Brigid sitzt im Wohnzimmer und schaut aus dem Fenster. Das wird ihr nie langweilig. Dann und wann riecht sie vorsichtig an ihrem Handgelenk. Sie wird aufbleiben, bis Tom und Karen im Bett sind, bis sie sich unter die Decken gekuschelt haben und die Lichter ausgehen.
Bob, ihr Mann, war kurz zum Abendessen zuhause, jetzt ist er wieder arbeiten. Er war diese Woche jede Nacht unterwegs. Brigid fragt sich, ob er wirklich arbeiten geht oder ob er sich mit einer anderen trifft. Doch das kümmert sie nicht wirklich. Trotzdem kocht sie vor Wut unter ihrer kühlen weißen Haut, die er seit Wochen nicht mehr berührt hat, obwohl sie versuchen wollten, ein Baby zu bekommen. Manchmal hasst sie Bob. Manchmal hasst sie ihr Leben und alle Menschen darin … auch wenn es nicht mehr viele Menschen in ihrem Leben gibt. Brigid hat viele Sachen aufgegeben. Nur nicht ihren Strickblog. Und die Krupps.
Vor allem behält Brigid Karen und Tom im Auge.
Sie würde gerne … Sie würde gerne jemand anderes sein, ein anderes Leben führen. Das würde sie wirklich gerne. Sie ist ein wenig überrascht, als ihr klar wird, dass es gar nicht mehr ihr größter Wunsch ist, ein Baby zu bekommen, jedenfalls nicht von Bob. Sie hat diesen Wunsch jetzt schon so lange, dass er schon fast eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Wie erfrischend ist es da zu erkennen, dass sie inzwischen ganz ernsthaft nach etwas anderem verlangt. Dass sie in Wahrheit jemand anderes sein, ein anderes Leben führen möchte.
Sie will einen gutaussehenden, fürsorglichen Mann, einen Mann, der ihr Aufmerksamkeit schenkt. Einen Mann, der jeden Abend nach Hause kommt. Einen Mann, bei dem sie sich als etwas Besonderes fühlt, der sie mit nach Europa nimmt, der sie überraschend küsst und das vollkommen ohne Grund. Einen Mann, der sie ansieht, wie Tom Karen anschaut. Sie legt ihre Strickarbeit beiseite.
Brigid hat der Anziehungskraft einfach nicht widerstehen können, die das Haus der Krupps auf sie ausübt. Sie kann einfach nicht anders. Manchmal muss sie in das Haus gegenüber schleichen, und wenn sie da ist, allein, dann stellt sie sich vor, sie würde mit Tom zusammenleben. Sie legt sich in Karens Bett. Sie betrachtet Toms und Karens Sachen. Sich Toms Kleider ins Gesicht zu drücken und an ihnen zu riechen … Sie hat sogar schon einmal ein altes T-Shirt aus seiner Schublade geklaut und zuhause versteckt. Vor dem Spiegel probiert sie Karens Kleider an. Sie legt ihren Lippenstift auf und ihr Parfüm. Sie tut so, als sei sie Toms Frau.
Und all das ist ganz leicht. Brigid hat einen Schlüssel. Tom hat ihn ihr während ihrer kurzen Affäre gegeben, und insgeheim hat sie eine Kopie davon gemacht. Sie kann einfach ums Haus der Krupps herumgehen, in den Park dahinter, und wenn niemand hinschaut, schlüpft sie durch das unverschlossene Gartentor und geht durch die Hintertür hinein.
Sie ist es gewesen, die das Glas an jenem Tag auf der Arbeitsplatte zurückgelassen hat.
Brigid hat nie wirklich aufgehört, Tom zu begehren. Für sie stellt sich nur die Frage, was sie bereit ist zu tun, um ihn wieder zurückzubekommen.
Diese Erkenntnis trifft sie ziemlich hart, und kurz hält sie die Luft an.
In letzter Zeit musste sie immer wieder daran denken, wie sie als Paar gewesen sind, damals, als sie noch miteinander geschlafen haben. Die Chemie zwischen ihnen war perfekt gewesen. Und es war so eine Freude gewesen, Tom zu verführen. Er war so begierig darauf gewesen, neue Dinge auszuprobieren, so bereit, ihrer Führung zu folgen. Ja, es war perfekt, und dann hat er ihre Beziehung einfach beendet und ist mit Karen ausgegangen.
Tom war zwar die Tatsache unangenehm gewesen, dass Brigid verheiratet war, aber er hatte ihre kleine, verführerische Lüge problemlos geschluckt und mit ihr geschlafen. Das änderte sich jedoch, als er die Wahrheit erfuhr. Da hat er sie einfach fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Gott, was hat das wehgetan! Eine Zeit lang hat Brigid ihm Probleme gemacht. Sie konnte nicht anders. Sie hatte keine Kontrolle mehr darüber. Bob hatte keine Ahnung, was los war, aber er sah, wie verstört und unglücklich sie war. Er bestand darauf, dass sie einen Arzt aufsuchen sollte. Doch schließlich passte sie sich an. Sie war mit Tom übereingekommen, niemandem von ihrer Affäre zu erzählen. Das Gespräch war ganz ruhig verlaufen. Und sie hatten es all die Zeit vor Karen geheim gehalten. Oh, wie oft Brigid ihr hatte erzählen wollen, was sie alles mit Tom gemacht hatte!
Jetzt erinnert sich Brigid wieder an das Knistern, das sie gestern Abend spürte, als sie Tom am Arm berührt hat. Und sie ist sich sicher, dass er es auch gespürt hat, diese intensive sexuelle Energie, die da wieder aufgeflackert ist … Sicher hatte er sich deswegen so schnell von ihr gelöst. Er kann sich einfach nicht eingestehen, dass er noch immer Gefühle für sie hat. Dafür ist er viel zu anständig. Schließlich ist er jetzt verheiratet. Aber Brigid ist sich sicher, dass er noch immer von ihr träumt.
Brigid fragt sich, ob er Karen inzwischen leid hat. Sie hat ganz genau gesehen, wie er Karen gestern anschaute, den Zweifel und das Misstrauen.
Brigid weiß, dass Karen sie als ihre beste Freundin betrachtet, auch wenn sie manchmal nicht weiß, was es heißt, eine Freundin zu sein. Karen hat sie immer wieder enttäuscht. Nach allem, was geschehen ist, fällt es Brigid schwer, Karen noch als Freundin zu betrachten. Nicht nach allem, was Tom wegen ihr durchmachen muss, und besonders, da Brigid erkannt hat, dass sie Tom vielleicht selbst haben könnte.
Karen ist nicht ihre Freundin, sie ist ihre Rivalin. Sie war schon immer ihre Rivalin.
Eine ganze Welt scheint sich vor Brigid aufzutun, eine neue Zukunft.
Brigid hat die letzten Tage in ihrem Sessel am Fenster gesessen und alles genau verfolgt, was auf der anderen Straßenseite vor sich ging. Sie weiß, dass Karen in großen Schwierigkeiten steckt. Sie glaubt, dass die Polizei sie vermutlich wegen Mordes verhaften wird.
Und wenn Karen wegen Mordes verhaftet ist, dann wird Tom allein und verständlicherweise am Boden zerstört sein. Er wird an Karen und allem zweifeln, was sie sich gemeinsam aufgebaut haben. Und dann wird Brigid da sein und ihm zur Seite stehen. Und sie wird ihn in die richtige Richtung lenken: weg von Karen und hin zu ihr.
Es wird wieder zwischen ihnen knistern. Das weiß sie genau. Und er wird der Versuchung nicht widerstehen können und zu ihr zurückkehren. Sie sind einfach dafür geschaffen, zusammen zu sein.
Nichts geschieht ohne Grund.
Brigid wird Bob verlassen – vermutlich wird er das noch nicht einmal bemerken –, und dann wird sie ins Haus gegenüber einziehen. Sie wird alles haben, was sie sich je erträumt hat: Karens wundervoll eingerichtetes Haus, ihre eleganten Kleider – glücklicherweise hat Brigid die gleiche Größe – und ihren gutaussehenden, aufmerksamen Mann. Brigid nimmt auch an, dass Tom eine gute Spermienzahl hat, ganz anders als Bob, ihr nutzloser Ehemann.
Angesichts dieser Zukunft schlägt Brigids Herz immer schneller, während sie die Lichter gegenüber betrachtet.
*
In dieser Nacht kann Tom nicht schlafen. Er liegt wach im Bett, während Karen sich neben ihm wälzt.
Erst in diesem überspannten Augenblick im Bad, als Karen ihn angeschrien hat, hat er wirklich verstanden, was sie durchmacht und was das mit ihr anstellt. Zum ersten Mal ist ihm bewusst geworden, dass er große Teile ihrer Persönlichkeit nie gekannt hat. Es sind die dunklen, wütenden Bereiche ihrer Seele und eine düstere Vergangenheit, die sie nie mit ihm geteilt hat. Jetzt weiß er jedoch zumindest in groben Zügen, wie sie gelebt hat, doch die hässlichen Details kennt er nicht. Dieser unerwartete Blick in Karens Innenleben, in die Finsternis im Herzen ihrer Vergangenheit, hat ihn zutiefst erschüttert. Karen ist nicht die Frau, die er zu kennen geglaubt hat. Sie ist viel zäher, härter und viel verletzter, als er jemals vermutet hätte.
Karen ist nicht die Frau, in die er sich verliebt hat. Karen Fairfield, die Frau, in die er sich verliebt hat, war eine Fata Morgana.
Georgina Traynor hat Tom nie gekannt. Hätte er sich wohl in sie verliebt? Hätte er sich in eine Frau verlieben können, die so eine Last mit sich herumträgt? Oder hätte er die Finger von ihr gelassen?
Tom gefällt die Vorstellung, dass er sich so oder so in sie verliebt und sie vor all dem beschützt hätte.
Aber die Lügen … Tom ist nicht sicher, ob er ihr auch die Lügen verzeihen kann.
Ja, Karen hatte wirklich gute Gründe für das, was sie getan hat. Aber sie hat ihn angelogen! Ihr Eheversprechen war eine Lüge. Und Tom ist sicher, dass sie ihn auch weiter angelogen hätte, wäre die Polizei ihr nicht auf die Schliche gekommen. Genau das bereitet ihm nun Kopfzerbrechen.
Die Frage, die er sich immer wieder stellt, lautet: Wenn sie an diesem Abend nicht den Unfall gehabt hätte, wenn sie sich beruhigt hätte und dann wieder nach Hause gekommen wäre, hätte sie ihm dann irgendeine Geschichte über eine Freundin erzählt, der sie bei einem Notfall hatte helfen müssen? Eine Geschichte, die er nicht in Frage gestellt hätte? Wäre sie an diesem Abend mit ihm zu Bett gegangen und hätte in dem Wissen neben ihm gelegen, dass sie einen Mann erschossen hatte? Hätte sie ihn im Unklaren gelassen? Tom glaubt nämlich nicht mehr, dass sie nicht in der Lage war, ihren Ex zu töten. Nach diesem Ausbruch im Badezimmer ist er sicher, dass sie sehr wohl dazu fähig ist.
Wäre alles nur ein wenig anders gelaufen, dann hätte er weiter in seiner glücklichen Blase der Unwissenheit leben können, ohne irgendetwas von ihrem Verbrechen zu ahnen. Doch inzwischen kann er das nicht mehr ignorieren.
Und da ist noch etwas, was er nicht vergessen kann: die Handschuhe. Sie hat die Handschuhe mitgenommen.
Tom ist sicher, dass Karen die Absicht hatte, ihren Ex-Mann umzubringen. Warum hätte sie sonst die Handschuhe mitgenommen? Daran besteht für ihn kein Zweifel mehr. Soweit es das Gesetz betrifft, ist er sich ihrer Schuld ziemlich sicher.
Ob er damit allerdings leben kann oder nicht … Was das betrifft, ist noch kein Urteil gefallen.