Kapitel Dreizehn
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Daiven
»Ich vermute, dass du gleich alle Antworten erhalten wirst, nach denen du suchst«, wisperte mir Adam beim Laufen zu, sodass es Lio nicht hören konnte. »Ich kann mich irren, aber ich habe einen Verdacht, wer uns geholfen hat. Mich beschäftigt nur, wie alles zusammenhängt.«
Irritiert seufzte ich. Adam hatte mit der letzten Aussage mehr Fragezeichen aufgeworfen, als mir lieb war. Er blieb mir jedoch weitere Erklärungen schuldig.
»Wo geht es zum Auge des Sees?«, erkundigte er sich stattdessen laut.
»Hier entlang!« Lio stürmte los. Ich wusste, seine Gedanken waren einzig und allein bei Caren.
Adam griff nach meiner Hand und gemeinsam jagten wir ihm nach. Der Treffpunkt lag nur wenige hundert Meter vom Wasserkraftwerk entfernt. Von Weitem beobachtete ich gleich mehrere Techniker und Ingenieure, die hektisch durch die Gegend liefen und wild mit den Armen gestikulierten. Wir ließen sie links liegen und schlugen einen Bogen ein. Minuten später erreichten wir die besagte Stelle, die man lange vor meiner Zeit als Auge des Sees getauft hatte. Warum war mir unbegreiflich, denn es handelte sich um eine stinknormale Uferböschung.
»Endlich Jungs! Was hat denn so lange gedauert?«, begrüßte uns Caren heilfroh und rannte auf Lio zu, der sie auf der Stelle umarmte.
Adam und ich blieben stehen und sahen uns um. Außer Caren schien niemand anwesend zu sein.
»Wo ist unser Helfer?«, fragte ich beklommen.
»Du meinst Helferin«, kam amüsiert die Antwort.
Ich blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Hinter einem der Baumstämme zeichnete sich die schmale Silhouette einer Frau ab. Ich traute meinen Augen kaum. Sophie! Sie näherte sich langsam und knipste dabei eine Taschenlampe an, deren Licht auf den Waldboden gerichtet war. Die Helligkeit reichte jedoch aus, um ihr erleichtertes Lächeln zu erkennen.
Ich hatte mit vielem gerechnet, insbesondere mit einer geschickt gestellten Falle, doch Sophies Anwesenheit raubte mir für einige Sekunden die Sprache. Was hatte ihr Auftauchen zu bedeuten?
»Mum? Was ... was tust du ... denn hier?« Verwirrt löste sich Lio von seiner Verlobten.
»Ich sollte echt zum Hellseher umschulen ...« Adam ließ meine Hand los und schritt direkt auf Sophie zu.
»Ich wusste, dass dein kluges Köpfchen hinter die Wahrheit kommen würde«, antwortete sie und schaltete die Lampe wieder aus, um uns nicht versehentlich zu verraten.
»Du wusstest es? Woher?« Ich war geschockt über Sophies Rolle bei unserer Flucht. Mir wurde bewusst, dass sie ihre Worte vorhin so gewählt hatte, dass Adam handelte, ohne die Anweisungen zu hinterfragen. Außer ihm wusste niemand, was sie zu bedeuten hatten, mich eingeschlossen.
Bevor ich nachfragen konnte, sprach er es laut aus: »Liberty Station
! Unter den Rebellen kann niemand etwas mit dem Begriff anfangen. Also war mir klar, dass auf der anderen Seite jemand saß, der mir wohlgesonnen ist. Dann fiel mir ein, dass Daiven ein Zitat daraus von dir kannte. Der Rest war simple Mathematik.« Aus seinem Tonfall schloss ich, dass er lächelte, wenngleich ich es nicht sah.
»Moment mal. Dann wusstest du von Anfang an, woher die Worte stammten«, schlussfolgerte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum hast du nichts gesagt?«
»Wie wäre es, wenn ich den Sachverhalt aufkläre«, mischte sich Sophie ein und ich spürte ihre Hand auf der Schulter. Sie drückte sie sachte, um mich zu beruhigen.
Adam griff gleichzeitig nach meiner Hand. Zuerst wollte ich sie zur Seite schlagen, besann mich jedoch anders und ließ es zu. Normalerweise wäre ich wütend gewesen, aber meine Neugier war größer. Zudem sagte mir meine Intuition, dass er mich nicht absichtlich hinters Licht geführt hatte. Seine Worte bestätigten es.
»Es tut mir leid, Daiven. Aber was hätte ich denn sagen sollen? Es war lediglich eine Vermutung, ich hätte auch vollkommen daneben liegen können. Was dahinter steckt, weiß ich so wenig wie du. Mir brennt es wie dir unter den Nägeln. Am besten lassen wir sie erzählen. Abgesehen davon, hätte ich zudem noch ein paar offene Fragen.« Den letzten Satz richtete er direkt an Lios Mutter.
Sophie entfernte sich ein paar Schritte und stützte sich an einen moosbewachsenen Baumstamm. »Ich kann mir schon denken, dass es um den Apex geht. Dazu komme ich später. Für den Anfang muss ich erst einige Dinge ins rechte Licht rücken. Hört zu!«
Adam legte mir einen Arm um die Schulter. Dankbar lehnte ich mich an ihn. Ich war völlig durcheinander und wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte. Mit seiner Nähe schenkte er mir den notwendigen Halt, den ich so dringend benötigte. Letztendlich war ich unendlich froh, dass es ihn gab und er unverletzt war.
»Worüber quatscht ihr da überhaupt?«, platzte es aus Lio schnaubend heraus und er tigerte nervös auf und ab. »Ihr redet die ganze Zeit von Dingen, die keine Sau versteht.«
»Es geht um ein Zitat aus dem Buch Liberty Station
. ›Der Mensch ist das größte Raubtier aller Spezies, die jemals existierten.‹ Es stammt aus dem Manifest von Brent Lamont«,
antwortete Sophie. »Doch wie schon erwähnt ist das nicht das Thema.«
»Das sagst du, Mum!«, konterte Lio. »Aber warum Brent Lamont? Das Buch lag in Callahans Schublade! Und was hat das mit dir zu tun? Was soll der Mist?«
»Halt dich zurück!«, rügte ihn seine Mutter. »Meinst du, Söhne müssen immer alles wissen, was ihre Mütter tun? Sei leise und halt den Mund und du erfährst, was es damit auf sich hat.«
»Hör auf deine Mum, Honey«, mischte sich Caren ein. Sie schnappte Lio am Arm und zog ihn zu einem der ufernahen Bäume hinüber. »Wir hören.«
Sophie lachte leise, dann räusperte sie sich und wurde wieder ernst. Obwohl ich das Gesicht meines besten Freundes nicht erkennen konnte, wusste ich, dass er eine säuerliche Miene aufgesetzt hatte, während Caren ihn wispernd beruhigte.
»Danke, meine Liebe. Nutzen wir die knappe Zeit. Nach eurer unüberlegten Aktion ist zu erwarten, dass Ray in ein paar Stunden stocksauer hier auftauchen wird. Ich gehe jede Wette ein, Major Styles hat ihn längst informiert.« Sophie seufzte leise, ehe sie mit sachlicher Stimme fortfuhr. »Damit eines klar ist ... ihr habt mir keine Wahl gelassen, als euch zu retten. Wie kommt ihr überhaupt auf so eine Dummheit? Ihr solltet Ray besser kennen. Ganz besonders du, Daiven. Ihr könnt von Glück reden, dass ich vor Jahren das System so absicherte, dass bei jedem unbefugten Zugriff auf bestimmte Dateien bei mir im Labor ein Alarm losgeht und ich zufällig dort war. Wenn ich mich nicht in die unabhängige Überwachungskamera des Büros gehackt und die Aufnahmen von euch gelöscht hätte, wäre der Teufel los gewesen, sobald Ray die gespeicherten Mitschnitte zu Gesicht bekommen hätte. Leider habt ihr mich dadurch unwissentlich in Gefahr gebracht. Bislang war meine Tarnung perfekt.«
»Deine Tarnung?« Lios Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.
Ich konnte es ihm nicht verübeln, auch ich war mehr als überrascht.
»Ja, mein Sohn und jetzt unterbrich mich nicht! Es ist ohnehin nicht leicht, die Wahrheit auszusprechen, die niemand wissen darf. Aber nachdem was passiert ist, bin ich mehr oder weniger dazu gezwungen. Sonst würdet ihr nur weiteres dummes Zeug anstellen und ich müsste am Ende mitansehen, wie man euch das Licht auspustet.«
Obwohl ihre Worte eine Rüge waren, konnte ich nicht anders als schmunzeln. So und nicht anders kannte ich Sophie. Es interessierte mich brennend, was hinter ihrem Handeln steckte.
Lio schwieg, knirschte jedoch laut mit den Zähnen. Sophie ignorierte die Wut ihres Sohnes und redete weiter. »Ich sollte etwas ausholen, damit ihr die Zusammenhänge besser versteht. Mein verstorbener Mann James und ich waren Spione. Und wie ihr euch vielleicht denken könnt ... Ray Callahan war ebenfalls einmal ein Spion. Mittlerweile arbeitet er jedoch ausschließlich für sich selbst.« Sie sah uns der Reihe nach an, was ich an ihrer schemenhaften Kopfbewegung erkennen konnte.
Erschrocken sog ich die Luft ein und ließ sie mit einem lauten Seufzer entweichen.
»Ja, ihr habt richtig gehört«, bestätigte Lios Mutter mit ruhiger Stimme, als würde sie von einem friedlichen Waldspaziergang berichten. Das sprach für ihre Abgebrühtheit. So kannte ich sie und meine Neugier wuchs. »Aber alles der Reihe nach. Vor über dreißig Jahren suchte der damalige Kommandant Middleton Freiwillige für ein sprichwörtliches Himmelfahrtskommando. Aus einer Menge von Bewerbern wurden letztendlich James, Ray und ich ausgesucht. Ich war gerade vierzehn geworden und die Jüngste im Bunde. Ihr müsst verstehen, es waren andere Zeiten und heroische Ansichten standen hoch im Kurs. Zudem zählte das nackte Überleben. Heute ist das anders.« Sie legte eine kurze Pause ein und seufzte.
»Ich schweife ab. Der Plan von Middleton sah vor, dass niemand in ein paar verwahrlosten Jugendlichen feindliche Spione vermuten würde. Zudem hegten wir alle persönlichen Groll gegenüber dem Regime von Elverston. Wir waren Waisen. Wir alle hatten unsere Eltern im Kampf verloren. Somit waren wir niemandem außer den Rebellen gegenüber verpflichtet. Anders ausgedrückt ... wir wollten Rache für den Tod unserer Liebsten. Das und unsere damaligen technischen Kenntnisse waren der Grund, warum wir ausgewählt wurden.
Ich kannte mich bestens mit Computern aus und konnte mich wie Adam geschickt in Systeme hacken, ohne das es jemand bemerkte. James und Ray fungierten als meine persönliche Eskorte. Middleton ließ als Tarnung für den Plan eines der Phantomdörfer im Osten, ganz in der Nähe von Elverston zerstören. Das rief wie erwartet die Armee der Stadt auf den Plan. Sie fanden uns verletzt und verängstigt zwischen den Trümmern. Wir wurden mitgenommen und von den besten Ärzten behandelt. Der Justizrat sann darüber nach, was mit uns passieren soll. Da die Politiker in uns keine Gefahr sahen, kamen sie zu dem Schluss, dass wir künftig Bürger von Elverston sein sollten. Jeder von uns wurde einer kinderlosen Familie übergeben, die uns mit offenen Armen aufnahmen. Meine Zieheltern waren beide angesehene Ingenieure und ich durfte mit ihrer Unterstützung eine großartige Ausbildung genießen.
Womit keiner von uns gerechnet hatte, waren die Gefühle. Zum ersten Mal in unserem Leben fehlte es uns an nichts. Wir wurden geliebt, hatten immer genug zu essen und das Wichtigste: Wir mussten nicht um unser Leben fürchten. Außerdem wurde uns schnell klar, dass der Justizrat keinerlei Interesse an den Rebellen hegte. Sie reagierten lediglich auf die permanenten Angriffe von außen. Somit hatte Middleton uns völlig ohne Grund auf diese Mission geschickt. Er hatte uns schändlich benutzt und betrogen. So kam es, dass Ray einen
unbändigen Hass gegen Middleton entwickelte und er unbedingt die Rebellen über die Wahrheit informieren wollte. Aber wir waren mehr oder weniger Gefangene im goldenen Käfig. Wir waren komplett von Timbermore Point abgeschnitten und es gab für uns keinen Weg aus Elverston hinaus.«
Es entstand ein Moment des nachdenklichen Schweigens. Obwohl es keinen Grund für Sophie gab, dass sie uns belog, hatte ich Schwierigkeiten, mir das Gesagte vorzustellen. Dass Middleton skrupelloser als Callahan gewesen sein sollte, wusste ich. Doch dass er Jugendliche bewusst in Gefahr gebracht hatte, indem er sie als Spione eingesetzt hatte, schockierte mich.
»Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende«, fuhr Sophie leise fort und hatte sofort wieder meine gesamte Aufmerksamkeit. »Fast sieben Jahre lebten wir unerkannt in Elverston und hatten inzwischen Freunde gewonnen. Ray und James gingen in die Armee und ich studierte Ingenieurwesen. Eines Tages kam es letztendlich zu einem Großangriff der Rebellen. Im Zuge dessen nahm Middleton mit uns Kontakt auf. Nach dem Angriff waren auf beiden Seiten große Verluste zu beklagen. Das war der ausschlaggebende Grund, warum wir uns widersetzten. Um Middleton das Handwerk zu legen, mussten wir jedoch unsere Tarnung aufgeben und zu den Rebellen zurückkehren. Ray wollte mehr denn je seinen Tod. James und mich trieb noch etwas anderes an, denn in der Zwischenzeit war ein Gesetz vom Justizrat verabschiedet worden, das den Bau der ersten Supervisors erlaubte. Damit wollten sie die Rebellen endgültig vom Erdboden fegen. Obwohl wir in der Stadt lebten, lagen unsere Wurzeln immer noch hier. Wir konnten das nicht zulassen. Leider erschwerten uns gleich zwei Probleme die Flucht.« Sophie holte einmal tief Luft und ich hörte sie merklich schlucken. »Zum einen wurde das Grenzgebiet inzwischen mit weiteren Schutzmaßnahmen gesichert, über die wir keine genauen Kenntnisse hatten. Zum anderen hatten James und ich
mittlerweile ein kleines Kind. Wir konnten nicht mit ihm durch vermintes Land marschieren.«
»Nash!«, unterbrach Lio sie und klang ein wenig überrascht. »Heißt das, mein Bruder wurde in der Stadt geboren?«
»Er war gerade zwei geworden. Also ja. Er ist als offizieller Bürger Elverstons zur Welt gekommen.«
»Aber ihr habt es geschafft zu entkommen«, warf Caren ein.
»Stimmt. Wir bekamen Hilfe von jemanden, mit dem ich nie gerechnet hätte ...«, bedeutete Sophie mit wehmütiger Stimme.
»Von wem?«, erkundigte ich mich. Sie hatte mich mit ihrer Erzählung völlig in den Bann gezogen.
»Es war der Sohn eines einflussreichen Politikers. Mehr kann ich euch nicht sagen«, antwortete sie. Ich gewann den Eindruck, als wollte sie mit ihrer Aussage der Frage ausweichen.
»Was passierte dann?«, erklang Lios Stimme, ehe ich nachhaken konnte.
»James und ich flohen mit einem Pyrobird nach Westen. Ray blieb vorerst in der Stadt. Er wollte weitere Informationen sammeln und sie ausschließlich mir zukommen lassen. Zwei Jahre später kam er nach und machte seine Drohung wahr. Er tötete Middleton. Danach erhob er sich selbst zum Anführer und seitdem ist er das unbestritten.«
Es folgte fassungsloses Schweigen, welches Adam als Erster durchbrach: »Das war doch sicherlich nicht alles?«
»Du hast recht ... war es nicht. Doch es ist ziemlich kompliziert und uns fehlt die Zeit, um es genauer zu durchleuchten. Die Sonne geht bald auf«, antwortete sie und ließ dabei keinen Raum zur Diskussion offen. »Ich erkläre euch noch schnell, woher Ray die Pläne für die Supervisors hat. Nachdem wir geflohen waren, hat Ray Freundschaften mit Menschen geknüpft, die ihm nützlich erschienen. Einige von ihnen standen heimlich auf der Seite der Rebellen. Das kam ihm selbstverständlich sehr gelegen. So begann er sie nach und nach
für sich einzunehmen und für seine Zwecke auszunutzen. Er kann äußerst charismatisch sein, wenn er will.«
Ich wusste genau, wovon sie sprach. Unter Callahans gewissenloser Hülle schlummerte ein Mensch, der durchaus in der Lage war, Gefühle zu zeigen, wenn es ihm nutzte. Zu meinem Bedauern hatte ich das, als ich noch klein war nur wenige Male erlebt.
»Das heißt, er hat Kontakte in der Stadt, die ihn bis heute mit Informationen versorgen«, stellte Adam fest und drückte plötzlich meine Hand ganz fest.
»So ist es«, bejahte Sophie. »So kam es, dass Ray in Besitz der Baupläne gelangte. Das allein ist eher harmlos. Entsetzlicher ist, dass er inzwischen jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Er will um jeden Preis gegen Elverston vorgehen und plant, eine eigene Armee von Robotern aufzubauen ... mit der neuen Gammabasis hat er bereits angefangen, den Plan umzusetzen. Aber damit sie funktionieren ...«
»... benötigt er den Originalchip, um ihn nachbauen zu können«, beendete Adam schockiert den Satz.
Nun war ich derjenige, der den Händedruck intensivierte. Was bedeutete das für uns? Was genau steckte wahrhaftig hinter Callahans irrwitzigem Plan? Ich sorgte mich dabei nicht nur um die Rebellen, sondern auch um die unschuldige Bevölkerung von Elverston.
»Wir sind Schwertfutter!«, sprach ich zornig aus. Nachdem, was ich mittlerweile wusste, steigerte sich mein Hass auf Ray Callahan gehörig, der wortwörtlich über Leichen ging. Das Bild meines Ziehvaters hatte sich vollständig verändert. Ich wollte nie mehr etwas mit ihm zu tun haben.
»Er schickt eine Einheit nach der anderen in den Tod, da er um jeden Preis den Chip will. Ihm ist es egal, wie viele letztendlich für sein Ziel sterben werden«, bestätigte Sophie
verbittert. Sie konnte jedoch ebenso wenig etwas an der Situation ändern, wie Lio, Adam oder ich.
»Wir müssen das verhindern!«, sagte ich dennoch und ballte meine freie Hand zur Faust.
»Ich wüsste nicht wie«, gestand Sophie zähneknirschend. »Fest steht nur ... bis heute gelang es keinem unserer Ingenieure, den Chip nachzubauen und ihn zum Laufen zu bringen. Jeder Prototyp hat bislang versagt. Wie oft habe ich schon versucht, Ray zu überreden, es sein zu lassen und alle Angriffe einzustellen. Er lässt sich nicht von seinem Ziel abbringen und hat genug Unterstützer, die ihm blind folgen. Ich bin allein und kämpfe somit auf verlorenem Posten.«
»Jetzt bist du es nicht mehr, Mum!« Lio ging auf sie zu und Adam und ich taten es ihm gleich.
»Wir haben alle Beweise fotografiert! Das und deine Aussage reichen aus, um ihn kalt zu stellen«, sagte ich hoffnungsvoll.
»Schön wäre es, Jungs.« Sophie stieß sich vom Baumstamm ab und klopfte sich Moos vom Ärmel. »Die Bilder beweisen nur, dass ihr bei ihm eingebrochen seid und nicht mehr an seine Sache glaubt. Ray hat jeden einzelnen hochrangigen Offizier geködert und sie mit künftigen Versprechungen geblendet. Sie folgen ihm ohne Ausnahme. Sogar von mir denkt er, ich habe längst nachgegeben. Ansonsten wäre ich bestimmt nicht mehr unter euch. Daher ist höchste Vorsicht geboten. Versteht ihr das?«
»Warum hören alle auf ihn?« Adam klang verwirrt.
»Weil sie glauben, das wäre die endgültige Lösung. Dass sie damit nur weiteres Leid verursachen, sehen sie nicht. Ray hat sie mit seinen Erklärungen eingelullt und das kann er verdammt gut. Einzig Colonel Murdock ist auch noch meiner Ansicht. Doch er hat genug zu tun, um selbst am Leben zu bleiben.«
»Was ist mit Nash?«, fragte Lio aus dem Zusammenhang gerissen.
»Was soll mit ihm sein?« Sophie verstand offenbar nicht, worauf er hinaus wollte. Ich dagegen schon. Nash war seinem Vorgesetzten blind ergeben. Was Callahan ihm auftrug, erledigte er ohne Gewissensbisse, was mir persönlich nicht immer gefiel. Abgesehen davon, waren beide oft gemeinsam unterwegs, wie auch zurzeit. Auf diese Weise war er leicht zu beeinflussen, ohne dass er sich dessen selbst bewusst war. Vor allem jetzt, da er nicht Herr seiner Sinne war.
»Auf Nash können wir nicht zählen. Er hört nicht auf mich, obwohl ich seine Mutter bin. Seit James Tod sieht er in Ray mehr eine Vaterfigur, als einen Kommandeur. Daran werden die besten Beweise nichts ändern. Es tut mir leid ... aber ich denke, Nash wird sich nicht überzeugen lassen.«
»Du gibst meinen Bruder einfach so auf?«, warf Lio seiner Mutter wutschnaubend vor.
»Natürlich nicht. Ich liebe ihn. Ich liebe euch beide von ganzem Herzen.« Ein trauriger Unterton schwang in ihrer Stimme mit. »Du musst verstehen ... wir dürfen Nash momentan nicht ins Vertrauen ziehen. Das Risiko, dass er es Ray gegenüber ausplaudern würde, ist zu groß. Wärt ihr nicht auf die saudumme Idee gekommen ins Büro einzubrechen, hätte ich euch auch nichts gesagt. Fürs Erste muss die Sache unter uns bleiben. Je weniger davon wissen, desto besser. Wir müssen überlegt vorgehen und dürfen nichts übers Knie brechen. Wenn ich etwas aus meiner Zeit in Elverston gelernt habe, dann, dass es für das eigene Leben oft förderlich ist, besonnen zu handeln und Dinge für sich zu behalten. Mir ist übrigens auch ein Kontakt in der Stadt erhalten geblieben. Leider kann er durch die prekäre politische Lage im Moment nicht viel ausrichten. Deshalb heißt es für uns erst einmal abwarten. Du wirst Adam ausbilden, so wie Ray es dir aufgetragen hat. Lio wird dich unterstützen und bis zum nächsten Einsatz fällt mir bestimmt etwas ein.«
Adam ließ mich los und schritt auf meinen besten Freund zu, der gerade Luft holte, um seinen Unmut laut kundzutun. »Ich stimme ihr zwar nur ungern zu, aber deine Mutter hat recht, Lio. Es ist schwer, aber etwas anderes bleibt uns im Moment nicht übrig.«
»Ach, was weißt du denn schon!«, erwiderte er aufgebracht.
Adam ignorierte ihn und richtete seine nächsten Worte an Sophie: »Dass wir unsere Füße stillhalten müssen, ist mir klar. Dennoch ist es an der Zeit mir ein paar Fragen zu beantworten. Was ist während der Apexsitzung passiert? Was hast du mir gespritzt? Das übliche Wahrheitsserum war es nicht, sonst stünde ich vermutlich nicht hier. Offensichtlich war es nichts, was deinen Sohn oder mich umbrachte. Und erzähl mir bloß nichts vom Pferd! Ich kenne den Apex und seine Wirkungsweise.«
Sophie schwieg und ich spürte einen Knoten, der sich in der Magengegend ausbreitete. Bisher hatte ich die Erinnerung an Nashs Verhalten mir gegenüber erfolgreich ausgeblendet. Doch nun kehrten sie zurück. Umso erpichter war ich darauf, welche Erklärung sie dafür hatte. Dass sie mich an dem Abend belogen hatte, stand außer Frage.
Sie räusperte sich. »Es stimmt. Statt des üblichen Serums gab ich euch beiden ein Beruhigungsmittel, um die Wirkung abzuschwächen. Der Grund ist simpel. Ich wusste, dass du aus Elverston stammst und Ray von dir Informationen erhalten könnte, die ihn in seinem Wahn unterstützen. Also entschied ich mich spontan dazu, es zu verhindern. Zum Glück kennt Ray sich mit der Verhörtechnik nicht weitreichend genug aus. Das Mittel ist eigentlich völlig harmlos. Warum Nash so seltsam darauf reagierte, weiß ich nicht. Es ist äußerst rätselhaft, wieso ihr eine so tiefe Verbindung zueinander aufbauen konntet. Ihr hättet schlafen und träumen sollen.«
»Du hast es getan, ohne den Preis für das Leben deines Sohnes zu kennen?«, erwiderte Adam barsch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Dir ist hoffentlich klar, dass er mehr von mir erhielt, als nur Erinnerungen. Nash hat keine Ahnung, was mit ihm geschieht. Momentan durchlebt er Ereignisse in seinem Kopf, als würden sie tatsächlich stattfinden. Das hat weder etwas mit Einschlafen noch mit Träumen zu tun. Er spürt meinen Hass auf Dinge, mit denen ich mich längst arrangiert habe. Der ganze Prozess könnte ihm nach und nach die eigene Persönlichkeit nehmen.«
»Dessen bin ich mir inzwischen auch bewusst«, erwiderte Sophie ruppig.
»Na toll! Und was jetzt? Wie können wir ihm helfen?«, mischte ich mich ein.
»Ich weiß es ehrlich gesagt nicht«, gab sie überraschend zu. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass so etwas passiert. Als ich vor der Befragung die üblichen Tests durchgeführt habe und mir klar wurde, dass Adam nicht zu hundert Prozent menschlich ist, musste ich dafür sorgen, dass Ray es nicht erfährt. Und dafür werde ich mich nicht entschuldigen. Mit dir hätte er den Joker in der Hand, auf den er schon so lange wartet.«
Sophies Verteidigung klang plausibel, dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie damit weitere Informationen verschleiern wollte.
»Das ist doch eine fadenscheinige Ausrede. Ich will die Wahrheit hören!«, forderte Adam sie erneut auf, sich zu verantworten. Dazu kam es leider nicht, denn plötzlich ertönte eine männliche Stimme aus Richtung des Wasserwerkes zu uns herüber: »Hey! Wer ist da?«
»Gebt euch zu erkennen!«, befahl ein Weiterer in tiefer Tonlage. Beide kamen rasch näher.
»Mist!«, fluchte Sophie leise. »Ihr müsst verschwinden! Sie dürfen uns nicht zusammen sehen. Am besten geht ihr zu mir
und kommt erst raus, wenn die Sonne aufgeht. Ich lasse mir eine Ausrede einfallen. Los!«
Ohne Widerworte nickte ich, obwohl es niemand sah. Sie hatte recht. Sophies Haus lag abseits aller anderen und dort würde kein Rebell nach flüchtigen Personen suchen. Zwar hätte ich gerne ihre Erklärung gehört, doch die musste vorerst warten. Ich packte Adam am Arm und schlich mit ihm davon. Aus den Augenwinkeln nahm ich Lio wahr, der uns mit Caren im Schlepptau durch die Büsche folgte.