Kapitel Fünf
* * * * *
Daiven
Mein Puls raste. Deutlich konnte ich das Blut im Mund schmecken. Die kleine Wunde, die Nashs Biss auf meiner Zungenspitze hinterlassen hatte, pochte. Mit schnellen Schritten eilte ich zum Ausgang und stürzte hinaus ins Freie. Gleich neben der Tür lehnte ich mich an das kühle Mauerwerk.
»Verfluchte Scheiße! Was war das?«, murmelte ich und versuchte meine wirren Gedanken zu ordnen.
Bislang war Nash mir gegenüber niemals grob geworden. Was war nur los mit ihm? Ob es am Koma lag, aus dem er erst vor Kurzem erwacht war? Das schien mir zu absurd. Ich hatte nie gehört, dass sich ein Mensch nach dem Aufwachen plötzlich aggressiv verhielt. Völlig anders, als man es von demjenigen gewohnt war. Leider konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären. Fest stand nur, das war nicht Nash, der da im Bett lag. Seufzend blickte ich hinauf in den Abendhimmel. Der Halbmond linste im Osten bereits über einen der niedrigen Gipfel hervor. Normalerweise beruhigte mich dieser Anblick. Vor allem dann, wenn ein neuer Einsatz bevorstand. Heute war dem nicht so, ich war viel zu aufgewühlt.
Lios grimmige Miene schlich sich in meine Gedanken. Ich musste ihn suchen. Wütend neigte er dazu Dinge zu tun und zu sagen, die er später bereute. Außerdem benötigte ich dringend eine Ablenkung.
Es war vermutlich ohnehin besser, wenn ich nicht weiter über die befremdlich wirkende Situation nachdachte. Morgen würde sich ganz gewiss alles aufklären. Nash war Nash und unter normalen Umständen war er ein liebevoller und witziger Mann. Er liebte Abenteuer und wäre der Erste, der sich mutig und selbstlos opfern würde, um einen aus unserer Truppe zu retten. So und nicht anders kannte ich ihn.
Dennoch verspürte ich einen seltsamen Knoten in der Magengegend. Mir wollte es nicht gelingen, den Kopf freizubekommen. Zuerst hatte mich die Sorge um Nash innerlich zerfressen, und nun hatte er mir eine Seite von sich gezeigt, die bei mir eine Gänsehaut auslöste. Im negativen Sinn.
»Du siehst Gespenster, wo keine sind«, redete ich mir ein und stieß mich von der Mauer ab.
Der Grund meiner übertriebenen Sorge lag wohl daran, dass ich völlig übermüdet war. Hinter mir lag eine fast schlaflose Nacht, und ein Tag, den ich mit irrsinniger Grübelei verbracht hatte. Obwohl mir der Appetit erneut vergangen war, steuerte ich direkt auf das zweistöckige Gebäude zu, in dem sich die Kantine befand. Ich beschloss, mir ein Sandwich zu holen und mich danach auf die Suche nach Lio zu begeben.
»Daiven!«, rief unerwartet eine weibliche Stimme nach mir. Ich drehte mich überrascht um.
Sophie kam eilig auf mich zu und japste nach Luft, als sie vor mir zum Stehen kam. Zu meiner Verwunderung trug sie ihre Militäruniform. Das tat sie selten und meist nur dann, wenn sie den Stützpunkt verließ und die fünfundzwanzig Kilometer entfernte Betabasis im Norden aufsuchte.
»Nash ist wach«, sagte ich und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Ich mochte sie. Ab und an sah ich in ihr die Mutter, die ich nie gehabt hatte.
Sie legte mir eine Hand an den Oberarm, sah mich mit mütterlicher Fürsorge an und beruhigte ihren Atem. »Ja, ich weiß. Ich war dabei, als der Arzt ihn aufweckte. Am liebsten hätte ich ihn selbst untersucht, aber ich musste dringend zu Douglas, um mir einen Rat einzuholen. Du kennst ihn bestimmt noch.«
Ich nickte. »Das ist der eigenbrötlerische Typ mit dem Hang zur Selbstzerstörung.«
Sophie lachte herzlich. »So kann man ihn auch bezeichnen. In Wirklichkeit ist er brillant. Ich gebe es nur ungern zu, aber er kennt sich mit Technik besser aus, als ich und ab und an benötige ich seine Fachkenntnisse. Mir wäre es lieber, es wäre umgekehrt.« Sie grinste. »Aber lassen wir ihn außen vor, diesmal konnte er mir leider nicht weiterhelfen. Was Nash betrifft, bin ich einfach nur unendlich erleichtert, dass es ihm besser geht. Sein Zusammenbruch kam ziemlich plötzlich. Zum Glück warst du gerade bei ihm, als es passiert ist, ansonsten hätte er womöglich lange dort gelegen und niemand hätte es bemerkt.«
»Nash ist stark. Ihn wirft so schnell nichts aus der Bahn.« Kaum hatten die Worte meinen Mund verlassen, fühlten sie sich merkwürdig schal an. Vehement versuchte ich, die wirren Emotionen zu dem surrealen Vorfall zu unterdrücken. Bestimmt gab es eine plausible Erklärung für sein Verhalten und bald würde sich das Ganze in Wohlgefallen auflösen.
»Das ist mein Großer«, bestätigte sie stolz. »Aber ich will dich nicht anlügen. Das hätte nicht passieren dürfen.«
Ich blickte sie verwirrt an. »Ich weiß nicht einmal, was überhaupt passiert ist. Es sagt ja keiner etwas.«
»Genau deswegen suche ich dich. Ray will dringend mit dir reden. Ich komme soeben von ihm.«
Dass Sophie Callahan beim Vornamen nannte, war eher eine Seltenheit und irritierte mich einen Moment. Ich wusste, dass beide eine besondere Beziehung zueinander pflegten, doch bisher hatte sie ihn in meiner Gegenwart nie den Namen Ray benutzt.
»Warum?«
»Kann ich dir hier nicht sagen.« Sie sah kurz über die Schulter und vergewisserte sich, dass niemand unsere Unterhaltung mitverfolgte. Als ihr Blick den meinen wieder traf, hatten ihre Gesichtszüge einen liebevollen Ausdruck angenommen. »Bitte Daiven, geh zu deinem Vater, er wird dir alles erklären.«
»Mein Vater«, wiederholte ich flüsternd und zuckte innerlich zusammen. So hatte ich Callahan gerufen, bis ich mit zwölf Jahren meine Ausbildung begonnen hatte. Ab dem Zeitpunkt hatte sich alles verändert. Ob zum Positiven oder Negativen, das konnte ich selbst nicht beantworten. Einerseits war ich froh, dass er sich meiner angenommen hatte. Andererseits erinnerte ich mich wie gestern an seine strengen Erziehungsmethoden. Zu seinen Maßregelungen gehörten Ohrfeigen fast schon zum guten Ton. Anders kannte ich ihn nicht und trotzdem hegte ich tief in mir verborgen dankbare Gefühle. Wäre er nicht gewesen, wäre ich vermutlich wie meine Eltern im Wald von wilden Tieren zerrissen worden. Ich konnte mich nur schwammig an eine Menge Blut erinnern, ansonsten gab es da nur eine dunkle Leere. Dass ich überhaupt lebend gefunden worden war, grenzte an ein Wunder, wenn ich Callahans Worten glaubte. Als Dreijähriger hatte ich drei Tage ohne Wasser und Essen bei ihnen ausgeharrt, bis er mich endlich gefunden hatte.
»Er liebt dich«, sagte Sophie mitfühlend und nahm meine Hand.
Sie war ebenfalls schon mehrmals Opfer seiner schroffen Art geworden und musste sich einiges gefallen lassen, obgleich die beiden in einer besonderen Beziehung standen. Nicht einmal Lio wusste, was sie in Wahrheit miteinander verband. Nash ahnte es und schien es kommentarlos zu respektieren. Zumindest hatte er mir diesbezüglich nie etwas verlauten lassen. Ich dagegen hatte vor einigen Jahren zufällig die Wahrheit herausgefunden und versprochen, Stillschweigen zu bewahren. Das tat ich bis heute. Ich sah keinen Sinn darin, Sophies und Rays Affäre unter die Leute zu bringen.
»Du kennst ihn«, fuhr sie besonnen fort. »Er ist nicht der Typ, der es offen zugeben würde, aber in seinem Herzen bist und bleibst du sein Sohn.«
»Ich verstehe schon. Er ist der Oberkommandant und für uns alle verantwortlich«, gab ich frostiger zurück, als gewollt.
Sophie lächelte. »So ist es. Zufällig weiß ich, dass er unglaublich stolz auf dich ist. Vor allem aufgrund des letzten Einsatzes an der Grenze. Nicht zu vergessen, hast du ihm eine unerschöpfliche Wissensquelle beschert.«
»Es wäre nur schön, wenn er mir das ab und zu zeigen würde.«
»Das tut er, Daiven. Auf seine ganz eigene Art. Hätte er sonst deiner Pilotenausbildung zugestimmt. Du weißt ...«
»... dass nicht jeder dazu geeignet ist«, beendete ich den Satz für sie.
»Du darfst eines nie vergessen, er trägt eine große Verantwortung auf seinen Schultern. Eines Tages wird es uns gelingen, die Grenze von Elverston zu überwinden und die Surges ein für alle Mal auszuschalten. Deshalb arbeitet er ... arbeiten wir gemeinsam unermüdlich daran. Jetzt geh! Lass ihn nicht warten!«
Ich holte tief Luft und gab schließlich nach. Niemand widersetzte sich Callahan ungestraft. Aus einer Lust und Laune heraus, hatte er vor einigen Jahren sogar den Tod eines Colonels befohlen, weil er sich ihm offen verweigert hatte. Ich verabscheute es, wenn jemand sinnlos sterben musste. Davon abgesehen, hatte der fast über hundert Jahre andauernde Krieg zwischen Elverston und Timbermore Point ohnehin bereits zu vielen Menschen das Leben gekostet. Inklusive das meiner Eltern.
Solange Elverston sich erbittert gegen den Frieden aussprach, würde es immer so weiter gehen. Sie nahmen uns nicht ernst und hielten uns für rückständig, da wir die stetig wachsende Robotertechnik seit jeher ablehnten. Callahans Gerüchten zufolge war die Regierung von Elverston der Ansicht, dass man die menschlichen Komponenten im Lauf der Zeit mit der Technik von heute austauschen sollte, um am Ende den unsterblichen Menschen zu erschaffen. Die Surges waren erst die Spitze des Eisberges.
Alles hatte seinen Anfang im einundzwanzigsten Jahrhundert genommen. Bei jedem neuen Einsatz im Grenzgebiet erinnerte ich mich an den Geschichtsunterricht zurück. Zuerst war ein tödliches Virus als biologische Kriegswaffe eingesetzt worden. Der genaue Name fiel mir nicht mehr ein. Ich wusste nur noch, dass es eine heftige Entzündung der Lunge verursachte, die bei einem geschwächten Immunsystem zu hundert Prozent tödlich verlief. Die Krankheit hatte sich schneller verbreitet, als Impfstoff produziert werden konnte. Die heutige Weltbevölkerung war inzwischen gegen das Virus immun. Welcher Staat den Erreger als erster eingesetzt hatte, war nie festzustellen gewesen. Man wusste nur, als die Seuche ausbrach, hatte das Unheil längst seinen tödlichen Verlauf genommen. Damit hatte der dritte Weltkrieg begonnen. Das Virus und der Einsatz von Atomwaffen hatten innerhalb von nur einem Jahr über sieben Milliarden Menschen das Leben gekostet. Inzwischen gab es nur noch wenige vereinzelte Großstädte wie Elverston auf der gesamten Erde verteilt. Darunter, zu Callahans Leidwesen, kaum welche, die sich gegen die Philosophie des unsterblichen Menschen zur Wehr setzten.
* * *
Nervös stand ich im Büro des Oberkommandanten. Das letzte Mal, als ich den Raum betreten hatte, lag vier Monate zurück. Zu meinem Erstaunen hatte sich nichts verändert. Auf dem übervollen Schreibtisch stapelten sich Papiere. Daneben befanden sich sechs Bildschirme, die mit dem Sicherheitssystem des Stützpunktes verbunden waren. Dadurch war Callahan immer auf dem Laufenden. An der Wand hinter ihm hing eine große Karte, die ganz Nordamerika zeigte. Darauf waren die heutigen Grenzen, das Niemandsland der Phantome und die Siedlungen der Feinde deutlich gekennzeichnet. Ebenso die Flugrouten, die wir für unsere Erkundungsmissionen nahmen.
Callahan drehte mir den Rücken zu. Er hatte das Headset auf und sprach mit jemandem über Funk.
»Murdock, ich sehe, was ich machen kann. Versprechen kann ich aber nichts. In spätestens drei Wochen ist wieder ein großer Einsatz geplant, bis dahin brauche ich jeden, der verfügbar ist.« Es entstand eine kurze Pause, dann brüllte er: »Dann mach es gefälligst möglich!«
In letzter Zeit war Callahan gereizter als sonst und oft ließ er es an demjenigen aus, mit dem er gerade sprach. Dieses Mal war der Leidtragende Colonel Murdock. Ich kannte ihn nur flüchtig. Er kommandierte das Außenlager im Norden. Es war der Ort, an dem mehrere unserer Gewächshäuser standen. Darüber hinaus wurde die Einrichtung zu Forschungszwecken aller Art genutzt. Lager B, wie es bezeichnet wurde, war hermetisch abgeriegelt und durch ein ausgefallenes Abwehrsystem mit automatischen Schussanlagen gut gesichert. Sophie war erst kürzlich von dort zurückgekehrt und ich persönlich hatte die Betabasis erst zwei Mal in meinem Leben betreten.
Callahan riss sich den Kopfhörer herunter und feuerte ihn übellaunig auf den Schreibtisch.
»Was denkt sich dieser Trottel?«, wetterte er los. »Verlangt er doch tatsächlich mehr Leute für die kommende Ernte. Da frage ich mich, arbeiten auf unserem Stützpunkt Erntehelfer oder gut ausgebildete Soldaten? Soll er sich doch die neuen Rekruten aus Lager C holen.«
Er kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Seine dunklen Augen fixierten mich dabei. Stumm gab ich ihm recht, denn Lio und ich hatten während unserer Ausbildung ebenfalls bei der Ernte helfen müssen.
»Sie wollten mich sprechen, Sir?« Ich nahm Haltung an und schaute stur geradeaus.
»Rühren Lieutenant!«, antwortete er und erstaunlicherweise klang sein Tonfall weich, fast schon väterlich. »Setz dich Daiven. Ich wollte dich als meinen Sohn und nicht als Soldaten sprechen. Ich hatte schon Lio ausgeschickt, dich zu suchen, aber er meinte, du wärst auf der Jagd. Hast du wenigstens Rotwild erlegt? Für ein Hirschsteak könnte ich einen Mord begehen.«
Ich wusste nicht, ob ich seine Antwort als gut oder schlecht einordnen sollte. Das konnte man bei ihm nie mit Gewissheit sagen. Ich entschied mich für Ersteres und nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz. »Leider hatte ich kein Glück. Bestimmt beim nächsten Mal.«
»Schade. Wir könnten vor dem Winter wieder einmal zusammen auf die Pirsch gehen«, schlug er vor.
Ich sah ihn skeptisch an. Die letzte gemeinsame Jagd lag mehr als sechs Jahre zurück. Das war das erste und letzte Mal, dass wir alleine in der Wildnis gecampt hatten. Wir hatten zwei abenteuerliche Tage erlebt und waren seiner heimlichen Leidenschaft, der Rotwildjagd, nachgegangen.
Er lächelte. »Kannst du dich noch an das erschrockene Wildschwein im Camp erinnern?«
»Du meinst das, das dich auf den Ast gescheucht hat? Oh ja. Wegen ihm hast du einen halben Tag dort oben festgesessen.« Unweigerlich grinste ich.
»Das war nicht witzig. Du bist ins Boot gesprungen und auf den Fluss rausgefahren, sonst hätte es dich auf der Stelle zertrampelt.«
»Schon, aber ich war nicht schuld, dass die Gewehre nutzlos im Zelt lagen, als du das Vieh aufgeschreckt hast. Zum Glück hatte ich die Angel dabei. Die Forelle abends hat doch wunderbar geschmeckt.«
Wir lachten und meine Anspannung löste sich in Luft auf. So kannte ich Callahan. In der einen Sekunde war er der autoritäre Kommandant, der jedem Feind gnadenlos gegenübertrat. Einen Augenblick später der Vater, von dem ich als Kind viel gelernt hatte. Diese schönen Momente, in denen ich mich frei und losgelöst von allem gefühlt hatte, konnte mir niemand nehmen. Sie waren das Einzige, das uns beide zusammenschweißte. Augenblicklich kamen mir Sophies Worte in den Sinn. Er war stolz auf mich und auf meine Leistungen. Dennoch stimmte es mich traurig, da er es auch jetzt nicht offen zeigte.
»Verrätst du mir den Grund, warum du mich sehen wolltest, Vater?«, lenkte ich das Gespräch neugierig in eine andere Richtung. Es kam selten vor, dass wir privat miteinander sprachen.
Callahan setzte sich auf den ledernen Bürostuhl, wobei er die Hände im Nacken verschränkte. »Es geht um die Gefangenen. Besser gesagt, um den Einzigen, der noch lebt. Die anderen haben das Verhör nicht überstanden. Sie waren zu schwach. Nur dieser Junge ist den Aufwand überhaupt Wert gewesen und hat uns sehr nützliche Hinweise geliefert.«
Ich war geschockt, versuchte mir jedoch, nichts anmerken zu lassen. Sofort dachte ich an Adam, der mehr tot als lebendig auf der Krankenstation lag. Er war der letzte Überlebende. Ob er das wusste?
»Was ist mit Nash passiert? Er ist bisher nie nach einer Befragung zusammengeklappt«, erkundigte ich mich, obwohl mir klar war, dass ich mit keiner Antwort rechnen konnte.
Callahan lächelte. Er wirkte weder zynisch oder abweisend. Das irritierte mich. »Genau deshalb müssen wir zwei unter vier Augen miteinander reden. Ich fürchte, Nash wird in nächster Zeit keine weiteren Verhöre mehr durchführen. Daher ist es unerlässlich, einen würdigen Nachfolger zu finden. Jemand, dem ich voll und ganz vertraue, und der mir vertraut.«
Ich riss die Augen auf und spürte meinen beschleunigten Pulsschlag. »Ich?«
»Natürlich du!«
»Aber ... aber ... ich ...«
»Ich weiß, du hast es noch nie getan. Aber es gibt für alles ein erstes Mal. Es war übrigens Sophies Vorschlag. Es muss jemand sein, der innerlich Ruhe bewahren kann und bereit ist, sich neuen Dingen zu öffnen. Du besitzt beide Eigenschaften. Du und Nash, ihr ähnelt euch mehr, als ihr vielleicht glaubt.«
Ich spannte die Schultern an. »Vater, bevor du weiterredest ... Ich bin jederzeit bereit mich für unsere Sache auf ein Himmelsfahrtkommando zu begeben. Ich kämpfe gegen die Surges oder auch gegen die Phantome, wenn es sein muss. Ich würde sogar unter der Folter von Elverston nicht nachgeben. Von mir aus trete ich, nur mit einem Messer bewaffnet, gegen einen Grizzly an. Aber wenn ich ehrlich bin, Foltern ist überhaupt nicht mein Ding. Erstens habe ich das nie getan. Zweitens wüsste ich nicht einmal, was ich tun müsste.« Ich legte eine kurze Pause ein und holte tief Luft. »Ich bin bestimmt kein Feigling, aber falls du mir das befiehlst, muss ich mich dir widersetzen. Selbst dann, wenn du mich deswegen lebenslang in eine Zelle sperrst.«
Überrascht über die eigenen Worte und dass ich es gewagt hatte, die Wahrheit auszusprechen, war ich ebenso bereit ihnen Taten folgen zu lassen. Dass ich wegen Befehlsverweigerung auf unbestimmte Zeit ins Gefängnis musste, interessierte mich nicht. Ich war mir absolut sicher, dass ich in diesem speziellen Fall keinesfalls in Nashs Fußstapfen treten wollte. Umso stärker kämpfte ich gegen die Nervosität an und erwartete gefasst seine Reaktion.
Zu meinem großen Erstaunen lächelte er souverän und lehnte sich bequem nach vorne.
»Vater, ich meine es ernst!«, wiederholte ich entschieden.
»Das weiß ich«, erwiderte er in gemäßigtem Ton. Es war mir unmöglich, herauszuhören, ob er aufgrund meiner Weigerung Wut empfand. »Genau deswegen bist du der Richtige. Keine andere Antwort hätte ich von dir erwartet.«
Ich starrte ihn konsterniert an. »Wie bitte?«
»Du hast richtig gehört. Doch bevor ich dir erkläre, um was es geht, muss ich einen kleinen, aber feinen Unterschied klarstellen. Ich habe nicht das Wort Folter benutzt, sondern Verhör. Mein Vorgänger hat solche archaischen Methoden gerne als Druckmittel eingesetzt. Aber wir leben nicht mehr in der Vergangenheit. Dank Elverstons Vorarbeit und unserem Können sind wir heute in der Lage auf unblutige Art und Weise an Informationen zu gelangen. An Informationen, von denen unsere Feinde nicht einmal wissen, dass wir sie in Erfahrung bringen können.«
»Du sprichst in Rätseln.« Meine innere Unruhe wuchs, ebenso das unbehagliche Bauchgefühl, das mich allmählich beschlich. Ich war mir plötzlich sicher, dass er mir etwas Wichtiges verschwieg. Ich konnte es an seinen angespannten Schultern erkennen.
»Ich erkläre es dir.« Callahan erhob sich und lief zum Fenster. Dort lehnte er sich mit dem Rücken an den Rahmen und musterte mich eingehend. »Das Gerät, das wir bei den Befragungen der Gefangenen einsetzen wird Apex genannt. Kaum einer weiß, dass wir eines davon besitzen. Ganz zu schweigen, was es kann. Doch dank dieser Technik können wir herausfinden, was der Feind denkt. Genau das ist der Zweck des Gerätes ... es fängt die Gedanken und Erinnerungen des Befragten auf und ist sogar in der Lage Gefühle zu erfassen und weiterzugeben. Vorausgesetzt es wird richtig angewandt. Um den Apex nutzen zu können, benötigen wir einen willensstarken Empfänger. Und da kommst du ins Spiel. Im Klartext: Du sollst die Person sein, die alles, was der andere denkt und fühlt, für mich einfängt und bündelt. Ansonsten würde der Computer nur unzusammenhängende Bilder ausspucken, mit denen niemand etwas anfangen kann.«
»Wie ... wie ist das möglich?« Der Schock über die Offenbarung saß tief.
Callahan lachte. »Es ist äußerst simpel. Dir und dem Befragten wird mithilfe einer Nadel ein Sender in die Schläfe eingesetzt, der eure Gehirne miteinander verbindet. Er macht es möglich, dass das, was ich eben sagte, funktioniert. Den genauen Ablauf und Mechanismus kann dir Sophie erklären, sie kennt den Apex in- und auswendig. Das Einzige was für mich zählt, sind die Gedanken und Erinnerungen, die durch diese einmalige Verbindung entstehen und auf einen Bildschirm übertragen werden. So kann ich die intimsten Geheimnisse der Gefangenen so deutlich sehen, als würde ich auf den Bildschirm unserer Sicherheitskameras blicken.«
Empört sprang ich auf und marschierte auf ihn zu. »So etwas gibt es nicht!«
»Den Apex gibt es und er hat bisher kein einziges Mal versagt.«
»Das ... das ist total verrückt!« Ich wandte mich von ihm ab und begann aufgewühlt im Raum auf- und abzulaufen. »Nur mal angenommen, ich hätte verstanden, was du da gesagt hast, was nicht der Fall ist. Dann ist es immer noch die absurdeste Idee, von der ich je gehört habe. Das wäre so, als könnte ich Gedankenlesen und das ist unmöglich!«
»Du kennst doch die Vergangenheit des Stützpunktes. Das Illwood Strafgefangenenlager hat am Anfang des Krieges hier mit dem Apex experimentiert und das sogar ziemlich erfolgreich. Elverston besitzt ebenfalls solche Geräte. Somit ist es möglich. Der Apex liest Gedanken und leitet sie in Form von Bildern weiter.«
»Vater, bei allem Respekt, aber du spinnst! Ich lasse mir doch nicht im Gehirn herumpfuschen! Ganz egal wie du es nennst, für mich ist und bleibt es Folter!« Erzürnt stemmte ich die Hände in die Hüften und blieb neben der Tür stehen. Am liebsten wäre ich aus dem Büro gestürmt, tat es aber nicht, denn ich spürte, dass er noch nicht alles gesagt hatte.
Callahan lachte unbekümmert. »Genau so hat Nash auch reagiert, als ich wissen wollte, ob er dazu bereit ist. Nach zwei Tagen sturer Weigerung siegte am Ende doch die Neugier. Daiven, zwinge mich nicht, es dir zu befehlen. Lass dir von Nash alles erklären. Die gesamte Prozedur ist für die Verbindungsperson ... die du sein sollst ... völlig harmlos.«
»Harmlos?«, wiederholte ich scharf. »Was heißt hier harmlos? Nash liegt auf der Krankenstation und war kurzzeitig sogar im Koma. Und was ist mit den Gefangenen? Die meisten sterben und wenn sie überleben ... Ich habe die letzten Opfer gesehen. Jede Wette, dass der Jetzige den anderen schon bald in den Tod folgen wird.«
»Ein notwendiges Übel für die Befragten. Es kann positiv oder negativ ausgehen. Niemand kann voraussagen, wie der Organismus während der Prozedur reagiert. Die Chance liegt bei fünfzig zu fünfzig, für Tod oder Leben. Die meisten sind schlichtweg zu schwach, um sich dem Eingriff zu widersetzen.«
»Das sagst du!«, geiferte ich. Zornig ballte ich die Hände zu Fäusten.
»Das sagt Sophie. Ihre Kollegen sind derselben Meinung. Nashs momentaner Zustand hat nichts mit dem Apex zu tun. Er hat sich nur zum falschen Zeitpunkt einen Virus eingefangen. Dadurch spielte sein Immunsystem etwas verrückt. Vorhin meinte der Arzt zu mir, die Medikamente hätten wunderbar angeschlagen. Sobald es ihm besser geht, wird er entlassen. Vermutlich schon morgen früh. Dann wird er von mir mit einer neuen Aufgabe betraut. Ebendarum benötige ich einen würdigen Ersatz. Das ist alles.«
»Das ist alles?«, wiederholte ich skeptisch. »Sophie sagte vorhin etwas anderes.«
»Tat sie das?« Er sah mich mit stahlharter Miene an.
»Ja. Sie meinte, die Sache mit Nash hätte nie passieren dürfen. Ich bin mir sicher, sie meinte die Befragung und keinen Virus.« Ich entsann mich nur allzu deutlich an den Besuch bei Nash zurück. Er hatte Lio und mir zwar nicht den Grund für seinen Zustand verraten, aber angedeutet, dass irgendetwas während der Folter mit ihm geschehen war. Ich erinnerte mich ebenfalls daran, dass von einem kompletten Zusammenbruch seines Nervensystems die Rede gewesen war. Wäre dazu ein angeblich harmloser Erreger überhaupt in der Lage? Vermutlich nicht. Trotzdem schwieg ich, denn ich hoffte, dass mein Gegenüber mehr preisgab.
Callahan runzelte einen Moment nachdenklich die Stirn. Dann hellten sich seine Gesichtszüge wieder auf. »Sophie übertreibt hin und wieder gerne. Wahrscheinlich hat sie dir auch von ihrem kleinen Ausflug zur Betabasis erzählt.«
Ich nickte.
»Ich kann dir versichern, es war nicht wegen Nash. Es gibt Probleme mit unserem Computersystem. Irgendeine Kleinigkeit, von der du und ich keine Ahnung haben. Ursprünglich wollte sie nicht gehen, sondern bei ihrem Sohn bleiben, aber es ließ sich nicht ändern. Du musst dir also nicht unnötig den Kopf zerbrechen.« Lächelnd bat er mich, erneut auf dem Stuhl Platz zu nehmen.
Ich glaubte meinem Vater kein einziges Wort. Er würde eine Ausrede nach der anderen erfinden, um mich zu beruhigen und gleichzeitig versuchen, mich für sein Vorhaben zu gewinnen. Letztendlich spielte es keine Rolle. Würde ich mich weiterhin weigern, würde er mir einen Befehl erteilen und ich aus Respekt gehorchen. Das wussten wir beide. Aus diesem Grund hatte er mich ausgewählt. Im Übrigen setzte er auf meine Verschwiegenheit, die ich ihm gegenüber schon mehr als ein Mal bewiesen hatte.
»Falls es stimmt, ist es wohl doch harmlos«, antwortete ich und schenkte ihm sogar ein entspanntes Lächeln. Es fiel mir außerordentlich schwer, aber ich musste ihn in Sicherheit wiegen. In Gedanken war ich allerdings bei Nash. Ich war davon überzeugt, dass sein seltsames Verhalten mit dieser Teufelsmaschine in Zusammenhang stand. Einen anderen Schluss gab es nicht. Jetzt musste ich nur herausfinden warum.
»Wieso sollte ich dich anlügen. Du kannst jederzeit Nash und Sophie fragen.« Seine Worte klangen überraschend ehrlich.
»Das werde ich. Ich möchte alles über den Apex wissen, bevor ich mit einem fremden Gehirn verbunden werde. Du verstehst?«
Seine Miene erhellte sich sichtlich. »Wunderbar! Ich wusste, ich kann auf dich zählen. Aber du musst absolutes Stillschweigen bewahren. Niemand, nicht einmal Lio, darf davon wissen. Ist das klar? Nur wenige Personen auf dem Stützpunkt wissen überhaupt, dass wir hier so ein Gerät verstecken.«
»Selbstverständlich!« Ich grinste abfällig in mich hinein. Das war es, was ich wissen wollte. Er hatte erkennen lassen, dass hinter der Maschine weit mehr steckte, als er verriet. Darüber hinaus hatte er mir verdeutlicht, dass er mich absichtlich in Gefahr brachte, ohne Rücksicht auf irgendwelche Konsequenzen. Das war Ray Callahan. Autoritär. Gewissenlos. Machthungrig. Umso wichtiger war es, dass ich vor der ersten Apexbefragung Nachforschungen anstellte.
»Warum wird Nash überhaupt mit einer anderen Aufgabe betraut? Er ist unser Truppenführer«, erkundigte ich mich nach einem Moment des Schweigens. Meine innere Unruhe verwandelte sich allmählich in Angst um meinen Colonel.
»Das ist der zweite Grund, warum ich dich sprechen wollte.« Callahan wirkte zufrieden und lehnte sich gelassen auf dem Stuhl zurück. »Es ist nur inoffiziell, aber wir planen ein neues Außenlager weiter westlich zu errichten. Größer und ertragreicher. Es soll als reines Nahrungslager dienen mit mindestens zwei Gewächshäusern mehr als im Lager B und C. Um vor dem hereinbrechenden Winter mit dem Aufbau fertig zu werden, benötigen wir alle verfügbaren Piloten für den Materialtransport. Die Fundamente sind inzwischen fertiggestellt.«
»Was, wenn wir auf einen Einsatz müssen? Nash ist unser Pilot. Du warst es doch, der bei der letzten Einsatzbesprechung sagte, dass wir mindestens noch zwei Mal vor dem kommenden Schnee nach Elverston fliegen sollen. Wir sind der Grenze nicht näher gekommen.« Dieses Mal ließ ich mir die Überraschung anmerken.
»Stimmt! Aber bist du nicht auch Pilot? Nash erzählte mir von deinen Fortschritten. Bei eurem letzten Rückflug hast du allein am Steuer gesessen. Das heißt, du beherrschst den Pyrobird. Mila wird deine Ausbildung fortsetzen und im Notfall einspringen. Oder du bist schon so weit und kannst die Aufgabe selbst übernehmen.«
»Du willst mich zum neuen Truppenführer ernennen?« Meine Stimme zitterte leicht, denn mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet.
»Womöglich. In der Sache steht nichts Konkretes fest, außer du wirst dich bis zur nächsten Mission zu meiner vollsten Zufriedenheit beweisen. Nicht nur, in dem du einen Pyrobird fliegen kannst.« Callahan grinste breit und sofort war mir klar, dass gleich etwas folgen würde, das mir nicht gefiel.
»Ich befehle dir, den überlebenden Gefangenen für den Kampf auszubilden. Er wird künftig in eurer Einheit dienen und euch beim nächsten Grenzeinsatz begleiten. Ab morgen fängst du mit seiner Ausbildung an. Enttäusche mich nicht.«
»Was?« Erschüttert blickte ich ihn an und fragte mich, ob er scherzte.
»Du hast verstanden. Die Truppenführer wissen Bescheid.« Callahans Tonfall ließ keinen Raum für Widerworte. »Es ist ein Befehl, den ich ungern wiederhole! Du hast zwei Wochen Zeit«, verkündete er lachend und deutete an, ihn alleine zu lassen.