Kapitel vierzig

Am nächsten Morgen wacht Tom voller Schrecken auf. Er schaut auf die andere Seite des Betts, auf Karens Seite. Dort ist niemand, natürlich. Karen ist im Gefängnis. Jeden Morgen dauert es immer eine Sekunde, bis er sich daran erinnert, was passiert ist und in welchem Albtraum er nun lebt. Und nach einer weiteren Sekunde erinnert er sich auch an andere, lähmende Details. Brigid. Sie war letzte Nacht in seinem Bett.

Inzwischen ist sie wieder auf der anderen Straßenseite bei ihrem Mann. Gott sei Dank.

Tom hört ein lautes Klopfen an der Tür. Er schaut auf die Uhr neben seinem Bett. Es ist 09:26 Uhr. Normalerweise wäre er jetzt auf der Arbeit, aber er hat keinen Job mehr.

Rasch zieht Tom sich einen Bademantel über und geht nach unten. Nervös stapft er über die mit Teppich verkleideten Stufen und schaut hinaus. Es ist Detective Rasbach. Natürlich. Wer sonst kommt schon zu ihm außer diesem verdammten Detective oder der Irren von gegenüber? Diesmal hat Rasbach jedoch ein ganzes Team von Leuten dabei. Tom spürt ein Pochen in seinem Kopf.

Er öffnet die Tür. »Was wollen Sie?« Er kann seine Verärgerung nicht verbergen. Mehr als jeder andere – abgesehen von Robert Traynor – hat dieser Mann sein Leben ruiniert. Tom ist sein ungepflegtes Aussehen peinlich sowie die Tatsache, dass er um halb zehn noch einen Bademantel trägt, während der Detective glattrasiert, gut gekleidet und hellwach ist.

»Ich habe einen Durchsuchungsbefehl«, erklärt Rasbach und reicht Tom ein Blatt Papier.

Tom reißt es ihm aus der Hand und schaut es sich an. Dann gibt er es wieder zurück. »Machen Sie ruhig«, sagt er. Das ist nur eine Unannehmlichkeit mehr, weiter nichts. Hier gibt es nichts zu finden. Tom hat bereits nachgeschaut.

»Wie lange wird das dauern«, fragt er Rasbach, als der Detective das Haus betritt und seinem Team Anweisungen erteilt.

»Das hängt davon ab«, antwortet Rasbach wenig hilfreich.

»Ich werde mal nach oben gehen und mich duschen«, sagt Tom.

Rasbach nickt und macht sich an die Arbeit.

Tom kehrt ins Schlafzimmer zurück, schnappt sich das Handy und ruft Jack Calvin an.

»Was gibt’s?«, fragt Calvin auf seine typisch brüske Art.

»Rasbach ist hier, mit einem Durchsuchungsbefehl.« Es folgt ein kurzes Schweigen. »Was soll ich tun?«, fragt Tom.

»Da können Sie nichts tun«, antwortet der Rechtsanwalt. »Lassen Sie ihn suchen. Aber bleiben Sie bei ihm, und passen Sie auf, ob sie etwas finden.«

»Sie werden nichts finden«, erklärt Tom.

»Ich bin erst spät in der Nacht aus Las Vegas zurückgekommen. Später fahre ich zu Karen ins Gefängnis. Halten Sie mich auf dem Laufenden.« Dann legt der Anwalt auf.

Tom duscht, rasiert sich und zieht sich eine Jeans und ein frisches Hemd an. Erst dann geht er wieder nach unten. Unbeirrt folgt er seiner Morgenroutine. Zuerst setzt er sich eine Tasse Kaffee auf. Dann toastet er einen Bagel und schenkt sich ein wenig Saft ein, obwohl die Polizei die Küche auseinandernimmt. Und? Macht’s Spaß?, hätte er sie am liebsten gefragt, doch er hält sich zurück. Als sie mit der Küche fertig sind, folgt er ihnen mit seinem Becher Kaffee durchs Haus und beobachtet sie. Diesmal ist er nicht nervös. Er weiß, dass es hier nichts zu finden gibt.

»Was suchen Sie eigentlich?«, fragt Tom Rasbach, als es immer länger dauert. Rasbach schaut ihn nur an, antwortet aber nicht.

Schließlich scheinen sie fertig zu sein, offensichtlich haben sie nichts gefunden. Tom kann es gar nicht erwarten, dass sie wieder verschwinden. »Und? Sind Sie fertig?«, fragt er.

»Nicht ganz. Wir müssen noch den Hinterhof und die Garage überprüfen.«

Tom ärgert sich darüber, wie öffentlich diese Aktion dadurch werden wird, doch als er hinausgeht, sieht er, dass daran sowieso nichts mehr zu ändern ist. Da stehen nicht nur die Polizeifahrzeuge, sondern auch die Vans der Fernsehstationen, Reporter und Schaulustige. Jetzt ist ohnehin alles egal. Seit der Nacht, in der Karen jemanden ermordet hat, haben sie ohnehin keine Privatsphäre mehr.

Aber Tom wird in keinem Fall mit der Presse reden.

Rasbachs Team kümmert sich zuerst um die Garage. Sie ist für zwei Fahrzeuge gedacht und zu dieser Jahreszeit für gewöhnlich leer. Sie parken nur im Winter darin. Im Augenblick liegen und stehen da nur die üblichen Werkzeuge und Gartengeräte, und es riecht nach Öl auf Zement. Lange kann das nicht mehr dauern. Dann ist Tom sie endlich los.

Eine weibliche Beamtin hockt neben der Werkbank. Sorgfältig geht sie eine Werkzeugkiste durch. Tom hat diese Kiste auch selbst schon durchsucht, als Karen im Krankenhaus war.

»Ich hab was!«, ruft die Polizistin.

Rasbach geht zu ihr und hockt sich neben sie. »Okay. Zeigen Sie mal«, fordert Rasbach die Frau auf. Er klingt nicht überrascht.

Das erregt Toms Neugier, aber er hat auch Angst. Was haben sie da gefunden?

Mit zwei behandschuhten Fingern hebt die Beamtin eine Pistole hoch.

Tom spürt, wie ihm das Blut aus dem Kopf weicht. Er versteht das nicht. »Was ist das?«, fragt er dümmlich.

»Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, das ist die Tatwaffe«, erklärt Rasbach ruhig, während die Beamtin das Beweisstück eintütet und beschriftet.

*

Nachdem sie auch den Garten durchsucht haben, beendet die Polizei die Aktion. Sie haben gefunden, was sie gesucht haben, denkt Tom wie benommen. Er kann das einfach nicht glauben.

In derselben Minute, da sie abfahren, packt er eine Reisetasche und wirft sie ins Auto. Kurz steht er neben der Wagentür und schaut über die Straße hinweg zu Brigids Haus. Sie steht am Fenster und beobachtet ihn. Tom läuft ein Schauder über den Rücken.

Dann steigt er ein und ruft Jack Calvin an. Calvin nimmt sofort ab. »Calvin.«

»Sie haben eine Waffe gefunden!« Tom schreit den Anwalt förmlich an. »Sie haben eine Waffe in der Garage gefunden! Sie glauben, es ist die Tatwaffe!«

»Beruhigen Sie sich, Tom, bitte«, sagt Calvin. »Wo sind Sie jetzt?«

»Ich bin gerade in den Wagen gestiegen und will zu Ihrer Kanzlei.«

»Ich bin auf dem Weg zu Karen. Treffen Sie sich mit mir im Gefängnis. Dann reden wir darüber.«

Tom versucht, sich zu beruhigen, während er zum Gefängnis fährt. Sollte es sich bei der Pistole tatsächlich um die Tatwaffe handeln – und er weiß, dass man das überprüfen kann –, dann war sie zumindest noch nicht da, als er die Garage nach dem Unfall abgesucht hat. Wenn Karen die Waffe also hatte, wie ist sie dann dahin gekommen? Mit Sicherheit hätte sie sie nicht in der Garage versteckt. Unmöglich. Und das heißt, dass ein anderer sie dort versteckt haben muss.

Und es gibt nur eine Person, der Tom das zutraut, und mit der geht er ins Bett.