Whitechapel | Elf Monate später
Ein Schwarm Tauben flatterte über den Abendhimmel. Unten, auf der Dachterrasse von Freyas Haus, drang eine Playlist mit Songs von Melissa Etheridge, den Indigo Girls und Tracy-Chapman-Remixen aus den Lautsprechern.
Nyx saß auf einem Sofa, das aus umgebauten Holzpaletten und knautschigen Kissen bestand, und hatte die Beine vor sich ausgestreckt.
Um sie herum spielte sich eine befriedigend gemütliche Party ab. Es war die Nacht zum ersten Mai, Beltane, und Freya hatte ihre traditionelle Feier aufgrund des schönen Wetters aufs Dach verlegt. Alle Leute aus dem Wicked Witch-Buchclub waren gekommen, genauso wie die Nachbarinnen von nebenan, River, die andere Person, die im Laden arbeitete, und Mark, einer der Nachtboten, der aus Project Daylight entkommen war.
Nyx sah zu ihm hinüber und verspürte einen Anflug von Bedauern und Kummer, der sie wohl ihr Leben lang begleiten würde. Sie hatten versucht, alle Nachtbotinnen und -boten aus dem Chariot House zu befreien. Doch für ein paar von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Einige andere kämpften immer noch mit den Spätfolgen der Chemikalien und alchemistischen Gebräue, die der Orden ihnen ins Blut gepumpt hatte. Mark jedoch schien mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Immerhin.
Für ein paar Wochen nach dem Fall von Project Daylight hatten sich alle, die es aus dem Ordenshaus geschafft hatten, regelmäßig getroffen und sich gegenseitig unterstützt. Auch Luke war ein paarmal dazugestoßen, hatte sich jedoch schnell wieder abgeseilt. Sami meinte, er hätte London verlassen, um sich irgendwo einen Ort zu suchen, wo er neu anfangen konnte.
Mit der Zeit hatte sich die Selbsthilfegruppe der Nachtgeborenen wieder zerstreut. Es war sicherer so, denn es gab immer noch genügend Geheimbünde, Verschwörungsanhänger und Anhänger okkulter Wissenschaften, die Jagd auf Nachtboten machten. Nur der Orden des Tages würde ihnen vorerst keine Schwierigkeiten mehr machen.
Hatte die Tatsache, dass ihre Experimente eine Chaosflut ausgelöst hatten, die Ordensoberen zum Umdenken bewegt? Natürlich nicht. Wahrscheinlich hätten sie sogar die Zahl der Opfer in ihren eigenen Rängen als verkraftbaren Verlust verbucht und Project Daylight unter neuer Leitung weitergeführt. Diese Gelegenheit gab ihnen Erin jedoch nicht. Sie trug das gesammelte Wissen ihrer Mum zusammen, alle Forschungsergebnisse, Anleitungen, Finanzvorgänge, Versuchsprotokolle, und ließ sie dem Orden um die Ohren fliegen. Zusammen mit ein paar Kontaktleuten aus Dianes Adressbuch machte sie die Machenschaften des Ordens publik – mit einigen Auslassungen und Anpassungen, versteht sich. In den Zeitungs– und Fernsehberichten über den Orden war weder von Boten und Botinnen noch von Urkräften die Rede. Stattdessen deckten brisante Berichte illegale Experimente in der Gentechnik, Schmiergeldaffären und Entführungen auf. Die Schadensbegrenzung würde den Orden noch eine sehr lange Zeit auf Trab halten.
Was in der Presse auch nicht erwähnt wurde: Einen Tag nach ihrer Flucht waren James, Nyx, Erin und ein paar andere Nachtbotinnen ins Chariot House zurückgekehrt. James hatte das Haus in Dunkelheit gehüllt und in ihrem Schutz hatten sie das Labor kurz und klein geschlagen. Das dort aufbewahrte Equipment würde niemand mehr benutzen können.
Diese Erinnerung verschaffte Nyx zumindest ein wenig Genugtuung.
Wir haben es geschafft, dachte sie. Unglaublich, aber wahr.
Ihr Blick fiel auf Sami, der Büschel von Thymian in ein Hochbeet pflanzte. Nach seiner Ankunft hatte er es genau eine halbe Stunde lang ausgehalten, bevor er Freya fragte, ob er ihren Thymian umsetzen durfte. Scheinbar vertrug sich das Kraut nicht mit der Kapuzinerkresse.
Mit einem amüsierten Lächeln beobachtete Nyx, wie er die Kräuter in der Erde versenkte. James lehnte an einem Blumenkasten in Samis Nähe und nippte an einer Flasche Cider.
Eine laue Brise fuhr durch die Lichterketten über Nyx’ Kopf und ließ die Plastikglühbirnen klappern. Sie lauschte dem Geräusch, als Birdie sich neben ihr aufs Sofa fallen ließ. Dabei überschätzte sie entschieden den Weichheitsgrad der Polsterung.
»Autsch«, beschwerte sie sich, als ihr Allerwertester durch die Kissen plumpste und mit dem harten Widerstand der Holzpaletten Bekanntschaft machte. »Das ist verbesserungswürdig.«
»Hat Freyas Ex gebaut«, sagte Nyx. »Kannst ihr gerne Vorschläge machen, wie sie das Ding aufpimpen kann.«
Birdie lachte auf. »Und damit den Zorn der Wikingerin auf mich ziehen? Ich passe.« Sie rutschte herum, bis sie es bequem hatte, dann warf sie einen spekulierenden Blick in Freyas Richtung.
»Du glaubst immer noch, dass Freya inkognito eine Hexe ist, oder?«, fragte Nyx amüsiert.
»Na ja, überleg mal«, sagte Birdie. »Sie nennt ihren Buchladen Wicked Witch Books, sie feiert die Sonnenwenden, und neulich hat sie so eine schnöselige Buchladentouristin mit einem derart finsteren Blick angestarrt, dass ihr sofort Pickel am Kinn gesprossen sind.«
»Birdie.«
»Ehrlich!« Birdie grinste und hielt Nyx den Teller hin, den sie mitgebracht hatte. Er war überhäuft mit Plunderstücken aus Nyx’ Lieblingsbäckerei.
»Hab dir eins mit Schokolade ergattert.«
»Danke«, sagte Nyx und fischte ein vielversprechend aussehendes Croissant aus dem Gebäckberg.
Birdie stellte den Teller auf ihren Oberschenkeln ab und betrachtete Nyx’ Unterarm, bevor sie mit der Fingerspitze über ein paar Sommersprossen fuhr.
»Waren deine Träume heute okay?«, fragte sie.
»Mh-hm«, antwortete Nyx. »Alles friedlich.«
In den ersten Wochen nachdem das Chaos sie aufgelöst hatte, konnte sie sich nicht an ihre Träume erinnern. Trotzdem hatte sie sich nach dem Aufwachen seltsam entrückt gefühlt. So, als wäre sie nicht ganz bei sich. Außerdem passierte es immer wieder, dass sie mitten in irgendeiner Tätigkeit innehielt und in Geräuschen oder im Widerspiel von Licht und Schatten versank. In solchen Momenten breitete sich ihr Bewusstsein aus wie ein feiner Morgennebel und verband sie mit allem, was sie umgab.
Diese Zustände konnte sie nur durchbrechen, wenn sie sich aktiv bewusst machte, dass sie ein lebender Mensch mit einem Körper war und nicht nur das Hauchen ihres Atems oder das Gurgeln des Wasserkochers.
Gerade in der ersten Phase, als sie am Tag mehrmals in diese entrückten Zustände rutschte, half es ihr enorm, andere Leute um sich zu haben. Und an denen mangelte es ihr zum Glück nicht. Birdie, James, Sami, Freya und die anderen Wicked Witch-Stammgäste sorgten dafür, dass sie froh war, ein Mensch unter vielen zu sein.
Mit der Zeit schwanden die Momente, in denen sie ihr Körperbewusstsein verlor. Sie fing wieder an, zu malen. Sie sammelte graue Frösche ein, wenn sie spürte, wie jemand von einem besonders bedrückenden Albtraum geplagt wurde. Sie brachte sie weiterhin in die Sphäre der Wahren Nacht, stellte jedoch fest, dass sie sich immer besser gegen die Emotionen abschirmen konnte, die die fremden Träume in ihrem Kopf und ihrem Nervenkostüm hinterlassen wollten.
Sie vermutete, das lag mit an dem, was sie durchgemacht und überstanden hatte. Vielleicht hatte sie sich auch weiterentwickelt, oder, wie Sami es ausdrückte: Sie hatte sich auf ein neues Powerlevel hochgespielt, als sie ungeahnte Fähigkeiten einsetzte, um ihre Auflösung rückgängig zu machen.
Endlich über all das reden zu können, was die Jahre an Ballast in ihre Knochen gerieben hatten, spielte wohl auch eine Rolle. Birdie vermittelte ihr den Kontakt zu einem Therapeuten in Dublin, der selbst Nachtbote war. Mittlerweile verabredeten sie sich nur noch alle drei Wochen für einen Onlinetermin, aber für Nyx blieben die Gespräche ein sicherer Ort, an dem sie die Kontrolle loslassen oder neu ergreifen konnte, je nachdem, was sie brauchte.
Sie biss in ihr Schokocroissant und bemerkte, dass Birdie sie immer noch beobachtete.
»Was ist?«, nuschelte sie mit vollen Backen.
»Nichts«, behauptete Birdie und wandte ihren Blick dem Rest der Feiergesellschaft zu. River saß hinter Carol von nebenan und flocht ihr einen französischen Zopf in die grauen Haare. Freya und Rob aus dem Buchclub diskutierten lebhaft über irgendetwas, während ein paar andere Leute am Rand des Daches standen und mit Marks kleiner Nichte Seifenblasen in die Luft pusteten.
Während Nyx hinsah, trat Erin hinaus auf die Terrasse und ging zu Sami und James. Als sie bei den beiden ankam, richtete Sami sich gerade auf und klopfte sich die Erde von den Händen. James reichte ihm einen Cider, den er für ihn bereitgestellt hatte, und die drei verfielen in ein entspanntes Gespräch.
Nyx bemerkte das zufriedene Lächeln auf James’ Gesicht und dachte nicht zum ersten Mal, dass das Leben verdammt unvorhersehbar sein konnte. Als sie vor einem Jahr das Ordenshaus verließen – durchgeschüttelt, lädiert, und in James’ Fall, barfuß – hätte sie nicht gedacht, dass Erin lange in ihrem Orbit bleiben würde. Aber eigentlich hätte sie es damals schon besser wissen müssen.
Zwar hatten sie das Chaos vorerst zurückgedrängt, aber Erin war immer noch eine Trägerin. Sollten die Urkräfte wieder in ein Ungleichgewicht geraten, hatte Erin das erwiesene Potenzial, eine Schleuse für die nächste Welle der Zerstörung zu werden. Dieses Risiko verschwand nicht, bloß weil Nyx ihre Albträume für eine Nacht von ihren Schultern gehoben hatte.
Also hatte Birdie Erin unter ihre Fittiche genommen. Sie hatte das Vermächtnis ihrer Nan weitergeführt, wie sie es ursprünglich vorgehabt hatte, und Erin geholfen, ihre eigene, innere Balance zu finden. Zwei Monate verbrachte Erin in Dorset, und auch jetzt noch arbeitete Birdie mit ihr daran, Strategien einzuüben für die Phasen, in denen Erins Gleichgewicht ins Wanken geriet.
Im Nachhinein wurde Nyx auch klar, dass Inglebys Vision sie von vornherein zur richtigen Person geschickt hatte. Nur Inglebys Interpretation hatte für Verwirrung gesorgt. Er hatte eine androgyne Gestalt mit hellen, kurzen Haaren gesehen und keinen Moment angezweifelt, dass es sich dabei um einen Jungen handeln musste. Der arrogante Esel.
Andere Rätsel, die nach dem Showdown im Chariot House offenblieben, waren allerdings schwieriger zu lösen. Im vergangenen Jahr hatte James sich Dianes Forschungsunterlagen angeeignet und ihr Archiv nach einer Antwort darauf durchforstet, was es mit Erin auf sich hatte. Eine Nacht- oder Tagbotin schien sie nicht zu sein, aber dass sie anders beschaffen war als gewöhnliche Menschen, daran bestand kein Zweifel. Nicht nur, weil sie eine Trägerin war, sondern auch, weil ihre Aura ungewöhnlich unstet blieb. Ihre Energielevel schwankten, zogen auf und verblassten wie das Licht zu den Schwellenzeiten zwischen Tag und Nacht.
James berichtete frustriert, dass Dianes gesamte Quellen von genau zwei Sorten Boten ausgingen. Das passte auch ganz wunderbar in das binäre Bild des Kosmos, das Organisationen wie der Orden propagierten. Wenn es je Informationen über andere Formen der Affinität gegeben hatte, Boten, die sich irgendwo jenseits oder zwischen den bekannten Kategorien verorten ließen, dann waren sie entweder unterschlagen, verschwunden oder vernichtet worden.
James gab seine Suche nicht auf, und auch Erin hatte sich mittlerweile in die Recherche eingeklinkt. Bisher hatten sie noch kein neues Material auftreiben können, aber sie hatten einen Begriff erfunden, der zu Erins wachsendem Selbstverständnis zu passen schien.
Liminalis.
Botin der Dämmerung.
Nyx schnaubte belustigt und schüttelte den Kopf. Und sie hatten gedacht, sie wüssten so gut über alles Bescheid.
»Woran denkst du?«, fragte Birdie, während sie Himbeeren aus einem Blätterteignest pflückte.
»An das Zitat, das du bei unserer ersten Begegnung aus dem Ärmel gezogen hast. Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.«
Birdie hob eine Braue. »Ganz schön clever von mir.«
»Ja, und es passt«, sagte Nyx. »Noch besser, als wir dachten.«
Ihr Blick streifte zurück zu Erin, Sami und James.
»Erin kommt klar, oder?«, fragte sie.
»Ich denke schon«, sagte Birdie. »Sie arbeitet echt hart an sich. Manchmal zu hart, aber ich glaube, so langsam kann sie auch mehr entspannen.« Sie nickte in Richtung des Trios. »Es ist gut, dass sie nicht alleine ist.«
Nyx hatte nicht damit gerechnet, dass James noch mal irgendetwas mit Erin zu tun haben wollte, geschweige denn, dass sich eine Freundschaft zwischen ihr, James und Sami entwickeln könnte. Aber aus irgendeinem Grund drifteten die drei zusammen. Zuerst vielleicht nur wegen der traumatischen Erlebnisse, die sie geteilt hatten, doch mit der Zeit bekam Nyx das Gefühl, dass es zwischen ihnen einfach klickte. James wohnte längst bei Sami, und als dessen Mitbewohnerin Mirabell vor drei Monaten ausgezogen war, übernahm Erin ihr Zimmer.
An einem Abend, an dem Nyx zu Besuch war, hatte sie mitbekommen, wie Erin auf dem Dach der Garage neben der Wohnung Geige spielte. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster, und im schwindenden Licht der untergehenden Sonne schwirrten flackernde, halbtransparente Falter um sie herum. Sie wiegten sich mit der Melodie durch die Luft, ein bezauberndes, blütenzartes Gestöber.
Einer der Falter taumelte zu Nyx. Als er sich auf ihrem Handrücken niederließ, durchfuhr sie ein so reines Gefühl der Freude, dass sie kurz glaubte, sie wäre wieder sechs Jahre alt und würde in der sonnendurchfluteten Küche von Wildridge auf ihr Frühstück warten. Sie roch sogar den nussigen Duft von angerösteten Haferflocken und schmeckte den süßsauren Geschmack von Rhabarberkompott in ihrem Mund.
Es gab wirklich eine ganze Menge Dinge im Himmel und auf Erden und darüber, darunter und dazwischen auch.
Nyx sah zur Seite, zu der Hauswand, auf der sie vor mehreren Wochen ein Gemälde verewigt hatte. Es zeigte einen schlanken Jungen mit blonden Haaren vor einem blauschwarzen Hintergrund. Er stand mit dem Rücken zu den Betrachtenden und sah nach oben, während um ihn herum Wale schwammen, die so hell schimmerten wie Sternschnuppen.
»Ich hab dir noch nicht erzählt, was mich dazu gebracht hat, nach London zu fahren, oder?«, fragte Birdie. »Etwas kam ans Cottage. Hat wie ein Poltergeist gegen die Tür geschlagen, und plötzlich wusste ich, dass sich etwas zusammenbraut. Dass ich nach dem Träger suchen muss. Ich bin mir nicht sicher, wer oder was das war.«
»Deine Großmutter?«, schlug Nyx vor.
Birdie schüttelte den Kopf. »Es fühlte sich nicht an wie sie. Ehrlich gesagt, fühlte es sich mehr so an, wie das, was ich mit dir am Strand gesehen habe.«
»Leon.«
Birdie nickte. »Wenn er es war … vielleicht wollte er, dass ich dich finde. Dass ich bei dir bin, damit du Rückendeckung hast.«
Nyx schloss die Augen und lehnte sich gegen das Rückenpolster des Sofas. Sie dachte an Sommerwiesen. An drei Kinder, die zuhörten, wie die Grillen ihr Abendkonzert anstimmten. Sie dachte an Birdies Garten, an Gläser voller dunklem Holundergelee und an Spaziergänge am Strand.
Sie liebte jede einzelne dieser Erinnerungen. Mehr, als sie sich jemals erhofft hatte.
Als Birdie sie sacht auf die Schulter küsste, wandte sie den Kopf und rieb mit der Nasenspitze über Birdies Stirn.
»Sag’s mir noch mal«, bat sie.
Birdie drückte einen weiteren Kuss auf ihre Schulter, knapp neben den Träger von Nyx’ Hemd. Nyx spürte ihr Lächeln an ihrer Haut.
»Wir sind in Sicherheit.«