Ein Zeichen

Als Ben fort war, zog sie auf einen Impuls hin die Schuhe und Socken aus, krempelte die Hosen hoch und ließ die Beine in das schon recht kühle Wasser baumeln. Das Prickeln breitete sich ebenso in ihr aus wie die Vorfreude auf die nächsten Wochen und Monate. Die Tage wurden allmählich kürzer, und sie würde das Licht ausnutzen, um das Holz über dem Feuer zu biegen. Die langen dunklen Stunden konnte sie in der erleuchteten Werkstatt zubringen, allein mit dem Holz und mit dem winterlichen Frieden, der um sie herum dick wie Schnee im Wald lag. Sie würde auf die Geräusche hören, die das zugefrorene Fließ manchmal machte, wenn das Eis stöhnte und knackte, und die Funken in den Winterhimmel fliegen sehen, wenn sie ihr Feuer entzündete. Sie wollte spüren, wie das Holz unter ihren Händen glatt wurde und interessante Formen annahm, und sehen, wie Ben sich freute, wenn sie ein fertiges Stück hinüberbrachte und mit ihm zusammen den richtigen Platz dafür aussuchte. Sie würde weder einsam sein, noch würde es ihr an Arbeit fehlen, und niemand würde sie stören oder etwas von ihr verlangen, was sie nicht wollte.

Das Wasser stieg bereits an den Talsperren an. Bald würden die Wiesen geflutet werden, wie jedes Jahr. Wenn der Frost kam, würde der Spreewald eine weite, erstarrte Landschaft werden. Man konnte dann nicht nur auf den Fließen, sondern auch auf den Wiesen Schlittschuhlaufen. Viele Menschen kamen extra

Vielleicht konnte sie einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt anbieten, dachte Juna, wenn sie aus den Holzresten, die sich nebenbei ergaben, kleine Kerzenständer anfertigte.

Sie plätscherte mit den Füßen und lächelte, als ein Entenpärchen eilig heranschwamm. Beide Vögel schnatterten empört, als sie feststellten, dass Juna kein Futter für sie hatte.

»Tut nicht so. Ihr seht nicht gerade verhungert aus«, sagte Juna. Der Enterich schnappte nach einem Käfer.

Juna dachte an Bens Angebot, sich am Spreefrosch zu beteiligen. Sie könnte dafür etwas von Wilhelms Erbe verwenden, dann könnten sie größer einsteigen und die neuen Hütten sofort bauen. Traditionell, aber mit modernem Komfort. Es wäre ein guter Grund, hier nicht mehr fortzugehen. Selbst ihr Vater konnte dann nicht mehr behaupten, sie würde sich nicht unter Menschen begeben. Juna würde täglich mit Gästen zu tun haben, außerdem mit allen, die im Spreefrosch tätig waren, mit den Zulieferern und Fährleuten. Etwas Besseres als Bens Angebot konnte ihr eigentlich gar nicht passieren. Es gab kaum einen besseren Grund, für immer hier zu bleiben.

Nachdenklich sah sie den Enten nach, die um eine Ecke herum verschwanden, hinter der sie ein ergiebigeres Ziel vermuteten.

 

Während sie noch grübelte, begannen Tropfen zu fallen, dann erhellte ein Blitz das Wasser, und kurz darauf krachte ein Donnerschlag. Eilig zog sie ihre Schuhe wieder an. Die Dunkelheit kam jetzt rasch. Juna liebte diese blaue Stunde am Wasser, aber nun fröstelte sie. Als sie ihren Schnürsenkel zuband, fiel ihr eine leichte Bewegung an einem Schilfhalm auf.

Eine späte Libelle saß dort, Flügel und Augen voller silberner Tropfen, die das letzte Licht in der Dämmerung auffingen. Morgen früh würde die Sonne sie wieder trocknen, und die Libelle mochte vielleicht noch ein- oder zweimal fliegen. Ihre Tage waren gezählt. Doch jetzt, in diesem Augenblick, war sie ein Wesen von überirdischer Schönheit, gerade in ihrer Vergänglichkeit, ihrer Verletzlichkeit und ihrer märchenhaften zarten Gestalt, hinter der sich so viel Fähigkeiten und Stärken verbargen.

Der Regen ließ schon wieder nach. Juna betrachtete das erstaunliche Insekt und konnte sich nicht losreißen. Wie immer beglückte sie der Anblick dieser wundersamen Wesen, und doch waren ihre Gefühle dabei jetzt zwiespältig.

Sie dachte an die andere, die goldene Libelle in der Schublade ihres Schreibtischs. Die mit dem matten Glanz und dem hintergründigen, ewigen Lächeln, die ein Rätsel zu verbergen schien. Und an ihr Versprechen Wilhelm gegenüber.

»Ich weiß, aber ich kann jetzt nicht hier weg«, sagte sie unwillkürlich laut zu den Bäumen, die wie aufmerksame Zuhörer am anderen Ufer standen.

In dem Dunkel zwischen den Stämmen blitzte ein bläuliches Licht auf, flackerte für einen Augenblick und erlosch wieder, ehe sie sich ganz sicher war. Als sie gerade dachte, sie hätte sich das nur eingebildet, flammte es ein paar Meter weiter wieder auf, und dann ein drittes Mal, tiefer im Wald.

Dann blieb wieder alles dunkel, bis auf eine schmale Mondsichel, die jetzt hinter der Sumpfzypresse zwischen Wolkenfetzen hervorblinzelte.

Juna wusste aus tiefer Überzeugung, dass sie gerade ein Irrlicht gesehen hatte. Zum zweiten Mal in ihrem Leben.

Sie hatte gelernt, dass sogenannte Irrlichter entstehen, wenn sich Fäulnisgase entzünden. Der Nachmittag war ungewöhnlich warm gewesen, und jetzt der Blitz. Es gab eine ganz natürliche Erklärung dafür.

Und doch hörte sie die Stimme des Nyks. »Den richtigen Wassermann gibt es nicht. Die Irrlichter aber, die solltest du ernst nehmen. Sie haben dir immer etwas zu sagen.«

Unwillkürlich blickte sie zur Biegestelle. Dort stand ihr Vogelhaus auf der bizarren Wurzel als Silhouette vor dem dunkelblauen Himmel wie etwas, das fliegen möchte.

Juna fasste einen Entschluss. Der Winter war eine Zeit der Ruhe. Eine Zeit, in der sie den Auftrag erfüllen würde, den Ben ihr gegeben hatte.

Der Frühling aber war eine Zeit des Aufbruchs. Im Frühling würde sie das tun, was sie schon so lange vor sich hergeschoben hatte. Sie würde dorthin zurückkehren, wo sie einmal geflogen war, beinahe wie eine Libelle.

Oder wie Ikarus.

Und wenn sie das gemeistert hatte, dann würde sie sich nach

Diesen Fehler hatte sie schon einmal gemacht, und das würde sie niemals wieder riskieren.