Seit fünf Tagen, von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, hielt sich Kiva in der Messe der Our Love auf. Dem äußeren Anschein nach tat sie nichts außer Tee trinken, das zu essen, was im Schiff als Essen durchging, und eine Folge nach der anderen von Die Imperatoxe aus dem letzten Jahrzehnt zu schauen, einer beliebten Serie über das Leben historischer Imperatoxe, jeweils eine Staffel pro Herrscher. Das war eine tolle Idee, da es bislang achtundachtzig Imperatoxe gegeben hatte, weshalb die Serie das Potenzial hatte, noch für einige Zeit fortgesetzt zu werden.
Kiva saß an einem Tisch, die Beine auf einen anderen Stuhl hochgelegt, die Kopfhörer aufgesetzt, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, um die Hauptfigur dieser Staffel zu beobachten, wie sie mit Sex, Blut und Intrigen beschäftigt war. Für gewöhnlich wurde die Handlung gegenüber den tatsächlichen historischen Tatsachen aufgemotzt, doch zumindest in einer Staffel geschmackvoll heruntergespielt. Im Allgemeinen überließ man Kiva ihren Tisch, aber zu den üblichen Essenszeiten, wenn es in der Messe voller wurde, stellte sie die Füße auf den Boden und ließ andere an ihrem Tisch Platz nehmen, wobei sie vorgab, sie und ihre Gespräche zu ignorieren, während sie gebannt die fiktionalisierten imperialen Intrigen verfolgte.
In Wirklichkeit interessierte sich Kiva einen Scheiß für Die Imperatoxe. Sie hatte eine Nebenrolle im tatsächlichen Leben einer realen Imperatox gespielt, was mehr als genug Drama für ein ganzes Leben war, besten Dank auch. Die fiktionalisierten Versionen waren allerhöchstens verfickt langatmig. Aber wenn man die Gespräche anderer Leute belauschte, war es sinnvoll, so zu tun, als wäre man beschäftigt. Kivas Kopfhörer waren stumm geschaltet, während die Serie auf ihrem Tablet weiterlief und während sie hauptsächlich auf den Bildschirm blickte, schaute sie jedes Mal auf, wenn sie einen Schluck Tee nahm, und brachte Stimmen mit Gesichtern in Verbindung.
Mit Ausnahme von Kapitän Robinette, der seine Mahlzeiten allein einnahm, und der Sexarbeiter, die keine außerdienstlichen Kontakte zur Besatzung pflegten, kamen alle früher oder später in die Messe. Die Our Love war entweder zu klein für eine Offiziersmesse, oder Robinette scheute die zusätzlichen Kosten. Die gesamte Bevölkerung des Schiffs musste essen, und wenn die Leute hereinkamen, hörte Kiva zu und lernte.
Und Folgendes lernte sie:
Dass Besatzungsmitglied Harari langsam an einer Lungenkrankheit starb, weil die üblichen Behandlungen bei ihm nicht anschlugen. Er hatte sich für die Our Love anheuern lassen, um zwei neue Lungen finanzieren zu können, aber diese Reise war ein finanzieller Verlust, weil es keine Fracht gab, für die er eine Gewinnbeteiligung bekommen hätte, sondern nur diese blöde Passagierin. Sein Lohn war kaum kostendeckend, und er hatte bereits Schwierigkeiten beim Atmen.
Dass der Zweite Ingenieur Bayleyf mitgehört hatte, wie sich Chefingenieur Gibhaan mit Kapitän Robinette über den bedenklichen Zustand des Generators gestritten hatte, der die Blase aus Raumzeit erzeugte, von der die Our Lovewährend ihres Fluges durch den Strom umgeben war. Ein kurzes Flackern dieses Feldes, und sie alle würden einfach aufhören zu existieren, bevor ihnen überhaupt bewusst wurde, dass sie tot waren. Gibhaan warnte den Kapitän, dass der Generator genauso wie mehrere andere lebenswichtige Gerätschaften nachgerüstet werden musste. Robinette hatte zu Gibhaan gesagt, dass er die Situation nicht so dramatisieren sollte.
Dass Chefsteward Engels die Preise erhöht hatte und erneut die Differenz abschöpfte.
Dass Doc Bradshaw sauer war, dass ihre Kabine schon wieder mit einem gottverdammten Passagier belegt war.
(Genau genommen hatte Kiva das bereits gewusst. Bradshaw hatte sich ihr gegenüber bei ihrer ersten Begegnung entsprechend geäußert, als sie sich Kivas Verletzungen angesehen und dann gesagt hatte, dass sie es überleben würde, ohne ihr mehr als nur ein leichtes Schmerzmittel anzubieten. Kiva konnte das nachfühlen, aber sie würde bestimmt nicht auf dem verfickten Boden im Frachtraum schlafen. Also musste Doc Bradshaw es einfach schlucken.)
Dass der Erste Offizier Nomiek Grund zur Annahme hatte, dass Robinette die Besatzung belog, was die Profitabilität dieser speziellen Reise betraf, was gar nicht gut war, weil Nomiek überdies Gründe zur Annahme hatte, dass Robinette die Besatzung genauso hinsichtlich der Profitabilität der letzten paar Reisen belogen hatte und dass Robinette im Allgemeinen ziemlich durchtrieben war – mehr als das übliche Ausmaß von Durchtriebenheit, das mit der Existenz eines freien Händlers (sprich: eines Schmugglers) verbunden war.
Dass Jeanie und Roulf, die Sexarbeiter des Schiffs, bemerkt hatten, dass die Besatzung während dieser Reise unzufriedener als sonst zu sein schien, was ärgerlich war, weil es bedeutete, dass die beiden deutlich mehr Zeit damit verbrachten, als Ersatztherapeuten tätig zu werden, statt das zu tun, wofür sie bezahlt wurden, nämlich die Besatzungsmitglieder auf kompetente und effiziente Weise zu befriedigen, weil sie pro Termin bezahlt wurden und kein regelmäßiges Gehalt bekamen. Wenn Robinette seine Leute unbedingt verärgern wollte, sollte er wenigstens für einen gottverdammten Therapeuten bezahlen.
Und so weiter. Nach fünf Tagen wusste Kiva alles, was sie über alle und alles an Bord der Our Love wissen musste, und es gelang ihr, ohne sich bei irgendwem einschmeicheln zu müssen, ohne Schlussfolgerungen aus Andeutungen ziehen oder Informationen aus jemandem herausvögeln zu müssen (was sie in der Vergangenheit bekanntlich oft getan hatte, aber nun zu vermeiden versuchte, weil sie sich weiterhin darum bemühte, dieses Monogamieding durchzuziehen, auch wenn sie mutmaßlich verstorben war). Dazu waren lediglich Kopfhörer und die Bereitschaft nötig, den Eindruck zu erwecken, sie würde sich für ein Unterhaltungsprogramm interessieren. Das war für Kiva völlig in Ordnung, denn nach ihrer Einschätzung bestand die Besatzung der Our Love ausschließlich aus verfickten Nervensägen, lauter Leute, die Schmuggler wurden, weil niemand in der legalen Welt jemals die Scheiße dulden würde, die sie ihr zumuteten.
Doch was Kiva mit einem Tablet und Kopfhörern erreichen konnte, war begrenzt. Also verlegte sie sich für die nächste Phase auf Romane. Dann wartete sie auf die passende Unterhaltung, in die sie sich einbringen konnte.
Sie musste nicht lange warten. Am ersten Tag, an dem sie sich mit dem Roman beschäftigte – irgendeine blödsinnige Alternativweltgeschichte, in der die Interdependenz noch Verbindung mit der Erde hatte und alle einen Krieg führten oder etwas in der Art –, kamen die Besatzungsmitglieder Salo und Himbe in die Messe und ließen sich am Tisch neben dem von Kiva nieder, wo sie sich über ihre prekäre Bezahlung für diese spezielle Reise beklagten. Kiva ließ sie eine Weile ablästern, bis sie sich mit ihren Leidensgeschichten gegenseitig auf die Palme gebracht hatten, um den richtigen Moment abzupassen, ein amüsiertes Schnaufen auszustoßen.
»Haben Sie etwas gesagt?«, wandte sich Salo an Kiva.
»Was? Nein«, sagte Kiva. »Ich bin nur voll in diesem blöden Buch, das ich gerade lese. Entschuldigung, ich wollte Sie nicht unterbrechen.«
Die beiden widmeten sich wieder ihren Wehklagen, bis Kiva erneut ein amüsiertes Schnaufen ausstieß.
»Also gut, was ist los?«, fragte Himbe.
»Was soll los sein?«, fragte Kiva mit unschuldigem Blinzeln zurück.
»Das war schon das zweite Mal, dass Sie geschnauft haben, als wir darüber sprachen, wie wenig wir auf dieser Reise verdienen.«
»Tut mir leid«, sagte Kiva. »Es war wirklich nur Zufall. Ich musste über etwas lachen, das irgendein Idiot in diesem Roman sagt. Aber wo Sie es erwähnen, es will mir nicht einleuchten, warum diese Reise so schlimm für Sie ist.«
»Sie ist deshalb so schlimm, weil wir keine Fracht transportieren, sondern nur Sie«, sagte Salo.
»Das verstehe ich«, sagte Kiva. »Ich bin wirklich keine gut verkäufliche Ware, weshalb Sie keinen Anteil irgendwelcher Gewinne erhalten. Aber das bedeutet nicht, dass das Schiff mit mir keinen Profit erwirtschaftet.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine, dass die Our Love eine komplette Besatzung damit beschäftigt, meinen Arsch nach Bremen zu schaffen. Keine sonstige verfickte Fracht. Diese Reise ist einigermaßen kostspielig. Kapitän Robinette kommt mir nicht wie jemand vor, der diesen Flug aus reiner Herzensgüte unternimmt.«
»Vielleicht ist er jemandem, der Sie hopsgenommen hat, einen Gefallen schuldig«, sagte Himbe.
»Einen mächtigen Gefallen«, sagte Kiva und wandte sich wieder ihrem Buch zu. Himbe und Salo gingen, während sie sich weiter leise unterhielten.
Ein paar Stunden später kam eine Assistentin des Chefstewards namens Plemp hereinspaziert, holte sich etwas Tee und fragte, ob sie sich an Kivas Tisch setzen dürfte. Kiva, die nicht von ihrem Roman aufblickte, der inzwischen irgendwie immer schlechter geworden war, zuckte mit den Schultern. Plemp nahm Platz.
»Ich habe gehört, Sie hätten Salo und Himbe gesagt, Sie wüssten, dass das Schiff auf dieser Reise Gewinn macht«, sagte sie, nachdem sie ein paar Minuten lang unbehaglich dagesessen und schweigend Tee getrunken hatte.
»Wer?«
»Salo. Himbe. Sie sagten, Sie hätten vor einer Weile mit ihnen gesprochen.«
»Ich weiß nicht, mit wem ich gesprochen habe. Ich habe nur in meinem Buch gelesen, als sie plötzlich mich ansprachen. Ein wenig unhöflich, wenn Sie mich fragen.« Kiva widmete sich wieder ihrem Buch. Plemp nahm betreten einen Schluck von ihrem Tee.
»Und? Macht das Schiff mit Ihnen Gewinn?«, fragte Plemp, als ihre Neugier wieder die Oberhand gewann.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Kiva. »Das habe ich nie behauptet. Ich habe nur erwähnt, es würde mich überraschen, wenn das Schiff nichts an mir verdient. Allerdings hat Kapitän Robinette gesagt, er würde mit dieser Reise doppelt so viel Gewinn machen wie in den letzten zwei Jahren.«
»Das hat er gesagt?«
»Zumindest sinngemäß. Ich war damals stinksauer und erinnere mich nicht an den genauen Wortlaut. Aber ja.«
»Also machen wir Gewinn«, sagte Plemp.
Kiva zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Oder die Gewinne in den letzten paar Jahren waren wirklich beschissen.«
An diesem Abend in der Messe bemerkte Kiva, dass verdammt viele Blicke auf sie gerichtet waren. Sie achtete nicht weiter darauf und las die restlichen Seiten des furchtbar verfickten Romans.
Am nächsten Morgen klopfte es an der Tür zu ihrem Besenschrank. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und sah den Zweiten Maat Wendel, von dem sie wusste, dass er dem Ersten Offizier Nomiek besonders nahestand, sowohl in philosophischer als auch anderer Hinsicht, die stark darauf hindeutete, dass sie wilden Sex miteinander hatten.
»Es gibt Gerüchte, sie wüssten einiges über die finanzielle Situation des Schiffs«, sagte Wendel.
»Ich bin eine verfickte Gefangene«, sagte Kiva. »Ich weiß hier einen Scheißdreck über irgendwas.«
Wendel wirkte verwirrt. »Das ist nicht das, was ich dem Getippel an Bord entnehme.«
»›Getippel‹? Erstens ist das, soweit ich weiß, kein richtiges verficktes Wort, und zweitens hat Ihr Kapitän Robinette mir unmissverständlich klargemacht, dass er mich ins verfickte Vakuum befördern wird, wenn ich die Schiffsroutine störe, ganz gleich, ob er damit seine Vereinbarungen mit Nadashe Nohamapetan verletzt oder nicht. Also werde ich nicht herumlaufen und Gerüchte in die Welt setzen, und jeder, der sagt, ich würde so etwas versuchen, verfolgt damit die Absicht, mich umzubringen.«
Wie Kiva erwartet hatte, ignorierte Wendel den letzten Satz. »Was sind das für Vereinbarungen mit Nadashe Nohamapetan?«
»Ich dachte, Sie wüssten das«, erwiderte Kiva. »Ich dachte, alle wüssten das. Robinette sagte, Sie alle wüssten, warum ich an Bord dieses Schiffs bin.«
»Wir wissen, dass wir Sie transportieren«, sagte Wendel. »Wir wissen, dass Sie unsere einzige Fracht sind. Wir wissen nicht, warum oder wer den Auftrag dazu gegeben hat.«
»Jedenfalls haben Sie es nicht von mir gehört. Ich möchte nicht in die Verlegenheit kommen, mir eine Luftschleuse aussuchen zu müssen.«
»Entspannen Sie sich. Ich bin nicht hier, um Sie zu verpetzen.«
»Ich werde mich daran erinnern, dass Sie das gesagt haben, wenn ich in den Strom hinausgeschubst werde.«
»Nadashe Nohamapetan war eine Passagierin dieses Schiffs.«
»Davon habe ich gehört.«
»Sie war nicht gerade beliebt.«
»Das liegt daran, dass sie ein Arschloch ist«, sagte Kiva.
»Das stimmt allerdings«, räumte Wendel ein.
»Und ein Fiesling«, fügte Kiva hinzu. »Es überrascht mich, dass Ihr Kapitän nicht im Voraus für diesen Job bezahlt wurde.«
»Was?«
»Nun ja, er hat ein bisschen was bekommen«, sagte Kiva. »Er scheint mit dem zufrieden zu sein, was er sich in die Tasche stecken kann. Sehr zufrieden. Doch angeblich erhält er am Ende eine weitere Teilzahlung. Ich sage ›angeblich‹, weil es ein riskanter Einsatz für ihn ist.«
»Und warum ist er das?«
»Weil Nadashe scheißpleite ist, darum. Ich muss es wissen – ich habe ihr Haus geleitet, nachdem sämtliche Angehörigen dieser Familie als Verräter aufgeflogen sind, und ich habe all ihre geheimen Konten eingefroren. Deshalb bin ich überhaupt noch am Leben. Sie braucht mich, um wieder an ihr Geld zu kommen.«
»Woher hatte sie dann das Geld für die Vorauszahlung?«
»Da bin ich überfragt, weil ich mit ihren neuesten Gaunereien nicht so gut vertraut bin. Aber vermutlich war es der letzte Rest des Geldes, das sie noch hatte. Ich schätze, wenn die Our Love in das Nabe-System zurückkehrt, wird sie dasselbe tun, was sie auch mit ihrem letzten Geschäftspartner getan hat.«
»Wer war das?«
»Ein Typ namens Drusin Wolfe.«
»Was hat sie getan?«
»Haben Sie vor Ihrem Abflug die letzten Nachrichten von Nabenfall hochgeladen?«
»Ja.«
»Dann können Sie selbst nachsehen.«
Einen Tag später, kurz nach dem Mittagessen, wartete Chefingenieur Gibhaan auf Kiva, als sie aus der Toilette kam. »Das ist verfickt unheimlich«, sagte sie zu ihm.
»Gibt es einen Ort, wo wir unter vier Augen miteinander reden können?«, fragte Gibhaan.
»Nicht, nachdem Sie mir aufgelauert haben, während ich kacken war, nein.«
»Hören Sie, ich meine es ernst.«
»Ich genauso«, sagte Kiva und nahm ihn dann trotzdem in ihren Besenschrank mit.
»Sie haben auf diesem Schiff für eine Menge Unruhe gesorgt«, sagte Gibhaan.
»Das ist das verfickt Letzte, was ich tun wollte«, erwiderte Kiva mit Nachdruck. »Das verstehen Sie doch, oder? Ich habe nicht die Absicht, Ihren Kapitän zu verärgern. Er hat buchstäblich mein Leben in der Hand.« Kiva hielt kurz inne. »Und das von Ihnen allen vermutlich auch.«
»Niemand sagt, Sie hätten irgendetwas gesagt«, versicherte Gibhaan ihr. »Zumindest spricht niemand mit Robinette über diese Sache.«
»Gut.«
»Aber die Leute sind ziemlich sauer, dass der Kapitän ihnen über diesen Job nicht ganz die Wahrheit gesagt hat.«
Kiva sah ihn verwundert an. »Sie sind verfickte Schmuggler.«
»Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man sich um seinesgleichen kümmert. Und wie es aussieht, kümmert sich niemand um uns.«
»Das ist nicht gelogen«, sagte Kiva. »Und es trifft auch auf dieses Raumschiff zu. Es überrascht mich sogar ein wenig, dass es überhaupt noch fliegt. Nichts für ungut.«
»Kein Problem. Ich hatte eine kleine Unterhaltung mit dem Kapitän über den Zustand der Our Love.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte Kiva. »Aber ich selbst war vor nicht allzu langer Zeit die Vertreterin der Eigentümerin eines Fünfers des Hauses Lagos, und ich kann Ihnen sagen, wenn ein Kapitän eins von unseren Schiffen so heruntergewirtschaftet hätte, würde ich ihm wahrscheinlich die Außenseite einer Luftschleuse zeigen.«
»Das wäre eine Überlegung«, sagte Gibhaan.
»Natürlich nicht in diesem Fall«, fuhr Kiva fort. »Ich bin mir sicher, dass Kapitän Robinette beabsichtigt, das Schiff wieder in Schuss bringen zu lassen, sobald er für meine Beförderung durch zwei verschiedene Systeme die zweite Teilzahlung bekommen hat.«
Gibhaan schnaufte. »Falls er diese Teilzahlung bekommt.«
»Das haben Sie gesagt, nicht ich«, stellte Kiva klar und zog eine nachdenkliche Miene. »Wie viel würde es kosten, die Our Love instand zu setzen? Ich meine, ohne es zu übertreiben. Nur damit sie keine verfickte Todesfalle mehr ist.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Befriedigen Sie meine Neugier.«
»Für das Allernötigste drei Millionen Marken«, sagte Gibhaan. »Nur damit wir aus der Kategorie ›fliegende Klapperkiste‹ rauskommen.«
»Und wenn man sie vollständig überholt?«
»Ich könnte dieses Schiff von Bug bis Heck für zehn Millionen Marken aufrüsten.«
»Mehr nicht?«
»Man bringt es im Schmugglergeschäft nicht weit, Lady Kiva, wenn man nicht weiß, wie man möglichst viel aus einer Handvoll Marken rausholt.«
»Das ist gar nichts«, sagte sie und hob sofort eine Hand. »Das war bestimmt nicht respektlos gemeint. Ich meine nur, Scheiße. Dieses Sümmchen könnte ich selbst aufbringen, und zwar sofort, nachdem wir nach Nabe zurückgekehrt sind.«
»Tatsächlich.«
»Ich habe in den letzten paar Jahren ganz gut verdient. Es wäre eine überschaubare Investition. Wobei ich wohl eher eins von Nadashe Nohamapetans Konten flüssig machen würde. Streng genommen sollten diese Konten gar nicht existieren. Niemand könnte sich mit Recht beklagen, wenn man feststellt, dass eins davon für etwas anderes benutzt wird, als dieser Schlampe die Möglichkeit zu geben, sich in einem Haufen Marken zu suhlen. Ich meine, rein theoretisch.«
»Natürlich rein theoretisch«, pflichtete Gibhaan ihr bei. »Wir unterhalten uns nur ein wenig.«
»Es freut mich, dass wir uns verstehen«, sagte Kiva. »Ich möchte keinen Ärger mit Kapitän Robinette. Absolut nicht den geringsten Ärger.«
»Natürlich«, sagte Gibhaan und ging.
Während dieser Nacht erhielt Kiva Besuch von Jeanie und Roulf. »Mit den besten Empfehlungen von einem Verehrer«, sagte Jeanie, und dann versuchten sie und Roulf, sich in der Türöffnung verführerisch zu präsentieren. Kiva dankte ihnen, schickte sie nicht ohne Bedauern fort, holte sich mehrmals einen runter und schlief, von unruhigen Träumen geplagt, ein.
Am nächsten Tag teilte Arsch – oder vielleicht auch Geige, sie konnte sich wirklich nicht mehr erinnern, wer wer war – ihr mit, dass Kapitän Robinette sie sprechen wollte. Kiva machte sich auf den Weg zu seinem Büro, ohne darauf zu achten, wie sie dabei von allen angestarrt wurde.
»Was habe ich Ihnen über Störungen der Schiffsdisziplin gesagt?«, fauchte Robinette ohne Vorrede, als sie in sein Büro trat.
»Was?«, sagte Kiva. »Ich habe mir miserable Historiendramen angeschaut und noch miserablere Romane gelesen. Ich habe fast eine ganze verfickte Woche lang nicht einmal mit einem Ihrer Besatzungsmitglieder gesprochen.«
»Dann verraten Sie mir, woher die Besatzung irgendwie über ein ziemlich detailliertes Wissen verfügt, wer mich beauftragt hat und wie viel mir bezahlt wird.«
»Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ich weiß nicht einmal, wie viel Ihnen bezahlt wird. Sie haben mir nie gesagt, wie viele Marken es genau sind, auch wenn es anscheinend nicht genug ist, um dieses Schiff zu reparieren.«
»Lassen Sie sich nicht vom Anschein täuschen, Lady Kiva. Mit diesem Schiff ist alles in Ordnung.«
»Ich hoffe sehr, dass Sie recht haben«, sagte Kiva. »Mir scheint, dass die Besatzung diese Ansicht nicht teilt.«
»Hat jemand das zu Ihnen gesagt?«
»Niemand sagt irgendetwas zu mir«, erwiderte Kiva. »Aber ich kann hören, was die Leute reden.«
»Und was haben Sie sonst noch gehört?«
»Dass Ihr Chefsteward absahnt«, sagte Kiva. »Vielleicht ist das der Grund, warum Ihre Besatzung glaubt, Sie würden Löhne und Prämien zurückhalten.« Sie machte eine nachdenkliche Pause. »Vielleicht weiß man auch deshalb etwas über Ihre Geschäfte. Ihr Chefsteward muss wissen, mit wem Sie zusammenarbeiten und für wie viel, nicht wahr? Das klingt logischer als die Vermutung, ich würde Leuten Sachen erzählen, über die ich offenkundig gar nichts weiß.«
»In diesem Punkt bin ich mir nicht ganz sicher«, sagte Robinette.
»Kapitän«, sagte Kiva entnervt. »Sie haben versprochen, mich, wenn ich Ihnen Ärger mache, in den verfickten Strom hinauszuwerfen. Auch wenn es Ihnen vielleicht schwerfällt, das zu glauben, aber ich möchte tatsächlich weiterleben. Ich habe gute Gründe weiterzuleben, einschließlich der Tatsache, dass es jemanden gibt, den ich sehr gern wiedersehen würde. Und das ist übrigens eine verfickt neue Tatsache für mich. Also glauben Sie meinetwegen, was Sie glauben wollen, tun Sie, was auch immer Sie tun wollen, was Sie offensichtlich sowieso tun werden. Aber machen Sie sich klar, dass ich kein verficktes Interesse daran habe, Sie zu verärgern oder an Bord dieses Schiffs für Schwierigkeiten zu sorgen. Ich will einfach nur zurück zu meinem Mädchen. Sir.«
Robinette blickte eine Weile finster drein. »Gehen Sie wieder in Ihre Kabine. Und bleiben Sie vorläufig dort.«
»O Mann«, sagte Kiva. »Ich kann es gar nicht abwarten, wieder die chemische Toilettenerfahrung zu machen.«
»Genug«, sagte Robinette. »Es war ein Fehler, Sie rauszulassen. Und wenn es irgendwie schlimmer wird, fliegen Sie sowieso durch eine Luftschleuse. Also sollten Sie hoffen, dass es nicht schlimmer wird. Jetzt verschwinden Sie.«
Auf dem Rückweg zu ihrem Besenschrank wurden Kiva und Arsch (oder Geige, wer auch immer) von Doc Bradshaw abgefangen. »Gibhaan braucht Sie im Maschinenraum«, sagte sie zu Kivas Eskorte.
»Warum?«
»Ich weiß es nicht. So was sagt er mir nicht. Aber als ich am Maschinenraum vorbeikam, forderte er mich auf, Sie zu holen. Nicht nur Sie, so besonders sind Sie nicht. Aber auch Sie.« Bradshaw nahm Kivas Arm. »Ich übernehme sie. Na los.«
Arsch oder Geige machte den Eindruck, als wollte er etwas sagen, doch dann verzichtete er darauf und marschierte in Richtung Maschinenraum davon.
»Er ist wirklich ganz schön begriffsstutzig«, staunte Kiva.
»O ja, das ist er«, bestätigte Bradshaw. Sie setzten sich in Bewegung. »Wie war Ihr Gespräch mit dem Kapitän?«
»Er wirkt beunruhigt«, sagte Kiva. »Anscheinend redet jemand über seine Finanzen.«
»Irgendeine Ahnung, wer?«
»Einiges deutet auf den Chefsteward hin. Was natürlich nur ein Gerücht ist.«
»Verstanden«, sagte Bradshaw. »Stimmt es, dass Sie Nadashe Nohamapetan persönlich kannten?«
»Ja«, sagte Kiva.
»Was halten Sie von ihr?«
»Sie ist ein übler Sack voller Achselschweiß.«
»Kommt in etwa hin.« Bradshaw lieferte Kiva in ihrem Besenschrank ab, der, wie sich Kiva erinnerte, zuvor Bradshaws Besenschrank gewesen war.
»Hören Sie«, sagte Kiva. »Es tut mir leid, dass ich Ihre Kabine übernommen habe. Ich hatte darauf keinen Einfluss. Man hat mich einfach hineingesteckt. Und jetzt werde ich dauerhaft darin festsitzen. Mit einer chemischen Toilette.«
»Schon gut«, sagte Bradshaw. »Auch wenn ich Ihnen empfehle, sparsam zu pinkeln.«
Die angedrohte chemische Toilette und die Proteinriegel trafen wenig später ein, und Kiva musste ihr Tablet abgeben. Zwei Tage lang starrte sie die Wände ihres Besenschranks an und dachte an mehr oder weniger gar nichts.
Am dritten Tag begann das Geschrei, gefolgt von Alarmsirenen, gefolgt von gelegentlichen Schüssen.
Ungefähr zur Mittagszeit des dritten Tages wurde gegen Kivas Tür gepocht.
»Ja?«
»Lady Kiva«, sagte eine Stimme. Dann erinnerte sie sich, dass sie dem Ersten Offizier Nomiek gehörte. »Gerüchten zufolge möchten Sie vielleicht ein besseres Quartier beziehen.«
»Wo Sie es erwähnen, ja, wäre das wirklich nett«, sagte Kiva.
»Ich glaube, Sie haben möglicherweise einen Preis erwähnt, den Sie Chefingenieur Gibhaan für die nötigen Aufrüstungsarbeiten zu zahlen bereit wären.«
»Möglicherweise«, räumte Kiva ein. »Wären diese nötigen Arbeiten vielleicht mit dem Wunsch nach einem neuen Reiseplan vereinbar?«
»Lady Kiva, für diesen Preis können Sie sich fast alles wünschen, was Sie möchten.«
Kiva lächelte. »Also ja«, sagte sie. »Bitte helfen Sie mir bei der Quartierssuche.«
Es war zu hören, wie die Tür entriegelt wurde. Sie öffnete sich, und Nomiek stand im Korridor, in der Hand eine Waffe, doch ohne einen Finger in der Nähe des Abzugs.
Kiva erkannte sie wieder. »Ist das nicht die von Kapitän Robinette?«
»Das war sie«, sagte Nomiek.
»Er sagte mir, sie wäre auf seinen Fingerabdruck kalibriert.«
Nomiek lächelte. »Dazu ist er zu geizig, Ma’am.«
Kapitän Robinette selbst befand sich in seinem Büro, umgeben von Mitgliedern seiner ehemaligen Besatzung, die ihn an seinen Sessel gefesselt hatten und Waffen auf ihn richteten. Es schien ihn nicht zu erfreuen, Lady Kiva zu sehen, als sie durch die Tür trat.
»Das ist Ihr Werk, vermute ich«, sagte er zu ihr.
»Genau genommen ist es Ihr Werk«, erwiderte Kiva. »Obwohl ich zugebe, dass ich Ihre Besatzung über diese Tatsache informiert habe. Alles Weitere haben diese Leute selbst in die Hand genommen.«
»Sie verstehen, dass es für mich nur ein Geschäft war.«
»Ich finde es witzig, dass Leute, die etwas verbockt haben, glauben, sie könnten es damit rechtfertigen, dass es ›nur ein Geschäft‹ war«, erwiderte Kiva. »Ich verstehe, dass es ›nur ein Geschäft‹ war, Kapitän Robinette. Doch es war ein schlechtes Geschäft für Sie. Zuerst waren Sie dumm genug, Geschäfte mit Nadashe Nohamapetan zu machen. Und dann haben Sie entschieden, mir Ärger zu machen. Und ich nehme dieses Geschäft wirklich verfickt persönlich.«
Robinette nickte. »Was nun?«
Kiva lächelte. »Nun, Kapitän Robinette. Dieses Schiff hat drei Luftschleusen. Sie dürfen sich eine aussuchen.«