Nadashes Leute warteten auf die Our Love, als sie im Nabe-System wiederauftauchte – verfickt nochmal, natürlich warteten sie auf sie. Nadashe hatte sie vermutlich genau in dem Moment dort stationiert, als die Our Love Nabe verlassen hatte, nur für den Fall, dass das Schiff irgendwie eine Möglichkeit fand, mitten im Strom die verfickte Richtung zu wechseln und unverzüglich zurückzukehren.
Kiva fühlte sich geschmeichelt, dass Nadashes Leute auf sie warteten. Das bedeutete, dass Nadashe damit gerechnet hatte, dass Kiva die Besatzung der Our Love irgendwie auf ihre Seite bringen konnte. Sie war glücklich, Nadashe nicht enttäuscht zu haben.
Die Besatzung lieferte Kiva, wie von ihr gewünscht, die Our Love kampflos aus und erzählte Nadashes Leuten, Robinette wäre unerwartet eines natürlichen Todes gestorben (was streng genommen gar nicht falsch war, da das Vakuum des Weltraums ein natürliches Phänomen darstellte), und so war das Schiff umgehend nach Nabe zurückgekehrt, um neue Anweisungen entgegenzunehmen. Kiva hatte gehofft, die Our Love mit dieser Geschichte davor zu bewahren, bei der Rückkehr in Stücke geschossen zu werden. Kiva mochte die Besatzungsmitglieder der Our Love nicht besonders – ihre ursprüngliche Einschätzung, dass die Leute mürrische Versager waren, die in feiner Gesellschaft einfach nicht klarkamen, war während des neuntägigen Rückflugs nicht widerlegt worden –, doch sie hatten ihr einen großen Gefallen erwiesen, als sie sich problemlos zu einer Meuterei aufstacheln ließen. Sie wollte ihren Teil der Abmachung erfüllen.
Nadashes Schiffe hatten die Kommunikation der Our Love lahmgelegt, so dass Kiva nicht dazu gekommen war, eine Reihe vorbereiteter Nachrichten abzuschicken, darunter auch eine an Senia und an die Rechtsabteilung des Hauses Lagos. Sie konnte auch nicht die Überweisung von einem Geheimkonto Nadashes auf die Datenkrypta der Our Love autorisieren. Bevor sie von Bord gebracht wurde, löschte Kiva die Nachrichten an Senia und die Rechtsanwälte aus der Warteschlange, um den Transfer zu priorisieren, und hinterließ detaillierte Anweisungen, wie der jetzige Kapitän Nomiek durch die Sicherheitsprotokolle des Geheimkontos kam. Sie empfahl ihm, sich das verfickte Geld sofort zu schnappen, sobald die Kommunikation wieder funktionierte, und mit der Our Love und ihrer Besatzung für ein paar Monate abzutauchen. Auf dem Geheimkonto, das Kiva anzapfen wollte, lagen nach Abzug der Summe, die sie freigegeben hatte, noch weitere sechsundvierzig Millionen Marken. Kiva betrachtete es als Trinkgeld, und schließlich war es gar nicht ihr verficktes Geld.
Sobald Kiva an Bord von Nadashes Schiff war, ignorierte man die Our Love zu Kivas Erleichterung komplett und machte sich sogleich auf den Weg nach Nabe. Zumindest dachte sie das. Erst als das Schiff an Xi’an anlegte, am privaten Dock der Imperatox, regte sich in Kiva allmählich der Verdacht, dass während ihrer Reise irgendetwas verfickt gründlich schiefgelaufen war.
Dieser Verdacht wurde bestätigt, als Kiva ins Privatbüro der Imperatox geführt wurde, wo Nadashe Nohamapetan hinter dem Schreibtisch der Imperatox saß.
»Das kann doch nur eine absolut verfickte Oberverarschung sein!«, sagte Kiva zu Nadashe.
Nadashe lächelte. »Lady Kiva. Sollte ich den Wunsch hegen, ein Gespräch unter vier Augen mit Ihnen zu führen, würden Sie mir dann versprechen, nichts Dummes zu versuchen, beispielsweise einen Angriff auf meine Person?«
»Auf gar keinen Fall«, sagte Kiva und deutete auf einen Gegenstand auf dem Schreibtisch. »Ich würde Sie mit diesem verfickten Briefbeschwerer zu Tode prügeln, sobald ich die Gelegenheit dazu hätte.«
»Ich weiß Ihre Aufrichtigkeit zu schätzen«, sagte Nadashe und nickte dem Sicherheitspersonal zu, das Kiva vom Schiff bis ins Büro begleitet hatte. Kiva wurde auf einen sehr eleganten und außerordentlich teuren Sessel gezwungen, der aus der Regierungszeit von Leo II. stammte, und an Händen und Füßen gefesselt.
»Gemütlich genug?«, fragte Nadashe, nachdem Kiva fixiert und das Sicherheitspersonal auf die andere Seite der Tür geschickt worden war.
»Kommen Sie rüber, und ich beiße Sie.«
»Das ist nicht mein Fetisch, aber danke für das Angebot.« Nadashe machte eine Geste, die das Büro umfasste. »Mir ist bewusst, dass es für Sie ein Schock sein dürfte, dass wir uns an diesem Ort wiedersehen.«
»Ich bin nicht schockiert«, sagte Kiva. »Sie haben seit Jahren versucht, sich Ihren Weg in dieses verfickte Büro zu morden. Ich bin nur enttäuscht, dass Sie es schließlich doch geschafft haben.«
»Ich habe niemanden ermordet, um hierherzugelangen.«
»Tut mir leid, ich wusste nicht, dass heute der Tag ist, um die Beleidigung meiner Intelligenz zu feiern. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir ein festliches Partyhütchen aufgesetzt.«
»Wie Sie meinen«, sagte Nadashe. »Was allerdings nichts daran ändert, dass ich die nächste Imperatox sein werde.«
»Warum sind Sie nicht längst die Imperatox?«, fragte Kiva. »Offensichtlich sind Sie schon eine ganze Weile um diesen verfickten Palast herumgeschlichen. Sie haben hier überall Ihre Arschlöcher untergebracht. Was hält Sie noch auf?«
Nadashe presste die Lippen zusammen. »Eine Verzögerung des Prozederes durch die Kirche der Interdependenz.«
Kiva gluckste. »Ich vermute, Erzbischöfin Korbijn hat Ihnen empfohlen, sich selbst ins Knie zu ficken.«
»Etwas in der Art.«
»Ich habe sie schon immer gemocht.«
»Ich nicht«, sagte Nadashe. »Jedenfalls spielt die ehemalige Erzbischöfin jetzt keine Rolle mehr.«
Kiva nickte. »Sie verlieren keine Zeit, Ihre Feinde verschwinden zu lassen, wie ich sehe.«
»Nach der Krönung wird sie aus dem Priesteramt ausscheiden«, sagte Nadashe. »Sie sollten nicht immer das Schlimmste von mir denken, Kiva.«
»Warum sollte ich das nicht tun?«
»Nun, weil Sie zum Beispiel immer noch am Leben sind.«
Kiva schnaufte. »Das bin ich nur, weil ich weiß, wo Ihr Geld ist.«
»Nicht nur deswegen.«
»Davon bin ich nicht überzeugt«, sagte Kiva. »Zwei Komma sieben Milliarden Marken auf Geheimkonten sind trotz allem ein ordentliches Sümmchen, selbst für eine künftige Imperatox. Das heißt, zwei Komma sechs vier vier Milliarden Marken. Vielleicht habe ich von einem Ihrer kleineren Konten ein wenig zu viel für eine Meuterei bezahlt.«
Nadashe lächelte. »Was wäre, wenn ich Ihnen sage, dass Sie diese zwei Komma sechs vier vier Milliarden Marken behalten können?«
»Dann würde ich sagen, dass ich wünschte, ich hätte weniger für die Meuterei bezahlt.«
»Seien Sie für einen Moment ernst, Kiva. Wir haben uns noch nie gemocht, und in letzter Zeit waren wir mit gutem Grund Feinde. Doch bald bin ich Imperatox. Das Letzte, womit ich meine Regierungszeit beginnen möchte, sind Streit und Zorn. Mir ist bewusst, dass Angepisstheit und Starrsinnigkeit und Aufsässigkeit Ihre Markenzeichen sind.« Nadashe zeigte auf Kivas Fesseln. »Aber ich weiß auch, dass Sie, wenn es darauf ankommt, die Geschäfte im Blick behalten. Schon immer. Ich meine, verdammt! Sie haben es irgendwie geschafft, mit diesem Flug nach Ende Gewinn zu machen, nachdem wir Ihre Haferfrüchte sabotiert hatten.«
»Ich wusste es!«, rief Kiva triumphierend. »Ihr verfickter Bruder. Ich werde diesen kleinen Scheißer töten.«
»Das ist zu diesem Zeitpunkt recht unwahrscheinlich«, stellte Nadashe fest.
»Es steht auf meiner Liste«, versicherte Kiva ihr.
Nadashe ging nicht darauf ein. »Ich will auf Folgendes hinaus, Kiva: Es ist an der Zeit, unsere Differenzen beizulegen. Es ist an der Zeit, Geschäfte zu machen.«
»Also gut«, sagte Kiva. »Lassen Sie hören, was Sie zu bieten haben.«
»Folgendes: Ich möchte Ihre Unterstützung. Ich möchte die Unterstützung Ihres Hauses.«
»Ich bin nicht mein Haus. Darüber müssten Sie mit meiner Mutter reden.«
»Das habe ich. Zumindest hat es einer meiner Vertreter getan.«
»Aha? Und wie lief es?«
»Sie sagte, wir sollten uns alle mit einem Stinkschwanz ficken. Mit demselben Stinkschwanz.«
»Ganz meine Mutter«, sagte Kiva.
»Ich dachte wirklich, nur Sie hätten diesen Tick.«
»Nein. Das liegt in der Familie.«
»Es ist kein besonders attraktives Familienmerkmal.«
»Immer noch besser, als Familienangehörige zu ermorden – und alle anderen, die einem in die Quere kommen.«
»Ich vermute, da bin ich irgendwie reingerutscht, nicht wahr?«
»Darauf können Sie einen lassen.«
»Zurück zum Thema«, sagte Nadashe. »Ihre Mutter war nicht allzu entgegenkommend.«
»Vergessen Sie nicht, dass Sie scheinbar ihr Kind ermordet und es tatsächlich gekidnappt haben. Damit machen Sie sich bei ihr nicht unbedingt beliebt.«
»Weshalb es umso beeindruckender wäre, wenn Sie mich nach allem dennoch unterstützen würden. Das könnte Ihre Familie und Ihr Haus überzeugen, es ebenfalls zu tun. Ich möchte alle Häuser hinter mir haben, wenn ich den Thron besteige, Kiva. Nicht nur einige. Sondern alle.«
»Und was bekomme ich als Gegenleistung?«
»Zunächst einmal können Sie die Geheimkonten behalten. Zwei Milliarden Marken und ein paar Zerquetschte, alles für Sie, frei zugänglich. Ich werde darauf nicht einmal Steuern erheben.«
»Und?«
»Ich werde keine Ermittlungen gegen das Haus Lagos wegen diverser Betrügereien und illegaler Geschäftspraktiken anordnen oder Ihr Haus unter imperiale Verwaltung stellen, während wir Ihre Geschäfte millimetergenau überprüfen und dabei hundert Jahre oder mehr in die Vergangenheit zurückgehen. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?«
Kiva überhörte die Provokation. »Und?«, sagte sie nur.
»Sie werden Ihre Mutter als Oberhaupt des Hauses Lagos ablösen.«
»Das würde bei mindestens fünf meiner Geschwister nicht allzu gut ankommen«, erwiderte Kiva.
»Sie hätten die Imperatox auf Ihrer Seite. Ihre Geschwister werden sich an Enttäuschungen gewöhnen müssen.«
Kiva nickte. »Und?«
»Und Eiscreme«, sagte Nadashe entnervt. »Was wollen Sie sonst noch?«
»Ich will, dass Sie mir den Kopf Ihres Bruder Ghreni auf einem verfickten Spieß überreichen«, sagte Kiva.
»Warum?«
»Weil er mich angepisst und mir die Geschäfte versaut hat und irgendwann versucht hätte, mich auf Ende zu töten, weil er sich eingebildet hat, er könnte mit dieser Scheiße davonkommen.«
»Er wollte Sie persönlich umbringen?«
»Er wollte es zumindest versuchen.«
»Aha«, sagte Nadashe. »Aber ich wüsste nicht, wie ihm das hätte gelingen sollen.«
»Niemals. Trotzdem ist er für mich ein rotes Tuch.«
»Leider kann ich Ihnen Ghreni nicht sofort überlassen«, sagte Nadashe. »Ich brauche ihn noch eine Weile. Bis ich mit dem imperialen Haus nach Ende umziehen kann.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Vielleicht fünf Jahre.«
»Fünf Jahre!«, rief Kiva.
»Es wäre etwas schneller gegangen, wenn Erzbischöfin Korbijn nicht gewesen wäre.«
»Also werden Sie ihn in fünf Jahren fallen lassen.«
»Ja«, sagte Nadashe. »Dann gehört er Ihnen. Allerdings müssten Sie irgendwie nach Ende gelangen, um an ihn heranzukommen.«
»Früher oder später gelangen wir alle nach Ende.«
»Was ein weiterer Punkt ist«, sagte Nadashe. »Ich kann dem Haus Lagos einen Rabatt auf die Nutzungsgebühren für den Strom nach Ende anbieten. Denn diese werden in den nächsten paar Jahren spürbar steigen.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Kiva. »Also fasse ich zusammen: Wenn ich Sie als Imperatox unterstütze und das Haus Lagos dazu bringen kann, dasselbe zu tun, bekomme ich zweieinhalb Milliarden Marken, steuerfrei, die Leitung meines Hauses, niedrige Gebühren für den Strom nach Ende, wenn wir mit allem dorthin umziehen, und ich darf dieses erbärmliche Stück Scheiße massakrieren, den Sie als Ihren Bruder bezeichnen. In fünf Jahren.«
»So kommt es in etwa hin«, sagte Nadashe.
»Das ist ein ziemlich gutes Geschäft«, räumte Kiva ein.
»Also nehmen Sie an?«, hakte Nadashe nach.
»Auf gar keinen Fall«, sagte Kiva. »So naiv bin ich nicht, Schwester. Ich wollte nur hören, was sie mir angeblich zu bieten hätten. Dass Sie Ihren Bruder ans Messer liefern würden, war ein besonders nettes Detail.«
»Was?« Nadashe war verwirrt.
»Sie haben doch nicht etwa den Eindruck, ich würde glauben, dass Sie sich an unsere Vereinbarungen halten werden«, sagte Kiva. »Sie sind verfickter Abschaum, Nadashe. Ihre gesamte Familie ist Abschaum. Verräter und Mörder, von der verfickten Glitzerschabracke, die Ihre Mutter ist, bis ganz nach unten. Sobald Sie Imperatox sind, werden Sie sich einen Scheißdreck um die Unterstützung durch die Häuser oder Versprechungen oder Loyalitäten scheren. Sie werden uns auseinandernehmen, und dazu werden Sie den Kollaps der Ströme nutzen. Sie werden sich, sobald sie nichts mehr aus mir herausholen können, unverzüglich gegen mich wenden. Sie werden sich gegen mein Haus wenden. Früher oder später werden Sie sich gegen alle wenden. Es wird Ihnen scheißegal sein, weil Sie auf Ende sein werden, während alle anderen langsam im Weltall sterben. Also ja, ich scheiße auf Sie, Nadashe. Ich scheiße auf Sie und Ihr verficktes Angebot.«
»Nun gut«, sagte Nadashe, als Kiva fertig war. »Das war eine beeindruckende Ansage.«
»Sie hatte ihre Momente«, gab Kiva zu.
»Ich bin froh, dass wir dieses Gespräch miteinander führen konnten. Schließlich ist es schon eine ganze Weile her, seit wir uns gleichzeitig in einem Raum aufgehalten haben. Ich glaube, zum letzten Mal passierte das an der Universität.«
»Ich habe Sie nicht allzu sehr vermisst.«
»Mir geht es genauso.«
»Also, was jetzt?«, fragte Kiva. »Töten Sie mich sofort, oder heben Sie es sich für eine besondere Gelegenheit auf?«
»So besonders wäre das gar nicht«, sagte Nadashe. »Nein, ich werde Sie nicht töten. Ich möchte nun doch mein Geld wiederhaben, da Sie es nicht annehmen wollen. Und Sie sind mir immer noch als Geisel nützlich. Vorläufig.«
»Wo wollen Sie mich also unterbringen?«
Nadashe lächelte. »Ich weiß den idealen Ort für Sie. Ich hoffe, Sie mögen angespitzte Zahnbürsten.«
Und so kam es, dass Kiva sich nur wenige Stunden später in der Gesicherten Imperialen Justizvollzugsanstalt Imperatox Hanne II. wiederfand, dreißig Kilometer außerhalb von Nabenfall. Es war dieselbe Einrichtung, in der auch Nadashe gelandet war, nachdem man sie wegen Mordes und Hochverrats angeklagt hatte. Dass sie Kiva dorthin verfrachtete, zählte für Nadashe wahrscheinlich als ironische Note.
Kiva kam damit, wenn sie ehrlich war, überraschend gut klar. Sie wurde nicht auf der Stelle umgebracht, womit sie angesichts der Neigung Nadashes zur Mordlüsternheit nicht gerechnet hatte, und ihre Zelle war größer und roch auch angenehmer als die Besenkammer, in die man sie an Bord der Our Love geworfen hatte. Die Zellentoilette war nicht einmal chemisch.
In philosophischer Hinsicht kam sie weniger gut mit der Tatsache klar, dass sie tatsächlich eine politische Gefangene war, da sie ohne offizielle Anklage und ohne Rechtsbeistand festgehalten wurde – und sogar ohne dass irgendjemand wusste, dass sie noch am Leben war. Kiva war nicht einmal unter ihrem richtigen Namen eingeliefert worden. Für die Gesicherte Imperiale Justizvollzugsanstalt lautete ihr Name Mavel Biggs. Kiva erinnerte sich, dass es der Name einer Nebenfigur in diesem schrecklichen Roman war, den sie an Bord der Our Love gelesen hatte. Das war eine verfickte Ironie!
Kiva fragte sich, ob sie die einzige politische Gefangene in der Anstalt war, aber sie hatte keine Möglichkeit, es herauszufinden. Sie befand sich in Einzelhaft, angeblich zu ihrem eigenen Schutz vor angespitzten Zahnbürsten oder anderen vergleichbaren Gegenständen, aber in Wirklichkeit, um sie daran zu hindern, mit anderen Gefangenen zu sprechen, denen sie möglicherweise ihre tatsächliche Identität verriet, was diese wiederum ihren Anwälten oder Verwandten weitererzählten, die es dann an andere weitergaben, die ein Interesse an der Sache hatten. Das war nicht ausschließlich furchtbar, da es bedeutete, dass sie ihre Mahlzeiten gebracht bekam, den Trainingsraum für sich allein hatte, wenn sie eine Stunde lang ihre Zelle verlassen durfte, und ein Tablet ohne Sendefunktion erhielt, um sich zu verlustieren. Irgendwann schaute sie wieder stundenlang Die Imperatoxe, weil die Serie verfügbar war und sie sich mit diesem Spektakel ablenken konnte. Allmählich gingen die Tage nahtlos ineinander über.
Dank dieses Tablets erfuhr sie aus den Nachrichten, dass die Bischofssynode der Kirche der Interdependenz nach einer recht kontroversen Debatte, die etliche Wochen länger gedauert hatte als erwartet, endlich einen neuen Erzbischof von Xi’an ernannt hatte: den bisherigen Bischof Cole vom Sparta-Habitat, das sich in einem weiten Orbit um die Sonne des Nabe-Systems befand. Kiva betrachtete ein Bild von Bischof Cole – ein untersetzter, bärtiger Kerl mit dem Gesichtsausdruck stiller Verbitterung – und fragte sich, was er getan hatte, um mit der undankbaren Aufgabe gestraft zu werden, Nadashe Nohamapetan zu krönen. Er machte nicht den Eindruck, als würde er sich darauf freuen. Aber Kiva konnte sich nicht vorstellen, dass sich – abgesehen von Nadashe selbst – irgendwer darauf freute.
Nachdem der nächste Erzbischof ernannt war, konnte endlich ein Termin für die Krönung von Nadashe Nohamapetan angesetzt werden. Sie sollte in drei Tagen stattfinden, genau um die Mittagszeit. Nadashe hatte eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen und wollte ihren Eigennamen als imperialen Namen behalten. Damit würde sie Imperatox Nadashe I. sein. Kiva überraschte das nicht. Nadashe war eine egoistische Schlampe.
Kiva konnte sich nicht vorstellen, dass sie aus ihren aktuellen Lebensumständen entlassen wurde, sobald Nadashe offiziell Imperatox war. Sie rechnete eher damit, in den Umwälzungen von jetzt bis zum Ende der Zeit verloren zu gehen. Oder zumindest so lange, bis Nadashe sich in ihrer neuen imperialen Residenz auf Ende häuslich niedergelassen hatte, also in vielleicht fünf Jahren. Wenn sie erst einmal dort war und der Strom von Nabe nach Ende kollabierte, würde Kiva wohl kaum ein anderes Schicksal bevorstehen als allen anderen, die zurückbleiben mussten – ein langsamer Tod. Ob das innerhalb oder außerhalb dieser Zelle geschah, machte kaum einen Unterschied.
Plötzlich wurde Kivas Tablet schwarz.
»Scheiße«, sagte sie. Das Tablet war für Kivas geistige Gesundheit wichtig – ohne etwas, womit sie sich beschäftigen konnte, würde sie in der Einsamkeit vermutlich erstaunlich schnell durchdrehen.
Dann gingen in der Gesicherten Imperialen Justizvollzugsanstalt Imperatox Hanne II. plötzlich die Lichter aus. Alle. Alle gleichzeitig.
»Scheiße«, wiederholte Kiva, diesmal jedoch mit größerer Eindringlichkeit. Ein Stromausfall war kein Spaß. Wie jedes andere Habitat auf Nabe war die Justizvollzugsanstalt unterirdisch angelegt, unter der Oberfläche einer atmosphärelosen Welt, deren Temperaturspanne zwischen mörderisch kalt und mörderisch heiß lag, je nachdem, wo man auf dem rotationsgebundenen Planeten stand. Die Anstalt befand sich auf der mörderisch kalten Seite des Terminators. Ohne Energie würde es immer kälter werden. Und stickig, da auch die Luftaufbereitung nicht mehr funktionierte. Wenn der Strom für längere Zeit ausfiel, würde es auf ein Wettrennen hinauslaufen, ob sie hier drinnen zuerst erfroren oder an Kohlendioxid erstickten.
Bevor Kiva noch mehr in Panik geraten konnte, wurde ihr Tablet wieder hell und zeigte ihr große, weiße, freundliche, serifenlose Buchstaben auf schwarzem Hintergrund.
Hallo!, stand dort. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Gefängnisausbruch.
»Was zum …?«, sagte Kiva verwirrt. Die Buchstaben verschwanden und wurden durch eine neue Nachricht ersetzt.
Die Unterbrechung der Stromversorgung war notwendig, um die Sicherheitssysteme und alle anderen Anlagen neu zu starten, hieß es. In Kürze wird wieder Energie verfügbar sein. Machen Sie sich bereit, sich in Bewegung zu setzen, wenn das geschieht. Genießen Sie so lange diese Musik! Dann spielte das Tablet entspannende Instrumentalversionen von modernen Hits. Kiva war sich nicht sicher, ob sie mitsummen oder kotzen sollte.
Die Lichter gingen wieder an, genauso plötzlich, wie sie erloschen waren.
Es geht los!, verriet ihr das Tablet. Die Musik wechselte und war nun etwas peppiger. Verfickte Gefängnisausbruchsmusik, dachte Kiva.
Ihre Zellentür klickte – das Geräusch, das sie machte, wenn sie entriegelt wurde.
Bitte treten Sie durch die Tür und wenden sich im Korridor nach links, wies das Tablet sie an. Nehmen Sie dieses Tablet mit!
Kiva tat wie befohlen und verließ ihre Zelle mit schnellen Schritten. Sie bemerkte, dass anscheinend keine anderen Gefangenen aus ihren Zellen kamen. Sie konnte sie hören, aber alle blieben eingesperrt.
Zumindest bis sie eine Sicherheitstür erreicht hatte, die sich öffnete, um sie hindurchzulassen. Als sich die Tür hinter ihr schloss, hörte Kiva, wie sie sich verriegelte und dann mehrere andere Türen entriegelt wurden. Alle anderen Gefangenen in diesem Bereich konnten nun ihre Zellen verlassen, aber nicht den Bereich.
Kiva folgte den weiteren Anweisungen zu einem Wachraum. Als die Tür aufging, lugte sie hinein und sah zwei bewusstlose Wärter.
Um Ihren Ausbruch zu erleichtern, wurde die Sauerstoffversorgung dieses Raumes vorübergehend unterbrochen, teilte das Tablet ihr mit. Keine Sorge, diese Wärter dürften es überleben!
Kiva nahm das Tablet beim Wort und durchquerte zügig den Raum bis zu einem anderen Korridor.
Und so ging es etwa eine halbe Stunde lang weiter. Kiva ließ sich vom Tablet leiten und suchte sich ihren Weg durch die Anstalt. Während sie unterwegs war, hörte sie verschiedene Geräusche: das Poltern befreiter Gefangener, die Sirenen der Wachstationen, den allgemeinen Lärm von Chaos und Verwirrung. Es klang nicht nach einem Aufstand, zumindest noch nicht, aber Kiva wollte nicht unbedingt abwarten, bis sie erlebte, wie sich die Sache entwickelte.
Schließlich wurde Kiva zu einem Transportzentrum für Landfahrzeuge geführt, die über einen recht einsamen Highway auf der Oberfläche fuhren, der die Anstalt mit Nabenfall verband.
Zu Ihrer Linken finden Sie die Umkleidekabine für die Wärter, sagte das Tablet. Gehen Sie hinein und nehmen Sie den Anzug, der für Brimenez bestimmt ist. Er wird Ihnen passen!
Kiva tat wie geheißen und zwängte sich umständlich in einen Druckanzug, während das Tablet Anweisungen gab, wie sie die Dichtungen am Hals und an den Handgelenken versiegeln sollte. Als sie wie eine verfickte Wurst im Anzug steckte, dirigierte das Tablet sie zu einem Lift, der sie zu einem Warteraum an der Oberfläche brachte.
Bitte haben Sie ein wenig Geduld, sagte das Tablet. Ihre Mitfahrgelegenheit wird in Kürze eintreffen. Wieder wurde entspannende Instrumentalmusik gespielt, während Kiva ausharrte.
Und tatsächlich schob sich nur wenige Augenblicke später das schwere Tor der Anstalt auf, und ein großer Passagiertransporter rumpelte hindurch. Er rumpelte, weil Kiva die Vibrationen des Kettenfahrwerks durch den Boden spüren konnte.
Ihre Mitfahrgelegenheit ist da!, verkündete das Tablet. Betreten Sie den Transporter durch die Luftschleuse im Heck. Und da dieses Tablet per Tracking Bewegungsdaten übermittelt, legen Sie es bitte unter die Gleisketten des Transporters, bevor Sie einsteigen, um jegliche Beweise zu vernichten. Vielen Dank für Ihre Mitwirkung an diesem Gefängnisausbruch!
Kiva blickte für einen Moment erstaunt auf das Tablet, dann verließ sie den Warteraum durch die Luftschleuse. Sie legte das Tablet vor eine Gleiskette des Fahrzeugs und ging dann nach hinten, stieg zur Heckluke hinauf und schleuste sich ein.
Wo Senia Fundapellonan auf sie wartete.
Der Transporter setzte sich in Bewegung, zerdrückte das Tablet, das bis zu diesem Moment weiter die Instrumentalmusik gespielt hatte, auch wenn das auf einem atmosphärelosen Planeten wenig Sinn hatte.
»Du Arschloch!«, sagte Senia weinend, sobald Kiva sich aus dem Anzug geschält hatte und die beiden damit fertig waren, sich fieberhaft abzuknutschen. »Du hast mich im Glauben gelassen, du wärst tot!«
»Ich habe gar nichts mit dir gemacht«, sagte Kiva. »Das war unsere verfickte künftige Imperatox.«
»Ich hasse sie von ganzem Herzen.«
»Damit kannst du dich in eine sehr lange Schlange einreihen«, sagte Kiva und küsste Senia noch einmal. »Wie hast du das geschafft? Wie konntest du einen kompletten verfickten Gefängnisausbruch durchziehen?«
»Ich habe gar nichts gemacht«, sagte Senia.
Kiva war verwirrt. »Wer dann?«
»Deine Mutter sagte mir, ich sollte diesen Transporter nehmen und auf weitere Anweisungen warten.«
»Meine Mutter hat das getan?«
»Würdest du ihr so etwas nicht zutrauen?«
»Doch, ich würde es ihr zutrauen«, sagte Kiva. »Meine Mutter ist oberaffengeil!«
»Nachdem ich den Transporter bestiegen hatte, wurde mir gesagt, wohin die Fahrt gehen und wen wir abholen würden.«
Kiva blickte zur Vorderkabine. »Wer fährt?«
»Das Ding läuft automatisch.«
»Wohin geht es jetzt?«
Senia lachte. »Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich zu deiner Mutter. Das ist mir ziemlich egal. Du bist wieder da!«
»Ich habe es verfickt«, sagte Kiva. »Ich hätte mehr auf dich hören sollen. Du hast versucht, mich vor Nadashe zu warnen, und ich dachte, ich wäre ihr einen Schritt voraus.«
»Schon gut«, sagte Senia. »Sie soll die nächste Imperatox werden. Wie sich herausgestellt hat, war sie allen anderen einen Schritt voraus.«
Kiva blickte sich im Transporter um. »Vielleicht nicht allen«, sagte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit dann wieder Senia zu, weil sie eine Menge miteinander nachzuholen hatten.