Zwanzig
* * * * *
Daiven
Zum ersten Mal seit Tagen fühlte ich mich körperlich fit und ausgeruht. Ailmoors Arzt hatte hervorragende Arbeit geleistet. Er hatte meine Wunden gesäubert und fachmännisch genäht. Seit zwei Wochen kam er jeden Morgen vorbei und legte mir frische Verbände an. Dazu hatte das von ihm verabreichte Antibiotika ebenfalls Wirkung gezeigt. Inzwischen war ich in der Lage, ohne Hilfe zu gehen. Körperlich war ich beinahe der Alte, aber psychisch ließen mich die Ereignisse einfach nicht los.
Sobald ich Nash sah, kehrten die Erinnerungen an das, was er getan hatte, mit voller Wucht zurück. Seine unmittelbare Nähe behagte mir immer noch nicht. Insbesondere, wenn er Adam und mich mit unflätigen Kommentaren reizte.
Deshalb hielt ich mich, so gut es ging, von ihm fern. Anfänglich war es schwer gewesen, da man mich zu den anderen in Isabells Haus gebracht hatte. Durch die Medikamente hatte ich zwar kaum Schmerzen, doch zugleich war ich so matt, dass ich die meiste Zeit liegend auf dem Sofa verbrachte. Somit musste ich Nashs Anblick wohl oder übel ertragen. Doch jetzt, da ich mich endlich mehr bewegen konnte, verließ ich das Haus, so oft es ging. Bis auf Nash, dem die zwei Wachen nicht von der Seite wichen, durften wir uns frei bewegen.
Tief im Inneren tat er mir leid. Er hatte seinen derzeitigen Geisteszustand nicht verdient. Insbesondere, wenn ich an unsere gemeinsame Zeit dachte. Ich kannte ihn als lebenslustigen und einfühlsamen Mann, der zwar gerne Risiken einging, aber dennoch verantwortungsbewusst war. Inzwischen war von seinem ursprünglichen Wesen nichts mehr übrig. Er benahm sich ungehobelt, beleidigend und grob. Jedes Wort, das seinen Mund verließ, zielte darauf ab, jemanden zu verletzen. Ihn mit körperlicher Gewalt im Zaum zu halten, stachelte ihn nur umso mehr an. Es schien fast, als würde er die Schmerzen genießen und alles wäre für ihn lediglich ein Spaß.
Adam bekam beides in voller Härte zu spüren. Verbale Beleidigungen und körperliche Schläge. Wobei Letzteres zum Glück nachgelassen hatte. Dennoch hatte er es sich zur Aufgabe gesetzt, Nash vom Fluch des Apex’ zu befreien. Alles was er in Bezug auf ihn tat und sagte, war nur der eigenen Verantwortlichkeit geschuldet, die er nicht ablegen konnte. Darüber hinaus spielte die Tatsache, dass die beiden Brüder waren, eine große Rolle. Adam hatte mir eines Abends anvertraut, dass er gerne den echten Nash kennenlernen würde. Im Gegensatz zu ihm hatte Lio an den neuen Gegebenheiten immer noch zu knabbern, sobald sie zur Sprache kamen.
Ich konnte Nash seine Taten zwar nicht verzeihen, gleichwohl respektierte ich den Versuch, ihm zu helfen. Womöglich würde er dann wieder der Mann sein, den ich einmal als meinen Vorgesetzten geachtet hatte. Der Mann, der verstehen würde, dass ich mich Hals über Kopf in Adam verliebt hatte und zugeben würde, dass es zwischen uns niemals ein Wir gegeben hatte. Nash war nicht der Typ Mensch mit großen Gefühlen. Seit ich ihn kannte, und das waren schon etliche Jahre, genoss er seine Freiheit. Er liebte es ungezwungen tun und lassen zu können, was er wollte.
Aber was genau bedeutete Freiheit? Mein bisheriges Leben hatte ich fortwährend geglaubt, dass ich ein freier Mann wäre. Jemand, der seinen eigenen Gedanken und Überzeugungen folgte. Inzwischen war mir jedoch die Wahrheit vor Augen geführt worden. Ich war ein geistiger Gefangener von Callahans Ideologien gewesen. Schon als Kind wurde ich von ihm zu einem seiner zahlreichen Werkzeuge geformt. Ob ich am Leben blieb ...? Solange es seinem Zweck diente, war ihm das egal. Menschenleben bedeuteten Callahan nichts. Bei jedem Einsatz hatte er das Risiko meines Todes billigend in Kauf genommen. Niemand konnte mir erklären, was ihn zum Bau eigener mechanischer Monster antrieb. Ich wusste nur, die Surges wären in seinen Händen ein tödlicher Fluch. Für mich zielte er darauf ab, künstliche Wesen nur zu dem Zweck zu erschaffen, um unschuldige Menschen ins Verderben zu stürzen.
»An was denkst du?«, hörte ich unerwartet Adams sanfte Stimme. Als ich den Kopf hob, stand er direkt vor mir und sah mich liebevoll an.
Ich lächelte. »An alles und nichts.«
»Isabell hat mir verraten, wo du bist. Dir geht es wirklich schon besser. Du bist fast zwei Kilometer allein bis zur Lichtung gelaufen.« Adam nahm neben mir im Gras Platz und griff nach meiner Hand. Mit dem Daumen streichelte er mir über den Handrücken. Immer wenn er das tat, fühlte ich mich geborgen.
»Das kommt davon, wenn Daniel mich von der Leine lässt.« Ich grinste und bettete den Kopf in Adams Halsbeuge. Seine Haut war angenehm warm. Nebenbei sog ich den unvergleichlichen Duft nach süßen Mandeln und herben Kardamom ein. Seine Anwesenheit ließ mein Herz schneller schlagen. »Heute Morgen hat er mir die Fäden gezogen. In ein paar Wochen sieht man nichts mehr davon. Nun bin ich wieder der alte Daiven.«
»Edmond hat sein Wort gehalten«, bedeutete Adam leise und legte mir zärtlich den Arm über die Schulter.
Das hatte er in der Tat. Gleich am Morgen nach unserer Ankunft hatten er und die restlichen Mitglieder des Tribunals uns mitgeteilt, dass wir in ihren Augen keine Gefahr darstellten. Er lud uns ein, in Ailmoor zu bleiben. Selbst über die Wintermonate. Doch meine Freunde und ich wussten, dass unser Ziel Elverston hieß. Daher waren wir übereingekommen loszuziehen, sobald ich bereit dafür war. Der Moment der Abreise rückte immer näher.
»Er hat uns vorhin einen Vorschlag unterbreitet«, sprach Adam weiter. »In zwei Tagen fahren sie für ihre monatliche Fleischlieferung nach Elverston. Sie würden uns bis zur Grenze mitnehmen, können aber für nichts garantieren.«
»Das heißt, es steht fünfzig zu fünfzig, dass wir durchkommen oder gefangen genommen werden«, sprach ich seinen stillen Gedanken laut aus. Zuversichtlich blickte ich ihn an, da ich trotz des Risikos bereit war, den Versuch zu wagen.
»So sieht es aus.« Adams ernster Gesichtsausdruck gefiel mir nicht.
»Was ist los?«, hakte ich nach.
»Alles und nichts«, wiederholte er meine Worte und zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist nur so, dass ich denke, der Brief wird uns nicht helfen. Ja, er ist an meinen ... also an Brent Lamont gerichtet, aber das wird niemanden beeindrucken.«
»Dann müssen wir eben alles tun, um sie zu überzeugen!« Ich konnte nachvollziehen, was ihn bedrückte. Aufgrund Sophies geschriebener Worte und dem Testergebnis war er nicht Brent Lamonts eigen Fleisch und Blut. Somit besaß er keinerlei Recht mehr, sich darauf zu berufen. Es war fraglich, ob uns die Schriftstücke nicht mehr schadeten, als dass sie uns weiterhalfen. Dennoch hatten wir nicht all die Strapazen auf uns genommen, um kurz vor dem Ziel aufzugeben. »Wir sollten die Testergebnisse unter Verschluss halten. Hochoffiziell bist du weiterhin sein Sohn. Du überbringst ihm Neuigkeiten, die für ihn von Wichtigkeit sind. So musst du das sehen.«
»Muss ich das?« Adam verzog skeptisch die Mundwinkel und stand auf. Fahrig lief er vor mir auf und ab. »Ich bin mir nicht sicher, ob er mich jemals als Sohn gesehen hat. Hast du vergessen, dass er mich jahrelang gequält und am Ende sogar vor dem Justizrat zum Tode verurteilt hat? Nur, weil ich seine kranken Ansichten nicht teile. Er hat mich eiskalt entsorgen lassen. Nichts wird seine Meinung ändern. Weder Sophies Bitte und schon gar nicht ein Test, der bestätigt, dass ich nicht sein Sohn bin. In seinen Augen bin ich gestorben. Für ihn zählen einzig und allein die Experimente. Er ist nicht anders als Callahan. Die Beiden sind Feinde, trotzdem stehen sie auf der gleichen Seite der Medaille. Um ihr Ziel zu erreichen, gehen sie über Leichen.«
Langsam erhob ich mich und war froh, nicht bei jeder Bewegung Schmerzen zu verspüren. »Ich verstehe dich. Wir sind dem einen Monster entkommen und stürzen uns dem nächsten direkt ins gefräßige Maul. Aber was sollen wir sonst tun? Sollen wir die Rebellen weiterhin wissentlich ins offene Messer rennen und für Callahans Wahnvorstellungen sterben lassen? Klar, wir könnten hier untertauchen und ein ruhiges Leben verbringen. Aber das wäre ziemlich feige.«
»Wäre es das?« Adam blieb abrupt stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du weißt nicht, wie es ist in Elverston zu leben. Du hast keine Vorstellung davon, wie weit der Einfluss des Justizrates reicht. Lamont ist nur die Spitze des Eisberges.«
»Das kann sein.« Ich presste meine Lippen aufeinander. Natürlich war mir die Stadt fremd. Außer Adam kannte ich dort niemanden, trotzdem blieb uns keine Alternative. »Aber ich weiß eines mit absoluter Sicherheit. Sobald es Callahan gelingt, die Surges zum Funktionieren zu bringen, hält ihn nichts mehr auf. Dann haben wir Krieg!«
»Den haben wir sowieso schon«, kam seine pragmatische Antwort.
»Was im Moment abgeht, ist harmlos zu dem, was wir zu erwarten haben. Die Surges machen keinen Unterschied, wen sie töten, wir Menschen aber schon. Das müssen wir Lamont klar machen, verstehst du?«
»Ehrlich gesagt ... nein.« Adam ließ den Kopf hängen.
Ich kam näher und legte beide Arme um ihn. »Den ersten Krieg hat Middleton angefangen. Danach herrschte eine Zeitlang Frieden. Nun ist Callahan die Bedrohung. Sterben werden wie immer die Unschuldigen. Die, die blind folgen, weil sie es nicht besser wissen. So ist es auch in Elverston. Es liegt an uns, das aufzuhalten.«
Adam seufzte und blickte mich zweifelnd an. Schlagartig war ich ein Gefangener seiner glänzenden jadegrünen Augen. »Du glaubst wirklich daran, stimmt’s?«
»Haben wir eine andere Wahl?«, fragte ich und konnte mich besser in ihn hineinversetzen, als er es ahnte. »Du fühlst dich entwurzelt«, flüsterte ich lächelnd. »Du weißt nicht, wer du bist und wohin du gehörst. Als du zu uns kamst, warst du der Sohn eines einflussreichen Mannes. Jetzt hast du herausgefunden, dass du der Sohn eines rücksichtslosen Rebellen bist, der alles, was du jemals kanntest, zerstören will. Seit unserer Flucht sind wir beide heimatlos und vielleicht wird es für immer so bleiben. Dazu kommen deine Schuldgefühle gegenüber Nash, die du erst loswirst, wenn er wieder er selbst ist. Deshalb treibt dich dein innerer Schweinehund an, alles für ihn zu tun. Gleichzeitig hast du Angst, mich zu verletzen. Doch das musst du nicht, denn ich weiß, wer du bist. Das hast du mir schon mehr als einmal bewiesen.«
Adam schluckte merklich und ich spürte seine Hände, die sich um meine Hüften legten.
»Du bist Adam«, wisperte ich. »Adam, der Mann, der mir half, nicht länger die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Der Mann, der in mir wunderschöne Gefühle hervorruft, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Egal was um uns herum geschieht, solange du bei mir bist, ist alles nur halb so schlimm. Du bringst mein Herz dazu, in deinem Rhythmus zu schlagen. Bitte, vergiss das nie. Du bist Adam, der Mann in den ich mich verliebt habe.«
Kaum hatte ich geendet, glänzten Tränen in seinen Augen. Er öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sogleich wieder. Schließlich schenkte er mir ein zauberhaftes Lächeln. »Du ... du liebst mich?«
Als Antwort hauchte ich ihm einen Kuss auf die Wange.
»Du ... du liebst mich wirklich?«
Wieder küsste ich ihn, dieses Mal auf die andere Wange.
Für einen Moment, der mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam, standen wir nur da und blickten uns tief in die Augen. Die herumwuselnden Schmetterlinge ergriffen von meinem Körper Besitz, während mein Herz immer wilder pochte. Ich spürte Adams Hände, die mir über das Hemd fuhren hinauf bis zum Gesicht. Seine Finger streichelten sanft über mein Kinn, die Wangen und Lippen. Ich hieß das angenehm warme Kribbeln willkommen, das die liebevollen Berührungen in mir auslösten.
»Daiven«, raunte er mir einfühlsam ins Ohr. »Ich liebe dich auch. Mit jedem Tag wurde es klarer ... ich liebe dich mehr als mein Leben.«
Ohne eine Erwiderung schloss ich die Lider und fühlte im nächsten Augenblick Adams Lippen auf den meinen. Erneut beschleunigte sich mein Herzschlag und ich zog ihn nah an mich heran. Meine Hände wanderten durch seine weichen Haare, während er an meinem Hemd zupfte, um es mir aus der Hose zu ziehen. Kurz darauf berührte er behutsam meine nackte Brust. Noch trug ich aus reiner Vorsichtsmaßnahme Verbände, wenngleich die Wunden verheilt waren. Umso intensiver nahm ich Adams Finger wahr. Dort wo er mich berührte, hinterließen sie eine prickelnde Spur und ich presste mich an ihn.
Heißblütig küssten wir uns und nun war ich es, der unter sein Hemd griff. Ich schob meine Hände hinauf bis zu seinen Schulterblättern und genoss jeden Zentimeter seiner zarten Haut. Er war so anders als Nash. Adam war so viel mehr ... und ich wollte ihn.
Stöhnend zog ich ihm den störenden Stoff vom Oberkörper und er tat das Gleiche bei mir. Hauchzart berührten Adams Lippen meine Brustwarzen und wir ließen uns ins Gras sinken. Lachend setzte er sich bäuchlings auf mich und streichelte mit den Fingern über meinen Oberkörper. Dann senkte er sich zu mir herab und verwöhnte mich mit der Zunge. Ich schloss die Augen und genoss die Zweisamkeit, die wir viel zu selten hatten, da rief auch schon jemand unsere Namen.
»Nicht jetzt, Isabell!«, stöhnte ich.
»Wenn wir ganz leise sind, findet sie uns vielleicht nicht«, sagte Adam heiser und seufzte frustriert. Begierig liebkoste er meinen Bauchnabel.
Ich fuhr ihm ein letztes Mal mit den Fingern durch die Haare, ehe ich mit einem enttäuschten aber glücklichen Lächeln von ihm abließ.
»Beim nächsten Mal will ich ein Zimmer mit Schlüssel«, verkündete Adam und stahl sich einen weiteren Kuss.
»Oh ...!«, hörte ich Isabell erschrocken sagen, als sie aus dem Dickicht auftauchte.
»Schon gut«, antwortete mein Freund und drehte sich grinsend zu ihr um.
Isabells Wangen färbten sich leicht rosa. »Ich wollte euch nicht stören, aber es ist wichtig. Mein Vater sucht euch. Er will dringend mit euch reden.«
»Kein Problem«, sagte ich, doch innerlich spürte ich lodernde Sehnsucht.
»Ich bin schon wieder weg.« Isabell wandte sich ab und verschwand.
»Kein Problem?« Adams vorwitzige Hand wanderte in meinen Schritt. »Da verrät mir dein Körper aber etwas anderes.«
»Wie könnte ich bei einem Mann wie dir auch nicht reagieren?«, raunte ich ihm ins Ohr und küsste ihn nochmals leidenschaftlich. »Trotzdem sollten wir uns beeilen. Ich will Edmond ungern warten lassen.«
»In Ordnung. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Nur widerwillig stand er auf und zog sich das Hemd über.
»Ist das ein Versprechen?«, hakte ich nach und ließ mich von ihm hochziehen.
»Darauf kannst du Gift nehmen.« Adam zwinkerte mir zu. Dann beugte er sich erneut zu mir und seine weichen Lippen liebkosten einfühlsam die meinen.
In diesem Moment war ich mir sicher. Adam war der Mann, den ich an meiner Seite wollte und sonst keinen. Er war meine fehlende Hälfte und ich würde alles daran setzen, dass er bei mir blieb, egal, was das Schicksal für uns bereithielt.
* * *
»Ich fasse mich kurz«, sprach Edmond, als wir vor dem Tribunal standen. »Einer unserer Jagdtrupps hat beobachtet, wie sich drei Pyrobirds dem eurigen näherten. Bewaffnete Rebellen haben darauf die Gegend erkundet und eure Spur gefunden. Sie sind jetzt auf dem Weg hierher. Unsere Jäger haben sie zwar auf einen Umweg geschickt, doch ich schätze, in einer halben Stunde werden sie Ailmoor erreichen.«
Die Worte waren kaum ausgesprochen, da verwandelten sich die positiven Gefühle von eben in Angst. Callahan hatte uns aufgespürt.
»Oh nein!« Caren klammerte sich panisch an Lio fest.
»Wir müssen sofort verschwinden! Niemand darf erfahren, dass wir hier waren. Ansonsten können wir nicht für eure Sicherheit garantieren.« Im Geiste sah ich bereits die bewaffneten Rebellen, die auf Callahans Befehl die friedlichen Bewohner der Siedlung erschossen.
Edmond lächelte zufrieden. »Macht euch keine Sorgen. Wir haben nicht all die Jahre überlebt, weil wir auf unseren faulen Hintern saßen. Auch wenn es den Eindruck erweckt, als wären wir unvorbereitet, ist das nicht der Fall.«
»Nimm das nicht auf die leichte Schulter, Edmond! Ihr hattet noch nie mit jemandem wie Ray Callahan zu tun. Er scheut nicht davor zurück, Ailmoor in ein Häufchen Asche zu verwandeln«, warf Adam ein.
»Sobald er herausbekommt, dass wir hier Unterschlupf gefunden haben, seid ihr vor seiner Zerstörungswut nicht mehr sicher«, wiederholte ich meine Bedenken.
»Dann solltet ihr jetzt so schnell wie möglich verschwinden. Wir beschäftigen sie für eine Weile, damit ihr genug Vorsprung bekommt. Isabell, gib ihnen den Codesender!« Edmond wandte sich an seine Tochter, die ein winziges Gerät, das einer Taschenuhr glich, aus der Hosentasche zog. Sie reichte es an mich weiter.
»Wir können nur einen entbehren, aber er müsste ausreichen«, erklärte Edmond, stand auf und umrundete den Tisch. Vor mir blieb er stehen und übergab mir einen Zettel. »Das ist der Code. Lerne ihn auswendig und verbrenne das Papier danach sofort.«
Ich gab ihn Adam. Er warf einen Blick darauf und zerknüllte ihn sofort.
»Wie lautet der neue Plan?«, erkundigte sich Lio nervös. Er hielt Caren fest im Arm. Sie zitterte und ich konnte es ihr nicht verübeln.
»Wir bringen euch auf der Stelle zur Stadtgrenze. Von dort aus müsst ihr euch allein durchschlagen. Solange der Sender den richtigen Zahlencode sendet, werden euch die Supervisors nicht angreifen. Auf diese Weise gelangen auch wir in die Stadt. Nur mit einem Unterschied. Ihr werdet Elverston nicht durch einen der streng bewachten Grenzposten betreten.«
»Wie dann?« Überrascht starrte ich Edmond an.
»Durch die Kanalisation«, war alles, was er antwortete und sich wieder setzte.
»Durch die was?«, wiederholte ich und konnte ihm nicht folgen.
Isabell räusperte sich. »Ein kleiner Trupp bringt euch nach Auburndale. Das ist der Posten, durch den wir nach Elverston gelangen. Nicht weit von dort befindet sich der Eingang in die Entwässerungsanlage, die direkt mit dem Charles River verbunden ist.«
»Jetzt verstehe ich. Der Fluss mündet ins Meer und ist zugleich mit dem Herzen der Stadt verbunden.« Adam wirkte unerwartet zuversichtlich.
Sie lächelte. »Leicht wird es trotzdem nicht. Aber immerhin könnt ihr auf diesem Weg euer Glück versuchen. Die Abwasserkanäle sind nicht so einfach zu durchqueren, wie es sich anhört. Das Wasser ist sehr kalt und manchmal reicht es bis zur Hüfte. Ihr bekommt alles, was ihr benötigt, dann seid ihr auf euch gestellt.«
»Das klingt fast, als hättest du damit Erfahrung.« Ich sah sie neugierig an.
»Erwischt. Vor ein paar Jahren war ich mit einigen Leuten unterwegs, um die Grenze auszukundschaften. Dabei stießen wir zufällig auf den Eingang. Er liegt gut versteckt und ist mit einem Stahlgitter verschlossen, welches nicht unter Strom steht. Es ist nur mit zwei Bolzen fixiert. Wir nutzen den Eingang, wenn wir Geschäfte tätigen, die nicht jeder mitbekommen muss. Auf dem Schwarzmarkt findet man oft Erstaunliches.«
»Du auf dem Schwarzmarkt?«, fragte Lio skeptisch.
Als Antwort schenkte sie ihm ein schelmisches Grinsen.
»Ich schätze, der Eingang liegt versteckt, sodass wir nicht gleich entdeckt werden. Falls doch, sind wir längst verschwunden«, stellte Adam fest und erhielt von Isabell ein bejahendes Nicken.
»Es ist auf alle Fälle sicherer, als bei einer Grenzkontrolle aufzufliegen. Wer weiß, ob du nicht auf der Fahndungsliste stehst«, antwortete sie.
»Okay. Ich bin einverstanden, aber nur wenn Caren hierbleibt.« Lio blickte seine Verlobte mit einem traurigen Lächeln an.
»Oh nein, mein Lieber. Ich lasse dich nicht allein«, hielt sie sofort dagegen und ließ erschrocken von ihm ab. Ihre enttäuschte Miene verriet ihre Angst.
»Honey, du bist schwanger. Meinst du, ich lasse es zu, dass du gefangen genommen wirst oder verletzt oder ...«
Mitten im Satz verpasste sie ihm eine schallende Ohrfeige. »Benutz meinen Zustand nicht, um mir die Sache schmackhafter zu machen«, keifte sie. »Ich kenne dich, mein Lieber, und weiß, dass du mit dem Gedanken schon länger gespielt hast.«
»Du willst es nicht hören, aber ich fürchte, Lio hat recht«, sagte Adam und kam auf sie zu. »Denk an das Baby. Es braucht seine Mutter, wenn es so weit ist. Ich verspreche dir hier und jetzt, wir alle werden auf deinen Verlobten aufpassen. Bitte sei vernünftig.«
»Ich bin auch der Meinung, dass du hierbleiben solltest. Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet. Bei den Guardians bist du in Sicherheit.« Es gefiel mir zwar nicht Caren zurückzulassen, aber es war die klügste Entscheidung, die wir treffen konnten.
»Habt ihr euch alle gegen mich verschworen?«, platzte sie hitzig heraus und verschränkte mit Tränen in den Augen die Arme vor der Brust.
»Die Jungs haben recht«, mischte sich Isabell ein und schenkte Caren ein beruhigendes Lächeln, während sie einen Arm um ihre Schultern legte. »Ich weiß, du bist jetzt enttäuscht und sauer. Aber denk an Judy-Sophie. Die Gesundheit der Kleinen ist im Moment am wichtigsten.«
»Wir ... wir ... bekommen eine ... Tochter?«, stammelte Lio völlig überrascht und strahlte übers ganze Gesicht. »Ein Mädchen? Eine süße kleine Prinzessin?«
Schluchzend stürmte Caren auf ihn zu und warf sich an seinen Hals. »Ja. Es ist ein Mädchen. Ich will dich nicht gehen lassen. Nicht jetzt. Ich habe Angst, dass sie ihren Vater nie kennenlernen wird.«
»Die haben wir alle, mein Schatz«, antwortete er nun ebenfalls unter Tränen. »Ich verspreche dir, dass ich alles daran setzen werde, um wohlbehalten zu euch zurückzukommen. Doch wir müssen zumindest versuchen, Callahan aufzuhalten. Das schulde ich Mum. Und wenn ich ehrlich bin, ich vermisse den alten Nash.«
Als ich das hörte, verspürte ich einen seltsamen Knoten in der Magengegend. Ich gab es nur ungern zu, aber auch ich sehnte mich nach meinem früheren Kameraden. Mit ihm und seinem Enthusiasmus an unserer Seite würde es mir vermutlich besser gehen. Zum Glück gab es Adam, den ich in diesem Moment ansah.
»Egal was passiert, ich schwöre dir, ich werde alles mir Mögliche in die Wege leiten, damit Nash wieder ganz er selbst wird«, flüsterte er mir ins Ohr.
Ich nickte wortlos.
»Seid ihr bereit? Die Zeit wird knapp. Ich bringe Caren an einen Ort, an dem sie niemand finden wird. Versprochen!«, drängte Isabell zum Aufbruch.
»Pass auf dich auf!«, bat Caren ihren Verlobten ein letztes Mal, bevor sie ihn widerwillig losließ. »Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass Judy-Sophie ihren Vater kennenlernt ... und auch ihre Patenonkel. Die Kleine hat schon ihre Großmutter verloren.«
»Wir kommen wieder. Du musst nur fest daran glauben«, sagte ich an sie gewandt, um ihr Mut zu zusprechen.
Caren schluchzte erneut und schloss für einen Moment die Augen. Ich nutzte die Gelegenheit und schnappte mir Lio am Handgelenk. Wir liefen in Richtung Ausgang, während Isabell seine Verlobte tröstend in den Arm nahm.
Auf der einen Seite vertraute ich den Guardians , dass sie ihr Wort hielten und unsere Freundin beschützten. Andererseits konnte ich nur hoffen, dass sie Callahans Angriff überleben würden. Ob wir heil zurückkehren würden, stand noch in den Sternen. Unser Weg in die Zukunft nahm gerade erst Gestalt an.