Kapitel Sechzehn
* * * * *
Daiven
Verbissen blinzelte ich die Tränen aus den Augen und klammerte mich am Steuerknüppel fest. Den stechenden Schmerz im linken Oberarm schluckte ich krampfhaft herunter. Im Moment durfte ich mir keine Schwäche erlauben. In meinem Herzen verspürte ich tiefe Trauer und zugleich grenzenlosen Hass. Sophie war tot. Callahan hatte sie gewissenlos erschossen. Für diese schändliche Tat würde er büßen müssen. Das schwor ich mir. Lio und Nash taten mir leid. Sie hatten nicht nur den Vater, sondern jetzt auch die Mutter verloren. Das Gefühl war mir nicht fremd, nur dass ich meine leiblichen Eltern nie kennengelernt hatte.
Ich bündelte meine Willenskraft und schob den Gedanken beiseite. Meine Emotionen mussten hinten anstehen. Im Moment konnte ich mir Mitleid nicht leisten. Das Einzige, das zählte, war, dass ich uns in Sicherheit brachte. Wohin genau uns der Weg führte, wusste ich nicht. Instinktiv flog ich nach Nordwesten und hielt den Vogel so nah wie möglich am Boden. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis die ersten Verfolger auf dem Radar auftauchten.
»Wie geht es dir?«, drang Adams sorgenvolle Stimme zu mir durch.
Ich sah ihn mit einem traurigen Lächeln an und er erwiderte es. Sodann fühlte ich seine Hand auf der Schulter und eine wohlige Wärme durchfloss meinen Körper. Die Nähe zu meinem Freund tröstete mich ein wenig. Adams Anwesenheit spendete mir die notwendige Kraft, nicht auf der Stelle aufzugeben. Zeit für Trauer würde ich später finden.
»Es geht schon ...«, antwortete ich leise und sah aus dem vorderen Cockpitfenster.
Adam seufzte. »Ich rede nicht von deinen Verletzungen ...«
»Ich hatte wahnsinnige Angst um dich. Callahan hätte auch dich töten können«, flüsterte ich nervlich angespannt. Der Gedanke jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich schloss für einige Sekunden die Augen, als ich sie öffnete, konzentrierte ich mich wieder aufs Fliegen.
Adam streichelte meinen Nacken. »Im Gegensatz zu Sophie hatte ich Glück im Unglück. Ich schwöre dir, ihr Opfer war nicht umsonst. Der elende Mistkerl wird in der tiefsten Hölle schmoren.«
»Falls er uns nicht vorher erwischt«, gab ich zu bedenken. »In diesem Ding sind wir ein leichtes Ziel. Ich habe zwar den Funk und den Peilsender ausgeschaltet, aber uns bleiben nicht viele Optionen.«
Adam zwinkerte. »Nicht gleich so pessimistisch. Aus meiner Schulzeit habe ich noch die Karten der verschiedenen Gebiete im Kopf. Ich würde vorschlagen, wir halten uns fürs Erste in Richtung Norden bis zur ehemaligen Landesgrenze zwischen USA und Kanada. Von dort ist es nicht weit zur Hudsonbai. Wenn wir uns dann nach Westen halten, treffen wir auf zahlreiche Inseln. Da der Pyrobird nicht groß ist, kannst du auf einer von ihnen bestimmt landen. Ich gehe jede Wette ein, dass uns dort niemand sucht.«
»Das wäre mitten im Niemandsland.« Ich war überrascht, dennoch fand ich die Idee nicht abwegig. Callahan würde sicherlich nicht damit rechnen, dass wir uns in eine Gegend begaben, in der wir auf keine Hilfe hoffen konnten. Obwohl ich ehrlich gesagt keine Ahnung hatte, was er überhaupt dachte.
»Dieses Ziel erwartet keiner«, sprach Adam meine Überlegungen laut aus.
Ich schenkte ihm ein zögerliches Lächeln. »Stimmt. Doch was dann?«
Adam runzelte die Stirn. »Gute Frage. Die beste Option wäre Elverston. Ich fürchte nur, so einfach wird das nicht. Sobald wir uns der Stadt ohne Autorisierung nähern, holen sie uns vom Himmel.«
Ich nickte. »Dann erstmal das Niemandsland und dort überlegen wir uns in Ruhe, wie wir weiter vorgehen«, bestätigte ich und korrigierte unseren derzeitigen Kurs.
Welche Alternative hatten wir schon? Wir waren Flüchtige. Ab sofort gehörten wir wie Adam weder zu den Rebellen noch zu den Bewohnern von Elverston. Niedergeschlagen dachte ich an Sophie. Sie hatte uns ihren Plan nicht mehr mitteilen können und somit auch nicht das Ziel, das sie auserkoren hatte. Egal wohin es uns verschlug, wir mussten auf der Hut sein. Das alles geriet jedoch abrupt in den Hintergrund, als das Radar ein verräterisches Piepen von sich gab.
»Verdammt!«, stieß ich aus und starrte auf den kleinen Monitor neben mir, auf dem zwei Punkte aufblinkten. »Wir sind nicht mehr alleine!«
Adam sah es ebenfalls. »Kann der Bird schneller fliegen?«
»Ja, aber das habe ich noch nie gemacht. Ich bin froh, dass ich das Ding in der Luft halten kann«, antwortete ich und verspürte die ersten Anzeichen von Panik. Durch die bisherigen Flugstunden war ich zwar im Stande, den Pyrobird zu bedienen, doch mir fehlte die Sicherheit, denn bislang hatte mir immer ein erfahrener Pilot auf die Finger gesehen. Für einen Moment wünschte ich mir, Nash wäre an meiner Seite. Doch so schnell der Gedanke kam, so eilig verdrängte ich ihn wieder. Mit ihm war ich fertig. Ich würde nicht vergessen können, was er mir angetan hatte.
»Egal was, aber tu etwas! Wir müssen schneller werden. Glaub an dich, wenn du nicht fliegen könntest, wären wir längst abgestürzt.« Adam blickte nervös auf die Anzeige, auf der sich die zwei Punkte immer mehr der Mitte näherten. Unsere Verfolger holten stetig auf.
»Ich hoffe, das sagst du nicht nur so.« Trotz der Umstände fühlte ich mich ein wenig zuversichtlicher.
Adam hauchte mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange. »Du schaffst das!«
Sofort fühlte ich das unvergleichliche Kribbeln auf der Haut, das jede kleinste Berührung von ihm in mir auslöste. Mit ihm an meiner Seite stieg die Hoffnung, ihnen doch zu entkommen. Kampflos würde ich mich nicht ergeben.
»Wir bekommen Besuch. Haltet euch da hinten gut fest! Es könnte gleich ziemlich holprig werden!«, rief ich aus dem Cockpit Lio und Caren zu.
»Denk daran, ich will die Geburt meines Kindes noch erleben! Also sorg dafür, dass sie uns nicht kriegen!«, kam es von Lio zurück. Die Aussage baute mich nicht wirklich auf.
»Wo er recht hat, hat er recht. Zeig denen, was du kannst! Ich helfe dir.« Adam grinste und drückte meine Hand, die auf dem Steuerknüppel lag.
Seufzend nickte ich. Ich war zwar alles andere als bereit, aber ich hatte keine Wahl. Viel Zeit für Erklärungen blieb mir nicht. Ich holte einen Helm unter dem Pilotensitz hervor und setzte ihn auf. Adam tat es mir gleich. Während ich ihm in einem Crashkurs die Funktionsweise des Waffensystems erklärte, wechselte ich in den Kampfmodus und steigerte das Tempo.
Augenblicklich veränderte sich unser Blickfeld. Ein Programm für Kampfgefechte projizierte ein zusätzliches Interface direkt auf die Visiere der Helme. Alle notwendigen Funktionen wie Temperatur, Flughöhe und Geschwindigkeit waren nun seitlich eingeblendet, zudem erschien ein Diagramm, das mir bei genauer Anpeilung die Beschaffenheit der Umgebung anzeigte.
Als Nächstes erhielt Adam von mir den vollen Zugriff auf das Waffensystem, das aktiviert und schussbereit war. Ein Signal würde uns warnen, sobald der Feind uns seinerseits anvisierte. So erhielten wir zumindest die Chance, einer Bedrohung rechtzeitig ausweichen zu können. Darüber hinaus waren wir im Kampfmodus für jedes Radar unaufspürbar. Auch wenn ich unsere Verfolger nicht aufhalten konnte, würde ich ihnen wenigstens das Leben schwer machen, denn sie müssten ihren Angriff über reinen Sichtkontakt ausführen.
»Das Baby ist bereit ... lass uns loslegen.« Ich schenkte ihm ein Lächeln.
»Jetzt überraschst du mich.« Adam verblüfftes Gesicht gefiel mir.
»Der Bird kann so viel mehr als nur von A nach B fliegen.« Grinsend stellte ich mir Callahans konsterniertes Gesicht vor, der zweifelsfrei über jeden unserer Schritte informiert war. Jetzt würde er es bereuen, dass er auf meine Flugausbildung bestanden hatte.
Ich bediente den Hebel, der die Geschwindigkeit regulierte und zog das Steuer ein wenig zu mir. Augenblicklich fühlte man die Beschleunigung, überdies gewannen wir an Höhe. Ich vollführte eine Rolle, um mehr Gefühl für den Bird zu bekommen, der unsere einzige Überlebenschance war. Leider waren das Manöver und meine Verletzungen nicht kompatibel. Eine Schmerzenswelle schoss mir von der rechten Schulter hinab bis in die Fingerspitzen. Das verletzte Bein pochte und ich hatte den Eindruck, als würde sich mein Brustkorb immer enger zuziehen. Rasch konzentrierte ich mich darauf, den Schmerz wegzuatmen. Ich durfte mich nicht ablenken lassen. Meine Freunde zählten auf mich. Es galt unseren Verfolgern zu entkommen.
Nervös überprüfte ich alle paar Sekunden die Anzeigen. Der anfänglich herausgeholte Vorsprung verringerte sich zunehmend. Die Jäger flogen zwar den gleichen Typ mit derselben Ausstattung, waren mir jedoch aufgrund ihrer Erfahrung weit überlegen. Es war Wunschdenken, sie abzuhängen, doch plötzlich kam mir eine Idee in den Sinn. Ein absolut wahnwitziger und völlig verzweifelter Plan nahm in meinem Kopf Gestalt an. Doch würden wir das Risiko nicht eingehen, hätten wir bald verloren.
»An was denkst du?«, fragte Adam sichtlich angespannt.
»Die Berge«, war alles, was ich antwortete.
Nur Sekunden später ertönte ein Warnsignal. Mindestens einer der Verfolger hatte uns ins Visier genommen. Instinktiv riss ich den Bird beinahe senkrecht nach oben und wurde heftig in den Sitz gedrückt. Selbst die eingebauten Trägheitsdämpfer konnten bei der raschen Änderung des Flugwinkels nicht verhindern, dass ich vor Schmerz fast das Bewusstsein verlor. Ich hörte Caren schreien, Adam keuchte neben mir und Lio stieß einen wüsten Fluch aus, doch darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Alles um mich herum ausblendend, versuchte ich durch das tollkühne Flugmanöver, den Jägern kein Ziel zu bieten. Bei etwa dreitausend Meter über dem Boden beendete ich den Aufstieg. Unter großer Anstrengung brachte ich den Gleiter wieder in die Horizontale, als das Signal erneut vorwarnte, dass wir gleich unter Beschuss stehen würden.
»Das ist Wahnsinn! Wir erreichen bald Mach Eins! Mit deinen Verletzungen schaffst du es bei der Geschwindigkeit nicht lange.« Zum ersten Mal hörte ich so etwas wie Furcht aus Adams Stimme.
»Sie lassen nicht locker. Die einzige Wahl, die uns bleibt, sind die Berge. Je schwieriger das Gelände, desto eher werden wir sie los.« Die Worte richtete ich mehr an mich, um mich selbst von der eigenen Idee zu überzeugen. So schnell war ich bislang noch nie geflogen. Eine falsche Entscheidung und es würde schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Im schlimmsten Fall endete es mit unserem Tod.
Adam beobachtete mich besorgt, dann nickte er. »Okay. Ich vertraue dir. Ab in die Berge.«
Schweigend lauschte ich unserem hektischen Atem. Ich ließ von einer weiteren Beschleunigung ab, dafür vollführte ich einen engen Looping und schoss anschließend direkt nach unten. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich eine Lenkflugrakete, die uns haarscharf um wenige Meter verfehlte. Ich war heilfroh, dass es keine Luftraketen mit Wärmesensoren waren, dann wären wir verloren. Ihnen zu entkommen wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück waren nur Elverstons Pyrobirds damit ausgestattet.
Mitten im Sinkflug sah ich plötzlich Sternchen aufblitzen, mein Kopf dröhnte und die Geräusche wurden dumpf. »Verflucht noch mal, nicht jetzt!«, brüllte ich und schlug mir dabei auf den verletzten Oberschenkel. Die darauffolgende Qual bewirkte genau das, was ich damit bezwecken wollte. Ich war wieder Herr meiner Sinne.
»Hast du noch alle Tassen im Schrank?« Adam sah mich geschockt an.
»Lieber ertrage ich den Schmerz, oder willst du sterben?«, erwiderte ich durch zusammengepresste Lippen.
Adam seufzte gequält und nickte.
»Gut. Und jetzt alle gut festhalten da hinten! Ich kann ab sofort für nichts mehr garantieren«, rief ich so laut, dass Lio und Caren mich hörten.
Ich zog den Bird nach rechts, wobei er bedrohlich bebte. Das Steuer vibrierte unter meinen Fingern und der Vogel ächzte, als würde er jeden Moment auseinanderbersten. Krampfhaft konzentrierte ich mich auf das nächste Manöver und betete, dass ich bei Bewusstsein blieb. Ich brachte uns auf eine Flughöhe von knapp tausend Metern, dann riss ich den Knüppel nach links. Zum zweiten Mal wurden wir in die Sitze gedrückt und nur der Schmerz hielt mich bei Sinnen. Mein rechter Arm fühlte sich kochend heiß an und ich rang nach Luft. Wir standen kurz davor, die Schallmauer zu durchbrechen. Eilig verringerte ich das Tempo, da tauchten bereits die ersten Bergspitzen und Schluchten vor uns auf. Nur wenige Sekunden Flugzeit trennten uns noch davon.
»Jetzt nur keinen Fehler machen«, sagte ich mir im Stillen und versuchte, den Gleiter so ruhig wie möglich zu halten, dabei biss ich mir unbewusst auf die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte.
Die Schmerzen in meinem Arm verstärkten sich kontinuierlich. Als wäre das nicht schon schlimm genug, sackte der Pyrobird mit einem Mal abrupt ab und geriet ins Schlingern. Der Fallwind hatte mich eiskalt erwischt. Unkontrolliert trudelte er in Richtung Boden, was uns äußerst nahe an die Berghänge heranbrachte. Erst im letzten Augenblick gelang es mir, ihn abzufangen, den Kurs zu korrigieren und zielgerichtet auf die zerklüfteten und engen Bergpässe zu zusteuern. Wir mussten dringend wieder aufsteigen, doch die Schmerzen in meinem Arm machten es mir unmöglich. Adam erkannte, dass ich am Rande meiner Kräfte angelangt war. Beherzt griff er ein und gemeinsam gelang es uns, den Flug zu stabilisieren.
Uns wurde jedoch nur ein kurzer Augenblick zum Verschnaufen vergönnt, bis das Warnsignal piepte und wir ein weiteres Mal auf die Probe gestellt wurden.
»Verdammt, wir stehen schon wieder unter Beschuss!«, schrie Adam.
»Dann wird es Zeit, dass du ihnen gebührend antwortest!«, schlug ich schwer atmend vor.
Adam fackelte nicht lange und machte sich mit dem hochtechnisierten Waffensystem vertraut. Durch das in seinem Helm eingeblendete Display sah er die uns zur Verfügung stehende Bewaffnung. Wir besaßen drei Langstreckenraketen, acht Mittelstreckenflugkörper und zwei Raketen für kurze Distanz. Darüber hinaus hatte der Fluggleiter ein kleines Extra. Am Heck sowie am Rumpf waren vor Jahren zwei großkalibrige Maschinengewehre installiert worden, mit jeweils tausend Schuss Munition.
»Mach sie fertig!«, forderte ich ihn auf, während ich im Zickzackkurs dafür sorgte, dass wir nicht getroffen wurden. Bei einer Linkskurve schrammten wir mit dem rechten Flügel an den Felsen entlang und wurden tief in die Sitze gepresst. Laute Flüche drangen aus dem Laderaum nach vorne.
Zu unserem Glück waren wir bislang von Treffern der Verfolger verschont geblieben. Doch ich fragte mich, wie lange noch. Die Jäger waren uns dicht auf den Fersen und gingen dazu über, uns mit einem andauernden Kugelhagel aus den großkalibrigen Schnellfeuerwaffen unter Beschuss zu nehmen. Zu meinem Bedauern trafen sie gleich mehrmals. Augenblicklich leuchteten einige Warnlampen auf, die Beschädigungen am Antrieb und am Höhenruder anzeigten.
»Puste sie vom Himmel!«, brüllte ich und Adam zögerte keine Sekunde.
Um uns die Gegner vom Hals zu halten, feuerte er zuerst die beiden Kurzdistanzraketen ab. Eine davon traf ihr Ziel. Ich hörte es mehr, als dass ich es sah. Der Verfolger wurde langsamer und drehte schließlich ab. Unsere Chancen waren gestiegen.
Um den übriggebliebenen abzulenken, warf Adam wenige Sekunden später einige der Täuschkörper ab. Fürs Erste schien das eine wirkungsvolle Taktik zu sein. Dennoch blieb uns der Pyrobird auf den Fersen. Das kurze Gefecht hatte uns zumindest etwas mehr Distanz verschafft. Kaum dachte ich, wir wären im Vorteil, tauchte auch der erste wieder auf und beide Jäger feuerten auf uns.
Mit ordentlich Adrenalin im Blut und irrsinnig rasendem Pulsschlag lenkte ich uns mit viel Feingefühl haarscharf an den hochaufragenden Felsen vorbei. Ich flog wie in Trance und meine ganze Aufmerksamkeit galt den Hindernissen. Durch geschickte Ausweichmanöver in alle Richtungen konnte ich weitere Treffer verhindern. Die Täuschkörper, die Adam in regelmäßigen Abständen freisetzte, trugen ihr übriges dazu bei. Eine höllische Aktion jagte die nächste, doch die Verfolger gaben nicht auf. Sie hatten den Befehl, nicht eher zurückzukehren, bevor sie uns vernichtet hatten.
Callahan hatte jedoch nicht mit Adams und meiner Ausdauer gerechnet. Ich hörte ihn förmlich fluchen. Diese Vorstellung ließ mich innerlich schmunzeln. Das änderte sich schlagartig, als sich das Gebiet vor uns zunehmend verengte. Erschrocken holte ich Luft und wich einem felsigen Vorsprung aus. Leider ein paar Millisekunden zu spät. Der Gleiter streifte hart den Berg und löste einige Steine, die hinter uns in die Tiefe fielen. Wir wankten heftig und ein schrilles Kreischen, gefolgt von einem besorgniserregenden Rucken fuhr mir durch Mark und Bein. Caren schrie panisch auf, aber ich ließ mich nicht irritieren.
Wir waren schwer angeschlagen und es bereitete mir immer mehr Mühe, den Bird unter Kontrolle zu halten. Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Nur mit Adams Hilfe war es mir möglich, den fliegenden Schrotthaufen überhaupt noch in der Luft zu halten. Zudem sorgte der andauernde Beschuss dafür, dass ich langsam nicht mehr an eine siegreiche Flucht glaubte.
Meine Hände waren schweißnass und ich atmete stoßweise. Verbissen suchte ich nach einer Möglichkeit, um zu entkommen. Aus purer Verzweiflung beschleunigte ich, bis ich kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Wenn mir nicht bald etwas einfiel, würden wir als explodierender Trümmerhaufen an einem Berghang zerschellen und in irgendein Tal stürzen. Bei diesem Gedanken kam mir plötzlich die Erleuchtung. Ein erleichtertes Grinsen schlich sich in mein Gesicht. Obwohl ich dem Plan selbst nicht traute, schien es die einzige Lösung zu sein.
»Festhalten!«, rief ich plötzlich und verhinderte in letzter Sekunde, dass uns eine Rakete endgültig vom Himmel holte. Ruckartig zog ich den Pyrobird nach oben und flog eine Spirale in Richtung Tal. Als ich wieder in die Waagerechte zurückkehrte, atmete ich tief durch und wandte mich an Adam: »Ich denke, ich habe einen Weg gefunden, um uns zu retten. Hilfst du mir?«
»Von was redest du?«, erkundigte er sich und schoss dabei hochkonzentriert aus der hinteren Schnellfeuerwaffe, um die Gleiter wenigstens soweit abzulenken, dass sie uns nicht ins Visier nehmen konnten. Beide besaßen noch eine Kurzstreckenrakete, wir dagegen keine mehr.
»Wenn sie denken, dass wir abgestürzt sind, gelingt uns vielleicht die Flucht.«
»Keine Ahnung was du vorhast, aber tu es schnell. Die Arschlöcher geben einfach nicht auf.« Adam ließ nicht locker und es schien, als hätte er den Dreh raus. Kurz darauf stieß er einen Freudenschrei aus. Er hatte einen der Birds getroffen und dieser rotierte rasch gen Tal. Ich hatte keine Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen. Allerdings wünschte ich mir, dass Callahan darin saß und nicht jemand aus meiner Einheit.
»Halte dich bereit. Sobald ich es sage, feuerst du die Mittelstreckenraketen direkt auf den Abhang vor uns. Das müsste genügen.« Ich holte tief Luft und konzentrierte mich auf das Gelände vor mir.
»Ich glaube, ich verstehe ...«, murmelte Adam. Aus den Augenwinkeln sah ich sein Siegesgrinsen, das mich wiederum anspornte. Obwohl ich nicht gläubig war, sandte ich im Stillen ein Stoßgebet gen Himmel und bat jeden, der über die Menschheit wachte, dass er mir seinen Segen spendete. »Erhört mich nur dieses eine Mal!«, flehte ich inbrünstig.
Ich leckte mir mit der Zunge über die trockenen Lippen, atmete tief durch und blendete die Schmerzen so gut es ging aus. Dann holte ich all mein Wissen hervor, das ich bisher von Nash über Kampftaktik in der Luft gelernt hatte.
Aufmerksam studierte ich über das Interface des Helmes die Beschaffenheit der Gipfel und Schluchten vor uns. Das felsige Gebiet schien kein Ende zu nehmen und es gelang mir nur schwer fündig zu werden. Schließlich entdeckte ich endlich eine geeignete Stelle. In einigen Kilometern Entfernung lag ein schmales Tal, das sich zunehmend verengte und in einer Biegung mündete. Es war äußerst riskant, denn ich wusste nicht, wie die Landschaft dahinter beschaffen war. Gleichwohl war es die Chance zu entkommen. Mir blieben lediglich wenige Sekunden Zeit, um zu reagieren.
Ich umklammerte das Steuer, dachte an nichts weiter als an die waghalsige Aktion und folgte dem Weg vorbei an den zerklüfteten Gipfeln. Kurz musste ich die Geschwindigkeit drosseln, um eine Kurve zu nehmen, dann folgte ich ungehindert dem Tal. Die Trägheitsdämpfer verhinderten, dass mich der Schmerz übermannte. Die beiden Piloten hinter uns verringerten ebenfalls die Geschwindigkeit, gaben die Verfolgung wie erwartet aber nicht auf.
Dann wurde es ernst. Da kam sie. Unsere wohl einzige Gelegenheit, dem Tod zu entrinnen. In einem äußerst steilen Winkel tauchte ich in die nächste Schlucht ein und schrammte dieses Mal absichtlich leicht an den Felsen. Im Cockpit hörte es sich an, als würde der Gleiter jeden Augenblick auseinanderbersten. Zum wiederholten Male wollte mir das Seitenruder nicht gehorchen, aber irgendwie bekam ich die Situation in den Griff.
»Jetzt!«, befahl ich Adam, der auf der Stelle die letzten beiden Raketen abfeuerte.
Ohne nachzudenken, flog ich nah an die entstehende Lawine aus Felsen und Staub und schlug einen Haken. Die Schuttwolke bot uns den nötigen Sichtschutz, auf den ich gehofft hatte.
Ich hielt den Atem an. Wir wurden gleich mehrmals hart von herabstürzendem Gestein getroffen und ich war kaum in der Lage den Pyrobird zu halten. Jäh bemerkte ich, dass wir etliche Höhenmeter verloren hatten und fast den Boden berührten. Aufsteigen durfte ich dennoch nicht.
Das Tal bog scharf nach links, dann gabelte sich die Schlucht und bot uns drei Fluchtmöglichkeiten. Meinem Bauchgefühl folgend entschied ich mich für das engste Tal und blieb dabei nah am Boden. Wir umrundeten einen Berg und es schien, als wäre meine Idee von Erfolg gekrönt. Von unseren Verfolgern war nichts mehr zu sehen.
* * *
Frustriert starrte ich auf die rot blinkenden Anzeigen vor mir. Der Antrieb war beschädigt, funktionierte jedoch noch, wenn er auch nicht mehr die volle Leistung brachte. Eines der Höhenruder hatte sich bei der Kollision mit einem Felsen verbogen und ließ sich nur bedingt bedienen, was mir das Steuern merklich erschwerte. Eine Landung unter diesen Umständen würde ziemlich lustig werden.
»Wir schaffen es nicht bis zur Ostküste.« Seufzend blickte ich zu Adam. Er sah mindestens so abgekämpft aus, wie ich mich fühlte. Da wir nicht mehr im Kampfmodus flogen, hatten wir die Helme abgesetzt. Zu meiner Freude zeigte das Radar keine Pyrobirds an. Wir hatten unsere Verfolger mit dem waghalsigen Manöver in die Irre geführt. Vermutlich suchten sie die vermeintliche Absturzstelle nach unseren Trümmern ab. Für den Moment gewannen wir etwas Zeit, doch es würde bestimmt nicht lange dauern, bis sie erkannten, dass sie gelinkt wurden. Dann würden sie erneut Jagd auf uns machen. Ein zweites Mal würde uns so ein Kunststück vermutlich nicht mehr gelingen. Vor allem, da uns der derzeitige Kurs über offenes Land und zahlreiche Seen führte.
»Was ist los?«, erkundigte sich Adam und sah ebenfalls auf die Warnlichter.
»Wir wurden ordentlich getroffen. Einiges will nicht mehr. Unter anderem ist der Autopilot ausgefallen und ich muss den Blecheimer per Hand fliegen.« Wie auf Bestellung erwischte uns ein Luftloch und wir sackten ab. Nur mit Mühe gelang es mir, den Fall abzufangen. Bewusst verschwieg ich ihm, dass ich kaum noch in der Lage war den Gleiter in der Horizontalen zu halten. Für den Moment gewannen wir etwas Zeit, doch es würde bestimmt nicht lange dauern, bis sie erkannten, dass sie gelinkt wurden. Deshalb hatte ich die Geschwindigkeit auch auf normales Niveau gedrosselt.
Adam schenkte mir ein beruhigendes Lächeln. »Wo genau befinden wir uns?«
»Nördlich von Queensbury«, antwortete ich und drückte auf einen Knopf, woraufhin eine virtuelle Landkarte vor uns im Cockpitfenster erschien. Ein kleiner blauer Punkt zeigte unsere Position an.
»Sollen wir hier irgendwo runter gehen, damit du eine Pause bekommst?«, erkundigte er sich besorgt.
»Ich habe keine Ahnung, ob ich den Bird an einem Stück landen kann. Außerdem weiß ich nicht, was uns da unten erwartet«, antwortete ich ehrlich. Das Gebiet war mir völlig fremd. Bei keinem unserer Einsätze hatten wir jemals diesen Landstrich überflogen.
»Okay. Dann lass uns so weit wie möglich an die Küste fliegen. Von dort aus können wir Elverston notfalls in ein paar Tagen zu Fuß erreichen«, schlug Adam vor und seine Idee gefiel mir.
Augenblicklich korrigierte ich den Kurs und hielt mich weiter südöstlich. Inständig hoffte ich, dass ich und der Pyrobird nicht vorzeitig schlapp machten. Einige Minuten lang schien alles gut zu gehen, bis wir aus heiterem Himmel immer mehr Schlagseite bekamen und ich kräftig gegensteuern musste. Der Schmerz in meinem Arm wurde allmählich unerträglich.
»Was gibt es?«, fragte Lio, der mit Caren an der Luke zwischen Cockpit und Ladebereich auftauchte.
»Wir müssen landen. Der Trip durch das Gebirge hat nicht nur meinen Nerven ordentlich zugesetzt. Bei euch alles in Ordnung?« Ich sah beide über die Schulter hinweg an und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mit meinen Kräften am Ende war.
Lios Stirn wies eine dicke Beule auf und seine Augen waren gerötet. Caren wirkte ebenfalls mitgenommen. Sie war blass und hatte sich an der linken Hand verletzt. Trotzdem erweckten sie den Eindruck, die gefährliche Verfolgungsjagd ohne große Verletzungen überstanden zu haben.
Lio grinste verhalten. »Wir leben und darauf kommt es an. Nicht nur eure Nerven gingen durch. Mein Bruder ist wieder bei sich und gar nicht begeistert, dass er festgeschnallt wurde.«
Wie auf Kommando stieß Nash lautstark einen wüsten Fluch aus.
Bei dem Klang seiner Stimme stellten sich warnend meine Nackenhaare auf. Wutschnaubend biss ich mir auf die Unterlippe, während ich den Steuerknüppel fest umklammerte. Ich hatte ihn bis eben erfolgreich aus meinem Gedanken verdrängt. Solange der Pyrobird nicht auf dem Boden war, durfte ich mir keine negativen Gefühle erlauben.
»Setzt euch wieder und schnallt euch an. Ich kann nicht versprechen, dass es eine sanfte Landung wird.«
Ohne Widerrede zogen sich die zwei in den Laderaum zurück, in dem sie von einem weiteren derben Fluch begrüßt wurden.
Bevor ich mir mehr Gedanken um Nash machen konnte, zwinkerte Adam mir aufmunternd zu. »Hauptsache ich habe bald wieder feste Erde unter den Füßen. Du weißt schon ... Höhen sind nicht so meins. Nachdem, was hinter uns liegt, ist mein Bedarf für eine lange Zeit mehr als gedeckt.«
Ich erinnerte mich an unsere Kletterpartie zurück und grinste in mich hinein. Obwohl erst drei Tage vergangen waren, kam es mir wie Wochen vor. Eine Menge war in der kurzen Zeit passiert. Adam hatte mit seiner unvergleichlichen charmanten Art meine äußere Schutzmauer geknackt. Darüber hinaus hatte er in mir überwältigende Gefühle geweckt, die ich bisher für keinen anderen Mann empfunden hatte. Zwischen uns herrschten eine enge Verbundenheit und ein tiefes Vertrauen, das ich bisher so noch nie erlebt hatte.
»Hast du Schmerzen?«, fragte Adam und holte mich in die Gegenwart zurück.
»Gerade nicht ...«, flunkerte ich, doch in der gleichen Sekunde sog ich scharf die Luft ein. Ein ungeheuerliches Stechen schnürte mir den Brustkorb ein und erschwerte mir das Atmen.
»Du blutest.« Adam deutete mit dem Kinn auf meine verbundenen Schnittwunden.
Ich blickte an mir herab und sah, dass das Hemd feucht war. Ebenso der rechte Ärmel. Tapfer schluckte ich die Beschwerden herunter und antwortete: »Es geht schon.«
»Bring uns heil herunter, damit ich dich verarzten kann.« Adam beugte sich zu mir und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Dann konzentrierte er sich auf die Landschaft, die unter uns vorbei sauste.
Seine zarte Berührung brachte sogleich die Schmetterlinge in mir in Aufruhr. Es fühlte sich verdammt gut an, ihn bei mir zu wissen. Mit Adam an meiner Seite glaubte ich mich stark genug alles zu überstehen. Suchend spähte ich aus dem Cockpitfenster. Wenige Kilometer vor uns erstreckte sich der Rand eines dichten Nadelwaldes, auf den wir zuflogen. Rasch überprüfte ich die Anzeigen vor mir. In unmittelbarer Umgebung gab es keine bessere Stelle, um den Fluggleiter auf die Erde zu bringen. Ich verringerte das Tempo und flog einen weiten Kreis, um mir das Gebiet einzuprägen. Es war zwar nicht perfekt, aber es sollte ausreichen.
»Dort. Direkt unter uns«, sagte ich und kämpfte damit, das Steuer zu halten.
Adam nickte und ich ging dazu über, den ersten Landeanflug ohne Fluglehrer in die Wege zu leiten. Mit einem mulmigen Bauchgefühl nahm ich mehr und mehr die Geschwindigkeit zurück, bis der Bird beinahe auf der Stelle schwebte. Der Gleiter sank immer tiefer und setzte schließlich mit einem donnernd Rums auf.
Ordentlich durchgerüttelt aber dennoch freudestrahlend schnallte sich Adam ab und strich mir sanft über die Schulter. »Sag nie wieder, du könntest nicht fliegen!«
Ich lächelte erleichtert. Bevor ich mich ebenfalls vom Gurt befreite, warf ich einen letzten prüfenden Blick auf das Radar, dann schaltete ich den Antrieb und die restlichen Funktionen aus. Mir war es nicht nur gelungen, lebensbedrohliche Manöver zu fliegen, sondern uns auch wohlbehalten auf den Boden zu bringen. So schnell wollte ich das Erlebnis allerdings nicht wiederholen.
»Ich denke, wir sind sicher«, flüsterte ich und fand mich unerwartet in einer liebevollen Umarmung wieder.
»Ich brauche dringend frische Luft, dann sehe ich mir deine Wunden an«, wisperte Adam mir ins Ohr, wobei sein Atem über meine Wange kitzelte.
»Lass dir Zeit, mir geht es gut«, flüsterte ich, da mir seine intensive Aufmerksamkeit etwas peinlich war. Ehe ich mich versah, verschloss Adam unsere Münder mit einem zärtlichen Kuss. Seine wohltuende Zuneigung war wie Balsam für meine Seele und vertrieb sämtliche Unsicherheiten im Nu. Am liebsten hätte ich mich für immer in seinen Armen versteckt, doch leider war es ausgerechnet Nash, der den wunderschönen Augenblick beendete.
»Hey ihr Arschlöcher! Wollt ihr mich hier versauern lassen? Macht mich los!«, drang seine Stimme zu uns ins Cockpit. Ich versuchte aufzustehen, doch ein heftiger brennender Schmerz im verwundeten Oberschenkel zwang mich in die Knie. Vor meinem inneren Auge blitzten kleine Sternchen auf.
Adam reichte mir die Hand. »Komm. Ich helfe dir.«
Vorsichtig startete ich einen zweiten Versuch. Trotz seiner Hilfe dauerte es einige Momente, bis ich endlich wacklig auf den Beinen stand. Erzürnt schluckte ich die heftigen Schmerzen herunter und verließ von Adam gestützt das Cockpit. Lio und Caren waren schon nach draußen verschwunden. Nash hockte noch immer in dem Sessel, in dem wir ihn vor dem Start festgeschnallt hatten. Lio hatte ihn zusätzlich mit einer Handschelle an einem Haltegriff fixiert. Auch wenn es ihm gelungen wäre, sich aus den Gurten zu befreien, konnte er uns nicht gefährlich werden.
Gehässig starrte er uns an. »Sieh mal einer an. Der Freak mit meinem Cutie. Hast du ihn wenigstens schon ordentlich durchgefickt? Weißt du, Daiven liebt es unten zu liegen und von einem dicken Schwanz durchgeknallt zu werden.«
Aufgrund der kränkenden Worte empfand ich den Anblick der Blessuren in seinem Gesicht als wohltuend. Doch sein schäbiges Grinsen steigerte meinen Groll auf ihn unaufhörlich. Die Erinnerungen an den Übergriff kehrten mit geballter Wucht zurück. Egal ob Nash er selbst war oder nicht, wäre es nach mir gegangen, hätte ich ihn zurückgelassen.
»Hey Süßer! Sag mal, bist du immer noch sauer?«, fragte er, als wäre nichts geschehen.
Ich knurrte und stand kurz davor ihn meine Faust schmecken zu lassen. Aber Adam hielt mich zurück und schob mich in Richtung Ausgang. »Jetzt nicht! Er kann warten«, beruhigte er mich.
Ich warf Nash einen hasserfüllten Blick zu. Wüsste Adam, was Lios Bruder alles gesagt und getan hatte, wäre er bestimmt nicht so nachsichtig mit ihm. Unsere überraschende Begegnung war nicht nur in einem handfesten Streit ausgeufert, Nash hatte mir mit dem Tod gedroht. Um zu beweisen, wie ernst er es meinte, hatte er sich ohne Vorwarnung mit dem Messer auf mich gestürzt. Das Entsetzlichste an alledem war, dass der Angriff ausgerechnet von dem Mann gekommen war, den ich bis dahin immer als fähigen Soldaten respektiert hatte und für den ich mich jederzeit in einen Kugelhagel geworfen hätte. Mittlerweile schien es, als wäre nur noch eine boshafte und leere Hülle von ihm übrig geblieben.
»Warum haben wir ihn mitgenommen?«, erkundigte ich mich mit schneidender Stimme bei Adam, während er mich ins Freie bugsierte. Ein letztes Mal drehte ich mich zu ihm um, dann wandte ich mich angewidert von ihm ab.
Nash lachte. »Hat dir unser kleiner Kampf keinen Spaß gemacht? Von mir aus können wir das jederzeit wiederholen«, rief er mir hinterher.
Ich wollte zurückeilen, doch Adam packte mich am Handgelenk und sah mich mitfühlend an. »Ignorier ihn! Im Moment zählst nur du. Bist du in Ordnung?«
Zähneknirschend nickte ich. Aus den Augenwinkeln registrierte ich den völlig ramponierten Pyrobird. Dass ich ihn sicher zu Boden gebracht hatte, grenzte beinahe an ein Wunder. Ein Weiterfliegen war in diesem Zustand nicht mehr möglich. Adam löste seinen Griff, als er merkte, dass ich nichts Unüberlegtes tun würde. Ich humpelte zu unseren Freunden hinüber. Lio und Caren hockten unter einem Baum im Gras und trösteten sich gegenseitig.
»Warum hat Callahan das getan? Ich verstehe es einfach nicht«, hörte ich Caren leise schluchzen, als ich neben ihr Platz nahm.
Während des Fluges hatte ich die Gefühle über Sophies Tod verdrängt, doch nach diesen Worten füllten sich meine Augen mit Tränen. Fürs Erste wurde mein Zorn auf Nash von Trauer verdrängt.
»Er wollte uns an der Flucht hindern«, antwortete Adam trübselig. »Sophie wusste, dass es unser Todesurteil sein würde, wenn Callahan uns in die Finger bekäme. Ich sage es nicht gerne, aber sie hat sich für uns alle geopfert.«
»Ja, das hat sie«, antwortete Lio mit belegter Stimme und ohne jemanden von uns anzusehen.
Ich griff nach seiner Hand und drückte sie fest. »Dafür wird er büßen!«
Lio nickte schweigend.
Adam seufzte. »Vielleicht ist es für uns alle ein Trost, dass sie nicht gelitten hat. Sie ist in der Hoffnung gestorben, dass wir ihm entkommen. Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass ihr Opfer nicht umsonst war.«
Wir sahen uns alle wissend an.
»Fliegen ist keine Option«, seufzte ich. »Der Bird wird nicht mehr abheben. Selbst mit dem richtigen Werkzeug wüsste ich nicht einmal, wo ich mit der Reparatur anfangen sollte. Callahan wird nicht aufgeben und nach uns suchen, bis er uns gefunden hat. Wir können von Glück reden, dass er sich im Niemandsland genauso wenig auskennt wie wir. Gerade deswegen müssen wir versuchen, ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Das heißt, wir schlagen uns zu Fuß weiter durch.«
»Aber wohin?«, erkundigte sich Caren niedergeschlagen.
»Zurzeit sind wir auf unbekanntem Terrain. Wir müssen zur Ostküste und von dort aus nach Süden. Laut Navigationssystem sind es von hier aus ungefähr hundert Kilometer bis zum Meer. Eine andere Wahl bleibt uns erst einmal nicht.« Ich lehnte mich an den Baumstamm und versuchte die Schmerzen wegzuatmen.
Adam beäugte mich besorgt. »Das klingt vernünftig, aber erst kümmere ich mich um deine Wunden.« Bevor ich Einwand erheben konnte, war er im Fluggleiter verschwunden, um den Erste-Hilfe-Koffer zu holen.