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Es war ein wunderbarer Tag für eine imperiale Krönung. Andererseits war in Xi’an jeder Tag ein wunderbarer Tag.

Als der Morgen des Krönungstages anbrach – künstlich, aber immerhin –, hatte sich eine stattliche Anzahl von Schaulustigen und Gratulanten vor der Kathedrale von Xi’an versammelt. Sie drängten sich in den Bereichen unter dem Balkon, wo sich die Imperatox Nadashe nach ihrer Krönung ihren neuen Untertanen zeigen würde, um ihnen zuzuwinken und zu lächeln und ihre ersten Schritte in ihrer neuen Rolle zu tun.

Falls einige Zuschauer sich sorgten, der Bombenanschlag bei der letzten Krönung könnte sich wiederholen, behielten sie es für sich. Zumindest die meisten behielten es für sich. Es gab ein paar Witzbolde, die meinten, eine Explosion zu diesem Zeitpunkt wäre unwahrscheinlich, weil Nadashe keine Selbstmordattentäterin sei. In der Regel wurde diesen »Witzbolden« dann erklärt, dass sie aufhören sollten, sich wie Arschlöcher zu benehmen, worauf sich die Witzbolde beklagten, dass niemand mehr einen Scherz verstand.

Andere, die die imperiale Geschichte etwas eingehender studiert hatten, bemerkten dasselbe wie die Witzbolde, wenn auch mit unterschiedlicher Rollenverteilung. Niemand stritt ab, dass die Familie Nohamapetan, die einst in der Gunst des imperialen Hauses gestanden hatte, in den letzten paar Jahren eine vollständige Kehrtwende vollführt hatte, was ihre Beziehungen zur Familie Wu anging – angeblich überwiegend aus Verärgerung, weil Grayland II., die ehemalige Imperatox, keinen Nohamapetan heiraten wollte, wie es vereinbart gewesen war. Daher fragten viele Beobachter, ob die Reaktionen der Nohamapetans – die versuchten Attentate und Staatsstreiche – nicht sogar »im Rahmen« geblieben waren, wenn die Existenz von Dynastien auf dem Spiel stand. Oder kurz gefasst: Gab es überhaupt irgendetwas, das für diese Adligen tabu war?

Wieder andere wiesen darauf hin, dass diese lebhaften und zunehmend abstrusen Diskussionen über die Vorrechte von Adelshäusern dazu dienten, die tatsächlichen Verbrechen der Nohamapetans – und, nicht zu vergessen, von Nadashe selbst – in einem solchen Ausmaß zu abstrahieren, dass sie gar nicht mehr als Verbrechen betrachtet wurden, sondern zu schillernden Hintergrundgeschichten wurden. Das an sich fügte den Gesprächen weitere Ebenen der Abstraktion hinzu.

Was die Diskussion letztlich irrelevant machte, war die Tatsache, dass es die Familie Wu, die imperiale Familie selbst gewesen war, die diesen Kompromiss vorgeschlagen hatte, um die Vereinbarungen zu ehren, in die Attavio VI. eingewilligt hatte und die von Grayland II. gebrochen worden waren. Außerdem hatten sich die anderen Adelsfamilien nur allzu bereitwillig angeschlossen. Der Aufstieg von Nadashe Nohamapetan war kein Trick oder Staatsstreich, wie wohlunterrichtete Beobachter anmerkten. Es war ein sorgfältig ausgehandelter Friedensvertrag. Etwas Vergleichbares war in der Geschichte der Interdependenz noch nie vorgekommen, und allein das war aufregend und somit etwas Gutes.

Auf dem Weg zur Krönung hatte es natürlich einige Schwierigkeiten gegeben. Erzbischöfin Korbijns plötzlicher Rücktritt hatte alles zum Stillstand gebracht, bis ein neuer Erzbischof gewählt war, und das Auswahlverfahren hatte sich wesentlich länger hingezogen, als irgendwer sich hatte vorstellen können. Obendrein war das Resultat ein Kompromiss, mit dem niemand wirklich zufrieden war, nicht zuletzt Erzbischof Cole selbst, wie es schien.

Nadashe jedenfalls ließ die Zeit nicht ungenutzt verstreichen. In den Wochen vor der Krönung startete die künftige Imperatox eine Charmeoffensive mit verschiedenen sorgsam vorbereiteten Präsentationen, Auftritten und Interviews, die ihre weichere und mitfühlendere Seite zeigen sollten. Vor allem in den Interviews schreckte Nadashe nicht vor den Kontroversen zurück, die sich um ihre Wahl oder die besorgniserregenden Aktionen drehten, die im Namen des Hauses Nohamapetan unternommen worden waren. Gleichzeitig lenkte sie den Blick auf eine vielversprechende Zukunft, in der alle Adelshäuser einträchtig zusammenarbeiteten, um die Krise der Ströme zum Wohl aller Bürger der Interdependenz zu bewältigen.

Bei einigen dieser Interviews wurde Nadashe von ihrem neuen Verlobten Yuva Wu begleitet, einem gut aussehenden jungen Mann, der die meiste Zeit leicht verstört wirkte und die meisten Fragen mit höflichen, nichtssagenden Abschweifungen beantwortete. Jedenfalls sah das Paar auf Bildern großartig aus, und Nadashe sprach begeistert von ihrer gemeinsamen Zukunft und den Kindern, die sie haben würden – vermutlich schon bald, um eventuelle spätere Schwierigkeiten bei der Nachfolge zu vermeiden.

Nicht alle ließen sich von dieser Werbekampagne mitreißen, aber alle, vom höchsten Adel bis zum niedersten Pöbel, waren nach Jahren gewalttätiger Palastintrigen sichtlich erschöpft. Nadashe Nohamapetan hatte zwar einen gewaltigen Schuldenberg auf ihrem Reputationskonto angehäuft, aber seit ihrer Ernennung konnten alle aufhören, sich über diesen ganzen Unfug Gedanken zu machen.

Grayland II. – die sonderbare, seltsame, unberechenbare Grayland II., die sich durch religiöse Visionen und hochtrabende Proklamationen auszeichnete, während sie die Hälfte aller Adligen im System verhaftet hatte – war beliebt gewesen, und es war ziemlich sicher, dass auch die Geschichte sie lieben würde, allein schon wegen ihrer Schrullen. Doch in praktischer Hinsicht waren sie und ihre Regierungszeit anstrengend gewesen. Sie war schwer zu durchschauen. Nadashe Nohamapetan dagegen war jemand, von dem wirklich keine Überraschungen zu erwarten waren. Sie war auf ganzer Linie die typische habgierige Adlige und schlau genug, das mit ein wenig Öffentlichkeitsarbeit zu vertuschen. So etwas hatte die Interdependenz schon oft erlebt. Und das fühlte sich seltsamerweise beruhigend an.

Nadashe Nohamapetan selbst war es zu diesem Zeitpunkt schnurzegal, ob sie als beruhigend oder kontrovers oder durchaus charmant oder was auch immer wahrgenommen wurde. Sie wollte nur, dass diese Krönung endlich über die Bühne ging. Erzbischof Korbijns Rücktritt – und der anschließende Blödsinn mit der Wahl eines neuen Erzbischofs – hatte Nadashes Zeitplan ordentlich durcheinandergebracht, und Proster Wu hatte verlangt, dass Nadashe in der Zwischenzeit an ihrem Image arbeitete.

Für Nadashe selbst waren die Rehabilitierungsübungen nahezu unerträglich gewesen. Sie verstand, warum sie nötig waren, und räumte widerstrebend ein, dass Proster Wu recht hatte – das Volk fühlte sich so wohler mit ihr. Aber grundsätzlich war es Nadashe egal, ob jemand sie mochte oder nicht. Sie hatte nicht vor, zu einer Imperatox des Volkes zu werden. Diese Imperatox wollte mit der Interdependenz in großem Maßstab umziehen, doch die meisten Angehörigen »des Volkes« würden nicht mitkommen. Also war es einfach nur Zeitverschwendung für sie, stundenlang Interviews zu geben und den Eindruck zu erwecken, sie wäre engagiert und einfühlsam.

Das war vor allem dann der Fall, wenn sie Zeit mit Yuva Wu verbringen musste, Prosters hübschem, aber schrecklich dämlichem Neffen, den Nadashe bei der frühesten sich bietenden Gelegenheit beseitigen wollte, wenn erst ein Kind geboren war. Nadashe hatte Yuva bereits im Bett ausprobiert, um zu sehen, wie er war. Die Antwort lautete: schlicht. Zumindest brachte er die Sache schnell hinter sich.

Die ganze Wartezeit vor der Krönung war für Nadashe ein einziges Ärgernis – das Einzige, was sie daran wirklich genossen hatte, war der Moment gewesen, als Kiva Lagos an einen verfickten Stuhl gefesselt wurde und Nadashe verfolgen konnte, wie die Frau mehrere Minuten lang hilflos getobt hatte. Kiva hatte mit ihrer Vermutung richtig gelegen, dass Nadashe nicht beabsichtigte, ihre Vereinbarung einzuhalten, obwohl Nadashe zugeben musste, dass sie es ärgerlich fand, dass Kiva sie so schnell durchschaut hatte, worauf sie genauso mit ihr gespielt hatte wie Nadashe mit Kiva. Kiva war schon immer intelligenter gewesen, als gut für sie war.

Nadashe entschied, dass eine ihrer ersten Amtshandlungen darin bestehen würde, das Problem Kiva zu lösen. Sie war … lästig. Nadashe hatte erfahren, dass es in der Gesicherten Imperialen Justizvollzugsanstalt Imperatox Hanne II. einen Aufstand gegeben hatte, bei dem einige Häftlinge verletzt worden und einige andere verschwunden und vermutlich ums Leben gekommen waren. Sie entschied, dass es in nächster Zeit einen weiteren Aufstand mit deutlich mehr Todesopfern geben sollte.

Die gute Neuigkeit lautete, dass all die Warterei nun zu Ende war. All die öden Interviews, all die nervigen »Diskussionen« über imperiale Politik, all die zunehmend drastischeren Forderungen von Proster Wu nach diesem oder jenem, all die Scheiße – all das würde nun schon sehr bald Vergangenheit sein. Dazu musste sie sich nur verbeugen, niederknien, ein paar Worte sprechen, und dann war es erledigt. Die Zeremonie sollte kurz sein, sehr kurz, denn Nadashe hatte zugesagt, keinen der rangniederen Titel zu übernehmen, die zunächst an Yuva und danach an ihr Kind gehen würden, sobald es geboren war und Yuva nicht mehr gebraucht wurde. Er würde später in dieser Woche seine eigene kleine Zeremonie bekommen. Außerdem sollte Erzbischof Cole bei einer weiteren Zeremonie, an der Nadashe nicht teilzunehmen gedachte, zu Kardinal Cole werden.

Die Kathedrale betreten, fünfzehn Minuten lang hinknien, ein paar Sätze aufsagen, sich als Imperatox wieder erheben. Und dann konnte sie endlich mit dem beginnen, was wirklich zählte.

Dann würde es wahrlich ein wunderbarer Tag für Nadashe Nohamapetan sein.

Sie hatten die Zeremonie fast hinter sich gebracht, standen davor, sie tatsächlich zur Imperatox Nadashe I. zu ernennen, als der Geist erschien.

Nadashe hörte das Raunen und das allzu laute Geflüster, bevor sie den Geist sah. Sie kniete auf dem Marmor und zeichnete mit dem Blick die Adern im Stein nach, als das Geflüster begann, gefolgt von einem Laut, der von Erzbischof Cole kam, der nun nicht mehr krächzend die Worte des Krönungsrituals herunterleierte. Als Cole schließlich endgültig ins Stocken geriet, sah sich Nadashe veranlasst aufzublicken, und nun bemerkte sie, dass Cole mit verwirrter Miene auf etwas genau hinter ihr starrte. Sie folgte seinem Blick, und dann sah auch sie den Geist von Grayland II.

Ihr erster Gedanke war: Jemand muss gefeuert werden. Aus ihrer Perspektive konnte sie, während sie zu Grayland aufblickte, die Projektoren sehen, die das Bild der ehemaligen Imperatox genau hinter der knienden Nadashe entstehen ließen. Entweder hatte jemand versehentlich ein Bild von Grayland projiziert, was ein hinreichender Kündigungsgrund wäre, oder es geschah absichtlich als Streich oder Statement, was nicht nur ein Grund zur Kündigung, sondern zur Ausschleusung wäre. Nadashe hätte kein Problem damit, wenn der Spaßvogel für ein paar sehr qualvolle Sekunden Vakuum atmete, bevor er starb.

Ihr zweiter Gedanke war: Sie sieht mich an.

Und so war es tatsächlich. Die Projektion von Grayland II. starrte Nadashe nicht nur an, sie blickte ihr genau in die Augen. Das war verdammt unheimlich.

Dann sprach die Projektion.

»Hallo, Nadashe«, sagte sie. »Ein netter Tag für eine Krönung.«

Das Raunen der Menge wurde lauter. Als Grayland sprach, schien der Ton direkt auf Nadashe gerichtet zu sein, aber ihr war klar, dass er gleichzeitig in die gesamte Kathedrale übertragen wurde.

Auch der Tontechniker wird gefeuert, dachte Nadashe.

»Das ist nicht lustig«, sagte Nadashe schließlich.

»Ich bin nicht hier, um lustig zu sein«, sagte die Projektion. »Ich bin wegen einer Krönung hier.«

»Du bist nicht du«, sagte Nadashe.

»Wer bin ich nicht?«

»Du bist nicht Grayland. Du bist jemand, der mit einem projizierten Bild und einem Stimmsimulator einen Streich spielt.«

»Dessen bist du dir sicher?«

»Natürlich. Grayland ist tot.«

»Ja«, stimmte die Projektion ihr zu. »Ich bin tot. Du musst es wissen, da du es warst, die mich getötet hat.«

Jetzt steigerte sich das Raunen zu lauten Rufen.

»Die Gräfin Rafellya hat Grayland getötet«, sagte Nadashe und wandte sich nun dem Geist zu.

»Sie brachte die Bombe, die mich tötete, in den Palast, das ist richtig«, sagte die Erscheinung. »Aber du warst es, die sie ihr gegeben hat. Du hast ihr gesagt, es wäre eine Abhörvorrichtung. Du hast ihr nicht gesagt, was es wirklich war. Du hast ihr nicht gesagt, dass sie zusammen mit mir sterben sollte.«

Über die Lautsprecher der Kathedrale waren jetzt zwei Stimmen zu hören, die von Nadashe und die von Gräfin Rafellya Maisen-Persaud, wie sie über die Spieluhr sprachen. Die Gräfin äußerte ihre Besorgnis, dass man das Abhörgerät finden könnte. Nadashe antwortete, dass es so konstruiert war, dass alles völlig harmlos aussah und dass sie außerdem jemanden von der imperialen Sicherheit dafür bezahlt hatte, einen Scanner durch ein Software-Update zu modifizieren. Nadashe nannte ausdrücklich den Namen, damit die Gräfin direkt zu ihm gehen konnte, um sich überprüfen zu lassen.

Die Aufzeichnung endete. Nadashe starrte Grayland fassungslos an.

Grayland lächelte. »Man sollte die Einzelheiten eines Hochverrats nicht vor dem Mikrophon eines Tablets besprechen, Nadashe.«

»Das ist nicht wahr«, flüsterte Nadashe.

Überall in der Kathedrale läuteten Telefone und Tablets. »Die vollständige Audiodatei des Gesprächs von deinem Tablet, Nadashe«, sagte Grayland. Wieder pingten die Geräte. »Die Audiodatei vom Tablet der Gräfin.« Und wieder pingte es. »Das Geständnis des Bombenbauers, den du für die Bombe bezahlt hast.« Und wieder. »Das Geständnis des Wachmanns, den du bezahlt hast, damit er den Scanner unbrauchbar macht und sich der Gräfin annimmt.« In der ganzen Kathedrale hallten die Tonsignale wider.

Grayland sah Nadashe erneut mit einem Lächeln an. »All das ging soeben an alle Tablets und sonstigen Empfangsgeräte in Xi’an. Und natürlich wird das alles hier« – Grayland zeigte auf die Versammlung zur Krönungszeremonie – »überall in Xi’an und auf Nabe live übertragen.«

Nadashe starrte Grayland mit offenem Mund an.

Einige der Anwesenden standen auf und wandten sich den Ausgängen der Kathedrale zu. Grayland drehte sich zu ihnen um. »Setzen Sie sich wieder«, war ihre dröhnende Stimme über das Lautsprechersystem zu vernehmen. »Sie alle. Wir sind noch nicht fertig. Jetzt seien Sie still und hören Sie zu.«

Die Versammlung beruhigte sich. Durch die Stille drang nur das hohe Pfeifen der Lüftungsanlage.

»Der Konstrukteur dieser Kathedrale war besorgt, dass sie durch einen Brand beschädigt werden könnte«, sagte Grayland. »Also sorgte er dafür, dass die Atemluft in weniger als zwei Minuten in den Weltraum abgelassen werden kann. Wenn Sie diese Behauptung auf die Probe stellen möchten, können Sie versuchen, die Kathedrale zu verlassen, bevor ich zu Ende gesprochen habe.«

Totenstille folgte, abgesehen vom Pfeifen. Dann hörte auch das Pfeifen auf.

»Vielen Dank«, sagte Grayland. »Also. Sie glauben vielleicht, ich wäre gekommen, um Nadashe Nohamapetan als Mörderin und Verräterin zu entlarven. Genau das habe ich getan. Doch einige von den hier Anwesenden wussten bereits, dass sie eine Mörderin und Verräterin ist. Sie wussten, dass sie beabsichtigte, mich zu ermorden und die Rolle der Imperatox zu übernehmen. Sie wussten es, weil sie es Ihnen gesagt hat. Sie wussten es, weil Nadashe Sie in ihre Pläne eingeweiht hat.«

Wieder pingte es überall in der Kathedrale. »Sie alle haben zwanzig Milliarden Marken bezahlt, um sich ihrem Staatsstreich anzuschließen. Sie haben das Geld im Voraus von Ihren Privatkonten bezahlt. Sie haben es bezahlt, weil Nadashe Ihnen versprochen hat, dass sie gerettet werden, wenn die Ströme endgültig kollabieren. Sie und Ihre Freunde. Sie und Ihr Unternehmen. Sie und Ihr Haus. Nicht die Millionen Menschen, über die Sie herrschen und die in Ihren Systemen leben. All diese Menschen sollten zurückgelassen werden, um langsam in ihren Habitaten und unterirdischen Städten zu sterben, während Sie zum einzigen Planeten auswandern, der Leben erhalten kann. Sie haben bereitwillig und vorsätzlich geplant, Milliarden zum Tod zu verurteilen. Ich besitze sämtliche Daten und Dokumente über jeden von Ihnen, über jede Familie und jeden Adligen, der diesen Todesplan unterschrieben hat. Und nun haben alle anderen sie ebenfalls erhalten.«

Grayland wartete, bis sich das Geschrei wieder gelegt hatte. »Ich bin tot. Nadashe Nohamapetan hat mich getötet. Sie hat mich ermordet, wie sie auch die Gräfin Rafellya und Drusin Wolfe und ihren Bruder Amit und meine liebste Freundin Naffa Dolg ermordet hat. Ich bin tot und nicht länger Ihre Imperatox.

Ich bin zu etwas anderem geworden. Jetzt bin ich ein Wesen, das die Geheimnisse aller Adelsfamilien kennt. Ich kann den Zugang zu den Strömen kontrollieren, nicht nur hier, sondern überall in der Interdependenz. Ich bin ein Wesen, das entscheiden kann, wer leben und wer sterben wird, in den nächsten Jahren und in den kommenden Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten.

Folgendes habe ich den Adelsfamilien zu sagen, die heute hier versammelt sind. Niemand von Ihnen wird nach Ende gehen, bevor die letzten Ihrer Bürger dorthin gebracht wurden. Sie werden diese Menschen nicht im Stich lassen. Deren Schicksal ist auch Ihr Schicksal. Sie können versuchen, sie zurückzulassen, wenn Sie möchten. Aber Ihre Schiffe werden sich nicht von der Stelle rühren. Die Wachposten an den Strommündungen werden Sie nicht passieren lassen. Und wenn Sie nach Hause zurückkehren, werden die Menschen wissen, dass Sie versucht haben, sie im Stich zu lassen. Wenn Sie eine Passage nach Ende erwerben wollen, müssen Sie den Preis dafür bezahlen und zuvor alle anderen Bewohner Ihres Systems dorthin bringen. Die Interdependenz ist das Volk der Interdependenz.

Wir können und wir werden alle ins Ende-System bringen. Aber es wird nicht nur Jahre dauern, sondern Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. Ich werde hier sein – ich werde immer hier sein –, um den Menschen auf dem Weg in das System zu helfen. In der Zwischenzeit müssen die Systeme der Interdependenz und ihre Bewohner lange Jahre der Isolation überstehen. Die Idee, die hinter der Interdependenz steht – die Monopole der Adelsfamilien und Gilden –, ist damit nicht länger haltbar.«

Eine weitere Welle von Pings lief durch die Kathedrale. »Und damit sind die Monopole der Familien außer Kraft gesetzt. All ihre Handelsgeheimnisse sind nun öffentlich. Wir können es uns nicht mehr leisten, dass Nutzpflanzen nach fünf oder sechs Generationen unbrauchbar werden oder dass nur eine Familie Raumschiffe baut.«

Diesmal war der Aufschrei gewaltig. »Es ist zu spät«, übertönte Grayland den Lärm. »Es ist geschehen. Sie sind weiterhin Adelsfamilien. Sie können immer noch tausend Jahre Ihren Reichtum und Ihr Kapital verwalten. Wenn Sie ohne Ihre Monopole nicht überleben können, ist es allerdings an der Zeit, dass andere an Ihre Stelle treten.«

Irgendwann legte sich das Getöse. »Endlich … endlich. Sie sind zu einer Krönung gekommen, und Sie werden einer beiwohnen.« Grayland deutete auf Nadashe. »Aber es wird nicht ihre sein. Nicht weil sie mich und andere ermordet hat. Nicht weil sie sich immer wieder als Verräterin an der Interdependenz erwiesen hat. Und nicht einmal«, fügte sie hinzu und richtete den Blick direkt auf Nadashe, »weil sie einfach nicht besonders nett ist, sondern weil ich vor meinem Tod einen rechtmäßigen Nachfolger ernannt habe.«

Grayland drehte sich zu Proster Wu um, der in der ersten Reihe der Versammlung saß. »Es ist kein Mitglied der Familie Wu. Zweimal hat diese Familie mit den Feinden der Imperatox gemeinsame Sache gemacht. Mit meinen Feinden. Das ist zweimal zu viel. Sie werden für Ihren Verrat bezahlen, Proster Wu. Genauso wie Ihre Familie. Unsere Familie. Und das haben Sie sich selbst zuzuschreiben.« Proster wandte den Blick ab.

»Wenn nicht sie, wer dann?«, fragte Erzbischof Cole. »Wer soll der nächste Imperatox werden?«

»Es freut mich, dass Sie danach fragen«, sagte Grayland, und ein letztes Mal pingten sämtliche Empfangsgeräte in der Kathedrale gleichzeitig. »Ich habe Ihnen soeben meine Nachfolgeregelung geschickt, die ich drei Tage vor meinem Tod in Anwesenheit von drei Zeugen unterzeichnete. Ich gab die Anweisung, dass sie nicht vor dem Tag der Krönung veröffentlicht werden soll. Man könnte sagen, dass ich so etwas vorhergesehen habe.

Ich, Grayland II., Imperatox des Heiligen Imperiums der Interdependenten Staaten und der Merkantilen Gilden, Königin von Nabe und der Assoziierten Nationen, Oberhaupt der Interdependenten Kirche, Nachfolgerin der Erde und Mutter von Allem, die achtundachtzigste Imperatox des Hauses Wu, bin tot. Ich präsentiere Ihnen nun meinen Thronerben und den letzten Imperatox der Interdependenz.«

Die Türflügel der Kathedrale öffneten sich, eine Gestalt trat hindurch und lief mit gemessenen, aber zielstrebigen Schritten durch das Mittelschiff der Kathedrale. Der Thronerbe schenkte den lauter werdenden Stimmen im Saal keine Beachtung, sondern hielt den Blick auf Nadashe Nohamapetan gerichtet, die Thronprätendentin, deren Augen sich weiteten, als sie sah, wer der letzte Imperatox sein würde.

Die letzte Imperatox stieg zum Chor der Kathedrale hinauf, wo Nadashe Nohamapetan stand, und blieb genau vor ihr stehen.

»Das ist mein Platz, Schlampe«, sagte Kiva Lagos.