Kapitel Zwei
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Daiven
In Gedanken versunken saß ich neben Nash im Cockpit des Pyrobirds. Er hielt den Fluggleiter ruhig in der Luft, während unter uns der dichte Wald im Osten allmählich in eine weite Ebene gen Westen überging. Die Sonne stand an einem wolkenlosen blauen Himmel bereits im Zenit. Auf uns warteten knappe zwei Stunden Flug, die hoffentlich ohne Zwischenfälle verlaufen würden. Das wusste man nie so genau.
Das Gebiet zwischen Elverston im Osten und dem Hauptstützpunkt der Rebellen im Westen war zwar Niemandsland, trotzdem nicht unbewohnt. Phantome wurden die versprengten kleinen Menschengruppen genannt, die dort meist in eingestürzten und von Pflanzen überwucherten Behausungen alter Städte lebten. Sie gab es seit dem verheerenden Krieg, der vor über hundert Jahren stattgefunden hatte und dem der Untergang der damaligen Zivilisation zugrunde lag. Mit ihren Waffen waren sie unbarmherzig und gerissen. Bislang bestand kaum Kontakt zwischen ihnen und den Rebellen, deshalb gab es keine Garantie, dass sie uns gegenüber freundlich gesinnt wären, müsste der Pyrobird in ihrer Nähe notlanden.
»Du bist seit dem Abflug ziemlich schweigsam und mein kleiner Bruder wirkt auch nicht gerade wie das blühende Leben. Was ist passiert? Komm mir nicht mit der Ausrede, es hätte etwas mit dem Surge zu tun. Ich kenne euch zwei besser.«
Überrascht über die Frage, die ich über den Kopfhörer vernommen hatte, sah ich Nash an und schenkte ihm ein gequältes Lächeln. Einerseits war ich froh, dass er das Gespräch von sich aus in diese Richtung lenkte. Andererseits hätte ich das Geschehene gerne verdrängt. Jedes Mal wenn ich an Adam dachte, der mit Lio und den anderen aus dem Team im hinteren Teil des Pyrobirds saß, kehrte das unbeschreiblich seltsame Gefühl zurück, das ich mir nicht erklären konnte. Lag es an ihm? Oder war es der gesamten Situation geschuldet? Ich wusste es nicht.
»Ich vermute, es liegt an den Gefangenen«, spekulierte Nash und seine Hand berührte die meine. Sanft fuhr er mir mit dem Daumen über den Handrücken.
Seine unmittelbare Nähe zu spüren tat mir gut, trotzdem entzog ich mich ihm. Hier war nicht der richtige Ort für unsere Zuneigungen. Die Tür zwischen Cockpit und Laderaum war zwar geschlossen, dennoch wollte ich kein Risiko eingehen.
»Zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf. Es ist nichts«, log ich nicht gerade überzeugend.
Nash legte die Stirn in Falten. »Los, raus mit der Sprache! Oder muss ich dir erst eine Lektion erteilen?«
Grummelnd richtete ich den Blick geradeaus. »Das würdest du nicht wagen.«
»Wollen wir es darauf ankommen lassen?« Aus Nashs Tonfall schloss ich, dass er bereit war, es zu riskieren.
Sekunden später kitzelte sein warmer Atem meine Wange. Er hatte sich zu mir hinübergebeugt und ein Arm lag auf meiner Schulter. So nah waren wir uns nur, wenn wir gemeinsam heimlich im Wald in unserem Versteck lagen. Dass er jetzt so kühn war, versetzte mein Herz in Aufruhr. Augenblicklich spürte ich ein leichtes Kribbeln auf der Haut und die Leidenschaft, die uns beide miteinander verband, flammte auf. Ich gab es nur ungern zu, doch in den vergangenen zwei Wochen hatte ich seine innige Begierde vermisst. In dieser Zeit waren uns nur verstohlene Berührungen und flüchtige Küsse geblieben, und das auch nur, wenn wir uns sicher waren, unbeobachtet zu sein.
»Angst?«, hauchte er mir ins Ohr.
»Niemals«, flüsterte ich und drehte mich zu ihm. Lustvoll blickte ich ihm in die schwarzbraunen Augen und biss mir nervös auf die Unterlippe. Dennoch hatte er es auf den Punkt gebracht. Niemand auf dem Stützpunkt, noch nicht einmal die Jungs unserer Einheit, wussten von der körperlichen Beziehung, die ich mit Nash seit zwei Jahren pflegte. Liebe war es vermutlich nicht, die uns verband, sicher war ich mir jedoch nicht. In Nashs Armen fühlte ich mich geborgen und frei von Zwängen. Küsste ich dagegen eine Frau, erweckte es in mir stets den Eindruck von Pflicht. Daher hatte ich mich immer wieder gegen Lios Verkupplungsversuche mit jungen Frauen gesträubt. Mein Entschluss stand fest. Ich wollte lieber Single bleiben. Mein bester Freund verstand es nicht, denn er war bereits verlobt und seine Frau Caren erwartete in ein paar Monaten ihr erstes Kind.
Ich schloss die Augen und spürte Nashs Lippen, die zärtlich die meinen liebkosten. Behutsam streichelte ich seine Zunge, die Einlass begehrte und öffnete den Mund. Zuerst einfühlsam, dann voller Lust erwiderte ich den Kuss. Die Anspannung fiel von mir ab und ich wusste, dass er genau das damit bezweckt hatte.
»Bist du jetzt bereit zu reden?« Nashs keckes Grinsen war ansteckend.
»Dreckskerl!«, schimpfte ich und boxte ihm lachend gegen die Schulter.
»Immer ein Vergnügen.« Er prustete los und nahm die Steuerung wieder in beide Hände. Anschließend prüfte er die Anzeigen auf dem Display vor sich und bedeutete, ich sollte den Steuerknüppel vor mir anfassen.
»Ich hatte erst fünf Flugstunden«, protestierte ich, obwohl ich es nicht verhehlen konnte, dass mir sein Vorschlag gefiel.
Nash zwinkerte. »Dann kommen jetzt zwei dazu. Hör auf mich, ich bin immerhin dein Fluglehrer.«
Mit Vorfreude übernahm ich die Navigation und war überrascht, dass es mir ohne ein verräterisches Rucken gelang. Ich konzentrierte mich auf das erhabene Gefühl, den Pyrobird in der Luft zu halten und verdrängte den Zwischenfall mit Lio im Wald. Das monströse Fluggerät war eine der zahlreichen Weiterentwicklungen des einstigen Militärs und eine Mischung aus Transporthubschrauber und Kampfhelikopter. Mittels Pyroantrieb glitt er kaum hörbar dahin, was ihm durch den Einsatz einer äußerst komplizierten Kernfusion gelang. Hinzu kam das geringere Gewicht aufgrund nicht benötigter Treibstofftanks. Somit war der Antrieb äußerst effizient und besaß zugleich eine unerschöpfliche Energiequelle, die vor dem Krieg nur eine Sonne produzieren konnte. Ein Hoch auf die Ingenieurskunst. Ihr war es zu verdanken, dass lange vor meiner Geburt ein derart einzigartiger Durchbruch gelungen war. Lediglich der blaue Dunst aus den Schubdüsen verriet, mit was wir uns fortbewegten.
Sorgfältig überprüfte ich die Höhe, beobachtete den Radarschirm und achtete auf das Tempo. Nur größere Fluggleiter erreichten die Schallgeschwindigkeit, doch mit solch einem waren wir heute nicht unterwegs.
»Du bist ein Naturtalent«, lobte mich Nash und lehnte sich entspannt zurück.
»Oder es liegt am Lehrer.«
»Das sowieso.«
Wir lachten beide und ich konzentrierte mich wieder auf das Fliegen.
»Vielleicht schlage ich Callahan vor, dass du beim nächsten Mal den Bird fliegst und ich endlich wieder etwas bei einem Einsatz erleben darf, anstatt euch allen nur aus der Ferne zuzuhören.«
»Dein Ernst?«
Nash lächelte geheimnisvoll. »Erzähl mir erst, was los war.«
Seufzend gab ich nach. Es war ohnehin unausweichlich, dass ich unserem Oberkommandanten Bericht erstatten musste und Nash dabei anwesend wäre.
»Es gab eine kleine Auseinandersetzung und damit meine ich jetzt nicht Lio und mich. Das ist alles.«
»Das ist alles?« Nash wirkte nicht überzeugt. Er fixierte mich weiterhin mit unnachgiebigem Blick.
Schließlich sprang ich über meinen eigenen Schatten und erzählte ihm haargenau, was geschehen war. »Etwas stimmt mit den Gefangenen nicht. Zuerst dachte ich, dieser Adam hilft uns nur, weil er fliehen will. Immerhin war das die Gelegenheit. Aber jetzt denke ich, ich habe Lio Unrecht getan«, endete ich und fühlte mich unerklärlicherweise mies. Wobei es sich mehr wie eine unliebsame Ahnung anfühlte, dass sich hinter alldem mehr verbarg.
»Wir werden es herausfinden ... schon bald. Nur zu schade, dass es kein Surge ist, den wir mitbringen.«
Ich lächelte. »Deine Mum hätte sich mit Freude auf ihn gestürzt, ihn auseinandergenommen und jeden Schaltkreis studiert.« Nashs und Lios Mutter gehörte nicht nur zu den besten Ingenieuren in unseren Reihen, Sophie war regelrecht von den Supervisors besessen. Sie zerlegte alles, was mit den Robotern zu tun hatte in kindlicher Freude, um so viel wie möglich über den Feind herauszufinden. Ein Grund war darin geschuldet, dass einer dieser skrupellosen mechanischen Monster den Tod ihres Mannes zu verantworten hatte.
»Spätestens bei der nächsten Aufklärungsmission wissen wir mehr. Ich übernehme gerne persönlich das Verhör«, bedeutete Nash augenzwinkernd und deutete mit dem Kinn nach hinten.
Ich nickte und schluckte kaum merklich, um mich wieder aufs Fliegen zu konzentrieren. Da ich Nash nur zu gut kannte, war ich beunruhigt. Er war keinesfalls zimperlich und konnte sehr überzeugend sein, wenn er es musste. Bis heute war ich nie bei einem Verhör zugegen gewesen. Das oblag den obersten Rängen und Nash gehörte mit seinen erst neunundzwanzig Jahren als Colonel dazu, während Lio und ich den Rang eines Lieutenants innehatten. Meine Mutmaßungen über die angewandten Foltermethoden waren deshalb nur dürftig. Aber ich wusste, dass die Menschen anschließend nicht mehr dieselben waren als zuvor.
* * *
Endlich erspähte ich unweit vor mir die ersten Ausläufer der nordwestlich gelegenen Rocky Mountains. In wenigen Minuten waren wir zu Hause. Vor uns hatte sich eine dunkle Wolkenfront gebildet, die einige der über zweitausendfünfhundert Meter hohen Gipfel wie Zuckerwatte einhüllte. Für Ende September keine ungewöhnlichen Wetterverhältnisse. Zuerst kamen starke Gewitter und in den kommenden Wochen würden die Temperaturen rapide fallen. Der erste Schnee ließ sich oft in den Anfangstagen des Novembers blicken.
»Jetzt übernehme ich!«, sagte Nash und ich übergab ihm erleichtert das Steuer. Der Flug war ohne Zwischenfall verlaufen, doch die Landung des Gleiters überließ ich ihm mangels Erfahrung liebend gerne. Neugierig beobachtete ich Nash, der zuerst die Geschwindigkeit und dann die Höhe verringerte. Kurz darauf verließen wir die Wolkendecke und unter uns erstreckte sich ein dichter, hügeliger Wald. Dahinter tauchte die halbkreisförmige Halbinsel Timbermore Point auf, von der sich auch der Name unseres Stützpunktes herleitete. Sie ragte am südlichen Teil in einen riesigen See hinein. Zahlreiche Gebäude zeichneten sich undeutlich im Bodennebel ab. Dahinter erstreckte sich ein weitläufiges Wald- und Sumpfgebiet.
Der Anblick erinnerte mich an frühere Zeiten. Damals, als ich mit zwölf Jahren meine Ausbildung begonnen hatte. Gemeinsam mit den anderen Rekruten musste ich tagelange Gewaltmärsche durch diese Gegend absolvieren. Dazu gehörten neben einem Überlebenstraining in der Wildnis unzählige Erforschungen bei Tag und Nacht. Ich kannte das Gebiet im Umkreis von zweihundert Quadratkilometern genauso ausgezeichnet wie Timbermore Point selbst.
Nash überflog zuerst die streng bewachten Außenanlagen des Hauptstützpunktes. Dann näherte er sich langsam aber zielgenau dem Landeplatz. Die restlichen vier Pyrobirds standen nicht an ihren üblichen Plätzen. Somit waren wir die erste Einheit, die am heutigen Tag von ihrer Aufklärungsmission zurückkehrte.
»Birdie drei an Flugzentrale«, sprach er ins Funkgerät. »Die Dragons erbitten Landeerlaubnis. Wie es scheint, sind wir ausnahmsweise die Ersten und nicht die Letzten.«
»Flugzentrale an Birdie drei. Mila am Rohr«, kam prompt die Antwort. »Schön deine Stimme zu hören, mein Süßer. Ja, ihr seid heute früh dran. Die anderen müssten aber auch bald eintreffen. Landeerlaubnis erteilt. Wir sehen uns gleich.«
Nash verdrehte die Augen und ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen. Es war kein Geheimnis, dass die Ersatzpilotin Mila schon länger Interesse an ihm zeigte und es ihm bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb.
»Roger, Mila. Gib Callahan Bescheid, dass wir nicht alleine sind. Daiven und Lio haben uns ein paar Geiseln aus Elverston mitgebracht.«
Es entstand eine kurze Pause, dann bestätigte Mila und Nash unterbrach die Funkverbindung. Der Pyrobird näherte sich stetig weiter dem Landeplatz, bis er recht sanft auf dem Betonboden unter uns aufsetzte und die Schubdüsen herunterfuhren.
»Deine Mum würde im Dreieck hüpfen, wenn du die Verlobung mit Mila bekannt geben würdest«, neckte ich ihn und zog den Pilotenkopfhörer ab. Sophie ließ nichts unversucht, um ihn an eine Frau zu verkuppeln. Mila war ihre Spitzenkandidatin.
»Nicht du auch noch. Hör bloß auf!« Er sah mich belustigt an.
»Wie wäre es mit einer Runde Schwimmen um Mitternacht an der East Bay? Bis dahin hast du eine Menge Zeit für Mila«, forderte ich ihn heraus und erwähnte absichtlich unseren geheimen Treffpunkt.
»Willst du, dass ich mir den Arsch abfriere? Aber gegen ein mitternächtliches Stelldichein hätte ich nichts einzuwenden.« Nash streichelte mir zärtlich über den Handrücken, dann stand er auf und öffnete die Cockpittür zur hinteren Kabine. Mit strengem Blick gab er an die Insassen den Befehl auszusteigen.
Ich folgte der Gruppe als Letzter und genoss die bewunderten Blicke der Schaulustigen, beim Mustern der Gefangenen, die sich in einer Reihe aufstellen mussten. Erst jetzt bemerkte ich, dass Lio von der Prügelei mehrere blaue Flecken in Gesicht und an den Händen davongetragen hatte.
»Gerade höre ich noch überrascht davon und nun sehe ich es mit eigenen Augen«, drangen die Worte an mein Ohr.
Mit ausgelassenem Gesichtsausdruck drehte ich mich zu dem Besitzer der männlichen Stimme um. Oberkommandant Ray Callahan kam schnellen Schrittes näher. Er war ein hochgewachsener muskulöser Mann, der schon durch sein strenges Auftreten Autorität ausstrahlte. Seine schwarze Uniform unterstrich sie nur. Ich kannte ihn bereits mein ganzes Leben lang und sah zu ihm auf. Er hatte mich nach dem frühen Tod meiner Eltern mit drei Jahren wie einen Sohn bei sich aufgenommen. Von ihnen waren mir nur schemenhafte Erinnerungsfetzen geblieben und das Wissen, dass sie für unsere Sache in einer Schlacht ihr Leben verloren hatten.
Callahan blieb vor der Truppe stehen. Zuerst inspizierte er die zerlumpten und verdreckten Gestalten skeptisch, ehe sein strenger Gesichtsausdruck einem breiten Grinsen wich. Für einen Moment glaubte ich, darin eine seltsame Erkenntnis zu erhaschen. Das Gefühl verschwand jedoch schnell wieder, als er den Dragons ein anerkennendes Nicken schenkte. Er klopfte Lio und mir wohlwollend auf die Schulter. Das tat er nur selten.
»Gut gemacht, ihr beiden«, lobte er uns und wandte sich ein weiteres Mal den Gefangenen zu. »Ihr werdet uns schon bald verraten, was wir wissen wollen. Bis dahin dürft ihr unsere Gastfreundschaft genießen. Aber erwartet nicht allzu viel Komfort.«
»Die am Ende unter der Erde endet ...«, sagte Adam völlig überraschend mit trotziger Stimme.
Ich zuckte zusammen und erwartete nichts Gutes.
»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vorlauten Typen wie dir wissen wir schon das Maul zu stopfen.« Callahan ballte die Fäuste und verpasste Adam einen kräftigen Schlag in die Magengegend, woraufhin er sich stöhnend nach vorne krümmte.
Ein erheitertes Lachen ging durch die Truppe. Lio und ich schwiegen. Callahan tauschte mit Nash einen auffordernden Blick aus, den unser Colonel mit einem »Selbstverständlich, Sir!« und einer salutierenden Handgeste beantwortete. Erklärungen waren in diesem Fall unnötig.
Mein Ziehvater lächelte teuflisch und ich verspürte einen kalten Schauder, der mir den Rücken herunterlief. Ich kannte seine Gnadenlosigkeit, die von seinem ausgeprägten Überlebensinstinkt herrührte und selbst bei mir nicht endete – vor unseren Feinden schon gar nicht. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob diese bei Adam und seinen Leidensgenossen angebracht war. Ich schluckte einen Kloß im Hals herunter und verbannte alle grausamen Bilder der bevorstehenden Folter aus meinem Kopf. Callahan und auch Nash schienen keine Gewissensbisse zu empfinden. Die Augen des Oberkommandanten blitzten sogar vor Vorfreude auf.
»Dann ist das geklärt. Daiven und Lio, bringt sie in den Kerker! Danach berichtet ihr mir beide. Nash, du kommst mit. Der Rest kann wegtreten.« Das war das Letzte, das Callahan sagte, ehe er sich gemeinsam mit Nash entfernte.
»Beim nächsten Mal klappt es bestimmt mit einem Surge. Dann platzt er vor Stolz«, hörte ich Franc aus der Truppe nah an meinem Ohr flüstern, als er an mir vorbeikam, Adam absichtlich anrempelte und in Richtung Mannschaftsquartiere verschwand.
»Die werden schon bald wie die Vögelchen singen«, kam es von Sam mit verschwörerischem Unterton von der anderen Seite, bevor er Franc folgte.
Kevin und Harry schlossen sich ihnen an, ebenso Eugene. Zusammen marschierten die Jungs zu den Unterkünften. Lio und ich waren allein.
Langsam drehte ich mich ihm zu und sah ihm direkt ins Gesicht. Sein Grinsen verriet, dass er mir die Sache im Wald nicht mehr übel nahm.
»Einen Vorschlag zur Güte. Du gehst schnell zu Caren und ich eskortiere die Gefangenen nach unten«, schlug ich versöhnlich vor.
Lio zwinkerte. »Entschuldigen ist nicht drin. Es war eine blöde Situation und meine Nerven lagen blank.«
»Meine auch. Aber ich hätte auf dich hören sollen und nun haben wir den Surge verloren.« Ich seufzte zerknirscht.
»Das schon, aber Nash wird sich die Typen ordentlich zur Brust nehmen. Das ist Versöhnung genug.« Lio schielte angesäuert zu Adam, dann schlug er mir kameradschaftlich auf den Rücken und grinste noch breiter.
»Okay. Wir sind uns einig. Beeil dich!«, sagte ich und ließ mir nicht anmerken, dass eine große Last von meinen Schultern fiel. Sie wurde jedoch sofort von dem mulmigen Bauchgefühl ersetzt, von dem ich mir inzwischen sicher war, dass die Ursache von Adam ausging. Er hatte bisher keinerlei Furcht gezeigt und das war ungewöhnlich genug. Ich ahnte, dass er hinter seinem unnahbaren Auftreten etwas verbarg und schon bald würde ich es durch das kommende Verhör erfahren.
»Bis später, Daiven. Vergiss nicht, nachher wird gefeiert. Ich weiß zufällig, dass Sam und Kevin etwas auf die Beine stellen.« Lio hob die Hand zum Gruß und eilte davon. Er und Caren lebten in einer kleinen Hütte am Rand des Stützpunktes.
Ich holte tief Luft und wandte mich an die Gefangenen. In ihren Mienen konnte ich die Angst deutlich erkennen. Einzig Adam wirkte wütend.
»Setzt euch in Bewegung! Da entlang!« Ich deutete mit dem Lauf des Maschinengewehrs zu einem fünfstöckigen quadratischen Gebäude in hundert Metern Entfernung. Es war während des Krieges erbaut worden und die verwitterte Betonfassade zeugte von dessen Alter. Die oberen Stockwerke dienten uns als Lager. Die Kellergewölbe beherbergten Zellen. Früher hatte das Militär hier Kriegsgefangene inhaftiert und an ihnen experimentiert. Durch die Abgeschiedenheit im Nirgendwo der perfekte Ort, wie mir einmal Callahan erklärte. Zumindest damals. Heute erinnerte lediglich der verblasste Schriftzug »Illwood Strafgefangenen Lager« über der Eingangstür an dessen damalige Existenz.
»Was geschieht jetzt mit uns? Sperrst du uns in ein dunkles Loch und wirfst den Schlüssel weg?«, erkundigte sich Adam mit widerspenstigem Unterton und sah über seine Schulter zu mir zurück.
Zuerst wollte ich ihm antworten, er sollte besser den Mund halten, aber seine freche Art imponierte mir seltsamerweise mehr, als ich zu zugeben bereit war. Ich wusste nicht, ob ich mich in seiner Lage so taff gegeben hätte.
»Du hast Callahan gehört«, war alles, was ich antwortete. Ich schloss zu ihm auf, um ihn besser im Auge zu behalten.
»Dann hat er längst unser Todesurteil unterzeichnet«, meinte er flüsternd.
»Das weiß nur er alleine.«
»Ich kenne die Horrorgeschichten der Black Devils , wie ihr Rebellen euch selbst nennt. Jeder in Elverston kennt sie.«
»Halt die Klappe!«, warnte ich ihn und doch wollte ich wissen, was er wusste. Noch mehr interessierte mich, warum er sich in Begleitung der Supervisors im Wald aufgehalten hatte.
»Du bist nicht wie deine Freunde«, erklärte er mir nach einem Moment des Schweigens. »Falls ich morgen noch lebe, erkläre ich dir gerne, wie du die Sprengfalle beim nächsten Mal ohne Explosion überlebst.«
Ich blieb stehen und befahl den Gefangenen es ebenfalls zu tun. Dann trat ich dicht an Adam heran und richtete die nächsten Worte im Flüsterton an ihn. »Wer bist du?«
Er lächelte. »Jemand, der euch nützlich sein kann.«
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie seine Gefährten mir allesamt kaum merklich zunickten. Ironischerweise bezweifelte ich Adams Aussage nicht. Doch er war unser Feind und daran würde sich nichts ändern.
»Setzt euch wieder in Bewegung!«, rief ich frostig und stieß ihm absichtlich den Gewehrlauf in die Seite.
Adam biss die Zähne zusammen, ging jedoch ohne Widerworte weiter und schon bald erreichten wir das Ziel. Er stockte, als er den Schriftzug über der Tür las, dann zuckte er mit den Schultern und betrat mit hängendem Kopf das Gebäude.
Mein Blick war neugierig auf ihn gerichtet. Welches Geheimnis er auch verbarg, es fing mich allmählich an zu interessieren. Sträubend verdrängte ich alle Gedanken an ihn und führte die Gefangenen über eine Stahltreppe in den Keller. Da zurzeit keine der Zellen besetzt war, entschied ich mich, jeden einzeln einzusperren. Adam war der Letzte. Er zögerte, bevor er in den fünf Quadratmeter großen, dämmrigen Raum eintrat. Ehe ich die Tür hinter ihm schloss, drehte er sich um und schenkte mir ein freundliches Lächeln.
»Du bist wirklich nicht wie deine Freunde«, wiederholte er. »Trotz der Umstände hat es mich gefreut, dich kennenzulernen. Ich schätze mal, du kennst die Wahrheit über Illwood. Falls nicht, scheinst du ein schlauer Typ zu sein und findest es heraus.«
Irritiert starrte ich ihn an und fragte mich, worauf er anspielte. Ich entschloss mich kurzweg dafür, seine Worte zu ignorieren und ihn und seine Mitgefangenen endgültig aus dem Gedächtnis zu streichen. Welche Absicht er auch verfolgte, ich ließ mich nicht darauf ein. Hinter mir lag ein anstrengender Tag. Ich wollte unbedingt duschen, etwas essen und mit meinen Kameraden den Abend genießen. Außerdem erwartete Callahan einen ausführlichen Bericht unserer Mission. Nashs Folter würde schon dafür sorgen, dass Adam seine Geheimnisse preisgab. Damit hatte ich nichts zu tun. Geräuschvoll ließ ich die Zellentür zufallen und wandte mich ab.