Desdemona

»Manchmal werde ich aus Frauen einfach nicht schlau«, sagte Michael zu Damian.

»Ich auch nicht«, sagte Damian.

»Neulich Abend wollte ich sie zum Beispiel in den Arm nehmen, und weißt du, was sie gesagt hat?«

»Was?«

»Sie hat gesagt: ›Du willst doch nur bei mir volltanken.‹«

»Volltanken?«

»Mit Benzin. Sie ist Esso, ich bin der Tank. ›Ich bin doch kein Tank‹, habe ich zu ihr gesagt.«

»Und was hat sie geantwortet?«

»Sie hat gesagt: ›Doch, das bist du. Alle Männer sind Tanks. Ihr benutzt Frauen nur zum Auftanken. Du kommst nach Hause und erwartest, dass ich dort in Ann-Summers-Dessous herumliege und auf dich warte.‹«

»Und was hast du gesagt?«

»Ich habe gesagt: ›Das stimmt nicht. Ich wollte nur ein bisschen Liebe und Zuneigung zeigen, du weißt doch noch, was das ist?‹ Und sie: ›Ja, du willst dein ganzes Leben lang leidenschaftlich geliebt werden, nicht wahr?‹, und ich darauf: ›Ja, will ich, was ist daran schlecht?‹«

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie hat gesagt, ich muss den Tatsachen ins Gesicht blicken,

»Vielleicht ist es eine postnatale Depression. Die hatte Stephanie nach Summers Geburt, davon drehen sie durch. Du musst es einfach hinnehmen und kuschen.«

»Kuschen?«

»Ja.«

»Ich will aber nicht kuschen.«

»Ich weiß, aber das ist die einzige Möglichkeit.«

»Himmel.«

»Und wie seid ihr verblieben?«

»Sie ist ins Bett gegangen. Und ich auch.«

»In dasselbe Bett?«

»Nein. Ich habe auf dem Sofa geschlafen.«

Auf diese schwerwiegende Enthüllung folgte gewichtige Stille.

Es war Freitagabend, sie saßen in der Satay Bar in Brixton und genehmigten sich nach der Arbeit ein paar Drinks. Sie hatten sich zunächst an der Bahnhaltestelle getroffen und waren auf der Suche nach einer Bar zur Arcade gegangen, doch die völlige Abwesenheit schwarzer Menschen dort hatte sie erschreckt, sie waren wie vom Erdboden verschluckt, als wären sie allesamt verscheucht worden, in kleine, dunkle Mauselöcher zwischen den Fassaden der Gebäude und der Straße. Also hatte Michael vorgeschlagen: »Lass uns in die Satay Bar gehen, Mann.« Und dort saßen sie nun, in einem purpurroten Leuchten am schicken Ende der Coldharbour Lane, gegenüber einem Kentucky Fried Chicken, beim Ritzy-Kino um die Ecke; die Bar diente als Treffpunkt, um später im Plan B tanzen zu gehen. Sie war eine der wenigen Locations in Brixton, die sich der Eroberung durch die weiße Gentrifizierung erfolgreich widersetzt hatten. Sie war voller aufgebrezelter

Um dem Problem seiner angeschlagenen psychischen Verfassung, wie Stephanie es nannte, entgegenzuwirken, versuchte Damian, mehr Zeit in London zu verbringen, um zu sich selbst zu finden, und das Treffen heute Abend war seine Idee gewesen. Was für eine Wohltat, im abendlichen Trubel die Brixton Road entlangzuschlendern und jetzt hier mit einem guten Freund und einer Schüssel Wasabinüsse in diesen gemütlichen Ledersesseln neben der Bar zu sitzen, während aus den Lautsprechern Roy Ayers erklang. Es löste in ihm wieder die Sehnsucht nach seinem früheren Leben aus, und das Gefährliche daran war, dass eine Rückkehr zu diesem Leben

»Mittlerweile zieht mich diese Beziehung ziemlich runter«, sagte Michael. Er war bei seinem zweiten Whisky angelangt. »Manchmal würde ich am liebsten abhauen, nach der Arbeit nicht nach Hause gehen, sondern einfach woandershin.«

»Und wohin?«

»Keine Ahnung, in ein Hotel, einen Club, einfach woandershin.«

»Aber das ist das Problem«, sagte Damian. »Es gibt keinen anderen Ort. Es ist bloßes Wunschdenken.« Zumindest lebte er selbst nach dieser Theorie.

»Glaubst du?«

»Du nicht?«

»Weißt du, was mich davon abhält, einfach abzuhauen?«, fragte Michael. »Die Kinder. Ich will bei meinen Kindern sein, Mann. Ich will da sein, wenn sie aufwachen. Ich will ihren Morgenatem riechen.«

»Ja, ich weiß. Es geht nur um die Kinder.«

»Aber es sollte nicht nur um die Kinder gehen. Ich will so nicht leben.«

Melissa hat nicht ganz unrecht, dachte Damian. Michael muss wirklich den Tatsachen ins Gesicht blicken. Bei der

Michael wandte den Blick von den Frauen ab und starrte in seinen Whisky. Er wollte Melissa, nicht sie. Doch er wusste nicht mehr, wie er zu Melissa vordringen sollte. Er steckte fest. Bleiben war schwer und gehen auch.

»Was macht man, wenn man an einen Punkt gelangt, an dem einem klar wird, dass sich die Dinge einfach nicht mehr geraderücken lassen? Dass es nie wieder gut wird. Was macht man dann? Man muss eine Entscheidung treffen, oder? Entweder akzeptiert man, dass man unglücklich ist, oder man ändert etwas. Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht.« Er schob sein Getränk an den Rand des Tisches

»Aber könntest du springen?«, fragte Damian. »Hättest du den Mut dazu?«

Michael sann darüber nach und seufzte. »Ich bin so ein Feigling.«

Sie nippten an ihren Drinks und blickten beide durch dieses metaphorische Fenster, das sich für Damian bereits geschlossen hatte (hatte es das wirklich?) und für Michael noch offen stand.

»Wann heiratet ihr beiden eigentlich? Eure Verlobungszeit ist eine ausgesprochen lange Verlobungszeit.«

Sie hatten ihre Verlobung während des letzten Glimmens des vergangenen Jahrhunderts verkündet. Sie hatten ein Treffen mit den jeweiligen Familien arrangiert, Freunde eingeladen, es hatte Sekt und Cashewnüsse gegeben und dann – nichts. Das neue Jahrhundert war angebrochen. Kinder folgten, ein Haus. Worauf warteten sie noch? Sie sollten einfach endlich heiraten und den Nagel in den Sarg rammen, so wie alle anderen auch.

»Ich fürchte, der Zug ist abgefahren«, sagte Michael.

»Es ist nie zu spät.«

»Daraus wird nix mehr.«

»Das klingt nach einem ziemlich unromantischen Grund zu heiraten«, sagte Michael, woraufhin sich Damian herabgesetzt fühlte, seiner moralischen Überlegenheit beraubt, er war verärgert und wäre am liebsten handgreiflich geworden.

»Streitet ihr, also, Stephanie und du, auch?«

»Ja.«

»Ich kann mir euch beide nicht beim Streiten vorstellen.«

»Wir streiten, indem wir uns anschweigen.«

Das stand auf der Skala häuslichen Unfriedens ganz weit oben, direkt neben dem Notausgang. Wenn man einander nur noch tolerierte, sich aus dem Weg ging, sich für den anderen in Luft verwandelte, in Dunst, Äther. Damian ging zur Arbeit. Stephanie brachte die Kinder zur Schule und ging dann arbeiten. Abends brachten sie die Kinder ins Bett und gingen ihren eigenen Beschäftigungen nach. Auch im D-&-S- Land war nicht alles rosarot, doch Damian sprach nicht so offen darüber, es schien mehr auf dem Spiel zu stehen. Er dachte nicht ernsthaft über Scheidung nach, aber als er letzte Woche gesehen hatte, wie Stephanie das Abtropfsieb in den Küchenschrank geräumt und sich mit zusammengesackten Schultern hinunterbückt hatte, das Gesicht von der Hitze in der Küche gerötet, sich wieder aufgerichtet und die Hände

Stephanie hatte vorgestern Abend zu Damian gesagt: »Geh zum Psychologen. Das machen Menschen, wenn sie deprimiert sind. Es ist nichts, wofür man sich schämen müsste.«

Und Damian hatte erwidert: »Ich bin nicht deprimiert.«

»Ach wirklich?«, hatte Stephanie auf ihre mittlerweile häufig zutage tretende sarkastische Art gesagt. »Nun, da wage ich zu widersprechen.«

Ihr steter Quell des Trostes und der Unterstützung versiegte allmählich. Aufgezehrt war ihr Schließ-mich-nicht- aus-und Ich-bin-für-dich-da-falls-du-mich-brauchst-Blablabla. Ausgewrungen und steif die einst wohltuenden kalten Tücher, mit denen sie ihm während seiner einschneidenden Zeit schmerzlichen Verlustes und Erwachsenenwaisendaseins die Stirn gekühlt hatte. Die Zeit war reif für Psychologie, denn sie selbst war dafür nicht angemessen ausgebildet, und das, was eine Frau tun kann, stößt auch irgendwann an seine Grenzen, wenn sich ihr Ehemann in ein Phantom verwandelt hat, wenn er ganze Abende damit zubringt, sich auf dem Computer irgendwelche Internetseiten anzusehen, oder was auch immer er da tat. Bei Pferden, die nicht trinken wollen, hilft manchmal nur noch, sie zum Wasser zu schleifen und

»Ich habe drei Kinder, Damian«, hatte sie gesagt, »nicht vier. Bitte such dir Hilfe, uns allen zuliebe.«

Damit war sie aus dem Esszimmer gegangen; auf dem Tisch lagen ein paar Broschüren über psychologische Beratungsstellen, die sie für ihn mitgenommen hatte. Seitdem hatte sie ihn mehr oder weniger ignoriert, und er hatte die Broschüren ignoriert, sie zu den Straßenkarten und Telefonbüchern ins Regal gelegt. Für ihn war es eine abwegige Vorstellung, vor einem nickenden Fremden zu sitzen, in einem kleinen Raum mit einer Pflanze und einer Box Papiertaschentücher, und ihm sein Seelenleben zu offenbaren. Das war nichts für ihn. Sein Vater hätte so etwas nie getan. Er hätte es als Zeichen von Selbstmitleid und als etwas typisch Weißes betrachtet. Hatten die Sklaven Zugang zu Psychotherapie gehabt? Waren sie wegen posttraumatischem Stresssyndrom behandelt worden? Nein, wäre Laurence’ Ansicht gewesen. Sie fuhren mit ihrem Leben fort, bündelten ihre innere Kraft, sangen Lieder und stützten sich auf ihren Geist, und sie hatten deutlich mehr zu beklagen als den mickrigen kleinen Verlust eines Familienmitglieds. Sie erlitten jeden Tag Verluste, jede Stunde, jede Minute, massenweise, man schnitt ihnen die Kehle durch, vergewaltigte ihre Liebsten, peitschte ihre Brüder aus, lynchte ihre Väter. Worüber willst du dich beklagen?

Vor zwei Wochen war Damian zur Wohnung seines Vaters in Stockwell gefahren, um dessen letzte Besitztümer mitzunehmen. Die Bücher, die afrikanischen Schnitzereien, die Krokodillederschuhe lagerten jetzt in Kisten bei ihnen in der Garage und warteten darauf, aussortiert zu werden. Er wusste nicht, was er mit all den Sachen machen sollte, und ihre Gegenwart dort verstärkte das Gefühl, von etwas heimgesucht zu werden. Er hatte absurde Träume gehabt. In einem Traum

»Ach, tut mir leid, ich habe dich noch gar nicht gefragt, wie du ohne deinen Dad klarkommst«, sagte Michael, als hätte er seine Gedanken erraten.

Vor seinem inneren Auge erschien Stephanie mit ihren Psychotherapie-Prospekten.

»Fehlt er dir?«

»Nicht besonders. Glaube ich. Ein bisschen. Aber eigentlich nicht besonders.«

»Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst, Mann. Ich versteh schon.«

Damian überlegte, ihm von dem Déjà-vu-Erlebnis auf dem Weg hierher zu erzählen, aber er schämte sich. Michael würde es nicht verstehen. Er stammte aus einer glücklichen Familie, in der Mutter und Vater ewig ineinander verliebt waren, die Kinder angehimmelt wurden, die wiederum ihre Eltern mit Vornamen ansprachen. Stattdessen stand er auf, um neue Drinks zu holen, und danach sprachen sie über andere Themen, kehrten jedoch irgendwann zu Michaels Problemen mit Melissa zurück. Es war die dringlichere Angelegenheit, und Damian war in ihrer Freundschaft schon immer der Zuhörer gewesen. Außerdem fühlte er sich dadurch besser, was die »Empfindungen« anging, die er in letzter Zeit verspürt hatte und die ihm jetzt, während er hier mit Michael zusammensaß und trank, unangemessen erschienen.

»Was ihr beiden braucht, ist ein Date«, sagte er. »Wann seid ihr das letzte Mal zu zweit ausgegangen?«

»Irgendwann letzten Monat«, sagte Michael, und wie aufs Stichwort, als hätte ihn die Erinnerung daran heraufbeschworen, trat Bruce Wiley an ihren Tisch, mit überbordendem Bauch und gammliger Jeans, ein Bier in der Hand. Er war in Begleitung eines seiner Models.

»Was geht, Mike?«, sagte er, griff ihm an die Schulter und vollendete die Begrüßung mit einem Dap-Handschlag.

»Hey, Big Man, ich habe gerade an dich gedacht. Die Party war echt der Knaller«, sagte Michael.

»Da hast du’s – er überbringt dir die Botschaft«, sagte Damian. »Ein romantischer Abend zu zweit.«

»Wir sind nicht die Obamas«, sagte Michael, nachdem Bruce weitergezogen war, jemand anderen entdeckt hatte, den er kannte, was fast auf die gesamte Bar zutraf.

»Egal. Das Prinzip ist dasselbe.«

»Ich mag keine festgelegten Zeitpläne, das funktioniert nicht. Es macht die Spontaneität kaputt. Ich mag’s lieber intuitiv.«

»Wer spricht denn von einem festgelegten Zeitplan? Es ist bloß ein romantischer Abend«, sagte Damian. »Sieh mal, Kinder streuen Sand ins Getriebe. Führ Melissa nett aus, das ist alles. Geht tanzen oder essen oder so etwas in der Art. Mach sie glücklich.«

»Oh, es ist nicht einfach, eine Frau glücklich zu machen«, sagte Michael und lachte. »Man sollte uns Männer nicht dafür verantwortlich machen.«

»Wohl wahr«, sagte Damian ebenfalls lachend. »Aber du musst es zumindest versuchen. Mach dir klar, was auf dem Spiel steht.«

Michael dachte darüber nach und kippte seinen Drink hinunter. »Vielleicht hast du recht«, sagte er und warf noch einen Blick auf die aufgebrezelten Frauen. Keine von ihnen konnte ihr das Wasser reichen.

»Wir müssen uns etwas einfallen lassen, schätze ich. Sie ist die Liebe meines Lebens.«

 

»Also, ich brauche Oberteile, Röcke, Hosen und Schuhe«, sagte Hazel.

»Das sagst du immer.«

»Ich weiß, und letzten Endes kaufe ich mir jedes Mal eine neue Jeans. Du musst mich davon abhalten.«

»Wird gemacht. Wo kaufst du deine Jeans eigentlich? Sie stehen dir.«

»Bei Topshop.«

»Oh, also, mir passen die Jeans dort nie, ich bin zu fett dafür. Sie sind nicht für Frauen mit Hüften gemacht.«

»Du bist nicht fett«, sagte Melissa. »Du bist eine Amazone.«

Sie hatten sich, wie vereinbart, bei Topshop getroffen und liefen jetzt gerade durch den mittleren Gang im Erdgeschoss von Selfridges, der von der Parfümerie zur Damenabteilung führte. Warum sich mit den Menschenmassen durch die Oxford Street kämpfen und alle Geschäfte abklappern, wenn man hier alles unter einem Dach fand? Das war Hazels Ansicht; sie war bekennender Warenhaus-Fan und zudem Stammkundin bei John Lewis und House of Fraser. Melissa bummelte eigentlich gern von Laden zu Laden, wenn es nicht gerade Samstag war und man nur im Schneckentempo vorankam. Kaufhäuser boten nur, was sie gerade für angesagt hielten, und man verpasste Sachen. In letzter Zeit bevorzugte sie etwas unkonventionellere Orte des Einkaufens, wie den Portobello-Straßenmarkt oder Camden Town, wo aus einem würfelförmigen überdachten Marktstand vielleicht ein Gesicht herausschaute, faltig und hoffnungsvoll, während man Ohrringe, Ketten und Stoffe begutachtete, und wo man an einer kleinen Bude in der Nähe Falafel oder Glühwein kaufen konnte, mit dem Getränk in der Hand weiterschlenderte, in der kalten Luft daran nippte, umgeben von einer ganz eigenen Färbung des Lichts, dem Charme des Kopfsteinpflasters, dem schmutzigen Schimmer des Kanals. Warenhäuser besaßen

Es war eine Weile her, dass Melissa shoppen gegangen war, beim letzten Mal hatte sie Umstandsmode gekauft. Alles wirkte zu grell, zu eng, zu rüschig, Kleider für Clowns und betörende Nymphen, geschmacklose Farben, ein merkwürdiges Gemisch aus Kleidungsstücken. Im Gegensatz zu früher fühlte sie sich bedrückt statt beschwingt. »Sieh dir all dieses Zeug an«, sagte sie.

Doch Hazel hatte sich schon begeistert hineingestürzt. »Ich liebe diesen Laden.« Sie griff nach einem knallgrünen Spitzenfummel mit Löchern.

»Ich weiß nicht einmal, was das ist.«

»Das ist ein Kleid.«

»Wow.« Melissa entdeckte einen grauen Rock und hielt ihn sich vor. »Hm. Ich weiß nicht so recht, was ich von Faltenröcken halten soll.«

»Faltenröcke sind etwas für Schulmädchen und Frauen über fünfzig. Deine Worte«, sagte Hazel.

»Ehrlich?«

Sie zogen Baumwollkleider heraus. Sie befühlten Chiffon, Seide und Satin und plauderten dabei.

»Ich muss euch bald mal besuchen kommen, um Blake zu sehen«, sagte Hazel. »Ich bin eine fürchterliche Patentante. Aber ich hatte dich ja gewarnt, nicht wahr? Warum müsst ihr auch so weit draußen wohnen?«

»In einen Zug! Einen echten Zug!«

Hazel gehörte zu jenen Londonern, für die der Süden der Stadt ein anderer Staat war. Der Westen war am besten. Der Fluss bildete die Grenze. Dahinter war Niemandsland, die Straßen waren fremd, der Himmel düster, die Leute hinterwäldlerisch. Sie konnte Melissas Umzug in eine beliebige Straße dieser Enklave im tiefsten Süden nicht nachvollziehen, fern von Freunden, Familie und Zivilisation. Sie selbst wohnte in Hammersmith. Mit dem Bus war es nur eine kurze Fahrt bis zur Oxford Street, oder sie nahm die U-Bahn. Mit dem Zug fuhr sie nur zu entlegenen Zielen, wie zum Seebad Margate.

»Ihr aus dem Westen kriegt vor Aufregung Nasenbluten, wenn ihr den Fluss überquert, das ist lächerlich«, sagte Melissa.

»Wenn ich mich recht entsinne, ging dir das früher genauso.«

»Möglich, aber ich habe mich eben weiterentwickelt. Ich habe mich tatsächlich an das Zugfahren gewöhnt. Es ist wertvolle Lesezeit.«

»Wenn du meinst«, schnaubte Hazel. »Was liest du denn gerade? Ich könnte ein paar Empfehlungen gebrauchen.«

»Im Moment versuche ich mich an Middlemarch, überlege aber, es aufzugeben. Ansonsten wie immer Hemingway, ein paar seiner Erzählungen. Und ich habe gerade Die Straße von Cormac McCarthy gelesen. Ein gutes Buch, aber sehr deprimierend, endzeitstimmungsmäßig.«

»Ich hasse diese Art Bücher.«

Sie stimmten schon seit langem darin überein, dass Jeffrey Eugenides’ Middlesex zu den besten Büchern aller Zeiten zählte. Melissa mochte Die Korrekturen, Hazel eher weniger, sie fand es weitschweifig und selbstgefällig. Ihr gefiel Drachenläufer, das Melissa noch nicht gelesen hatte. An Autoren wie

Sie war Melissas älteste, verwegenste Freundin. Sie waren auf dieselbe Grundschule gegangen. Hazel arbeitete in der Werbung. Sie hatte ein breites, bezauberndes Lächeln, hinter dem sich eine oft obszöne Ausdrucksweise verbarg, und lange, wippende, halb französische, halb ghanaische Locken, die ihr über den Rücken fielen. Sie war das schönste und am meisten beneidete Mädchen aus ihrer Schul-Clique gewesen, auf sie hatten die Jungen es immer zuerst abgesehen und sich nur, wenn sie schon vergeben war, mit einem schlichteren Mädchen begnügt. Sie war kühn, selbstbestimmt, sinnlich. Heute trug sie ein eng anliegendes blaues Wollkleid, karamellfarbenen Lidschatten und hochhackige Stretchstiefel. Dazu einen roten Mantel. Sie war der Typ dafür. Sie funkelte.

In der Schuhabteilung setzte sie sich hin und probierte pinke Keilsandalen an, aber im Spiegel gefielen sie ihr nicht. Sie stellte sie zurück, und sie gingen weiter, vorbei an Overalls, Jeggings, einem blinden Mann, der sich mit seinem Stock vorantastete und sich auf eine junge asiatische Frau stützte, und an zwei Breitbeinern mit Kinderwagen. Aus den Lautsprechern kam ein Mariah-Carey-Remix. Melissa empfahl ein weiteres Buch, und Hazel bat sie, es für sie beiseitezulegen. »Ich nehme es mit, wenn ich Blake besuchen komme.«

»Du musst ihn nicht besuchen kommen. Ich sage ihm immer wieder, dass du ihn liebst. Deine Hauptaufgabe als Patentante besteht darin, dich seiner anzunehmen, falls mir oder Michael etwas Schlimmes zustößt – sofern ich ihn nicht schon vorher umbringe.«

»Red keinen Unsinn«, sagte Hazel.

»Ich rede keinen Unsinn.«

»Du liebst ihn. Er ist dein schöner Mann.«

»Komm schon, so schlimm kann es nun auch wieder nicht sein. Michael und du, ihr seid untrennbar, eine Einheit.«

»Im Moment gibt es kein Michael und ich. Es läuft nicht mehr rund. Es wirkt alles wie harte Arbeit.«

»Augenblick«, Hazel hielt im Kleiderdurchstöbern inne, »du denkst aber nicht darüber nach, dich von ihm zu trennen, oder?«

»Ähm, nein … doch, vielleicht … ich bin nicht sicher. Irgendwie fühlt es sich an, als ob das von ganz allein passiert, als könnten wir uns jeden Augenblick trennen.«

»Aber ihr seid M&M. Ihr seid eine Schokokugel. Ihr könnt euch nicht trennen.« Hazel hatte das Shoppen jetzt ganz aufgegeben, und auf ihrem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck von Betroffenheit und Dringlichkeit. »Wenn du und Michael euch trennt, wäre ich am Boden zerstört. Ihr seid mein Lieblingspaar. Du liebst ihn doch noch, oder? Sag mir, dass du ihn noch liebst.«

Melissa ging nicht auf die Frage ein. »Schokolade kann durchaus zerbrechen«, sagte sie stattdessen. »Sie zersplittert, wenn man sie in Stücke bricht.«

Sie lachten beide. »Selbst wenn ich ihn noch liebe«, sagte Melissa, »glaube ich nicht, dass das ausreicht.«

»Natürlich tut es das. Du bist bloß in einer zynischen Grundstimmung.«

Doch Hazel beunruhigte der hoffnungslose Ausdruck auf Melissas Gesicht, sie schien jeden Glauben an die Beziehung verloren zu haben. Ihr wurde klar, wie ernst die Lage war, und sie malte sich Ria und Blake ohne ihren Vater aus, eine entsetzliche Vorstellung, traurig und tragisch. »Die Kinder!«, rief sie. »Was ist mit den Kindern?«

Melissa hatte begonnen, in einem Regal mit Oberteilen von French Connection zu stöbern, ohne wirklich hinzusehen, sie war nicht bei der Sache. Beim Gedanken an die Kinder geriet sie in eine dunkle Höhle. Es gab keine Antworten. Nur Schwärze und Verschwommenheit, das Gefühl, blind umherzutappen und dass die Dinge ihrer eigenen Dynamik folgten. »Sie werden schon damit klarkommen«, sagte sie verhalten. »Solange sie uns beide immer noch sehen, wird es für sie in Ordnung sein. Man kann Kinder schließlich auch anders großziehen als in der traditionellen Kernfamilie. Warum reden wir überhaupt darüber? Ich habe gar nicht gesagt, dass wir uns definitiv trennen werden.«

»Ihr werdet euch nicht trennen.« Hazel hakte sich entschlossen bei Melissa unter, und sie zogen weiter. »Du und Michael, ihr seid füreinander geschaffen. Dir fehlt im Moment nur die nötige Klarsicht. Willst du wirklich eine alleinerziehende Mutter sein?«

»Was wäre denn so falsch daran? Ich wäre sehr gern wieder allein.«

»Nein, wärst du nicht.«

»Doch.«

»Ja. Und?«

»Und dass du dir das Badezimmer mit diesem furchtbaren Mädchen teilen musstest? Und oben hat dieser Widerling gewohnt, der dich bedroht hat? Wie hieß der noch mal?«

»Victor?«

»Ja, der.«

»Was war mit ihm?«

»Weißt du nicht mehr, wie Michael auf dich aufgepasst hat? Wie der Typ einmal an deine Zimmerdecke gehämmert und dich angebrüllt hat, woraufhin Michael zu ihm hochgegangen ist und ihm die Stirn geboten hat? Er hat dich beschützt. Er hat dich verteidigt.«

»Ich habe mich selbst verteidigt. Ich bin auch zu ihm hochgegangen, falls du dich erinnerst. Michael habe ich dafür nicht gebraucht. Davon abgesehen war es dort gar nicht so schlecht. Mein Zimmer war nett.«

»Wenn Michael nicht wäre, würdest du wahrscheinlich heute noch da hausen.«

»Nein, würde ich nicht.«

»Womöglich doch.«

»Nein.«

»Und wo würdest du dann wohnen?«

»Das frage ich mich auch immer wieder – wo wäre ich jetzt? Vielleicht ganz woanders. Vielleicht würde ich in Brasilien

»Hallo!«, sagte eine beschwingte Stimme. »Spreche ich mit Melissa Pitt?«

»Ja.«

»Hallo! Hier ist Chun Song von Baby Beat. Wie geht es Ihnen?«

»Gut.« Melissa sah zu Hazel hinüber und verdrehte die Augen, während Hazel die Augen über das unsinnige Hippiegeschwafel verdrehte, das Melissa gerade vom Stapel gelassen hatte, und sich wieder dem Durchsehen der Ware zuwandte.

»Ich wollte einmal nachhören, ob Sie sich jetzt für die zehn Wochen anmelden möchten, zehn zum Preis von neun! Erinnern Sie sich an das Spezialangebot? Und zusätzlich kann ich …«

»Ich bin gerade beim Einkaufen, kann ich später zurückrufen?«, fragte Melissa.

»Okay! In Ordnung! Dieses ganz besondere Spezialangebot gilt allerdings nur noch drei Tage! Ich warte dann auf Ihre Rückmeldung!«

»Okay, danke, tschüs.«

»Tschüs!«

»Gott, diese Frau ist dermaßen aufdringlich! Ich hasse es, wenn die Leute einen so bedrängen, es bewirkt bei mir genau das Gegenteil. Gibt es denn keinen Ausweg aus dem Kapitalismus, müssen denn alle versuchen, Profit zu machen?«

»Wer war das?« Hazel hielt sich einen Mantel in zwei Blautönen vor und begutachtete ihn.

»Du hast gesagt, wenn es deinen großartigen Mann nicht gäbe, würdest du in Peru leben, und dass es nicht nur die eine Art zu leben gibt und dass die Dinge vielleicht anders gelaufen wären, wenn sie nicht so gelaufen wären, wie sie gelaufen sind, oder so ähnlich. Weißt du, du scheinst diese alberne fixe Vorstellung zu haben, du müsstest stark und allein und unkonventionell sein und – wie war das Wort? – widerständig. Als könntest du dein Leben nicht einfach so leben wie andere auch. Was soll das? Du bist starrköpfig, das bist du. Du stehst dir selbst im Weg. Eine Menge Frauen wären heilfroh, in deiner Situation zu sein. Wie gefällt dir dieser Mantel?«

»Hm, weiß nicht, ich finde, der sieht irgendwie billig aus …«

»Hm.« Hazel hängte ihn zurück. »Weißt du, was ihr braucht, Michael und du?«

»Was?«

»Ihr müsst wieder ein bisschen Pep in die Sache bringen. Ich wette, ihr hattet seit Ewigkeiten keinen Sex mehr, hab ich recht? Guck mal, das hier ist etwas für dich.« Sie hielt ein rotes Kleid hoch, eng, kurvenbetont, tief ausgeschnitten. »Was hältst du hiervon?«

»Das ist nuttig.«

»Es ist sexy!«

»Es kostet fünfundsechzig Pfund.«

»Ja, und das ist günstig für ein ganzes Kleid! Himmel, die Modeindustrie ist an dir hoffnungslos verschwendet. Probier es an, mach schon. Manchmal stehen einem die Sachen am besten, die man selbst nie ausgesucht hätte.«

»Also, das da hätte ich mir definitiv nie ausgesucht. Meinetwegen, ich probiere es an. Gehen wir danach zu MAC? Ich brauche Puder.«

Unter den Mitarbeitern waren zwei ebenfalls stark geschminkte schwule Männer in engen Jeans und Lederwesten.

»Ich suche den Farbton NC45

»Den führen wir leider nicht mehr, Schätzchen. Möchtest du etwas Ähnliches ausprobieren? Wir haben eine neue Serie. Bietet mehr Deckkraft.« Er zog einen Kompaktpuder aus einem der Drehregale heraus und klappte ihn auf. Melissa sagte, sie wolle ihn ausprobieren, und ihr Name wurde der Liste hinzugefügt. Wenige Minuten später saß sie auf einem Hocker, während der Visagist ihr mit einem dicken Pinsel Puder aufs Gesicht stäubte.

»Oh, das sieht toll an dir aus.« Er tupfte und wischte noch ein wenig mit seinem Pinsel herum. »Schau mal«, sagte er und reichte ihr einen Spiegel. Ihre Haut war hellmandelfarben, jugendlich strahlend.

»Sieht hübsch aus«, sagte Hazel.

»Ist das nicht zu dunkel für mich?«

»Nein! Es verleiht deiner Haut Glanz. Du bist es nur nicht gewohnt. Den Fehler machen viele Leute beim Make-up. Wenn sie es zum ersten Mal sehen, denken sie: zu hell, zu dunkel, zu rot, zu gelb oder was auch immer, weil sie so an das gewöhnt sind, was sie im Spiegel sehen. Aber das, was man im Spiegel sieht, ist bloß wie ein leeres Blatt Papier, nicht wahr? Es ist dazu gedacht, dass man es mit Farbe füllt.«

»Ganz genau. Das ist in etwa das, was ich auch gerade gesagt habe«, sagte Hazel. »Ich finde, du solltest zuschlagen.«

»Gut, dann nehme ich ihn.«

Bei MAC gab es einen Gratis-Lippenstift im Tausch gegen sechs leere Puderdosen, die Melissa nun aus ihrer Tasche entlud.

»Schätzchen, ich will nicht unhöflich sein, aber du solltest deine Augenbrauen in Form bringen lassen, Herzchen.«

»Ja, ich liege ihr auch ständig damit in den Ohren.«

»Ich weiß, ich bin in letzter Zeit nur nicht dazu gekommen, sie zupfen zu lassen …«

»Man sollte die Schönheit nicht vernachlässigen. Du hast ein hübsches Gesicht, Schätzchen. Vergeude es nicht.«

»Siehst du«, sagte Hazel beim Hinausgehen und hakte sich bei Melissa unter, doch da sie größer war, hakte sich Melissa lieber bei ihr unter. »Fühlst du dich nicht wie eine ganz neue Frau? Du hast ein rotes Kleid, ein neues Gesicht, einen neuen Lippenstift – jetzt kannst du loslegen. Ich verspreche dir, Michael und du, ihr braucht bloß ein bisschen Zeit zu zweit, und schon seid ihr wieder wie frisch verliebt. Nehmt euch für einen Abend einen Babysitter. Wenn du willst, komme ich vorbei und passe auf die Kinder auf.«

»Was? Du? Du willst den Fluss überqueren? Zum Babysitten?«

»Natürlich, wofür hältst du mich? Ich erkenne es, wenn zwei Menschen dringend Liebe brauchen. Michael und du, ihr werdet euch nicht trennen. Das lasse ich nicht zu. Ehrlich, wenn ihr beide euch trennt, verliere ich den Glauben an die Liebe! Und den Glauben daran, dass für irgendjemanden von uns Hoffnung besteht!«

»Schon gut, schon gut, beruhig dich«, sagte Melissa lachend, während sie sich mit ihren Tüten durch die Drehtüren nach draußen schoben, aus dem unterirdischen Trubel hinaus und zurück in das winterliche Wetter, die kühle Luft auf ihren Gesichtern, hinein in die den Tauben ausweichende Menschenmenge. »Du bist ja wohl die Letzte, die sich darüber Gedanken machen müsste. Du kannst dich vor Verehrern doch kaum retten. Erzähl mir von deinem Liebesleben. Hast du was am Laufen, irgendwelche interessanten Neuigkeiten?«

Hazel ging auf die siebenunddreißig zu und war seit einiger Zeit auf der Suche nach dem Mann. Sie war überzeugt,

»Es gibt tatsächlich Neuigkeiten«, sagte sie.

»Wirklich? Oooh.«

Er hieß Pete. Er war griechisch-marokkanischer Abstammung und im Londoner Vorort Harrow aufgewachsen. Sie hatten sich bei Starbucks am Milch-und-Zucker-Stand kennengelernt; sie streute Kakao auf ihren Cappuccino, er Zimt auf seinen Latte, er war einen halben Kopf größer, so wie sie es mochte, besaß Märchenprinzpotenzial, und sie dehnten die Zeit dort möglichst lange aus, mit mehr Kakao und mehr Zimt, mit noch mehr Zucker, und als sie sich schließlich von der Seite ansahen, hatten sie zwei zuckersüße Getränke vor sich, er lächelte, sie lächelte, und sie tauschten sich kurz darüber aus, wie sie ihren Kaffee am liebsten tranken. Dann setzten sie sich zusammen an einen Tisch am Fenster, plauderten, lernten sich kennen. Er war Reiseberater, zog gern durch die Clubs und ging ins Fitnessstudio. Er erfüllte jedes Kriterium – muskulöse Unterarme, offenbar intelligent, Sinn für Humor, wohnte nicht bei seiner Mutter, keine Kinder –, aber Hazel wollte nichts überstürzen.

»Man trifft den Mann seiner Träume nicht bei Starbucks«, sagte Melissa.

»Ja, das denke ich eigentlich auch, es ist so, als würde man jemanden in der Disco kennenzulernen. Aber man kann nie wissen. Ich überlasse es dem Schicksal. Im Moment verbringen wir nur Zeit miteinander. Es läuft erst seit zwei Monaten. Aber er ist umwerfend. Er sieht aus wie Al Pacino.«

»Was glaubst du denn, es läuft seit zwei Monaten, natürlich! Siehst du das nicht an meinen Augenringen? Wir treiben’s wie die Karnickel. Er ist wild, weißt du, selbst für meine Maßstäbe, aber dabei feinfühlig. Bester Cunnilingus diesseits von Kentucky. Der Junge weiß genau, was er mit seiner Zunge anzustellen hat.«

»Danke für die Details, wie soll ich dabei meine Edamame-Bohnen essen?«, prustete Melissa.

Sie saßen sich jetzt im Wagamama gegenüber und warteten auf ihr Hauptgericht.

»Du hast gefragt!«

»Er klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Vielleicht lernt man den Mann seiner Träume ja doch bei Starbucks kennen.«

»Wir sollten mal ein Vierertreffen veranstalten – du, ich, Michael und Pete.«

»Was für eine Art von Vierertreffen?«

»Keinen flotten Vierer.« Sie lachten. »Gott, manche Leute haben auch nichts als Sex im Kopf!«, sagte Hazel. »Du weißt doch, dass ich dich mit niemandem teilen könnte.«

Trotz aller Scherze dachte Melissa nostalgisch an die hingebungsvolle und ungezügelte Liebe während ihrer Flitterwochen mit Michael zurück und spürte Eifersucht in sich aufwallen. Ein Vierertreffen war eine ausgesprochen schlechte Idee. Wenn sich neue Pärchen mit alten Pärchen treffen, fühlt man sich als letzteres unweigerlich elend, wenn man zusehen muss, wie die Turteltäubchen einander anstrahlen und anschmachten und unter dem Tisch nicht die Finger voneinander lassen können. Sie murmelte irgendetwas Vages, ohne direkt auf den Vorschlag einzugehen.

Hazel bemerkte, dass sie auswich. »Aber zuerst macht ihr

»Musst du so vulgär sein?«

»Ich mein’s ernst, Mann, das ist eine wichtige Angelegenheit. Wenn ihr keinen Sex mehr habt, geht auch alles andere zugrunde. Sex ist die Lebensenergie. Er ist von entscheidender Bedeutung, ihr müsst es nur tun. Also wann war das letzte Mal?«

»Ich weiß nicht, vor ein paar Monaten. Wir sind im Prinzip nur noch Mitbewohner.«

»O nein. So war es bei Oli und mir zum Schluss auch, das ist furchtbar.«

»Es bleibt einfach keine Zeit dafür. Ich werde nicht allen Anforderungen gerecht, die das Leben an mich stellt. Es ist einfach zu viel.« Melissa versuchte zu verbergen, dass sie den Tränen nahe war.

»Aber er ist ein Mann, Lis. Er braucht das. Du musst dir Zeit für ihn freischaufeln, sonst verlierst du ihn.«

»Ich will mir aber keine Zeit für ihn freischaufeln. Das bisschen Zeit, das mir bleibt, will ich für mich selbst haben, nicht für ihn. Ich will nicht für jemandes sexuelle Befriedigung zuständig sein.«

Hazel war bestürzt. »Himmel, wenn du dich hören könntest! Jetzt mache ich mir wirklich Sorgen. Zuständig sein? Siehst du das wirklich so?«

»Ja, offen gesagt schon. Wir sind keine Turteltäubchen mehr wie du und Starbucks. Wir sind seit dreizehn Jahren zusammen. Wie oft kann man mit derselben Person Sex haben, bevor die Sache ennuyant wird?«

»Was bedeutet ennuyant?«

»So etwas wie eintönig, einfallslos.«

»Warum probiert ihr dann nicht etwas Neues?«

»Was denn zum Beispiel?«

»Hm.« Melissa schien nicht überzeugt.

»Zieh das rote Kleid an. Und dann lass dich flachlegen. Blas ihm einen. Alles wird gut.«

»Du bist so widerlich.«

»Du weißt, dass du es willst«, sagte Hazel, und sie machten sich über ihre Nudeln her.

 

Derart beschworen, derart gewarnt, was die Gebote ihrer Partnerschaft anging, ihres Füreinandergeschaffenseins, ihres Schokokugelseins, nahmen Melissa und Michael sich vor, zusammen auszugehen. Keine Party, kein Verbrüdern mit anderen Gästen und einander darüber vergessen. Nur sie beide, ein ruhiges, romantisches Abendessen in einem schicken Restaurant, etwas Wein, etwas Musik, mühelose Erwachsenenkonversation, im Anschluss vielleicht ein Spaziergang, Hand in Hand durch die verträumte Winternacht, ein Abend, um sich wieder aneinander zu erinnern, sich wieder als Paar zu fühlen, miteinander zu lachen, zu flirten, danach eine beschwipste Taxifahrt nach Hause, Knutschen auf der Rückbank, gekrönt von erotischer, erlösender Kopulation.

Das war der Plan. Zur Vorbereitung – sie mussten schließlich ihr Bestes geben, sich füreinander hübsch machen – ging Melissa zum Einkaufszentrum in Bromley, um sich per Fadenzupftechnik die Augenbrauen in Form bringen zu lassen. Drei nepalesische Frauen arbeiteten dort an einem Stand, hielten den ganzen Tag den Faden zwischen den Zähnen. Sie

Sichtlich traumatisiert von ihrer Reise Richtung Süden, platzte Hazel bei ihnen herein. »Gott, mein Navi hat mich im Stich gelassen. Es ist einfach abgestürzt, ich musste auf eine echte Straßenkarte gucken! Irgendwie bin ich in einem Zug nach Vauxhall Bridge gelandet statt nach Battersea. Hatte keine Ahnung, wo ich war. Ihr müsst zurück in die Zivilisation ziehen, Mann. Wow, ihr beide seht ummm-werfend aus!«

»Ich verstehe nicht, warum Mummy und Daddy heute Abend weggehen müssen«, sagte Ria. »Warum könnt ihr nicht einfach hier einen netten Abend haben?« Sie mochte es gar nicht, wenn die beiden sie zurückließen, um zu zweit ein Abenteuer zu erleben. Sie fühlte sich beraubt, als würde sich die Welt auflösen.

»Manchmal«, sagte Hazel, »brauchen Erwachsene etwas Zeit für sich, außerdem bin ich doch jetzt da. Was wollen wir machen?«

Kuchen backen, fernsehen, Disco-Abend, Kuchen essen, ein Haus bauen, Kakao trinken, schrumpfen, nicht baden. Um nur ein paar der Dinge zu nennen. Ria stand im Türrahmen und sah zu, wie ihre Eltern aufbrachen, trug ihren einzelnen weißen Handschuh und ihr eigenwilliges Nachtgewand: ein Baumwollträgerkleid über einem Flanell-Schlafanzug. Sie blickte ihnen nach, bis sie oben an der Hauptstraße um die Ecke gebogen waren und nur noch die Platane zu sehen war, die sich auf die Straße hinauslehnte, und der Mond dahinter. Dann ging sie zurück ins Haus.

Im Freien! Kinderlos! Kinderwagenlos! Und sorglos. Sie spazierten voran. Der Abend war windig. Das war der erste Störfaktor. Es war die Art Wind, die aus allen Richtungen gleichzeitig blies und einem, wohin man sich auch wandte, die Frisur ruinierte, Melissas Haar war bereits auf der Hauptstraße durcheinander. Michael griff nach ihrer Hand, während sie die Anhöhe hinunter zum Bahnhof gingen. Sie wollten den Zug nach Crystal Palace nehmen und dort essen gehen.

Als der Crystal Palace noch gestanden hatte, als die Leute von weit, weit her angereist gekommen waren, um die Tempel von Abu Simbel zu sehen und das Felsengrab von Beni Hassan, hatte es zwei Transportmöglichkeiten dorthin gegeben, die High-Level-Line und die Low-Level-Line. Erstgenannte war nicht mehr in Betrieb, und Melissa und Michael erklommen nun vom Low-Level-Bahnsteig die vielen Stufen bis zur Straße, nach einer raschelnden Fahrt durchs Grüne (unterwegs verdichtete sich das Laubwerk und näherte sich den Schienen, als reiste man in eine andere Welt). Pflichtbewusst händchenhaltend traten sie auf die Straße, in den sanft geschwungenen, hügeligen Stadtteil am Südrand von London, von dessen höchsten Punkten einem das

Michael hatte in einem dieser vornehmen, imposant-modernen Restaurants reserviert, mit eleganten Stühlen und ohne Musik, wo die Speisen als einzige erforderliche Musik galten und tatsächliche Musik als unnötige Ablenkung. Die Türen und Fenster waren von Goldtäfelung umrahmt, die Tischdecken grau. Ein gestrenger Keller wies ihnen ohne ein Lächeln einen Tisch neben einer Säule mitten im Raum zu, weder diskret noch lauschig, und inmitten dieser eleganten

»Du siehst wunderschön aus«, versuchte es Michael zwischen dem Hauptgericht und der Nachspeise. Genau in diesem Moment erlosch die Kerze zwischen ihnen auf dem Tisch.

»Danke«, sagte Melissa. Eine tiefe Schwermütigkeit stieg in ihr auf. Sie wünschte sich meilenweit weg von ihm. Doch sie waren hier. Und dort stand ihr Schokoladenkuchen. Garniert mit bitteren Orangenschalen, eine dunkle Schokoladencremefüllung quoll heraus. Sie aß ihn mit ernsthafter, vollkommener Versunkenheit. Als sie mit dem Nachtisch fertig waren, sah Michael auf die Uhr.

»Bist du bereit?«, fragte er.

»Wofür?«

»Komm mit.«

Er stand auf und zog den Stuhl für sie zurück. Er hielt ihr den Mantel, während sie hineinglitt, und es war immerhin etwas, diese kleinen Aufmerksamkeiten, es konnte immer noch gut ausgehen. Um die Ecke, abseits von Westow Hill, parkte ein schwarzer Wagen am Bordstein. Als Michael darauf zuging, stieg ein Mann aus, sie berieten sich eine Weile, dann öffnete Michael Melissa die Tür. »Wo fahren wir hin?«, wollte sie wissen, doch allmählich fand sie Gefallen an dem geheimnisvollen Vorhaben, erinnerte sich, der Abend schien

Der Fahrer ließ lauten R&B laufen. Er war ein kahlköpfiger, korpulenter Ghanaer, trug ein schwarzes Polohemd, an seinem Rückspiegel baumelte die ghanaische Flagge. Er fuhr wie ein Irrer, schoss die Straßen von Crystal Palace hinauf und hinunter, durch die südlichen Stadtviertel, bretterte so besessen hindurch wie Evel Knievel bei seinen Motorradstunts, als befänden sich keine zahlenden Fahrgäste im Wagen. Melissa schob sich in den schützenden Raum unter Michaels Armbeuge. Vorbei flogen graue Schattierungen nächtlicher Blätter in den Kurven von Honor Oak, Lindenbäume und Stechpalmenblätter in den verborgenen halbmondförmigen Wohnstraßen, der Fahrer kannte all diese Nebenstraßen in- und auswendig, die Weißbirken blitzten auf und verschwanden, eher Andeutungen inmitten der Nacht, weitere Bäume, schnelle Lichter, vorbeirauschendes Grün. Langsamere Fahrzeuge wurden angehupt, ihr Fahrer klebte quasi an deren Stoßstange. In den Kurven riss er das Steuer herum. Jedes Bremsen ein Notfall. Er schoss fast über eine rote Ampel, und Melissa wurde in ihrem Sitz nach vorn geschleudert.

»Fahren Sie langsamer!«, brüllte sie über die Musik hinweg.

»Tut mir leid.« Der Fahrer drosselte vorübergehend das Tempo, wippte zum Takt der Musik von Jodeci, doch kurz darauf raste er wieder los. Als sie das nächste Mal langsamer wurden, bog er zu einer Tankstelle ab, blieb vor einer Zapfsäule stehen und stieg aus. »Einen Moment, bin gleich zurück«, sagte er.

»Also wirklich, Sie können doch nicht anhalten, um zu tanken, wenn Sie Fahrgäste haben!«, protestierte Melissa.

Er tankte trotzdem und ging auf den Tankstellen-Shop zu. Michael kündigte an, ihm nicht den vollen Preis zu zahlen,

Der Fahrer musterte sie im Rückspiegel und sagte: »Sie kommen bestimmt aus Nigeria.«

»Ich bin halb Nigerianerin.«

»Nigerianische Mutter oder nigerianischer Vater?«

»Nigerianische Mutter.«

»Wusst ich’s doch.« Er kicherte in sich hinein. »Sie sind genau wie meine Frau. Die macht auch immer Ärger.«

Er feixte noch ein wenig und fuhr unverändert draufgängerisch auf den Fluss zu, über den breiten städtischen Asphalt der A2, nahm die Ausfahrt zum Entertainmentkomplex O2, wo sich vor ihnen der Millennium Dome erhob, das ursprünglich als Wunder geplante, missglückte Bauwerk, dessen zwölf gelbe Masten wie monströse und sehr schmerzhafte Akupunkturnadeln aus ihm herausragten, die astronomische Bezugspunkte bilden und außerirdische Kommunikation suggerieren sollten. So große Hoffnungen waren zur Jahrhundertwende in dieses Gebäude gesetzt worden, bombastisch sollte es werden, prunkvoll, Science-Fiction-artig, doch beim Bau hatte man zu sehr auf Futurismus gesetzt und den Aspekt der Schönheit ganz außer Acht gelassen. Nach dem ganzen Hype waren die Leute enttäuscht von dem Ungetüm, und nachdem das neue Jahrtausend angebrochen war, wusste eine Weile niemand so recht, was man damit anfangen sollte. Was macht man mit einem achtzigtausend Quadratmeter großen untertassenförmigen Raumschiff, das in einer hässlichen Betonwüste abseits der A2 verankert ist? Was bitte schön? Man widmet es der Musik, damit die Musik es zum Klingen bringt. Hier in diesem gigantischen Bauwerk, in den ausgedehnten Hallen, haben Popstars und Schlagersänger, die Engel des modernen Zeitalters, ihre Stimmen zu Gehör gebracht. Prince sang hier »Kiss«, in weißen Stiefeln mit hohen

»Es ist Jill!«, rief Melissa.

»Ja, es ist Jill.«

Das war ihre Musik von früher. Die Musik des Palastes, ihres persönlichen siebten Himmels. Jills honigsüße Klänge und Liebesklagen waren dort durch die Zimmer geschwebt, ihre Hip-Hop-Rhythmen, die mal pumpten und wirbelten, mal langsamer wurden oder ganz verstummten. Jill Scott schimmerte vor ihnen im hellgrünen Nebel. Er stieg von der Bühne auf, flüsterte ihren Afro-Puffs etwas zu, waberte um die Band herum. Die Background-Sängerinnen trugen Schwarz und schnippten mit den Fingern zum Gospel-Two-Step. Der Pianist verlor sich im Jazz, und Jill wiegte sich sanft, ihre opulente Taille, ihr breites amerikanisches Lächeln, ihre Stimme tief und zugleich zuckersüß. Aus der Entfernung funkelten ihre Augen. Das Licht färbte sich rosa, dann gelb. Sie sang »Do You Remember«. Zwischen den Stücken bildete sie Wortketten. Ihre Stimme war durchgehend melodisch, egal, ob sie sprach oder sang.

Das Publikum bestand aus Soul- und Hip-Hop-Fans, Kulturinteressierten, Afrozentrikern mit kunstvoll gewickelten Kopftüchern und Nujazz-Liebhabern. Paare wiegten sich gemeinsam, berauscht vom Sound. Einige Konzertbesucher

Bei einem der Lieder spürte Melissa Michaels Hand an ihrer Hüfte. Er wollte mit ihr tanzen. Er brachte sie in Bewegung, indem er sie sanft mit den Armen umschloss, er stand hinter ihr, sie mit dem Rücken zu ihm. Doch selbst hier, in diesem musikalischen Luftschloss, gab es etwas, das sich nicht stimmig anfühlte. Sie tanzten nicht richtig zusammen. Sie hatten beim Tanzen nie wirklich miteinander harmoniert, weil ihre innere Rhythmik eine andere war. Melissa folgte dem Rhythmus, ließ sich davon führen, sie tanzte genau zum Takt. Doch Michael glitt in die Musik hinein und folgte seiner eigenen Rhythmik, tanzte langsamer als der Takt, locker und lässig, als sei sein innerer Rhythmus dem der Musik überlegen. Daher bewegten sie sich nicht als Einheit, während sie sich zusammen wiegten. Es fühlte sich verkrampft an, gezwungen. Nun wurde die Musik langsamer. Die Trompeten verstummten, das Schlagzeug wurde leiser, das Klavierspiel zarter, bis es ganz verklang. Ein einzelner blauer Scheinwerfer strahlte Jill an. Sie würde wieder zu ihnen sprechen.

»Ladys«, sagte sie, »Gentlemen, ich will euch etwas erzählen. Kann ich euch etwas erzählen? Kommt her … kommt näher …«

»Heute Abend«, verkündete Jill, »stehe ich als geschiedene Frau vor euch.«

Die Musik wirbelte kurz auf und verstummte wieder.

»Ja … Ich war verheiratet und habe ihm mein ganzes Herz geschenkt … Ich habe ihm alles gegeben, wir waren glücklich verliebt, morgens und abends, in den kalten Stunden der Nacht … Ich habe meiner Liebe keine Grenzen gesetzt. Ich war für ein ganzes Leben verheiratet, für immer … Aber wisst ihr, was er getan hat? Ladys, wisst ihr, was dieser Mann getan hat?«

»Was?«, riefen die Frauen.

»Also, er ist mit einer anderen mitgegangen. Hm, ja. Dabei sollte er wissen, dass es keine gibt wie mich, keine Liebe so rein wie meine …«, jetzt sang sie wieder: »One is the magic number …«

Die Nachricht war für die ganze Welt bestimmt, doch sie schien direkt an sie gerichtet. Es war der lauteste Moment von allen, lauter als die Trompeten, die Blechbläser, selbst als das Finale, bei dem Jill zu einer Zugabe zurück auf die Bühne kam. Die Musik, die ihre Ehe begründet hatte, teilte ihnen nun mit, dass sie sich scheiden lassen sollten. Danach war es mit dem Tanzen vorbei. Michael ging an die Bar, und während er weg war, blickte sich Melissa um, sah all die anderen Menschen, die anderen Paare, die anderen Männer und grübelte. Die Worte saßen auf einer Schaukel im Hinterstübchen ihres Geistes, schwangen hin und her … stehe ich als geschiedene Frau vor euch.

 

Die Rückfahrt nach Hause verlief schweigsam, sehr schweigsam. Kein Knutschen auf der Rückbank, und ihr beschwipster

Hazel war auf dem Sofa vor dem Fernseher eingenickt, während sich auf 4 Music eine Schar Mädchen in Bikinis nach Nellys Muskeln verzehrte. Sie wurde von ihren Schritten wach.

»Oh, hallo, da seid ihr ja wieder. Ich bin weggedöst. Wie war’s?«

»Gut«, sagten sie beide, die Gesichter angespannt wie die des alten Paars aus dem Restaurant. »Wir waren auf einem Konzert von Jill Scott«, setzte Melissa nach.

»Wirklich? Ja, ich habe davon gehört, dass sie hier auftreten soll – war sie gut?«

Und während sie ihr berichteten, wie großartig Jill gewesen war – diese Stimme, diese Verve, diese Poesie –, verspürten sie in ihrer Mitte ein hartes, drängendes Etwas, das sie daran erinnerte, was sie nun zu tun hatten, die Sache in dem roten Raum dort oben, der längst überfällige Segeltörn auf dem

»Ich sehe mal nach den Kindern«, sagte Melissa.

Wieder blitzte das Bild von Lily unter dem Dachfenster vor ihr auf, während sie die Stufen hochstieg, nur dass es diesmal Ria gewesen war, die unter dem Dachfenster gestanden hatte, im Schlaf, und nicht auf Hazels Rufen reagiert hatte. Sie war dankbar für diese Ablenkung. Sie hatte auf Blakes durchdringendes Geschrei gehofft, ein drängendes Bedürfnis, auf einen Umweg, doch beide lagen friedlich da, eingehüllt in ihre Baumwollschichten, und atmeten tief. Blake lag auf dem Bauch, hatte den Mund geöffnet und ein Ärmchen nach oben ausgestreckt. Sie zog seine Decke zurecht, denn es war kalt im Zimmer, noch kälter als gewöhnlich, besonders neben Rias Bett, das dem Fenster am nächsten stand. Während sie auf sie hinunterblickte – der sichelförmige Kranz aus Wimpern war vollkommen still, Mondlicht fiel auf ihre Wange –, wünschte Melissa, sie könnte in die Unverbrauchtheit ihrer jungen Jahre eintauchen, in ihre Unschuld hineingleiten. Der Wunsch war so überwältigend, dass sie für einen Augenblick das Gefühl hatte, sie wäre tatsächlich in Rias Körper gefallen, nicht mehr sicher, in wessen Geist sie sich befand. Beim

Echte und ungezügelte Leidenschaft verträgt sich nicht mit Zahnpasta. Sie wartet nicht, bis das Gesichtswasser und Peeling aufgetragen worden sind. Sie verlangt Spontaneität. Sie verlangt Leichtsinn. Leidenschaft ist schmutzig, und sie waren zu sauber, nachdem ihre Gesichter gewaschen, ihr Atem erfrischt, die Türen, Fenster, der Herd und Wasserhähne überprüft worden waren, damit das Haus nicht abbrannte, überflutet wurde oder explodierte. Michael hatte vorgehabt, sie auszuziehen, ihr in dem roten Raum das rote Kleid vom Leib zu schälen, doch er war wieder einmal zu spät dran. Als er ins Schlafzimmer kam, hängte sie gerade das Kleid in den Schrank. Sie trug ihren cappuccinofarbenen Morgenmantel, der denselben Farbton hatte wie die Bambusrollos. Er sog ihren Anblick in sich auf, den sanften Schwung ihrer braunen Taille und die weichen, schattigen Wölbungen ihrer Oberschenkel unter dem Satin. Wie sehr sie ihn aus der Fassung brachte, ihn elektrisierte, obwohl sie so gut wie nichts tat, einfach nur mit dem Rücken zu ihm dastand, die goldenen Arme reckte. Er wollte von ihrer Süße kosten und sie zum Bersten bringen, zum Überfließen. Er wollte sich mit ihr in höhere Sphären aufschwingen, wie John Legend, an dem erhabenen Plateau vorbei, in die wilde, friedliche Luft des siebten Himmels hinein. Heute würde er sie beide unter dieser alten Liebe emporziehen und sie wieder aufleben lassen.

Der Schrank ist voller Staub, dachte Melissa, so viel Staub auf meinem roten Kleid, auf allen Kleidern. Die Luft hier drin ist so abgestanden. Der Fußboden knarzt. Das Fenster wackelt. Es muss repariert werden, er hat es nicht repariert. Sie versuchte sich zu entspannen, als er sie auf den Nacken

Der Kuss. Er musste sie auf den Mund küssen. Das war das zentrale Element, das Kernstück. Es ließ keinen Zweifel zu. Er küsste sie, ein langer, feuchter, fordernder Kuss. Aber er war so weit von jenem ersten, voll ausgereiften Kuss entfernt, der seine ganz eigene Psychologie und Persönlichkeit besessen hatte. Keine Desdemona. Keine Angelina. Ein feuchter und dabei trockener Kuss, kein Knistern, keine Euphorie, und während er sie küsste, hatte er das Gefühl, dass sich Melissa, während sie ihn küsste, zugleich vor ihm zurückzog. Dieser Kuss war unbedeutend und dürftig, während Desdemona vollkommen und grenzenlos gewesen war und in anderer Gestalt womöglich jetzt noch existierte, in einem anderen, jungen, neuen Kuss. Leicht entmutigt stand er auf, öffnete seinen Gürtel. Es kam zu einem hektischen Gerangel, als sie gemeinsam versuchten, seine Jeans herunterzuziehen, weil ihr Übereifer, ihm dabei zu helfen, fehlschlug und er Mühe hatte, ebendies zu überspielen. Er fühlte sich befangen, als der Stoff an ihm herabfiel, war sich seiner Füße übermäßig

Melissa streifte währenddessen ihren Morgenmantel ab; ihre Haut war entblößt, seine Haut war entblößt, das bumerangförmige Licht neben seinem Herzen, das seine Haut dort eine Spur gelblicher machte, war entblößt, und er legte sich wieder zu ihr. Es folgte ein weiterer, bescheidenerer Kuss, diesmal wärmer und zärtlicher, aber immer noch nicht voll zufriedenstellend, also bewegte er sich südwärts, auf ihre Brüste zu, um dort nach einem besseren Kuss zu suchen. Die linke, die rechte. Die alte Reihenfolge, nach bewährtem Drehbuch. Sie sehnte sich nach etwas Neuem, etwas anderem. Er wünschte, sie würde ihm sagen, was ihr gefiel, wo sie berührt werden wollte, wie stark oder sanft. Er selbst wusste es nicht mehr, konnte nicht mehr in ihr lesen. Michael hatte immer versucht, einen abenteuerlichen Weg einzuschlagen, ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen. Abenteuer, so glaubte er, verbargen sich in den Winkeln dessen, was bereits existierte, in den Falten und Möglichkeiten des eigenen Lebens. Man musste dafür nicht an die Südostküste Korfus reisen, die Anden erklimmen oder nach Chile fliegen. Man konnte direkt vor Ort reisen, mit ein paar Verrenkungen und Sprüngen, zu nahe liegenden himmlischen Gefilden. Er hatte neue Dinge ausprobiert, neue Stellungen, andere Küsse, draufgängerischere Gesten, doch mit derartiger Extravaganz biss er bei ihr auf Granit. Sie war nicht so experimentierfreudig wie er, und schließlich hatte er sein brennendes Verlangen widerstrebend

Und es war still, vollkommen still, kaum ein Seufzer, kaum ein Beben. Melissa ließ ihn um ihren Brustkorb streifen, über ihren Oberkörper, konzentrierte sich auf das Gefühl, auf dessen rein biologische Komponente, doch ihre Gedanken wanderten (Blakes Decke, Geld fürs Schulessen, Mäuse, die nach oben krabbeln können, das Nachtwesen, Ria unter dem Dachfenster …). Doch dann küsste er sie auf den Hüftknochen. Und wenn Michael sie auf den Hüftknochen küsste, bedeutete das nur eine Sache, folgte mit Sicherheit nur das eine: das genüssliche und rhythmische Lecken, die Sache, wegen der sie immer wieder zurückkehrte, ob sie an der Südostküste Korfus entlangsegelte, einen Berg in Peru bestieg oder ein Leben im Zölibat in Erwägung zog. Er hielt sich eine lange Zeit dort auf, forderte sie heraus, brachte sie ins Strudeln, versank genussvoll. Ihr Geschlecht war eine Feier für ihn, die weichen, nachgiebigen Wände, die lawinenartige Feuchtigkeit, sie war ein Wasserfall. Melissa zog die Decke über sie beide, um sie warm zu halten, und lag mit ausgebreiteten Armen da, schwamm ihm entgegen, in sanfter Selbstauslöschung, denn ein Teil von ihr war immer noch woanders, in einer Höhle, in der ihr wahres Ich hauste, fieberte auf den glorreichen Höhepunkt hin, auf das beängstigende, aber köstliche Aufwallen, O Gott, was passiert da mit mir?, das sich für sie oft so anfühlte, als kletterte sie voller Erwartung einem Gipfel entgegen, der sich als weniger beeindruckend entpuppte als gedacht, als eine Explosion, die verpuffte, noch während sie geschah, ein Zug, der an einem bereits stillgelegten Bahnhof einfuhr.

Danach hatte sie das Gefühl, sich bei ihm erkenntlich zeigen zu müssen, und sie umschloss ihn mit der Hand, doch

Doch diese Stellung gehörte nicht zu Melissas bevorzugten. Er war so lang, dass er bis an ihr Ende vordrang und sich, da er nicht weiterkam, gegen sie schob und drückte, einen unangenehmen Schmerz verursachte. »Au!«, entfuhr es ihr. »Tut das weh? Komm weiter hoch.« »Nein, es geht schon«, sagte sie, wollte die Sache nicht in die Länge ziehen. Er schob ihr als Hilfestellung ein Kissen unter und brachte sie in seinem Drang nach mehr, nach mehr Abenteuer, mehr Erhabenheit, mehr Liebe dazu, sich auf alle viere zu begeben, was ihrem Größenunterschied nicht entgegenkam und sie in die Position

Sie waren verschwitzt, verlegen, verzweifelt. Es war nicht so gewesen, wie sie geplant hatten, weder erlösend noch romantisch. Im späten Mondschein schienen geisterhaft Jills Worte durch die Ritzen der Bambusrollos zu dringen: Heute Abend … stehe ich als geschiedene Frau vor euch. Dort lagen sie, in der kühlen roten Dunkelheit, nach ihrer misslungenen feierlichen Vereinigung, und konnten einander nicht in die Augen sehen. Denn beiden war klar, mit scharfer, kalter Unmissverständlichkeit, dass sie an einem Endpunkt angelangt waren.