Kapitel Siebzehn
* * * * *
Adam
Die Sonne stand tief im Westen. Ihre Strahlen drangen kaum noch durch das dichte Gewirr des Nadelwaldes und deuteten an, dass wir bald einen Platz für die Nacht finden mussten. Wir hatten beschlossen, bis zum Sonnenuntergang so viele Kilometer wie möglich zwischen den Pyrobird und uns zu bringen. Die Gefahr, dass Callahans Leute nach uns suchten, war immer noch gegeben. Wenigstens beruhigte mich der Gedanke, dass unsere List wohl erfolgreich war. Bis sie dahinterkämen, dass wir den Absturz fingiert hatten, wären wir bereits über alle Berge.
Wir hatten den Fluggleiter zurücklassen müssen, ihn jedoch zuvor nach allem Nützlichen durchsucht. Mitgenommen hatten wir letztlich den Rucksack mit den zwei Feldflaschen sowie den Erste-Hilfe-Koffer und ein paar Handgranaten. Für alles andere hatten wir keine Verwendung. Vorräte waren zu unserem Leidwesen keine an Bord gewesen. Trotz der Zuversicht, die meine neuen Freunde ausstrahlten, gab es drei wesentliche Punkte, die mich alles andere als optimistisch stimmten.
Der Erste war Caren. Sie war im sechsten Monat schwanger und wirkte körperlich soweit stabil, war aber trotzdem alles andere als fit. Müde trug sie den Rucksack und stolperte Schritt für Schritt vor mir her. Die Flucht und Sophies Tod bereiteten ihr Angst und das zeigte sich in ihrem ruhelosen Verhalten. Ständig sah sie über die Schultern und zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen.
Der Zweite war Daiven. Von Lio gestützt kam er nur mühselig voran. Einige der Wundnähte waren aufgegangen und hatten ordentlich nachgeblutet. Er schwebte zwar nicht in Lebensgefahr, benötigte aber dringend Ruhe zur Genesung. Blass wie ein Leichentuch spielte er dennoch allen den tapferen Soldaten vor.
Nash bereitete mir das meiste Kopfzerbrechen. Nachdem ich mich freiwillig gemeldet hatte, seine Aufsicht zu übernehmen, wuchsen meine Schuldgefühle mit jedem zurückgelegten Kilometer. Zu unserem Schutz trug er Handschellen an Händen und Beinen, sodass er nur kleine Schritte machen konnte. Trotzdem hielt er gut mit unserem Tempo mit. Ich blieb ihm mit gezogener Waffe dicht auf den Fersen und ließ ihn nicht aus den Augen.
Seufzend dachte ich darüber nach, was seit den frühen Morgenstunden passiert war, und fühlte mich mies. Wegen mir war Daiven verletzt und Nash nicht mehr er selbst. Dass wir vor Callahan und den Rebellen fliehen konnten, war das einzig Positive. In mir wuchs der Wunsch, beiden so schnell wie möglich zu helfen, und doch wusste ich nicht wie. Meinem Freund konnte ich beistehen, doch bei Nash war es eine verzwickte und fast unlösbare Aufgabe. In seinem Kopf herrschte das blanke Chaos, das sein wahres Ich in den Hintergrund drängte. Er verhielt sich wie ein arroganter respektloser Mistkerl und beleidigte uns wahllos. Zudem kommentierte er gehässig alles, was er sah, und nervte dadurch selbst mich. Mir musste dringend eine Lösung einfallen. Nashs angespannte Aggressivität wirkte sich nicht förderlich auf die Gruppe aus.
»Könntest du jetzt endlich die Klappe halten!«, brüllte Lio aus heiterem Himmel. Er blieb stehen, drehte sich um und starrte seinen Bruder mit einem vernichtenden Blick an. »Behalte deine ach so abgrundtiefen Weisheiten für dich! Danke.«
»Ich habe Hunger«, kam Nashs pragmatische Antwort. Unweigerlich musste ich schmunzeln.
»Was du nicht sagst. Wir auch! Du wirst wie alle warten, bis wir ein Lager aufschlagen! Und jetzt sei still oder ich füttere dich mit meiner Faust!« Lio war kaum zu bändigen. Hätte Daiven ihn nicht am Arm festgehalten, wäre er auf seinen Bruder losgegangen.
»Ich muss mal pissen«, sagte Nash übergangslos und völlig aus dem Zusammenhang gerissen.
Lios Geduldsfaden riss. Zum Glück erkannte Caren, dass er kurz davor war einen Fehler zu begehen, und stellte sich ihm in den Weg.
»Ignorier ihn! Du weißt doch, dass er nicht er selbst ist«, warf ich schlichtend ein.
»Das gibt ihm aber nicht das Recht mir permanent auf die Nerven zu gehen!«, konterte Lio frostig und ballte die Faust. »Verpassen wir ihm einen Knebel, sonst ticke ich gleich aus.«
»Brüderchen, hab ein bisschen Respekt vor dem Alter. Mum hat in ihrer Erziehung versagt. Sie hätte dich viel öfter übers Knie legen sollen.« Nash sah ihn mit einem schiefen Grinsen an.
Lio explodierte. Er stürmte auf ihn zu und riss ihn zu Boden. Rasend vor Wut landeten seine Fäuste in Nashs Gesicht. »Kapierst du es nicht! Mum ist tot! Tot! Sie wird nie wieder kommen!«
Obwohl ich Daivens besten Freund verstehen konnte, riss ich ihn von seinem Bruder herunter. Wir konnten uns keine weiteren Komplikationen leisten.
Lio trat sogleich unbeherrscht auf mich ein. Wutschnaubend kämpfte er gegen meinen Griff an, wobei seine Faust unsanft mein Kinn streifte.
»Verdammt Lio! Er versteht es nicht! Sein Gehirn ist Apfelmus. Egal was du sagst, er kann es nicht verarbeiten«, redete ich besänftigend auf ihn ein und ignorierte das schmerzhafte Pochen im Unterkiefer.
»Auf welcher Seite stehst du eigentlich?« Mit einem Ruck riss sich Lio endgültig los und stapfte laut grummelnd davon.
Daiven sah mich mit einem vorwurfsvollen Blick an, dann eilte er seinem Freund hinterher.
»Nimm’s ihm nicht übel, ich rede mit ihm«, versprach Caren seufzend und legte mir eine Hand auf die Schulter.
»Schon gut. Er wird sich abregen. Es war einfach zu viel auf einmal. Aber das alles bringt nichts. Nash ist zurzeit in seiner eigenen Welt gefangen ... Es lässt sich schwer erklären.« Ich rieb mir über die getroffene Stelle. Lio hatte eine verdammt harte Rechte.
»Und noch schwerer zu verstehen. Ich hoffe echt, dass er bald wieder der Alte ist. Wenn du Nash kennen würdest, wüsstest du, wie sehr es schmerzt, ihn so zu sehen. Er hätte sich ohne mit der Wimper zu zucken geopfert, um seiner Mutter das Leben zu retten.« Caren senkte den Kopf, um ihre Tränen vor mir zu verbergen, und hastete Lio und Daiven hinterher.
Wie schwer die ganze Situation auf mir lastete, konnte sie nicht einmal erahnen. Ich spürte die Schuld drückend auf den Schultern ruhen. Warum hatte ich zugelassen, dass Nash in meinen Kopf eindringen konnte? Ich hätte stärker gegen ihn ankämpfen müssen! Niemals hätte er so tief in meine Seele blicken dürfen! Durch das, was geschehen war, hatte ich ihm unbewusst seine wahre Identität genommen.
Umso versessener war ich nun darauf ihm zu helfen. Egal wie, er musste wieder zu seinem wahren Selbst finden. Ein winziger Funke dessen, was ihn ausmachte, war noch in Nash vorhanden und genau das war der Schlüssel, um ihn zu heilen. Bis ich einen Weg gefunden hatte, blieb mir nur die Alternative zwischen uns allen zu schlichten.
»Caren! Warte!«, rief ich ihr nach. Sie hielt an und sah über die Schulter zurück. »Ich lasse ihn austreten und komme gleich nach. Sag das den Jungs!«
Sie lächelte, nickte und ging weiter. Ich war froh, dass sie trotz der Schwangerschaft dabei war. Sie war eine Art Windbrecher in der aufgepeitschten See.
»Los, mach schon!«, befahl ich mit strenger Stimme und deutete auf den nächsten Baum. Nebenbei steckte ich die Halbautomatik in den Hosenbund. Zurzeit gab es keine Anzeichen dafür, dass Nash erneut gewalttätig werden würde.
»Was soll ich machen?«, erkundigte er sich mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck.
»Du wolltest pissen. Schon vergessen?« Ich schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Sollen wir uns nicht lieber befummeln? Aber die Dinger stören dabei ...« Nash streckte mir die gefesselten Hände entgegen.
Genervt ließ ich die Luft aus den Lungen strömen und schubste ihn in Richtung Baumstamm. »Jetzt beeil dich!«
Zu meiner Beruhigung erleichterte er sich ohne weitere Kommentare. Im Moment wirkte er beinahe harmlos. Ich fragte mich, ob er im Stande war, auf einfache Fragen eine klare Aussage zu tätigen. Auf einen Versuch käme es zumindest an.
»Weißt du, wo wir sind?«, fragte ich und wartete gespannt auf eine Reaktion.
»Für wie doof hältst du mich, Freak? Im Niemandsland.« Die Worte kamen klar und deutlich aus Nashs Mund, ohne den überheblichen Unterton in der Stimme.
»Mein Name lautet Adam.« Allmählich war ich seine Beleidigungen leid. Trotzdem war ich froh, dass er bei klarem Verstand zu sein schien. »Weißt du auch, was passiert ist und wie wir hierherkamen?«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, stieg meine innere Anspannung erneut. Nash schloss die Hose und fuhr zu mir herum. Sein Blick aus den schwarzbraunen Augen wirkte für einen Atemzug lang klar. Dann veränderte sich der Ausdruck wieder. Er knirschte mit den Zähnen, sprintete auf mich zu und warf sich auf mich. Zu meinem Glück wurde er von seinen Fesseln ausgebremst und mir gelang es in letzter Sekunde, zur Seite auszuweichen, ansonsten hätte er uns beide zu Boden geworfen. Nun war nur er es, der dort lag und wütend um sich schlug.
»Ich habe dir lediglich eine Frage gestellt. Was sollte das? Ich will dir nur helfen«, sagte ich emotionslos, ohne mir anmerken zu lassen, dass er mich gehörig eingeschüchtert hatte.
»Ich brauche deine Hilfe nicht, Adam!« Nash kämpfte sich auf ein Knie und stand schließlich auf.
Er hatte mich mit der Verwendung meines Namens so überrascht, dass ich erst bemerkte, dass er in die falsche Richtung marschierte, nachdem er bereits etliche Meter Vorsprung hatte. Rasch jagte ich ihm nach und packte ihn von hinten am Arm. Dieses Mal konnte ich nicht verhindern, dass er mir einen ordentlichen Stoß verpasste. Sein Ellenbogen traf mich mit voller Wucht in die unteren Rippen und ich verlor das Gleichgewicht. Ungebremst fiel ich auf den Waldboden, dabei streifte mein Schädel etwas Hartes. Ein höllischer Stich fuhr mir durch den Hinterkopf und ich schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, beugte sich Nash mit drohender Miene über mich.
»Greif niemals von hinten an, es sei denn, du bist bereit zu töten«, sprach er mit fester Stimme. »Ich hätte dich mit Leichtigkeit überwältigen und umbringen können, trotz der Fesseln. Beim nächsten Mal sei darauf vorbereitet.«
Ich starrte ihn fassungslos an. Es war nicht die Drohung, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte, sondern die Art, wie er sich ausgedrückt hatte. Nash hatte sich wie ein Soldat angehört. Eilig zog ich die Halbautomatik wieder hervor. Ich hatte nicht vor sie zu benutzen, aber ich wollte verhindern, dass er erneut auf mich losging. Mit der Waffe in der Hand fühlte ich mich sicherer, während er sie völlig ignorierte.
»Steh auf! Die anderen warten auf uns!« Aus heiterem Himmel hielt er mir seine gefesselten Hände entgegen und zog mich hoch. »Merk dir die Lektion. Achte immer auf die Augen des Gegners. An ihnen erkennst du, was dein Feind als Nächstes vorhat. Schon das kleinste Zucken verrät dir alles.«
»Sir. Ja. Sir.« Instinktiv wählte ich die Ausdrucksweise des Militärs und salutierte. So klang er schon mehr nach dem Mann, dem ich vor der Apexsitzung begegnet war. Auf jeden Fall stand fest, dass er mit oder ohne Handschellen gefährlich war. Allein der Gedanke an Daivens Verletzungen riet mir zu mehr Vorsicht.
Nash nickte zufrieden, drehte sich um und eilte dieses Mal in die richtige Richtung davon. Trotz seiner Fesseln musste ich mich sputen, um ihm auf den Fersen zu bleiben.
»Ich habe Hunger«, kam es von Nash, als wir auf den Rest der Gruppe stießen.
»Wir schlagen bald ein Lager auf. Erinnerst du dich, wie wir hierher kamen?«, hakte ich nach.
»Beeil dich, Adam. Die Surges sind dicht hinter uns. Wir müssen vor der Dunkelheit Withergate erreichen. Los komm!«
»Was?« Entgeistert starrte ich ihn an.
»Lizzy und Kyle warten schon. Siehst du?« Nash deutete auf Caren und Lio, die miteinander redeten. Beide sahen verwirrt zu uns herüber.
»Hey Daiven! Bereit den Surges eine Lektion zu verpassen? Wir werden sie platt machen!«, rief Nash plötzlich und packte meinen Freund grob am Arm. Ausgerechnet dort, wo er ihn vor Kurzem verletzt hatte. Nash lachte aus vollem Hals und bekam überhaupt nicht mit, dass sein Kamerad mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie ging. Mit einem finsteren Blick riss sich Daiven los und kämpfte sich wieder auf die Beine, ehe er mich ansah, als wollte er gleich einen Mord begehen.
Ich verspürte einen qualvollen Stich in der Brust, als hätte mir jemand ein Messer mitten ins Herz gestoßen. Verübeln konnte ich ihm seine Reaktion nicht. »Bis eben schien es, als wäre er bei klarem Verstand und dann fing er auf einmal an ...«, versuchte ich die Situation zu entschuldigen.
»Bring ihn bloß zum Schweigen, bevor ich euch beide ...!«, schnauzte mich Lio an und marschierte wutschnaubend weiter.
»Es tut mir leid.« Mit enttäuschter Miene wandte ich mich an Daiven. Meine Schuldgefühle wuchsen ins Unermessliche. Ich zitterte und mein Magen verkrampfte sich. Ich sehnte mich nach einer Umarmung, doch als ich auf meinen Freund zuging, wich er mit grimmiger Miene einen Schritt zurück.
»Ich weiß, du kannst nichts dafür. Lass uns weitergehen«, sagte er kurz und knapp und schloss zu Caren auf. Trotz der verständnisvollen Worte war sein Tonfall äußerst unterkühlt. Er war wütend auf mich, da ich derjenige gewesen war, der darauf bestanden hatte, Nash nicht zurückzulassen.
Seufzend sah ich ihm nach. Mir war klar, dass sich sein Zorn hauptsächlich gegen Nash richtete und nicht gegen mich. Dennoch war er enttäuscht von mir. Ich hatte vor unserem Aufbruch allen versichert, mich um Nash zu kümmern, sodass er keinen Ärger verursachen würde. Dabei hatte ich versagt. Nichtsdestotrotz war ich mir einer Sache sicher. Lios Bruder konnte noch gerettet werden. Ich nahm mir fest vor, später unbedingt mit Daiven darüber zu reden.
»Die Surges eskortieren uns ins Niemandsland«, sagte Nash unerwartet und riss mich damit aus den Gedanken. Als ich ihn beobachtete, nahm er wachsam die nähere Umgebung in Augenschein. »Wir müssen uns beeilen. Margee wartet auf uns.«
»Ma ... Margee? Hast du Margee gesagt?« Mir blieb beinahe die Luft weg, den Namen aus seinem Mund zu hören.
»Lamont hat sie und Dylan schon vorausgeschickt. Sie erwarten uns.« Nach diesen Worten setzte sich Nash in Bewegung. Ich folgte ihm mit gezogener Waffe und zwei Schritten Abstand, bereit ihm jederzeit ins Bein zu schießen, sollte er Daiven, Caren oder Lio angreifen wollen.
Nashs Worte spukten mir im Kopf herum. Was er von sich gegeben hatte, ergab für die anderen keinen Sinn, doch mein Verdacht hatte sich bestätigt. Sein Verstand war ein einziges großes Durcheinander. Im Gegensatz zu mir konnte er zwischen seinen und meinen Erinnerungen nicht mehr unterscheiden. Dinge, die lange hinter mir lagen, schienen für ihn gerade erst passiert zu sein. Zugleich war er gefangen in der Gegenwart, die er nicht begriff. Traurig beobachtete ich ihn, während die Schuld immer schwerer auf meinen Schultern lastete.
* * *
Lange nach Sonnenuntergang hatten wir schließlich eine geeignete Lichtung für das Nachtlager gefunden. Die Pause hatte ich dringend nötig. Nicht aus physischen, sondern aus psychischen Gründen. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken.
Mit fast acht Stunden strammen Fußmarsches waren wir weit gekommen. Bis zur Küste würde es jedoch noch mindestens drei weitere Tage dauern. Daivens Gesundheitszustand bereitete mir Sorgen. Er zeigte nicht offen, dass er am Ende seiner Kräfte war, aber man konnte es ihm deutlich ansehen. Mein Freund war kalkweiß im Gesicht, atmete schwer und zog das verletzte Bein hinter sich her.
Seufzend steckte ich die Halbautomatik ein und legte die kugelsichere Weste ab. Nash befahl ich sich hinzusetzen und den Mund zu halten. Er gehorchte ohne Widerworte, denn selbst er war erschöpft. Die Nacht würde jedoch wenig erholsam werden. Vor allem, da sich unsere Wasservorräte rapide zu Ende neigten.
»Ich suche Feuerholz«, bedeutete Lio und entfernte sich in die Dunkelheit.
Caren nahm stöhnend neben mir Platz und kramte eine der beiden Feldflaschen aus dem Rucksack. Sie überprüfte den Inhalt mit einem kurzen Schütteln, sah aber davon ab etwas zu trinken. »Morgen früh müssen wir unbedingt Wasser finden. Bei dir alles okay?«
Ich schenkte ihr ein Lächeln, das sie kaum sehen konnte. »Danke. Ich halte durch. Wichtiger bist du und dein Baby?« Sie hatte sich zwar tapfer bis hierher durchgeschlagen, doch mir war aufgefallen, dass ihr das Laufen mit jedem weiteren Schritt schwerer fiel.
»Die Kleine und ich fühlen uns den Umständen entsprechend.« Caren drückte meine Hand.
»Echt jetzt? Du weißt doch, was es wird!«, platzte Daiven überraschend heraus, der sich unweit von uns, aber mit genügend Abstand zu Nash, hingesetzt hatte.
»Erst seit drei Wochen. Verrate Lio nichts. Es soll eine Überraschung bleiben.«
»Hat sie schon einen Namen?«, erkundigte ich mich neugierig.
»Bis jetzt nicht, aber ich überlege sie Judy-Sophie zu nennen. Judy war der Name meiner Mutter.« Caren seufzte.
»Ein schöner Name«, antwortete ich und sah mich nach Nash um. Er lag mit geschlossenen Augen auf der Seite und atmete tief. Beruhigt wandte ich mich wieder an Caren. Doch mein Hauptaugenmerk galt Daiven. Ich konnte seine Silhouette erkennen, aber nicht sein Gesicht. »Ich kenne zwar deine Mum nicht, aber ich bin mir sicher, Sophie hätte sich darüber gefreut.«
»Meinst du?« Caren wirkte positiv erfreut.
»Das fragst du noch? Sie wären beide stolz wie Oscar gewesen«, kam es von Daiven. Seine Stimmlage hatte sich abrupt verändert. Er hörte sich gequält an.
Ich entschuldigte mich bei Caren, nahm die Feldflasche und ging zu ihm. Er lag auf dem Rücken und atmete flach.
»Spiel mir bloß nicht den Helden«, flüsterte ich, setzte mich neben ihn und schraubte den Verschluss auf. »Hier. Trink einen Schluck.«
»Ich habe nie behauptet, dass ich einer bin.« Er setzte die Flasche an, leerte sie und gab sie mir anschließend wieder zurück.
Ich beugte mich über ihn und küsste seine spröden Lippen liebevoll. Als er den Kuss nur zaghaft erwiderte, schrak ich innerlich zusammen. »Du hast heute Großartiges geleistet und ich bin stolz auf dich. Ich schlage vor, du schläfst die Nacht durch. Ich übernehme deine Wache«, hauchte ich ihm ins Ohr.
Für einige Augenblicke herrschte vollkommene Stille zwischen uns. Nur von Weitem war der Ruf einer Eule zu hören. Dann spürte ich Daivens Finger, die meine Hand umschlossen. »Ohne dich hätte ich es nicht geschafft. Du machst dich verdammt gut als Copilot.«
Die Anspannung, die ich eben noch empfand, verpuffte. Erleichtert bettete ich Daivens Kopf auf meinen Schoß. »Ich stehe dir immer und jederzeit zur Verfügung. Aber jetzt ruh dich erstmal aus. Wenn Lio Feuer gemacht hat, wird es wärmer.« Zärtlich hielt ich seine Hand, während ich ihm mit der anderen sanft durch die Haare fuhr. Daivens Stirn war kalt und schweißbedeckt.
Wie aufs Stichwort kam Lio zurück und warf das gesammelte Holz auf einen Haufen. Kurz darauf kramte er die Streichholzschachtel hervor, die er vorsorglich von zu Hause eingesteckt hatte, und entzündete einen kleinen Zweig, den er Caren übergab. Im Schein des Feuers schaufelte er eine flache Vertiefung in den Waldboden und schichtete das Holz sorgfältig zu einem Kegel auf. Caren schob den brennenden Ast unter den Kegel und brachte so das Lagerfeuer in Gang. Anschließend kuschelte sie sich an Lios Schulter, der an einem Baumstamm lehnte. Unweit von ihnen lag Nash mit dem Rücken zu uns und sein leises Schnarchen verriet, dass er eingeschlafen war.
Das Lagerfeuer warf genug Licht ab, sodass ich mir Daivens Wunden ansehen konnte. Sein Zustand jagte mir Angst ein. An mehreren Stellen waren die Verbände durchnässt und müssten erneuert werden, doch allmählich gingen uns die frischen Bandagen aus. Er wirkte mehr wie eine Leiche, als ein lebender Mensch. Er atmete schwer und zitterte. Ich fühlte nach seinem Puls, der kaum zu ertasten war. Daiven benötigte dringend ärztliche Hilfe.
»Falls es ihm morgen nicht besser geht, bauen wir ihm eine Trage«, sprach Lio, der äußerst besorgt aussah.
Ich kämpfte gegen die Tränen an. Störrisch blinzelte ich sie fort, dennoch rann mir eine über die Wange.
»Er ist ein Kämpfer. Glaub’s mir. So schnell lässt er sich von so ein paar Kratzern nicht unterkriegen.« Lio warf einen hasserfüllten Blick auf seinen schlafenden Bruder und presste die Lippen fest aufeinander.
Ich seufzte. »Ja, er ist stark. Ich kann es fühlen. Was hältst du von dem Vorschlag, wenn ich die erste Wache übernehme?«
»Geht klar. Aber beim kleinsten Geräusch weckst du mich.«
»Mach ich, sei unbesorgt. Und jetzt haut euch aufs Ohr, sonst ist Nash der Einzige, der morgen fit ist.« Ich wartete, bis sich Lio und Caren auf dem Waldboden bequem gemacht hatten, dann konzentrierte ich mich vordergründig auf Daiven. Ich hoffte inständig, dass ihm die Wärme des Feuers und der Schlaf ein wenig Kraft schenken würden. Die Flucht hatte ihn nahe an seine Grenzen gebracht. Meine Sorge, ich könnte ihn verlieren, wo ich ihn doch gerade erst gefunden hatte, wuchs. Mein Blick glitt unweigerlich zu Nash hinüber. Ob es möglich war, dass Daiven ihm gegenüber wieder Vertrauen aufbauen konnte? Momentan sprach alles dagegen.
Erschöpft leckte ich mir über die trockenen Lippen und suchte nach einer besseren Sitzposition, da spürte ich plötzlich Sophies Lederbeutel in der Seitentasche meiner Hose. Ich hatte ihn dort hineingesteckt und bis eben völlig vergessen. Neugierig holte ich ihn hervor und sah mich aufmerksam um. Lio und Caren hatten die Augen geschlossen. Daiven schlief und Nashs Schnarchen war nicht zu überhören.
»Dann schauen wir mal ...«, flüsterte ich kaum hörbar und öffnete ihn. Dann hielt ich für einen Moment inne und überlegte, ob ich bis zum Morgengrauen warten sollte. Immerhin hatten die anderen das gleiche Recht zu wissen, was sich darin befand. Doch meine Neugier siegte. Schließlich würde ich ihnen ohnehin erzählen, was es mit dem Inhalt auf sich hatte.
Ich griff hinein und ertastete als erstes ein Glasröhrchen. Als ich es herauszog, erkannte ich im Schein des Lagerfeuers einen Speicherchip darin. Ich musste nicht lange nachdenken und ahnte, dass er die prekären Daten von Callahans Computer enthielt. Daher legte ich ihn erstmals zur Seite und förderte darauf einen versiegelten Brief hervor. Als ich den Namen des Adressaten las, zuckte ich erschrocken zusammen und hätte beinahe Daiven aufgeweckt.
Nachdem ich mich versichert hatte, dass mein Freund schlief, holte ich tief Luft und starrte auf die filigrane Handschrift des Umschlages. Ich hatte mich nicht getäuscht. Sie bildeten die Worte Brent Lamont.
Mein Puls raste. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Warum in drei Teufelsnamen stand dort der Name meines Vaters? Wieso schrieb Sophie einen Brief an meinen Erzeuger? Ich konnte mir keinen Reim darauf bilden. Mit zittrigen Fingern fühlte ich nach dem Inhalt, er schien nur Papier zu enthalten.
Ich schluckte ein weiteres Mal und schloss kurz die Augen. Als ich sie öffnete, musterte ich erneut den Namen. Noch immer erschloss es sich mir nicht, warum das Schreiben ausgerechnet an meinen Vater gerichtet war. Das war genauso ein Mysterium, wie das Manifest in Callahans Büro.
Ich dachte an Sophies Erzählung zurück. Sie hatte eine lange Zeit in Elverston gelebt, also war es möglich, dass sich beide gekannt hatten. Etwas anderes ergab keinen Sinn. Der Brief würde bestimmt Gewissheit bringen, also beschloss ich, ihn zu lesen.
In dem Moment, in dem ich den Umschlag öffnen wollte, hörte ich in unmittelbarer Nähe ein leises Knacken. Sofort zog ich die Waffe aus dem Hosenbund und spähte in die Dunkelheit, aus der das Geräusch gekommen war. Es folgte ein kaum hörbares Knirschen und dann war alles still.
Augenblicklich erinnerte ich mich an die Nacht mit Daiven am Flussufer. Das Abenteuer mit dem Waschbären war etwas, das ich nur ungern wiederholen wollte. Vor allem, weil die Kratzer weiterhin auf Daivens Wange zu sehen waren. Hätte ich das Weibchen nicht mit dem Stock attackiert, hätte es uns wahrscheinlich nicht angegriffen. Doch das Geräusch stammte von etwas Größerem und Gefährlicherem. Vermutlich ein Wolf oder ein Puma. Mit Bestimmtheit wusste ich es nicht und verspürte keinesfalls das Verlangen es herauszufinden. Ich konnte jedoch deutlich ein Augenpaar spüren, das auf uns gerichtet war. Egal welches Tier sich in der Finsternis versteckte, das Feuer schien es davon abzuhalten, näher zu kommen. Lange Minuten lauschte ich in die Nacht hinein, aber bis auf das Zirpen von Grillen war nichts mehr zu hören. Abrupt verschwand auch das Gefühl beobachtet zu werden.
Angespannt legte ich die Waffe griffbereit zur Seite und den Brief daneben. Etwas in mir sträubte sich, ihn zu öffnen und zu lesen. Stattdessen griff ich wieder in den Lederbeutel und fühlte zwei kleine Fläschchen. Interessiert holte ich sie hervor und hielt beide ins Licht des Lagerfeuers. Das erste war nicht beschriftet und enthielt eine klare Flüssigkeit. Im zweiten schimmerte eine hellbraune Flüssigkeit. Sie ähnelte dem Medikament, das Sophie Nash vor der Flucht aus dem Haus verabreicht hatte. Ich vermutete, dass es sich um ein starkes Schmerzmittel handelte. Schließlich steckte ich die zwei Ampullen und das Röhrchen mit dem Speicherchip zurück in den Beutel.
Zu guter Letzt befanden sich darin noch einige gefaltete Zettel. Zuerst war ich mir nicht sicher, was es damit auf sich hatte. Bei näherem Hinsehen entpuppten sie sich als Ausdrucke eines Schriftwechsels zwischen einem Douglas und Sophie. Sie enthielten auch zwei DNA-Tests. Einer etwas älter, der andere nicht einmal zwei Tage alt. In beiden wurde die Vaterschaft zu Ray Callahan zu 99,99 Prozent sichergestellt. Als ich begriff, was ich da in meinen Händen hielt, schüttelte ich vehement den Kopf und hätte am liebsten alles auf der Stelle ins Feuer geworfen. Den Brief an meinen Vater gleich mit.
»Nein! Nein! Nein!«, murmelte ich fassungslos und wollte am liebsten laut schreien. »Das ist unmöglich!«
»Was ist los?«, fragte Lio verschlafen und sah zu mir herüber.
Mein Puls schlug mir bis zum Hals. »Nichts«, antwortete ich rasch und versuchte dabei meine Stimme zu beherrschen. »Schlaf weiter! Ich wecke dich kurz nach Mitternacht.«
»Falls etwas ist, weckst du mich vorher«, nuschelte Lio und zum Glück schloss er gleich darauf wieder die Augen.
Ich schwieg, bettete Daivens Kopf behutsam auf meiner Schutzweste und stand auf. Kaum auf den Beinen schleuderte ich die Schriftstücke hasserfüllt in die Dunkelheit und eilte Hals über Kopf davon, achtete dennoch dabei, in Sichtweite des Lagers zu bleiben. Mit Schwung trat ich an den nächstbesten Baumstamm und hieß den Schmerz willkommen. Wobei es nicht wirklich wehtat, denn meine künstlichen Gliedmaßen federten den Aufprall ab. Ich ging dazu über, die Rinde des Baumes mit der nicht kybernetischen Faust zu malträtieren, bis ich etwas Warmes spürte, das mir über den Handrücken lief.
Doch nichts von dem, was ich tat, half gegen das, was ich gelesen hatte. Ständig sah ich die Worte vor mir und glaubte mich in einem Albtraum. Tränen der Wut und des Hasses rannen mir übers Gesicht. Es gelang mir kaum, mich zu zügeln, aber ich wollte die anderen nicht aufwecken. Sie durften nicht wissen, was ich soeben erfahren hatte.
Als Sophie während des Verhörs erfuhr, dass ich Brent Lamonts Sohn war, hatte sie nach der Apexsitzung eine DNA-Probe von mir genommen und analysieren lassen. Dieser Douglas war Gentechniker und hatte schwarz auf weiß bewiesen, dass Callahan zwei Söhne hatte. Nash und mich! Doch wie? Wie in aller Welt konnte das nur sein? Ihm musste ein Fehler unterlaufen sein! Ich war nicht Callahans Sohn! Ich konnte es nicht sein. Nie im Leben! Bis zu dem Zeitpunkt, als Daiven und Lio mich durch Zufall aufgespürt hatten, hatte ich mit den Rebellen nie etwas zu tun gehabt.
Aufgewühlt wischte ich mir das Blut an der Uniformhose ab und rannte zurück. Ich musste dringend den Inhalt des Briefes an Brent Lamont lesen. Mit zittrigen Fingern nahm ich den Umschlag und öffnete vorsichtig das Siegel. Sofort erkannte ich, dass er vor über fünfundzwanzig Jahren geschrieben worden war. Ängstlich rückte ich näher ans Feuer heran und fing nervös an zu lesen.
Lieber Brent,
es sind inzwischen einige Monate vergangen, dass ich mich bei dir melden konnte. Seit Ray aus Elverston floh und Middleton getötet hat, kontrolliert er jede Art der Kommunikation nach außen. In der Hoffnung, dass dich der Brief irgendwann erreichen wird, versuche ich es auf diesem Weg.
Mit großem Bedauern hörte ich durch Ray von Samanthas schrecklichem Tod. Ich wäre jetzt gerne an deiner Seite, um dich zu trösten. Leider trennen uns nicht nur tausende von Kilometern, sondern auch zwei unterschiedliche Welten. Egal was auch künftig passieren wird, vergiss nie ... den Krieg hat Middleton begonnen! Im Moment sieht es jedoch so aus, als wollte Ray in seine Fußstapfen treten. Ob ich es verhindern kann, ist fraglich. Er vertraut mir, doch ich kann nicht sagen, ob er mir nur etwas vorspielt. Du kennst ihn besser, immerhin wart ihr bis vor Kurzem noch die besten Freunde. Zumindest ist es mir gelungen deinen Verdacht bestätigen zu können. Ray hat das Buch und die Baupläne gestohlen, bevor er dich verriet. Welche Pläne er hegt, kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Ich bin übrigens deinem Ratschlag gefolgt und habe mit James gesprochen. Er weiß nun, dass Nash nicht sein, sondern Rays Sohn ist. James hat mir verziehen und ist dankbar für deine Hilfe bei unserer Flucht. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um zu verhindern, damit Ray niemals die Wahrheit erfährt.
Hoffentlich sehen wir uns schon bald wieder. Für den Fall, dass dein Vater dich nicht aus dem Militärdienst entlässt, vergiss nie, für dich gibt es hier immer einen Platz.
In freundlicher Verbundenheit
Deine Sophie
P.S. Seit ich diesen Brief schrieb, sind über zwei Jahrzehnte vergangen. So viel ist geschehen und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.
James ist tot, aber er hat mir einen Sohn hinterlassen. Er heißt Lio und ist inzwischen vierundzwanzig. Seine Verlobte ist schwanger und in drei Monaten werde ich Großmutter. Kannst du es dir vorstellen? Ich werde Großmutter!
Ray weiß nicht, dass Nash sein Sohn ist, aber ich glaube, er ahnt etwas. Mein Junge glaubt ebenfalls, dass James sein Vater war, und das soll auch so bleiben. Der Kleine, den du einmal im Arm hieltest, ist jetzt neunundzwanzig und Colonel. Die Zeit vergeht wie im Flug.
Um mich kurz zu halten, hier ein Überblick: Ray hat seine Pläne durchgezogen. Er ist ein tyrannischer Kommandeur, der in Middletons Fußstapfen getreten ist. Mit jedem Tag werden seine Vorstellungen irrationaler. Schuld sind die Surges. Er hat ein geheimes, unterirdisches Labor errichten lassen, das als Gewächshäuser getarnt wird. Dort will er sie nachbauen lassen. Ray hat vor eine eigene Armee aufzubauen und gegen dich vorzugehen. Wer die Schuld trägt, ist unerheblich. Zurzeit ist es umso wichtiger, dass er niemals den Originalspeicherchip in die Hand bekommt. Nur deshalb versucht er immer wieder, eine Lücke in der Abwehr der Grenze zu finden. Das solltest du wissen.
Doch jetzt ist etwas geschehen, das ich immer noch nicht richtig begreifen kann.
Vor ein paar Tagen griff ein Trupp Rebellen eine Gruppe Menschen im Grenzgebiet von Elverston auf. Darunter befand sich ein junger Mann. Er heißt Adam. Ray wandte seine gewohnte Foltermethode mit dem Apex an. Ich hatte zwar den Versuch unternommen, das Verhör zu manipulieren, denn Nash war daran beteiligt. Aber irgendetwas lief gewaltig schief und ich kann nicht sagen warum? Vielleicht lag es an Adams starken Willen. Meinem Kollegen Douglas fiel nur eine Lösung ein. Der ganze Prozess muss noch einmal durchgeführt werden. Dabei ist es wichtig, dass Adam die Kontrolle behält. Nur er kann das Chaos im Kopf meines Sohnes wieder in Ordnung bringen. Das Mittel, welches ich verwendet hatte, habe ich vorsorglich eingepackt. Es muss Nash kurz vor der Sitzung verabreicht werden. Nur dann ist eine vollständige Heilung möglich. Bitte veranlasse das so schnell als möglich.
Ich möchte dich jetzt nicht für etwas verurteilen, das ich während des Verhörs erfuhr, da es lediglich die Erinnerungen eines mir bis dahin völlig Fremden widerspiegelt. Abgesehen davon, wurden damit Dinge ins Laufen gebracht, die ich vermutlich nicht aufzuhalten vermag.
Aufgrund der Informationen, die uns der junge Mann unbewusst mitteilte, überkam mich ein äußerst beunruhigendes Gefühl. Daher ließ ich heimlich einen Gentest durchführen und anschließend einen Vaterschaftstest. Meine Intuition hat mich nicht belogen. Das schockierende Ergebnis hat deinen Verdacht bestätigt. Samantha und Ray hatten tatsächlich damals eine Affäre. Adam, ist Rays Sohn. Ich halte die Information zurück und du solltest ebenfalls vorsichtig damit umgehen.
Rays Misstrauen ist geweckt. Er ist auf der Hut und glaubt, du hast Adam absichtlich ins Grenzgebiet geschickt, damit einer unserer Trupps ihn aufgreift. Da er eine wichtige Geisel ist, könnte er uns in deinem Auftrag ausspionieren. Ob er damit recht hat, kann ich nicht beurteilen. Um an weitere Informationen zu kommen hat Ray einen jungen Rebellen auf Adam angesetzt. Ich kenne ihn, seitdem er ein Baby war. Er heißt Daiven. Der Junge tut mir leid, denn er ist genauso ein Opfer, wie wir alle. Ray hat ihn von Anfang an belogen, in dem er ihm weismachte, seine Eltern wären bei einem schrecklichen Bärenangriff ums Leben gekommen. Die Wahrheit jedoch ist, dass Ray seine Eltern jagen ließ, nachdem er herausgefunden hatte, dass sie einen Putsch gegen ihn planten. Er erschoss sie höchstpersönlich im Wald und ließ den Jungen zum Sterben zurück. Nach drei Tagen fand einer der Rebellen die toten Eltern zufällig im Wald und brachte das völlig erschöpfte Kind mit nach Timbermore Point. Ray hat ihn dann bei sich aufgenommen und plant ihn als seinen Nachfolger zu bestimmen. Aber Daiven ist rebellisch und daher weiß ich, es wird nie funktionieren.
Ab sofort bist du gefragt. Ich fürchte, Ray plant etwas und das ist nichts Gutes. Wer dir diesen Brief überreichen wird, entscheidet das Schicksal. Aber ich bitte dich inständig, handle klug. Du kennst den wahren Feind.
Deine Sophie
Schockiert starrte ich ins prasselnde Feuer. Ich konnte weder denken noch fühlen. Es war, als wäre ich in einem Albtraum gefangen. Mir wurde speiübel, gleichzeitig schnürte sich meine Kehle immer enger zu. Im Geiste ließ ich den Tag und die Ereignisse Revue passieren, als mir auf einmal Sophies Worte in den Sinn kamen, die sie mir kurz vor ihrem Tod zugeflüstert hatte.
Bring meine Söhne in Sicherheit! Im Beutel liegt der Schlüssel zu Elverston. Du wirst es verstehen.
Ich verstand nur zu gut und trotzdem war ich nicht bereit, die Wahrheit zu akzeptieren. Das konnte nur ein äußerst schlechter Scherz sein.
»Nicht mehr alle Tassen im Schrank?«, hörte ich plötzlich Nashs Stimme und zuckte zusammen.
Als ich aufblickte, saß er im Schneidersitz nah am Feuer und starrte mich interessiert an. Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass er aufgewacht war. Oder hatte er nur so getan, als würde er schlafen?
Wachsam beobachtete ich ihn, während ich den Brief und die Testergebnisse faltete und zurück in den Beutel steckte, den ich rasch wieder in die Hosentasche stopfte. »Ich dachte, du schläfst.«
»Wenn der Wachhabende in die Dunkelheit verschwindet und sich eine wilde Prügelei mit einem Baum liefert, muss doch jemand aufpassen. Oder nicht, Adam?« Er klang alles andere als verwirrt.
Ertappt senkte ich den Kopf, blieb aber auf der Hut. Als ich ihn erneut ansah, grinste er amüsiert. »Was ist?«, erkundigte ich mich ruppig.
»Wenn du mir die hier abnimmst, übernehme ich die erste Wache.«
Ich lachte leise auf. »Guter Versuch. Leg dich hin und ruh dich aus. Morgen wird es anstrengend. Du musst nur durchhalten und ich verspreche dir, du bist bald wieder du selbst ... Hoffe ich.«
In Sophies Zeilen war klar und deutlich zu lesen, dass sie Brent Lamont bis zuletzt vertraute. Eine Absurdität, die mich zittern ließ. Dennoch baute ich darauf, dass sie tatsächlich die Lösung für unser Problem gefunden hatte. Obwohl es für mich kaum vorstellbar war, dass Nash mein Bruder sein sollte, war ich bereit bei einer erneuten Apexsitzung mein Leben aufs Spiel zu setzen. Er musste wieder zu sich selbst finden, das war ich allen schuldig.
»Ich lasse lieber ein Auge offen«, riss mich Nash aus den Gedanken.
»Von mir aus. Hauptsache du hältst die Klappe.« Mehr sagte ich nicht. Dann wandte ich mich von ihm ab und bettete Daivens Kopf erneut auf meinen Schoß.
Er stöhnte leise und begann im Schlaf zu jammern. Es war offensichtlich, dass er Schmerzen hatte und ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Da fiel mir plötzlich das Fläschchen in Sophies Lederbeutel ein. Ohne näher darüber nachzudenken, nahm ich eine Spritze aus dem Erste-Hilfe-Koffer und zog sie mit der braunen Flüssigkeit auf.
»Gleich geht es dir besser«, flüsterte ich Daiven ins Ohr und griff nach seiner Hand.
Behutsam schob ich den Ärmel seines unverletzten Armes nach oben und entfernte den Verschluss der Nadel. Im Schein des flackenden Feuers zögerte ich nicht lange und verabreichte ihm die Hälfte des Mittels.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Daiven endlich ruhiger wurde. Seine Atmung wurde langsamer und seine Gesichtszüge entspannten sich.
»Ruh dich aus, mein Süßer«, wisperte ich und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Inständig hoffte ich, dass sich seine Wunden in den kommenden Tagen nicht entzünden würden. Seufzend streichelte ich ihm sanft über die schweißnassen Haare und sann über den Inhalt des Briefes nach.