Kapitel Zehn
* * * * *
Adam
Verdammt nochmal! Was tat der Kerl mit mir? Er sah nicht nur heiß aus. Er war auch noch eine äußerst harte Nuss, die ich unbedingt knacken wollte. Bisher war er meinen Annäherungsversuchen geschickt ausgewichen. Er spielte mit mir und ich mit ihm. Dummerweise gingen mir langsam die Ideen aus.
Daiven war wie eine verbotene Frucht, für die es sich lohnte alle Strapazen auf sich zu nehmen. Ihn umgab auf eigenwillige Weise ein Mysterium, von dem er selbst nichts ahnte. Womöglich lag es an dem Wenigen, das er mir über seine Kindheit erzählt hatte. Warum ausgerechnet Callahan ihn als Ziehsohn aufzog, war dabei das größte Rätsel, das es zu lösen galt. Um alles zusammensetzen zu können, fehlten mir leider noch etliche Puzzleteile. Eines davon war, warum Callahan gerade ihm plötzlich misstraute.
Vorerst schob ich den Gedanken zur Seite. Ich wollte die zwei Tage mit Daiven genießen, bevor uns die Realität wieder einholte. Ob er vermutete, dass ich trotz meiner Kenntnis um seine feste Beziehung bereit war, ihn für mich zu gewinnen? Ich wusste es nicht. Er sorgte sich zwar um seinen Partner, aber aufgrund der Verbindung mit Nash war mir klar, dass es keine Liebe zwischen ihnen gab, nur kameradschaftliche Gefühle.
Dieses Wissen schenkte mir Hoffnung. Mit jeder weiteren Minute, die wir miteinander verbrachten, wuchs mein Wunsch, ihm nah sein zu wollen. Diese Art Sehnsucht war mir fremd und zugleich trieb sie mich an. Schon bald würde ich mich nicht mehr zurückhalten können. Außerdem bemerkte ich zunehmend, dass auch er gegen seine Emotionen ankämpfte.
Heute Morgen hatte ich lediglich erwartet, dass wir uns anfreunden könnten. Zwischenzeitlich war ich längst über diese Stufe hinaus. In seiner Gegenwart überkam mich ständig das überwältigende irrationale Empfinden, als würde die Welt still stehen. Alles kam mir so unwirklich vor, außer Daiven. Bei jedem noch so flüchtigen Augenkontakt schlug mir das Herz bis zum Hals und ich benötigte all meine Beherrschung, um nicht über ihn herzufallen. Daiven füllte mehr und mehr meine Gedanken aus, sodass alles andere nach und nach in den Hintergrund rückte. Sobald er mich berührte, wanderten Abertausend vorwitziger Ameisen durch meinen Körper hindurch. Auf ihrem Weg hinterließen sie eine behagliche Wärme, die ich nicht mehr missen wollte.
Ich kannte dieses Verlangen bereits aus der Vergangenheit, wenn auch nicht so intensiv. Dylan hatte es zum ersten Mal in mir wachgerüttelt, bevor er mich wie ein Stück Dreck abserviert hatte. Damals hatte es lange gedauert, bis ich mir meiner Gefühle für ihn überhaupt bewusst geworden war. Daher fragte ich mich, ob es überhaupt möglich war, sich innerhalb weniger Stunden zu verlieben? Mein jetziger Gemütszustand war wohl Antwort genug.
Ich verzog die Mundwinkel zu einem glücklichen Lächeln. Keine Ahnung, wie lange ich mich noch von ihm fernhalten konnte, irgendwann wäre meine Selbstbeherrschung auf alle Fälle erschöpft. Daher beschloss ich, schon bald alles auf eine Karte zu setzen, selbst wenn ich mit seiner Zurückweisung rechnen musste.
»Wie ist es denn eigentlich so in Elverston?«, unterbrach Daiven das nachdenkliche Schweigen zwischen uns.
»Eine gute Frage. Die Stadt ist groß ... so richtig groß.« Seufzend verdrängte ich ihn aus dem Kopf. Ich musste mich dringend konzentrieren, um keinen Fehler zu begehen, den ich möglicherweise bereuen würde.
»Das weiß ich auch.« Ich hörte Daivens fröhliches Lachen und sofort raste mein Puls wieder wie verrückt. Für mich war es das schönste Geräusch hier draußen im Wald.
»Verrate mir etwas, das ich noch nicht weiß! Oder muss ich dir alles aus deinem hübschen Näschen ziehen?«
»Idiot!« Ich grinste und schloss zu ihm auf, sodass wir Seite an Seite weiterliefen. »Dein Wunsch sei mir Befehl. Aber es gibt so viel, da weiß ich echt nicht, wo ich anfangen soll.«
»Versuch es einfach.«
»Na gut. Die Stadt ist in vier große Viertel unterteilt. Dazu kommt der Hafen. Im Norden sind die Gewächshäuser und im Süden die Fabriken. Immer und überall ist irgendwo etwas los. Ruhe findest du nur in deinen eigenen vier Wänden. Im Zentrum reihen sich Märkte, Geschäfte und Bars einander. Dazwischen gibt es zahlreiche Parks, die mit dem Wald hier aber keinesfalls mithalten können. Schön sind sie trotzdem. Die Macatham Brücke verbindet die zwei nördlichen Stadtbezirke mit der Stadtmitte. Von dort hast du den perfekten Blick auf den Ebon Range Spire . Das ist ein gigantischer Wolkenkratzer aus Stahl und Spiegelglas. Wenn die Sonne scheint, wird man fast von ihm geblendet. Vom Dach aus hat man einen einmaligen Ausblick über die gesamte Stadt und noch viel weiter. In der obersten Etage tagt der Justizrat. Darunter gibt es hauptsächlich Büros. Außerdem befindet sich in dem Gebäude auch der Hauptsitz des Militärs. Die Speichellecker von Colonels und Generäle kontrollieren die Stadt mit eiserner Hand. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass man an jeder Ecke einen bewaffneten Kontrollposten passieren muss. Hast du eine Berechtigung, kannst du weitergehen, ansonsten nehmen sie dich fest und du wirst verhört. Zweimal hatte ich das Vergnügen, vor dem Justizrat antanzen zu müssen, und beide Male nicht freiwillig.«
»Echt jetzt?« Daiven betrachtete mich skeptisch aus den Augenwinkeln.
»Nun ja ... ich hätte gerne verzichtet.«
»Hat es zufällig mit Withergate zu tun? Du hast so etwas erwähnt, als wir euch aufgegriffen hatten.« Aus Daivens Tonfall hörte ich seine Neugierde heraus.
»Du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Der Ausflug mit den Supervisors war keine Glanzleistung von mir.« Zähneknirschend dachte ich daran zurück. Ich hatte meinen Vater mächtig unterschätzt. Nie hätte ich damit gerechnet, dass er so weit gehen und den eigenen Sohn dort hinschicken würde. Aus jetziger Sicht musste ich ihm sogar dankbar sein, denn anderenfalls hätte ich Daiven vermutlich nie kennengelernt. Es musste wohl Schicksal gewesen sein. Eine merkwürdige Art der Fügung.
»Was ist Withergate?«, erkundigte er sich.
Ich holte einmal tief Luft und überlegte, ob ich ihm die Wahrheit über den Ort erzählen sollte.
»Falls du dir Sorgen um die Gorillas machst. Die sind nicht hier«, sagte er, nachdem ich schwieg.
»Bist du sicher?« Nervös drehte ich mich um und spähte ins Gestrüpp. Ich entdeckte jedoch niemanden. Mit meinem künstlichen Auge nahm ich nicht einmal die Wärmesignatur eines Tieres wahr. Wir beide waren alleine und diese Tatsache beruhigte mich ein wenig.
Daiven schenkte mir ein verschmitztes Lächeln. »Zu deiner Beruhigung. Üblicherweise hätte ich die größere Lichtung am Fluss aufgesucht. Das tut jeder und höchstwahrscheinlich warten sie dort auf uns, nachdem sie inzwischen begriffen haben, dass sie von uns in die Irre geleitet wurden. Doch manchmal erfordern ungewöhnliche Umstände auch ungewöhnliche Maßnahmen. Deswegen führen wir sie noch etwas länger an der Nase herum. Ich bringe uns zu einem weniger bekannten Lagerplatz. Du kannst unbehelligt reden. Versprochen.«
Seufzend nickte ich. »Ich warne dich aber gleich. Es ist nichts, was du hören willst.«
»Das kann ich mir denken.«
Ich fasste an sein Handgelenk und er blieb stehen. »Vertraust du mir?«, fragte ich leise.
»Natürlich! Wären wir sonst hier!« Seine Augen glänzten.
Für einen Moment verlor ich mich abermals in ihnen, dann riss ich mich zusammen. Ich hatte nur die Befürchtung, dass das atemberaubende Leuchten verschwand, sobald er den ganzen Sachverhalt erfuhr. Andererseits konnte ich es ihm nicht ewig verschweigen. Zumal die Gefahr bestand, dass er es von jemand anderem zu hören bekam. Dann hätte ich alle Chancen von vornherein verspielt. Es fiel mir jedoch nicht leicht, über den eigenen Schatten zu springen. Nicht bei dem, was ich ihm nun sagen musste. »Okay. Du hast ja recht. Du verdienst die Wahrheit. Immerhin warst du ehrlich zu mir und somit ist es nur fair, dass du den Rest erfährst. Aber du musst mir versprechen, dass du mich bis zum Ende ausreden lässt, bevor du dir eine Meinung bildest. Und vergiss nicht, ich habe dich gewarnt«, gab ich schweren Herzens nach.
Daiven antwortete mit einem Kopfnicken und wir beide schlenderten weiter.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend suchte ich nach einem passenden Anfang. Als mir keiner einfiel, redete ich einfach darauf los: »Wie du ja schon weißt, war ich Programmierer für die Supervisors. Damit fing alles an. Jeden Tag ging ich zur Arbeit und tat, was von mir verlangt wurde. Das ging ein paar Jahre so, bis der Justizrat mich eines Tages zu sich rief und mir befahl, die Roboter sicherer zu machen. Das war mein erster direkter Kontakt mit ihnen. Die Vollpfosten in ihren feinen Anzügen hatten genug davon, dass ihr euch die Supervisors krallt, um sie mitzunehmen und zu studieren. Ehrlich gesagt ... bis dahin hatte ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht, was ich wirklich tat.« Ich schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln. »Zu dieser Zeit wart ihr Rebellen Luft für mich. In meinen Augen ging von euch keine Gefahr aus. Das klingt jetzt doof und überheblich, doch so war es. Solange das Grenzgebiet gut bewacht wurde und ich nicht vorhatte die Stadt zu verlassen, war für mich alles in Ordnung. Das ist nicht unbedingt die beste Art, um mit einer Bedrohung umzugehen, aber so war es. Geändert hat sich alles drei Monate, nachdem ich den Auftrag erhalten hatte. Der Rat zitierte mich erneut zu sich und drohte mir nicht nur mit Entlassung, falls ich nicht bald eine Lösung für das Problem finden würde. Ich kann dir sagen, sie meinten es sehr ernst, also fügte ich mich ihnen.«
»Im Klartext heißt das, du hast die Sprengfalle entwickelt«, schlussfolgerte Daiven.
Zähneknirschend nickte ich. Ich spürte einen Anflug von Wut, dass ich das alles überhaupt erst zugelassen hatte. »Das ist nicht einmal das Schlimmste. Ich besitze das Talent, Probleme anzuziehen, und die kamen in Form des Widerstandes. Du hast sie zufällig kennengelernt, es waren die Leute, die mit mir unterwegs waren. Bis auf einige wenige gehörten alle zu den Programmierern. Einer von ihnen sprach mich darauf an, dass mit dieser Sprengfalle schon bald auch unschuldige Menschen sterben könnten. Der Gedanke war mir schon selbst gekommen und so kam es, dass ich ihrer kleinen geheimen Gruppe beitrat.« Ich schluckte merklich, blieb stehen und musste mich schließlich sogar auf den Boden setzen. Die Angst kroch mir unaufhaltsam in die Glieder. Sprach ich weiter, würde er mich am Ende womöglich verachten. Dass ich einmal den Plan verfolgte, den Rebellen davon zu erzählen und sie um Hilfe zu bitten, kam mir jetzt lächerlich vor. Die Apexsitzung hatte die gesamte Situation verändert.
»Hey? Alles gut bei dir?« Daiven nahm neben mir Platz. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, so schlimm wird es schon nicht sein. Inzwischen wissen wir so viel voneinander. Aber wenn du Zeit brauchst, dränge ich dich nicht dazu. In Ordnung?«
Beschämt senkte ich den Kopf. Daiven ahnte nicht einmal, wie sehr mich seine Worte beruhigten und mir Mut verliehen. Sein rücksichtsvolles Verhalten sprach für ihn. Er war wahrlich ein besonderer Mensch. Jemand, den ich in meinem Leben bislang sehnsüchtig gesucht hatte. Er verkörperte genau den Typ Mann, den ich mir in meinen Träumen immer vorgestellt hatte. Woher ich die Gewissheit nahm, wusste ich nicht, ich konnte es umso intensiver fühlen. Unweigerlich beschleunigte sich mein Puls, dieses Mal jedoch aus Angst.
»Es ist deine Entscheidung«, wisperte er und ich spürte seinen Blick auf mir ruhen.
»Danke«, murmelte ich kaum hörbar und ergriff seine Hand. Er drückte sie mitfühlend und zeigte mir damit, dass ich nicht alleine war. Daiven und ich standen auf derselben Seite und unser Feind hieß Callahan. »Also gut ...«, seufzte ich. »Ich hoffe nur, dass wir danach noch Freunde sind.«
»Mich kann so leicht nichts erschüttern. Schrecklicher als das, was du schon gesagt hast, kann es gar nicht sein. Versuch es einfach und ich entscheide danach.«
»Auf deine Verantwortung.« Ich schenkte ihm ein trauriges Lächeln, entzog mich ihm und stand auf. Mit verschränkten Armen lief ich nervös hin und her. Daivens Blick folgte mir. »Die Wahrheit ist, ich bin in die verfluchte Falle meines Vaters getappt! Hör mir aber erst zu, bevor du etwas sagst.« Ich hielt ihn mit erhobener Hand auf und er schloss den Mund. »Ich hätte ich es besser wissen müssen, aber warum ... wieso ... weshalb ... ich weiß es nicht. Passiert ist passiert. Kaum hatte man mir wegen der Sprengfallensache das Messer auf die Brust gesetzt, kam George auf mich zu. Du weißt schon, der alte Typ, der verhindern wollte, dass ich euch etwas verrate. Ich habe den Kerl wie die Pest gehasst. Er war meinem Vater treu ergeben ... er ist ihm sprichwörtlich in den Arsch gekrochen. Ich war so verdammt naiv. Der verlogene Bastard hat uns alle getäuscht und mich und die anderen in einen Hinterhalt gelockt. Er war echt gut darin, muss ich leider sagen. Dass er jetzt tot ist, ist eine gerechte Strafe für den Mistkerl!«
Ich schluckte schwer und versuchte nicht an die versprengten Leichenteile im Wald zu denken. Zugleich verdrängte ich den Gedanken an die anderen, die durch die Apexbefragung ihr Leben verloren hatten. Alle bis auf George waren unschuldige Opfer gewesen.
»Was ist passiert?«, hörte ich Daiven mitfühlende Stimme.
»Viel!«, stieß ich sauer aus. Ich kochte vor Wut, doch sie richtete sich ausschließlich gegen mich selbst. »Der verlogene Bastard hat mich in die Untergrundbewegung eingeschleust. Ich hatte zwar davon gehört, mich aber nie näher damit beschäftigt. Die Gruppe ging heimlich gegen die Regierung vor und wollte den Einsatz der Supervisors sabotieren. Dann kam dieser beschissene Speichellecker. Ich hätte gleich ahnen müssen, dass er meinen Vater nicht einfach so hintergeht.« Frustriert schüttelte ich den Kopf über die eigene Dummheit. »George stellte mich den Leuten vor und plötzlich gab es Menschen, die meine Ansichten teilten. So wie bei Lio und dir. Die scheiß Roboter sind kein Segen, sondern eine Verdammnis der Menschheit! Aus diesem Grund überlegten wir gemeinsam, welche Möglichkeiten es gäbe, sie unschädlich zu machen. Wir mussten verflucht aufpassen, denn jeder falsche Schritt hätte uns verraten. Unser primäres Ziel lautete: Die Supervisors sollten während ihrer Einsätze von selbst hochgehen, doch so, dass niemand zu Schaden käme. Die Schuld konnte man ja jederzeit euch Rebellen in die Schuhe schieben.«
Ich lachte kurz auf, aber es war kein fröhliches Lachen. »Das war unsere Ideologie. Das war das, was ich wirklich wollte.«
Daiven nickte schweigend.
»Dann kam alles anders«, fuhr ich harsch fort und ballte die Hände zu Fäusten. »Kaum waren die ersten Sprengsätze einsatzbereit, beschloss der Justizrat und allen voran mein eigener Vater, sie in alle Supervisors einzubauen. Sprich auch in jene, die innerhalb der Stadt patrouillieren und am Ende unschuldige Menschen in den Tod reißen könnten. Entsetzt sprach ich George darauf an und prompt entpuppte sich der Drecksack als mieser Verräter. Er hatte mit uns gespielt und sich im Auftrag meines Vaters bei uns eingeschmuggelt. Sein Ziel war es, Informationen über die Mitglieder zu sammeln, damit man uns dingfest machen konnte. Er lieferte uns aus und wir wurden auf offener Straße verhaftet. Wenigstens ging Georges Plan dabei mächtig in die Hose. Mit seinem Verrat hat er sich selbst ans Messer geliefert. Geschah ihm recht! Hätte er meinen Vater besser gekannt, hätte er sich denken können, dass es so kommen würde. Denn eines kann ich dir mit Gewissheit sagen ... mein Vater duldet keine Verräter! Genauso wenig wie Callahan! Das ist auch der Grund, warum er selbst mich zum Tode verurteilt hat und mich deshalb nach Whitergate bringen ließ. Withergate steht übrigens für das radioaktiv verseuchte Land vor Elverston. Er wollte, dass ich langsam krepiere! Sein eigener Sohn! Es genügte ihm nicht, mich jahrelang zu misshandeln. Oh nein! Für ihn war ich in ganzer Linie ein Versager, der den Tod mehr als verdient hat! Wäre es nach ihm gegangen, hätte ich schon die Experimente nicht überleben dürfen.«
Abrupt blieb ich stehen und versuchte, meinen hektischen Atem zu beruhigen, während ich fürchtete, mein Herz würde mir gleich aus der Brust springen. »Verstehst du, was ich dir damit sagen will? Mein Vater ist Brent Lamont, der Präsident von Elverston! Das Oberhaupt des Justizrates! Ich bin Adam Lamont! Ich bin sein Sohn und somit Callahans erklärter Feind!«
Entsetzt sprang Daiven auf und entfernte sich mehrere Schritte von mir. »Du lügst!« Er ballte die Hände und starrte mich mit schockgeweiteten Augen an.
Vehement schüttelte ich den Kopf und ging auf ihn zu, doch wie erwartet zog er sich weiter von mir zurück. Meine Brust schnürte sich zusammen, sodass ich kaum atmen konnte.
»Ich lüge nicht! Es ist die Wahrheit und Callahan kennt sie ... wie du jetzt auch.« Ich kämpfte mit den Tränen, denn sein überraschend defensives Verhalten erschütterte mich bis ins Mark.
»Du bist ein verdammtes Arschloch, weißt du das?«, spie er mir zitternder Stimme entgegen. Ich sah hilflos zu, wie er wutschnaubend gegen mehrere Baumstämme trat. »Wie kannst du mir so etwas Wichtiges so lange verschweigen? Ich dachte, wir vertrauen uns? Du hast dieses Vertrauen gerade mit Füßen getreten! Verschwinde! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben! Komm ja nicht auf die Idee mir zu folgen!« Nach diesen Worten marschierte er erzürnt davon und ich blickte ihm traurig hinterher.
Meine Knie versagten ihren Dienst und ich nahm an der Stelle Platz, an der zuvor Daiven gesessen hatte. Ich wusste, dass er mir die Worte nur an den Kopf geworfen hatte, um seiner Enttäuschung und Verbitterung Ausdruck zu verleihen. Er würde nicht verschwinden und mich alleine zurücklassen. Die Bestätigung erhielt ich, als Daiven nach ungefähr dreißig Metern stehen blieb und mit den Händen alles zerstörte, was er zu fassen bekam. Dabei schleuderte er sogar den Rucksack wutentbrannt von sich.
Frustriert über mich selbst, winkelte ich die Knie an und verbarg das Gesicht hinter den Händen. Tränen rannen mir die Wangen herab, doch ich ließ sie zu. Es waren Tränen der Verzweiflung. Ich weinte, weil ich meine Herkunft nicht länger hatte verschleiern können. Ebenso um die Menschen, deren Leben durch meine Schuld ausgelöscht worden waren. Zugegebenermaßen auch über meine eigene Dummheit, durch die ich blindlings den eigenen Untergang heraufbeschworen hatte. Aber auch vor Erleichterung, da mir zufällig das Leben gerettet worden war. Wären Daiven und Lio nicht gewesen, hätte längst durch die hohe Strahlung der Zerfall meiner Körperzellen eingesetzt.
Womöglich wäre es für mich die gerechte Strafe gewesen, sagte ich mir im Stillen. Ich hatte für meine Ignoranz nichts anderes verdient. Dabei wog der Verrat meines Vaters nur halb so schwer. Für mich war er schon lange nur noch mein Erzeuger. Das Wort Vater hatte er nie verdient. Er war einzig der Mann, der mich im goldenen Käfig gefangen gehalten hatte, um seinen eigenen Interessen nachgehen zu können.
Dann wanderten meine Gedanken zu Daiven. Ich konnte ihm seine Enttäuschung nicht vorwerfen. Von seinem Standpunkt aus gesehen verstand ich ihn sogar. Zuerst war ich ein Feind, der zu einem Freund und Mitverschwörer wurde und nun konnte er mir erneut nicht trauen, da ich ihm auf verquere Weise und im gewissen Sinn genauso verraten hatte.
Aber hatte ich das mit der Offenlegung meiner wahren Identität wirklich getan? Für mich hatte sich dadurch nichts geändert. Ich stand weiterhin auf seiner Seite und alles, was ich bislang zu ihm gesagt hatte, war ehrlich gemeint. Unser Feind hieß im Moment nicht Brent Lamont, sondern Ray Callahan. Ich war jedoch mehr als nur überzeugt davon, dass in beiden der Schlüssel für unsere Freiheit lag, auch wenn ich noch nicht wusste auf welche Weise.
Das Einzige, das ich jetzt tun konnte, war, Daiven die nötige Zeit zu geben und zu hoffen, dass er sich mir wieder öffnete. Falls er überhaupt noch dazu bereit war. Genau diese Ungewissheit schmerzte und zog mir das Herz zusammen. Ich hatte das furchteinflößende Gefühl, in ein bodenloses schwarzes Loch zu fallen, aus dem es kein Entkommen gab.
Ich wusste nicht, wie lange ich weinend am Wegesrand saß. Doch mit jeder verflossenen Träne kehrte Stück für Stück etwas Hoffnung in meinen Körper zurück. Krampfhaft versuchte ich, mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal meinen Gefühlen freien Lauf gelassen hatte. Es war in meiner Kindheit gewesen. Schwach entsann ich mich an den Tag, an dem ich zum ersten Mal verstand, dass meine verstorbene Mutter nie wieder zurückkommen würde. Ich hatte mich in mein Zimmer zurückgezogen, nur um kurz darauf von meinen Vater verprügelt zu werden, weil ich mich weigerte, die grauenhaften Experimente über mich ergehen zu lassen.
»Warum hast du nicht gleich gesagt, wer du bist?«, hörte ich plötzlich Daivens Stimme wenige Meter vor mir.
Überrascht und zugleich unendlich erleichtert hob ich den Kopf und blickte ihm in die ebenfalls tränennassen Augen. Er wirkte immer noch schockiert, aber zum Glück hatte er sich sichtbar beruhigt. Sofort beschleunigte sich wieder einmal mein Puls.
»Ich hatte Angst, dass du mir dann gar keine Chance gibst.«
»Und warum jetzt?«
»Ich will dich nicht anlügen«, antwortete ich heiser und fuhr mir mit den Fingern über das feuchte Gesicht. »Aber eine Freundschaft aufzubauen, indem ich dir mein wahres Ich verheimliche, würde niemals auf einem festen Fundament basieren.«
Daiven nickte seufzend. »Du kannst nichts für deine Herkunft. Niemand kann etwas dafür. Allerdings frage ich mich, ob du mir die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hast, um an Informationen zu gelangen, oder ob ich dir weiterhin vertrauen kann. Bist du ein Spion?«
»Ich? Ein Spion?« Natürlich dachte er daran. Es war das Naheliegendste. Ich schluckte ein paar Mal schwer, dann lachte ich lauthals. »Falls das der Fall wäre, würde mich Callahan dann frei herumlaufen lassen? Ich bin vieles ... ein Idiot, ein Feigling und ein neugieriges Arschloch. Doch ein Spion? Niemals! Für Lamont schon mal gar nicht! Er freut sich eher darüber, dass er mich endlich los ist. Für ihn bin ich bereits tot.«
»Hör auf!«, kam es von Daiven forsch.
Ich sah ihn fragend an.
»Du bist kein Idiot und auch kein Feigling. Und ein Arschloch schon mal gar nicht.« Er schmunzelte.
»Bist du dir da so sicher?« Ich hob skeptisch die Augenbrauen.
»Wenn schon, dann bist du ein interessanter verdammt frecher gutaussehender Vollidiot!« Daiven verpasste mir einen Klaps auf die Schulter. »Sorry, dass ich überreagiert habe. Du bist okay und was du vorhin gesagt hast, hat mich voll und ganz überzeugt. Unser Feind ist Callahan und erst dann kommt Elverston. Freunde?« Er reichte mir die Hand, die ich nur zu gerne annahm, um mir von ihm aufhelfen zu lassen.
Bei seinen Worten fiel mir eine schwere Last von den Schultern. Ich lächelte und ohne groß zu überlegen, zog ich ihn in eine feste Umarmung, die er zu meiner Freude erwiderte. Dabei spürte ich die dreisten Ameisen, die einmal mehr von mir Besitz ergriffen. Überglücklich sog ich seinen unvergleichlichen Duft von frischer Bergamotte ein und ließ ihn wieder los.
»Freunde«, antwortete ich und biss mir auf die Unterlippe.
»Es tut mir leid. Ich hätte nicht an dir zweifeln sollen. Aber du musst verstehen ...«, murmelte Daiven und knetete nervös die Hände.
»Muss es nicht. Wie ich sagte ... man kann eine Freundschaft nur aufbauen, wenn man bei der Wahrheit bleibt. Und ich bin froh, dass es jetzt keine Geheimnisse mehr zwischen uns gibt.«
Daiven schenkte mir ein vertrauensvolles Lächeln. »Dann lass uns ab sofort gemeinsam gegen Callahan vorgehen. Doch zuerst sollten wir das restliche Tageslicht ausnutzen und uns beeilen. Du musst lernen, wie man Fallen aufstellt und ein Wildkaninchen häutet. Nicht zu vergessen, muss ich dir zeigen, wie du dich vor wilden Tieren schützt. Das alles gehört zu deiner Ausbildung. Übermorgen fangen wir mit dem körperlichen Training an und dann kommen die Schießübungen an die Reihe. Sobald der Befehl zum Ausrücken kommt, bist du bereit.« Daiven reichte mir eines der beiden in einer Lederscheide steckenden Messer, die sich vorher im Rucksack befunden hatten. Erst jetzt registrierte ich, dass er das Zweite selbst an der linken Hüfte trug.
»Ach ja, da war ja was«, entgegnete ich gut gelaunt und nickte ihm dankend zu. Das war der entscheidende Vertrauensbeweis mir gegenüber. Daiven grinste und nur wenige Minuten später setzten wir Seite an Seite unseren Weg bis zum Lagerplatz fort.
* * *
Völlig erschöpft lag ich rücklings auf dem Waldboden. Die dünne Moosschicht unter mir war zwar weich, aber keinesfalls mit einer bequemen Matratze zu vergleichen. Die Decke, die mir Daiven gegeben hatte, schützte nicht einmal annähernd gegen die bittere Kälte, obwohl ich sie mir bis zum Kinn hochgezogen hatte. Kaum war die Sonne am Horizont verschwunden, war die Temperatur rasch gesunken und meine Laune gleich mit. Im Schein des Lagerfeuers beobachtete ich die eigenen Atemwölkchen in der kalten Luft und lauschte meinem Magenknurren.
»Ich habe immer noch Hunger. Das Bisschen Forelle reichte gerade einmal für den hohlen Zahn.« Seufzend blickte ich durch die knisternden Flammen zu Daiven hinüber, der auf der anderen Seite saß und sich ebenfalls in eine Decke gehüllt hatte. Er sah nach oben zu den Sternen.
»Tja ... du warst derjenige, der das Kaninchen hat laufen lassen.« In seinem Tonfall klang die Schadenfreude heraus.
»Für gewöhnlich lerne ich mein Essen vorher auch nicht kennen«, gab ich gereizt zurück und musste dennoch grinsen. »Was kann ich denn dafür, wenn das Mistvieh mich mit großen Kulleraugen ansieht.«
Daiven lachte mich aus, doch ich konnte ihm nicht böse sein. Ich hatte mich aber auch wirklich dämlich angestellt. Als ich das Kaninchen töten sollte, hatte ich schweißnasse Hände bekommen und es nicht mehr festhalten können. Mit einem kräftigen Zappler war es mir schließlich entwischt. Am Ende blieb uns nur die Option Fische zu fangen. Diese Aufgabe hatte Daiven übernommen, während ich Holz fürs Lagerfeuer sammelte. Leider mussten wir am Ende mit zwei kleinen Forellen auskommen.
»Beim nächsten Trip pack gefälligst Gewürze und eine Zitrone ein. Ein paar geröstete Kartoffeln wären auch nicht schlecht gewesen. Damit schmeckt Forelle am besten«, neckte ich ihn.
»Noch ein Wunsch, der Herr?«, alberte Daiven.
Ich grinste. »Zu einem gut gekühlten Weißwein hätte ich auch nicht nein gesagt.«
»Das ganze Zeugs trägst dann aber du«, zog er mich weiter auf und musste erneut lachen.
»Wenn wir morgen zurückkommen, bin ich ein völlig entkräftetes, abgemagertes Gerippe und du kannst die Ausbildung vergessen«, antwortete ich schmollend. »Am liebsten würde ich die Brombeeren verspeisen, die ich gesammelt habe.«
»Spar sie dir für morgen auf und hau dich endlich aufs Ohr!«
»Dir ist wohl egal, wenn ich verhungere? Und so etwas nennt sich Freund.« Ich legte mich auf die Seite und rückte näher ans Feuer heran.
»Weißt du, dass du extrem gut nörgeln kannst?«, stellte Daiven belustigt fest und suchte seinerseits eine gute Position zum Schlafen. Das Messer direkt neben sich.
»Darin war ich schon immer der Beste.«
»Das glaube ich dir aufs Wort.« Ich sah zwar sein Schmunzeln nicht, konnte es mir indes gut vorstellen.
»Versuch zu schlafen! Es ist schon weit nach Mitternacht und in ein paar Stunden geht die Sonne auf. Für den Rückweg solltest du fit sein.«
»Woher willst du wissen, wie spät es ist?«
»Anhand des Standes von Mond und Sterne. Der Große Wagen verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln.«
»Echt jetzt?«
»Echt jetzt! Ist gar nicht schwer. Zeige ich dir bei Gelegenheit«, kam es gähnend von Daiven. »Aber du solltest jetzt wirklich ein wenig schlafen. Ich verspreche dir, wenn wir wieder im Stützpunkt sind, gehen wir zuallererst gemeinsam in die Kantine.«
»Ich hoffe, sie haben ein riesiges Steak mit Speck und Zwiebeln. Und als Nachtisch eine verdammt cremige Mousse au Chocolat mit Minzblättchen und Sahnehaube oben drauf. Oh Scheiße, ich darf nicht daran denken.« Prompt knurrte mein Magen lauter.
Daiven lachte leise. »Keine Ahnung, aber gutes Essen gibt es da immer. Denk nicht dran.«
»Leichter gesagt als getan«, murmelte ich gespielt eingeschnappt und holte tief Luft. Ich war hundemüde, fror und wollte nur noch zurück. Egal ob mich Callahan anschließend in eine Zelle sperrte oder sonst wo unterbrachte. Je schneller die Nacht vorbei war, umso besser. Ich kam nicht umhin Daiven zu bewundern. Er meisterte die Lage, als hätte er das schon hundert Mal getan, was vermutlich nah an der Wahrheit lag.
Zuerst hatte er uns zu dem kleinen Lagerplatz am Fluss geführt. Gemeinsam hatten wir die Falle für das Wildkaninchen gebaut und innerhalb von zwei Stunden war eines hineingetappt. Nachdem ich es aus Mitleid hatte laufen lassen, war Daiven zum Fluss gegangen. Routiniert war es ihm gelungen, mit bloßen Händen zwei Fische zu fangen, die er anschließend geschickt ausgenommen und über dem Feuer gebraten hatte. Das alles, ohne sich ein einziges Mal zu beschweren.
Ob ich das jemals könnte, bezweifelte ich. Ich war das raue Leben nicht gewohnt. Bisher kannte ich nur meine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in bester Lage von Elverston. Den Hunger stillte ich in meinem Lieblingsimbiss um die Ecke. Meist war es Hühnchen in allen Varianten. Fiel mir mal die Decke auf den Kopf, ging ich in eine der zahlreichen Bars. Ich hatte duschen können, wann immer ich wollte, und besaß auch sonst alles, was ich zum Leben benötigte.
Daiven hatte auf all das verzichten müssen. Luxus war für ihn ein Fremdwort. Vielleicht bekam ich irgendwann die Gelegenheit, ihm meine Welt zu zeigen. Ein Wunsch, der vermutlich nie in Erfüllung gehen würde. Zumindest wollte ich mir ab morgen Mühe geben und ihm beweisen, dass ich kein Jammerlappen war. Mit diesem letzten Gedanken gähnte ich ausgiebig, drehte mich um und schloss die Augen.
* * *
Ein seltsames Knurren und Keckern, begleitet von einem leisen Kreischen weckte mich auf. Erschrocken fuhr ich hoch und war mir erst gar nicht bewusst, dass ich geschlafen hatte. Die Morgendämmerung hatte bereits eingesetzt und das Lagerfeuer war kaum mehr als ein glimmender Haufe Asche. Nervös sah ich mich um. Meine Decke lag unweit von mir am steinigen Ufer, war leicht aufgebläht und bewegte sich von alleine. Sie war es auch, die diese merkwürdigen Geräusche von sich gab.
»Scheiße! Was ist das?«, rief ich panisch und robbte rückwärts, bis ich gegen etwas Festes stieß. Als ich mich umdrehte, hockte Daiven dicht hinter mir im Gebüsch.
»Nicht bewegen!«, befahl mir er mir flüsternd.
»Warum? Was ist das für ein Monster?«
»Ein Waschbär. Besser gesagt eine Fähe. Ihre Jungen sitzen da vorne am Fluss.« Daiven deutete mit dem Zeigefinger zur Uferzone.
Da sah ich sie. Drei quirlige Waschbären, die mit etwas spielten. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich die Regenplane. Ein paar Meter entfernt lag der ausgeräumte Rucksack. Die Biester hatten den Inhalt fachgerecht am steinigen Ufer verteilt.
»Verflucht ... haben die mich erschreckt!« Augenblicklich fiel die Angst von mir ab und ich wollte aufstehen. Doch Daiven hielt mich auf.
»Bleib sitzen!«, sagte er im Flüsterton.
Ich lachte und blickte hinüber zur Decke, unter der ein Paar leuchtender Augen hervorlugten. »Das sind doch nur Waschbären! Ich dachte schon, es wäre ein Puma oder sonst irgendein fleischfressendes Vieh.«
»Sie sind zwar klein, aber sehr schlau und haben scharfe Zähne und Krallen«, erklärte er mir.
»Hast du etwa Muffensausen vor den putzigen Viechern?« Ich grinste ihn herausfordernd an und stand demonstrativ auf.
»Ich bin eher pragmatisch. Ein Biss kann schmerzhaft sein.« Er erhob sich ebenfalls und verschränkte die Arme.
»Dann verjag sie.«
Daiven schüttelte den Kopf. »Es ist besser, wenn wir sie in Ruhe lassen, bis sie von allein verschwinden. Sie sind nur neugierig.«
Überrascht sah ich ihn an und dann wieder zurück zu dem Waschbärenweibchen, das unter der Decke hervorkam. In ihren fünfgliedrigen Pfoten hielt sie etwas, das mir sehr bekannt vor kam. Sie kaute genüsslich und stopfte sich seelenruhig weitere der von mir gesammelten Brombeeren ins Maul.
Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. »Hey, du da!«, rief ich und machte einen Schritt in ihre Richtung. Daiven bekam mich gerade noch am Ärmel zu fassen.
»Was zur Hölle machst du?«
»Diese freche Fellnase verspeist meine Beeren!«, antwortete ich sauer, riss mich los und marschierte geradewegs auf das kleine Monster zu.
Als ich ankam, sah es mich vorwitzig von unten her an. Zu meinem Pech blieb es sitzen und kaute unverschämt weiter. Das Tier hatte offensichtlich keine Angst vor mir.
»Was glaubst du, was du da tust?«, fragte ich, als würde mich der Waschbär verstehen und stemmte die Hände in die Hüften. »Das sind meine! Verstanden! Such dir gefälligst selbst welche!«
In einem Anfall von Mut griff ich nach den übrigen Beeren in der winzigen Hand. Im gleichen Moment packte mich Daiven am Handgelenk und zog mich fort. Als ich fragen wollte, warum er das tat, beobachtete ich entsetzt, wie das Waschbärenweibchen in sein Gesicht sprang und sich dort festkrallte.
»Scheiße!«, schrie ich und suchte verzweifelt nach etwas, das als Waffe dienen konnte. Das Einzige, das ich fand, war ein kleiner dünner Ast. Hastig hob ich ihn auf und rannte zurück.
Daiven knurrte schmerzerfüllt und versuchte verzweifelt das Tier loszuwerden. Ohne Erfolg. Ich holte aus und schlug mit meiner provisorischen Waffe zu.
»Aua. Bist du verrückt!«, hörte ich Daiven brüllen, als ich das Tier verfehlte und ihn dafür aus Versehen am Hinterkopf traf.
»Sorry!« Von leichter Panik erfasst holte ich ein zweites Mal aus.
Im gleichen Augenblick ließ der Waschbär los und sprang mehrere Meter weit davon. Er stieß ein schrilles Kreischen aus, gefolgt von einem Keckern, das nahezu als höhnisches Lachen durchging.
»Verschwinde endlich!«, rief ich ihm hinterher und wedelte dabei mit dem Ast.
»Adam, lass es! Sonst greift sie dich vielleicht auch noch an«, bedeutete Daiven mit schmerzerfülltem Unterton in der Stimme.
»Erst wenn das Drecksvieh verschwindet!«
Zum Glück tat es das dann auch. Das Weibchen drehte sich fauchend um und eilte zu den drei Jungen, die weiterhin mit der Plane spielten, als wäre nichts vorgefallen. Daraufhin warf ich den Ast in ihre Richtung und plötzlich flüchteten die vier ins Gebüsch.
Erleichtert atmete ich auf. Doch mein Frühstück war mit den Tieren verschwunden und ich ließ frustriert die Schultern hängen.
»Blöde Mistviecher!«, schimpfte ich ihnen hinterher und wandte mich um.
»Du wolltest ja nicht auf mich hören«, sagte Daiven. Er hielt mit Tränen in den Augen seine Nase. Unter der Hand quoll Blut hervor. »Zumindest hast du sie jetzt verjagt. Ich schätze mal, wenn wir hierbleiben, kommen sie bald wieder zurück.«
»Oh! Du bist ja verletzt!« Mit einem miesen Gefühl registrierte ich obendrein fünf blutige Kratzer auf seiner rechten Gesichtshälfte. Sie zogen sich vom Ohr über die ganze Wange. Der Waschbär hatte ganze Arbeit geleistet.
»Es brennt etwas. Nicht so schlimm. Das heilt wieder.« Er strafte seine Worte Lügen, indem er weiterhin die Hand auf die Nase presste.
»Nichts da! Setz dich und ich schaue es mir an.« Rasch griff ich nach seinem Arm und bugsierte ihn zu einem kleinen Felsen am Ufer.
Mich überkam ein schlechtes Gewissen. Hätte ich auf ihn gehört, wäre das nicht passiert. Nun stand ich zumindest in der Pflicht, mich um ihn zu kümmern. Eilig rannte ich zu den verstreuten Sachen aus dem Rucksack. Die pelzigen Racker hatten ganze Arbeit geleistet. Die Regenplane wies mehrere Risse auf und war somit unbrauchbar. Eine Feldflasche war offen und dessen Inhalt sickerte langsam in den mit Kieselsteinen bedeckten Boden. Dann endlich fand ich, wonach ich gesucht hatte. Das Medizinköfferchen, das Daiven eingepackt hatte, war erstaunlicherweise noch fest verschlossen. Ich nahm es an mich, eilte zurück und kniete mich vor Daiven hin.
»Das wollte ich nicht. Jetzt bist du wegen mir verletzt.« Seufzend öffnete ich den Koffer, der alles enthielt, was ich benötigte. Zum Glück hatte er vorgesorgt.
»Ich hatte dich ja gewarnt. Aber Schwamm drüber ...«, winkte Daiven ab und beobachtete mich neugierig. »Hast du das schon mal gemacht?«
»Was?«
»Jemanden verarztet?«
Ich blickte ihm tief in die leuchtenden azurblauen Iriden. Sie glänzten, als spiegelte sich die wärmende Sonne in ihnen wider. Prompt schlug mir das Herz abermals bis zum Hals. Die dreisten Ameisen wanderten durch meinen Körper und hinterließen ein angenehmes Prickeln auf der Haut. Wie in Trance hatte ich plötzlich nur noch Augen für Daiven. Unbewusst leckte ich mir mit der Zunge über die Unterlippe und versuchte mich zu konzentrieren. Doch dieses Mal fiel es mir besonders schwer.
Widerwillig riss ich mich von seinem faszinierenden Anblick los und träufelte etwas Desinfektionsmittel auf die Kompresse. Dann griff ich nach seiner Hand und schob sie mit leichtem Druck beiseite. Im ersten Moment sträubte er sich dagegen, doch dann gab er notgedrungen nach. Zum Vorschein kamen vier winzige Löcher, aus denen leicht Blut hervorquoll. Das Mistvieh hatte sich ordentlich in seiner Nase verbissen.
»Das wird jetzt brennen«, murmelte ich und tupfte ihm äußerst zaghaft über die Verletzungen.
Daiven zog zischend die Luft ein, ansonsten ließ er sich nichts weiter anmerken. Dabei lag sein Blick auf mir, was mich völlig durcheinanderbrachte. Schließlich nahm er mir die Kompresse aus der Hand und drückte sie ein paar Mal kräftig auf die Bisswunde. Erneut trieb es ihm die Tränen in die Augen.
»Sorry«, wisperte ich und bereitete eine weitere Kompresse vor, um mich um die Kratzer auf seiner Wange zu kümmern. Ohne Gegenwehr ließ er meine Bemühungen über sich ergehen. Von einem inneren Drang getrieben, streichelte ich anschließend behutsam die Haut um seinen Wunden herum. Sie war warm und zart und ich spürte, wie die ersten Bartstoppeln hervortraten. Ein erregendes Kribbeln fuhr mir dabei von den Fingerspitzen hinauf in den Arm.
»Ist schon in Ordnung«, flüsterte Daiven mit heiserer Stimme. Offensichtlich focht er denselben inneren Kampf aus, den auch ich durchlebte.
Schließlich konnte ich nicht mehr länger widerstehen. Ich wollte mehr. Ich wollte ihn endlich küssen. Betont langsam näherte ich mich Daivens Gesicht und er zog sich nicht zurück. Das verstand ich als die von mir ersehnte Aufforderung und meine Lippen berührten behutsam seine Wange. Zuerst hauchte ich ihm vorsichtige Küsse ins Gesicht, bis sich Daiven entspannte. Meine Lippen wanderten weiter und ich liebkoste sachte sein Kinn. Noch immer saß er ruhig da und ließ mich gewähren.
Ich gab dem wachsenden Drang nach. Verlangend schloss ich die Augen und kurz darauf berührten sich unsere Lippen zum ersten Mal. Regelrecht bezaubert von ihrer Weichheit küsste ich ihn und jede Hemmung fiel gänzlich von mir ab. In diesem Augenblick bestand die Welt nur noch aus ihm und mir. Von einem hingebungsvollen Feuer erfasst merkte ich, wie Daiven den Mund öffnete und mir Einlass gewehrte. Ich ließ mich nicht lange bitten.
Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte ich seine Leidenschaft entflammt, die sich wiederum auf mich übertrug. Ich fühlte seine Zunge, die meine begierig umspielte. Dann legte er die Arme in meinen Nacken und zog mich zu sich heran. Seine Hände kraulten mir durch die Haare, während ich ihn an den Oberarmen packte. Unser Kuss war beseelt von einem unbekannten Verlangen, das mit jeder weiteren Berührung stetig wuchs. Dabei ergriffen die Ameisen jede Faser meines Körpers und ich glaubte in jenem Moment zu schweben.
Endlich hatte ich ihm bewiesen, was ich für ihn empfand, und Daiven zeigte mir mit seiner entfesselten Hingabe, dass die Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhten.
Doch abrupt riss er sich von mir los und drückte meinen Kopf nach unten. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie er in gebückter Haltung über mich hinweg ins Gestrüpp stierte und dann wieder zu mir. Erschrocken musterte ich ihn und dachte, etwas Falsches getan zu haben.
»Bleib unten«, wisperte er mir zu.
»Was ist?« Ängstlich und zugleich erleichtert, bemerkte ich, dass sein verändertes Verhalten nicht am Kuss lag.
»Die Gorillas haben uns gefunden«, erklärte er und seufzte frustriert.
»Woher weißt du das?«, erkundigte ich mich, während sich unsere Nasenspitzen berührten. Sein warmer Atem streichelte mich. Sofort hätte ich am liebsten dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten.
»Ich dachte vorhin schon, ich hätte etwas gehört. Jetzt bin ich mir sicher. Sie verstecken sich ein paar Meter von hier hinter einem dicken Baumstamm.«
»Scheiße!«, stieß ich verärgert aus.
Daiven grinste verschmitzt und hauchte mir einen Kuss auf die Nase. »Wir tun so, als wäre uns etwas auf den Boden gefallen.«
»Schade.« Ich lächelte von einem Ohr zum anderen und ehe er die Arme von mir nahm, stahl ich mir einen letzten flüchtigen Kuss. Sollten sie doch sehen, was ich für ihn empfand. Daiven wehrte sich auch nicht dagegen.