Im selben Moment, als Deran Wu im höchsten Stockwerk des Gildenhauses starb, kämpfte Kiva Lagos ein paar Ebenen tiefer gegen die Versuchung, jemanden durch ein Fenster desselben Hauses zu werfen.
»Was zum Henker haben Sie gerade gesagt?«, fragte Kiva den Mann, der ihr auf der anderen Seite ihres Schreibtischs gegenübersaß.
Dieser Mann, Bagin Heuvel, der leitende Verhandlungsführer des Hauses Wolfe, blinzelte nicht einmal. »Sie haben mich genau verstanden, Lady Kiva. Das Haus Wolfe beabsichtigt, unsere Verträge mit dem Haus Nohamapetan, dessen Verwalterin Sie sind, neu zu verhandeln. Wir würden es vorziehen, diese Verhandlungen auf umgängliche Weise und im Geiste der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Nutzens zu führen. Sollte das jedoch nicht möglich sein, und Ihrer Reaktion entnehme ich, dass genau das der Fall sein könnte, wären wir gern bereit, Rechtsmittel einzulegen und eine Klage beim Gildengericht einzureichen.«
»Auf welcher Grundlage?«
»Auf der Grundlage der Tatsache, dass die Zivilisation zusammenbricht, Lady Kiva.«
Kiva warf einen Blick zu Senia Fundapellonan, die eine Anwältin des Hauses Nohamapetan war – beziehungsweise war sie es gewesen, bis die Gräfin Nohamapetan versehentlich auf sie schießen ließ, während eigentlich Kiva Ziel des Attentats war, zu einem Zeitpunkt, als Senia die Seiten gewechselt und nunmehr für Kiva gearbeitet hatte, die inzwischen das Haus Nohamapetan leitete, weil die Gräfin wegen Hochverrats im Gefängnis saß. Kiva hatte Fundapellonan die Verantwortung für die Rechtsabteilung des Hauses Nohamapetan übertragen, außerdem trieben Kiva und Fundapellonan es miteinander, und zwar richtig gut – ja, alles war ziemlich plötzlich passiert und recht kompliziert –, und Fundapellonan deutete ihren Blick völlig richtig. »Die Verträge zwischen unseren Häusern enthalten keine Klausel für den Fall eines angeblichen Zusammenbruchs der Zivilisation, Mr. Heuvel«, sagte sie.
»Aber sie enthalten Klauseln für den Fall höherer Gewalt«, erwiderte Heuvel.
»Höhere verfickte Gewalt?«, rief Kiva.
»Das Wort ›verfickt‹ habe ich dort nicht eingefügt, aber ansonsten ja.«
»Höhere Gewalt ist, wenn ein unverhofft auftauchender Asteroid plötzlich ein gesamtes verficktes Weltraumhabitat zerstört«, sagte Kiva.
»Das wäre ein Beispiel«, pflichtete Heuvel ihr bei. »Wir machen geltend, dass der Zusammenbruch der Zivilisation ein weiteres ist.«
»Das Schlüsselwort ist ›plötzlich‹.«
»Die Schlüsselwörter sind eher ›Zusammenbruch der Zivilisation‹.«
»Lady Kiva hat recht«, warf Fundapellonan ein. »Bei höherer Gewalt geht es um unvorhersehbare und unerwartete Ereignisse.«
»Ja, wie zum Beispiel dem vollständigen Zusammenbruch einer Zivilisation«, sagte Heuvel.
»Verdammt weit in der Zukunft«, sagte Kiva.
»Während einer Zeitspanne, in der signifikante Bestandteile der Verträge zwischen unseren Häusern nicht mehr zur Anwendung kommen werden, was eine erhebliche zivilrechtliche und finanzielle Belastung für das Haus Wolfe darstellen wird«, sagte Heuvel und unterstrich seine Aussage mit einem erhobenen Zeigefinger. »Wenn die derzeitigen günstigsten Schätzungen für den Zustand der Ströme innerhalb der Interdependenz zutreffen, wird das Haus Wolfe ohne eigenes Verschulden und ausschließlich aufgrund von Gewalten, die außerhalb des Einflusses des Hauses liegen, hinsichtlich seiner vertraglichen Verpflichtungen in Verzug geraten und dadurch untragbar hohen Risiken ausgesetzt sein.«
»Was ausschließlich Ihr Problem wäre.«
Heuvel nickte. »Ich stimme Ihnen darin zu, dass es ein Problem wäre, nicht jedoch, dass es ausschließlich unser Problem wäre. Und das Haus Wolfe wäre bereit, diesen Punkt vor Gericht verhandeln zu lassen.«
»Das Gildengericht ist nicht gerade für seine Aufgeschlossenheit gegenüber Neuinterpretationen der Vertragsgesetzgebung bekannt«, gab Fundapellonan zu bedenken. »Die Rechtsprechung während mehrerer Jahrhunderte deutet darauf hin, dass man Sie unter lautem Gelächter aus dem Gerichtssaal jagen wird, wenn Sie diese Klage einreichen, und am Ende wird Ihr Klient unsere Anwaltskosten und eine beträchtliche Strafe zahlen müssen.«
»Das wäre eine Möglichkeit«, sagte Heuvel. »Die andere wäre, dass das Gildengericht anerkennt, dass die Rechtsprechung mehrerer Jahrhunderte nichts bedeutet, wenn die Interdependenz vor einer existenziellen Bedrohung steht, die buchstäblich keine Parallele in der bisherigen Menschheitsgeschichte hat.«
»Sie erwarten eine Menge vom Gildengericht.«
Heuvel zuckte mit den Schultern. »Die Richter sind aufgrund dieses Zusammenbruchs genauso isoliert wie wir alle. Wir alle sind weg vom Fenster.« Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Kiva zu. »Aber wie ich eingangs sagte, müssen wir eigentlich gar nicht vor Gericht gehen. Wir sind bereit, in gutem Willen und zum Wohl unserer beiden Häuser neu zu verhandeln.«
»Das ist nicht das, was Sie gesagt haben.« Kiva starrte Heuvel mit steinerner Miene an. »Sie haben gesagt, dass das Haus Wolfe diese Verträge neu verhandeln oder vor Gericht gehen will.«
»Ja«, sagte Heuvel. »Also?«
»Also sind Sie gekommen, um mir zu sagen, was geschehen wird, nicht um mich bei Ihrem Vorhaben um meine Unterstützung zu bitten.«
»Offensichtlich benötigen wir Ihre Unterstützung, um unser Vorhaben umzusetzen …«
Nun war es Kiva, die einen Zeigefinger hob. »Aber Sie haben nicht darum gebeten. Sie haben mir gesagt, was geschehen wird, und erwartet, dass ich dabei mitmache, als wäre es bereits beschlossene Sache.«
»Ich bin mir nicht sicher, warum das eine Rolle spielen sollte.«
»Es spielt eine Rolle, weil ich jetzt scheißstinksauer auf Sie bin«, sagte Kiva. »Ich mag es nicht, wenn Leute in mein Büro kommen und mir sagen, wie ich etwas tun soll, als hätte ich dabei nichts zu melden, und präventiv damit drohen, mich vor Gericht zu zerren, um meine Zustimmung zu erzwingen.«
»Lady Kiva, falls ich diesen Eindruck erweckt habe, bitte ich um Entschuldigung, da es unabsichtlich …«
»Und jetzt bin ich ein zweites Mal scheißstinksauer auf Sie, weil Sie mir erzählen wollen, diese Scheiße wäre Ihnen unabsichtlich passiert. Sie sind ein erwachsener Mensch und der leitende Verhandlungsführer eines kompletten verfickten Hauses. Und ja, das Haus Wolfe ist in der Tat ein unbedeutendes verficktes Haus …«
»Moment!«
»Aber selbst ein unbedeutendes verficktes Haus hat die nötigen Mittel, um einen kompetenten Unterhändler zu engagieren. Also ist es Ihnen entweder gelungen, Ihre völlige verfickte Inkompetenz lange genug vor dem Haus Wolfe zu verbergen, um sich in Ihre derzeitige Position hinaufzuschleimen, oder Sie wussten bereits genau, was sie tun werden, als Sie sich auf diesen verfickten Stuhl gesetzt und beschlossen haben, meine Intelligenz zu beleidigen. Welches von beidem ist es?«
Heuvel blinzelte, dann fragte er: »Warum ist Ihnen das so wichtig?«
»Ihre Kompetenz? Mich interessiert das nicht, aber bestimmt Ihren Chef.«
»Nein, ich meine, warum ist Ihnen diese Sache so wichtig? Dieser Vertrag.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Gräfin Nohamapetan hat versucht, Sie zu ermorden, Lady Kiva«, erklärte Heuvel. Fundapellonan rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, weil sie von der Kugel getroffen worden war, die für Kiva gedacht gewesen war, und weil sie erst letzte Woche das ärztliche Einverständnis erhalten hatte, wieder ihrer Arbeit nachgehen zu dürfen. Ihre Schulter war immer noch hinüber und verheilte nur langsam. »Das Haus Nohamapetan ist ein Haus der Verräter. Die Chefin sitzt im Gefängnis, und die Erben sind entweder spurlos verschwunden oder tot. Sie haben die Leitung übernommen, weil die Imperatox Sie dazu aufgefordert hat. Sie haben gegenüber diesem Haus keine Treuepflicht, Mylady. Was interessiert es Sie also, wenn dieser Vertrag neu verhandelt wird? Im schlimmsten Fall entgeht dem Haus Nohamapetan ein kleiner Teil des unermesslich großen Geldhaufens, den es bislang gescheffelt hat. Diesem Haus der Verräter. Ich verstehe nicht, womit Sie ein Problem haben.«
Kiva nickte und stand auf, dann ging sie um den Tisch herum zu Heuvel. Dieser blickte verunsichert zu Fundapellonan. Diese schüttelte ganz leicht den Kopf, als wollte sie sagen: Jetzt ist es zu spät, da wieder rauszukommen. Kiva beugte sich vor und brachte sich auf Augenhöhe mit Heuvel.
»Nun, da Sie danach gefragt haben«, erklärte sie, »es ist mir wichtig, weil die Imperatox mir gesagt hat, dass es mir wichtig sein soll. Es ist mir wichtig, weil dieses Haus abgesehen von den verfickten Nohamapetans einige hundert Angestellte hat, die jetzt auf mich angewiesen sind, wenn es um die Vertretung ihrer Interessen geht. Es ist mir wichtig, auch wenn Sie das niemals verstehen werden, weil die Leitung eines kompletten verfickten Hauses eine enorme Verantwortung darstellt, und vielleicht, ich weiß nicht, möchte ich, dass man sieht, dass ich gut in meinem verfickten Job bin. Es ist mir wichtig, weil dies trotz des Namens an der Tür jetzt mein verficktes Haus ist. Und wenn Sie in mein Haus kommen, in mein Büro, und mir sagen wollen, was passieren wird, dann beleidigen Sie damit mich und mein Haus. Und da ich sehe, dass Sie jemand sind, der nicht dazu neigt, tatsächliche gottverdammte Eigeninitiative zu entwickeln, Sie verfickter kognitiver Sesselfurzer, interessiert es mich, dass Ihr beschissenes kleines Haus mich und mein Haus beleidigt – meine beiden Häuser, da ich immer noch dem verfickten Haus Lagos angehöre. Es ist mir wichtig, weil es mir verfickt wichtig ist. Und Sie und Ihr beschissenes kleines Haus haben die völlig verfickt Falsche auserwählt, wenn Sie versuchen wollen, mich herumzuschubsen. Ist das jetzt klar genug für Sie, Mr. Heuvel? Oder sollte ich für Sie einfachere verfickte Wörter benutzen?«
»Nein, ich habe es verstanden«, sagte Heuvel.
»Gut.« Kiva richtete sich auf und lehnte sich gegen Ihren Schreibtisch. »Also werden Sie jetzt Folgendes tun. Sie gehen zu Ihren Chefs zurück und erklären ihnen, das Haus Nohamapetan dankt ihnen für das Angebot, und unser Gegenangebot lautet, dass das Haus Wolfe sich selbst seitwärts ins Knie ficken kann, weil wir nicht damit einverstanden sind, auch nur ein einziges verficktes Komma in unseren derzeitigen Verträgen ändern zu lassen. Wenn das Haus Wolfe deswegen beim Gildengericht klagen will, dann soll es das machen, weil das Haus Nohamapetan diese Scheiße blockieren wird, und zwar nicht nur bis zum Kollaps der Ströme, sondern bis zum tatsächlichen Wärmetod des bekannten verfickten Universums.« Kiva wandte sich an Fundapellonan. »Die nötigen Mittel dazu haben wir, nicht wahr?«
»O ja«, antwortete Fundapellonan.
Kiva drehte sich wieder zu Heuvel um. »Wenn Sie also möchten, dass noch Ihre Urururenkel mit dieser Sache beschäftigt sein werden, während der Sauerstoff durch ein Leck in ihrem Habitat austritt, dann ziehen Sie mit dieser höheren Scheißgewalt vor Gericht. Wir werden dort sein und zuschauen, wie sie blau anlaufen. Und bis dahin verpissen Sie sich aus meinem Büro.«
»Es macht mir großen Spaß, dich bei der Arbeit zu beobachten«, sagte Fundapellonan, nachdem sich Heuvel aus Kivas Büro verpisst hatte.
»Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir so etwas erleben«, sagte Kiva.
»Die Strategie mit der höheren Gewalt? Vermutlich nicht.« Fundapellonan deutete in die Richtung, in die sich Heuvel verpisst hatte. »Das Haus Wolfe ist nicht für innovative juristische Strategien bekannt. Ich glaube kaum, dass sie von selbst darauf gekommen sind. Wenn das der Fall ist, kannst du darauf wetten, dass bereits andere beim Gildengericht Klage eingereicht haben. Ich kann jemand von unseren Leuten darauf ansetzen.«
»Tu das.«
»Gut.« Fundapellonan machte sich eine Notiz. »Natürlich stellt sich damit die Frage, warum es dir so wichtig ist.«
Kiva blinzelte Fundapellonan an. »Nicht du auch noch!«
Fundapellonan lächelte. »Ich weiß, warum es dir wichtig war, als es um dich und dieses Haus ging«, sagte sie. »Dass es dir wichtig ist, wenn du nicht involviert bist, ist bemerkenswert.«
»Das klingt nicht so toll.«
»Du bist außerordentlich eigennützig. Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Das heißt, wenn es dir wichtig ist, dann denkst du darüber nach, inwiefern es dir auf den Sack geht.«
»Es geht mir auf den Sack, weil dieser widerliche Mistkäfer nicht unrecht hat«, erklärte Kiva. »Der Kollaps der Ströme kommt näher. Sollte das Gildengericht entscheiden, dass der Zusammenbruch der Zivilisation eine Annullierung der Verträge bedeutet, bricht Chaos aus.«
»Plötzlich magst du kein Chaos mehr.«
»Ich mag es nicht, wenn es mir nichts bringt.«
»Siehst du, das meine ich, wenn ich sage, dass du eigennützig bist.«
»In diesem Fall würde es niemandem etwas bringen«, erwiderte Kiva. »Wenn das Gildengericht einer solchen Klage stattgibt, wird das unser gesamtes Wirtschaftssystem aus der Bahn werfen.«
»Aber nicht so etwas wie zum Beispiel der Kollaps der Ströme?«
»Das Ende wird kommen«, sagte Kiva. »Ich weiß nicht, warum wir uns wünschen sollten, dass es schneller kommt.« Sie zeigte auf die Tür, durch die Heuvel hinausgegangen war. »Wegen ihm oder Leuten wie ihm werden Menschen verfickt nochmal verhungern.«
»Zur Ehrenrettung des armen Mr. Heuvel muss ich sagen, dass er nur Befehle ausgeführt und seine treuhänderischen Pflichten erfüllt hat«, sagte Fundapellonan. »Wenn du mir sagst, dass ich mit demselben idiotischen Plan zu einem anderen Haus gehen soll, wäre auch ich verpflichtet, das zu tun.«
»Ich hoffe, du wirst mir dann vorher in die Fresse hauen.«
»Meine Schulter ist noch nicht wieder in Ordnung. Ich müsste dir stattdessen in den Arsch treten.«
»Wie auch immer.«
»Im Moment glaube ich nicht, dass ich das tun müsste. Du bist eigennützig, aber wie es scheint, hat sich dein Eigennutz ein wenig ausgeweitet. Zumindest vorübergehend.«
»Gewöhn dich lieber nicht daran.«
»Bestimmt nicht.« Fundapellonan erhob sich von ihrem Stuhl und benutzte ihren unverletzten Arm, um sich dabei abzustützen. »In der Zwischenzeit werde ich in die Rechtsabteilung zurückkehren und ein Team zusammenstellen, das sofort reagieren wird, falls das Haus Wolfe die Furcht vor Kiva Lagos nicht hinreichend verinnerlicht hat. Und du?«
Kiva blickte zur Uhr auf ihrem Schreibtisch. »Ich werde in einer halben Stunde ein Shuttle nach Xi’an nehmen. Eine verfickte Sitzung des Exekutivkomitees.«
Fundapellonan lächelte. »Du kannst mich nicht täuschen. Du bist liebend gern dabei.«
Kiva brummte nur. Das Exekutivkomitee bestand aus drei Ministern des Parlaments, drei Mitgliedern der Kirche der Interdependenz und drei Vertretern der Gildehäuser. Kiva gehörte dem Gremium an, seit herausgekommen war, dass etwa ein Drittel der Häuser in einen versuchten Staatsstreich gegen die Imperatox verwickelt war. Die Imperatox beschloss, dass sie eine verlässliche Stimme im Komitee brauchte, und das war Kiva. Kiva war sich durchaus der Ironie bewusst, dass ausgerechnet sie eine verlässliche Stimme sein sollte.
»Du solltest bei der Sitzung deine Sorgen wegen dieses Unsinns mit der höheren Gewalt zur Sprache bringen«, sagte Fundapellonan. »Entweder Grayland oder das Parlament können das im Keim ersticken.«
»Das würde dem Gildengericht nicht gefallen«, sagte Kiva. Das Gildengericht war dafür berüchtigt, großen Wert auf seine vermeintliche Unabhängigkeit zu legen.
»Ohne Zweifel«, stimmte Fundapellonan ihr zu. »Aber das ist nicht dein Problem.« Sie ging hinaus, und Kiva blickte ihr nach, zum Teil, weil sie den Anblick genoss, und zum Teil, weil sie immer noch über den Showdown nachdachte, den sie soeben mit dem verfickten Heuvel durchgezogen hatten.
Senia Fundapellonan täuschte sich nicht in Kiva. Kiva war extrem eigennützig. Senia fand das weder gut noch schlecht, aber Kiva hatte dazu eine andere Meinung. Sie glaubte, dass es so ziemlich die einzige Möglichkeit war, in einem Universum zu existieren, dass sich nicht im Geringsten für das Leben seiner Bewohner interessierte, und in einer Zivilisation, die darauf ausgerichtet war, dass die Reichen weiterhin so reich wie möglich blieben und die Armen nicht verhungerten, damit sie nicht auf die Idee kamen, sich zu erheben und die Reichen zu köpfen. Ein desinteressiertes Universum und eine im Wesentlichen statische Zivilisation würden jeden ersticken, der sich selbst und seine Anliegen nicht an die erste Stelle setzte.
Kiva täuschte sich nicht in dieser Ansicht, zumindest in Bezug auf sich selbst. Ihre Philosophie des »Scheiß drauf, was springt für mich dabei raus« hatte sie innerhalb weniger Jahre vom überflüssigsten sechsten Kind einer nur mäßig einflussreichen Aristokratin zum faktischen Oberhaupt eines der mächtigsten Häuser der Interdependenz befördert, außerdem hatte sie einen Sitz im Exekutivkomitee und die Gunst der Imperatox. Zugegebenermaßen konnte Kivas Philosophie des pragmatischen, engagierten Eigennutzes nicht für jeden so gut funktionieren wie für sie, aber scheiß drauf, diese anderen waren auch nicht Kiva. Was ebenfalls völlig richtig war.
Aber je höher Kiva die Stufen der Macht hinaufgestiegen war, desto mehr wurde ihr bewusst, dass für ihre Doktrin des Eigennutzes, sagen wir, gewisse Einschränkungen galten. Vielleicht hätte sie in einem anderen Zeitalter, in dem die Zivilisation nicht wenige Jahre davon entfernt war, in ein tiefes, dunkles, verficktes Loch zu stürzen, zufrieden ihren Weg der Selbstsucht fortsetzen können, in der Gewissheit, dass es letztlich ohnehin keine Rolle spielte, was sie tat. Sie war nur ein Körnchen aus belebtem Kohlenstoff, der schon bald auf ewig unbelebt sein würde, also konnte sie genauso gut weitermachen und sich einen weiteren Muffin gönnen oder diese süße Rothaarige flachlegen oder was auch immer. Das Universum war nicht gezielt darauf angelegt, Kivas Egoismus zu verkraften, aber es wurde dadurch auch nicht auf merkliche Weise beeinträchtigt.
Allerdings war Kiva bewusst, dass ihr Zeitalter kein solches Zeitalter war. In ihrem Zeitalter stand die menschliche Zivilisation kurz vor einer verfickten Implosion, die jeden einzelnen Menschen mitreißen würde – sie eingeschlossen. Die Zeitspanne, die sie wahrscheinlich noch vor sich hatte (vorbehaltlich diverser Mordanschläge, einer versehentlichen Überdosis oder einem Sturz auf einer Treppe), überstieg jene der Zivilisation, in der sie lebte. Was bedeutete, dass ein Teil ihres Lebens – möglicherweise Jahrzehnte – hochgradig verfickt unbequem verlaufen würde, sofern einige Leute in Machtpositionen nichts unternahmen, um das zu verhindern.
Es stellte sich jedoch heraus, dass die Leute in Machtpositionen außerordentlich egoistisch waren. Genauso wie Kiva.
Was völlig in Ordnung wäre, wenn die menschliche Zivilisation nicht kurz vor dem tatsächlichen verfickten Ende stehen würde.
Aber sie stand vor dem Ende.
Weshalb es ein Problem war.
Und deshalb gab es Scheißkröten wie Bagin Arschloch Heuvel und seine ähnlich beschissenen amphibischen Chefs, die nur zu bereit waren, die wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft über Bord zu werfen, um ein paar Marken einzusparen, die ohnehin keine Rolle mehr spielen würden, wenn die Zivilisation zusammenbrach und die verhungernden Massen Appetit auf ihre fetten, schlaffen Ärsche bekamen. Bagin Arschloch Heuvel und seine Chefs dachten ausschließlich daran, was für sie kurzfristig heraussprang.
Kiva konnte nicht behaupten, dass sie grundsätzlich anders war – oder es möglicherweise bis zu dem Zeitpunkt gewesen war, als Heuvel den schmierigen kleinen Mund aufgemacht hatte –, aber ihr war klar geworden, dass die Anzahl der grundsätzlich selbstsüchtig und eigennützig eingestellten Leute, die eine menschliche Gesellschaft verkraften konnte, insbesondere in den Kreisen, die tatsächlich Einfluss auf das Schicksal der Menschheit nehmen konnten, derzeit erheblich geschrumpft war. Kiva war schlagartig zu dieser Erkenntnis gelangt, die nicht gerade eine Erleuchtung war, sie aber dennoch verblüfft innehalten ließ.
Entweder musste sie sich weniger grundsätzlich egoistisch verhalten, oder sie musste die anderen dazu bringen, es zu tun.
Offensichtlich wollte sie selbst nicht weniger eigennützig werden. Um es noch einmal zu bekräftigen, ihr Eigennutz hatte ihr bisher wunderbar weitergeholfen, und sie sah keinen Grund, etwas daran zu ändern. Und um ganz ehrlich zu sein, was sie genau in diesem Moment am meisten wollte, lief darauf hinaus, Senia mit nach Hause zu nehmen und sie ordentlich durchzuficken, denn wenn Kiva schon dabei war, zur Abwechslung diese ganze Monogamiesache auszuprobieren, wollte sie auch so viel wie möglich davon haben. Und während es wahrscheinlich auch Senia zugute kam (was anscheinend der Fall war, wenn man ihren Aussagen Glauben schenken konnte), war das nicht der Grund, warum Kiva es tat. Sie tat es für sich selbst. Dinge für sich selbst zu tun (auch mit Senia) lief für alle bestens.
Also konnten es nur die anderen sein, die etwas an sich ändern mussten.
Was eine Herausforderung darstellte. Schließlich wollten auch alle anderen, die grundsätzlich egoistisch waren, nichts an ihrer Einstellung ändern.
Viel maßgeblicher war, dass Kiva noch etwas anderes erkannte: Für selbstsüchtige und eigennützige Menschen war die Situation an einem entscheidenen Wendepunkt angelangt. Soweit Kiva sagen konnte, neigten selbstsüchtige Menschen dazu, wenn sie mit einer qualvollen, lebensverändernden Krise konfrontiert wurden, eine Reise anzutreten, die aus fünf unterschiedlichen Etappen bestand:
Verdrängung.
Verdrängung.
Verdrängung.
Verfickte Verdrängung.
Ach du Scheiße, alles ist schrecklich, schnapp dir, was du kannst, und renn weg.
Bagin Heuvels Erscheinen in ihrem Büro sowie seine Angriffsstrategie deuteten darauf hin, dass die fünfte Etappe bereits voll im Gange war.
Damit wurde die Sache schwieriger für Kiva, da sich Leute, die damit beschäftigt waren, sich so viel wie möglich zu schnappen, bevor alles den Bach runterging, gar nichts davon hielten, sich plötzlich dem Altruismus zuzuwenden.
Was in Ordnung war. Kiva mochte Herausforderungen.
Die Tür zu Kivas Büro ging auf, und ihr Chefassistent Bunton Salaanadon trat ein. »Lady Kiva«, sagte er.
»Es wird Zeit, sich auf den Weg zum Shuttle zu machen«, sagte Kiva zu ihm.
»Nein«, sagte Salaanadon und hob dann eine Hand, um sich zu korrigieren. »Doch, ja. Aber deswegen bin ich nicht gekommen.«
»Weswegen dann?«
»Es gibt Neuigkeiten aus dem Haus Wu.«
»Was ist passiert?« Die Imperatox war ein Mitglied des Hauses Wu, auch wenn sie sich nicht in die alltäglichen Geschäfte einmischte. Es war möglich, dass es etwas mit ihr zu tun hatte. »Geht es um die Imperatox?«
Salaanadon schüttelte den Kopf. »Es geht um Deran Wu.«
»Ach, um dieses Stück Scheiße.« Apropos selbstsüchtige Leute – Deran Wu war ein wahrer Meister in dieser Liga. »Was ist mit ihm?«
»Er ist tot.«
»Tot?«
»Ermordet.«
»Ich war es nicht.«
»Ich … mir war nicht bewusst, dass irgendjemand Sie verdächtigen könnte, Lady Kiva.«
»Wissen wir, wer es war?«
»Noch nicht.«
»Und weiß die Imperatox irgendetwas davon?«