Kapitel Sechs
* * * * *
Adam
»Aufstehen und anziehen!«, donnerte eine Stimme an mein Ohr.
Erschrocken riss ich die Augen auf. Mit entschlossener Miene stand Daiven neben meinem Bett und warf mir eine schwarze Uniform mitten ins Gesicht.
»Hörst du schlecht? Aufstehen und anziehen!«, wiederholte er barsch und deutete auf das Kleiderbündel. »Du hast genug gefaulenzt!«
Seine harten Gesichtszüge verliehen den Worten Nachdruck. Gleichwohl standen der müde wirkende Blick und die dunklen Augenringe in widersprüchlichem Kontrast dazu. Daivens azurblauen Iriden fixierten mich beinahe feindselig. Was auch immer seit unserem letzten Zusammentreffen geschehen war, er hatte sich verändert. Das schürte meine Neugier und ich musterte ihn intensiver. Seine schwarzen Haare fielen ihm offen auf die Schultern. Sie waren etwas kürzer als meine. Ein leichter Bartschatten umrahmte sein Kinn und betonte unweigerlich seine schmalen Lippen sowie die hohen Wangenknochen.
Gähnend richtete ich mich auf. Die verabreichten Medikamente hatten meinen Kreislauf soweit stabilisiert, sodass ich ohne Hilfe aufstehen und laufen konnte. Körperlich fühlte ich mich fit, doch ich hatte die halbe Nacht nicht geschlafen.
»Dir auch einen guten Morgen! Was soll das eigentlich?«, hakte ich überrascht nach und schlug die weiße Bettdecke zurück. Langsam schwang ich die Beine über die Kante.
»Du hast keine Fragen zu stellen, Rekrut! Befehl ist Befehl!« Er warf mir ein Paar Stiefel und einen Rucksack vor die Füße.
Daivens momentanes Verhalten irritierte mich. Was war in den letzten Stunden mit ihm passiert? Was war aus dem freundlichen jungen Mann geworden, der mir trotz seiner Position als feindlicher Rebell als einziger einen Hauch Mitgefühl entgegengebracht hatte? Sein eiskaltes Verhalten passte nicht zu ihm und ließ mich innerlich zusammenzucken. Noch immer hegte ich das unumstrittene Gefühl, dass er sich von all den anderen abhob. Das hatte bei unserer ersten Begegnung im Wald angefangen und sich seitdem immer deutlicher abgezeichnet. Woher ich die Gewissheit nahm, wusste ich nicht. Oder hatte ich mich doch in ihm geirrt? Das glaubte ich nicht. Daiven war zwar ein Rebell, aber trotz allem ein Mensch. Was ich bisher von ihm kennengelernt hatte, sprach eine eindeutige Sprache. Er besaß ein feines Gespür für richtig oder falsch und wandte keine unnötige Gewalt an, so wie es all die anderen bisher getan hatten. Das brachte mich auf einen weiteren Gedanken. Spielte er mir den harten Hund nur vor, damit niemand Verdacht schöpfte? Falls ja, erschloss sich mir dennoch nicht der Grund dafür.
Dass Daiven und ich etwas gemeinsam hatten, ahnte er nicht. Seit ich heimlich Zeuge des Kusses zwischen ihm und Nash geworden war, spielten meine Gefühle verrückt. Egal ob er sich mir äußerlich als unnahbarer und starker Kämpfer gab, ich spürte instinktiv, dass in seinem inneren ein weicher Kern ruhte, der mit Herz und Seele für seine Freunde einstand. Das hatte ich bereits bei unserer ersten Begegnung unmissverständlich wahrgenommen. Nash hatte diesen mitfühlenden Charakterzug gestern Abend durch sein grobes Verhalten mit Füßen getreten. Wie gerne wäre ich dazwischen gegangen, doch es stand mir nicht zu, mich in Privatangelegenheiten einzumischen. Zumindest war ich mir sicher, dass Daiven es wert war, erobert zu werden. Mir würde hoffentlich etwas einfallen, um seine abweisende Schale zu knacken. Er war genau mein Typ.
»Wird’s bald! Anziehen und mitkommen! Vergiss den Rucksack nicht!«, riss mich Daiven schroff aus den Gedanken.
»Und dann?« Ich verweigerte seinen Befehl und blickte ihn herausfordernd an.
»Geht es auf einen Zwei-Tages-Marsch ... mehr brauchst du nicht zu wissen«, antwortete er kaltschnäuzig. Für meinen Geschmack sogar etwas zu übertrieben unnahbar. Erneut fragte ich mich, was in der vergangenen Nacht mit ihm geschehen war. Lag ich mit meiner anfänglichen Einschätzung womöglich falsch? Das konnte und wollte ich nicht glauben. Normalerweise rühmte ich mich für meine gute Menschenkenntnis.
Skeptisch hob ich die Augenbrauen. »Du verarschst mich doch, oder?«
»Ich sage es kein drittes Mal!« Daiven stand mit verschränkten Armen und unnachgiebigem Blick vor mir.
Zögerlich kam ich der Aufforderung nach und entledigte mich dem luftigen Krankenhaushemd. Belustigt nahm ich Daivens vorwitzigen Blick wahr, als er mich für einige Momente nackt sah. Ich tat, als hätte ich nichts bemerkt, griff nach der Hose und stieg hinein. »Was ist mit Frühstück?«, fragte ich nebenbei.
»Fällt aus. Wir essen unterwegs.«
»Hm. Bei uns bekommt sogar der schlimmste Schwerverbrecher ein Frühstück«, grummelte ich. Falls ich mich nicht irrte, legte sich ein amüsiertes Lächeln auf Daivens Gesicht. Es war jedoch so flüchtig, dass ich es mir auch nur eingebildet haben könnte. Ich schlüpfte rasch in das schwarze T-Shirt und stopfte es in den Hosenbund. Anschließend streifte ich das Hemd über. Nun konnte man mich von einem Rebellen nicht mehr unterscheiden.
»Du hast noch eine Minute. Dann bist du fertig!« Er blickte auf die Armbanduhr und danach wieder zu mir. Offensichtlich schien er es ernst zu meinen.
»Was passiert, wenn ich fünf Sekunden länger brauche?«, versuchte ich zu scherzen, doch sein Gesicht verfinsterte sich zunehmend. Deshalb beschloss ich mitzuspielen. Ich zog die Strümpfe an und anschließend die Stiefel.
»Noch fünfzig Sekunden«, antwortete er knapp und ging zur Tür.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie er in den Gang spähte und zufrieden nickte. Kurz darauf band ich den letzten Knoten der Schnürsenkel zu und stand leicht außer Atem neben dem Bett. So ganz hatte sich mein Kreislauf wohl doch nicht erholt.
»Rucksack!«, befahl mir Daiven und zeigte auf jenen, den er mir kurz zuvor vor die Füße geworfen hatte.
»Und du?«
Ohne eine Miene zu verziehen, marschierte er voraus.
In aller Eile schnappte ich mir den Rucksack. Das Gewicht ließ mich kurz Straucheln. Hatte er ihn mit Backsteinen gefüllt? Ich widerstand dem Drang, ihn abzusetzen und hinein zu schauen. Stattdessen beeilte ich mich, Daiven nicht aus den Augen zu verlieren.
»Würdest du mir jetzt endlich verraten, was das werden soll?«, rief ich ihm beim Hinausgehen ins Freie zu und japste, als ich ihn endlich vor dem Gebäude einholte.
»Hast du Probleme mit den Ohren? Du sollst keine Fragen stellen. Jetzt beweg dich!«
Ganz entgegen meiner Art kam ich dem Befehl schweigend nach. Ich musste mich anstrengen, um ihm zu folgen. Meine Lungen waren es nicht gewohnt derart belastet zu werden. Daiven legte ein Tempo vor, mit dem ich zu kämpfen hatte. Selbst als er noch einen Zahn zulegte, deutete seinerseits nichts daraufhin, dass er großartig Kraft verbrauchte. Es war jedoch kaum verwunderlich, dass er körperlich durchtrainierter war als ich. Bis zu meiner Verhaftung in Elverston hatte ich fast
ausschließlich die Zeit am Computer verbracht. Fitness hatte in den letzten Jahren in meinem Alltag keine große Rolle gespielt.
Gegenwärtig spürte ich die Faulheit am eigenen Leib und ärgerte mich. Um mich abzulenken, musterte ich Daiven immer wieder verstohlen. Ich gewann zunehmend den Eindruck, als würde er förmlich vom Stützpunkt fliehen. Überrascht war ich nicht. Wohl aber stellte sich mir die Frage, was er in Wahrheit mit dem angeblichen Fußmarsch bezweckte? Tat er das von sich aus oder hatte er einen entsprechenden Befehl erhalten? Nachdem, was Kommandant Callahan von mir erfahren hatte, würde mich Letzteres nicht wundern.
Innerhalb der nächsten Minuten durchquerten wir das riesige Gelände. Wir marschierten an mehrstöckigen Betongebäuden vorbei, deren Blütezeit längst überschritten war. Viele davon wiesen große Risse in den Fassaden auf und gehörten saniert oder komplett abgerissen und neu aufgebaut. Darunter auch das Gefängnis.
Ich erinnerte mich an die Gerüchte, die in der Stadt über die Rebellen verbreitet wurden. Angeblich lebten sie rückständig und mitten in der Wildnis. Sie nannten uralte in den Berg getriebene Bunker und morsche Blockhäuser ihr Zuhause. Nichts konnte weiter von der Wahrheit entfernt sein, abgesehen von dem baufälligen Zustand der Betonklötze. Wie ich wusste, war ein Teil des Stützpunktes ein Überbleibsel des damaligen Gefangenenstraflagers Illwood, in dem die nicht mehr existierende US-Regierung während des dritten Weltkrieges grausame Experimente durchgeführt hatte.
Das alles hatte sich gewaltig geändert. Die Krankenstation war mit modernster Technik ausgestattet. Die Rebellen verfügten sogar über außerordentlich gut ausgerüstete Pyrobirds. Timbermore Point ähnelte eher einer autarken Stadt, der es offenbar an nichts fehlte. Auf den meisten Dächern waren Solaranlagen installiert und ich hatte am Rande sogar
mitbekommen, dass sie ein eigenes Stromkraftwerk am See betrieben.
Während ich aus dem Staunen kaum herauskam, passierten wir eine Sicherheitsgrenze. Alle zweihundert Meter in jeder Richtung erblickte ich zwei Wachen mit Maschinengewehren. Die Grenze wurde zusätzlich von einem hohen durchgängigen Stacheldrahtzaun geschützt. Flüchtig betrachtet, wirkte die Einfriedung einschüchternd und dennoch war sie nichts im Vergleich zu den dicken Mauern von Elverston. Dort gab es an jeder Ecke Kontrollpunkte mit bewaffneten Soldaten, gestärkt von zwei Supervisors, deren bloße Anwesenheit Gefahr bedeutete. Nur diejenigen durften passieren, die einen gültigen Ausweis besaßen und zugleich dazu berechtigt waren, bestimmte Stadtteile aufzusuchen. Wer beides nicht vorweisen konnte, wurde auf der Stelle verhaftet und einem Verhör unterzogen.
Was mich am meisten verdutzte, waren die plötzlich auftauchenden Backsteinbauten und die zahlreichen stabilen Häuser, die uns nach der Grenze erwarteten. Sie schienen relativ neu zu sein. Zudem herrschte hier geschäftiges Treiben und zwischendrin rannten Kinder fröhlich lachend umher.
»Was ist das?«, fragte ich neugierig und schloss zu Daiven auf, der stets fünf Meter vor mir lief.
»Hast du gedacht, Timbermore Point besteht nur aus Militäranlagen?«, antwortete er ruppig mit einer Gegenfrage.
»Ähm, ich weiß nicht«, gab ich offen zu.
»Das sind die Häuser der hier ansässigen Familien und Arbeiter, dort vorne ist die Schule und dahinter der Markt. Mehr musst du nicht wissen. Und jetzt spar dir den Atem! Es ist noch ein weiter Weg.«
»Ein weiter Weg wohin? Du hast nur von einem Zwei-Tages-Marsch gesprochen. Meinst du nicht, es wäre langsam mal an der Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten?«
Daiven blieb abrupt stehen und sah über die Schulter zu mir zurück. Sein unerschütterlicher Blick sprach Bände. Scheinbar spielte sich in seinem Inneren ein Kampf ab, so kam es mir zumindest vor. Einerseits zeigte er mir das Gesicht, das ich sehen sollte. Anderseits war etwas in seinen strahlenden Augen verborgen, das im Widerspruch zu dem stand, was er vorgab zu sein. Ich konnte es deutlich erkennen. Also hatte mich meine Menschenkenntnis nicht im Stich gelassen. Er war weiterhin der junge Mann, den ich kennengelernt hatte. Ich musste nur den Grund für seine momentane abweisende Art herausfinden.
Daiven drehte sich wieder um und marschierte in einem beachtlichen Schritttempo weiter. Grinsend folgte ich ihm. Früher oder später würde ich die Informationen schon aus ihm herauskitzeln. Vorerst jedoch sog ich aufmerksam alle Eindrücke in mich auf. Niemand hier wirkte gehetzt oder ängstlich. Jeder schien gelassen seiner Arbeit nachzugehen. Ab und an wurde Daiven von ein paar Bewohnern im Vorbeigehen gegrüßt, während sie mich schaulustig beäugten, als wäre ich ein Außerirdischer mit spitzen Ohren.
Die Szene unterschied sich enorm von Elverston. Dort nahm keiner vom Anderen Notiz, um nicht Gefahr zu laufen, unbeabsichtigt unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Bis eben hätte ich mir kaum vorstellen können, dass es auch anders sein konnte. So musste sich das Gefühl von Freiheit anfühlen. Ich ließ mich von einer ungeahnten Euphorie anstecken. Gehörte ich jetzt zu ihnen? Falls ja, würde ich alles daran setzen, um bleiben zu dürfen. Oder war ich weiterhin ein Gefangener? Die letzte Frage verdrängte kurzzeitig jeden positiven Gedanken.
Nach dem grauenhaften und schmerzvollen Verhör war ich mit heftigen Kopfschmerzen auf der Krankenstation aufgewacht. Seitdem hatte man mich jedoch wie einen von ihnen behandelt. Ich war mit allem Notwendigen versorgt worden
und niemand hatte mich in die Zelle zurückgebracht oder ans Bett gefesselt. Im ersten Moment war ich versucht gewesen zu fliehen, doch dazu hatte mir zunächst die Kraft gefehlt. Als ich einen zweiten Versuch unternehmen wollte, war Daiven überraschend aufgetaucht und meine Neugier siegte über jeglichen Fluchtgedanken.
»Hey Daiven!«, rief ich und hastete hinter ihm her, um ihn einzuholen. »Warum sind wir überhaupt unterwegs? Versteh mich nicht falsch, aber irgendwie finde ich es seltsam. Zuerst nehmt ihr mich gefangen, verhört mich und nun stapfe ich mit dir durch die Gegend.«
Zum wiederholten Mal blieb er mir eine Antwort schuldig. Daiven deutete mir lediglich mit einer Handgeste an, mich zu beeilen, und schritt unablässig voran. So verstrich mindestens eine gefühlte Stunde, in der ich mich fragte, vor was oder wem er floh. Dass er das tat, wurde immer offensichtlicher. Deswegen stellte ich vorerst auch keine weiteren Fragen mehr. Je mehr ich ihn bedrängte, desto sturer verweigerte er die Aussage. Ich ging dazu über, die nähere Umgebung in Augenschein zu nehmen und mir den Weg einzuprägen.
Wir durchquerten die weitläufige Siedlung von Timbermore Point, die sich als größer erwies, als zunächst angenommen. Nachdem die Häuser immer kleiner wurden, passierten wir eine zweite, durch einen Elektrozaun gesicherte Grenze. Auch hier patrouillierten in regelmäßigen Abständen bewaffnete Männer. Der Stützpunkt war hermetisch abgeriegelt. Ich vermutete, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht grundlos existierten. Vor den Supervisors musste sich hier niemand fürchten, doch wir befanden uns in der Wildnis und dort lebten eine Menge wilder Tiere.
Ich folgte Daiven auf einer unbefestigten Straße in Richtung Nordosten. Sie führte uns Kilometer um Kilometer durch einen naturbelassenen Wald, bis sie sich in einen matschigen Weg
verwandelte. Nur wenige Schritte später ging er in einen steil ansteigenden Trampelpfad über, der sich in Serpentinen einen bewaldeten Berghang hinaufschlängelte.
Das Gewicht auf meinem Rücken wurde dabei immer schwerer. Mein Atem war kaum mehr als ein kraftloses Schnaufen. Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn und rannen mir ins Gesicht, die ich fahrig mit dem Ärmel abwischte. Aufgeben war keine Option für mich, selbst als ich gleich mehrmals hintereinander über lose Steine stolperte. Meter für Meter kämpfte ich mich weiter bergauf, wobei ich geflissentlich den gefährlich abfallenden Hang neben mir ignorierte. Ich hasste Höhen. Vor allem dann, wenn ein falscher Schritt dazu führen konnte, sich jeden Knochen zu brechen.
Weiterhin wusste ich immer noch nicht, was Daiven mit der strammen Wanderung bezweckte oder wohin er uns führte. Seine wortkarge Art trug nicht unbedingt zu meiner Ermutigung bei und meine innere Anspannung wuchs. Als er auf halbem Weg zum Gipfel dazu überging, ständig auf das Peilsendegerät am Handgelenk zu starren, ergriff ein mulmiges Bauchgefühl von mir Besitz. Ich registrierte seine ansteigende Nervosität und allmählich übertrug sie sich auf mich. Welches Problem es auch gab, es bewirkte, dass er das Tempo abermals verschärfte. Zu meinem größten Leidwesen rief er mir über die Schulter zu, ich sollte gefälligst schneller gehen.
»Was glaubst du eigentlich, was ich hier tu?«, nuschelte ich missmutig und hechelte nach Luft. »Trag du doch den bescheuerten Rucksack!«
Er ignorierte mein Gejammer, hielt jedoch an und sondierte achtsam die Umgebung. In einiger Entfernung zeichnete sich zwischen den Baumwipfeln gut sichtbar ein Gipfel ab.
Dankbar für die kurze Pause schüttelte ich die Beine aus und nutzte die Gelegenheit mich einen Augenblick auszuruhen. Durch das lichte Blätterdach blickte ich auf das Tal hinab. Der
See glitzerte in der Ferne und die Häuser auf der Halbinsel sahen wie Spielzeug aus. Erst jetzt wurde mir bewusst, welche beachtliche Strecke hinter uns lag. Am liebsten wäre ich sitzen geblieben und hätte den restlichen Tag die unberührte Natur genossen.
Daiven schien einen anderen Plan zu hegen. Er kam auf mich zu und befahl mir aufzustehen. Doch nicht die Worte verwunderten mich, vielmehr seine plötzlich besorgte Miene.
Ich grinste und erhob mich schwerfällig. »Du siehst aus, als wäre uns ein Grizzly auf den Fersen.«
»Es sind zwei Grizzlys und sie laufen auf zwei Beinen«, antwortete er dieses Mal mit etwas mehr Sanftheit in der Stimme.
»Wir werden verfolgt. Interessant.«
Einen Augenblick dachte er unverkennbar über meine Worte nach. Ich selbst war nicht überrascht. Es hätte mich eher verwundert, wenn dem nicht so gewesen wäre.
»Sie tauchen gleich auf. Benimm dich unauffällig. Sie dürfen nicht wissen, dass wir sie entdeckt haben.« Daiven wies zwischen den Bäumen den Abhang hinunter.
Neugierig spähte ich in die angedeutete Richtung. Nur Sekunden später erschienen hinter einer Wegbiegung zwei Gestalten mit Maschinengewehren. Noch trennten uns etliche Höhenmeter und eine Menge Gestrüpp voneinander. Sie schlichen wachsam vorwärts und versuchten, ständig in Deckung zu bleiben. Ihre schwarzen Uniformen fielen allerdings sofort auf. Dann waren sie auch schon wieder aus unserem Sichtfeld verschwunden.
»Jetzt reicht es! Ich will eine Erklärung! Und komm mir nicht damit, dass ich nicht mehr zu wissen brauche. Über den Punkt sind wir längst hinaus. Du läufst vor ihnen weg. Habe ich recht?« Vorwurfsvoll sah ich Daiven an.
Er seufzte und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als würde eine Maske von ihm abfallen. Das Spiel hatte ein jähes Ende gefunden.
»Du bekommst deine Erklärung. Versprochen. Zuvor müssen wir die beiden unbedingt abhängen.« Er nahm den Peilsender vom Handgelenk ab und schleuderte ihn gegen einen Felsen am Wegesrand. Um sicherzugehen, dass der Sender auch wirklich zerstört war, trat er einige Male darauf ein. Anschließend kickte er die zertrümmerten Einzelstücke in ein Gebüsch.
»Was jetzt?«, erkundigte ich mich.
»Ab sofort sind sie genauso blind wie ich. Jetzt können wir sie abschütteln. Wir erreichen schon bald die andere Seite des Passes. Das Terrain ist ab dort recht unwegsam. Außerdem gabelt sich der Weg in drei Richtungen. Wir legen eine falsche Fährte und führen sie damit in die Irre. Komm! Sonst holen sie auf. Zurzeit ist unser Vorsprung groß genug und die Bäume bieten uns guten Schutz.«
»Gut, ich vertraue dir«, erwiderte ich schlicht, ohne eine Antwort zu erwarten.
Trotz meiner Worte verspürte ich einen anwachsenden Knoten in der Magengegend. Hinzu kam, dass ich mich in dieser Gegend nicht auskannte. Für unsere Verfolger fielen mir zwei plausible Beweggründe ein und beide verursachten mir eine Gänsehaut.
Erstens: Callahan hatte beschlossen, mich klammheimlich beseitigen zu lassen. Dazu passte jedoch Daivens Gegenwart nicht ins Bild.
Zweitens: Callahan gefiel nicht, was er durch Nash von mir erfahren hatte. Oder aber und das fand ich sogar wahrscheinlicher, wollte er jetzt erst recht mehr wissen. Nur Daivens Rolle blieb mir auch hier verborgen.
Leider fehlte mir die Zeit, länger über den Grund nachzugrübeln. Nach wenigen Minuten lichtete sich die Natur zunehmend und weitere Höhenmeter später erreichten wir den Bergkamm. Mittlerweile befanden wir uns etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Wie Daiven angedeutet hatte, führten drei Pfade in unterschiedliche Himmelsrichtungen. Zwei von ihnen verliefen durch ein gewaltiges Geröllfeld bergab in den Wald hinein. Der Dritte hinüber zu einem weiteren höher gelegenen Gipfel.
»Welchen nehmen wir?« Nacheinander betrachtete ich sie und atmete tief durch. Nicht einer von ihnen bot ausreichend Schutz vor unliebsamen Blicken.
»Keinen. Wir legen die Spur und klettern dann bis zu dem Felsvorsprung dort unten rechts. Er liegt gut versteckt am Hang. Darunter befindet sich eine nicht einsehbare Nische.« Daivens Hand zeigte den steilen Hang abwärts. Fast an dessen Ende entdeckte ich eine kleine Erhebung, umgeben von großen und spitz zulaufenden Felsen. Ich hatte keine Ahnung, wie wir zum Einen ungesehen und zum Anderen ohne abzurutschen hinkommen sollten.
Ich riss überrascht die Augen auf. »Da willst du hin?«
»Angst?« Er bedachte mich mit einem herausfordernden Blick.
Ich schluckte merklich und atmete tief durch. Bei dem Anblick wurde mir mulmig zu Mute. Wie gesagt, ich hasste große Höhen, gab es ihm gegenüber jedoch nicht zu. Ein Sturz würde auf jeden Fall fatale Folgen nach sich ziehen.
»Danach sind wir unsere Schatten los. Komm!«
»Das kann man so oder so deuten ...«, murrte ich, folgte jedoch seiner Führung. Obwohl es endlich abwärts ging, kam ich schleppender voran als zuvor. Der trockene und steinige Pfad ließ ein rasches Vorankommen kaum zu. Das Gewicht auf meinem Rücken tat sein Übriges, sodass ich mehrfach stolperte.
»Gib her!«, sagte Daiven unerwartet und nahm mir den Rucksack ab.
Mein Körper dankte es ihm und die darauffolgenden Meter kam ich merklich besser voran. Am liebsten hätte ich ihm ein paar Takte dazu erzählt, doch ausnahmsweise verkniff ich mir jeden bissigen Kommentar.
Kurz darauf blieb Daiven stehen und bedeutete, ich sollte auf dem staubigen Boden gut sichtbare Schritte nach links ins Geröllfeld hinterlassen. Kaum hatte ich das getan, befahl er mir, zu ihm zurückzukommen, indem ich rückwärts die eigenen Fußspuren benutzte. Gemeinsam legten wir auf diesem Wege einige Meter zurück, bevor wir uns vorsichtig in entgegengesetzter Richtung Stein für Stein zu besagter Felsspalte vorarbeiteten. Daiven verwischte dabei sorgfältig alle verräterischen Spuren. Jetzt verstand ich seinen Plan.
»Sorry. Die zwei sind sicher nicht dumm und können sich denken, dass wir nicht da entlang gegangen sind«, platzte es aus mir heraus. Ich fand die Idee nicht schlecht, aber selbst ich würde die Finte durchschauen.
»Dumm nicht«, bestätigte Daiven mit einem zufriedenen Grinsen. »Aber auch nicht lebensmüde. Sie werden verwirrt sein, denn niemand benutzt diesen Weg. Hinter der Nische geht es nämlich nicht weiter. Dort wartet ein gähnender Abgrund in die Tiefe.«
»Na klasse und das sagst du mir erst jetzt?« Ich hob skeptisch die Augenbrauen, während ich innerlich versuchte, Ruhe zu bewahren. Das war absoluter Wahnsinn!
»Mach schon!«
Daiven kletterte voraus. Dass er das nicht zum ersten Mal tat, fiel mir sofort auf. Routiniert folgte er den sperrigen Felsblöcken stur gen Osten. Trotz des Rucksacks kam er problemlos in dem unwegsamen Gelände vorwärts. Ich war ein wenig neidisch auf ihn. Der Gedanke, dass nur Narren es wagen
würden, ausgerechnet hier herumzukraxeln, drängte sich dabei förmlich auf. Die Tatsache, dass die Verfolger uns einholten, war auch mir ein Dorn im Auge. Deshalb verdrängte ich die Angst vor dem, was passieren könnte, und folgte ihm notgedrungen. Immer wieder lösten sich kleinere Steine unter den Schuhsohlen und rieselten verräterisch in die Tiefe. In dem Moment, in dem ich dachte, ich würde mich lieber den beiden Schatten stellen, anstatt mit den Steinchen im Tal zu enden, veränderte sich der Untergrund. Immer flachere und größere Felsen kamen zum Vorschein, die uns das Vorankommen spürbar erleichterten. Daraus schöpfte ich neuen Mut.
Leider entpuppte sich das letzte Stück als äußerst tückisch. Zunächst ging es durch eine Felsspalte ungefähr drei Meter hinab bis zu einem schmalen Sims. Er bot kaum genügend Platz, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Doch ab da waren wir vor sämtlichen Blicken geschützt. Das änderte aber nichts an meinem wild hämmernden Herzschlag und der aufsteigenden Panik. Es war reiner Selbstmord weiter zu klettern. Daiven tat es dennoch. Er drehte sich mit dem Gesicht zur Wand, folgte dem Sims und benutzte die Hände, um an der schroff abfallenden Felswand das Gleichgewicht zu halten. Unter uns existierte nichts als der sichere Tod.
»Schau immer zum Felsen und nimm die Hände als Stütze. Der Vorsprung ist breit genug«, erklärte er mir ruhig und erreichte sogleich unser Ziel.
»Jetzt ist wohl der falsche Zeitpunkt dir zu sagen, dass ich Höhenangst habe, oder?« Mein Blick wanderte nach unten. Prompt wurde mir schwindlig. Ich schloss die Augen und schwankte leicht. Mein Puls raste unaufhörlich, während mein Adrenalinspiegel stieg. Der Knoten im Magen schwoll zur Übelkeit an.
»Schau mich an!«, riet mir Daiven und ich öffnete die Lider. Langsam wandte ich den Kopf in seine Richtung und
klammerte mich dabei wie ein Ertrinkender mit schweißnassen Handflächen am Gestein fest.
»Ich glaube, ich schaffe es nicht«, gab ich offen zu.
»Du kannst das. Einen kleinen Schritt nach dem anderen. Nur noch ein Meter. Du willst doch meine Erklärung hören, warum wir hier sind.«
»Ja und trotzdem bist du total irre.« Meine Stimme zitterte.
»Auf geht’s! Du hast es gleich geschafft«, ermunterte er mich.
»Jetzt dräng mich doch nicht.«
»Tu ich nicht. Vertrau mir. Es ist ganz leicht.« Seine Worte trugen keinesfalls zu meiner Beruhigung bei, trotzdem setzte ich mich in Bewegung.
Wie auch immer es mir gelang, überbrückte ich das kurze Stück, bis er plötzlich meinem Arm packte und mich in die Dunkelheit hineinzog. Vor Schreck hielt ich einige Sekunden lang den Atem an und sank völlig verängstigt auf die Knie. Lebte ich noch?
»Willkommen in meinem geheimen Unterschlupf. Ich wusste, dass du kein Feigling bist.« Daiven lächelte mich an. Dann nahm er den Rucksack ab und setzte sich nah an den Rand der Klippe. Ohne Probleme spähte er nach unten.
Ich dagegen robbte bis in die hinterste Ecke und lehnte mich ans kalte Gestein. Erstaunlicherweise war die Nische größer als angenommen. Sie führte mindestens drei Meter in den Berg hinein.
Als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich nicht als ein undefinierbares Häuflein Mensch in der Schlucht lag, konnte ich die widersprüchlichen Emotionen nicht länger zurückhalten. Auf der einen Seite war ich froh, am Leben zu sein. Anderseits war ich stinksauer.
»Du bist absolut krank im Kopf! Dass ich kein blutiges Etwas bin, habe ich auf jeden Fall nicht dir zu verdanken! Nicht, dass du auf die Idee kommst, du wärst hilfreich gewesen! Ich werde mich
von hier keinen Zentimeter mehr wegbewegen. Du bekommst mich auf selbem Wege nicht mehr zurück! Sei froh, dass ich gegen den inneren Drang ankämpfe, dich aus Versehen hinaus zu schubsen.«
Daiven biss sich auf die Lippen, brach dann in Gelächter aus.
»Ha. Ha. Sehr lustig!« Schnaubend verschränkte ich die Arme vor der Brust und starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
»Fürs erste Mal hat es doch ganz gut geklappt«, lobte er mich frech grinsend.
»Das erste und das letzte Mal!«, stellte ich augenblicklich richtig. »Warum überhaupt auf den Berg? Die Typen hätten wir auch im Tal abhängen können.«
Daivens Miene verfinsterte sich. »Das hätte dann bis zum Fluss warten müssen. Es sind fast fünfzehn Kilometer bis dahin. Ich will aber jetzt mit dir reden.«
»Du hast einen komischen Humor. Ich kann warten, aber du nicht? Oder wie darf ich das verstehen? Haben die beiden etwa den Auftrag, mich zu erledigen? Oder hast du dich dem Befehl widersetzt, es selbst zu tun und sie sind jetzt auch hinter dir her?« Ich verspürte das Bedürfnis, den Spieß umzudrehen. Jetzt war ich am Zug.
Daiven sah mich fragend an. »Wie kommst du denn auf die Idee?«
Einen Moment brachte er mich aus dem Konzept. Wobei es nicht an den erstaunten Worten lag, sondern an dem atemberaubenden Blick aus seinen leuchtenden Augen. In ihnen war eine gewisse Unschuld verborgen, obwohl er sicherlich schon mehrfach getötet hatte. Vermutlich war es die Arglosigkeit aufgrund Unwissenheit. Das wollte ich ändern, denn ich hatte dringend Redebedarf. Nun war der Zeitpunkt gekommen, meine Karten auszuspielen. Obgleich ich ihn nicht kannte, verriet mir
seine Aura, dass ich ihm vertrauen konnte und von ihm keine Gefahr ausging.
»Okay. Dann rück mal raus mit der Sprache. Welchen tieferen Sinn hat unser Höllenmarsch wirklich«, erkundigte ich mich schließlich neugierig.
»Callahan und Nash«, platzte es aus ihm heraus, als hätte er nur darauf gewartet endlich den Mund aufmachen zu können.
Ich gab es nicht offen zu, doch mir fiel eine gewaltige Last von den Schultern. In diesem Augenblick fiel seine Maske gänzlich von ihm ab. Er war bereit, die Wahrheit zu erfahren.