Kapitel Neun
* * * * *
Daiven
Breit grinsend beobachtete ich Adam, wie er sich das letzte Stück des Felsens nach oben hangelte und schließlich vor mir stand. Die Erleichterung war ihm anzusehen.
»Idiot!«, sagte er atemlos und baute sich mit den Händen in die Hüften gestemmt vor mir auf. »Grins nicht so dämlich. Ich sah eben mein Leben erneut an mir vorbeiziehen. Das war das letzte Mal. Ich hab’s nicht so mit Abgründen, wie du weißt.«
»Was hast du gegen mein Lieblingsversteck? Hier haben Lio und ich einige lustige Stunden verbracht«, erklärte ich. Dabei war ich stolz auf Adam, denn er hatte den Rückweg zum Geröllfeld ohne meine Hilfe gemeistert.
»Dafür seid ihr extra hier hochgekraxelt? Vor wem habt ihr euch denn versteckt? Sag jetzt nicht Callahan.« Er klopfte sich den Staub von der Uniform und musterte mich wieder mit diesem atemberaubenden Blick.
Das Licht der frühen Nachmittagssonne beschien in diesem Moment sein Gesicht im perfekten Winkel. Seine jadegrünen Iriden leuchteten auf und mir lief ein wohliger Schauder den Rücken herab. Mein Herz hämmerte wild in der Brust. Adam war ein außergewöhnlich anziehender Mann. Alles an ihm reizte mich. Plötzlich erschien Nash vor meinem inneren Auge und ich schämte mich sogleich für meine Gedanken. Im unmittelbaren Vergleich zueinander unterschieden sich beide charakterlich kaum voneinander. Jeder besaß eine lockere Zunge und dennoch waren sie mir gegenüber einfühlsam. Äußerlich war der Unterschied schon größer. Adam war ein gutes Stück kleiner als Nash und hatte weniger ausgeprägte Muskelpartien. Trotzdem
gab er in meiner geliehenen Uniform ein hervorragendes Bild ab. Er wischte sich einige strohblonde Strähnen aus der Stirn, die ihm ein leichter Luftzug verspielt ins Gesicht geweht hatte. Sein Mund war leicht geöffnet.
Aufgewühlt sah ich auf seine schmalen Lippen, während ich gegen das Bedürfnis ankämpfte, sie mit den meinen zu berühren. Ich musste mich stark zusammenreißen, was mir alles andere als leicht fiel. Ich erinnerte mich an das Kribbeln auf der Haut, als er nach seinem gehauchten Kuss meine Wange gestreichelt hatte. Noch nie hatte ich mich in meinen Leben glücklicher gefühlt. Es kam mir vor, als könnte ich Adams Berührung immer noch fühlen. Was war nur los mit mir? Ich war gegenüber Nash zwar zu nichts verpflichtet, dennoch schien es nicht richtig zu sein. Darüber hinaus war ich mir nicht zu hundert Prozent sicher, ob Adam nur mit mir spielte oder seine bisherigen Andeutungen ernst gemeint waren.
Ich räusperte mich. »Wir haben uns vor Major Garret versteckt. Er übertrieb es oft mit den Fußmärschen. Wenn wir keine Lust hatten, sind wir davongelaufen und verbrachten den ganzen Tag in der Nische. Niemand ahnte, dass wir uns hier verkrochen hatten«, griff ich das Thema auf und hoffte, dass ihm nicht aufgefallen war, wie unverhohlen ich ihn angestarrt hatte.
Adam hob skeptisch die Augenbrauen und sah mich verheißungsvoll an. »Ich bezweifle, dass das besonders klug war. Ich dachte echt, du wärst der korrekte Typ.«
Ich lachte herzlich. »Wer sagt denn sowas? Für gute Streiche bin ich immer zu haben.«
Adam fiel mit ein, klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter und kam meinem Ohr sehr nahe. »Themawechsel«, flüsterte er mir zu. »Wo bekomme ich etwas zum Beißen her? Du glaubst doch nicht, dass der Apfel und die Birne der Hit waren.«
Adams Atem kitzelte zum zweiten Mal meine Wange und ich schloss kurz die Augen. Jetzt tauchte nicht Nashs, sondern
Adams verführerisches Lächeln auf. Es schien mir förmlich unter die Haut zu kriechen. Dabei verspürte ich das merkwürdige und zugleich wohltuende Empfinden von Aberhunderten Schmetterlingen, die in meinem Bauch herumwuselten. So etwas hatte ich bisher nie jemandem gegenüber gefühlt. Es wurde umso intensiver, als ich mir vorstellte, Adam zu umarmen und seine Wärme in mich aufzunehmen. Unweigerlich biss ich mir auf die Unterlippe und öffnete die Lider. Egal wie, aber ich musste mich dringend von ihm distanzieren, bevor ich dazu nicht mehr in der Lage war. Rasch trat ich einen Schritt zurück.
»Da unsere Schatten uns vermutlich längst an der falschen Stelle suchen, gehen wir zum Fluss«, antwortete ich heiser und versuchte den Knoten im Hals herunterzuschlucken, der unerwartet dort feststeckte. »Ich kenne eine Lichtung. Dort bauen wir eine Falle auf und warten. Du magst hoffentlich Wildkaninchen.«
»Wir müssen unser Essen erst fangen? Oh nein! Bis dahin bin ich längst ein Skelett«, stieß Adam theatralisch aus.
»Dann sollten wir uns beeilen. Ich stehe nicht so auf abgemagertes Fleisch.« Während ich die Worte aussprach, stieg mir die Hitze in die Wangen und ich wandte mich hastig von ihm ab.
»Wenn das so ist, lass uns keine Zeit vergeuden.« Ich sah zwar sein Grinsen nicht, dennoch konnte ich es förmlich spüren.
Die Schmetterlinge setzten ihren wilden Tanz in meinem Inneren fort und ich fing an, dieses Gefühl zu genießen. Es war so überwältigend, dass ich mich nicht dagegen wehrte. Ich wünschte mir sogar mehr davon. Unweigerlich drängte sich mir die Frage auf, warum Nash niemals solche Emotionen in mir wachgerufen hatte. Die Antwort schien zum Greifen nahe und trotzdem bekam ich sie nicht zu fassen. Sicher war ich mir nur in einem Punkt. Adams Nähe ließ meinen Puls in die Höhe schnellen, während alles andere unwichtig erschien.
Nichtsdestotrotz durfte ich mich nicht davon ablenken lassen. Krampfhaft versuchte ich, mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ich drehte mich verbissen um und marschierte schnurstracks über das Geröllfeld zurück zum Pfad. Er führte in gerader Linie zum Wald. Unsere Verfolger waren nirgends zu sehen. Entweder warteten sie gut getarnt irgendwo im Dickicht auf uns oder sie hatten, wovon ich eher ausging, den falschen Weg gewählt, und zwar den über den zweiten Pass. Dennoch durfte ich sie nicht außer Acht lassen, denn sie würden es nicht wagen mit leeren Händen zu Callahan zurückzukehren.
Adam folgte mir zügig. Zwangsläufig kamen mir seine künstlichen Beine in den Sinn. Vor dem Aufbruch hatte er mir erklärt, dass er mit ihnen schneller rennen konnte, als je ein Mensch dazu in der Lage war. Schon bald wollte er es mir beweisen. Von all seinen unnatürlichen Komponenten war sein Auge das Beeindruckendste für mich. Ich wusste, dass es aus synthetischen Materialien bestand, dennoch wirkte es so natürlich. Vor allem dann, wenn er mich direkt ansah und ich mich in seinem verführerischen Blick verlor.
Zuerst war ich über seinen Zustand erschrocken gewesen. Aber je mehr ich darüber erfuhr, desto beeindruckter fand ich ihn. Er hatte sich offensichtlich durch die Schrecken seiner Kindheit nicht beeinflussen lassen. Dazu war wohl nicht jeder in der Lage. All das zusammen verlieh Adam eine mystische und einnehmende Aura, die mich Stück für Stück weiter in seinen Bann zog.
Zu meinem Bedauern gab es da noch Callahan, der andere Pläne verfolgte und dem Ganzen einen seltsamen Beigeschmack verlieh. Mir war klar, dass er Adams Körper und sein Wissen schamlos auszunutzen versuchte. Sogleich wurde ich von einer tiefen Traurigkeit übermannt. Wir beide hatten eine Kindheit voller Missbrauch hinter uns. Während Adam
die widerlichen Experimente über sich ergehen lassen musste, verbrachte ich mein Leben in der Ungewissheit, ob nicht die nächste Prügelattacke auf mich wartete, die oftmals auf der Krankenstation endete. Die Misshandlungen von Adams Vater wogen für mich zwar weitaus schwerer und trotzdem unterschieden sich unsere Väter kaum voneinander. Sie besaßen eine unumstrittene Emotionslosigkeit, um die eigenen Ziele zu erreichen. Adam war es trotz der Widrigkeiten gelungen, seinen Humor und die innere Stärke zu bewahren. Das schätze ich sehr an ihm.
»Adam«, sagte ich leise und erschrak, als er unverhofft an meiner Seite auftauchte.
»Ja?« Er schenkte mir wieder dieses unwiderstehliche Lächeln, von dem ich nicht genug bekommen konnte.
Ich seufzte, während mir unzählige Fragen durch den Kopf schossen. »Ach nichts«, versuchte ich auszuweichen und erhöhte das Tempo.
Adam folgte mir ohne Anstrengung und nur wenige Meter später hatte ich Mühe mit ihm mitzuhalten.
»Wie fühlt es sich an, mit den Beinen zu laufen?«, platzte es aus mir heraus.
»Gute Frage. Ich laufe einfach«, sagte er und tat mehrere große Schritte, während ich die doppelte Schrittanzahl für die gleiche Distanz benötigte. »Ich schätze, es ist nicht anders, wie wenn du einen Fuß vor den anderen setzt. Es ist keine große Sache, wenn du daran denkst, passiert es instinktiv.«
»Du bist echt etwas Besonderes«, erwiderte ich staunend.
»Natürlich bin ich das!«, rief er mir lachend über die Schulter zu und erhöhte erneut das Tempo. »Ich fange an, mich wieder daran zu gewöhnen. Beeil dich, sonst laufe ich dir noch davon. Was würde Callahan dazu sagen?«
»Niemals!«, sagte ich grinsend. Was die körperliche Fitness betraf, war ich eindeutig der Überlegenere von uns beiden.
Mehrmals in der Woche absolvierte ich gemeinsam mit Lio einen Zehn-Kilometer-Lauf durch den Wald. Daher waren meine Lunge und Muskeln trainiert und Anstrengungen dieser Art waren mir nicht fremd. Rasch zog ich das eigene Schritttempo an. Kurz darauf holte ich ihn ein, doch Adam beschleunigte ein weiteres Mal. Sein verschmitzter Gesichtsausdruck verriet mir, dass er Gefallen daran fand, und ich war mehr als bereit seine Herausforderung anzunehmen. Bis zur Hälfte des Weges blieben wir gleich auf. Doch dann schoss er regelrecht davon. Am Ende gab ich mich frustriert geschlagen. Selbst die beste Kondition eines Menschen war Adams Schnelligkeit weit unterlegen.
»Ha ... Erster! Aber an meiner Fitness muss ich echt arbeiten«, triumphierte er, während er japsend nach Luft hechelte und sich den Schweiß von der Stirn abwischte.
Nachdem ich mehrmals tief durchgeatmet hatte, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. »Das ist der absolute Wahnsinn! Keine Sorge, wir bekommen dich in Form.«
»Was heißt wir
?«
»Lio und ich. Wer denn sonst.«
»Dein Kumpel und du?«, wiederholte er skeptisch.
»Lio ist echt in Ordnung, wenn ihr euch erst einmal besser kennenlernt. Ihr hattet nur einen schlechten Start. Das ist alles.«
Adam wirkte keineswegs erbaut. »Ich hoffe, du behältst recht. Zumindest kann ich bestätigen, dass er mit seinen Fäusten verdammt gut austeilt.«
Ich lächelte, denn dafür war mein bester Freund bekannt. »Lio ist zwar impulsiv und handelt gerne, bevor er nachdenkt, dennoch teilen wir die gleichen Ansichten. Sobald wir zurück sind, treffen wir uns mit ihm und du berichtest ihm, was du mir erzählt hast.«
»Das ist eine ganz schlechte Idee.« Adam unterstrich die Worte, indem er die Arme vor der Brust verschränkte.
»Warum? Lio muss die Wahrheit erfahren. Er hat doch bereits gemerkt, dass etwas nicht stimmt, und wird mich so oder so fragen.«
»Vergisst du da nicht etwas?« Adam trat mit finsterer Miene an mich heran.
Ich blickte ihn fragend an.
»Okay, Lio und Nash sind Brüder. Dass er sich Sorgen macht, kann ich verstehen. Aber Sophie ist ihre Mutter und sie war beim Verhör dabei. Ich kann zwar nicht behaupten, sie zu kennen, doch in meinen Augen hat sie Dinge getan, die sie nicht unbedingt sympathisch erscheinen lassen. Was, wenn Lio mit ihr darüber redet?«
»Das tut er nicht«, antwortete ich prompt und voller Überzeugung. Ich konnte Adams Argwohn durchaus nachvollziehen, aber ich kannte Lio besser als mich selbst. »Ich sage es ja ... ihr kennt euch noch nicht. Von Kind an verlassen wir uns aufeinander und bisher hat keiner das Vertrauen des anderen missbraucht. Wenn ich ihn darum bitte, Stillschweigen zu bewahren, tut er das, ohne es zu hinterfragen. Da bin ich mir sicher. Das ist wohl der Zeitpunkt, dir auch ein Geheimnis zu beichten. Es sieht vielleicht so aus, als wären wir beide mit Callahans Befehlen immer einverstanden, aber so ist das nicht. Seit einigen Jahren versuchen wir, seine manchmal total unsinnigen und übertriebenen Anordnungen zu umgehen. Aber wir müssen vorsichtig sein. Bis jetzt ahnt es niemand und so soll es auch bleiben.« Ich legte eine kurze Pause ein und war bereit, ihm noch einen wichtigen Fakt mitzuteilen, den er nicht mögen würde. »Übrigens ... Lio weiß, dass ich mit dir hier draußen bin. Ich habe ihm gestern Nacht von dem Gespräch mit Callahan erzählt. Also ist es nur fair, wenn er den Rest erfährt und das am besten von dir selbst.«
Adam seufzte und fuhr sich mit den Händen fahrig übers Gesicht. »Ich hoffe, du weißt, was du tust. Mein Bauch sagt mir,
dass du nicht lügst und ich dir vertrauen kann. Mein Verstand rät mir jedoch zu absoluter Vorsicht. Ich bin schon ein ziemliches Risiko eingegangen, indem ich mich dir anvertraut habe.«
Ich legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. »Das weiß ich und ich verstehe dich besser, als du glaubst. Ich hoffe, dass du mir weiterhin vertraust, denn ich würde dich niemals ins offene Messer rennen lassen. Schon gar nicht jetzt, wo wir beide anfangen, uns kennenzulernen. Denn ehrlich gesagt mag ich dich.« Erleichtert betrachtete ich Adams Gesicht, das sich allmählich erhellte. »Ich verspreche dir hier und jetzt, ich passe auf dich auf. Egal wo. Egal wann. Lio ist nicht das Problem, sondern Callahan und die anderen. Im Moment bist du relativ sicher, denn da du seit heute Morgen offiziell unter meinem Kommando stehst, bist du für jeden tabu. Falls das jemandem gegen den Strich geht, müsste er zuerst an mir vorbei. Das wird aber nicht passieren, denn jeder auf dem Stützpunkt kennt und akzeptiert meinen Rang und meine spezielle Verbindung zu Callahan.«
Um Adams Mundwinkel zeichnete sich ein hauchzartes Schmunzeln ab. Er bettete seine Hand auf meine Schulter. »Genau das spricht für deinen rücksichtsvollen und starken Charakter«, wisperte er kaum hörbar. »Trotzdem hoffe ich, dass du dich nicht irrst. Denn falls doch ...«
»... säße ich wegen Befehlsverweigerung längst im Gefängnis und du wärst vermutlich tot«, beendete ich den Satz für ihn. »Denk darüber nach! Du hast es doch selbst gesagt ... ab sofort sind wir Callahan einen Schritt voraus. Du bist für ihn lebendig nützlicher als tot. Das Einzige, was wir tun müssen, ist ihn an der Nase herumzuführen.«
»Vergiss nicht die Gorillas, die irgendwo im Wald auf uns warten«, ergänzte er. Nachdenklich betrachtete er mich, dann fuhr er fort: »In Ordnung ... ich bin einverstanden und lege mein Leben in deine Hände. Aber nur unter einer Bedingung:
Du musst mir schwören, dass du dich bei unserer Rückkehr von Nash fernhältst. Solange er nicht versteht, was mit ihm geschieht, bist du in seiner Nähe nicht sicher.«
Ich starrte Adam verwundert an. »Was willst du damit bezwecken? Nash würde mich nie in Gefahr bringen. Oder willst du mich absichtlich von ihm fernhalten?«
»Natürlich nicht!« Seine Widerworte wirkten dabei nicht allzu überzeugend auf mich. »Es geht darum, dass Nash zurzeit unberechenbar ist. Du weißt, wie er mit dir umgegangen ist, und ich habe gesehen, wie erschrocken du warst. Mir geht es um deine Sicherheit. Bitte versprich es mir.«
Sprachlos sah ich ihm tief in die Augen, in denen sich deutlich seine Sorge um mich widerspiegelte. Zum wiederholten Mal verspürte ich mein rasendes Herz in der Brust und die herumwuselnden Schmetterlinge im Bauch, um mich vollständig aus dem Konzept zu bringen. Was tat Adam nur mit mir? In diesem Moment wünschte ich mir sehnlichst, ihn in meine Arme zu nehmen und fest an mich drücken zu dürfen.
»Bitte, Daiven ... versprich es mir«, hakte er nach und trat erneut mit einem düsteren Ausdruck im Gesicht einen Schritt zurück. »Ich finde eine Lösung, um ihm zu helfen. Nur im Moment fällt mir keine ein. Es ist zu deinem Besten. Eine Vorsichtsmaßnahme, mehr nicht. Ich bin der Letzte, der euch beide auseinanderbringen will.«
Adam hatte keinen Grund zu lügen. Nicht, nachdem was ich von ihm über den Apex erfahren hatte und wie gefährlich es für Nash gewesen war. Daher stimmte ein Teil von mir ihm zu. Doch der andere Teil kannte Nash. Auch wenn er einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden war, war ich davon überzeugt, dass er mir nie etwas antun würde.
Nach kurzem Bedenken gewann jedoch die Vernunft die Oberhand und ich musste Adam recht geben. Nash war momentan instabil. Zu deutlich war mir der blutige Kuss in
Erinnerung geblieben. Ich hoffte nur, dass ihm sein Verhalten künftig keine Probleme bereiten würden. Callahan wusste darüber Bescheid und hatte Nash abkommandiert, damit es niemanden auffiel. Dessen war ich mir sicher. Ich holte tief Luft und seufzte. »Okay ... ich verspreche es dir. Aber Nash wird in nächster Zeit ohnehin kaum auf dem Stützpunkt sein. Die Gammabasis soll vor dem Wintereinbruch fertig werden.«
»Du meinst der Bau des unterirdischen Labors«, verbesserte er mich.
»Ja. Lass uns nicht streiten«, antwortete ich zähneknirschend.
»Wir streiten nicht, wir diskutieren. Hauptsache wir sind uns einig. Sind wir das?« Er sah mich klar und unmissverständlich an.
»Ja. Sind wir«, bestätigte ich und Adams Fürsorge irritierte mich zunehmend. Ich biss mir auf die Zungenspitze und räusperte mich. »Ich wechsel ja nur ungern das Thema, aber wenn wir vor der Dämmerung am Fluss sein wollen, müssen wir uns auf den Weg machen.«
»Einverstanden. Ich folge dir.« Adam lächelte.
»Dann mal los. Hier entlang. Pass aber auf die Baumwurzeln auf. Die sieht man kaum.« Ich deutete mit dem Kinn nach Osten. Dort befand sich ein überwucherter Pfad, der sich die ersten dreihundert Meter durch wildes Gestrüpp schlängelte. Vor dem Krieg wurde das Land als Erholungsgebiet genutzt. Die Wanderwege und die Rastplätze existierten weiterhin, man musste nur wissen wo.
»Deswegen lasse ich dir den Vortritt. Falls du fällst, lande ich wenigstens weich.«
Lachend marschierten wir los. Wir kämpften uns durch das Dickicht, bis sich der Untergrund allmählich veränderte und sich der Weg verbreiterte. Ab hier nutzten die Rekruten den Wanderpfad öfter. Das Gras war durch die zahlreichen
Stiefelspuren verschwunden und der Erdboden stach hervor. Beim nächsten Regenschauer würde er sich in eine schlammige Schneise verwandeln.
»Wusstest du, dass die Menschen aus der Stadt früher hier Urlaub machten?«, sagte ich nach einiger Zeit, um die Stille zwischen uns zu beenden.
»Urlaub? Mitten in der Wildnis?«
»So hat es Sophie Lio und mir erklärt. Die Menschen kamen aus der Stadt und bezahlten dafür, dass sie am See zelten oder mit dem Boot hinausfahren durften. Dort, wo jetzt unsere Schule steht, standen früher mehrere eingestürzte Gebäude. Sie gehörten zu einem größeren Komplex für Urlauber mit Geschäften und Restaurants. Ich verstehe nur nicht, warum sie überhaupt kamen, wenn sie sich nicht einmal ihr Essen selbst fingen. Wieso geht man dann in die Natur? Sophie zeigte mir sogar verblasste Werbeprospekte davon. Laut denen war Timbermore Point ein ruhiger Ort, um die Seele baumeln zu lassen. Zumindest vor dem Krieg.«
»Bezahlen dafür, dass man hier sein darf?«, feixte Adam. »Wundern tut es mich nicht. Gestern wie heute zählt in erster Linie Geld und hohes Ansehen. In Elverston gilt gutes Einkommen immer noch als Statussymbol. Je höher deine Position, desto größer der Einfluss. Mir war das schon eh und je schnuppe. Mir reichten meine vier Wände und der Computer. Alles andere interessierte mich nie großartig.«
»Fragst du dich manchmal, wie es wäre, wenn der Krieg nie stattgefunden hätte?«
»Schon«, bedeutete Adam mit traurigem Unterton. »Leider gibt es zu viele Faktoren, die dagegen sprechen. Es wäre so oder so irgendwann dazu gekommen. Die Menschheit ist dazu geboren sich gegenseitig abzuschlachten ... das ist ihre wahre Bestimmung. Gründe braucht sie nicht. Es reicht schon aus, wenn man jemanden schief anguckt. Du siehst es doch. Wir sind
eine neue Generation und wieder herrscht Krieg. Den Menschen war es nicht genug, die Erde und sich selbst fast zu vernichten. Nur dieses Mal geht es nicht um wertvolle Ressourcen, Staaten oder Weltanschauungen. Die Menschheit hat schlichtweg einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr damit aufhören kann. Moralische Bedenken wurden inzwischen für immer abgelegt. Die Frage nach dem Warum wäre die Frage nach einem vernünftigen Grund, den es meiner Meinung nach nicht gibt und nie geben wird. Dazu fällt mir ein Spruch ein, der wahrer nicht sein könnte: ›Der Mensch ist das größte Raubtier aller Spezies, die jemals existierten.‹ Betrachte doch nur Elverston oder mich. Technik ist der neue Gott. Die Menschheit will ewig leben und vernichtet sich irgendwann in naher Zukunft dadurch selbst.«
Abrupt blieb ich stehen und drehte mich um. Perplex starrte ich ihn an.
Adam fuhr sich fahrig übers Gesicht. »Was ist? Klebt eine Spinne auf meiner Stirn?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Aber du hast gerade einen Satz gesagt, den ich kenne.«
»Oh ... welche denn?«, erkundigte er sich neugierig.
»Der Mensch ist das größte Raubtier aller Spezies, die jemals existierten«, wiederholte ich und spürte nur allzu deutlich meinen beschleunigten Herzschlag.
»Ich gebe es zwar nur ungern zu«, antwortete Adam, »doch ausnahmsweise hat mein Vater in seinem erbärmlichen Leben etwas Tiefschürfendes gesagt. Woher kennst du sie?«
»Von Sophie«, sagte ich kaum hörbar.
Adam stutzte und wirkte irritiert. »Okay. Vermutlich haben beide das gleiche Buch gelesen.«
»Sie meinte, Callahan hätte es oft zu ihr gesagt.« Meine Verwirrung wuchs.
»Hm. Merkwürdig«, gab Adam zu bedenken.
Ich zuckte mit den Achseln.
»Vielleicht ist es gar nicht so ein besonderer Spruch, wie wir glauben.« Obwohl Adams offensichtliche Unwissenheit nicht gespielt wirkte, vermittelte er den Eindruck, als hätte die Erwähnung etwas bei ihm wachgerufen. Er runzelte kurz die Stirn, dann glättete sie sich wieder. »Mal etwas anderes ... was weißt du überhaupt von Callahan?«
Überrumpelt von seiner Frage, starrte ich ihn wiederholt an. Der plötzliche Themenwechsel behagte mir nicht. Ich redete nicht gerne über meinen Ziehvater. Schon gar nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.
»Sag schon. Was weißt du von ihm? Wie wurde er zum Kommandanten? Wie konnte er so viel Macht an sich reißen, dass ihm heute jeder aus Angst folgt?«
Eine berechtigte Frage, auf die ich selbst keine Antwort wusste. Gedankenversunken setzte ich mich an den Rand des Weges und sah auf den Boden. Ray Callahans Autorität war unter den Rebellen unumstritten. Seit ich denken konnte, war er der Anführer und jeder Befehl, den er erteilte, wurde ohne Einwände ausgeführt. Selbst Sophie tanzte nach seiner Pfeife, wenngleich sie sich ihm schon einige Male widersetzt hatte. Doch sie war auch die einzige Person in Timbermore Point, die das durfte.
»Ich weiß es nicht«, gab ich zu und blickte verunsichert zu Adam auf.
Er ging vor mir in die Hocke und legte mir eine Hand auf die Schulter. Seine Augen leuchteten dabei geheimnisvoll auf. »Das ist ein Rätsel, das es wert ist, gelüftet zu werden. Findest du nicht auch?«
»Du weißt doch etwas«, wisperte ich.
Adam grinste. »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich kann nur sagen, dass Callahan in Elverston bekannt und gefürchtet ist. Vor vielen Jahren ... keine Ahnung wie lange es schon her ist ... gab es einmal einen Mann ... einen jungen Befehlshaber in der
Armee ... der die Seiten wechselte. Er wurde nie wieder gesehen, aber laut Gerüchten lebt er. Bis heute wird er gesucht. Nun stell dir einmal vor, es wäre Callahan.«
Erschrocken zuckte ich zusammen. »Was? Das ist nicht dein Ernst!«
»Und ob! Woher kommt Callahan? Ist er bei den Rebellen aufgewachsen? Wer sind seine Eltern? Wie kam er an die Macht, die ihn zu einem unkontrollierbaren Faktor macht?«
»Er ... er ...«, stotterte ich und brach sprachlos ab.
»Siehst du. Wir müssen das Rätsel lösen. Ich wette mir dir, darin liegt die Antwort für den heimlichen Bau der Surges versteckt. Genauso wie die Antwort, warum er beim Versuch nach Elverston einzudringen, über Leichen geht. Oder warum er Nash dem Risiko des Apex’ aussetzt. Es gibt nur ein Problem. Dir vertraut er nicht. Denk nach ... wer könnte Informationen liefern, die uns helfen?«
Ich schloss die Augen und versuchte meinen hektischen Atem unter Kontrolle zu bringen. Unwissend hatte mir Adam genau jene Fragen gestellt, über die Lio und ich schon oft spekuliert hatten. Bedauerlicherweise bislang, ohne etwas Konkretes herauszufinden. Als ich die Lider wieder öffnete, beruhigte ich mich langsam.
»Bist du dir sicher, dass es der richtige Weg ist?«, fragte ich ihn mit gefestigter Stimme.
Um Adams Mundwinkel legte sich ein geheimnisvolles und dennoch beruhigendes Lächeln. »Welchen gibt es sonst, um unsere Hälse aus der sich bereits zuziehenden Schlinge zu befreien? Callahan verfolgt einen Plan und nun ist es unsere Aufgabe, ihn zu durchkreuzen. Da du dir sicher bist, dass Lio auf unserer Seite steht, holen wir ihn mit ins Boot. Ich gebe dir Brief und Siegel, Callahan ist der Schlüssel zu dem Ganzen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das stellst du dir so einfach vor.«
Adam grinste breit. »Waren wir uns vorhin nicht einig? Nach außen hin tun wir genau das, was von uns erwartet wird. Hinterrücks versuchen wir das Rätsel zu lösen.«
»Das ist Selbstmord und das weißt du.« Ich holte einmal tief Luft.
»Ich dachte, du bist für jeden Spaß zu haben?«
»Hast du mir nicht zugehört? Du setzt damit unser Leben aufs Spiel.«
Adam nickte. »Wir stehen längst auf der Abschussliste. Was kann schief gehen? Wir müssen nur schneller sein als er.«
»Du meinst es ernst«, stellte ich nüchtern fest. »Aber was dann? Was ist, wenn wir ihm auf die Schliche kommen? Was sollen wir dann tun? Selbst wenn Lio sich uns anschließt, sind wir gerade einmal zu dritt.«
»Okay. Der Punkt geht an dich.« Adam stand auf und reichte mir die Hand, die ich gerne annahm. »Uns wird etwas einfallen. Welche Wahl lässt er uns denn? Entweder lassen wir zu, dass er mit uns spielt oder wir spielen mit ihm.« Mit einem Ruck zog er mich hoch.
»Ich vertraue dir«, antwortete ich leise und ließ ihn dabei nicht los. »Meine Zukunft besteht darin, im Rang weiter aufzusteigen oder frühzeitig beim Einsatz getötet zu werden. Wobei das Letztere wahrscheinlicher ist. Callahan würde keine Träne um mich vergießen.«
»Siehst du!« Adam zog mich näher zu sich heran und ich konnte seinen Atem auf meiner Wange fühlen. »Du bist ein Mann mit Ethik. Du bist ein Mann, der mit dem Herzen bei der Sache ist. Das ist genau das, was dich von all den anderen unterscheidet. Du zeigst mir, wie du wirklich bist, und das soll auch so bleiben. Für alle anderen bist du der unerbittlich harte Rebell, wie es von dir erwartet wird. Bleib einfach du selbst. Mehr verlange ich nicht von dir.«
Ich hörte seine Worte und doch konnte ich mich kaum auf sie konzentrieren. Stattdessen nahm ich Adams Geruch wahr und sog ihn in mich auf. Er roch nach süßen Mandeln und herbem Kardamom. Die Mischung erinnerte mich an den einzigartigen Honigtee, den mir Sophie in Kindheitstagen oft zubereitet hatte. Vor allem dann, wenn ich nicht schlafen konnte und ich von Albträumen geplagt wurde, in denen mir meine toten Eltern im Wald begegneten. Sie hatte an meinem Bett ausgeharrt, bis ich eingeschlafen war.
»An was denkst du?«, flüsterte mir Adam ins Ohr und das angenehme warme Gefühl nahm von mir Besitz, das er schon mehrmals in mir hervorgerufen hatte. Es war, als würde er mich mit seiner Stimme einhüllen und eine schützende Blase um mich bilden.
»An dich.« Rasch löste ich mich von ihm, bevor der Wunsch, ihn zu küssen, gar nicht mehr aufzuhalten war. Das durfte ich nicht. Nicht jetzt.
»Hoffentlich nur Gutes.« Adams Lächeln fühlte sich an wie ein unwiderstehliches Aphrodisiakum, das durch meinen Körper rauschte. Es erfasste jede Faser meines Seins und brachte mich völlig durcheinander.
»Vielleicht.« Grinsend drehte ich mich um und marschierte weiter, als wäre nichts gewesen. Würde ich ihn jetzt ansehen, könnte ich mich vermutlich nicht mehr zurückhalten. Im Moment waren andere Dinge wichtiger. Vor allem, da wir vorhatten Callahan zu hintergehen.
»Du Sklaventreiber!«, rief er mir zu und doch nahm ich aus den Augenwinkeln wahr, dass er mir dicht auf den Fersen blieb.
Ich spürte seinen Blick auf meinem Rücken ruhen. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und ihn in den Arm genommen. Doch es gelang mir erneut mich zusammenzureißen und ich erhöhte das Schritttempo.