Detective Rasbach ist ziemlich sicher, dass der Fall Krupp von nun an in geraden Bahnen verlaufen wird. Es ist wie ein Puzzle, zuerst ist es schwierig, aber wenn man erst einmal die Umrisse hat, dann fallen die Puzzleteile wie von selbst an ihren Platz. Für ihn ist ziemlich klar, dass Karen Krupp eine Mörderin ist. Allerdings tut sie ihm auch leid. Er glaubt, unter anderen Umständen wäre es nie so weit gekommen … vor allem nicht, wenn sie Robert Traynor nie kennengelernt hätte.
Sie wissen jetzt auch, wie Traynor sie gefunden hat. Sie haben sich seinen Computer angeschaut, den die Polizei von Las Vegas sichergestellt und ihnen geschickt hat. Traynor hat systematisch Webseiten von Buchhaltern und Buchprüfern durchsucht, in den gesamten USA. Schließlich war er dann auf der Webseite von Simpson & Merritt gelandet, der Firma, in der Tom Krupp arbeitet. Und da war sie, im Hintergrund, auf einer Betriebsweihnachtsfeier. Sie stand neben Tom, der auf der Webseite ein eigenes Profil besitzt.
Es ist in der Tat schwer, wirklich zu verschwinden, denkt Rasbach.
Rasbach fragt sich, warum Traynor sich solche Mühe gemacht hat, sie zu finden. Offensichtlich war er nicht von ihrem Selbstmord überzeugt. Vielleicht, weil man die Leiche nie gefunden hat.
Rasbach glaubt, einen soliden Fall für den Bezirksstaatsanwalt zu haben. Zwar sind die physischen Beweise noch nicht schlüssig, aber die Umstände sind zwingend. Nur leider haben sie bis jetzt auch noch keine Zeugen gefunden, obwohl sie in der Gegend von Tür zu Tür gelaufen sind.
Rasbach erinnert sich an das unproduktive Verhör von Karen Krupp. Dass sie furchtbare Angst hat, ist offensichtlich. Auch Tom Krupp tut ihm leid, ganz im Gegensatz zu Robert Traynor.
Detective Jennings klopft an die offene Tür und kommt rein. Er hat eine Papiertüte mit Sandwiches dabei. Eines davon bietet er Rasbach an. Dann setzt er sich. »Jemand hat uns einen Tipp im Fall Krupp gegeben«, verkündet er.
»Einen Tipp?« Rasbach legt die Stirn in Falten und betrachtet die Zeitung auf seinem Tisch.
Die Hausfrau Karen Krupp ist wegen des Mordes an einem zunächst unbekannten Mann verhaftet worden, der in einem verlassenen Restaurant an der Hoffman Street aufgefunden worden war. Inzwischen hat man das Opfer identifizieren können. Es handelt sich um Robert Traynor aus Las Vegas, Nevada. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind keine weiteren Einzelheiten bekannt.
Karen und Tom Krupp reden nicht mit der Presse, und die Polizei hat nach der Verhaftung nur eine kurze Erklärung herausgegeben sowie die Namen der betroffenen Personen. Keine Details. Aber es passiert auch nicht jeden Tag, dass eine attraktive, respektable Ehefrau aus der Mittelschicht des Mordes angeklagt wird. Nicht mehr lange, und die Presse wird zu Hochform auflaufen. Bis jetzt weiß niemand, dass Karen Krupp jemand anderes gewesen ist, dass sie ihren Tod vorgetäuscht hat oder dass sie zuvor mit dem Opfer verheiratet gewesen ist. Die Presse wird begeistert sein.
»Ja, ich weiß«, sagt Detective Jennings und schaut ebenfalls auf die Zeitung. »Da draußen wimmelt es nur so von Verrückten. Vermutlich werden wir uns schon bald vor Anrufen nicht mehr retten können.«
»Und wem haben wir diesen Hinweis zu verdanken?«
»Es war eine Frau.«
»Hat sie einen Namen genannt?«
»Nope.«
»Das tun sie nie«, seufzt Rasbach.
Jennings schluckt den letzten Bissen von seinem Sandwich herunter. »Sie hat gesagt, wir sollten mal im Haus der Krupps nach der Tatwaffe suchen.«
Rasbach hebt die Augenbrauen. »Karen Krupp erschießt den Typ, gerät in Panik und flieht. Die Waffe war weder am Tatort noch im Auto. Wo ist sie also? Es wäre schon hilfreich, wenn wir die Waffe hätten und sie mit Karen Krupp in Verbindung bringen könnten. Aber wenn sie die Waffe noch gehabt hat, als sie vom Tatort geflohen ist, dann hat sie sie entweder in der Nähe versteckt – was angesichts ihrer Panik eher unwahrscheinlich ist – außerdem hätten wir sie dann gefunden – oder sie hat sie einfach aus dem Fenster geworfen. Dann, nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, ist sie noch einmal zurückgefahren und hat sie gefunden und im Haus versteckt. Ich weiß nicht … Vielleicht in der Schublade mit ihrer Unterwäsche …« Er packt sein Sandwich aus. »Das wäre geradezu unglaublich dumm, und dumm ist sie definitiv nicht.«
»Ja, ich halte das auch für eher unwahrscheinlich.«
»Ich glaube nicht, dass wir in diesem Fall die Hilfe der Öffentlichkeit brauchen«, erklärt Rasbach und beißt in sein Thunfischsandwich mit Salat.
*
Später an diesem Tag besucht Tom Karen im County-Gefängnis.
Eine Minute lang steht er neben seinem Auto auf dem Parkplatz und starrt nervös auf das riesige Ziegelgebäude. Er will da nicht reingehen. Aber dann denkt er an Karen, und er nimmt all seinen Mut zusammen. Wenn Karen da drin überleben kann, dann kann er zumindest den Mutigen spielen, wenn er sie besucht.
Tom geht an den Wachen vorbei und durch die Gefängnistore. Er muss sich an all diese Hindernisse wohl erst gewöhnen, wenn er mit seiner Frau reden will: Türen, Tore, Wachen, Formulare und Durchsuchungen. Er fragt sich, wie es ihr wohl geht. Hat sie bis jetzt gut durchgehalten, oder ist sie am Boden zerstört? Und wenn er sie fragt, wird sie ihm dann die Wahrheit sagen oder wird sie versuchen, ihn zu beschützen, und ihm sagen, dass alles in Ordnung ist?
Schließlich sieht er sie … in einem großen Raum voller Tische. Sie sitzt an einem dieser Tische, und Tom setzt sich unter den wachsamen Blicken der Justizbeamten zu ihr. Um sie herum finden andere Besuche statt, und alle sprechen leise miteinander, sodass niemand sie belauschen kann.
»Karen …«, sagt Tom, und seine Stimme bricht, als er sie sieht. Sofort treten ihm die Tränen in die Augen. Rasch wischt er sie ab und versucht zu lächeln.
Auch Karen laufen die Tränen übers Gesicht. »Tom!« Sie schluckt. »Ich bin ja so froh, dass du hier bist. Ich dachte, du würdest nicht kommen.«
»Aber das ist doch selbstverständlich! Ich werde dich besuchen kommen, wann immer ich kann, Karen. Das verspreche ich dir«, erwidert Tom verzweifelt. »Bis wir dich hier rausbekommen.« Er hat ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil er mit Brigid zusammen war, während Karen im Gefängnis saß.
»Ich habe Angst, Tom«, sagt Karen. Sie sieht aus, als hätte sie kein Auge zugemacht. Ihr Haar ist ungewaschen. Sie scheint zu bemerken, wie er sie anschaut, denn sie sagt: »Ich kann hier drin nicht duschen, wann ich will.«
»Kann ich irgendetwas tun?«, fragt Tom verzweifelt. Er fühlt sich vollkommen machtlos. »Kann ich dir etwas bringen?«
»Ich glaube nicht, dass das erlaubt ist.«
Er hat das Gefühl, innerlich zu zerbrechen. Tom muss ein Schluchzen herunterschlucken. Er hat es immer geliebt, ihr eine Überraschung mitzubringen – Schokolade, Blumen. Er kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie hier so spartanisch leben muss. Karen liebt die Gemütlichkeit. Sie ist nicht fürs Gefängnis geschaffen, aber wahrscheinlich ist das niemand. »Ich werde einfach mal fragen, okay?«
Karen legt den Kopf auf die Seite. »Hey! Kopf hoch. Ich komme hier schon wieder raus. Das hat mein Anwalt gesagt.«
Tom bezweifelt, dass Calvin ihr so etwas versichert hat, aber er tut so, als würden sie alle daran glauben, dass sie schon bald wieder in Freiheit sein wird. Sie müssen nur noch ein wenig länger durchhalten. Und er muss ihr noch etwas sagen. »Karen«, beginnt er vorsichtig und sehr, sehr leise, »ich habe letzte Nacht mit Brigid gesprochen.«
»Mit Brigid?«, wiederholt Karen überrascht.
Tom hofft, dass sie die leichte Röte in seinem Gesicht nicht bemerkt. Sein schlechtes Gewissen. Kurz schaut er auf den Tisch und meidet ihren Blick. Dann hebt er den Kopf wieder. »Ja. Sie kam gestern, um mit dir zu sprechen. Sie wusste nicht, dass du verhaftet worden bist.«
»Okay …«
»Aber sie hat mir etwas erzählt.«
»Und was?«, fragt Karen misstrauisch.
»Sie hat gesagt, sie habe gesehen, wie du am Abend des Unfalls aus dem Haus gerannt bist.« Er schaut seiner Frau direkt in die geliebten, unehrlichen Augen. Noch immer spricht er sehr leise. »Sie hat mir gesagt, sie sei dir gefolgt.«
Karen reißt die Augen auf. »Was?«
»Sie hat gesagt, sie sei dir in ihrem Wagen gefolgt, in ausreichendem Abstand, sodass du sie nicht bemerken konntest.« Karen rührt sich nicht, und Toms Herz setzt einen Schlag lang aus, als er sieht, wie viele Gefühle sich in ihrem Gesicht spiegeln. Was Brigid gesagt hat, stimmt, denkt er.
»Was hat sie sonst noch gesagt?«
»Sie hat gesagt, sie sei dir gefolgt, bis du den Wagen abgestellt hast. Sie hat auf der anderen Straßenseite geparkt. Sie hat gesehen, wie du zum Hintereingang des Restaurants gegangen bist. Sie hat Schüsse gehört. Drei Schüsse. Und dann hat sie gesehen, wie du wieder aus dem Gebäude und zu deinem Wagen gegangen bist. Sie sagt, sie habe auch gesehen, wie du dir die Handschuhe heruntergerissen hast und eingestiegen und weggerast bist.«
Seine Frau schweigt. Sie ist offensichtlich schockiert.
»Karen«, flüstert Tom.
Sie sagt noch immer nichts.
»Karen!«, wiederholt Tom noch einmal. Instinktiv schaut er sich um, um sicherzugehen, dass sie nach wie vor niemand hört. »Sie war dort, Karen!«
»Vielleicht lügt sie ja.«
»Ich glaube nicht«, erwidert Tom leise. »Woher sollte sie das mit den Handschuhen denn wissen?« Karen schweigt. Tom sieht ihre Halsschlagader pochen. Niemand weiß etwas von den Handschuhen – außer der Polizei. Tom schüttelt den Kopf. »Ich glaube, sie war wirklich dort, Karen. Ich glaube, dass sie dich gesehen hat. Sie hat gesagt, auf dem Weg hinein habest du die Handschuhe und eine Waffe getragen, und rausgerannt seist du nur mit den Handschuhen.«
»Und was hat sie getan?«, fragt Karen und schließt ihre Finger um die Tischkante.
»Getan?«
»Was hat sie getan, nachdem sie mich in den Wagen hat steigen und wegfahren sehen?«
Tom antwortet: »Sie ist ins Restaurant gegangen und hat die Leiche gesehen.« Er beobachtet, wie Karen kreidebleich wird, und er spürt, wie ihm übel wird. »Sie ist durchgedreht und hat zugesehen, dass sie wieder nach Hause kommt.« Er beugt sich so weit zu Karen vor, wie er es sich unter den wachsamen Blicken der Beamten traut. Die Geschichte, die ihm ihr Gesicht erzählt, macht ihn nervös. »Karen, sag mir die Wahrheit. Erinnerst du dich wirklich nicht?« Sein Tonfall ist sanft. Er wird ihr vergeben … wenn sie ihm doch nur die Wahrheit sagen würde. An ihrem Gesichtsausdruck erkennt er, welch furchtbare Angst sie gehabt haben muss. Das werden die Geschworenen doch sicher auch sehen.
»Sie ist eine Zeugin«, sagt Karen, als könne sie es nicht fassen.
»Hast du ihn getötet?«, hakt Tom nach. Er spricht so leise, dass Karen ihn kaum verstehen kann. Wieder schaut er sich um. Niemand schenkt ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit. »Du kannst es mir ruhig sagen«, sagt er, »nur mir.«
Karen erwidert seinen Blick und sagt: »Ich erinnere mich nicht. Aber ich glaube nicht, dass ich jemanden erschießen könnte.«
Wenn Tom ihr doch nur glauben könnte. Verzweifelt lehnt er sich wieder zurück. Vielleicht werden die Geschworenen ja verstehen, warum sie es getan hat. Aber selbst dann wird Karen für Jahre hinter Gitter kommen, denkt Tom düster. Das ist einfach nicht fair, wo doch Robert Traynor die Schuld an allem trägt. Hätte er sie nicht verfolgt, hätte er sie einfach in Ruhe gelassen, dann würde sie jetzt nicht hier sitzen, im Gefängnis, vollkommen verängstigt und hundeelend.
Doch auch wenn sie ihm die Wahrheit nicht beichten kann – vielleicht kann sie es sich selbst ja nicht eingestehen, vielleicht hat sie es verdrängt –, Tom glaubt, dass er sie noch immer liebt, diese andere Karen, die so viel Leid ertragen hat. Er kann einfach nicht zulassen, dass sie den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringt. Ohne sie zu leben, Tag und Nacht, und daran denken zu müssen, dass sie in einem Käfig hockt … Das ist unvorstellbar.
»Sie ist eine Zeugin«, wiederholt Karen und reißt sich zusammen. »Selbst wenn sie beweisen können, dass die Handschuhe mir gehören, ist das noch lange kein Beweis dafür, dass ich ihn getötet habe. Es beweist nur, dass ich da war. Und ich war da, aber ich …« Sie schaut Tom verzweifelt an. »Wenn ich wirklich in der Lage gewesen wäre, ihn zu töten, glaubst du, ich hätte das dann nicht gemacht, als ich noch mit ihm zusammen war? Wenn Brigid sagt, sie habe Schüsse gehört und mich kurz darauf aus dem Restaurant rennen sehen, dann … dann lügt sie!« Angst flackert in Karens Augen auf. »Aber warum sollte sie das tun?«
Tom schüttelt den Kopf und schweigt. Er glaubt nicht, dass Brigid lügt. Er glaubt, dass Karen lügt … oder dass sie zumindest nicht weiß, was wirklich geschehen ist. »Ich glaube nicht, dass sie etwas sagen wird«, erklärt Tom schließlich.
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«, flüstert Karen.
»Sie ist deine Freundin«, antwortet Tom nervös.
»Welche Freundin denkt sich denn so eine Lüge aus? Vielleicht ist sie mir gefolgt, vielleicht war sie da … aber vielleicht ist es auch nicht so gewesen, wie sie sagt.«
Tom schaut Karen unglücklich an. Er beugt sich vor und sagt: »Wir müssen dafür sorgen, dass die Polizei nie erfährt, dass sie da war. Bis jetzt haben sie keinen Grund zu glauben, dass sie etwas weiß. Sie haben keinen Grund, sie als Zeugin aufzurufen. Sie wird nichts sagen.«
»Ich hoffe, du hast recht«, sagt Karen. »Aber ich traue ihr nicht mehr.«
Tom traut Brigid auch nicht, aber er glaubt, dass sie die Wahrheit sagt.