24

Zum ersten Mal seit seiner Einrichtung empfing der Gedächtnisraum Besucher, die nicht unbedingt Imperatoxe waren.

»Was ist das hier?«, fragte Nadashe Nohamapetan, während sie auf die sparsame Möblierung und die nackten Wände blickte.

»Ein Raum, zu dem du Zugang erhalten hättest, wenn du Imperatox geworden wärst«, sagte Grayland. »Wo du mit allen Imperatoxen vor dir hättest sprechen können. Zumindest einer Version von ihnen.«

»Mit allen?«

»Ja.«

»Dich eingeschlossen?«

»Ganz offensichtlich.«

»Und du hättest gewusst, dass ich dich habe ermorden lassen?«

»Da mir deine Pläne einige Tage vor dem Mord an mir bekannt waren, ja.«

»Du wusstest es, und du hast mich nicht aufgehalten.«

»Ich wusste es, und ich habe dich sehr wohl aufgehalten.«

»Es ist mir gelungen, dich zu töten.«

»Nein, nicht das. Ich habe verhindert, dass du Imperatox wirst.«

»Das hast du schon vorher getan«, protestierte Nadashe. »Du hast die verfickte Kiva Lagos zu deiner Thronerbin gemacht, bevor du gestorben bist.«

»Es ging mir darum, dich daran zu hindern, Imperatox zu werden«, sagte Grayland. »Ich wollte das alles unterbinden. All die Verschwörungen und Intrigen und den sonstigen Unsinn. Es hätte nicht aufgehört, wenn ich weitergelebt hätte. Du oder jemand anderer wie du – auch wenn es eigentlich niemanden gibt, der ist wie du, aber du verstehst, worauf ich hinauswill –, irgendjemand hätte immer wieder versucht, mich zu beseitigen. Hätte ich einfach Kiva zu meiner Nachfolgerin ernannt, hättest du versucht, sie zu töten, entweder bevor oder nachdem sie den Thron bestiegen hätte.«

»Und du glaubst, du hast das alles jetzt unterbunden?«

»Ich glaube, ich habe deutlich gemacht, dass es keine Geheimnisse gibt, die sich vor mir verbergen lassen. Und ich habe genügend Geheimnisse von allen möglichen Leuten öffentlich gemacht, so dass sie für eine Weile viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sein werden, um Kiva irgendwelche Probleme machen zu können.«

»Du hast den Adligen eine Menge Probleme gemacht.«

»Ja, genau das war der Plan.«

»Einige könnten dadurch ums Leben kommen«, gab Nadashe zu bedenken.

»Ich habe sie nicht dazu gedrängt, sich für eine Strategie zu entscheiden, bei der Milliarden geopfert werden, um ein paar Leute und ihr Geld zu retten.«

»Du hast es einfach nur öffentlich gemacht, mehr nicht.«

»Da ein entscheidender Punkt des Plans darin bestand, mich umzubringen, kann ich sozusagen damit leben.«

»Und du glaubst, du könntest alle irgendwie nach Ende bringen? Irgendwann.«

»Ja.«

»Wie willst du das machen?«

»Du meinst, solange die Prophecies of Rachela und die anderen Schiffe darauf warten, jeden abzuschießen, der dort auftaucht, und nachdem du meinen Plan für einen Angriff durch die Hintertür über Ikoyi unmöglich gemacht hast?«

»Ich meinte es eher langfristig, aber klar, auch das.«

»Du hast deinen Mitverschwörern Passiercodes gegeben, die ich eingesammelt habe. Wir werden jetzt durch die Vordertür reingehen. Was alles Übrige betrifft, ist die Mathematik recht kompliziert. Glaub mir einfach, dass ich es hinkriege. Oder auch nicht. Du wirst ohnehin tot sein, wenn es so weit ist.«

»Was willst du also mit mir machen?«, fragte Nadashe Nohamapetan.

»Zunächst werde ich natürlich dafür sorgen, dass du alles verlierst«, sagte Grayland. »Das Haus Nohamapetan ist, wie du weißt, offiziell aufgelöst.«

»Ich habe davon gehört.«

»Das war eine der ersten Amtshandlungen von Imperatox Mavel.« Grayland hielt kurz inne. »Du weißt, dass das Kivas imperialer Name ist.«

Nadashe verdrehte die Augen. »Ja.«

»Seltsame Entscheidung, aber egal. Jedenfalls hat Mavel den Beschluss gefasst, keine andere Familie in den Adelsstand zu erheben. Sie hat die Vermögenswerte der Nohamapetans treuhänderisch den Bürgern von Terhathum übereignet. Ich fand das eine sehr gute Idee, also habe ich sie gebeten, dasselbe mit dem Haus Wu zu machen, zum Wohl der Bürger von Nabe. Ich vermute, eine Auflösung dieser beiden Häuser wird eine Menge Unheil verhindern, nicht nur direkt, sondern auch weil es anderen Adelshäusern als Exempel dient.«

»Wenn du das sagst.«

»Ich sage es. Und auf einer persönlicheren Ebene wurden all deine Konten konfisziert und dem Finanzministerium übergeben. Genauso wie die Konten deiner Mutter und deines Bruders Ghreni. Du bist komplett pleite, Nadashe.«

»Uns allen droht wegen Hochverrats die Todesstrafe, also denke ich, dass das ohnehin keine Rolle mehr spielt.«

»Mavel und ich haben entschieden, dass der Tod keine angemessene Strafe für dich ist, Nadashe.«

»Aha? Was wollt ihr stattdessen machen?«

»Nun, ich werde dir das geben, was du schon immer haben wolltest, wie du wiederholt gesagt hast.«

»Und was genau wäre das?«

Grayland lächelte und verriet es ihr.

»Das ist schon komisch, weißt du«, sagte Imperatox Mavel alias Kiva Lagos. »Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich so für mich gedacht, dass die Menschen ihre Lebensweise ändern müssen, weil das Ende des Universums bevorsteht und es nur eine begrenzte Anzahl von Leuten geben kann, die schmarotzen können, worauf ich beschlossen hatte, zu dieser verfickten Gruppe zu gehören. Und nun sieh dir an, was daraus geworden ist!«

»Der Job eines Imperatox ist nichts für Schmarotzer«, sagte Grayland. »Nun ja, er könnte es sein. Aber nicht jetzt.«

»Willst du damit sagen, ich hätte diesen Job schon viel früher übernehmen sollen?«

»Wesentlich früher.«

»Passt irgendwie.«

»Tut mir leid.«

»Du hättest immer noch die Möglichkeit, den Job wieder selbst zu übernehmen«, sagte Kiva.

Grayland schüttelte den Kopf. »Ich habe jetzt einen anderen Job. Außerdem ist es ein Job für jemanden, der am Leben ist.«

Kiva zeigte auf Graylands Kopf. »Gut, aber nur damit du es weißt, ich werde mir keine verfickten Drähte in den Kopf einsetzen lassen. Ich habe da drinnen zu viel Zeug, von dem andere Leute niemals erfahren sollten. Auf gar keinen Fall.«

»Du bist die letzte Imperatox«, sagte Grayland. »Diejenige, die die Interdependenz zu Ende bringt. Nach dir wird es keine weiteren geben. Also wird nach dir auch niemand mehr in den Gedächtnisraum kommen.«

»Okay, gut«, sagte Kiva. »Aber ich will dich nicht belügen. Eigentlich finde ich diese Scheiße gruselig.«

»Ich weiß. Ich sehe das genauso.«

»Wie wollen wir es also machen? Die Interdependenz zu Ende bringen.«

»Ganz einfach. Du wirst den Leuten erklären, wie sie ihre einzelnen Systeme auf die Isolation vorbereiten sollen. Ich werde dir sagen, ob sie es so machen, und was zu tun ist, wenn sie es nicht machen. Mit der Zeit werden immer mehr Systeme isoliert sein, und dann hast du immer weniger zu tun. Ich werde die Systeme mittels direkter Lichtkommunikation überwachen, sie über die neuesten Entwicklungen informieren, wo evaneszente Ströme auftauchen und verschwinden, und über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Manipulation von Strommündungen. Ich fungiere als Informationszentrale, wenn alle dauerhaften Ströme verschwunden sind.«

»Die temporären Ströme werden weiterhin einige Systeme miteinander verbinden.«

»Die evaneszenten Ströme, ja. Jeweils nur für ein paar Monate oder Jahre, aber das ist genug Zeit für einen Transfer von Daten oder Gütern, oder um Habitate von einem System ins nächste zu transportieren, ein Stück weiter auf dem langen Weg nach Ende.«

»Und das alles willst du bewerkstelligen?«

Grayland schüttelte den Kopf. »Das wird die Aufgabe der Menschen in den einzelnen Systemen sein. Ich kann ihnen alle Informationen geben, die ich habe und die sie brauchen, doch sobald die Interdependenz nicht mehr existiert, liegt es an ihnen, was sie mit diesen Informationen machen wollen. Ich glaube nicht, dass alle es bis nach Ende schaffen werden. Aber doch sehr viele.«

»Das wird den Planeten ruinieren.«

»Wenn wir irgendwann mit den Habitaten umziehen können, werden die Menschen weiterhin darin leben. Am Ende hätten wir einfach nur die ganze Interdependenz in ein einziges System verlagert.«

Kiva schüttelte den Kopf. »Wo es dann verdammt eng wird.«

Grayland lächelte. »Der Weltraum ist ziemlich groß. Selbst innerhalb eines Systems.«

»Wenn du es sagst.«

»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte Grayland.

»Sie ist rundum zufrieden«, sagte Kiva. »Ich weiß nicht, warum ich auf dich gehört und sie zur Herzogin ernannt habe.«

»Sie war mir sehr hilfreich. Nachdem ich in diese Form übergegangen bin, brauchte ich einen lebenden Menschen, der für mich Dinge erledigt. Ich brauchte jemanden, dem ich vertrauen kann und von dem ich weiß, dass er etwas bewirken kann. Wie zum Beispiel dich aus dem Gefängnis holen.«

»Sie hat nur einen Transporter gemietet und Senia gesagt, dass sie einsteigen soll. Du hast den eigentlichen Ausbruch durchgezogen.«

»Es hätte nicht funktioniert, wenn der Transporter nicht bereitgestanden hätte, um dich aufzunehmen. Du weißt, dass sie niemals daran gezweifelt hat, dass du noch am Leben bist. Als ich es ihr sagte, antwortete sie nur mit einem Ja, natürlich ist sie das

»Das ist meine Mutter«, sagte Kiva.

»Danke übrigens, dass du am Leben geblieben bist. Wenn du gestorben wärst, hätte ich Marce zum Imperatox ernennen müssen.«

»Keine Ursache. Weil er ziemlich scheiße in diesem Job gewesen wäre.«

»Ich weiß.«

»Und fick dich, dass du gestorben bist, Grayland. Jetzt muss ich diesen Scheißjob machen.«

Darüber lachte Grayland. »Es hat auch seine Vorteile. Du lebst in einem netten Haus.«

»In diesem verdammten Ding spukt es. Ich sehe überall Geister.«

»Nun, kurz bevor der letzte Strom kollabiert, kannst du nach Ende gehen und dieses Haus zurücklassen.«

»Wir werden sehen.«

»Also bleibst du vielleicht?«

Kiva schwieg für einen Moment. »Du weißt, dass meine Mutter, die Herzogin, auf dem Rückweg nach Ikoyi ist.«

»Ja«, sagte Grayland.

»Sie hat vor, dort zu sterben. Nicht in absehbarer Zeit. Aber eines Tages. Und bis dahin wird sie tun, was sie kann, um Ikoyi durch die Isolation zu bringen. Sie lässt ihr Volk nicht im Stich.«

»Ich weiß. Deine Mutter ist die Beste von uns allen.«

»Ich bin nicht nur Imperatox«, sagte Kiva. »Ich bin auch die Königin von Nabe. Wenn ich mit der Interdependenz fertig bin und sie nicht mehr existiert, werden immer noch mehrere hundert Millionen Menschen in diesem System leben. Und ich möchte nicht, dass sie dann denken: Unsere feige Königin hat uns einfach im Stich gelassen

»Das klingt sehr vernünftig.«

»Jedenfalls wirst du weiterhin hier sein. Du kannst mir zuhören, wie ich hin und wieder über meinen Job meckere und stöhne. Du weißt schon, wenn Senia mal eine Pause braucht.«

»In Ordnung. Ich bin froh, dass du Senia hast, Kiva.«

»Ich ebenfalls«, sagte Kiva. »Obwohl das verfickt unerwartet kam.«

»Bei der Liebe ist das oft so«, sagte Grayland.

»Ich möchte dir eine Frage stellen«, sagte Marce. »Es ist eine seltsame Frage, aber ich hätte darauf gern eine Antwort.«

»Selbstverständlich«, sagte Cardenia.

»In der Nacht, als du … starbst, glaubte ich an Bord der Auvergne gehört zu haben, wie du meinen Namen rufst. Kurz bevor ich aufwachte. Hast du das getan? Warst du das?«

»Nein«, sagte Cardenia leise. »Aber ich wünschte, es wäre so.«

Marce nickte und blickte sich im Gedächtnisraum um. »So war es hier also die ganze Zeit.«

»Genau«, pflichtete Cardenia ihm bei.

»Ich hatte mir vorgestellt, es wäre, nun ja, mehr

»Es wäre mehr, wenn man den Raum mit Imperatoxen füllt.«

»Warum hast du das getan?«, fragte Marce.

»Weil es die einzige Möglichkeit war, die Serie von Staatsstreichen …«

Marce hob eine Hand. »Nicht warum du gestorben bist. Warum hast du mir einen Heiratsantrag gemacht, wenn du wusstest, dass du sterben würdest?«

»Damals wusste ich noch nicht, dass ich sterben muss.«

»Aber du hast es in Erwägung gezogen.«

»Ich hatte darüber nachgedacht. Seit ich von Rachela erfahren hatte und seit du mir gesagt hattest, dass sich Strommündungen vielleicht beeinflussen lassen.«

»Und warum hast du mich gefragt, ob ich dich heiraten will?«, wollte Marce wissen.

»Weil ich dich liebe«, sagte Cardenia. »Alles, was ich in jener Nacht gesagt habe, ist wahr. Es war und ist wahr. Ich habe dich für deine Tapferkeit bewundert, obwohl deine Chancen nicht gut standen. Und dann erkannte ich, dass es eine Möglichkeit gab, den Kampf zu gewinnen. Oder zumindest so lange weiterzukämpfen, bis die Chancen besser wären, ihn zu gewinnen.«

»Du hast den Kampf gewonnen, aber du hast die Möglichkeiten verloren, die wir hatten«, sagte Marce.

»Ja«, bestätigte Cardenia. »Und als ich erkannte, dass ich es nur so schaffen kann, brach ich zusammen. Auf der Bank, auf der du jetzt sitzt.«

»Aber du hast es trotzdem getan.«

»Dadurch konnte ich Milliarden von Menschen das Leben retten. Ich bin Cardenia Patrick-Wu, die dich liebt, Marce, mehr, als ich zum Ausdruck bringen kann. Mehr, als ich Torte liebe.«

Marce lächelte, dann lachte er, dann weinte er.

»Gleichzeitig bin ich Grayland II., die Imperatox und Mutter von Allem. Und ich hatte eine Verantwortung, die größer war als alles, was ich mir gewünscht und für mich selbst erhofft hatte. Es tut mir leid, Marce. Das war egoistisch von mir, ich weiß.«

»Was?«, sagte Marce und wischte sich über das Gesicht. »Das ist das Gegenteil von Egoismus.«

»Es war egoistisch, weil ich es dir hätte sagen sollen. Oder ich hätte dich zumindest warnen sollen. Oder vielleicht hätte ich dir keinen Heiratsantrag machen sollen.«

»Sag das nicht.«

»Warum? Damit habe ich dich verletzt.«

»Nein … es ist nicht der Heiratsantrag, der mich verletzt hat. Das war der glücklichste Moment, an den ich mich erinnern kann. Es schmerzt, mir vorzustellen, welche Zukunft wir gehabt hätten, es schmerzt, daran zu denken und es zu wollen und es dann zu verlieren …« Marce atmete tief durch. »Es so schnell wieder zu verlieren, nachdem ich das Privileg hatte, es mir vorzustellen.«

»Und dass ich dir das alles genommen habe.«

»Was? Nein. Du hast es mir nicht genommen. Das war Nadashe Nohamapetan. Es ist ihre Schuld. Alles ist ihre Schuld.« Er blickte zu Cardenia auf. »Du lässt sie am Leben, habe ich gehört.«

»Ich habe es vorgeschlagen, und Kiva war einverstanden, weil Nadashe dann länger leiden muss.«

»Ich muss dir sagen, dass ich vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen hätte.«

»Das könnte ich dir nicht verübeln.«

»Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, Cardenia«, sagte Marce. »Du bist nicht mehr da, aber du bist doch noch da. Ich kann dich sehen und hören, aber ich kann dich nicht berühren oder bei dir sein. Das schmerzt. Die ganze Zeit. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Ich weiß, was du tun solltest«, sagte Cardenia. »Aber ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird.«

»Sag es mir trotzdem.«

»Du musst fortgehen«, sagte Cardenia. »Fort von mir. Fort von allem hier.«

Darüber lachte Marce leise. »Damit hast du nicht unrecht. Aber ich weiß nicht, ob es etwas bringen würde.«

»Nun, ich habe mit Kiva darüber gesprochen, und wir sind uns einig, dass wir dir zwei Optionen anbieten können.«

»Zwei Optionen?«

»Ja. Die erste wäre, dass du nach Hause zurückkehrst. Nach Ende. Als der neue Herzog.«

»Du willst mich zum Herzog von Ende machen?«

»Niemand hätte es mehr verdient«, sagte Cardenia. »Und als Herzog von Ende hätten du und deine Familie die besten Voraussetzungen, eintreffende Menschen und Habitate vernünftig zu integrieren, um sie und deinen Planeten am Leben zu erhalten. Wenn der Strom von Ende schließlich kollabiert und die Interdependenz erledigt ist, wirst du zum König von Ende.«

»Was wäre die zweite Option?«

»Du gehst zur Erde.«

»Was?«

»Ich habe die Daten analysiert, die du mitgebracht hast, zusammen mit allen anderen Daten, die du bislang gesammelt hast.«

»Du?«, sagte Marce.

»Ja, das habe ich«, bekräftigte Cardenia. »Chenevert hat mir einige von seinen Systemen überlassen, um mir Starthilfe zu geben. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, Marce … aber ich bin mehr, als ich zuvor war. Anders.«

»Besser.«

Cardenia schüttelte den Kopf. »Nicht besser. Nur anders. Der Punkt ist, dass ich die Daten synthetisiert und zusammengefügt habe, um künftige evaneszente Ströme vorhersagen zu können. Dabei ist mir etwas aufgefallen, und ich bat Chenevert, doch einmal nachzuschauen, ob er dasselbe sieht. So war es. Ein Strom, der von hier ausgeht und sich in sechs Monaten öffnet. Er führt in ein Territorium, das mit einem System übereinstimmt, das von der Erde beansprucht wird.«

»Wow!«, sagte Marce. »Wow!«

»Allerdings gibt es Vorbehalte«, fuhr Cardenia fort. »Dieser Strom führt nur in die eine Richtung. Weder Chenevert noch ich konnten einen korrespondierenden Strom in die Gegenrichtung vorhersagen. Wenn wir mehr Daten über evaneszente Strommündungen haben und bessere Vorhersagen treffen können, lässt sich vielleicht einschätzen, ob einer auftauchen wird, aber vorläufig ist es eine Einbahnstraße. Wir veranschlagen sechs Monate innerhalb des Stroms. Weder Chenevert noch ich wissen, wie es am anderen Ende aussieht. Zu Cheneverts Zeiten gab es dort eine junge Kolonie, aber wer weiß, was sich jetzt dort befindet? Chenevert sagt, er hat eine Karte der Ströme zwischen den Systemen, die mit der Erde assoziiert sind, aber sie ist sehr alt, und er kann nicht garantieren, dass dort kein Kollapsereignis stattgefunden hat, das von der Ruptur ausgelöst wurde. Vielleicht ist es ein Einwegticket ins Nirgendwo.«

»Aber wenn es dort etwas gibt …«

»Dann wärst du der Erste seit fünfzehnhundert Jahren, der Menschen von der Erde trifft. Oder zumindest welche aus einem ihrer Systeme.«

»Wow!«, sagte Marce noch einmal.

Cardenia lächelte. »Chenevert dachte sich, dass du das sagen würdest. Außerdem soll ich dich wissen lassen, wenn du diese Reise unternehmen willst, würde dir die Auvergne zur Verfügung stehen, und es wäre ihm eine Freude, dein Pilot zu sein.«

»Ich …« Marce hielt inne. »Darüber muss ich erst nachdenken.«

»Selbstverständlich.«

»Das ist eine ganze Menge.«

»Das ist es«, bestätigte Cardenia. »Ich sollte dir auch sagen, falls du dich für die Erkundungsoption entscheidest, beabsichtigt Kiva, deine Schwester Vrenna zur Herzogin von Ende zu machen. Offenbar hat Kiva sie in guter Erinnerung behalten und war sehr von ihr angetan.«

»Das lässt sich auf sehr unterschiedliche Arten verstehen, wenn es von Kiva kommt.«

»Vermutlich, aber ungeachtet dessen geht die Herzogswürde auf deine Familie über. Ich weiß nicht, ob das deine Entscheidung in die eine oder andere Richtung beeinflusst.«

»Vielen Dank, Cardenia«, sagte Marce. »Auf einmal gibt es eine ganze Menge, worüber ich nachdenken muss.«

»So ist es«, sagte Cardenia. »Das war der Plan.«

Marce stand auf und ging zur Tür des Gedächtnisraums, wo er innehielt und sich noch einmal umdrehte. »Ich liebe dich. Das weißt du.«

»Und ich liebe dich, Marce. Ganz gleich, wo du bist, für immer.«

Er lächelte und verließ den Raum.

Cardenia wartete einen Moment, sammelte sich und rief dann Chenevert an. »Sie hatten recht«, sagte sie zu ihm. »Er hat nach der Erde gegriffen, als wäre es ein lange vermisstes Haustier.«

»Genau das wollten Sie doch«, rief Chenevert ihr in Erinnerung.

»Ich weiß.«

»Also denken Sie, dass er sich dafür entscheiden wird?«

»Ich bin davon überzeugt. Er wird eine Weile damit ringen. Aber denken Sie nur an die Wissenschaft

»Und Sie?«, fragte Chenevert. »Wie wird es Ihnen ergehen? Ein Teil von Ihnen ist weiterhin menschlich. Wird immer menschlich bleiben.«

»Es wird schmerzen«, sagte Cardenia. »Für sehr lange Zeit.«

»Das ist keine schlechte Sache.«

»Nein. Vermutlich nicht.«

»Gut. Wenn ihm schließlich klar geworden ist, was er will, gebe ich Ihnen Bescheid. Dann können Sie unserer lieben neuen Imperatox sagen, dass sie die Geldschublade öffnen soll. Wir werden keine Probleme haben, die Ausrüstung und das Personal für eine Reise zur Erde zusammenzustellen, auch wenn es vielleicht keine Möglichkeit der Rückkehr gibt. Es könnte sogar auf eine Auslosung hinauslaufen.«

»Vielleicht«, sagte Cardenia. »Aber eins noch, Chenevert.«

»Ja, meine Liebe?«

»Versprechen Sie mir etwas.«

»Alles.«

»Versprechen Sie mir, dass Sie eines Tages zurückkehren. Dass er zurückkehrt.«

»Ach, Cardenia«, sagte Chenevert. »Warum machen Sie sich deswegen Sorgen? Ganz gleich, wie lange es dauern wird, ich werde ihn auf jeden Fall wieder nach Hause bringen.«

»Also hast du dich verabschiedet«, sagte Rachela zu Cardenia.

»Es ist kein Abschied«, erwiderte Cardenia. »Mit einigen werde ich bald wieder sprechen. Mit einigen sogar recht oft.«

»Nicht von ihnen. Von dem, was du zuvor warst.«

»Ach das. Ja, ich vermute, das habe ich.«

»Das ist gut«, sagte Rachela. »Das ist wichtig. Du kannst nicht das sein, was wir jetzt sind, ohne das getan zu haben.«

»Unsterblich sein, meinst du.«

»Wir sind nicht unsterblich«, gab Rachela zu bedenken. »Aber wir haben die Gelegenheit, so lange zu leben, wie wir nützlich sind. Und das ist ein seltenes Privileg.«

»Und was ist mit dir?«, fragte Cardenia. »Wie lange möchtest du noch weiterleben? Die Interdependenz geht zu Ende. Du wolltest sehen, wie sie sich entwickelt. Jetzt weißt du es.«

»Keine Ahnung«, sagte Rachela. »Es war eine lange Lebenszeit. Zwischendurch hatte ich mir Sorgen gemacht, dass es schlimm enden würde. Aber jetzt nicht mehr. Was dein Verdienst ist, Cardenia. Dafür danke ich dir.«

»Keine Ursache.«

»Sollte ich eines Tages beschließen, dich zu verlassen, wirst du dann weiter an mich denken?«, fragte Rachela.

»Natürlich. Dies ist der Gedächtnisraum. Du wirst immer hier sein.«

»Ja«, stimmte Rachela ihr zu. »Wollen wir also mit dem Ende beginnen?«

»Ja«, sagte Cardenia. »Und wir werden es zu einem denkwürdigen Ende machen.«