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Der imperiale Palastkomplex von Xi’an war riesig – so groß, dass es hieß, ein Imperatox könnte während seiner gesamten Regierungszeit jeden Tag ein anderes Zimmer besuchen und hätte am Ende immer noch nicht sämtliche Zimmer gesehen. Ob dies eine Übertreibung war, hing natürlich zunächst von der Regierungszeit des jeweiligen Imperatox ab. Es traf eindeutig auf den Fall des Imperatox Victoz I. zu, der nur dreizehn Tage lang regierte, bis er an einem anaphylaktischen Schock starb, der auf Pilzpulver zurückzuführen war, das sich versehentlich im Kartoffelpüree des äußerst allergischen Imperatox befand, wohingegen es möglicherweise nicht auf Imperatox Sizanne zutraf, die den Thron mit siebzehn Jahren bestieg und einhundertundzwei wurde, worauf ihr Urenkel ihr nachfolgte.

Was unbestritten zutraf, war die Tatsache, dass kein Imperatox tatsächlich jeden einzelnen Raum des imperialen Komplexes besucht hatte, der fast ein Jahrtausend lang in Xi’an existiert hatte, ein Habitat, das ausdrücklich als Residenz der Imperatoxe und ihres Gefolge errichtet worden war. Im Palastkomplex befanden sich nicht nur die privaten Wohnungen der Imperatoxe und ihrer Familien, sondern auch die Unterkünfte der verschiedenen Minister und Mitarbeiter, von üppigen Gemächern bis zu bloßen Schlafbaracken.

Außerdem war der imperiale Palastkomplex eine Arbeitsstätte voller Büros, Konferenzräume, Hörsäle und Geschäfte und Cafés, ganz zu schweigen von Lagerräumen, Toiletten, Sporthallen, Hausmeisterkammern und Elektrikräumen. Es gab ein Gefängnis und ein Hotel (nicht in unmittelbarer Nähe zueinander), mehrere Postämter sowohl für innerbetriebliche als auch interplanetare Sendungen, einen Fertigungsraum und einen kompletten Flügel mit gesicherten Büros und Verhörzimmern, die man nur mit sehr hoher Sicherheitseinstufung von innen zu sehen bekam oder wenn man etwas äußerst Schlimmes angestellt hatte oder beides.

Grayland II. hatte nichts Schlimmes angestellt, aber sie war die Imperatox und besaß demzufolge eine hinreichende Sicherheitsfreigabe, um sich im gesicherten Flügel des Komplexes aufhalten zu dürfen. Tatsächlich war sie noch nie zuvor hier gewesen, da ihre Gemächer und Büros über eigene gesicherte Räume verfügten, die die Sicherheit in diesem speziellen Flügel sogar übertrafen, und da normalerweise jeder, der im gesicherten Flügel arbeitete, zu ihr kam. Doch für die heutige Besprechung hatten ihre Sicherheitsleute darum gebeten, dass diese aus logistischen und technischen Gründen in ihrer eigenen Domäne stattfand.

So kam es, dass Grayland II. schließlich durch die Büros ihrer imperialen Sicherheitskräfte lief, auf dem Weg zu einem gesicherten Konferenzraum im hinteren Bereich. Grayland war ohne Gefolge und nur mit einem Minimum ihrer persönlichen Leibwächter gekommen, die vom Sicherheitsteam in diesem Flügel des Palasts eingestellt und überprüft worden waren.

Niemand riss überrascht die Augen auf, während Grayland in der dunklen und unauffälligen Garderobe, die sie trug, wenn sie nicht der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, durch den Korridor zum Konferenzraum unterwegs war. Hätte man nicht gewusst, dass sie die Imperatox war, hätte man aus der Reaktion auf ihre Anwesenheit geschlussfolgert, dass sie bestenfalls eine Bürokratin im mittleren Dienst sein konnte. Für Grayland war das völlig in Ordnung, da sie die Aura der Imperatox weiterhin als äußerst anstrengend empfand.

Grayland trat vom Korridor in den Konferenzraum, wo drei Personen auf sie warteten. Sie nickte ihren Leibwächtern zu, die die Tür zum Konferenzraum schlossen und sich links und rechts davon in Stellung brachten. Die Tür verriegelte sich mit einem fast lautlosen Zischen und Klicken. Sofern sie nicht wieder von innen geöffnet wurde, wäre etwas mit nuklearer Durchschlagskraft nötig, um in den Raum zu gelangen.

»Euer Majestät«, sagte Hibert Limbar, der Leiter der Imperialen Garde, und verbeugte sich. Er deutete auf die anderen beiden Anwesenden. »Das ist Koet Gamel, der die Analytikabteilung der Imperialen Sicherheit führt. Und das ist Dontelu Sebrogan, die sich um die Nachforschungen und Simulationen gekümmert hat, um die Sie gebeten haben. Beide sind selbstverständlich als höchst vertrauenswürdig eingestuft worden.«

Gamel und Sebrogan verbeugten sich vor Grayland, die mit einem Nicken antwortete. »Das ist der Grund, warum wir aufgefordert wurden hierherzukommen«, sagte sie. Wenn sie sich ansonsten mit Limbar traf, fühlte Grayland sich wohler, für sich selbst die informelle Anrede zu benutzen, aber wenn sie neue Personen kennenlernte, vor allem solche, für die eine Begegnung mit der Imperatox vermutlich ein einmaliges Ereignis in ihrem Leben darstellte, wechselte sie üblicherweise zum Pluralis Majestatis.

»Ja, Euer Majestät«, sagte Gamel. »Hier wurden alle auf ihre Vertrauenswürdigkeit überprüft. Und obwohl wir keinen Grund zu der Annahme haben, dass Ihr Personal nicht ebenso zuverlässig ist, neigen die Leuten auf völlig arglose Weise zum Reden. Jemand, der weiß, was Dontelu und ich tun, könnte ahnen, weshalb wir Sie besucht und Ihnen unsere Ergebnisse präsentiert haben.«

»Bereits unser Besuch hier wird den Leuten ein ergiebiges Gesprächsthema bieten«, sagte Grayland zu Limbar.

»Ja, Ma’am«, stimmte Limbar ihr zu. »Doch in Anbetracht des Ausmaßes der, äh, Herausforderungen, der sich die Interdependenz derzeit gegenübersieht, wird es keine Einigung darüber geben, welche davon der Anlass Ihres unerwarteten Besuchs sein könnte.«

Grayland lächelte wehmütig. »In der Tat.« Sie bedeutete den anderen, sich zu setzen, und nahm dann selbst Platz. Limbar, Gamel und Sebrogan warteten einen Moment, um sich nach ihr zu setzen. »Dann wollen wir uns nun dem Anlass meines Besuches widmen.«

Limbar nickte Gamel zu, der die Geste erwiderte und sich dann Grayland zuwandte. »Vor ein paar Wochen und im Anschluss an den versuchten Staatsstreich gegen Sie, wurde meine Abteilung – ich vermute, auf Anweisung Eurer Majestät – aufgefordert, eine Gefahreneinschätzung für die Interdependenz zu erstellen, angesichts des bevorstehenden Kollapses der Ströme und anderer Faktoren.«

»Selbstverständlich haben wir bereits eine Gefahreneinschätzung erstellt, bevor der Kollaps der Ströme erkannt wurde«, fügte Limbar hinzu.

»Ja, selbstverständlich«, pflichtete Gamel ihm bei. »Doch bei dieser neuen Einschätzung wurden sowohl der Staatsstreich als auch die Reaktion Eurer Majestät darauf berücksichtigt.«

»Sie meinen, dass wir mehrere hundert hochrangige und hochgradig vernetzte Mitglieder des Parlaments, des imperialen Hauses und der Geistlichkeit wegen Hochverrats ins Gefängnis befördert haben«, sagte Grayland.

»Genau«, sagte Gamel und hustete. Er deutete auf Sebrogan. »Dontelu ist ohne Einschränkung die beste Analytikerin in meiner Abteilung, und insbesondere im letzten Jahr war es ihre Aufgabe, ein Modell der Konsequenzen des Kollapses der Ströme zu erstellen. Im Weiteren wird sie das Wort übernehmen, wenn das Euer Majestät genehm ist.«

»Ja, natürlich.« Grayland wandte ihre Aufmerksamkeit Sebrogan zu. »Bitte beginnen Sie.«

Sebrogan warf ihren Vorgesetzten einen unsicheren Blick zu und sah dann wieder Grayland an. »Euer Majestät«, sagte sie. »Bevor ich beginne, muss ich Ihnen eine Frage stellen.«

»Nur zu.«

»Wie offen darf ich bei der Präsentation meiner Einschätzung sein?«

Grayland musste lächeln. »Sie meinen, ob wir uns durch Kraftausdrücke oder mögliche negative Resultate gekränkt fühlen würden?«

»Ja, Ma’am.«

»Eine unserer wichtigsten Beraterinnen kann keinen Satz ohne Benutzung des Wortes ›verfickt‹ artikulieren und hat vor kurzem die Hälfte des letzten Treffens des Exekutivkomitees damit zugebracht, uns davon zu überzeugen, dass den wirtschaftlichen Grundlagen der Interdependenz direkte und unmittelbare Gefahr droht. Wir glauben, dass Sie sich keine Sorgen machen müssen.«

»In diesem Fall, Euer Majestät, darf ich Ihnen sagen, dass wir alle ziemlich aufgeschmissen sind.«

Grayland lachte laut. »Und nun sagen Sie uns, warum«, erwiderte sie, nachdem sie mit dem Lachen fertig war.

»Einiges wissen Sie bereits«, fuhr Sebrogan fort. »Der Kollaps der Ströme hat begonnen und zerstört die jahrhundertealten Verbindungen, die als Lebensadern für den Handel in der Interdependenz dienen. Wenn sie verschwunden sein werden, werden die betroffenen Systeme der Interdependenz von den anderen abgeschnitten sein. Da die Struktur der Interdependenz darauf basiert, dass alle Systeme wechselseitig voneinander abhängig sind, hat das zur Folge, dass die menschlichen Habitate in diesen Systemen innerhalb einiger Jahrzehnte zusammenbrechen werden.«

»Der Dalasýsla-Effekt.«

Sebrogan nickte. »Sie haben dem Parlament ein paar Monate Zeit für einen Plan gegeben, mit dem die Konsequenzen entschärft werden sollen, aber unsere Analyse deutet darauf hin, dass das Parlament nicht in der Lage sein wird, innerhalb dieser Zeit einen funktionierenden Plan auszuarbeiten.«

Dazu nickte Grayland.

»Außerdem deutet unsere Analyse darauf hin, dass Sie diese Unentschlossenheit bereits bei Ihrer eigenen Planung berücksichtigt haben«, sagte Sebrogan.

Grayland blickte zu Limbar.

Limbar zuckte mit den Schultern. »Sie wollten eine gründliche Analyse, Ma’am«, sagte er.

»Was legt Ihre Analyse nahe, was ich diesbezüglich tun werde?«, fragte Grayland, nachdem sie ihre Aufmerksamkeit wieder Sebrogan zugewandt hatte.

»Die wahrscheinlichste Handlungsweise besteht darin, dass Sie versuchen werden, einen Teil oder die gesamte Raumschiffsflotte der Interdependenz zu beschlagnahmen, um so viele Menschen wie möglich nach Ende zu transportieren, dem einzigen Planeten in der Interdependenz, der aus eigener Kraft menschliches Leben erhalten kann.«

»Und wie gut würde das funktionieren?«

»Gar nicht«, sagte Sebrogan. »Erstens ist es höchst unwahrscheinlich, dass ein Versuch der Verstaatlichung im notwendigen Ausmaß erfolgreich wäre. Die Gildenhäuser würden sich weigern und rebellieren, und vermutlich würde man Sie innerhalb weniger Monate absetzen. Zweitens, selbst wenn es nicht zu ersterem Szenario kommt, gibt es nicht genug Schiffe, um jeden Bürger der Interdependenz nach Ende zu schaffen, ob nun alle auf einmal …«

Grayland hob eine Hand.

»… oder in einer Aktion, bei der die Systeme, die am meisten unter dem Kollaps leiden würden, zuerst in andere, weniger gefährdete Systeme evakuiert würden.«

Grayland nahm die Hand wieder herunter und runzelte die Stirn.

»Und drittens beträgt die Gesamtbevölkerung der Interdependenz mindestens zwanzig Milliarden. Auf Ende leben weniger als einhundert Millionen Menschen. Die dortige Infrastruktur kann ein Zweihundertfaches der aktuellen Bevölkerung nicht verkraften, auch nicht einen Bruchteil dessen. Außerdem würde das Ökosystem des Planeten wahrscheinlich kollabieren, wenn plötzlich – sowohl im menschlichen als auch im ökologischen Zeitmaßstab – auch nur einige wenige Milliarden Menschen nach Ende umgesiedelt würden. Beim Versuch, die Menschheit zu retten, würde man sehr schnell den einzigen Planeten auslöschen, wo sie überleben könnte.«

»Das heißt, sofern wir sie überhaupt nach Ende schaffen können«, sagte Gamel. »Denn wir müssen davon ausgehen, dass Ghreni Nohamapetan und die Prophecies of Rachela die Kontrolle über die Strommündungen haben, die ins Ende-System führen. Sie können jedes Schiff vernichten, das diesen Raumsektor erreicht, bevor ein solches Schiff auch nur einen Funkspruch absetzen kann.«

»Daran arbeiten wir«, sagte Grayland.

»Selbst wenn Sie das tun, Euer Majestät, würde das nicht die anderen Probleme lösen«, sagte Sebrogan. »Sie hängen sehr fest mit allem zusammen.«

»Also werden auf jeden Fall Milliarden sterben.«

»Wenn Sie planen, sie mit Raumschiffen nach Ende zu bringen, ja. Aber, Ma’am, es ist unwahrscheinlich, dass Sie je so weit kommen.«

Grayland runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das?«

»Sie erinnern sich, dass sie mir erlaubt haben, offen zu sprechen?«, fragte Sebrogan.

»Ja, sicher.« Grayland winkte verärgert ab.

Sebrogan warf einen weiteren Blick zu ihren Vorgesetzten, bevor sie sich wieder Grayland zuwandte. »Ich schätze, dass es innerhalb der nächsten drei Monate zu einem neuen größeren Staatsstreich oder einem Mordanschlag auf Sie kommen wird«, sagte sie. »Und dieser Versuch wird höchstwahrscheinlich erfolgreich sein.«

»Es ist keine großartige Leistung, einen Staatsstreich oder einen Mordanschlag auf dich vorherzusagen, wenn man deine Erfolgsbilanz seit deiner Krönung zur Imperatox berücksichtigt«, sagte Attavio VI. zu seiner Tochter.

»Danke, Vater«, erwiderte Grayland. Während der Blick von Attavio VI. ihr folgte, ging sie im Gedächtnisraum auf und ab.

»Ich wollte dich nicht kränken«, sagte er.

»Das hast du nicht.« Grayland blieb stehen und dachte nach. »Nein, eigentlich hast du mich gekränkt. Aber du hast recht.« Wieder ging sie auf und ab.

»Und dennoch scheinst du überrascht zu sein.«

»Ich dachte, ich hätte solche Dinge inzwischen überwunden, zumindest für eine Weile.«

»Weil du jeden ins Gefängnis geworfen hast, der sich gegen dich verschworen hat.«

»Ja.«

»So läuft das nicht.«

»Beim letzten Mal hast du mir etwas anderes gesagt«, beschwerte sie sich. »Als ich hierherkam und dir erzählte, dass ich alle verhaften ließ, hast du gesagt, ich hätte gewonnen.«

»Du hast gewonnen.«

Grayland machte eine verärgerte Geste. »Und?«

»Du hast eine Runde gewonnen«, sagte Attavio VI. »Der Kampf ist für dich noch nicht zu Ende.«

»Ich könnte abdanken«, überlegte Grayland laut.

»Du wärst nicht die Erste.«

»Das würde allerdings nicht das eigentliche Problem lösen.«

»Es würde das Problem eines Staatsstreichs lösen«, gab Attavio VI. zu bedenken. »Wenn du nicht mehr Imperatox bist, kannst du nicht gestürzt werden.«

»Das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist, dass Milliarden Menschen sterben werden, ganz gleich, was ich tue.«

»Das ist nicht deine Schuld.«

»Daran trägt niemand die Schuld.« Grayland blieb erneut stehen. »Warte. Das stimmt gar nicht. Jiyi.«

Die humanoide Gestalt erschien. »Ja, Euer Majestät.«

»Zeig mir Rachela. Nur sie, bitte.«

»Ja, Euer Majestät.« Es schimmerte, und sowohl Jiyi als auch Attavio VI. verschwanden, um durch das Abbild von Rachela I. ersetzt zu werden, der ersten Prophetin-Imperatox der Interdependenz.

Wie jedes Mal empfand Grayland immer noch ein wenig Ehrfurcht angesichts der Tatsache, dass sie Rachela tatsächlich herbeirufen konnte beziehungsweise ein realistisches Faksimile von ihr. Würde Grayland genauer darüber nachdenken, war es schon erstaunlich genug, dass sie in der Lage war, hier im Gedächtnisraum mit irgendeinem ihrer Vorgänger zu sprechen. Doch all die anderen Imperatoxe, einschließlich ihres Vaters, waren … einfach nur Menschen. Höchst bedeutsame Persönlichkeiten zu ihren Lebzeiten, ohne Frage. Aber dennoch Menschen. Grayland, die denselben Job wie diese Leute machte, sah keinen Anlass, sie als wesentlich besser oder schlechter als sich selbst zu betrachten.

Rachela hingegen hatte die Interdependenz begründet, genauso wie die Kirche, die ihren Namen von der Interdependenz übernommen hatte. Sie hatte Hilfe gehabt – die gesamte Familie Wu, damals genauso ehrgeizig und heuchlerisch wie heute, hatte hart dafür gearbeitet, Rachela in ihren unterschiedlichen Rollen zu etablieren –, doch letzten Endes war es Rachela gewesen, die alles in Gang gesetzt hatte.

Graylands Unterhaltungen mit Rachela offenbarten ihr, dass sie nicht mehr oder weniger menschlich war als jeder andere Imperatox, sondern sogar außerordentlich zynisch und nicht im Geringsten heilig, doch dadurch verlor Grayland keineswegs die Achtung vor ihrer Vorgängerin. Wenn überhaupt, dann stieg ihre Achtung eher. Rachela hatte Mumm, was nicht jeder Imperatox, der ihr nachgefolgt war, von sich behaupten konnte.

Graylands Respekt vor Rachela bedeutete jedoch nicht, dass sie sich nicht über sie ärgern konnte.

»Warum hast du die Interdependenz nicht so konstruiert, dass sie den Kollaps von Strömen überleben kann?«, wollte Grayland von Rachela wissen.

»Es ist uns damals nicht in den Sinn gekommen«, sagte Rachela.

»Wie kann das sein?«

»Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt.«

»Aber ihr wusstet, dass Ströme kollabieren können«, sagte Grayland. »Die Menschen stammen von der Erde. Es gibt keinen Strom zur Erde mehr. Ihr wusstet, dass er kollabiert war.«

»Das war ein natürlich eintretender Kollaps, soweit uns bekannt war.«

»Das war es nicht«, rief Grayland ihr ins Gedächtnis. »Er wurde absichtlich durch die Vorgänger der Interdependenz ausgelöst.«

»Das ist richtig, aber zu meinen Lebzeiten hatten wir das vergessen.«

»Und selbst wenn es ein natürliches Ereignis gewesen wäre, spielt das doch gar keine Rolle! Ihr hattet Beweise, dass Ströme kollabieren konnten und es auch taten, warum auch immer, und trotzdem habt ihr es bei der Gründung der Interdependenz nicht berücksichtigt.«

»Es ist nur ein einziges Mal geschehen.«

Grayland starrte Rachela fassungslos an. »Im Ernst?«

»Hinzu kommt, dass zur Zeit der Gründung der Interdependenz die vorherrschende wissenschaftliche Theorie der Ströme lautete, dass sie stabil sind und es über Jahrhunderte oder wahrscheinlich sogar Jahrtausende bleiben würden. Das war nicht falsch.«

»Es war nicht falsch, bis es dann doch falsch war.«

»Ja«, stimmte Rachela ihr zu. »Aber es war erst tausend Jahre in der Zukunft falsch, lange nachdem ich und die übrigen Wus die Interdependenz geschaffen hatten.«

»Willst du damit sagen, dass du nicht dafür verantwortlich bist, die Konsequenzen deiner Handlungen zu Ende gedacht zu haben?«

»Ich will damit gar nichts sagen«, antwortete Rachela. »Ich merke nur an, dass Menschen nicht besonders gut darin sind, sehr langfristig zu planen, und wir stellten diesbezüglich keine Ausnahme dar. Genauso wie du, möchte ich hinzufügen.«

»Wie meinst du das?«

»Du hast dich gerade bei Attavio VI. darüber beklagt, dass du dachtest, das Thema Staatsstreich überwunden zu haben. Aber du hast nicht zu Ende gedacht, welche Auswirkungen es hat, Hunderte von Menschen wegen Verrats ins Gefängnis zu werfen. Jetzt musst du dich mit der Scham und der Wut ihrer Familien, ihrer Häuser und ihrer Unternehmen auseinandersetzen.«

»Wie …?« Grayland verkniff es sich, die Frage auszuformulieren. Natürlich wusste Rachela, was Grayland zu Attavio VI. gesagt hatte. Letztlich war sie Attavio VI., und er war Rachela, weil beide Jiyi waren, ein Wesen, das in die Haut der jeweiligen verstorbenen Imperatoxe schlüpfte. Grayland nahm sich vor, nicht mehr ständig auf diesen unsinnigen Trugschluss hereinzufallen.

Doch so sehr es Grayland ärgerte, musste sie zugeben, dass an Rachelas Argumentation etwas dran war. Wenn sie selbst nicht ganz erfasste, welche Folgen ihre Handlungen ein paar Wochen in der Zukunft haben würden, konnte sie Rachela und den Wus ihres Zeitalters vermutlich keinen Vorwurf machen, dass sie nicht durchgespielt hatten, wie es eintausend Jahre später um die Interdependenz stehen würde.

»Ich wünschte, du hättest langfristiger geplant«, sagte Grayland zu Rachela. »Das würde mein Leben erheblich einfacher machen.«

»Nein«, widersprach Rachela. »Du hättest vielleicht dieses spezielle Problem vermeiden können, ja. Aber du hättest andere Probleme gehabt. Du weißt nicht, ob es bessere oder schlechtere Probleme wären.«

»Ich weiß nicht, ob es schlimmere Probleme gibt als die Frage, wie man mehrere Milliarden Menschen vor dem Tod retten könnte«, gab Grayland zurück.

»Das ist nicht dein größtes Problem«, sagte Rachela.

»Milliarden Menschen sollen irgendwie doch nicht mein größtes Problem sein?«

Rachela schüttelte den Kopf. »Dir wurde glaubwürdig vorhergesagt, dass du innerhalb der nächsten paar Monate die Macht oder das Leben verlieren wirst. Das ist dein größtes Problem. Oder zumindest das größte, mit dem du jetzt ganz unmittelbar konfrontiert bist. Wenn du diese mehreren Milliarden Menschen retten willst, musst du zuerst dich selbst retten.«