Dritter Teil

20

Mit der Ermordung von Imperatox Grayland II. trat die Interdependenz in eine offizielle Trauerphase ein. In Anbetracht der ebenso bestürzenden wie tragischen Umstände ihres Todes verlängerte das Exekutivkomitee die traditionelle fünftägige Staatstrauer auf eine ganze Woche. Im Nabe-System trat die Woche unverzüglich in Kraft und würde in allen anderen Systemen ausgerufen werden, sobald die Nachricht von ihrem Tod eintraf.

Das Exekutivkomitee unter der Leitung von Erzbischöfin Korbijn gab außerdem den Beginn offizieller Ermittlungen bekannt. Alle Beweise deuteten darauf hin, dass Gräfin Rafellya Maisen-Persaud alleinverantwortlich war. In ihren Räumlichkeiten wurde ein Abschiedsbrief gefunden, in dem sie erklärte, wie sie das Attentat bewerkstelligt hatte und warum. Demzufolge wollte sie gegen die Untätigkeit der Imperatox in Bezug auf die Evakuierung des Lokono-Systems protestieren und zog eine Parallele zwischen ihrer Tat und der von Gunnar Olafsen, der die erste Imperatox namens Grayland ermordet hatte, und zwar aus Protest gegen ihre angebliche Untätigkeit angesichts der Isolation von Dalasýsla, die sich während ihrer Regierungszeit ereignet hatte.

Doch das Exekutivkomitee konnte diese eine, allzu offensichtliche Antwort natürlich nicht einfach hinnehmen, ohne eine gründliche Untersuchung anzuordnen. Die kurze Regierungszeit von Grayland II. war durch wiederholte Attentats- und Umsturzversuche gekennzeichnet gewesen, durch labyrinthische Intrigen, an denen die gesamte adlige und ökonomische Oberschicht der Interdependenz beteiligt gewesen war. Es musste zumindest die Bemühung unternommen werden, tiefer zu graben, um zu sehen, ob mehr dahintersteckte als die offenkundig unzufriedene Gräfin.

Was Grayland II. selbst betraf, sollte der (verschlossene) Sarg mit ihren sterblichen Überresten während der ersten drei Tage der offiziellen Staatstrauer feierlich im imperialen Palast ausgestellt werden, danach weitere drei Tage lang in Brighton in Nabenfall, damit die Bevölkerung sie besuchen und ihrer gedenken konnte. Am Ende der Trauerphase würde sie traditionsgemäß kremiert und in der imperialen Gruft in Xi’an beigesetzt werden, wo sie auf ewig mit ihren Vorfahren ruhen würde.

Nachdem diese Angelegenheiten erledigt waren, wandte sich das Exekutivkomitee dem nächsten, weitaus heikleren Problem zu: Wer sollte die Interdependenz als nächste oder nächster Imperatox führen?

Das Problem war heikler als sonst. Die Imperatox war gestorben, ohne einen Nachfolger auf die Welt zu bringen oder zu benennen, was bedeutete, dass es keinen offiziellen Thronfolger gab. Das war während der Geschichte der Interdependenz bislang nur sechsmal geschehen. Es war kein einmaliger, aber ein seltener Fall.

Doch aus der Geschichte ergaben sich gewisse Richtlinien. Ob die Imperatox einen Nachfolger bestimmt hatte oder nicht, der Thron wurde als Eigentum des Hauses Wu betrachtet. So war es natürlich Tradition, aber dafür gab es zudem ein starkes, wenn auch ungeschriebenes rechtliches Argument. Die meisten geringeren Titel eines Imperatox, einschließlich des Regenten von Nabe und der Assoziierten Nationen, waren ausdrücklich mit der Familie Wu verbunden, und Xi’an, das streng genommen das Territorium des imperialen Hauses war, befand sich im Nabe-System, das zum Besitz der Familie Wu gehörte und zumindest theoretisch von ihr verwaltet wurde. Jedenfalls wäre es schwierig, jemanden, der kein Wu war, auf den Thron zu setzen.

In den bisherigen sechs Fällen, in denen es keinen offiziellen Thronfolger gegeben hatte, wurde der Thron zunächst dem Wu-Cousin angeboten, der gerade der Geschäftsführer des Hauses war. Wenn der Geschäftsführer entweder die Krone ablehnte (was dreimal geschehen war) oder als inkompetent eingeschätzt wurde (einmal), erhielt der Verwaltungsrat des Hauses Wu die Aufgabe, ein Mitglied der Familie auszusuchen, das den Thron besteigen sollte. In beiden Fällen ernannte der Verwaltungsrat jemanden aus den eigenen Reihen.

Im aktuellen Fall war es nicht möglich, den Geschäftsführer zu ernennen, denn der letzte Geschäftsführer, Deran Wu, war tot, und sein Vorgänger, Jasin Wu, hatte sich an einem Staatsstreich gegen Grayland II. beteiligt und saß derzeit in einer Zelle, wo er auf seinen Prozess wartete. Kein anderer Wu hatte seit Derans vorzeitigem Tod die Position des Geschäftsführers übernommen – Proster Wu fungierte zwar als kommissarischer Geschäftsführer für die Familie, hatte den Titel jedoch nicht offiziell angenommen, und weder er noch die übrigen Mitglieder des Verwaltungsrats schienen es eilig zu haben, jemanden auf diesen Posten zu hieven. Es sah auch nicht so aus, als hätte Proster Wu irgendein Interesse daran, selbst zum Imperatox zu werden, selbst wenn er der offizielle Geschäftsführer gewesen wäre.

In Anbetracht all dieser Umstände – und nachdem sie genauestens von Historikern sowie dem imperialen Justizminister informiert worden war – lud Erzbischöfin Korbijn, die als Leiterin des Exekutivkomitees fungierte, das sie mit Unterschrift und Siegel dazu autorisiert hatte, den Verwaltungsrat des Hauses Wu in aller Form ein, den nächsten Imperatox zu ernennen.

Fast unverzüglich erhielt die Erzbischöfin eine Bitte von Proster Wu, sich mit ihr zu treffen. Der Rat hatte eine solche Einladung erwartet und seine Wahl bereits getroffen, die Proster nun Korbijn persönlich erklären wollte.

»Mein Beileid zu Ihrem Verlust«, sagte Korbijn zu Proster, als er sie einen Tag später in ihrem geräumigen Büro in der imperialen Kathedrale von Xi’an besuchte. Sie bedeutete ihm, sich zu setzen, sobald ihre Assistenten entlassen und sie unter sich waren.

»Vielen Dank«, sagte Proster. »Ich bin meiner Cousine ausschließlich bei formellen und zeremoniellen Gelegenheiten begegnet, aber es war dennoch ein großer Schock für uns alle.«

»Wie auch für mich.«

»Ich hatte den Eindruck, dass sie ihr sogar recht nahestanden«, sagte Proster.

»Ja«, bestätigte Korbijn. »Sie war nett, und das meine ich durchaus ernst. Sie hat nie nach der Rolle der Imperatox gestrebt, aber dann ist sie hineingewachsen. Und sie ließ sich dabei von mir helfen. Dafür bin ich für immer dankbar. Sie wird mir fehlen.«

»Dann möchte ich auch Ihnen mein Beileid aussprechen, Erzbischöfin.«

»Vielen Dank, Direktor Wu.«

»Bitte nennen Sie mich Proster.«

»Wenn Sie wünschen.« Erzbischöfin Korbijn lächelte und verdrängte die wehmütigen Gedanken an Grayland aus ihrem Kopf. »Nun gut. Wir sind nicht hier, um über die Vergangenheit zu sprechen, sondern über die Zukunft.«

»Ja.«

»Die Wus haben sich für unseren nächsten Imperatox entschieden?«

»Das haben wir.«

»Wer ist es?«

»Nun«, sagte Proster und griff nach der Aktentasche, die er mitgebracht hatte. »Dazu ist eine Erklärung nötig.«

Korbijn runzelte die Stirn. »Warum?«

»Sie werden sehen.« Proster zog einen beeindruckenden Papierstapel aus der Aktentasche und legte ihn auf den Schreibtisch der Erzbischöfin. »Bevor ich alles erkläre, überreiche ich Ihnen die Befürwortung unserer Entscheidung durch die meisten großen und kleinen Adelshäuser. Sie können sie bei Gelegenheit durchgehen und sich von Ihren juristischen Beratern bestätigen lassen, dass sie rechtmäßig sind.«

»Die meisten Häuser?«

»Es gab ein paar Ablehnungen«, sagte Proster. »Durch das Haus Lagos, aber die sind ja gegen alles. Durch das Haus Persaud, weil seine lokale Geschäftsführerin die Imperatox ermordet hat und man dort die recht kluge Entscheidung fällte, sich im Moment lieber bedeckt zu halten und nichts zu tun. Und ein paar andere, die im großen Ganzen von relativ geringer Bedeutung sind.« Er klopfte auf die Akten. »Aber dies repräsentiert die überwiegende Mehrheit der Häuser. Den Großteil des Adels der Interdependenz.«

Korbijn betrachtete den Papierstapel. »Wenn Sie so viele Befürwortungen für Ihre Entscheidung haben, müssen Sie schon seit einiger Zeit eine gewisse Vorstellung gehabt haben, wer dieser Nachfolger sein sollte.«

»Nein, natürlich nicht. Doch als klar wurde, dass ein Nachfolger bestimmt werden muss, war eine Person die offensichtliche Wahl für den Rat, und als wir andere Häuser kontaktierten, war es auch für sie die beste Wahl.«

»Nach dieser Einführung kann ich es gar nicht abwarten zu erfahren, welcher Wu es ist.«

»Das ist genau der Punkt, Erzbischöfin. Es ist kein Wu.«

Korbijn legte die Stirn in Falten. »Was?«

»Es ist Nadashe Nohamapetan.«

Korbijn klappte der Unterkiefer herunter. »Sie haben Ihren gottverdammten Verstand verloren«, sagte sie, als sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

Proster Wu schien erstaunt zu sein, dass ausgerechnet eine Erzbischöfin etwas Gotteslästerliches sagte, doch auch er erholte sich schnell davon und schüttelte den Kopf. »Dafür gibt es sehr gute Gründe.«

»Sie hat versucht, die Imperatox umzubringen! Zweimal! Sie hat ihren eigenen Bruder ermordet! Sie war am Staatsstreich beteiligt, den ihre Mutter geplant hatte!«

»Für all das gibt es Kontext.«

»Kontext!«

»Ja«, betonte Proster. »Ich werde nicht versuchen, Ihnen zu erklären, Nadashe hätte nichts mit diesen Vorfällen zu tun. Aber der Kontext war und ist ihre und unsere Familie. Graylands Vater Attavio VI. schloss im Namen des imperialen Hauses eine Übereinkunft mit dem Haus Nohamapetan, dass eine Nohamapetan zur imperialen Gemahlin werden und ein Kind beider Familien auf die Welt bringen sollte, um die Thronfolge seines Thronfolgers zu übernehmen. Dann starb Rennered …«

»… weil die Gräfin Nohamapetan ihn ermorden ließ …«

»… ohne dass Nadashe in irgendeiner Form daran beteiligt war oder zuvor davon wusste, worauf Cardenia zur Thronfolgerin wurde. Beide Familien gingen davon aus, dass die Übereinkunft zwischen den Häusern weiterhin Bestand hatte. Doch dann brach Cardenia diese Übereinkunft, und das Haus Nohamapetan stand ohne Regressanspruch da.«

»Und dass soll irgendwie die versuchten Attentate und Staatsstreiche entschuldigen?«, sagte Korbijn.

»Natürlich nicht«, sagte Proster. »Es sollte jedoch unbedingt darauf hingewiesen werden, dass diese Übereinkunft zwischen den Nohamapetans und dem imperialen Haus keineswegs nur geschäftlicher Natur war. Es ging um die Dynastie und die Herrschaft über die Interdependenz. Nichts entschuldigt die Taten des Hauses Nohamapetan im Anschluss an Cardenias Entscheidung, die Übereinkunft zwischen ihren Häusern nicht anzuerkennen. Aber es gibt einen Kontext. Und in diesem Kontext hat Cardenia dem Haus Nohamapetan unrecht getan. Nicht auf die gleiche Art oder im gleichen Ausmaß. Aber ohne jeden Zweifel.«

»Sie glauben doch selbst nicht, was Sie mir da erzählen.«

»Doch, ich glaube es«, sagte Proster. »Außerdem glaube ich, dass ein Bürgerkrieg mit dem imperialen Haus auf der einen Seite und den Nohamapetans auf der anderen etwas ist, das die Interdependenz ausgerechnet jetzt, wenn buchstäblich alles auseinanderfällt, am wenigsten gebrauchen kann. Genau das hatten wir während der letzten paar Jahre, und das wissen auch Sie. Das hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Interdependenz vor dem Zusammenbruch zu retten. Doch stattdessen beschäftigen wir uns mit Palastintrigen. Das ist sinnlos. Und es führt ins Verderben. Uns alle. Sie wissen es. Ich weiß es.« Proster deutete auf den Dokumentenstapel. »Und diese Häuser wissen es ebenfalls.«

Darauf erwiderte Korbijn nichts.

Proster beugte sich vor. »Hören Sie. Die Wus setzen Nadashe Nohamapetan als Imperatox auf den Thron. Nur als Imperatox und mit sehr eingeschränkter Macht und Verantwortung, womit sie sich bereits einverstanden erklärt hat. Dann heiratet sie einen Wu – sie schaut sich bereits nach einer passenden Konstellation um –, und ihr Partner übernimmt alle untergeordneten Adelstitel: König von Nabe und so weiter. Ihr Kind, das den Namen Wu annehmen wird, erbt alles, und schon sind wir wieder da, wo wir zuvor waren, was die Nachfolge und die Dynastie betrifft. Wieder bei dem, was das imperiale Haus und die Familie Nohamapetan unter Attavio VI. miteinander vereinbart hatten. Alle, die sich jetzt auf einen Bürgerkrieg vorbereiten, ziehen sich zurück. Wir konzentrieren uns auf die Rettung der Interdependenz. Wir können so viele Leben wie möglich retten.«

»Selbst wenn dadurch eine Mörderin und Verräterin belohnt wird.«

Proster breitete die Hände aus. »Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten, Erzbischöfin.«

»Wir machen sie zu ungewöhnlichen Zeiten, Proster.«

»Manchmal. Aber wir haben sie nicht zu einer Zeit gemacht, in der die Ströme kollabieren. Das war eine Situation, in die wir unfreiwillig hineingeraten sind, fürchte ich.« Er zuckte mit den Schultern. »Und was machen wir mit dieser Zeit, wenn wir Nadashe nicht auf den Thron setzen? Glauben Sie, dass sie oder ihre Verbündeten mit dem aufhören würden, was sie jetzt tun? Wie vielen Wus soll meine Familie noch eine Zielscheibe auf die Stirn zeichnen? Ich bin nicht darauf erpicht, weitere meiner Cousins zu Opfern für die Götter des Krieges zu machen.«

»Sie wollen meine Zustimmung zu diesem Plan.«

»Ich hätte sie gern«, sagte Proster. »Wir brauchen sie nicht. Wir haben bereits die Unterstützung des Adels. Aber ja. Ich hätte gern Ihre Zustimmung und Ihre persönliche Befürwortung und die Kooperation der Kirche der Interdependenz. Das würde vieles einfacher machen, und es wäre auch für Sie persönlich von Vorteil.«

»Inwiefern?«

»Nadashe ist sich bewusst, dass ihre Vergangenheit sie zu einer … umstrittenen Persönlichkeit macht, wenn sie gleichzeitig das Oberhaupt der Kirche und die Kardinälin von Xi’an und Nabe wäre. Sie ist bereit, diese Titel und Ämter auf Sie zu übertragen, für die Dauer ihrer Regierungszeit oder so lange, wie Sie Ihr Amt innehaben, Erzbischöfin. Falls Ihre Amtszeit kürzer als die von Nadashe ist, gehen die Titel bei Ihrem Tod oder Ihrer Pensionierung an Nadashes Erben über. Falls Ihre Amtszeit länger währt, haben Sie die Möglichkeit, die Titel auf den neuen Imperatox zu übertragen, aber die Titel werden auf jeden Fall an den neuen Imperatox zurückgehen, wenn Ihre Amtszeit endet, wann auch immer das geschehen wird.«

Korbijn schüttelte den Kopf. »Nicht auf mich«, sagte sie.

»Wie bitte?«

»Ich sagte, ›nicht auf mich‹. Ich kann für die Kirche sprechen, wenn ich sage, dass ich mich Ihrer Entscheidung für die neue Imperatox nicht widersetzen werde, mag sie auch noch so töricht sein. Und ich akzeptiere Ihr Angebot, dass der Titel des Kardinals von Xi’an und Nabe auf den Erzbischof von Xi’an übertragen wird, solange Nadashe Nohamapetans Regierungszeit als Imperatox andauert. Aber nicht auf mich. Ich beabsichtige, mein Amt niederzulegen.«

»Warum das?«

»Weil ich nicht in der Kathedrale stehen werde, um Nadashe Nohamapetan zu segnen und für ihren Erfolg zu beten. Ich werde nicht als Werkzeug für ihre Krönung dienen. Sie vergessen, Proster Wu, dass ich Nadashe Nohamapetan als Mitglied des Exekutivkomitees erlebt habe. Dort habe ich sie mit all ihren Facetten kennengelernt. Sie machen sich Illusionen, Sir, wenn Sie glauben, dass Nadashe von Ihnen oder dem Haus Wu unter Kontrolle oder in Grenzen gehalten werden kann – oder durch irgendwelche Vereinbarungen, mit denen sie sich heute einverstanden erklärt.«

»Es ist möglich, dass Sie übertrieben pessimistisch sind.«

»Sie sollten inständig hoffen, dass ich mich täusche«, sagte Korbijn. »Ich weise jede Verantwortung zurück. Erwarten Sie die Ankündigung meines Rücktritts als Erzbischöfin und die Wiederaufnahme meiner Rolle als gewöhnliche Priesterin innerhalb der nächsten Stunden.«

»Ich freue mich auf das Treffen mit Ihrem Nachfolger, um die Krönungsfeierlichkeiten zu besprechen.«

»Ich freue mich ebenfalls darauf, wenn es in einem Monat stattfindet.«

»Wie bitte?«

Korbijn lächelte. »Mein lieber Proster, wie ich sehe, sind Sie kein ausgesprochen glaubenstreues Kind der Kirche. Also lassen Sie es mich erklären. Als faktisches Oberhaupt der Kirche der Interdependenz – und weil es aktuell keinen amtierenden Imperatox gibt, auch nicht de jure als Kirchenoberhaupt – steht es mir nicht zu, meinen Nachfolger selbst zu bestimmen. Dazu ist eine Bischofssynode mit einer beschlussfähigen Teilnehmerzahl nötig. Die Anzahl der Bischöfe, deren Diözesen im Nabe-System liegen, erreicht nicht ganz die benötigte Anzahl für eine Synode, weshalb Bischöfe aus anderen Systemen dazukommen müssen. Das wurde übrigens mit Absicht so festgelegt. Wenn genügend andere Bischöfe zu Besuch im Nabe-System sind, was durchaus möglich wäre, können wir sie hinzuziehen. Aber wir müssen die Einladung auch an die übrigen Bischöfe in den anderen Systemen schicken. Die vom Kirchenrecht dafür vorgesehene absolute Mindestzeit ist ein Monat.«

»Selbst wenn sich genügend Bischöfe im Nabe-System aufhalten.«

»Ja. Es geht um die Mindestanzahl. Je mehr Bischöfe teilnehmen können, desto besser. Wenn der Erzbischof von Xi’an zurückzutreten beabsichtigt, geben wir für gewöhnlich möglichst frühzeitig ein Datum bekannt. Üblicherweise ein Jahr. Oder auch zwei Jahre, damit auch Bischöfe von Ende anreisen können, wenn sie möchten. Aber nun ist Ende ohnehin von uns abgeschnitten.«

»Und Sie werden die Krönung nicht vorher durchführen.«

»Sobald ich meinen Rücktritt bekanntgebe, kann ich es nicht mehr tun«, sagte Korbijn. »Ich darf wie jeder andere Priester auch die Standardriten durchführen, und ich bin mir sicher, dass die Kirche mir erlauben wird, meine Aufgabe als Repräsentantin im Exekutivkomitee in der Zwischenzeit weiterhin wahrzunehmen. Alle meine erzbischöflichen Verantwortlichkeiten werden jedoch vorläufig auf Bischof Hill übergehen, der die Parlamentskathedrale verwaltet.«

Proster öffnete den Mund.

»Alle erzbischöflichen Verantwortlichkeiten mit Ausnahme der Krönung eines Imperatox, die kanonisch ausdrücklich in den Aufgabenbereich des Erzbischofs von Xi’an fällt.«

Proster schloss den Mund wieder.

»Und bevor Sie fragen – oder auch nicht fragen, sondern es nur denken, Proster –, ohne kirchliche Krönung gibt es keinen rechtmäßigen Imperatox. Ein voraussichtlicher Erbe kann bereits vor der offiziellen Thronbesteigung bestimmte Vollmachten übernehmen, doch diese Vollmachten sind überwiegend zeremoniell und beschränken sich auf die Verwaltung des imperialen Haushalts. Deshalb haben wir für die Übergangszeit ein Exekutivkomitee.«

»Ich verstehe, was Sie hier tun, wissen Sie«, bemerkte Proster.

»Das will ich hoffen, schließlich mache ich es recht offensichtlich«, sagte Korbijn. »Aber lassen Sie es mich erklären, falls es nicht klar genug ist. Sie werden Ihre Krönung bekommen, Proster Wu. Nadashe Nohamapetan wird die nächste Imperatox sein, und das geht auf Ihre Kappe. Doch die Krönung muss rechtmäßig sein, und alle Regeln müssen befolgt werden – die Regeln der Kirche und die Gesetze der Interdependenz –, oder Ihr törichtes Spiel wird in sich zusammenstürzen. Was bedeutet, dass Sie vorläufig nach meinen Regeln spielen müssen. Das ist mein letzter Schachzug. Ich weiß es, und Sie wissen es. Dennoch ist es mein Schachzug, und ich werde ihn durchziehen.«

Proster sagte längere Zeit gar nichts. Dann nickte er.

»Gut«, sagte Korbijn. »Dann wird mein Nachfolger, wer auch immer das sein wird, Sie hier in einem Monat treffen. Wahrscheinlich.«

Proster hob die Augenbrauen. »Wahrscheinlich?«

»Für gewöhnlich ernennen die Bischöfe einen Teilnehmer der Synode als nächsten Erzbischof«, sagte Korbijn. »Aber manchmal auch nicht. Manchmal wählen sie jemanden, der nicht anwesend ist. Wenn das geschieht, muss dieser Bischof benachrichtigt werden. Dann muss er die Wahl annehmen. Dann muss er reisen. Und das könnte Monate dauern.«

»Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich, sagen Sie.«

»Richtig«, stimmte Korbijn ihm zu. »Aber es ist möglich. Sie sollten hoffen, dass man keinen Bischof von Ende wählt.«