Kapitel Sieben
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Daiven
Verwundert blickte ich Adam tief in die strahlenden, jadegrünen Augen und verlor mich kurz in ihnen. Obwohl ein Schatten sein Gesicht verdunkelte, sahen sie für einen vagen Moment aus, als wären sie funkelnde Sterne am Nachthimmel. Sein Blick war atemberaubend anziehend. Hals über Kopf erfasste mich ein sonderbarer wohliger Schauder, der mich von innen heraus wärmte. Das Gefühl hielt nur Sekunden an, bis ich es energisch verdrängte und mich wieder konzentrierte.
Seit dem Besuch auf der Krankenstation und nach dem Gespräch mit Callahan spukte er mir unablässig im Kopf herum. Vergangene Nacht hatte ich deshalb kaum ein Auge zugetan. Ständig hatte ich ihn vor mir gesehen. Sein ehrliches Lächeln hatte mich in den Bann gezogen und sogar im Traum verfolgt. Darüber hinaus konnte ich nicht leugnen, dass er verdammt gut aussehend war. Ein Typ, den ich unbedingt näher kennenlernen wollte. Ich wusste nur nicht wie.
In den frühen Morgenstunden war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich den inneren Drang nicht ignorieren konnte und wollte. Adam war anders und irgendwie faszinierte er mich. Selbst Nash und Lio unterschieden sich erheblich von ihm, wenn auch jeder auf seine eigene Weise.
Den Grund für all meine seltsamen Gedanken und Gefühle kannte ich genau. Ein wenig schämte ich mich dafür, denn Adam und ich waren uns faktisch fremd. Jeder stammte aus einer anderen Welt. Wahrscheinlich lebte er nicht einmal lange genug, um eine Freundschaft mit ihm überhaupt in Erwägung zu ziehen.
Entweder starb er demnächst bei einem Einsatz oder Callahan würde ihn bald beseitigen lassen.
Adam war die Erleichterung über die erfolgreiche Kletterpartie deutlich anzumerken. Ich war dankbar, dass er mir sein Vertrauen geschenkt hatte, obwohl er vermutlich wusste, dass er in Lebensgefahr schwebte. Vielleicht lag meine Faszination für ihn in seiner lockeren Art begründet. Er trug sprichwörtlich das Herz auf der Zunge und sagte, was er dachte und fühlte. Ein Wesenszug, der mir imponierte. Damit hob er sich, abgesehen von Lio, von jedem Menschen in Timbermore Point ab.
Niemand würde es je öffentlich wagen, schlecht über Callahan zu reden oder über dessen oft merkwürdige Entscheidungen zu urteilen. Es war zu riskant und konnte einem schneller den Kopf kosten, als einem lieb war. Deshalb taten es seine Kritiker nur hinter vorgehaltener Hand und verstummten, wenn ich in ihre Nähe kam. Ich war Callahans Ziehsohn. Dass auch ich häufig seine Hetzreden und Befehle infrage stellte, wusste nur Lio, der im Geheimen meine Ansicht teilte. Wir beide waren jedoch klug genug zu schweigen.
Nash hatte diesbezüglich keine Ahnung. Wir trauten uns nicht, ihn einzuweihen. Jeder auf dem Stützpunkt wusste um seine Loyalität als rechte Hand Callahans. Erfuhr er von einer Sache, wusste auch Ray Callahan umgehend davon. Es war nicht sicher, ob er bei uns ein Auge zudrücken würde.
»Dann leg mal los. Ich bin ganz Ohr«, riss mich Adams neugierig klingende Stimme aus den Gedanken.
Ertappt zuckte ich mental zusammen. »Sorry. Ich war gerade woanders«, murmelte ich und biss mir auf die Unterlippe.
»War nicht zu übersehen. Darf ich daran teilhaben oder überlegst du noch, welche Ausrede du mir auftischen willst?«
»Wieso Ausrede?« Verunsichert zog ich mich ein Stück in die Schatten der Nische zurück.
»Vergiss es. Fangen wir damit an, dass du mir erklärst, warum du eben noch mit meinem Leben gespielt hast.« Adam deutete mit dem Kinn zum Abgrund hin.
Ich seufzte. Wo sollte ich nur anfangen? Mein wohlüberlegter Plan Adam während des Marsches durch den Wald über die konkrete Funktionsweise des Apex’ auszufragen, war hinfällig. Mein Gehirn wie leergefegt. Die Schuld trugen Callahans Kundschafter, die er uns hinterhergeschickt hatte. Ihr Auftauchen ließ nur einen logischen Schluss zu: Callahan misstraute mir und hatte mir gestern Abend die vorgetäuschte Sorglosigkeit nicht abgenommen. Dass er mich heimlich ausspionieren ließ, steigerte nur mein Interesse an Adam und was hinter alledem steckte.
»Ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau, wo ich beginnen soll.« Ich sah keinen Sinn darin, ihn anzulügen. Nebenbei kramte ich zwei Feldflaschen aus dem Rucksack. Eine davon warf ich Adam zu. Ich musste mich ablenken, denn ich hatte das miese Gefühl, ihm bei der Enthüllung der Wahrheit nicht in die Augen blicken zu können. »Callahan befahl mir, dich für einen Einsatz vorzubereiten. Um genauer zu sein, er hat angeordnet, dass du künftig in unserer Einheit dienst. Ich soll dich auf Herz und Nieren prüfen, ob du bereit dafür bist.«
Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann lachte Adam aus vollem Hals.
Verwirrt musterte ich ihn. Was war so lustig?
»Hatte ich bereits erwähnt, dass du an deinem Humor dringend arbeiten musst?« Adam grinste und nahm einen großen Schluck Wasser aus der Flasche. Ich folgte seinem Beispiel und spielte anschließend nervös mit dem Schraubverschluss. »Das war kein Scherz.«
»Echt jetzt?«
Ich nickte. »Mein absoluter Ernst! Du kommst aus Elverston und scheinst dich mit den Surges auszukennen. Daher glaubt
Callahan, du kannst uns helfen, die Biester aufzuspüren und zu vernichten. Ob du am Ende überlebst, ist für ihn unerheblich.«
»Deshalb bin ich also noch nicht unter der Erde.« Das war eine Feststellung und keine Frage.
»Ja«, bestätigte ich dennoch. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass er Adam am Leben hielt, um ihn für seine Ziele auszunutzen.
»Okay. Alles auf Null zurück. Ist das der einzige Grund?« Adam betonte jedes Wort. Dann rückte er überraschend näher an mich heran, sodass wir uns im Licht der hereinscheinenden Sonne einen Moment schweigend gegenüber saßen.
Ein weiteres Mal irritierten mich seine sanften und gleichmäßigen Gesichtszüge, die sich flüchtig verdunkelten, als er die Tragweite der Worte verinnerlichte.
Er lebte nur, um bald für meine Einheit zu sterben. Das widersprach meinem Wunsch, dass er unversehrt blieb. Somit hatte ich beschlossen, alles daran zu setzen, ihn die kommenden Tage und Wochen auf jede Eventualität vorzubereiten.
»Ich kenne seine genauen Pläne nicht«, flüsterte ich heiser. »Außerdem tappe ich vollkommen im Dunkeln, was während deines Verhörs passiert ist. Callahan hat nur seltsame Andeutungen gemacht, mit denen ich nichts anfangen kann. Auch wenn ich wollte, ich traue ihm nicht mehr, deswegen habe ich ihm vorgegaukelt, dass ich seinem Befehl nachkomme. Was er da von mir verlangt ... ist ... ist falsch. Die halbe Nacht habe ich wachgelegen und nach einem Ausweg gesucht. Aber es gibt keinen, deshalb habe ich mich entschieden, dir alles beizubringen, was du wissen musst, um zu überleben.«
Erneut blickten wir uns schweigend an, als Adams Miene sich erhellte. »Ja, es ist falsch«, wiederholte er. »Wir reden hier aber von einem skrupellosen Mann, dessen Namen selbst im Justizrat von Elverston verhasst ausgesprochen wird. An deiner Stelle kann ich gut nachempfinden, dass man besser tut, was er von
einem verlangt. Das gilt aber nicht für mich. Mir persönlich geht Callahan am Arsch vorbei. Besonders die ach so hochtrabenden Pläne, die er schmiedet, sind mir egal. Falls er denkt, er kann mich als Marionette einsetzen, soll er doch. Er kennt mich kein bisschen und ich tanze garantiert nicht nach seiner Pfeife.« Er legte eine kurze Pause ein und schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. »Aber du ... du bist mir nicht egal. Schon als wir uns das erste Mal trafen, hast du dich von der Masse abgehoben. Du denkst nach, bevor du austeilst. Nicht wie dein Kumpel Lio, der lieber zuerst seine gute Rechte sprechen lässt. Okay, vielleicht hatte ich den Kinnhaken auch verdient. Was ich aber eigentlich sagen will ...« Er stockte einen Moment, dann grinste er. »Du hast mir die Wahrheit gesagt. Das rechne ich dir hoch an. Du hättest gar nichts erklären müssen und hast es trotzdem getan. Ich bin froh, dass du dich dem Befehl verweigert hast. Andernfalls hätten wir die Gelegenheit verpasst, uns besser kennenzulernen. Das wäre schade. Ich bin nämlich der Meinung, du bist ein äußerst attraktiver junger Mann in der Blüte deines Lebens.« Er zwinkerte mir amüsiert zu.
Entgeistert musterte ich ihn. Für einen Sekundenbruchteil schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass er von Nash und mir wusste und seine Worte absichtlich darauf abzielten. Wie hatte er davon erfahren? Hatte er gestern nur so getan, als würde er schlafen? Und hegte er etwa Interesse an mir? Falls ja, hatte er dann soeben versucht, mir durch die Blume zu sagen, dass wir dieselbe Leidenschaft für das männliche Geschlecht teilten? Während ich darüber nachdachte, schüttelte ich kaum merklich den Kopf. Adam erlaubte sich sicherlich nur einen Spaß mit mir.
»Kannst du einen Moment ernst bleiben? Bist du dir dem Ernst der Lage wirklich nicht bewusst?« Trotz meiner Aussage boxte ich ihm schmunzelnd gegen die Schulter. Seine lockere Art, wie er mit der aktuellen Situation umging, imponierte mir.
»Ähm ... doch.« Adams Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an. »Dein Daddy nutzt uns aus. Dich sogar mehr als mich. Ich bin in diesem Katz-und-Maus-Spiel die Wissensquelle, die er beseitigen lässt, sobald sie erschöpft ist. Obwohl Nash spürt, dass etwas nicht stimmt, traut er sich nicht, Callahans Entscheidungen zu hinterfragen, und schwor sich dieses eine Mal seinem Vorgesetzten die Antworten zu liefern, die er unbedingt haben wollte. Was er jedoch nicht wusste, ist, dass er sich den Falschen ausgesucht hat. Ich gebe nie schnell auf. Wenn ich genauer über die Sache nachdenke, liegt die Antwort klar auf der Hand. Dein Ziehvater besitzt vermutlich nur unzusammenhängende Puzzleteile, mit denen er nicht viel anfangen kann. Deswegen ist er jetzt angepisst und musste auf eine andere Methode zurückgreifen und versucht nun uns auszuhorchen. Höchstwahrscheinlich denkt er, er könnte durch unsere zwanglosen Gespräche mehr erfahren, als mithilfe des Apex’.«
Ich nickte sprachlos. Er hatte es auf den Punkt gebracht. Abgesehen davon, dass ich keine Kenntnisse über den Apex besaß. Ich hatte das Gerät bislang nie gesehen. Aber woher wusste Adam, wer mein Ziehvater war? Dazu fielen mir nur zwei mögliche Antworten ein. Entweder Callahan hatte es ihm persönlich erzählt, was ich nicht glaubte. Oder aber – und das war wahrscheinlicher – er hatte die Wahrheit von Nash erfahren.
»Wo... woher ...?« Mehr brachte ich nicht über die Lippen.
Adam lächelte bezaubernd. »Du willst wissen, woher ich das alles weiß?«
»Ja.«, hauchte ich.
»Das hat mir Nash unfreiwillig verraten.«
»Was heißt unfreiwillig? Hat das etwas mit dem Apex zu tun? Kann sich das Ganze auch negativ auswirken? Du musst mir genau erklären, wie das komische Gerät funktioniert, denn
eines weiß ich sicher ... Callahan hat gelogen und die Fakten über das Verhör zwischen Nash und dir geschönt. Er will, dass ich künftig den Platz einnehme und dann wird mir wahrscheinlich das Gleiche passieren.«
Adam nickte verstehend, dann sah er seufzend zu Boden. Als er sprach, war seine Stimme kaum mehr als ein leises Flüstern. »Es wundert mich kein bisschen, dass er gelogen hat. Egal was er dir erzählt hat, vergiss es. Ich sage dir, was es tut. Es dringt gnadenlos in den verletzlichsten Teil deines Inneren ein, raubt dir förmlich deine Seele und wenn du nicht stark genug bist, zerstört es dich ... ganz langsam und bei vollem Bewusstsein. Am Ende bist du bereits tot, bevor du es überhaupt realisiert hast.«
Entsetzt starrte ich ihn an. »Was zur Hölle ist dieser Apex? Wie ist das alles möglich?«
»Wie es genau funktioniert, kann ich nicht sagen, aber es funktioniert.« Adams Antwort klang überzeugend und er sah mich erneut mit ernstem Blick an. »Die Schwachen gehen daran zugrunde. So wie Lizzy und die anderen. Callahan unterliegt allerdings einem großen Irrglauben. Er denkt, der Apex saugt jemandem schlicht und einfach die Wahrheit aus dem Gehirn. Das ist nicht ganz richtig. Die Verbindung geht viel tiefer, aber nur, wenn die Prozedur richtig durchgeführt wird. Er verknüpft nicht nur das Gehirn des Probanden mit dem des Empfängers, sondern schafft eine Brücke, quasi eine Straße, die in beide Richtungen führt. Wenn man weiß wie, kann man sich zum Teil auch gegen den Übergriff wehren. Doch die meisten ahnen nicht einmal, was auf sie zukommt.«
»Du schon?« In diesem Moment drängte sich mir mehr denn je die Frage auf, wer mein Gegenüber war.
Adam nickte. »Dein Dad weiß jetzt zwar, wer ich bin, mehr auch nicht. Umgekehrt war Nash nicht auf mich vorbereitet und ich konnte ihn lesen, wie ein offenes Buch. Sein
Unterbewusstsein hat mir mehr verraten, als er es mit Worten jemals hätte tun können. Verstehst du?«
Ich begriff, was er meinte, und konnte kaum atmen, als mir die Tragweite bewusst wurde. Die Hitze stieg mir in die Wangen und ein leichter Anflug von Panik nahm von mir Besitz. Adam wusste von meiner Beziehung zu Nash, ebenso was er über mich dachte und für mich empfand. Und zu guter Letzt, dass Callahan mein Ziehvater war. Während ich die Neuigkeiten zu verdauen versuchte, wurde mir unbehaglich zumute. Damit hatte ich nicht gerechnet.
»Dann ... dann ...«, weiter kam ich nicht, denn mir versagte die Stimme. So verwundbar hatte ich mich in meinem ganzen Leben nie gefühlt.
»Daiven«, sprach er sanft und legte mir seine Hand auf die Schulter. Ich wollte sie abschütteln, doch etwas hinderte mich daran. Merkwürdigerweise beruhigte er mich damit.
»Du ... du weißt alles«, presste ich hervor und war nicht in der Lage ihn anzusehen. Was dachte er von mir? War ich in seinen Augen ein hoffnungsloser Idealist, der jeden Befehl ohne Widerworte befolgte? Oder vielleicht nur ein Mann, der krampfhaft versuchte, den Richtigen im Leben zu finden? Dass Nash es nicht war, beruhte auf Gegenseitigkeit. Wir waren uns in diesem Punkt von Anfang an einig gewesen.
»Alles ist ein wenig übertrieben. Bitte Daiven. Sieh mich an«, flüsterte er.
Ich tat es nicht. Der Gedanke, dass er durch Nash so viel von mir erfahren hatte, fühlte sich schlimmer an als Callahans Misstrauen. Es war, als würde ich nackt vor ihm stehen und nichts besitzen, um meine Scham zu bedecken.
»Bitte Daiven. Verschließ dich nicht vor mir. Du möchtest mich doch auch näher kennenlernen.« Aus seinem Tonfall hörte heraus, wie wichtig es ihm war, dass ich mich jetzt nicht
zurückzog. »Nash hat mir keine intimen Details verraten, falls dich das beruhigt.«
Die letzte Aussage verfehlte ihre Wirkung nicht. Zögerlich kam ich der Bitte nach. In seinem Blick lag eine gewisse Ehrlichkeit gepaart mit Neugier und plötzlich fühlte ich mich nicht mehr so verletzlich.
»Aber du kennst Nashs Gedanken und damit auch mein größtes Geheimnis. Was könnte demütigender sein?«, stieß ich ruppig aus.
Adam beobachtete mich aufmerksam. »Ich schätze, eine ganze Menge. Ich erinnere dich ja nur ungern, aber das Verhör war nicht meine Idee. Mach dir darüber keinen Kopf. Was ich von Nash erfuhr, waren hauptsächlich angenehme Emotionen und vage Erinnerungen. Nichts, woraus ich genaue Schlüsse hätte ziehen können. Der Rest bestand aus flüchtigen Bildern von Kämpfen und künftigen Plänen. Abgesehen davon war, euer Kuss mehr als deutlich. Dazu hätte ich seine Sicht der Dinge nicht gebraucht.«
»Du warst wach?« Unweigerlich verkrampfte ich mich. Wirklich überrascht war ich jedoch keineswegs.
Adam lachte. »Ertappt!«
»Vermutlich hätte ich es an deiner Stelle auch vorgetäuscht«, gab ich schmunzelnd zu.
Adam grinste und ergriff meine Hand. Ich spürte die angenehme Wärme, die von ihm ausging. Es war ein wohltuendes Gefühl und daher ließ ich es zu.
»Ich verrate dir etwas. Nash schätzt dich sehr. Du bist ein wichtiges Mitglied seiner Einheit, genau wie sein Bruder. Er ist stolz auf deine Leistungen und enttäuscht, dass er deine Ausbildung als Pyrobirdpilot nicht beenden darf. Außerdem verriet er mir, dass er bei eurem letzten Einsatz sehr besorgt war. Die kleinen dreckigen Details über euch beide hat er mir leider nicht verraten.«
»Leider?« Argwöhnisch zog ich die Augenbrauen nach oben, während ich mich innerlich allmählich entspannte. Mein Instinkt sagte mir, dass Adam keinen Grund zum Lügen hatte.
Adam zwinkerte. »Soweit ich das beurteilen kann, ist Nash ein klasse Typ. Mir gefiel allerdings nicht, wie er mit dir auf der Krankenstation umgesprungen ist. Sein Verhalten passte nicht zu seinen Emotionen. Ich fürchte, das ist meine Schuld.«
»Deine Schuld?« Ich verstand nicht, warum er sich verantwortlich fühlte, bis mir wieder seine Erklärung zu dem Apex in den Sinn kam. »Hat das etwas mit der Straße zu tun?«
Er nickte.
Ich seufzte. »Ich muss dir recht geben, er war in den letzten Tagen nicht er selbst.« Eilig berichtete ich ihm von Nashs Zusammenbruch unter der Dusche und davon, wie sehr mich der blutige Kuss entsetzt hatte. Natürlich ließ ich auch Callahans fadenscheinige Erklärung zu Nashs Zustand nicht aus. Wie ein Wasserfall sprudelte es aus mir heraus. Die ganze Zeit über hörte er mir aufmerksam zu.
»Du willst jetzt bestimmt nichts mehr mit mir zu tun haben«, sagte Adam nach kurzem Nachdenken traurig und zog sich ein Stück von mir zurück. »Aber es war keine Absicht. Wirklich nicht! Das musst du mir glauben. Es gab einen vollständigen Austausch der Gedanken und Gefühle zwischen uns beiden. Ich habe versucht, es zu verhindern, konnte die Barriere aber nicht aufrechterhalten und Nash tauchte in meine längst vergrabenen Erinnerungen ein. Ich lebe mit ihnen schon so lange und hatte Zeit, sie zu verarbeiten, sodass ich damit umgehen kann. Für ihn war es vermutlich zu viel. Er hat durch unsere Verbindung innerhalb weniger Minuten Dinge erlebt und am eigenen Leib gespürt, die seine Vorstellungskraft sprengten.« Adam hielt inne und fuhr sich fahrig mit den Händen übers Gesicht. »Das hat dazu geführt, dass sein Körper und Geist die Flut an Emotionen
und Bildern von mir nicht verarbeiten konnte. Deshalb machte er komplett schlapp.«
Gebannt versuchte ich, zu begreifen, was das bedeutete. Seine Erklärungen klangen vernünftig und plausibel, dennoch verstand ich nur die Hälfte. »Ist Nash in Ordnung? Oder hat er sich deshalb so seltsam bei unserem Kuss benommen?«
»Im Prinzip ja.« Adam knetete nervös die Hände. Für einen Moment erweckte er den Eindruck, zum ersten Mal um Worte verlegen zu sein. »Ich schätze mal, es wird sich zeigen, ob es ihm gut geht. Aber es wird Zeit brauchen. Dein Daddy weiß das und deswegen will er nun dich.«
»Callahan ist nicht mein Vater! Er hat mich lediglich als Dreijährigen aufgenommen und mir ein Dach über dem Kopf gegeben. Das ist alles«, stellte ich mit hartem Tonfall richtig. Schnaubend ballte ich die Hände zu Fäusten. Ich konnte meine Wut auf Callahan kaum zügeln. Er hatte Nash seit Jahren ausgenutzt und ihm dem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt, dass jederzeit etwas schiefgehen konnte. Nun war dieser Fall eingetreten und er leugnete es. Die Wahrheit dahinter steigerte meinen Zorn auf ihn.
Beruhigend legte Adam seine Hände auf meine zitternden Finger. »Dein Verhalten sagt einiges über dich aus.«
Ich ging nicht auf seine Worte ein. »Was ist mit dir?«
»Was soll mit mir sein?«
»Wie gehst du mit dem Ganzen um?« Adam hatte mehr denn je mein Interesse geweckt.
»So wie immer. Ich nehme es hin und lebe mein Leben. Allerdings bin ich jetzt an einem Punkt angekommen, an dem ich ein wenig ratlos bin, und das liegt an dir.«
»An mir?«
»Nenne es glückliche Fügung des Schicksals. Wir beide wissen jetzt mehr, als jeder andere und verlassen uns auf unser Bauchgefühl. Nimm nur die zwei Gorillas. Hättest du gewollt,
dass sie uns ausspionieren, wären wir nicht hier gelandet und würden uns jetzt unterhalten. Bevor wir aber weiterreden ... ich habe Hunger.«