Karen geht schnell und achtsam wie eine Katze. Sie atmet heftig, es ist nicht nur die Anstrengung, es sind auch all die Gefühle, die in ihr toben. Es ist, als würde sie gleich zerbrechen.
Sie lebt schon viel zu lange in Angst.
Sie denkt an das erste Mal zurück, als sie von der Arbeit kam und das Gefühl hatte, dass die Dinge nicht mehr so waren, wie sie sie zurückgelassen hatte. Plötzlich lag ein Buch, in dem sie in der Nacht zuvor gelesen hat, links von der Nachttischlampe. Dabei war sie sicher gewesen, es rechts neben die Lampe gelegt zu haben, auf die Seite, die dem Bett am nächsten ist. Sie hätte es nie auf die andere Seite gelegt. Ungläubig hat sie es angestarrt. Dann schaute sie sich nervös um. Auf den ersten Blick sah alles so aus, wie es aussehen sollte. Doch als Karen die Schublade mit ihrer Unterwäsche öffnete, war alles durcheinander, als hätte jemand in ihren Höschen und BHs herumgewühlt. Ja, so musste es gewesen sein. Karen war wie erstarrt, schaute in die Schublade und hielt die Luft an. Sie sagte sich selbst, dass unmöglich jemand im Haus gewesen sein und ihre Unterwäsche durchwühlt haben konnte. Vielleicht hat sie es an diesem Morgen ja einfach nur eilig gehabt und nicht darauf geachtet. Aber sie war sich ganz sicher, dass sie nicht in Hektik gewesen war. Es war ein ganz normaler Tag gewesen.
Tom gegenüber hatte sie das nicht erwähnt.
Dann, an einem Tag kurz danach, kam sie nach Hause und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Wie immer hatte sie am Morgen das Bett gemacht. Das hatte sie gelernt und sich so angewöhnt, als sie als junge Frau als Zimmermädchen in einem Fünf-Sterne-Hotel gearbeitet hatte. Alles musste stets perfekt sein. Karen zog sich gerade die Ohrringe aus, als sie das Bett im Spiegel sah, und wieder erstarrte sie. Schwach, aber unverkennbar war der Abdruck eines Körpers auf der blassgrünen Tagesdecke zu erkennen. Es war, als hätte sich jemand auf das Bett gelegt und es dann achtlos wieder glattgestrichen. Das hat sie unglaublich erschreckt. Und Karen weiß, dass sie sich das nicht nur eingebildet hat. Tom ist wie jeden Tag zur Arbeit gefahren, bevor sie aufräumte und das Bett machte. Sie war so erschüttert, dass sie Tom im Büro anrief und ihn fragte, ob er tagsüber nach Hause gekommen sei. Aber das war er nicht. Sie sagte ihm, ein Fenster habe offen gestanden, von dem sie geglaubt habe, es sei vor ihrer Abfahrt geschlossen gewesen, aber sie habe es wohl einfach nur vergessen. Tom schien das Ganze nicht weiter zu kümmern.
Danach begann sie, jedes Zimmer mit ihrem Handy zu fotografieren, bevor sie das Haus verließ, und wenn sie wieder heimkam, untersuchte sie die Bilder auf Veränderungen. Karen fuhr immer später als Tom zur Arbeit und kam vor ihm wieder nach Hause. Sie hatten keine Putzfrau und keine Haustiere. Wenn also etwas nicht mehr genauso war wie zu dem Zeitpunkt, da sie zur Arbeit gefahren waren …
Zum letzten Mal war so etwas ein paar Tage vor dem Unfall passiert. Karen fühlte irgendwie, dass jemand im Haus gewesen sein musste. Mit dem Handy in der Hand ging sie durch die Zimmer und verglich die Bilder auf ihrem Smartphone mit dem, was sie sah. Alles war so, wie es sein sollte. Trotzdem war sie sicher, dass jemand hier gewesen war. Sie hatte sich bereits ein wenig entspannt … als sie nach oben ins Arbeitszimmer kam. Sie starrte auf Toms Schreibtisch. Rasch blätterte sie durch die Fotos auf ihrem Handy, bis sie das von diesem Morgen fand. Toms Terminkalender lag nicht mehr genauso wie zuvor auf der Kladde. Er lag gut sechs Zoll davon entfernt. Karen starrte das Foto an und dann wieder auf den Schreibtisch. Kein Zweifel. Irgendjemand war hier gewesen, in ihrem Haus.
Irgendjemand war in ihrem Haus gewesen und hatte ihre Sachen durchwühlt. Er hatte auf ihrem Bett gelegen.
Sie hat Tom nie davon erzählt.
Und jetzt weiß sie, wer es gewesen ist. Er war in ihrem Haus gewesen und gekommen und gegangen, wie es ihm gefiel. Er hatte sie beobachtet und gewartet. Allein die Vorstellung macht sie krank.
Doch jetzt ist er tot. Vor ihrem geistigen Auge tauchen wieder die grausigen Bilder der Leiche auf, und sie versucht, sie aus ihren Gedanken zu verbannen.
Aber dann … das Glas auf der Arbeitsplatte … Sie musste sich geirrt haben, aber die Nerven waren mit ihr durchgegangen, und sie hatte Panik bekommen. Das Glas muss vorher schon dort gestanden haben. Sie hat es nur vergessen, vermutlich wegen der Gehirnerschütterung.
Und inzwischen drehen sich all ihre Ängste sowieso um diesen verdammten Detective.
Ihr Herz pocht in ihrer Brust, und sie geht immer schneller … nach Hause.
*
Karen betritt das Haus. Sie will nur noch rein. Sie zieht die Tür hinter sich zu und schließt ab. Dann dreht sie sich um und sieht Tom, der sie vom Wohnzimmer aus beobachtet. Er steht am Kamin und hält einen Whisky in der rechten Hand.
»Schenkst du mir auch einen ein?«, bittet Karen. Sie nimmt keine Schmerzmittel mehr, und sie kann einen Drink jetzt gut gebrauchen.
»Sicher.«
Sie folgt Tom in die Küche. Als er nach der Flasche im Schrank greift, beobachtet sie ihn. Sie wünschte, sie könnte dieses Misstrauen vertreiben, diese Spannung, die in der Luft liegt. Aber ist das überhaupt noch möglich?
Tom dreht sich wieder um und gibt Karen ein Glas mit purem Whisky.
»Danke«, sagt sie, nippt daran und spürt sofort ein Brennen im Hals.
»Wo warst du?«, fragt Tom.
Er versucht krampfhaft, nicht streitsüchtig zu klingen, doch genau das lässt es unnatürlich wirken. Den unbeschwerten, glücklichen Mann, den sie geheiratet hat, gibt es nicht mehr. Den Mann, der so gern lacht und sie spontan umarmt und küsst. Sie hat ihn verändert.
»Ich bin ein wenig spazieren gegangen«, antwortet sie in sachlichem Ton.
Er nickt, als wäre es vollkommen normal, dass sie allein und im Dunkeln ohne ihn spazieren geht.
Wir sind wie Fremde, denkt Karen und nippt nochmal an ihrem Whisky.
»Brigid ist vorbeigekommen«, berichtet Tom. Er lehnt an der Arbeitsplatte und schaut sie an.
Karen zieht sich das Herz zusammen. »Ist sie? Was hat sie denn gesagt? Hat sie etwas gehört?«
»Das muss sie wohl«, antwortet Tom gereizt.
»Aber du hast nicht gefragt?«
»Du kannst sie morgen fragen«, sagt er. »Es ist ohnehin besser, wenn du sie fragst.«
Karen nickt. Sie schaut zu ihrem Mann, und ihr Herz setzt einen Schlag lang aus, als er sich von ihr abwendet.
Sie müssen beide wissen, was in jener Nacht geschehen ist.
»Tom«, sagt Karen zögernd, »würdest du mich dort hinfahren? Dahin, wo sie die Leiche gefunden haben?«
»Was? Jetzt?« Tom ist überrascht.
»Warum nicht?« Karen erinnert sich daran, wie er ihr vorgeworfen hat, sie würde nicht alles tun, um ihr Gedächtnis zurückzuerlangen. Jetzt bietet sie ihm an, etwas dafür zu tun. Wenn er nur wüsste, wie verzweifelt auch sie wissen will, was in jener Nacht passiert ist. »Vielleicht hilft mir das ja, mich zu erinnern.« Karen kennt die Adresse. Sie hat sie aus der Zeitung.
»Okay«, willigt Tom ein und stellt seinen Whisky weg. Auf dem Weg zur Tür schnappt er sich die Schlüssel, und Karen folgt ihm.