusstsein und kognitiver Energie beanspruchte, aber trotz allem ein Gedanke war, der ihm bereits zuvor und des Öfteren gekommen war – sogar so oft, dass sich behaupten ließ, er hätte ihn in vielerlei Hinsicht definiert und ihn zu dem Mann gemacht, der er heute war, nämlich ein Mann, der enormen Kräften ausgesetzt war, die sowohl gravitativer als auch zentrifugaler Natur waren. Und dieser Gedanke war:

Warum ich?

Und in der Tat – warum Ghreni Nohamapetan? Welche verhängnisvollen Umstände hatten ihn zu diesem Moment seines Lebens geführt, in dem er heftig ins Schleudern geriet, sowohl buchstäblich als auch existenziell, während er versuchte, sich nicht auf die mutmaßliche Leiche seines nunmehr allerhöchstwahrscheinlich ehemaligen Verteidigungsministers zu erbrechen?

Das war eine hochkomplexe Frage mit mehreren maßgeblichen Antworten.

  1. Er wurde geboren;

  2. In eine Adelsfamilie mit dem Ziel, über die Interdependenz zu herrschen, ein Imperium aus Sternensystemen, das seit ein Jahrtausend existiert hatte;

  3. Das zudem durch die Ströme verbunden war, einem Phänomen, das Ghreni nicht verstand, das aber dennoch als superschnelles Verbindungsnetz zwischen den Sternensystemen der Interdependenz fungierte;

  4. Das steuerlich und politisch vollständig von der Imperatox gelenkt wurde, die von Nabe aus herrschte, dem System, durch das nahezu jeder einzelne Strom letzten Endes führte;

  5. Zumindest, bis sich an irgendeinem Punkt in der nahen Zukunft eine große Verschiebung der Ströme ereignete, worauf fast jede Route durch Ende gehen würde, dem derzeit am wenigsten zugänglichen System der Interdependenz;

  6. Weshalb Ghrenis Schwester Nadashe wollte, dass ein Nohamapetan auf Ende den dort herrschenden Herzog stürzte, was sie jedoch nicht tun konnte, weil sie damit beschäftigt war, Rennered Wu zu heiraten, den nächsten Anwärter auf den imperialen Thron, und weil Ghrenis Bruder Amit die Geschäfte des Hauses Nohamapetan führte;

  7. Und deshalb, na gut, wie auch immer, musste es Ghreni sein;

  8. Der nach Ende ging und im Geheimen einen Bürgerkrieg entfachte, noch während er sich öffentlich mit dem bisherigen Herzog verbündete;

  9. Auf den er dann einen Mordanschlag verübte, worauf er die Schuld dem Grafen Claremont gab, von dem Ghreni vermutete, dass er lediglich der imperiale Steuerbeamte war;

  10. Worauf er zum amtierenden Herzog wurde, indem er versprach, den Bürgerkrieg zu beenden, wozu er durchaus imstande war, weil er schließlich derjenige gewesen war, der die Rebellen finanziert hatte;

  11. Doch dann stellte sich heraus, dass Graf Claremont außerdem ein Strom-Physiker war, dessen Forschungen ergaben, dass die Ströme kollabierten und sich nicht verschoben;

  12. Was sich als korrekt erwies, als der Strom zwischen Ende und Nabe, der einzige Strom, der aus dem Ende-System herausführte, kollabierte;

  13. Daraufhin bot der Graf im Geiste des Pragmatismus an, mit Ghreni zusammenzuarbeiten, um Ende auf die bevorstehende Isolation vorzubereiten, die durch den Zusammenbruch nicht nur der Ströme, sondern auch der Interdependenz verursacht wurde, deren Existenz auf den Strömen basierte;

  14. Ghreni nahm das Angebot des Grafen nicht an, und zwar aus, ääääähhhhh, Gründen, um stattdessen den Grafen verschwinden zu lassen;

  15. Weswegen Vrenna Claremont stinksauer war, die Tochter und Erbin des Grafen, die dummerweise obendrein eine ehemalige Offizierin der Imperialen Marines war und sehr viele Verbündete hatte und alles über die Erforschung der Ströme durch ihren Vater wusste;

  16. Wovon sie dann allen Leuten erzählte;

  17. Die nun sauer waren, dass der neue amtierende Herzog sie über die ganze Sache mit dem »Kollaps der Ströme« im Ungewissen gelassen hatte;

  18. Weshalb es diesen neuen Bürgerkrieg gab;

  19. Gegen ihn;

  20. Der von neuen Rebellen ausgetragen wurde;

  21. Die Raketen auf seinen gottverdammten Fluggleiter abfeuerten.

Zu seiner Verteidigung konnte Ghreni nur sagen, dass er nie darum gebeten hatte, geboren zu werden.

Was jedoch ein schwacher Trost war, als sein Fluggleiter auf die Oberflächenstraßen von Endport krachte, die Hauptstadt von Ende, und sich mehrere Male überschlug, bis er völlig zum Stillstand kam.

Ghreni, der während der gesamten Bruchlandung die Augen geschlossen hatte, öffnete sie wieder und stellte fest, dass sein Fluggleiter senkrecht stand. Blaine Turnins Leiche befand sich im Sitz ihm gegenüber, still, gefasst und ruhig, und sah überhaupt nicht danach aus, dass er in der letzten halben Minute wie eine Rumba-Rassel durchgeschüttelt worden war. Nur Turnins Kopf neigte sich in einem Winkel, der vermuten ließ, dass die Knochen in seinem Hals die Konsistenz von zerkochter Pasta angenommen hatten und dass er nicht vielleicht nur ein kurzes und erholsames Nickerchen machte.

Zehn Sekunden später wurden die Türen von Ghrenis zertrümmertem Fluggleiter aufgehebelt, und die Mitglieder seines Sicherheitstrupps – deren Fluggleiter anscheinend nicht einmal ansatzweise unter Beschuss genommen wurden, verdammt, schrie es in Ghrenis Gedanken – lösten ihn aus den Sitzgurten und zerrten ihn grob aus dem Gefährt. Sie schleppten ihn zu einem zweiten Gleiter, der auf dem kürzesten Weg zum herzoglichen Palast zurückkehren würde. Als Ghreni ein letztes Mal auf das Wrack seines Gleiters blickte, sah er, wie Turnins Leiche zu Boden sackte und sich dort wie ein Teppich ausbreitete.

»Finden Sie es nicht verdächtig, dass keiner der anderen Fluggleiter unter Beschuss genommen wurde?«, fragte Ghreni später in einem gesicherten Raum seines Palasts, der tief unter der Erde lag und angeblich wochen- oder gar monatelang Angriffen standhalten könnte, während er rastlos auf und ab ging. »Sämtliche Gefährte waren identisch. Wir hatten keinen Flugplan gemacht. Niemand wusste, dass wir zu diesem Zeitpunkt in der Luft sein würden. Und dennoch, wumm, traf die Rakete einen ganz bestimmten Gleiter, und zufällig war es meiner. Ich muss davon ausgehen, dass mein Sicherheitstrupp unterwandert wurde. Ich muss davon ausgehen, dass sich Verräter in unserer Mitte befinden.«

Jamies, der Graf Claremont, seufzte in seinem Sessel, legte das Buch weg, in dem er gelesen hatte, und rieb sich die Augen. »Sie verstehen sicher, dass sich mein Mitgefühl für Ihre Misere in Grenzen hält«, sagte er zu Ghreni.

Dieser blieb unvermittelt stehen – ihm war bewusst geworden, wem er da eigentlich seine finsteren Verschwörungstheorien darlegte. »Ich weiß einfach nicht mehr, wem ich noch vertrauen kann«, sagte er.

»Mir vermutlich nicht«, gab Jamies zu bedenken.

»Aber irre ich mich?«, hakte Ghreni nach. »Sieht es nicht ganz danach aus, dass es einen Verräter in meiner Sicherheitsabteilung gibt?«

Jamies warf einen kurzen wehmütigen Blick auf sein Buch, und Ghreni bemerkte, dass es ein zerfledderter Band mit dem Titel Der Graf von Monte Christo war. Ghreni vermutete, dass es eine historische Biographie war, und fragte sich müßig, in welchem System Monte Christo liegen mochte. Dann sah er wieder den Grafen an.

»Nein, vermutlich irren Sie sich nicht«, sagte Jamies schließlich. »Wahrscheinlich haben Sie wirklich einen Verräter in Ihren Reihen. Mindestens einen. Vermutlich mehrere.«

»Aber warum

»Nun, es ist nur eine Hypothese, aber es könnte etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass Sie ein Stümper sind, der durch Mordanschläge zum Herzog aufgestiegen ist und seine Untertanen hinsichtlich des bevorstehenden Zusammenbruchs der Zivilisation belogen hat, weswegen Sie nebenbei bemerkt bis heute nichts unternommen haben, um diese Welt auf irgendeine sinnvolle Weise darauf vorzubereiten.«

»Niemand außer Ihnen weiß, dass ich den Herzog ermordet habe«, sagte Ghreni.

»Gut, dann bleibt nur noch ›ein Stümper, der seine Untertanen hinsichtlich des bevorstehenden Zusammenbruchs der Zivilisation belogen hat‹ und so weiter übrig.«

»Halten Sie mich wirklich für einen Stümper?«

Der Graf starrte Ghreni einen Moment lang an, bevor er fortfuhr. »Warum besuchen Sie mich immer wieder, Ghreni?«, fragte er.

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, warum besuchen Sie mich immer wieder? Ich bin Ihr Gefangener und stelle in politischer Hinsicht eine Gefahr für Sie dar. Dass Sie mich gefangen nahmen und verschwinden ließen, ist einer der Hauptgründe, warum Sie in diesen Bürgerkrieg verwickelt sind. Wenn Sie klug wären … nun, wenn Sie klug wären, hätten Sie so gut wie gar nichts von den Sachen tun dürfen, die Sie getan haben. Aber was meine Person betrifft, nun ja, wenn Sie klug wären, hätten Sie Abstand halten und mich in aller Stille verrecken lassen sollen. Stattdessen kommen Sie alle paar Tage hierher, um mich zu besuchen.«

»Sie haben mir einmal Ihre Hilfe angeboten«, rief Ghreni ihm ins Gedächtnis.

»Das war, bevor Sie entschieden haben, es wäre das Beste für Sie, mich in ein tiefes Loch zu werfen«, konterte Jamies. »Ganz zu schweigen davon, dass Sie weiterhin mir die Schuld an einem Mord geben, den Sie begangen haben, und diesen Mordvorwurf dazu benutzen, meiner designierten Erbin alle Rechte zu entziehen. Wie läuft es übrigens damit? Meinen Sie, Vrenna hat sich irgendwie dadurch bremsen lassen, dass ihr die Titel und Ländereien aberkannt wurden?«

»Ich verstehe Ihre Tochter nicht.«

»Wie das?«

Ghreni deutete auf den Grafen Claremont. »Sie sind Wissenschaftler. Sie sind … Sie haben nicht das Zeug zum Rebellen

»So war es einmal«, pflichtete der Graf ihm bei, »bis Sie mich zu einem Rebellen gemacht haben. Und was Vrenna betrifft – Sie haben nie ihre Mutter kennengelernt. Sonst würden Sie sie besser verstehen. Nicht dass es eine Rolle spielen würde, da genauso wie in meinem Fall Sie es waren, der sie zu einer Rebellin gemacht hat, sogar zu einer sehr erfolgreichen.«

»Ich glaube nicht, dass ich dem zustimmen würde.«

»Ja, natürlich, Sie haben recht, es war ein völlig erfolgloser Rebellenanführer, der es geschafft hat, Ihre Sicherheitsabteilung zu unterwandern, mindestens einen Verräter einzuschleusen, Ihre geheimen Reisepläne auszuspionieren und eine Rakete genau auf Ihren Fluggleiter und keinen anderen abzufeuern. Tut mir leid, dass ich da was durcheinandergebracht habe.« Der Graf beugte sich vor, um wieder nach seinem Buch zu greifen.

»Ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann«, sagte Ghreni plötzlich.

Jamies warf dem (amtierenden) Herzog einen Blick zu. »Wie bitte?«

»Sie haben gefragt, warum ich Sie immer wieder besuche«, sagte Ghreni. »Ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann.«

»Sie haben einen kompletten Regierungsapparat, mit dem Sie reden können«, gab Jamies zu bedenken.

»In dem es von Verrätern wimmelt.«

»Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich eher nicht auf Ihrer Seite stehe.«

»Nein, aber« – Ghreni machte eine Handbewegung, die den Raum umfasste – »Sie können nirgendwohin.«

Der Graf hielt erneut inne, als würde er überlegen, wie er auf den Hinweis reagieren sollte, dass er ein Gefangener war, dann nahm er sein Buch in die Hand. »Vielleicht sollten Sie einfach zu einem Therapeuten gehen.«

»Ich brauche keinen Therapeuten.«

»Diesbezüglich würde ich mir, wenn ich Sie wäre, eine zweite Meinung einholen.«

»Ich werde darüber nachdenken.«

»Haben Sie nicht wenigstens Freunde, Ghreni? Selbst wenn es falsche sein sollten?«

Ghreni öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch dann schwieg er.

Jamies, das aufgeschlagene Buch in den Händen, musterte Ghreni aufmerksam. »Ich bitte Sie, mein widerrechtlicher Herzog«, sagte er. »Früher habe ich Sie mit großem Gefolge erlebt, in den Tagen, als Sie noch der Berater des Herzogs waren. Eine ganze Horde von Schwätzern und Schmeichlern. Sie konnten mit den Besten schwätzen und schmeicheln. Nachdem Sie jetzt der Herzog sind, sollten Sie die Möglichkeit haben, sich Ihre Anhänger sorgfältig auszusuchen.«

»Ich habe Freunde«, beteuerte Ghreni.

»In der Tat.« Der Graf hob sein Buch. »Dann sollten Sie vielleicht diese Freunde belästigen.«

»Aber Sie wollen nichts von mir.«

Das wurde mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert. »Eigentlich will ich von Ihnen, dass Sie Ihren Titel ablegen und mich nach Hause gehen lassen.«

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Das ist mir klar«, erwiderte Jamies trocken. »Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass Ihre Einschätzung unzutreffend ist. Ansonsten will ich tatsächlich nichts von Ihnen.«

Ghreni breitete die Hände aus. »Was bedeutet, dass ich mit Ihnen reden kann.«

»Ich plädiere weiterhin für den Therapeuten.«

»Sie könnten mir trotzdem helfen«, sagte Ghreni. »Helfen Sie mir bei den Vorbereitungen auf das, was als Nächstes mit dem Strom geschieht.«

»Sie meinen, obwohl ich Ihr Gefangener bin und Sie in einem Bürgerkrieg gegen meine Tochter kämpfen, die Sie sofort töten würden, sobald sich Ihnen die Gelegenheit dazu bietet.«

»Sie hat gerade versucht, mich zu töten.«

»Wenn Sie versuchen, einen Bürgerkrieg auf ›Aber sie hat angefangen!‹ zu reduzieren, erfüllt mich das keineswegs mit Vertrauen«, sagte Jamies. »Davon abgesehen ist es bereits zu spät. Der Moment, in dem ich Ihnen hätte helfen können, liegt Monate zurück, als ich Ihnen ein entsprechendes Angebot machte, obwohl Sie den Herzog ermordet und mir die Schuld daran gegeben hatten. Damit klarzukommen wäre nicht angenehm gewesen, aber man hätte es umschiffen können. Doch dieser Bürgerkrieg ist etwas, das Sie oder ich nicht mehr umschiffen können. Sie haben zu viele Leute verärgert, die geneigt waren, zu Ihren Feinden zu werden, und zu viele von den Leuten, die vielleicht geneigt waren, Freunde von Ihnen zu werden. Selbst wenn Sie mich jetzt aus dem Hut zaubern würden und selbst wenn ich geneigt wäre, Ihnen zu helfen, würde nach dieser langen Zeit niemand mehr glauben, dass ich nicht unter Zwang handeln würde. Und selbst wenn Vrenna es glauben und die Seite wechseln würde – was sie nie tun würde, nebenbei bemerkt –, würden die anderen einfach ohne sie weitermachen.«

»Was schlagen Sie also vor?«

»Ich glaube, ich erwähnte bereits, dass Sie zurücktreten und mich gehen lassen sollten.«

»Davon abgesehen.«

»Dann würde ich vorschlagen, dass Sie an einem Fluchtplan und einer falschen Identität arbeiten«, sagte Jamies. »Weil ich vermute, dass Ihre noch verbleibende Zeit als Herzog kurz und gewaltsam sein wird. Sie haben bereits Verräter in Ihren Reihen. Sofern Sie nicht schnell neue Freunde finden, sind Sie erledigt.« Endlich widmete sich der Graf wieder seinem Buch.

»Zum letzten Mal, Euer Gnaden, die Imperialen Marines lassen sich nicht in einen innenpolitischen Konflikt verwickeln«, sagte Sir Ontain Mount zu Ghreni, nachdem der (amtierende) Herzog den imperialen Bürokraten von der Raumstation herbeordert hatte, wo er und zufällig auch die Imperialen Marines, die Ghreni brauchte, stationiert waren. Mount und Ghreni tranken Tee im Büro des (amtierenden) Herzogs, das fast genauso eingerichtet war wie zu der Zeit, als der vorherige Herzog es benutzt hatte, weil Ghreni sich nicht die Mühe gemacht hatte, das Mobiliar auszutauschen. »Ich muss Sie nicht daran erinnern, dass die derzeitige imperiale Politik vorschreibt, dass die Marines ausschließlich zur Verteidigung des interstellaren Handels eingesetzt werden dürfen sowie für Aktionen, die auf imperialer Ebene beschlossen werden. Das heißt, direkt von der Imperatox.«

»Es gibt keinen interstellaren Handel«, sagte Ghreni, »und keine Möglichkeit, die Imperatox wegen irgendwelcher Aktionen zu kontaktieren. Ihre Marines sitzen untätig herum.«

»Die Ströme, die ins System führen, sind vorläufig aktiv, also treffen weiterhin Handelslieferungen ein, und die Imperatox könnte weiterhin Befehle übermitteln«, sagte Mount ausdruckslos. »Und was den letzteren Teil betrifft, Sir, die Imperialen Marines mischen sich nicht in innenpolitische Konflikte ein, um ein bisschen zu trainieren. Wie dem auch sei, als ich mich einverstanden erklärte, dass Sie den Mantel des Herzogs von Ende in amtierender Funktion anlegen, ging ich davon aus, dass Sie den Bürgerkrieg hier auf dem Planeten beenden wollten.«

»Das habe ich getan!«

»Für ungefähr drei Wochen«, stellte Mount fest. »Man könnte behaupten, es wäre gar nicht das Ende eines Bürgerkriegs gewesen, sondern nur eine Atempause zwischen den Kampfhandlungen.« Er nahm einen Schluck von seinem Tee.

Ghreni knirschte mit den Zähnen, weil er verstand, dass Mount eigentlich gar nicht so begriffsstutzig war, wie er zu sein vorgab. Der imperiale Bürokrat wusste genau, dass die Akteure im aktuellen Bürgerkrieg sehr unterschiedlich waren und verschiedene Ziele verfolgten. Aber er war auch nicht daran interessiert, dass sich seine kostbaren Marines für Ghreni schmutzig machten. Das war Mounts nicht allzu subtile Art, ihm zu sagen: Sie haben sich in diese Scheiße hineingeritten, also finden Sie auch wieder heraus.

»Dann gestatten Sie mir zumindest, mir einiges aus Ihrem Arsenal auszuborgen«, sagte Ghreni. »Zumal das vorhandene Material derzeit unbenutzt ist.«

»›Ausborgen‹?« Mount gluckste dezent in seinen Tee. »Mein lieber Herzog, man kann sich keine Patronen oder Raketen ausborgen. Sobald sie zum Einsatz kommen, sind sie verbraucht.«

»Ich werde bereitwillig für das bezahlen, was ich benötige.«

»Was ist mit der Waffenlieferung passiert, die Sie vor einigen Monaten von diesen Piraten konfisziert haben?«, fragte Mount. »Die Lieferung, die für den vorherigen Herzog gedacht war, dann aber abgefangen wurde? Ich war davon ausgegangen, dass Sie die Waffen aus den Pranken der perfiden Piraten befreit hatten.«

Ghreni gab sich erneut dem Zähneknirschen hin. Ihm war klar, dass Mount auch die Antwort auf diese Frage wusste, und er ärgerte sich zusätzlich über die spöttische Alliteration des Bürokraten. »Ein Teil dieser Lieferung wurde bei einem Angriff zerstört. Der Rest wurde von den derzeitigen Rebellen gestohlen.«

»Das ist bedauerlich. Auf dieser Lieferung scheint wirklich ein Fluch zu liegen.«

»Das sehe ich genauso«, sagte Ghreni und trank von seinem Tee, um einen Wutausbruch zu verhindern.

»Es ist möglich, dass die Rakete, die Sie getroffen hat, ein Teil dieser Lieferung war, Euer Gnaden.«

»Dieser Gedanke ist auch mir gekommen.«

»Es hätte eine gewisse Ironie.« Mount stellte seine Teetasse ab. »Es ist schade, dass Ihr Vorgänger nicht in der Lage war, seinen Bürgerkrieg zu beenden und Sie deshalb einige seiner Schwierigkeiten geerbt und vielleicht um ein paar eigene Schwierigkeiten ergänzt haben. Doch was für ihn galt, gilt nun auch für Sie. Die Imperialen Marines müssen sich in diesem Konflikt neutral verhalten. Ich bin davon überzeugt, dass Sie das verstehen.«

Die Tür zum Büro des (amtierenden) Herzogs wurde geöffnet, und eine Assistentin trat mit einem Tablet ein, das sie Ghreni vorlegte. »Eine Nachricht von hoher Priorität, Euer Gnaden«, sagte sie. »Verschlüsselt. Für Sie persönlich. Sie soll unmittelbar nach Empfang gelesen werden.«

»Etwas Ernstes?«, fragte Mount.

Ghreni blickte auf den sichtbaren Absender der Nachricht. »Familienangelegenheiten«, sagte er zu Mount. »Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.«

»Selbstverständlich.« Mount griff nach seinem Tee.

Ghreni bestätigte seine biometrischen Daten, und die Textnachricht von seiner Schwester Nadashe wurde geöffnet.

Ghreni,

Wenn du dies liest, ist es auf dieser Seite schlecht gelaufen. Was es ist, kann ich dir nicht sagen, weil ich dies im Voraus geschrieben habe. Aber was auch immer geschehen ist, ich habe den Ersatzplan in Kraft gesetzt.

Der folgendermaßen aussieht: Ich schicke dir einen Truppentransporter, die Prophecies of Rachela. Sie ist schwer bewaffnet und mit 10000 Imperialen Marines bemannt. Der Kommandant und der größte Teil des Führungsstabs sind unsere Leute; diejenigen, die nicht dazugehören, werden die Reise vermutlich nicht überleben. Das Schiff dürfte kurz nach dieser Nachricht eintreffen.

Falls du deinen kleinen Bürgerkrieg auf Ende noch nicht erledigt hast, wird die Rachela dir beim Aufräumen helfen. Es wäre hilfreich, wenn du der Herzog von Ende wärst, wenn die Rachela eintrifft, und wenn nicht, wirst du es sein, nachdem die Rachela ihren Auftrag ausgeführt hat.

Danach wird der Kommandant der Rachela die Führung über die dortigen Imperialen Marines übernehmen, ob die derzeitige Führungsebene es gutheißt oder nicht. Dann werdet ihr beide die Kontrolle über die Strommündungen übernehmen und euch auf unsere Ankunft vorbereiten, die auf die eine oder andere Weise stattfinden wird.

Du hast eine Menge Arbeit vor dir, kleiner Bruder. Leg los.

Und verpatz es nicht.

Bis bald,

Nadashe

Ghreni konnte sich ein Grinsen nicht vergreifen und schloss die Nachricht, womit sie gelöscht wurde. Dann formatierte er das Tablet und machte es schließlich unbrauchbar, weil man nie zu vorsichtig sein konnte.

»Gute Nachrichten?«

»Wie bitte?«, sagte Ghreni zu Mount, während er das nunmehr inaktive Tablet auf den Tisch legte.

»Sie haben gelächelt«, sagte Mount. »Ich habe gefragt, ob Sie gute Nachrichten von zu Hause erhalten haben.«

»So könnte man es ausdrücken.«

»Gut«, sagte Mount. »Sie könnten ein paar gute Nachrichten gebrauchen, falls Sie mir diese Bemerkung gestatten.« Er trank von seinem Tee.

Ghreni stellte sich Sir Ontain Mount vor, wie er tot sein würde, nachdem die Rachela eingetroffen war, und lächelte erneut.

Und während er das tat, gingen ihm mehrere Gedanken durch den Kopf, diesmal jedoch der Reihe nach und nicht alle auf einmal. Diese Gedanken lauteten:

Verdammte Scheiße, ich bin gerettet!

Die Rachela sollte lieber verdammt schnell hier eintreffen!

Wie in aller Welt konnte es für Nadashe schlecht laufen?

Und schließlich:

Was zum Teufel geht da draußen eigentlich vor sich?