Überfahrt

Unter den Wolken war wohl nicht der einzige Ort, an dem Träume geboren werden, dachte Juna, als sie kurz nach Sonnenaufgang an einem Maimorgen in Stralsund am Hafen standen und die Fähre nach Hiddensee aus dem Nebel auftauchte.

 

Was das Fliegen anging, hatte Adrian nicht zu viel versprochen. Zu Junas Überraschung hatte sie keinerlei Angst gehabt, als Sebastian mit ihr vom Berghang abhob und sie sich weit über dem grünen Tal wiederfand, den Wind in den Ohren. Unter ihr lag die Landschaft wie ein fernes Märchen. Die Bäume und die Häuser wirkten so winzig, als ob Juna nichts mit ihnen und den Menschen da unten zu tun hätte. Für den Augenblick gehörte sie zu den Wesen der Lüfte. Zu den Libellen, zu den Vögeln und zu deren Vorfahren, den Flugsauriern, die hier vor Millionen Jahren als erste Lebewesen auf ähnlichen Schwingen gesegelt waren.

Ein leises Piepen des Variometers zeigte Sebastian an, wann sie aufstiegen und wann sie absanken. Er wusste ebenso wie die Vögel den warmen Aufwind zu nutzen. So schraubten sie sich höher, bis er lachend rief: »Wir müssen aufpassen, dass uns die Wolke nicht einfängt!« Juna streckte den Arm aus und glaubte tatsächlich, den Nebel spüren zu können, der plötzlich über ihr war, das helle, leuchtende Quellen zu erreichen, doch dann sanken sie wieder und die Luft klärte sich.

Die Wiesen und Wälder unter ihr wirkten wie weicher, welliger Stoff, den jemand wärmend um das Gestein gelegt hatte, aus dem die Haut der Erde bestand. Goldene Herbstblätter waren wie Flitter darübergestreut.

Sie winkte zu Adrian hinüber, der mit seinem Schirm nicht weit entfernt schwebte. Er sollte wissen, wie glücklich sie war, dass sie seine Begeisterung teilte und ihn nun besser verstehen konnte.

Nach der Landung wusste sie, dass sie wieder fliegen würde. Nicht für Adrian diesmal, sondern für sich selbst.

 

Das war noch im Herbst gewesen. Jetzt war Frühling, und hier in Stralsund waren die Wolken auf die Erde gesunken. Man musste nicht fliegen, um sie zu berühren. Dichter Nebel lag über dem Meer. Juna und Adrian warteten am Hafen. Sie sahen die Fähre erst auftauchen, als sie beinahe schon da war. Die Sonne stieg, ließ den Nebel aufleuchten und durchsichtiger werden. Das weiße Schiff glitt heraus wie eine Erscheinung, aus den Wolken geboren.

Hiddensee. Das Wort, fand Juna, klang wie ein weiches Flüstern, wie ein geheimnisvolles Versprechen.

»Warum heißt eine Insel ›See‹?«, fragte sie Adrian.

»Eigentlich hieß sie in alter Zeit, als sie noch unter dänischer Herrschaft war, ›Hedins Oe‹, also Hedins Insel, nach einem alten Norwegerkönig, der dort um Gold oder um eine Frau gekämpft haben soll«, erklärte er. »Lange hieß es auch in

Hiddensee. Juna wusste nicht, warum dieses Wort eine ähnlich freudige Aufregung in ihr auslöste, eine hoffnungsvolle Leichtigkeit, wie der Moment, als ihre Füße beim Gleitschirmfliegen den Boden verlassen hatten. Vielleicht war es, weil Adrian auf dieser Insel geboren worden war. Adrian, der jetzt neben ihr stand, dessen Hand sich warm um ihre schloss. Adrian, mit dem sie dieses Abenteuer erleben durfte. Mit dem sie in den letzten Monaten zusammen gelacht, diskutiert, gestaunt, getanzt hatte. Mit dem sie Landschaften erforschte, während sie einander immer gründlicher entdeckten. Adrian, der nach Glück und Geborgenheit roch und den Honigbonbons, die er so gern mochte.

Sie hatten beide kein Gepäck außer den Rucksäcken, die sie testen wollten. Die anderen Fahrgäste mühten sich mit schweren Koffern ab. Juna fragte sich, ob es immer so sein würde mit Adrian, dass alles so leicht war. Ob ein ganzes Leben so sein konnte? Sie erschrak. Dachte sie schon zu weit? Sie hatten noch nie über die Zukunft gesprochen. Adrian war keiner, der sich festlegte. Doch sie konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.

Juna schob den Gedanken beiseite, als Adrian sie sanft vorwärts schob, die schmale Rampe hinauf. Dann waren sie an Deck. Es war kühl in der feuchten Morgenluft. Adrian fand eine geschützte Ecke für sie beide und setzte sich so, dass er den Wind abfing. Als die Fähre auslief, blickten sie zurück auf Stralsund. Die großen alten Kirchen gaben der Stadt Charakter, machten sie anheimelnd. Aber Juna war jetzt ungeduldig, neugierig auf die Insel. Sie spähte in den Dunst über dem Meer,

Hinter der Hafenausfahrt reihten sich in säuberlichen Abständen die Boote der Heringsfischer, die Netze bereits zum Bersten voll. Auf See senkten sich die Wolken wieder.

Wenn man in leuchtenden Nebel einfährt, in ein helles Nichts, ist das wie Magie, als würde man weggezaubert, dachte Juna. Ein wenig erschreckend, ein wenig verlockend. Auf jeden Fall aufregend, vor allem mit Adrian daneben. Im Nebel drinnen ist es dann ganz still und zeitlos. Es gibt keine Vergangenheit, kein Zurück, kein Ziel. Nichts liegt vor einem. Nichts hinter einem. Auch keine Sorgen. Keine Fragen. Vielleicht Neugier, was dahinter wartet. Irgendwann hebt sich der Nebel, aber die Zuversicht bleibt, dass alles gut wird, dass etwas Aufregendes vor einem liegt. Der Nebel erinnert daran, dass nur die Gegenwart wichtig ist.

 

Später, auf der Höhe der Insel Ummanz, fuhren sie an einer Sandbank vorbei. Auf weiten Flächen war das Wasser darüber nur etwa eine Handbreit tief, klar wie Glas. Juna entdeckte weiße Flecken, die sich als ganze Gruppen von Schwänen entpuppten. Sie hatte noch nie so viele davon auf einem Haufen gesehen. Die großen Vögel dümpelten vor sich hin wie Schwärme kleiner Inseln, so blendend weiß, dass man kaum hinsehen konnte. Sie trieben über türkisgrüne Flecken aus Seegras, durchsichtige Fische huschten darüber hinweg. Die Sonne kämpfte sich jetzt wieder durch den Nebel. Sie wirkte wie eine Scheibe aus Messing, die ein unwirkliches, gedämpftes Licht auf alles warf. Juna fühlte sich wie in einem Gemälde von William Turner, besonders, als auch noch zwei Segelschiffe auftauchten.

Adrian aber fröstelte. »Wollen wir nicht hinuntergehen und etwas Warmes trinken?«

»Ach, es ist so schön hier! Lass uns an Deck bleiben.« Juna konnte sich nicht losreißen.

»Dann hole ich uns etwas.« Adrian ließ sie allein. Er hatte recht, es war kalt. Aber sie war dennoch froh, hiergeblieben zu sein, als eine Formation aus neun Schwänen dicht über das Schiff hinwegflog. Juna konnte die einzelnen Federn der Schwingen vor dem Licht erkennen und das Geräusch hören, das die gewaltigen Flügel verursachten. Sie hatte noch nie etwas Vergleichbares gehört. Es waren mehrere ganz verschiedene, vibrierende Töne, die sich zu einer eigenartigen Musik zusammenfügten, nicht weniger großartig als Orgelmusik in einem alten Gewölbe und ebenso brausend, wenn auch etwas leiser.

 

Der Nebel wurde noch einmal dichter und hob sich dann unvermutet ganz. Jetzt endlich konnten sie die Insel Hiddensee erkennen, die sie zu Junas Überraschung schon beinahe erreicht hatten. Ein gelbgrüner Streifen lag vor ihnen auf dem Meer, das jetzt so glatt und hellblau war, dass man das Wasser kaum vom Himmel unterscheiden konnte und die Insel zwischen beidem zu schweben schien.

Als sie in den Hafen von Vitte einliefen, dachte Juna wieder,

»Na, dann wollen wir mal«, sagte Adrian und schulterte seinen Rucksack. Er klang ein wenig bedrückt, aber Juna hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie war zu beschäftigt damit, sich umzusehen und all diese Eindrücke in sich aufzunehmen, die wie aus einer anderen Welt waren. Der Spreewald, in dem sie die schönste Zeit ihrer Kindheit verbracht hatte, war auch eine Welt für sich. Wie sehr, hatte sie erst gemerkt, als sie erwachsen geworden war. Doch dies hier war wieder etwas ganz anderes, das ebenso wenig mit der Wirklichkeit zu tun zu haben schien.

Adrian hatte gesagt, er glaube, die Träume würden dort geboren, wo man die Wolken berühren konnte. Jetzt war Juna zumute, als wäre sie genau in einen solchen Traum hineinspaziert. Einfach so, mit nichts weiter als einem Rucksack.

 

Daran änderte sich nichts, als sie den Deich überquerten und die Straße entlangliefen, die in Richtung ihrer Unterkunft führte. Die Bäume waren hier noch nicht so dicht sommergrün wie zu Hause. Die knorrigen Weiden und wilden Apfelbäume standen in einem Überschwang an frischem Hellgrün, und die Wegränder schäumten über von dicken, gelben Löwenzahnblüten. Mit jedem weiteren Schritt fühlte sich Juna hineingezogen in diese Lebensfreude.

Sie fasste Adrians Hand. »Ist das bezaubernd hier!«

»Oh ja, das ist es wohl. Da sind wir!«

Die Pension war von außen grau und ein wenig

»Wir sind ja nicht zur Erholung hier«, sagte Adrian, als sie wieder alleine waren, und zwängte seinen Rucksack zwischen Bett und Wand. »Wir wollen schließlich nur etwas erledigen.«

Aber Juna hörte kaum hin. Sie beugte sich aus dem Fenster und sah die saftigen Wiesen vor sich liegen, ein paar Schafe darauf und große Flecken aus rosa und blauen Blüten. Im Hintergrund ruhte blau der Bodden.

»Lass uns rausgehen«, sagte sie.

»Gern, hier drin hält man es sowieso nicht aus. Aber ich möchte erst zu dem Grundstück, bevor wir uns irgendetwas anderes ansehen. Ich würde das gerne hinter mich bringen.« Adrian studierte eine Karte, die er in Stralsund erworben hatte.

»Wir müssen nach links, Richtung Kloster.«

»Kloster?«

»So heißt der Ort nördlich von hier. Dort hat einmal ein Zisterzienserkloster gestanden. Gibt es aber schon lange nicht mehr. Weißt du was? Ich glaube, wir sollten uns erst mal Fahrräder mieten. Dann kommen wir schneller voran.«

 

Die Fahrräder waren in besserem Zustand als die Häuser, stellte Juna fest, aber sie zog doch hier und da noch schnell eine Schraube fest. Bald sausten sie mit Rückenwind auf dem Deich

Juna war, als würde sie gleich abheben. Die Luft war so rein hier, sie konnte kaum genug davon bekommen. Als sie in die Ortschaft fuhren, hätte sie gern an einem Eisstand angehalten, aber Adrian war auf sein Ziel fixiert. Plötzlich bremste er scharf und stieg ab. »Hier muss es sein.«

Auch Juna erkannte das Gebäude von dem Foto wieder, das Wilhelm ihnen gezeigt hatte. Es gehörte zu jenen, die noch heruntergekommener waren als alle anderen, und die hässlichen und unpassenden Anbauten, die man ihm über die Jahrzehnte zugefügt hatte, gaben ihm den Rest.

Dass dies einmal ein schönes Grundstück gewesen sein musste, konnte man aber noch ahnen, auch wenn es jetzt von Dornengestrüpp und abgestorbenen Brennnesseln überzogen war. Der verrostete Zaun, der es umgab, war an manchen Stellen umgefallen. Adrian stieg darüber hinweg und reichte Juna die Hand. »Pass auf! Hier liegt überall Schrott herum.« Sie wichen einem alten Herd aus und wanderten einmal um das Gebäude herum. Adrian blickte zunehmend angewidert. Juna konnte es verstehen. Die zerbrochenen Fensterscheiben, die bröckelnden grauen Wände, die Abfallhaufen – das alles war wirklich deprimierend.

Adrian rüttelte an der Tür, doch es rührte sich nichts. »Der Makler hat den Schlüssel«, sagte er. »Ich habe für morgen einen Termin mit ihm gemacht. Aber ich glaube, ich möchte das Haus noch nicht einmal betreten. Hier gibt es nichts für uns.«

Juna sah sich um. »Sieh mal! Da hinten ist der Leuchtturm, von dem Wilhelm erzählt hat. Wie schön er ist! Er steht ja auf einem richtigen Berg.«

»Aber für so eine Insel ist das doch ziemlich hoch«, verteidigte sich Juna. »Es sieht großartig aus mit dem Turm obendrauf.«

Der Leuchtturm strahlte weiß wie die Schwäne auf der Ostsee bei Ummanz. Auch ihn hatte Juna schon auf Kalenderblättern gesehen, aber er wirkte um ein Vielfaches schöner, wenn man ihn in Wirklichkeit sah, wie er am Ende der Insel vor dem Himmel thronte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Adrian sich als Kind gefreut hatte, wenn abends das Licht blinkte. Sie konnte selbst kaum erwarten, das zu sehen.

»Kannst du dich wirklich an gar nichts mehr erinnern?«, fragte sie ihn. »Auch nicht jetzt, wo du hier bist?«

»Juna, ich war gerade mal ein Jahr alt.« Er sah sich ebenfalls um und wirkte seltsam verloren dabei. »Vielleicht ist da eine winzige Erinnerung an den Geruch in der Luft, an die Art, wie das Licht hinter dem Leuchtturm spielt. Aber vielleicht ist das auch nur Einbildung.« Er schüttelte den Kopf. »Lass uns gehen. Wir suchen uns ein schönes Lokal, wo wir was essen können. Morgen treffen wir uns mit dem Makler.«

»Und nach dem Essen gehen wir an den Strand«, sagte Juna.

Adrian lachte. »Gern. Du sollst den schönsten Sonnenuntergang bekommen, den wir finden können.«

»Hast du mit dem auch einen Termin gemacht?«, neckte sie ihn.

»Hallo?« Eine Frau winkte vom Nachbargrundstück. »Sind Sie für das Grundstück zuständig?«

Adrian trat an den Zaun. Juna folgte ihm. Die Frau war schon

»Guten Tag. Adrian Finke. Im Augenblick bin ich wohl zuständig. Ich werde das Grundstück verkaufen, deswegen bin ich hier. Was kann ich für Sie tun?«

Die Frau starrte ihn an. »Adrian Finke! Der kleine Adrian! Na so was! Ich habe manchmal auf dich – also, auf Sie aufgepasst, wenn Ihre Eltern beschäftigt waren.« Sie strahlte. »Sie waren so ein süßes Kind. Wie geht es Ihren Eltern?«

Adrian steckte verlegen die Hände in die Taschen. »Meinem Vater geht es gut. Meine Mutter ist schon vor Jahren gestorben.«

»Oh, das tut mir leid!«, sagte sie betroffen. »Und Sie wollen wirklich verkaufen? Wissen Sie, ich war es, die die Dokumente gefunden hat, die Ihr Vater damals vergraben hat.« Jetzt blickte sie verlegen. »Da sich jahrelang niemand mehr um den Garten gekümmert hat, habe ich die wunderschöne alte Rose gerettet, die dort hinten in der Ecke gestanden hat. Es wäre so schade darum gewesen. Ich habe sie ausgegraben, und dabei habe ich die Sachen gefunden und zur Behörde gebracht.«

»Das war nett von Ihnen. Mein Vater hat sich sehr darüber gefreut«, sagte Adrian.

»Das war doch das Mindeste. Es hat uns allen so leidgetan, dass Ihre Familie damals vertrieben wurde. Das war nicht richtig. Die Rose blüht jetzt in meinem Garten, und ich kümmere mich gut darum. Es hängen Erinnerungen daran, wissen Sie. Sie haben immer daneben in Ihrem Kinderwagen gelegen, und Ihre Mutter hat dort gern auf der Bank Tee getrunken und den Tag mit Ihrem Vater besprochen.«

»Wie schön, dass Sie sie gerettet haben«, fand Juna.

»Ich wollte fragen, ob ich noch ein paar andere Pflanzen nehmen darf, die unter dem Gebüsch da am Ersticken sind. Da gibt es ein paar Stauden Rittersporn und Hortensien.«

»Holen Sie sich, was Sie wollen. Wer auch immer dieses Grundstück kauft, wird das Haus bestimmt abreißen, und dann geht im Garten sowieso alles kaputt.« Adrian betrachtete das Haus mit Missfallen. »Schade ist es weiß Gott nicht darum.«

Die Frau seufzte. »Das stimmt leider. Früher war es einmal so ganz anders gewesen. Aber die Zeiten wandeln sich eben.« Sie streckte die Hand über den Zaun. »Ich möchte Sie nicht aufhalten. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Werden Sie glücklich, Adrian. Und grüßen Sie Ihren Vater von Nachbarin Hiller.«

Wie traurig, dachte Juna, als sie Adrian in das Lokal folgte, das sie zwei Ecken weiter fanden. Wie traurig, dass von Generationen einer glücklichen Familienzeit nichts weiter blieb als eine Rose in einem fremden Garten.

Aber die Traurigkeit verflog bald, als sie sich auf der Restaurantterrasse umsah. Noch mehr Wiesen breiteten sich dort unten aus, dahinter blühende Schlehen und Weißdorn, und im Hintergrund über allem der auch bei Tag strahlend helle Leuchtturm.

Sie war so froh, dass sie hierhergekommen waren. Es spielte keine Rolle, warum.

Nur schade, dass Adrian ihre Freude offenbar nicht teilen konnte.