Kapitel elf

Detective Rasbach bleibt kurz stehen und schaut sich um. Da ist ein heruntergekommenes Einkaufszentrum auf der anderen Seite der Straße mit einem Gemischtwarenladen, einer Münzwäscherei und einem Ein-Dollar-Laden. Ansonsten hat hier nicht viel geöffnet. Selbst an einem sonnigen Tag wie diesem wirkt die Gegend deprimierend. Vor Rasbach liegt der Tatort: ein ehemaliges Restaurant. Das Gebäude ist vernagelt, doch irgendjemand hat an einem der vorderen Fenster ein paar Bretter herausgebrochen, um hineinzuschauen, doch vielleicht sind sie mit der Zeit auch von selbst herausgefallen. Rasbach geht um das heruntergekommene Gebäude herum nach hinten. Er nickt ein paar Kriminaltechnikern zu und duckt sich unter dem gelben Absperrband hindurch.

Rasbach betritt das Restaurant durch die verdreckte Hintertür, die im Gegensatz zur vorderen nicht vernagelt ist … falls sie das doch einmal war, dann ist das schon lange her. In jedem Fall kann hier jeder rein und raus. Das Erste, was Rasbach auffällt, ist der Geruch. Er versucht ihn zu ignorieren.

Links von ihm steht ein altmodischer Tresen, doch keine Tische oder Stühle. Der Laden ist vollkommen ausgeplündert. Selbst die Deckenlampen fehlen. Nur eine alte Couch steht an der Wand, daneben liegen ein paar leere Bierdosen auf dem Boden. Ein wenig Sonnenlicht strömt durch die Fenster hinein, dort wo die Bretter fehlen, doch das meiste Licht hier drinnen stammt von den Lampen und Scheinwerfern der Kriminaltechniker. Das schmutzige Linoleum ist gerissen, die Wände sind dunkel und voller Nikotinflecken. Und auf dem Boden liegt ein toter Mann.

Der Gestank ist wirklich übel. Das passiert, wenn eine Leiche unentdeckt ein paar Tage in der Sommerhitze liegt. Und die hier ist schon verdammt gut durch.

In seinem eleganten, teuren Anzug steht Rasbach vollkommen bewegungslos mitten in dem stinkenden Restaurant und denkt bei sich, dass er den Anzug in die Reinigung wird bringen müssen. Dann holt er ein Paar Latexhandschuhe aus seiner Tasche.

»Ein anonymer Anrufer hat uns das gemeldet«, berichtet ihm der uniformierte Beamte, der neben ihm steht.

Rasbach nickt müde. Er geht zu der blutigen, fliegenverseuchten Masse auf dem Boden. Mehrere Minuten lang schaut er auf die Leiche hinab und studiert sie. Es handelt sich um einen dunkelhaarigen Mann, vermutlich Mitte bis Ende dreißig, in einer teuer aussehenden schwarzen Hose und einem ebenso teuer aussehenden Hemd, das inzwischen allerdings von getrocknetem, dunklem Blut verklebt ist, auf dem sich die Fliegen sammeln. Schuhe hat er keine mehr, aber auch die Socken sehen teuer aus. Und er hat keinen Gürtel. »Irgendeine Spur von einer Waffe?«, fragt Rasbach einen Kriminaltechniker auf der anderen Seite der Leiche. Auch der schaut nachdenklich auf den Toten hinab.

»Nein. Noch nicht.«

Rasbach beugt sich vorsichtig über den Leichnam und versucht, nicht zu atmen. Ihm fällt ein blasser Schatten um die Finger auf, wo einst ein Ring gewesen ist. Ein ähnliches blasses Band gibt es auch am Handgelenk. Dort hat sich vermutlich mal eine Armbanduhr befunden. Die Leiche ist ausgeraubt worden, aber das hier war kein reiner Raubüberfall, denkt Rasbach. Was hat der Mann hier gemacht? Er gehört nicht in dieses Viertel. Das hier sieht eher wie eine Hinrichtung aus, nur dass man ihm ins Gesicht und in die Brust geschossen hat und nicht in den Hinterkopf. Und offenbar ist der Mann schon ein paar Tage tot, vielleicht auch länger. Das Gesicht hat jede Farbe verloren und ist aufgequollen.

»Wissen wir, wer das ist?«, fragt Rasbach.

»Nein«, antwortet der Kriminaltechniker. »Er hat keine Papiere dabei. Er hat eigentlich überhaupt nichts dabei, mit Ausnahme seiner Kleider.«

»Zeugen?«, fragt Rasbach, obwohl er die Antwort bereits kennt.

»Nada. Jedenfalls bis jetzt.«

»Okay.« Rasbach seufzt.

Schon bald wird man die Leiche zur Autopsie in die Pathologie bringen. Sie werden Fingerabdrücke nehmen und überprüfen, ob sie sie in den Akten haben. Sollten sie dort nichts finden, müssen sie die Liste der vermissten Personen durchgehen. Das ist eine mühsame Arbeit, aber Polizeiarbeit ist häufig eine Qual, doch meist zahlt es sich aus.

Und sie werden weiter nach der Tatwaffe suchen. Vermutlich handelt es sich um eine Waffe vom Kaliber .38, und wahrscheinlich hat der Täter sie weit vom Tatort entfernt entsorgt, oder jemand hat sie gefunden und mitgenommen. Schließlich hat man dem Toten ja auch den Gürtel, die Schuhe, die Börse, die Uhr und den Ring abgenommen und ohne Zweifel auch das Handy. In dieser Gegend ist das keine Überraschung.

Als sie mit der Leiche fertig sind, suchen sie das größere Areal ab, finden aber nur ein Paar pinkfarbene Gummihandschuhe mit Blumenmuster nahe dem Ellbogen. Sie liegen auf einem kleinen Parkplatz nicht weit entfernt. Rasbach glaubt jedoch nicht, dass sie irgendetwas mit dem Toten in dem Restaurant zu tun haben. Trotzdem nimmt er sie mit. Man weiß ja nie.

Rasbach und ein anderer Detective, Jennings, sowie ein paar uniformierte Beamte verbringen den Rest des Abends damit, in der Gegend von Tür zu Tür zu gehen und nach Zeugen zu suchen.

Wenig überraschend kehren sie mit leeren Händen aufs Revier zurück.

*

Am nächsten Morgen erwartet sie Dr. Perriera, der Gerichtsmediziner. »Hallo, Detectives«, sagt er. Offensichtlich ist er erfreut, sie zu sehen.

Rasbach weiß, dass der Pathologe sich jedes Mal freut, wenn die Detectives ihn besuchen. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren erstaunt es Rasbach immer wieder, wie wenig den Arzt seine deprimierende Arbeit zu beeinflussen scheint. Messer- und Schusswunden, Ertrunkene, Unfallopfer … Nichts von alledem scheint den stets heiteren und äußerst geselligen Doktor zu beeindrucken.

Dr. Perriera bietet den Detectives eine Schale mit Pfefferminzbonbons an. Die helfen gegen den Geruch. Die beiden Detectives nehmen sich je ein Bonbon. Das Papier knistert, als sie die Bonbons auspacken. Dr. Perriera streckt die Hand aus, um den Detectives das Papier abzunehmen. Dann wirft er es in einen Mülleimer.

»Was können Sie uns sagen?«, fragt Rasbach, als sie an dem langen Stahltisch stehen und auf die Leiche schauen. Rasbach ist dankbar dafür, dass Jennings genau wie er einen starken Magen hat. Jennings wirkt aufmerksam und neugierig. Die Schlachterei auf dem Tisch scheint ihm nicht im Mindesten etwas auszumachen, und das Bonbon bildet eine Beule in seiner Wange.

»Der Leichnam ist intakt«, beginnt Dr. Perriera fröhlich. »Es handelt sich um einen Mann von kaukasischer Abstammung, Ende dreißig und in gutem Gesundheitszustand. Der erste Schuss drang in die Brust, der zweite in die Wange, doch es war der dritte Schuss ins Gehirn, der ihn getötet hat. Der Tod trat fast sofort ein. Er wurde aus direkter Nähe erschossen, aus einer Entfernung von etwa sechs bis acht Fuß, mit einer 38er.«

Rasbach nickt. »Und wann genau ist er gestorben?«, fragt er.

Dr. Perriera dreht sich zu Rasbach um. »Ich weiß ja, wie sehr ihr Jungs den Todeszeitpunkt liebt, und ich tue mein Bestes, wirklich, aber wenn ihr mir eine Leiche schickt, die tagelang herumgelegen hat … Das beschränkt meine Möglichkeiten dann doch sehr, was die Genauigkeit betrifft.«

Rasbach nickt geduldig. Er weiß, dass Dr. Perriera ein Perfektionist ist. Seine Ergebnisse halten stets jeder Überprüfung stand.

»Das sehe ich natürlich ein«, erwidert Rasbach geduldig. »Dennoch ziehe ich Ihre Vermutungen sogar den Gewissheiten anderer vor.«

Dr. Perriera lächelt. »Ich habe letzte Nacht eine Autopsie gemacht. Ausgehend vom Grad der Zersetzung und den Larven, die ich in dem Leichnam gefunden habe … Vergessen Sie nicht, dass es sehr heiß ist … Also ich würde schätzen, dass der Mann vor ungefähr vier Tagen gestorben ist, plus/minus einen Tag.«

Rasbach rechnet nach. »Vier Tage von gestern Nacht … Das wäre dann der Abend des 13. Augusts.«

Dr. Perriera nickt. »Aber er könnte auch schon am Abend des Zwölften getötet worden sein oder am Abend des Vierzehnten. In jedem Fall innerhalb dieses Zeitraums.«

Rasbach schaut noch einmal auf die Leiche. Wenn der Mann doch nur reden könnte …

*

Zurück auf dem Revier sucht Rasbach sich einen der großen Konferenzräume als Ad-hoc-Kommandoposten aus und wendet sich an das Team, das er eilig zusammengestellt hat. Er und Jennings sind die Detectives in diesem Fall, und Rasbach hat noch ein paar Uniformierte zur Unterstützung hinzugezogen.

»Wir wissen noch immer nicht, wer der Kerl ist«, beginnt Rasbach. »Seine Fingerabdrücke sind nicht in unserem System, und es gibt auch niemanden in der Vermisstenkartei, auf den seine Beschreibung passt. Lassen Sie uns damit beginnen, die Beschreibung und Fotos an andere Strafverfolgungsbehörden und an die Medien zu verteilen. Vielleicht finden wir ja auf diese Art heraus, um wen es sich handelt. Vielleicht ist er ja noch gut genug zu erkennen, sodass sich vielleicht irgendjemand an ihn erinnert.«

Rasbach beschließt, sämtliche Polizeiberichte zwischen dem Abend des Zwölften und dem des Vierzehnten durchzugehen. Er hofft, irgendetwas Ungewöhnliches zu finden. Doch da ist nicht viel, nichts außer ein paar Drogendelikten und zwei Verkehrsunfällen. Einer dieser Verkehrsunfälle ist recht simpel: eine verbeulte Stoßstange am Nachmittag. Aber der andere … Ein Honda Civic ist viel zu schnell gefahren, und er kam aus der Richtung des Tatorts. Schließlich ist er gegen 20:45 Uhr, am Abend des 13. Augusts gegen einen Laternenmast geprallt.

Rasbach sträuben sich die Nackenhaare, als er das liest.