Kapitel neunundzwanzig

Eine Stunde später sind Karen und Tom wieder in der Kanzlei von Jack Calvin. Karen hat sich das Gesicht gewaschen und Make-up aufgelegt. Jetzt ist sie ruhig, ja fast stoisch angesichts der drohenden Katastrophe. Sie findet Trost in Toms Unterstützung, doch sie hat auch Angst vor dem, was als Nächstes geschehen wird.

»Kommen Sie rein«, sagt Calvin knapp und professionell. Für dieses Treffen hat er extra einen Termin umgelegt, Smalltalk wird es heute also nicht geben. »Setzen Sie sich.«

Karen denkt, dass es jedes Mal schlimmer geworden ist, wenn sie wieder in diesem Büro sitzen.

»Was ist passiert?«, verlangt Calvin zu wissen und mustert die beiden aufmerksam.

Karen schaut ihm in die Augen und sagt: »Detective Rasbach hat mich gebeten, heute Nachmittag aufs Revier zu kommen, um ein paar Fragen zu beantworten. Ich hätte gerne, dass Sie mich begleiten.«

Calvin schaut von ihr zu Tom und wieder zurück. »Warum wollen Sie überhaupt hin?«, fragt er. »Sie sind nicht dazu verpflichtet. Sie sind ja nicht verhaftet worden.«

»Vielleicht werde ich das aber bald«, entgegnet Karen.

Jack Calvin sieht nicht so überrascht aus, wie Karen erwartet hat. Er greift zu einem gelben Schreibblock und demselben teuren Füller, den er auch schon beim letzten Mal benutzt hat, und wartet.

»Vielleicht sollte ich besser vorn anfangen«, sagt Karen und atmet tief durch. »Ich habe meinen Selbstmord vorgetäuscht und bin vor einem Ehemann geflohen, der mich misshandelt hat. Seitdem lebe ich unter neuem Namen.«

»Okay«, sagt Calvin.

»Ist das ein Verbrechen?«

»Das hängt davon ab. An sich ist es kein Verbrechen, seinen Tod vorzutäuschen, aber Sie könnten als Folge davon andere Verbrechen begangen haben. Und sich eine falsche Identität zuzulegen ist Betrug und Dokumentenfälschung. Aber darauf kommen wir später zurück. Wie hießen Sie früher?«

»Georgina Traynor. Ich war mit Robert Traynor verheiratet. Er ist der Mann, den die Polizei identifizieren will, der Mann, der in jener Nacht getötet wurde.« Hilfesuchend schaut sie zu Tom, doch Tom beobachtet den Anwalt.

Calvin wirkt besorgt, und Karen weiß, dass es schlecht aussieht.

Sichtlich erregt sagt Tom: »Sobald sie ihn identifizieren, werden sie alles herausfinden. Sie werden erfahren, dass seine Frau gestorben ist. Und sie wissen bereits, dass Karen eine neue Identität angenommen hat und dass Karen Fairfield nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Sie waren bei mir im Büro, um mir das zu sagen.«

Karen starrt ihn entsetzt an. Tom wusste es bereits. Die Detectives wissen es. »Das hast du mir gar nicht erzählt«, sagt sie, doch Tom wendet sich von ihr ab und schaut zu Calvin.

»Jetzt ist erst einmal wichtig, was sie beweisen können«, erklärt Calvin in sachlichem Ton und beugt sich über den Tisch. »Erzählen Sie mir, was an jenem Abend geschehen ist«, fordert er Karen auf. »Und bitte vergessen Sie nicht: Ich habe auch eine Pflicht dem Gericht gegenüber. Also erzählen Sie mir nichts, weswegen Sie verurteilt werden könnten.«

Karen zögert. »Ich erinnere mich noch nicht an alles, aber ich kann Ihnen sagen, was ich bereits weiß«, beginnt sie. Dann erzählt sie Calvin das Gleiche, was sie auch Tom erzählt hat – nur die Waffe lässt sie unerwähnt. Aber sie erzählt ihm alles bis zu dem Augenblick, als sie die Tür geöffnet hat.

Calvin schaut sie an, als wisse er nicht so recht, ob er ihr glauben soll oder nicht. Ein düsteres Schweigen senkt sich über das Büro.

»Hatten Sie eine Waffe dabei? Hypothetisch gesprochen natürlich«, fragt Calvin schließlich.

Karen zögert. »Es … Es könnte da eine Waffe gegeben haben … hypothetisch«, antwortet sie vorsichtig.

»Und besteht die Möglichkeit, dass man diese hypothetische Waffe finden und mit Ihnen in Verbindung bringen könnte?« Calvin schaut ihr in die Augen. Er wirkt nicht sonderlich beunruhigt.

Die Waffe ist illegal gekauft worden und nicht auf Karen registriert. Also können sie sie auch nicht mit ihr in Verbindung bringen. Und es gibt auch keine Fingerabdrücke, das weiß sie sicher. Sie hat sie nie ohne Handschuhe angefasst. »Nein«, antwortet sie dann auch.

»Auch nicht, wenn sie gefunden wird?«, hakt Calvin nochmal nach.

»Nein.« Karen schüttelt den Kopf.

Calvin lehnt sich zurück und denkt kurz nach. Dann beugt er sich wieder vor und legt beide Hände auf den Tisch. »Wir werden Folgendes tun«, sagt er. »Wir werden uns ansehen, ob sie genug haben, um Sie anzuklagen. Ich bin sicher, wenn sie ihn identifizieren, wird das der Fall sein. Die Indizien sind stark. Das reicht. Aber das vor einem Gericht auch zu beweisen ist etwas vollkommen anderes.«

»Aber …«, platzt Karen heraus.

Calvin schaut sie fragend an. »Aber was?«

»Ich kann ihn nicht getötet haben«, erklärt sie mit fester Stimme. »Ich glaube nicht, dass ich dazu fähig wäre.«

Ihr Anwalt und ihr Mann schauen sie an. Tom wendet sich jedoch rasch ab, fast, als sei es ihm peinlich. Doch der Anwalt starrt sie unverwandt an.

»Wer, glauben Sie, hat ihn umgebracht?«, fragt er.

»Ich weiß es nicht.«

»Haben Sie vielleicht eine Vermutung?«

Karen schaut kurz zu Tom und dreht sich dann wieder zu Calvin um. »Er könnte Feinde gehabt haben.«

»Was für Feinde?«

»Geschäftliche Feinde.«

»Was für Geschäfte hat er denn gemacht?«, hakt der Anwalt nach.

»Er war Antiquitätenhändler«, antwortet Karen. »Ich bin allerdings nicht sicher, ob all seine Geschäfte legal waren, aber es war auch besser, ihn das nicht zu fragen. In jedem Fall hatte er Kontakt zu ein paar üblen Leuten.«

Wieder herrscht Schweigen im Raum. Karen sitzt vollkommen still auf ihrem Stuhl. Allein bei der Vorstellung, wegen Mordes vor Gericht zu stehen, wird ihr vor lauter Angst übel. Doch jetzt, da sie bereits im Büro des Anwalts sitzt, ist es zu spät wegzulaufen. Ich hätte es einfach tun sollen, denkt sie.

Schließlich sagt Karen: »Detective Rasbach erwartet mich heute Nachmittag auf dem Revier.«

»Sie werden aber nicht gehen«, erklärt Calvin. »Wenn sie glauben, dass sie genügend Beweise haben, dann können sie Sie ja festnehmen. Und jetzt … Erzählen Sie mir mehr darüber, wie Sie Robert Traynor entkommen sind.«

Und Karen erzählt ihm alles – über die monatelangen Planungen, wie sie heimlich Geld beiseitegelegt hat und über die heimlichen Besuche im Frauenhaus. Und schließlich erzählt sie ihm auch von dem Tag an der Hoover Dam Bypass Bridge. Zu guter Letzt fügt sie noch mit matter Stimme hinzu: »In gewisser Hinsicht war das leicht, denn ich hatte keine Familie. Meine Eltern sind tot, und Geschwister habe ich auch nicht. Und wir hatten keine auf mich abgeschlossene Lebensversicherung. Also würde niemand meinen Tod untersuchen. Ich dachte, ich würde damit durchkommen, und ich war verzweifelt. Ich glaubte nicht, dass ich noch etwas zu verlieren hätte.«

Als sie fertig ist, folgt ein langes Schweigen.

Dann fragt Calvin: »Was haben Sie mit dem Rucksack gemacht?«

»Oh, ja, der.« Sie denkt kurz nach. »Den habe ich entsorgt, aber ich konnte ihn ja nicht einfach aus dem Fenster werfen. Alles darin hätte man mit mir in Verbindung bringen können. Also habe ich ein paar schwere Steine hineingetan und ihn mitten in der Nacht von einer Brücke in einen See geworfen.«

Tom schaut Karen an, während sie das erzählt, doch dann wendet er sich von ihr ab, als könnte er die Vorstellung nicht ertragen.

»Ich weiß, das wirkt kaltblütig«, sagt Karen trotzig. »Aber was hätten Sie an meiner Stelle getan?« Als keiner der beiden Männer antwortet, sagt sie: »Richtig! Sie wären nie an meiner Stelle gewesen. Wie wunderbar für euch Männer! Mann sein ist ja so leicht.«

Tom wirft ihr einen versöhnlichen Blick zu, als wolle er sich persönlich für jeden lausigen Mann auf der Welt entschuldigen.

Karen sagt zu ihm: »Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, es dir zu erzählen, doch der richtige Zeitpunkt ist nie gekommen.« Als wäre der Anwalt nicht im Raum, fragt sie: »Wann hätte ich es dir denn sagen sollen? Ganz am Anfang? Was hättest du schon von einer Frau gewollt, die vor ihrem alten Leben davongelaufen ist und eine neue Identität angenommen hat? Später? Das hätte dich nur verletzt, weil ich dich angelogen habe … Genau wie jetzt. Die Wahrheit ist, es konnte gar keinen richtigen Zeitpunkt geben.« Eine Entschuldigung ist das nicht. Sie hat getan, was sie hat tun müssen, und das ist das Ergebnis.

Tom drückt ihre Hand, aber er schaut sie nicht an. Er schaut auf ihre Hand, die in seiner liegt.