Ich stolpere auf das nachtschwarze Freideck. Regen peitscht mir ins Gesicht, doch die kalte, frische Luft tut gut. Ich öffne den Mund, will ein paar Tropfen Regenwasser trinken. Es schmeckt viel besser als das entsalzte Wasser.

»Yolanda!«, ruft Silver. Sie steht mit Tian und den anderen am Rand. »Komm jetzt endlich!«

Silver geht ein paar Schritt zurück, nimmt Anlauf und springt in die Tiefe. Sie springt!

Conrad und Mary folgen ihr, ohne Absicherung. Einfach so.

Ich will zum Rand, aber wo ist Aidan? Er war doch direkt hinter mir. Bis eben.

Ohne Licht ist kaum etwas zu erkennen. Doch dann sehe ich seine Hände. Sie hämmern gegen das Panzerglas der Schleuse. Aidan ist eingesperrt!

Godmother hat nicht nur ihre Stimme zurück. Sie übernimmt wieder die Kontrolle über die ganze Serverinsel.

Ich renne zur Schleuse und versuche, die schweren Türen aufzuziehen. Sie bewegen sich keinen Millimeter. Aidan schreit, ich sehe seinen aufgerissenen Mund. Durch das Panzerglas dringt kein Geräusch.

Die Flutlichter auf dem Freideck springen an. Alles ist grell erleuchtet, die riesigen Pfützen auf dem Boden spiegeln das Licht.

Da sehe ich Tian, wie er nass und zitternd vor Kälte vom Rand der Insel auf mich zu geht. »Yolanda, los!«

Ich schüttele den Kopf. »Wir können Aidan doch nicht allein lassen.«

»Godmother lässt ihn nicht raus«, sagt Tian. »Und allein ist er nicht. Seine Familie ist geblieben.«

»Aber er wollte mit uns gehen!«

Ich spüre einen Knoten in meinem Hals. Aidan darf nicht zurückbleiben.

Dreimal blitzt es am Horizont, ein kräftiges Donnern grollt über den Ozean. Auch das noch, der Regenschauer reicht mir vollkommen hier draußen.

Tian streckt mir beide Hände entgegen. Ich nehme sie nicht. Er schlägt gegen das Panzerglas. »Die Schleuse ist dicht! Da kommt keiner mehr rein und keiner mehr raus.«

Ich nicke Richtung Aidan. »Godmother wird ihn umbringen!«

»Wird sie nicht«, sagt Tian. »Sie braucht ihn. Sie braucht jeden. Ihr sind doch nur noch vier Analoge geblieben.«

Wieder funken Blitze.

Ihr sind doch nur noch vier Analoge geblieben.

Tian hat recht. Godmother hat keine zwanzig Analogen mehr wie noch vor ein paar Wochen. Nur noch Josie, Emre, Mauro und Aidan sind hier. Viel zu wenig, um alle Aufgaben zu bewältigen. Niemals würde sie jemandem von ihnen etwas antun.

Ich schaue zu Aidan durch das Panzerglas und spreche leise. Schreien wäre sowieso zwecklos. »Aidan, ich komme wieder. Ich hole dich raus. Versprochen.«

Aidan lässt den Kopf hängen und tritt zurück. Langsam geht er die Stufen zu unserem Deck runter.

Er ist fort, vermutlich ohne Hoffnung. Er kann bestimmt keine Lippen lesen, so wie Godmother.

»Yolanda!«, ruft Godmother.

Ihre Stimme hallt über das Freideck. Sie kann nichts erkennen und hören, doch sie kann uns mit ihren Lügen beschallen. »Aidan hat die richtige Entscheidung getroffen. Er wird hierbleiben. Bleib auch. Bitte.«

»Lügnerin«, zischt Tian. »Aidan will nicht bleiben.«

Zwei, drei, vier Blitze flackern auf. Ein tiefes Donnern schallt über die riesigen Wellen.

»Ich brauche dich!«, ruft Godmother. Sie weiß nicht, dass Tian noch neben mir steht. Oder sie hat ihn einfach schon aufgegeben.

Tian läuft zur Befestigung der Solarzellen. Bei den Lautsprechern bleibt er stehen.

»Ich bitte dich, Yolanda. Komm nach Hause!« Godmother fleht mich an. Diese Stimmlage kenne ich nicht von ihr. Sie kann höflich um etwas bitten oder streng etwas fordern, ich kenne sie traurig und gut gelaunt. Aber diese Verzweiflung ist neu.

»Du bekommst eine Verkürzung der Dienstzeit. Fünf Jahre! Die Analogen von Godland zweiundvierzig werden uns helfen.«

»Weg hier!«, ruft Tian.

Bevor ich etwas sagen kann, ist er schon gesprungen.

Ich gehe zum Rand und schaue in die Tiefe. Zehn oder fünfzehn Meter unter mir ist ein Schiff. Ein echtes Schiff! Nicht sehr groß, aber groß genug, um dieses Unwetter zu überstehen.

»Yolanda!«, brüllt jemand von dort zu mir hoch. Ich erkenne Silver, eingewickelt in eine Decke.

Mindestens ein Dutzend Menschen sind auf dem Schiff, und es sind so viele neue Gesichter.

Es ist nicht eines der Schlauchboote der Verstärkung von Godland zweiundvierzig, das Godmother uns versprochen hat. Es ist ein richtiges Schiff.

Viele von ihnen tragen lange Haare. Godmothers Regeln kennen sie nicht. Sie haben auch keine Schutzanzüge wie wir. Sie tragen bunte Pullover und Hosen, manche gelbe Mäntel, andere rote. Jeder von ihnen sieht anders aus.

Tian wird aus dem Wasser an Deck gezogen. Silver umarmt ihn und schaut wieder zu mir hoch. »Yolanda!«

Kann ich den Menschen dort unten vertrauen?

Silver, Tian, Mary, Conrad und Dad tun es. Also muss ich den Leuten von diesem Schiff auch eine Chance geben.

Blitze flackern auf, und es donnert so kräftig, dass der Boden unter mir vibriert.

Ich suche mir eine Stelle, von wo ich springen kann. Etwas Anlauf ist wichtig, sonst streife ich die Wand der Serverinsel. Unter dem Freideck gibt es Module, die etwas hervorstehen.

Ich laufe ein paar Schritte zurück und renne los. Etwas zischt hinter mir auf. So klingt die Schleuse, ich weiß.

Egal, wen Godmother auf das Freideck schickt – ich drehe mich nicht um, niemand kann mich mehr aufhalten.

»Yolanda!«, ruft eine Frau.

Ich bremse ab, rutsche über den nassen Boden und komme eine Handbreite neben dem Abgrund zum Stehen.

Langsam drehe ich mich um. Diese Stimme kenne ich. Ich habe sie zuletzt im Godland-Film meines Vaters gehört – der Film, in dem ich Geburtstag feierte und meinen kleinen Bruder sah.

Es ist die Stimme meiner Mutter.

In der Schleuse sehe ich ihre Umrisse. Ihr ganzer Körper leuchtet hell.

»Mum?«, flüstere ich.

Das kann nicht sein. Und es stimmt auch nicht!

Diese Person in der Schleuse ist jung und schön wie früher. Sie ist eine Kopie meiner Mutter. Doch was ist besser: eine Kopie von ihr oder nichts von ihr?

»Komm mein Kind, komm nach Hause.«

Ich gehe einen Schritt auf sie zu.

»Yolanda, ich muss dir etwas sagen.«

Noch zwei, drei Schritte. Ich kann durch meine Mutter hindurchsehen. Sie ist ein Hologramm. Kein sehr gutes, Godmother kann das sonst besser.

Meine Mutter streckt mir eine Hand entgegen. »Godland ist dein Zuhause. Nur hier kann ich ewig leben. Mit dir zusammen!«

»Auch Finn wartet auf dich. Er braucht dich.«

Ich blicke zum Hologramm, und selbst wenn ich nur zu einem Programm spreche, fällt es mir schwer. Ich wäre so froh, wenn es mehr als ein Code wäre. »Du bist nicht meine Mutter. Du bist Godmother.«

»Yolanda, mein Kind, wenn …«

Ihre Stimme ist viel zu leise. Ich gehe etwas näher heran und höre ein Zischen. Die Schleuse!

Ich stehe in der Schleuse.

Das war eine Falle.

Ich bin gefangen!

So wie Aidan es war.

Meine Mutter löst sich auf, und das Hologramm verschwindet. Doch etwas ist seltsam, ich spüre noch immer den kalten Wind vom Freideck.

Regen prasselt auf meine Schultern. Die Tür der Schleuse ist noch offen!

Als ich mich umdrehe, schrecke ich zusammen. Ein dürrer Mann steht vor mir. Er hat ein Rohr quer in den Türrahmen gestellt. Ich erkenne den dicken Stab wieder, denn früher habe ich in der Halle daran geturnt.

»Du musst endlich fort von hier!«, schreit der Mann mich an.

Ich erkenne seine Stimme und sehe seine langen Haare. Er war es, der mir in der Turnhalle das Blitzding aus Metall in die Hand gedrückt hat. Das Ding, das so heiß wurde und mit einem Schlag voller Energie Godmother das Leben ausgepustet hat – wenn auch nur für ein paar Minuten.

Eine Träne kullert über ihr fast durchsichtiges Gesicht. Sie tropft auf den Boden, und ich erschrecke. Das kann ein Hologramm nicht! Oder war die Träne nur ein Regentropfen?

Der Langhaarige schüttelt mich. »Komm jetzt! Sie ist nicht echt!«

Ich drehe mich zu meiner Mutter, nein, zu Godmother, die meine Mutter spielt. »Mum, du bist überall!«, schreie ich, stampfe auf den Boden, und das Wasser spritzt hoch. »Überall, aber nicht hier!«

Dann renne ich los, ohne den fremden Mann noch einmal zu beachten, ohne meine Mutter anzusehen.

Godmother muss ab jetzt ohne mich klarkommen. Und ich ohne sie.

Mit einem kräftigen Sprung fliege ich über den Rand. Die Wand der Serverinsel rauscht an mir vorbei, noch einmal hole ich tief Luft. Ich knalle ins Wasser, tauche unter und sehe nur schwarz.

Wo ist oben und wo unten?

Ich strample mit den Beinen, ein Schuh geht dabei verloren, den anderen streife ich ab. Sonst gehe ich unter, bevor mich jemand auf das Schiff ziehen kann. Endlich tauche ich auf und atme.

Sekundenlang blitzt es. Vom Schiff fehlt jede Spur. Die Serverinsel sieht von hier unten aus wie eine alte Festung aus den Märchen meiner Mutter.

Die Wellen sind hoch, klatschen gegen die Wand der Serverinsel. Sie treiben mich dorthin, und ich kämpfe dagegen an.

Die Turbinen laufen auf Hochtouren, ziehen das Wasser ins Innere, erzeugen Strom. Wenn der Sog dieser Anlage mich erfasst, überlebe ich keine drei Sekunden.

Eine Welle schwappt über mich hinweg. Ich schlucke Wasser und spucke es aus, huste und schreie. Es sind keine Wörter, kein »Hilfe!«, sondern es ist einfach nur ein lautes, grelles Geräusch.

Wieder eine Welle, diesmal halte ich die Luft an. Sie rollt über mich hinweg. Ich kann wieder atmen. Nur noch ein paar Meter liegen zwischen mir und den Turbinen. Ihr tiefes Brummen übertönt alles.

Da sehe ich einen Reifen, einen roten Reifen. Mit beiden Händen greife ich danach, klammere mich fest. An dem Reifen ist ein Seil befestigt, und ich spüre, wie mich jemand durch das Wasser zieht.

Noch eine Welle, und ich sehe die Bullaugen des Schiffes. Sie leuchten, und bevor ich dahinter etwas erkennen kann, werde ich aus dem Wasser gezogen.

An Deck spucke ich das Salzwasser aus. Jemand klopft mir auf die Schulter. Es ist der Langhaarige von oben. Sein Sprung war offenbar besser, und er ist schon an Bord.

Ich hätte vor meinem Absprung prüfen müssen, wo das Schiff schwimmt. Stattdessen bin ich drauflosgerannt und viel zu weit weg im Wasser gelandet.

»Jeffrey«, stellt sich der Langhaarige vor.

»Yolanda.«

»Alles okay?«

Jeffrey lächelt. »Da hätte dich Godmother fast reingelegt. Das Biest hat es faustdick hinter den Ohren.«

Die Redewendung kenne ich nicht. Aber ich lächle zurück.

Eine Frau reicht mir eine Decke. Ich merke erst jetzt, wie es mich vor Kälte durchschüttelt. Auf dem Schiff laufen Leute auf und ab, schreien Befehle, die ich nicht verstehe.

Eine Hand zieht mich mit sich, stößt eine Tür auf, eine Treppe führt unter das Deck. Erst unten angekommen, im Lichtschein, erkenne ich, wem diese Hand gehört: Silver.

Minutenlang umarmen wir uns. Silvers Sachen sind so kalt und durchnässt wie meine. Keiner sagt ein Wort. Ich spüre, wie auch ihr Körper zittert.

Jeffrey taucht auf und räuspert sich. »Hier sind trockene Sachen. Sonst holt ihr euch noch den Tod.«

Er drückt uns einen Stapel Kleidung in die Hand: zwei Hosen aus dickem Stoff, Unterwäsche, Shirts und dicke Wollpullover. Die Sachen haben Löcher und Risse wie bei uns auf der Serverinsel, aber sie sind trocken, darauf kommt es an.

Jeffrey fragt nach unseren Schuhgrößen und kommt mit zwei Paar Stiefeln zurück.

Er zeigt auf eine der vielen Türen hier unten. »Dort könnt ihr euch umziehen. Und hier gibt es was zu futtern.«

»Danke«, sagen wir gleichzeitig, und Jeffrey stapft wieder die Treppen hoch.

Eine andere Tür öffnet sich, und Dad kommt mit einem roten Wollpullover voller gelber Punkte heraus.

»Unglaublich«, sagt er.

Ich vermute mal, er meint nicht diesen unglaublich hässlichen Pullover, sondern dieses Schiff mit den fremden Menschen.

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich im fensterlosen, stickigen Raum Tian erkenne. Er zieht sich gerade eine etwas zu große Stoffhose an.

Tian kommt auf uns beide zu und umarmt uns. Dass sein Oberkörper noch nackt ist, stört keinen von uns. Na ja, Silver sowieso nicht.

Tian beeilt sich mit dem Anziehen und überlässt uns den Raum. Wir werfen unsere nassen Sachen in einen Wäschekorb.

»Was war los da oben?«, fragt mich Silver.

Hier unten brummt der Schiffsmotor, und sie muss fast schreien, damit ich sie verstehen kann. »Was hat auf dem Freideck so lang gedauert?«

»Nichts«, huste ich. Vermutlich bin ich krank geworden bei der Kälte.

Das ist jetzt der falsche Ort und keine gute Zeit zum Reden, das merkt Silver. Kaum sind wir angezogen, gehen wir zurück in den Gang und durch die Tür, hinter der es etwas zu futtern gibt.

Der Raum ist so groß wie unsere Kantine und vollgestellt mit Tischen und Bänken. Conrad, Tian und Dad sitzen mit Fremden zusammen. Alle reden laut durcheinander. Sie lachen und sind glücklich.

Dad weint sogar vor Freude. Das habe ich noch nie bei ihm gesehen. Er lacht und hat dabei Tränen in den Augen.

Mary ist nirgends zu sehen. Vielleicht ruht sie sich aus.

Silver und ich setzen uns ans Ende des Tisches. Ein kleiner Junge stellt eine dampfende Tasse vor mir ab. »Festhalten«, sagt er.

Ein kleiner Junge!

Wann habe ich zuletzt ein Kind gesehen?

Der Kleine kommt noch einmal zurück und schiebt mir die Tasse in die Hand. »Musst du festhalten, hab ich gesagt!«

Er schaut zu Silver, die ihn genauso anstarrt. Ihr geht es nicht anders als mir. Der Junge schüttelt den Kopf und hüpft fort.

Kurz darauf überreicht jemand Silver auch eine Tasse. Sie hält sie gleich mit beiden Händen umschlossen.

Da erwischt eine kräftige Welle das Schiff, und wir werden durchgeschüttelt. Das heiße Wasser schwappt über, verbrennt mir die Hand.

Eine Tür zu einem anderen Raum springt auf und knallt wieder zu. Kurz habe ich weitere Tische gesehen, überall saßen Menschen. Waren das eben welche von Deck B?

Wie viele sind auf diesem Schiff? Woher kommen die alle?

Noch so eine fiese Welle. Vielleicht nehmen wir Fahrt auf.

Alles schwankt, und ich klammere mich an den Tisch, der mit dem Boden fest verbunden ist. Doch meine Tasse rutscht über die Tischplatte zum anderen Ende.

Eine Frau hält die Tasse fest, bevor sie runterfällt. Die Fremde steht auf, hält sich an einer Stange an der Decke fest und bringt mir mein Getränk zurück.

Bis eben hat sie sich noch mit Dad unterhalten. Es sah so aus, als würden sich beide seit Jahren kennen. So offen und gesprächig kenne ich Dad überhaupt nicht. Über was haben sie wohl geredet?

»Danke«, sage ich und halte meine Tasse fest.

Sie lächelt. »Bei euch auf der Serverinsel wackelt es sicher nicht so. Das hier ist wie eine Nussschale.«

»Warst du auch Analoge?«, frage ich.

»Nein.«

Mehr verrät sie mir nicht. Na toll.

Wieder schüttelt eine Welle das Schiff durch, und ich will endlich etwas trinken, bevor ich noch mehr verschütte.

Ich nehme einen kräftigen Schluck. Da explodiert etwas in meinem Mund, so süß ist der Geschmack.

»Was ist das?«, frage ich Silver.

Sie nippt vorsichtig an ihrem Becher und strahlt mich an. »Im Labor könnte ich das nicht machen. Die haben hier Zucker!«

»Kein Zucker«, sagt die Fremde und setzt sich zu uns. Vielleicht soll sie sich um uns kümmern, um die Neuen. Oder sie passt einfach nur auf, dass die Tassen heil bleiben. Dann wäre sie wie Godmother.

»Das ist Früchtetee«, sagt die Fremde.

»Früchtetee«, wiederholen Silver und ich gleichzeitig.

Die Frau lacht, hält sich aber gleich eine Hand vor den Mund. »Entschuldigt bitte. Ihr habt schon lange keinen Tee mehr getrunken.« Sie machte eine Pause. »Oder Früchte gegessen.«

Silver überlegt, das sehe ich ihr an. Ich könnte auch nicht sagen, wann ich das letzte Mal in einen Apfel gebissen habe. Woher haben die hier echte Früchte?

Die Frau setzt sich zu uns. »Ich heiße Atara.«

»Ich bin …«, fange ich an.

Doch Atara beendet meinen Satz. »Du bist Yolanda, die Tochter von Jesper. Und du bist Silver, ihre beste Freundin, die mit Tian zusammen ist.«

Stolz auf mich? Das hat er mir noch nie gesagt, aber einer Fremden vertraut er das sofort an. Aus Dad werde ich wohl nie schlau.

Atara zeigt zur Tür vom Nebenraum, die bei jeder kräftigen Welle aufspringt und wieder zuknallt. »Die von Deck B sind schon länger hier und haben uns viel erzählt.«

»Wieso habt ihr nicht auch unser Deck durch so ein Loch rausgeholt?«, fragt Silver.

Atara streicht mit ihrer Hand über den Tisch. »Da lief zu viel schief.« Sie kann uns nicht mehr in die Augen schauen. »Es haben leider nicht alle von Deck B überlebt.«

Silver stockt der Atem. »Wie viele?«

»Fünf.«

Fünf von neun, denn Zoe war nicht mehr unter ihnen. Diese Sache mit dem Loch bei den Schlafkojen von Deck B ging gründlich schief.

»Und wieso macht ihr das überhaupt?«, frage ich.

»Euch retten, meinst du?«

Retten. Von mir aus kann das Atara so sagen. Hauptsache, sie antwortet auf meine Frage.

Ich nicke.

»Jeder von uns hat eigene Gründe«, sagt sie.

Silver geht das Hin und Her sicher genauso auf die Nerven wie mir. Doch sie bleibt dran, verwendet sogar Ataras Wortwahl, bestimmt, um Vertrauen zu gewinnen. So machen wir das bei Godmother auch. Unheimlich, wenn das auf diesem Schiff ähnlich funktioniert.

Atara blickt wieder auf die Tischplatte. »Meine Mutter war eine Analoge wie ihr. Sie war auf eurer Insel. Aber wir …«

Sie holt tief Luft. »… wir kamen zu spät.«

Atara muss nicht weitersprechen, Silver und ich wissen natürlich, wer ihre Mutter war. Sie hat die gleichen braunen Augen, doch das fällt mir erst jetzt auf.

Es sind die wunderschönen Augen von Zoe.