Nadashe Nohamapetan erwachte wie üblich in diesen Tagen voller Hass.
Und wen und was hasste sie an diesem heutigen Tag? Ach, listen wir es einfach der Reihe nach auf.
Zunächst einmal hasste sie die Gästekabine, in der sie nun wohnte, wobei »Gästekabine« eine ausgesprochen großzügige Beschreibung dieses Kastens war – drei Meter lang, zwei Meter breit und zwei Meter hoch. Sie war kleiner als die Gefängniszelle, in der sie sich mehrere Monate lang aufgehalten hatte, und es roch übler. In der Gästekabine gab es eine hochklappbare Pritsche mit Gurten, um den Bewohner zu sichern, wenn die Stoßfelder ausfielen, was nicht selten geschah. Die Matratze der Pritsche war zwei Zentimeter dick und anscheinend aus Pressspan und Verzweiflung gemacht, und der Schlafsack, den man ihr zur Verfügung gestellt hatte, war angeblich gereinigt und desinfiziert worden, doch er roch nach einsamen Raumfahrern, die sich jahrzehntelang hineingefläzt hatten, bis ihre Rückstände fermentiert waren.
Die Gästekabine hatte keine Fenster und keinerlei Ausschmückung und war anscheinend nur unregelmäßig mit einem Lüftungssystem verbunden. Und es gab ein Geräusch, das sich alle paar Minuten einstellte, aber innerhalb dieses Rahmens so willkürlich, dass es einen in den Wahnsinn trieb. Es kam von irgendwoher und erinnerte Nadashe an ein Baby, das an einem Lolli aus Metall erstickte. In der ersten Nacht in der Gästekabine hatte Nadashe vergeblich nach dem Ursprung des Geräusches gesucht und war dabei allmählich immer wahnsinniger geworden, bis sie sich schließlich darauf beschränkte, sich in ihrem Schlafsack zu verkriechen, die Hände auf den Ohren, im Gemüffel der Raumfahrerwichse, bis sie mehr oder weniger in Ohnmacht fiel.
Es war, wie der Kapitän ihr versichert hatte, die beste Gästekabine an Bord des Schiffs.
Um die Liste fortzusetzen: Sie hasste auch das Schiff, auf dem sich die Gästekabine befand, die Our Love Couldn’t Go On, ein Frachter, der eine Route zwischen dem Planeten Nabe und Orleans bediente, einem mittelgroßen Habitat, das Nabes Stern umkreiste, ein wenig näher dran als Nabe selbst. Die Our Love war mindestens einhundert Jahre alt, und allem Anschein nach wurde sie höchstens alle zehn Jahre gewartet. Als Nadashe an Bord gekommen war, hatte sie sich die Wände und Schotten angesehen und sich nicht gefragt, ob sie sich bei einer Berührung Krankheiten einfangen würde, sondern welche. Ihre Vermutung bestätigte sich, da sie innerhalb einer Woche nach ihrer Ankunft unter einer schweren Bronchitis litt.
Die Our Love war ein unabhängiger Frachter, was eine höfliche Umschreibung für »Schmuggler« war. Sie beförderte eine dünne Schicht aus seriösem Warenbestand, der ihr den Zugang zu den Landeplätzen von Nabe und Orleans gestattete, und unter dieser dünnen Schicht lag ein tiefer und grenzenloser Ozean aus banalen und tückischen Waren, allesamt illegal. Billige Raubkopien, Schmuggelware, Sachen, die außerhalb legaler Monopole produziert wurden, Verletzungen des Urheber- und Markenrechts, alles Mögliche von Waffen bis Rum und zurück. Alle wussten, was die Our Love war und was sie machte, aber gleichzeitig kümmerte es niemanden, weil die Bezahlung gut war und Kapitän Robinette das Geld großzügig streute, natürlich nicht unter der Besatzung, aber gleichermaßen unter Raumhafenangestellten und -arbeitern und Barkeepern und imperialen Steuerbeamten. Kapitän Robinette war allgemein beliebt.
Und für Kapitän Robinette war Nadashe nur eine weitere Ware, die mit der Our Love geschmuggelt werden sollte, nur dass sie nirgendwo entladen wurde. Dennoch fiel für jede Etappe der Reise von Nabe nach Orleans und wieder zurück eine exorbitante Gebühr an. Das Einzige, worauf Kapitän Robinette verzichten musste, war eine Gästekabine, die zuvor von den zwei unkonzessionierten Sexarbeitern Jeanie und Roulf für ihre Termine benutzt worden war – was, als Nadashe nun genauer darüber nachdachte, vermutlich den Schlafsack erklärte. Jeanie und Roulf wurden in Doc Bradshaws Gästekabine verlegt, und Doc Bradshaw musste sich den Sündenpfuhl mit ihnen teilen, was ihr jedes Mal ein heftiges Murren entlockte, wenn Nadashe zu ihr kam, um sich Medikamente gegen ihre Bronchitis geben zu lassen.
Nicht dass Nadashe sich sorgen musste, dass Doc Bradshaw sie verpetzen würde, ob nun auf Nabe oder in Orleans. Wie nahezu jedes andere Besatzungsmitglied der Our Love verbarg sich auch Doc Bradshaw vor dem Zugriff des Gesetzes. Die Bordgerüchte besagten, sie hätte einem ehemaligen Geliebten ein Messer mitten in die Nieren gestochen. Und Doc Bradshaw hieß eigentlich auch gar nicht »Bradshaw« – das war nur der Name, den man ihr gegeben hatte, als sie an Bord der Our Love gekommen war, von einer schiffsinternen Namensliste, die von Kapitän Robinette geführt wurde. Bradshaw war gar nicht »Bradshaw«, Jeanie und Roulf waren gar nicht »Jeanie« und »Roulf«, und Robinette war gar nicht »Robinette« gewesen, als er vor drei Jahrzehnten erstmals mit der Our Love losgeflogen war.
Selbst Nadashe hatte einen Schiffsnamen, was auch immer es nützen mochte, die ehemalige Verlobte des Kronprinzen der Interdependenz zu anonymisieren, die zufällig auch der derzeitige Imperiale Staatsfeind Nummer Eins war. Regeln sind Regeln, hatte Robinette gesagt und ihr den Namen »Karen« verliehen.
Nadashe hasste diesen Namen zutiefst. Und sie hasste die bescheuerte Regel, dass alle neue Namen bekamen. Und sie hasste, dass die Our Love sie mit einer Bronchitis infiziert hatte. Und sie hasste, dass die Our Love sie zwar vor einem Gefängnisaufenthalt bewahrte, ihre Anwesenheit an Bord aber praktisch einem Gefängnisaufenthalt gleichkam, da sie das Schiff auf gar keinen Fall verlassen durfte. Im Gegensatz zu »Doc Bradshaw« oder »Jeanie« oder »Roulf« oder irgendeinem anderen Mitglied dieser idiotisch umbenannten Besatzung würde man sie genau in der Sekunde, in der sie sich außerhalb des Schiffes blicken ließ, erkennen und festnehmen. Sie konnte sich darauf verlassen, dass kein Besatzungsmitglied der Our Love sie verpetzen würde, aber sonst gab es in diesem System niemanden, der sich auf die gleiche Weise dazu verpflichtet fühlte.
Womit wir beim nächsten Punkt wären: Sie hasste es generell, dass sie ein Flüchtling war.
Intellektuell verstand sie natürlich sehr genau, warum sie sich in dieser Situation befand. Wenn jemand einen planetaren Aufstand anfacht und den eigenen Bruder tötet, während man versucht, die Imperatox zu ermorden, dann einen brutalen Gefängnisausbruch inszeniert und sich an einer Verschwörung zum Sturz der Monarchie beteiligt, ist ein Leben als Flüchtling nicht nur eine recht wahrscheinliche Konsequenz, sondern, ehrlich gesagt, sogar der bestmögliche Ausgang der Geschichte. Das hatte sie kapiert.
Aber das machte es keineswegs besser, in eine stinkende Gästekabine eingesperrt zu sein, an Bord eines verrosteten Schiffs voller übler Messerstecher, weder auf einer existenziellen noch einer tagtäglichen Basis.
Es gab für Nadashe keine Möglichkeit, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass sie unmissverständlich einen tiefen Absturz hinter sich hatte. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit stand sie kurz davor, zur imperialen Gemahlin und zur Mutter eines künftigen Imperatox zu werden. Selbst wenn das nicht wie am Schnürchen gelaufen wäre (was nicht der Fall gewesen war, wie sich herausgestellt hatte), hätte sie einen Ausweichplan gehabt, der vorsah, vor der Verschiebung der Ströme ihren Bruder Ghreni als Herzog von Ende einzusetzen, damit nach der Verschiebung die Nohamapetans und nicht die Wus die neue imperiale Dynastie stellten.
Nur dass auch das nicht geklappt hatte. Ghreni befand sich weiterhin auf Ende und war inzwischen vielleicht zum Herzog geworden, aber wie sich zeigte, taten die Ströme nicht das, was Nadashe von ihnen erwartet hatte – was sie laut ihrer Lieblingsphysikerin Hatide Roynold hätten tun sollen –, denn statt sich zu verschieben, kollabierten sie komplett. Nadashe hatte gewütet, als sie erfuhr, dass Roynold sich getäuscht hatte, und hätte sich an ihr gerächt, wenn ihre Mutter sie nicht bereits unbeabsichtigt durch eine Explosion im Weltraum beseitigt hätte, gemeinsam mit mehreren Dutzend anderen Menschen während eines unüberlegten Versuchs, sich an der Imperatox zu rächen.
Ihre Mutter!
Was sie auf eine weitere Sache brachte, die sie hasste.
Nicht ihre Mutter an sich – nun gut, dazu vielleicht später mehr –, sondern dass ihre Mutter, die Gräfin Nohamapetan, selbst einen Staatsstreich gegen die derzeitige Imperatox lanciert hatte. Es war schlimm genug, dass der Streich fehlgeschlagen war, doch dann hatte ihre Mutter nach diesem Fehlschlag entschieden, dass es klug wäre, die Imperatox anzuschreien, dass sie, die Gräfin Nohamapetan, den früheren Kronprinzen ermordet hatte, dessen Tod man bislang auf einen Unfall zurückgeführt hatte.
Was in der Tat ganz und gar nicht klug gewesen war. Nadashe hasste, dass nicht nur ihre Mutter wegen Hochverrats und Mordes im Gefängnis saß – im selben Gefängnis, in dem Nadashe wegen Hochverrats und Mordes eingesessen hatte, welch familiäre Ironie! –, sondern nun war den Nohamapetans dauerhaft die Verwaltung ihres Hauses und Geschäftsmonopols entzogen worden, um von einem unbedeutenden Mitglied eines noch viel weniger erfolgreichen Adelshauses geführt zu werden.
Das wäre dann die verfickte Kiva Scheiß-Lagos, wie es die außergewöhnlich unflätig daherkommende Kiva zweifellos selbst formulieren würde, die zufällig ebenfalls abgrundtief von Nadashe gehasst wurde. Kiva und Nadashe waren sich erstmals an der Universität begegnet, wo sie, abgesehen von einer Phase, in der Kiva Nadashes Bruder Ghreni als Sexspielzeug benutzt hatte, einvernehmlich beschlossen hatten, dass es das Beste für sie beide wäre, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen – Nadashe, weil sie keinen Umgang mit tiefer stehenden Personen pflegen wollte, und Kiva, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, sich durch die gesamte Studentenschaft der Universität zu vögeln, und weil es ihr schnuppe war, ob Nadashe ihr dabei im Weg stand oder nicht.
Diese Ausweichstrategie hatte auch in den folgenden Jahren gut funktioniert, bis Kiva darüber gestolpert war, auf welche Weise Nadashe in den versuchten Mord an der Imperatox und in den erfolgreichen Mord an ihrem eigenen Bruder verstrickt war. Ihre Belohnung dafür war die vorübergehende Kontrolle über die hiesigen Geschäfte des Hauses Nohamapetan. Das führte zu, sagen wir, weiteren Schwierigkeiten, als Kiva die Finanzen der Nohamapetans sehr genau unter die Lupe nahm und recht viele Hinweise auf verdächtige Geldbewegungen entdeckte.
In Nadashes Augen war Kiva eine unflätige Proletenschlampe, was für Nadashe bereits genügt hätte, sie zu hassen. Doch die Tatsache, dass diese unflätige Proletenschlampe nun das Unternehmen und das Vermögen ihrer Familie in der Hand hatte, während Nadashe sich mit einer 2x2x3-Meter-Kiste begnügen und sich mit einem hartnäckigen Husten herumärgern musste, brachte das Fass ihres Hasses zum Überlaufen.
Trotz allem stand Kiva Lagos keineswegs auf Platz eins der Hassliste von Nadashe Nohamapetan. Auch nicht die Our Love, ihre Besatzung, ihre Gästekabine, ihr Flüchtlingsstatus, die Dummheit ihrer Mutter oder ihre Bronchitis. Ganz oben und mit klarem Vorsprung stand die derzeitige Imperatox Grayland II.
Natürlich gab es dafür alle möglichen Gründe. Angefangen mit der Tatsache, dass sie überhaupt Imperatox war, was niemand erwartet hatte und wodurch Nadashe aufgrund der Heterosexualität der Imperatox und ihrer offenkundigen Widerwilligkeit, in diesem Punkt etwas flexibler zu sein, endgültig jede Chance verloren hatte, einen Imperatox zu heiraten oder einen zur Welt zu bringen. Hinzu kam, dass sich die Imperatox geweigert hatte, Nadashes Bruder Amit als Gemahl in Erwägung zu ziehen, womit die Nohamapetans endgültig aus dem Rennen waren, auf irgendeine Weise in das imperiale Haus einzuheiraten. Dann hatte ihre Reaktion auf die wiederholten Intrigen des Hauses Nohamapetan darin bestanden, es vollständig zu entrechten. Was zwar aus gesetzlicher und dynastischer Perspektive überaus vernünftig war, aber ausgesprochen ungünstig für Nadashe, die derzeit die Hauptleidtragende dieser Entscheidungen war.
Doch viel mehr als alles andere hasste Nadashe die beharrliche Weigerung der Imperatox, einfach zu sterben, ob nun durch Bomben oder durch ein heranrasendes Shuttle oder eine explosive Dekompression in den Tiefen des Weltraums oder, verdammt, sie war da überhaupt nicht wählerisch, durch ein Stück Kuchen, das ihr in die Luftröhre geriet, oder etwas ähnlich Banales. Ein Stück Kuchen würde völlig genügen! Wirklich, an diesem Punkt wäre Nadashe mit allem zufrieden, wenn Grayland nur irgendwie tot zu Boden stürzte.
Nadashe war sich sehr wohl bewusst, dass man ihr aufgrund dieser Ansicht vorwerfen könnte, nun komplett in die Kategorie einer eindimensionalen Schurkin zu fallen, soweit es die Imperatox betraf. Ihre mögliche Verteidigung würde darauf hinauslaufen, wie viel die Imperatox sie gekostet hatte. Durch sie hatte sie einen Bruder und eine Mutter und ein Adelshaus und eine künftige Verbindung mit dem imperialen Haus verloren. Ob die Imperatox sich ursprünglich vorgenommen hatte, all das zu tun – und in welchem Ausmaß sowohl Nadashe als auch ihre Familie die Mitverursacher ihres eigenen Unglücks gewesen waren –, war in dieser Angelegenheit unwesentlich. Letzten Endes – wenn es nur noch um die nackten, verrosteten Wände der Gästekabine ging – blieb für Nadashe kaum mehr als ihr Hass auf die Imperatox übrig. Und die anhaltende Frustration, dass das lästige naive Miststück, das diesen Titel führte, weiterhin existierte.
Selbst wenn Nadashe an diesem Punkt weiter nichts erreicht hätte, als Grayland II. zu stürzen, wäre sie damit zufrieden gewesen, im Spiel des Lebens wenigstens den Ausgleich erzielt zu haben.
Aber natürlich hatte sie – immer noch! – andere, weit hochfliegendere Pläne als nur das.
Es klopfte an der Tür zu ihrer Gästekabine, und als sie sich kurz danach knarrend öffnete, wurde der Erste Offizier Evans sichtbar, der Gerüchten zufolge mehrere seiner Freunde verbrannt hatte, während er in seinem Heimatsystem versucht hatte, hausgemachte und anscheinend leicht entzündliche illegale Substanzen in einer Badewanne herzustellen.
»Karen«, sagte Evans, und Nadashe zuckte dabei sichtlich zusammen, »Ihr Besucher ist hier und wartet in der Messe. Ich bringe Sie zu ihm.«
»Danke«, sagte Nadashe und hustete, schnappte sich ihr Tablet und folgte Evans durch die Korridore der Our Love, die metallisch, schimmlig und alt rochen.
»Mir wurde erklärt, dass ich Sie als ›Karen‹ ansprechen soll«, sagte ihr Besucher, als sie die Messe betrat. Evans runzelte über die flapsige Bemerkung des Besuchers die Stirn und ging. »Heißt das, auch ich brauche hier einen Codenamen?«
»Hätten Sie gern einen Codenamen?«, fragte Nadashe, setzte sich an einen winzigen, schäbigen Tisch im winzigen, schäbigen Raum und forderte ihren Besucher mit einer Geste auf, es ihr gleichzutun.
»Eigentlich nicht«, sagte der Besucher. »›Proster Wu‹ ist ein guter Name. Ich denke, ich werde fürs Erste dabei bleiben.« Er setzte sich und blickte sich um. »Nicht Ihr übliches Umfeld, Karen.«
»Es ist nur vorübergehend.«
»Tatsächlich?«
»Wenn Sie daran zweifeln würden, wären Sie nicht hier. Was mich auf eine andere Frage bringt. Wurden Sie beobachtet?«
Proster reagierte verärgert auf die Frage. »Ich bin derzeit das höchstrangige überlebende Mitglied des Hauses Wu, abgesehen von der Imperatox selbst. Natürlich wurde ich beobachtet.« Nadashe spannte sich an, doch Proster hob eine Hand. »Aber soweit irgendjemand weiß, besteht der Grund für mein Hiersein darin, dass ich eine Palette mit unlizenziertem Brandy und Portwein abhole, was in diesem Moment von meinem Fahrer erledigt wird. Alles sehr banale Schmuggelware. Sie dürfen sich sicher fühlen.«
Nadashe entspannte sich und sagte dann: »Also sind Sie davon überzeugt, dass ich weiterhin ein zu berücksichtigender Machtfaktor bin?«
Proster lächelte. »Ich muss zugeben, dass ich einen Moment gebraucht habe, um zu erkennen, dass Sie Deran vergiften ließen. Ich hatte etwas anderes erwartet.«
»Was hatten Sie erwartet?«
»Ich weiß nicht genau«, räumte Proster ein. »Aber Sie haben ein Shuttle in einen Frachthangar rasen lassen, um die Imperatox zu töten. Ich denke, ich hatte etwas … Lauteres erwartet.«
Jetzt war es Nadashe, die lächelte. Sie zog ihr Tablet hervor, rief eine App auf und legte das Tablet dann vor Proster auf den Tisch.
»Was ist das?«, fragte er.
»Das ist der Auslöser für die Bomben, die ich im Konferenzraum des Hauses Wu hatte deponieren lassen«, sagte Nadashe. »Sie befanden sich dort zumindest so lange, wie der vergiftete Tee im kleinen Getränkeversteck von Derans Assistentin war.«
Proster blickte zweifelnd auf die Auslöser-App. »Und wie haben Sie die überhaupt da hinbekommen?«
»Ich bitte Sie, Proster«, sagte Nadashe. »Sie erwarten doch nicht etwa, dass ich Ihnen meine Firmengeheimnisse verrate!«
»Eigentlich schon, wenn Sie möchten, dass ich das Gespräch mit Ihnen fortsetze.«
»Na gut. Wenn Sie zurückkehren, suchen Sie nach einem Mitglied Ihres Reinigungspersonal, das seit dem Tag, als Deran starb, nicht mehr zur Arbeit erschienen ist. Wenn Sie den Namen finden, lassen Sie von Ihren Leuten die Lebensdaten und den Aufenthaltsort ermitteln. Sie werden feststellen, dass diese Person gar nicht existiert, obwohl sie jahrelang Ihrem Reinigungspersonal angehörte.« Nadashe deutete auf ihre Umgebung. »Dieses schäbige kleine Schiff ist nicht der einzige Ort, wo gefälschte Identitäten an der Tagesordnung sind.«
»Firmenspionage«, sagte Proster.
»Ach, tun Sie nicht so, als wären Sie schockiert – als würde das Haus Wu niemals so was machen.«
»Wo ist diese Person jetzt?«
»Wieder zu Hause«, antwortete Nadashe. »Oder zumindest auf dem Weg dorthin. Heutzutage möchten alle nach Hause. Anscheinend steht die Zivilisation vor dem Ende.«
Proster deutete auf das Tablet mit dem Auslöser. »Warum zeigen Sie mir das?«
»Sie sagten, sie hätten etwas Lauteres erwartet. Ich wollte Sie darauf hinweisen, dass ich wesentlich lauter hätte sein können, wenn ich der Meinung gewesen wäre, es würde meinen Interessen nützen.« Sie nahm das Tablet, schloss die Applikation und reichte es Proster. »Hier. Ein Souvenir. Um Sie daran zu erinnern, dass ich nicht nur Deran hätte abservieren müssen. Ich hätte sämtliche bedeutenden Cousins und Cousinen der Wus ausschalten und das komplette Haus ins Chaos stürzen können. Ich hatte diese Option. Ich habe sie nicht genutzt.«
Proster nahm das Tablet an sich. »Ich weiß nicht, warum nicht. Ich hätte es getan, wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«
»Gut. Ich hätte es vielleicht getan, wenn Sie sich nicht in diesem Raum aufgehalten hätten.«
Proster war für einen Moment verdutzt. »Ich?«
»Sie haben es selbst gesagt. Sie sind jetzt der ranghöchste Wu. Ich glaube nicht, dass sie beabsichtigen, nach all diesem Blödsinn jemand anderem die allgemeine Führung zu überlassen, oder?«
»Es ist Tradition, dass der Leiter der Sicherheitsabteilung nicht für die Führung des Hauses kandidiert.«
Nadashe schnaufte, worauf sie husten musste, was den Effekt ruinierte. »Kommen Sie, Proster«, sagte sie dennoch. »Die Situation hat sich entscheidend geändert.«
»Nadash … Karen. Ich habe Deran zwar für einen habgierigen Idioten gehalten, dem es nicht zustand, das Haus Wu zu führen, aber das heißt nicht, dass ich selbst diesen Job übernehmen will.«
»Wer wäre sonst verfügbar?«, fragte Nadashe. »Sie kennen Ihre Verwandten. Wer wäre dafür geeignet? Vor allem jetzt, wo die Zukunft nichts außer einer Krise nach der anderen bereithält.«
Proster schwieg dazu, was Nadashe erwartet hatte. Er wäre vielleicht einverstanden gewesen, Deran von Nadashe vergiften zu lassen – und Nadashe war nur zu gern dazu bereit gewesen, da die beiden eine gemeinsame Vorgeschichte hatten, für die sie sich zur Rache verpflichtet fühlte –, doch letzten Endes trat er bedingungslos für das Haus Wu ein. Er war schon lange genug die Macht hinter dem Thron gewesen, um zu wissen, dass es zurzeit sonst niemanden unter den Wus gab, der den Thron verdient hätte. Nadashe genoss es, Proster zu beobachten, wie er es sich halb widerstrebend eingestand und sich vorstellte, endlich und unanfechtbar das mächtigste Haus der Interdependenz zu führen.
Oder zumindest das vorläufig mächtigste Haus.
»Kommen Sie auf den Punkt«, sagte Proster schließlich.
»Mein Punkt ist, dass wir uns im Moment kein Chaos leisten können.« Nadashe zeigte auf das Tablet, das sich nun in Prosters Besitz befand. »Den Verwaltungsrat in die Luft zu jagen hätte Chaos ausgelöst, aber Deran zu vergiften kann die Ordnung potenziell wiederherstellen. Die Direktoren erhalten ihre rechtmäßigen Positionen in der Führung des Hauses Wu zurück. Sie als jemand, der die Notwendigkeit von Ordnung besser als alle anderen Direktoren versteht, erhalten die Möglichkeit, die Dinge wieder so einzurichten, wie sie sein sollten.«
Proster schmunzelte. »Ich kaufe Ihnen nicht ab, dass Sie das alles aus Herzensgüte getan haben.«
»Natürlich nicht«, stimmte Nadashe ihm zu. »Ich hatte meine eigenen offenen Rechnungen zu begleichen. Aber ich habe sie beglichen – wenn auch nicht mehr. Alles Weitere wäre ruinös gewesen. Wir stehen am Ende der Zeiten, Proster. Was wir jetzt tun, bestimmt, ob wir überleben werden, ob irgendjemand von uns das überleben wird, was kommt.«
»Und wie passe ich in dieses Bild?«
Nadashe nickte erneut in Richtung Tablet. »Habe ich mir einen kleinen Kredit bei Ihnen verdient?«
»Einen kleinen.«
»Man kann durchaus sagen, dass Ihre liebe Cousine, die Imperatox, derzeit in den Adelshäusern und im Parlament nicht gerade die beliebteste Person ist.«
»Da sie in letzter Zeit einen beträchtlichen Prozentsatz von beiden wegen Hochverrats ins Gefängnis gesteckt hat, lässt sich das in der Tat behaupten«, pflichtete Proster ihr bei.
»Und würden Sie mir auch darin zustimmen, dass ihr Handeln im denkbar ungünstigsten Moment zum Chaos beigetragen hat, für alle?«
Proster musterte Nadashe. »Wenn Sie das sagen.«
»Dann würde ich Sie gern darum bitten, Proster Wu, eine kleine Zusammenkunft für mich zu organisieren. Damit ich mit jenen reden kann, denen unsere Imperatox Unbehagen verursacht hat.«
»Sie verstehen sicher, wie schwierig das werden dürfte«, sagte Proster, nachdem er sie eine Weile ungläubig angestarrt hatte. »Die Imperatox lässt bereits gegen alle diese Häuser ermitteln. Und Ihr Haus wurde aller Rechte beraubt. Und auch Sie« – er deutete auf die Messe – »haben Ihren guten Ruf verloren und sind kaum noch imstande, etwas dagegen zu tun.«
»Ich weise noch einmal darauf hin, Proster, wenn Sie davon wirklich überzeugt wären, wären Sie jetzt nicht hier.«
Proster nahm das Tablet. »Und wenn Sie klug gewesen wären, hätten Sie mir das hier niemals gegeben.«
»Wenn Sie klug wären, Proster, hätten Sie inzwischen erkannt, dass ich es Ihnen niemals gegeben hätte, wenn ich nicht über andere Möglichkeiten verfügen würde, das von Ihnen zu bekommen, was ich haben will.«
»Nun, das klingt wie eine Drohung.«
»Ich würde es eher als Rückversicherung bezeichnen«, sagte Nadashe. »Die ich ohnehin nicht nutzen muss, da Sie und ich dasselbe wollen.«
»Und das wäre?«
»Ordnung. Und Überleben. Zu unseren Bedingungen. Nicht zu denen Ihrer Cousine.«
Proster dachte eine Zeitlang darüber nach. »Sie scheinen Grayland wirklich zu hassen«, sagte er.
»Ich hasse sie nicht«, log Nadashe. »Ich denke, sie überschätzt sich. Das Problem ist, wenn sie ertrinkt, reißt sie uns alle in die Tiefe mit. Sie. Mich. Sämtliche Häuser. Und die Interdependenz. Ich möchte lieber nicht ertrinken.«
Proster stand auf. »Ich glaube, darüber werde ich nachdenken müssen.«
Nadashe blieb sitzen. »Selbstverständlich. Und wenn Sie damit fertig sind, wissen Sie, wo ich bin.«
Proster nickte und machte sich auf den Weg zur Tür.
»Proster?«
Er blieb vor der Tür stehen. »Ja?«
»Vergessen Sie nicht, das uns nicht viel Zeit bleibt.«
Proster brummte etwas und ging.
Nadashe saß allein in der Messe, mit ihrem Hass, ihren Intrigen und der keineswegs nur müßigen Frage, wie viel Zeit ihnen tatsächlich noch blieb.