Kapitel Zweiundzwanzig
* * * * *
Adam
»Seid ihr bereit?«, erkundigte ich mich und blickte angespannt um die Ecke der schmalen Seitenstraße, in der wir uns seit geraumer Zeit versteckten. In unmittelbarer Nähe befand sich der Kontrollposten für den nördlichen Stadtbezirk. Den mussten wir passieren, nur dann hatten wir überhaupt die Chance an Lamont heranzukommen. Dass die Ausweiskarten funktionierten, hatte ich bereits mit meiner heilen Ankunft im Park bewiesen.
»Lass es uns tun!«, meldete sich Lio zu Wort. Er trug wie wir alle die offizielle olivfarbene Dienstkleidung der Wachmänner, die wir uns von Marys Bruder ausgeliehen hatten. Auf der rechten Brusttasche war das Wappen Elverstons eingestickt. Ein goldenes Herz auf weißem Hintergrund. Die Halbautomatik hatten wir sichtbar mit dem Holster um die Hüfte gebunden.
Daiven nickte. »Dann los. Ich frage mich allerdings, wie du uns mit den Waffen durch den Kontrollposten lotsen willst? Ich beobachte das jetzt schon eine Weile. Jeder wird nach Schusswaffen durchleuchtet. Hier in der Stadt traut auch keiner dem anderen, oder?«
Ich lachte. »Man gewöhnt sich daran. Vergesst nicht eure neue Identität. Wir sind Wachmänner auf dem Weg zur Nachtschicht. Auf der Passiergenehmigung ist das Tragen einer Schusswaffe ausgewiesen. Anders würden wir nicht weit kommen. Deswegen auch die Uniformen.«
»Ich will ja gar nicht wissen, von wem die sind. Abgesehen davon sehe ich dem Typen auf dem Bild nicht gerade ähnlich«, warf Lio ein und holte die Karte aus der Hosentasche hervor. »Der ist blond und meine Haare sind schwarz.«
Ich schmunzelte. »Schon mal was von Färben gehört? Im Ernst. Ich verstehe deinen Einwand, doch für die da drüben zählt nicht das Aussehen, sondern nur das, was auf dem Ausweischip gespeichert ist. Die sind faul und machen sich nicht die Mühe etwas nachzuprüfen. Vertraut mir. Ich kenne mich damit aus. Abgesehen davon sind diese Karten angeblich unfälschbar und man bekommt sie nicht einfach so um die Ecke. Sie werden von ganz oben ausgestellt und verifiziert. Aber nichts ist so gut, dass man es nicht nachmachen kann. Man muss nur wissen, wie es geht.« Ich zwinkerte. »Also, locker bleiben! Übrigens, das ist nur ein kleiner Kontrollpunkt. Normalerweise käme niemand auf die Idee hierher zu kommen, der nicht hier sein darf. Dieses Areal ist für normale Bürger mehr oder weniger Sperrgebiet. Die Stadtgrenze könnten wir nicht so ohne Weiteres passieren. Dort sind die Sicherheitsmaßnahmen strenger.«
Lio seufzte. »Na, das beruhigt mich ungemein.«
Auch Daiven sah mich misstrauisch an. »Vielleicht versuchen wir es doch mit der Kanalisation?«
»Leider gibt es keine Verbindung zu dem Ort, zu dem wir wollen. Wir können nur hier entlang.« Offen gab ich es nicht zu, aber ich wollte kein weiteres Mal durch übelriechendes Wasser waten, in dem eindeutig zu viel unidentifizierbare Dinge herumschwammen. Der bloße Gedanke daran widerte mich an. Daher vertraute ich ganz Marys und meinen Fähigkeiten. Wir hatten beim Erstellen der neuen Identitäten alle Eventualitäten berücksichtigt. Abgesehen davon wusste ich genau, worauf ich mich einließ, denn der Weg, der vor uns lag, war mir nicht fremd.
»Was passiert im schlimmsten Fall?«, hakte Daiven nach und spannte die Schultern an.
»Wir werden verhaftet. Erschießen werden sie uns vermutlich nicht gleich auf der Stelle. Am besten ihr tut so, als hättet ihr kein Bock zum Arbeiten und lasst mich reden. Antwortet nur, falls man euch direkt anspricht.« Ich lächelte den beiden aufmunternd zu.
»Großartig! Deine Nerven hätte ich jetzt gerne. Aber eine andere Wahl haben wir ohnehin nicht. Also, auf geht’s! Lasst uns das Ding rocken! ... für Nash und für Mom!« Lio zwinkerte mir zu. Seit unserer Flucht hatte er gelernt, mir blind zu vertrauen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Ich nickte stumm.
»Dann lasst uns die Drachenhöhle stürmen!«, schloss sich Daiven an und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
Von nun an gab es kein Zurück mehr. Ich übernahm die Führung und steuerte mit festem Schritt geradewegs auf den Kontrollposten zu. Lio und Daiven folgten mit ein wenig Abstand. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Das war die erste Bewährungsprobe bis zum Ziel. Obwohl ich davon überzeugt war, dass wir auf keinerlei Schwierigkeiten stoßen sollten, stockte mir vor wachsender Nervosität beinahe der Atem. Falls das Schicksal es gut mit uns meinte, stand ich schon bald Brent Lamont gegenüber. Ein Gedanke, bei dem mein aufgestauter Hass ungewollt aufloderte und mit meiner inneren Anspannung konkurrierte. Dennoch wünschte ich mir die Begegnung mehr denn je. Viel zu lange hatte ich daraufhin gefiebert. Nur so war ich in der Lage ihm zu beweisen, dass ich der Willensstärkere von uns beiden war. Ich würde keinen Schritt weichen ... nicht, solange ich lebte.
Den Tunnel, durch den wir in die Villa gelangten, kannte ich wie meine Westentasche. Früher hatte ich ihn benutzt, um dem goldenen Gefängnis zu entkommen, nur um kurz darauf von Lamonts Lakai Smith zurück eskortiert zu werden. Heute würde ich auf diese Weise in mein altes Zuhause zurückzukehren.
Schließlich erreichten wir den Kontrollpunkt. Sofort fielen mir die gelangweilten Mienen der wachhabenden Soldaten auf. Besser konnte es nicht laufen.
»Die Ausweise!«, befahl einer von ihnen autoritär, während sein Partner mit wachsamen Augen die Maschinenpistole auf uns richtete.
»Nichts los, was?«, erkundigte ich mich gleichgültig und erhielt als Antwort ein leises Brummen.
Ich holte die Speicherkarte hervor und überreichte sie ihm. Während er sie scannte, nutzte ich die Gelegenheit, mich unauffällig umzusehen. Im näheren Umkreis patrouillierte lediglich eine Handvoll Wachmänner, einen Surge konnte ich weit und breit nicht entdeckten.
Dass der nördliche Stadtteil, obwohl er nur die riesigen Gewächshäuser beherbergte, strenger als anderen Bezirke kontrolliert wurde, hatte ich absichtlich verschwiegen. Mitten im Distrikt lag der Eingang zu einem geheim angelegten unterirdischen Tunnelsystem. Von dort aus war es jedem, der sich auskannte, möglich, in die sensibelsten Bereiche von Elverston vorzudringen.
Nur wenige der obersten Politiker und einige hochrangige Offiziere hatten Kenntnis darüber. Die Wachmannschaft war unwissend und so sollte es bleiben. Mir allerdings waren die heimlichen Schleichwege wohlbekannt. Das und die Tatsache, dass niemand ahnte, dass ich in der Stadt war, verschaffte uns die Chance, Lamonts Villa zu betreten, ohne Alarm auszulösen.
»Wachdienst?«, fragte der Mann mit dem Scanner, las meine Daten und gab mir dann die Speicherkarte zurück. Erwartungsgemäß wirkte er skeptisch. »Heute zum ersten Mal hier im Einsatz? Ich habe euch noch nie gesehen.«
»Ja. Meine zwei Kollegen da hinten und ich wurden von Auburndale versetzt. Hier geht es hoffentlich ruhiger zu, als an der Grenze?«, improvisierte ich grinsend.
Der Soldat gab mir lachend die Karte zurück. So wie ich gehofft hatte, war er kurz vor Schichtende nicht darauf erpicht, sich unnötig Arbeit aufzuhalsen.
»Es ist stinklangweilig, wie immer. Manchmal wünscht man sich, dass jemand versucht, in die Gewächshäuser einzubrechen. Aber nachdem die Sicherheitsmaßnahmen nach dem letzten Zwischenfall erhöht wurden und die Supervisor Forces aktiv ist, ist nichts mehr los. Die pissen sich alle vor Angst in die Hosen. Trotzdem viel Spaß bei der Nachtschicht.«
»Danke«, antwortete ich mit sarkastischem Unterton und war über seine Worte keineswegs überrascht. Ich erinnerte mich an den Einbruch in die Gewächshäuser vor zwei Jahren zurück. Keiner der Eindringlinge hatte überlebt und seither hatte auch niemand, der ein wenig bei Verstand war, mehr den Versuch unternommen, den Stadtteil unbefugt zu betreten. Deshalb gingen die Wachleute davon aus, dass in nächster Zeit keine erneute Plünderung der Treibhäuser bevorstand. Ein Segen für uns, da sie dementsprechend nachlässiger waren. Unbekümmert ging ich weiter und wartete nach einigen Metern entfernt auf meine Freunde.
Der Soldat scannte ihre Ausweise, ohne einen Blick auf den Monitor an seinem Handgelenk zu werfen. Sie nickten sich gegenseitig schweigend zu, dann setzten sie ihren Weg fort. Eine große Last fiel von meinen Schultern. Die erste Hürde war geschafft. Dennoch war das erst der Anfang. Unsere Mission konnte durchaus noch fehlschlagen.
»Wir könnten auf Surges treffen? Wann hattest du vor uns das zu sagen?«, zischte Daiven verärgert, nachdem er sicher war, dass uns niemand belauschte.
»Ehrlich gesagt gar nicht. Ansonsten hättet ihr bestimmt einen Rückzieher gemacht.«
»Das kannst du laut sagen«, bedeutete Lio grantig.
»Reg dich nicht auf. Dort wo wir hingehen, gibt es keine Surges. Ich dachte, du hast keine Angst vor ihnen?« Ich grinste ihn herausfordernd an.
Lio schnaubte. »Angst? Ich? Die Dinger putze ich vor dem Frühstück alle weg. Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten?«
Mein Grinsen wurde breiter. »Im Moment nicht. Wir warten, bis der Schichtwechsel rum ist, dann legen wir los. Gehen wir in Stellung!« Ich erhöhte das Schritttempo und beide hielten problemlos mit mir mit.
»Wohin führst du uns?«, erkundigte sich Daiven nach kurzer Zeit.
»Seht ihr den viereckigen Turm? Das ist unser erstes Ziel. Ich muss mich in das Sicherheitssystem hacken.« Ich deutete mit dem Kinn zu einem Wachturm, der mit seinen fast zwanzig Metern weit über die Dächer der Gewächshäuser hinausragte. Es war nicht mehr weit.
Daiven seufzte und schloss zu mir auf. »Lass mich raten. Von dort aus gibt es einen Geheimtunnel zu Lamont.«
Verblüfft starrte ich ihn an. »Woher weißt du das?«
»Lio und ich haben uns ein wenig unterhalten, als du weg warst. Eigentlich hätte nämlich nichts gegen die Kanalisation gesprochen, denn es war gelogen, dass sie nicht mit diesem Stadtteil verbunden ist. Das ließ uns annehmen, dass du einen sichereren Weg zu Lamont kennst.« Daiven grinste breit von einem Ohr zum anderen.
»Erwischt ...«, gestand ich und musste unweigerlich an meine Jugendzeit zurückdenken. »Leider kenne ich ihn nur zu gut. Anfangs hat man mich mit einem Transporter zu den Laboren gebracht. Später dann zu Fuß über die Geheimtunnel. Direkt vom Arbeitszimmer meines ...« Ich stockte, denn ich brachte das Wort Vater seit Sophies Enthüllung nicht mehr über die Lippen. »Einer führt von Lamonts Arbeitszimmer direkt bis zur Wachstation«, setzte ich neu an. »Der Gang endet im Keller, aber er wird durch mehrere Sicherheitskameras überwacht. Niemand hat ohne den entsprechenden Zugangscode Zutritt und den kennen nur sehr weniger Leute. Genau dort werden wir unsere Reise ins Ungewisse beginnen.«
»Solange es nicht so katastrophal endet wie in Callahans Büro, bin ich dafür«, murmelte Lio und ein Funke Traurigkeit konnte ich aus seinem Tonfall heraushören. Nur wenige Stunden später hatte sich seine Mutter für uns geopfert.
Ich klopfte ihm zuversichtlich auf die Schulter. »Dieses Mal sind wir auf meinem Territorium. Mit dem Sicherheitssystem kenne ich mich verdammt gut aus. Das heißt, ihr müsst nur die Wachen überwältigen, damit ich es lahmlegen kann.«
»Ach so. Wenn’s weiter nichts ist.« Er schüttelte grinsend den Kopf und Daiven schloss sich ihm leise lachend an.
Je näher wir dem Wachturm kamen, desto lauter klopfte mein Herz. Doch mit Daiven und Lio an meiner Seite fühlte ich mich einigermaßen in Sicherheit. Ich hatte bereits eine Kostprobe ihrer Stärken zu sehen bekommen und wusste, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Ebenso, wie sie sich auf mich. Als wir am Turm ankamen, gingen wir in Deckung und beobachteten aus sicherer Entfernung, wie vier Wachleute ihre Kollegen verabschiedeten und anschließend im Inneren des Kontrollzentrums den Dienst antraten.
Nach einigen Minuten näherten wir uns ebenfalls der Stahltreppe, die nach oben in die Schaltzentrale führte. Ein paar Meter daneben befanden sich Steinstufen, die unscheinbar nach unten verliefen und an einer feuerfesten Stahltür endeten. Sie wurde von drei Sicherheitskameras überwacht und war mit besagtem Zahlenschloss gesichert. Diese zu knacken war jedoch idiotensicher, vor allem, weil ich mir bei Mary heimlich ein höchst kostbares Gerät ausgeliehen hatte. In nur wenigen Sekunden war es in der Lage die kompliziertesten Codes zu entschlüsseln und bei Bedarf sogar umzuschreiben. Inzwischen dürfte sie entdeckt haben, dass es nicht mehr in ihrer Schreibtischschublade lag. Somit war ihr klar, was ich vorhatte.
Nahezu geräuschlos stiegen wir nach oben und blieben am Eingang der Zentrale stehen. Lio und Daiven zogen die versteckten Messer aus den Lederscheiden in ihren Stiefeln, während ich mich im Hintergrund hielt. Auf ein Zeichen stürmten sie los und konnten das Überraschungsmoment wunderbar ausnutzen.
»Wer seid ihr?«, hörte ich die erschrockene Stimme eines Wachsoldaten zu mir vordringen, dann vernahm ich nur noch dumpfe Kampfgeräusche und leises Stöhnen. Vorsichtig wagte ich einen Blick in den Raum und sah genau das, was ich erwartet hatte. Lio und Daiven war es gelungen alle vier Wachmänner innerhalb kürzester Zeit zu überwältigen. Mit gezielten Schlägen und Tritten hatten sie ihre Gegner ausgeschaltet. Die Männer lagen regungslos auf dem Boden. Zwei von ihnen bluteten. Einer am Oberschenkel, der andere an der Hand.
Zufrieden trat ich ein und klopfte beiden dankend auf den Rücken. »Ich wusste doch, dass ich auf euch zählen kann.«
»Von wegen! Das war eine Ausnahme. Beim nächsten Mal übernimmst du die Drecksarbeit. Tu was du tun musst, damit wir wieder verschwinden können.« Leicht außer Atem hielt sich Daiven schmunzelnd das linke Handgelenk.
Ich beäugte ihn besorgt. »Bist du verletzt?«
»Schon okay. Beeil dich lieber!«, war alles, was er antwortete, bevor er sich mit Lio daran machte, die Wachmänner sicher zu verschnüren.
Beruhigt setzte ich mich auf einen der vier Stühle des Wachpersonals. Rund um mich erstreckten sich in drei Reihen über hundert kleine Monitore. Sie deckten das zwanzig Quadratkilometer große Gebiet komplett ab. Von hier aus hatte man alles im Blick und konnte bei Bedarf sofort Maßnahmen ergreifen.
Eilig rief ich mithilfe der vor mir liegenden Tastatur das Hauptsystem auf. Es war nicht das erste Mal, dass ich das Netzwerk austrickste. Bereits im Alter von elf Jahren war es mir gelungen, mich von zu Hause aus einzuloggen. Jetzt half mir der geheime Zugang, zielgerichtet voranzukommen. Ein ordentlicher Schub Adrenalin rauschte durch meinen Körper und stärkte meine Konzentration. Wie immer, sobald ich in die Welt bestehend aus Einsen und Nullen eintauchte, war ich erfüllt von einer ungestümen Energie. Das hier war es, was ich liebte. Ohne Umschweife suchte ich nach dem Recorder, der die Bilder der Kameras am Eingang des Kellerraumes aufzeichnete. Mit ein wenig Aufwand erstellte ich für alle drei eine Backup-Schleife und schaltete sie schließlich aus. Gelassen lehnte ich mich zurück. Den Trick würde so schnell niemand entdecken. Jetzt war ich bereit für den nächsten Schritt, der sich als weitaus kniffliger erwies.
»Bist du endlich fertig?«, erkundigte sich Daiven ungeduldig und überprüfte ein letztes Mal die Knebel, welche die Wachmannschaft fürs Erste daran hindern würden, Hilfe zu rufen.
»Erledigt!« Grinsend stand ich auf. Ohne weitere Worte verließen wir die Schaltzentrale und rannten die Treppe nach unten. Nur wenige Minuten später hielt ich den Codeknacker an das elektronische Zahlenschloss. Binnen kurzer Zeit entschlüsselte er alle fünf Codes und der Weg zu meinem ehemaligen Zuhause war frei.
* * *
Vorsichtig spähte ich in den dämmrigen Raum und trat ein. Trotz der fehlenden Beleuchtung entdeckte ich auf Anhieb, dass sich nicht viel verändert hatte. Lamonts Büro wirkte immer noch genauso beklemmend, wie in meinen Erinnerungen. Hier traf sich Lamont fast jeden Tag, um mit General Edwards im Geheimen darüber zu reden, was im Justizrat nicht angesprochen wurde. Wieder einmal kam es mir vor, als läge alles weit zurück in einem anderen Leben.
Einsam ruhte der altmodische Schreibtisch aus dunklem Kirschholz in der Mitte des Arbeitszimmers. Die Luft war rein. Ich nickte meinen Freunden zu und sie folgten mir mit gezogenen Waffen. Nun befanden wir uns in Brent Lamonts Villa, die mitten im Herzen des nördlichen Stadtbezirks stand.
Hinter uns lag eine drei Kilometer lange Strecke durch die Enge des spärlich beleuchteten Geheimtunnels. Bereits dort war ich von den grausamen Bildern meiner Vergangenheit überflutet worden. Jeder einzelne Gedanke war unweigerlich mit Schmerz und ansteigendem Hass verbunden gewesen.
»Was jetzt?«, flüsterte Daiven und katapultierte mich damit zurück in die Gegenwart.
»Wir warten.« Leise schloss ich die Geheimtür. Nun war sie wieder Teil eines Bücherregals und als solche nicht zu erkennen. Eine weitere Gemeinsamkeit Lamonts und Callahans. Sie verfügten beide über einen verborgen Fluchtweg.
Daiven und Lio sahen sich neugierig um. Ich hingegen schlich zur Tür des Büros und lauschte durch das kühle Holz in den Flur. Aus Erfahrung wusste ich, dass das Innere der Villa weder von Kameras noch von Leibwächtern überwacht wurde, denn hier pflegte Lamont absolute Privatsphäre. Bis auf das ferne Bellen der Wachhunde, die draußen mit ihren zugewiesenen Wachmännern über das Gelände liefen, war auch nichts weiter zu hören. Meine Uhr am Handgelenk zeigte kurz vor Mitternacht an. Lamont würde bald nach Hause kommen, denn das war seine übliche Zeit. Seiner Gewohnheit nach würde er zuerst in die Küche gehen und sich dann im Arbeitszimmer einen letzten Drink genehmigen. Plötzlich wurde das Hundegebell deutlich lauter.
»Er kommt!«, flüsterte ich und zog mich sofort zur großen Fensterfront zurück. Dort gab es einen direkten Zugang in den feinsäuberlich angelegten Garten, der von einer hohen Mauer umgeben war und neben zahlreichen Wachleuten von einer Menge Sicherheitskameras überwacht wurde. Hier einzudringen war, als wollte man in ein Hochsicherheitsgefängnis einbrechen. Die Villa war von außen hermetisch abgeschirmt.
Wir gingen mit entsicherten Waffen in Deckung. Mein Plan beinhaltete, Lamont zu überraschen, sodass er nicht die Möglichkeit bekam, jemanden zu Hilfe zu rufen. Lio versteckte sich hinter dem Sofa. Daiven und ich verbargen uns mithilfe der schweren Samtvorhänge am Fenster. Dahinter bot sich die beste Gelegenheit, ihn heimlich zu beobachten.
Zum wiederholten Mal verspürte ich mein schneller schlagendes Herz. Die Anspannung wuchs und nahm von meinem Körper Besitz. Ich griff in die Hosentasche der Uniform und vergewisserte mich, dass der Beutel mit dem kostbaren Inhalt nicht verloren gegangen war. Je näher der Moment der Begegnung rückte, desto heftiger wurde ich von meinen hasserfüllten Erinnerungen geplagt. Sie überrollten mich regelrecht. In meiner Jugendzeit war so viel Schlimmes in diesem Arbeitszimmer passiert, dass ich kaum in der Lage war einen klaren Gedanken zu fassen.
Hier hatte ich nebenbei von Margees Tod erfahren, während Lamont stolz von meinen eigenen Fortschritten bei den Experimenten erzählt hatte. Darüber hinaus hatte er mir an diesem Ort eröffnet, dass meine künstlichen Komponenten in der Militärakademie auf die Probe gestellt werden sollten. Nicht zu vergessen die unzähligen Male, die ich in diesem Raum wortlos knieend auf meine Bestrafung warten musste, um seinen Zorn nicht noch weiter zu schüren. Ich sah noch immer seine zufriedene Miene klar und deutlich vor mir, nachdem er mir mal wieder seine Überzeugungen eingeprügelt hatte. Unweigerlich ballte ich die Hände zu Fäusten, bis sich die Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch gruben.
Abrupt öffnete sich die Tür und das Licht wurde eingeschaltet. Ich kniff unweigerlich die Augen zusammen. Als ich mich an die Helligkeit gewöhnt hatte, spähte ich vorsichtig zu Daiven hinüber, der mir ein ermutigendes Lächeln zuwarf. Er ahnte nicht, wie sehr es mir half ihn an meiner Seite zu wissen. Nur mit ihm besaß ich die Courage, mich Lamont zu stellen. Achtsam lauschte ich den Geräuschen. Zum zweiten Mal in der vergangenen Stunde fühlte ich das Adrenalin, das durch meine Adern floß und meine Aufmerksamkeit erhöhte.
Wie nicht anders zu erwarten, vernahm ich das Klirren von fallenden Eiswürfeln in ein Glas, dann hörte ich das Einschenken seines Lieblingswhiskeys. Kurz darauf setzte er sich mit einem leisen Seufzen in den Ledersessel hinter den Schreibtisch. Es war stets die gleiche Routine.
Ich wusste, der Zeitpunkt war gekommen, um sich ihm zu zeigen. Doch ich war wie erstarrt und nicht einmal fähig, den eigenen Atem zu kontrollieren.
»Ich hatte nicht erwartet, dich wiederzusehen, Adam.«
Die mit ruhiger Stimme und ganz ohne Groll ausgesprochenen Worte trafen mich wie ein Blitzschlag. Erschrocken zuckte ich zusammen und fast wäre mir die Waffe aus der Hand geglitten. Brent Lamont wusste, dass wir anwesend waren! Hatte er womöglich Sicherheitskameras einbauen lassen, von denen ich keine Kenntnis hatte?
»Falls du gerade mit dem Gedanken spielst, ob ich die Bodyguards angewiesen habe, dich und deine Begleiter festzunehmen, kann ich dich beruhigen. Wir sind alleine. Warum kommst du also nicht hinter dem Vorhang hervor, damit wir von Angesicht zu Angesicht miteinander reden können. Deshalb bist du doch gekommen«, sagte er völlig gleichmütig.
Wie versteinert starrte ich Daiven an, der gleichermaßen geschockt wirkte und die Waffe hob. Ich schüttelte den Kopf, daraufhin ließ er den Lauf wieder sinken. Auch wenn Lamont das größte Arschloch der Welt war, wusste ich, dass er zu seinem Wort stand. Ferner waren wir tatsächlich hier, um mit ihm zu reden. Dennoch musste ich meinen gesamten Mut zusammenkratzen, ehe ich hervortrat.
»Woher wusstest du, dass ich es bin?«, fragte ich ohne jedwede Emotion und blickte ihm in die grauen Augen. Sie spiegelten die Distanziertheit des Mannes wider, die ich so oft zu spüren bekommen hatte. Er stellte die Unnahbarkeit und Gefühlskälte in Person dar. Für einen flüchtigen Augenblick sah ich jedoch auch Neugierde und Verwunderung aufblitzen. Trotzdem konnte ich an seinem Gesichtsausdruck nicht ablesen, was er dachte. Er saß völlig gelassen in seinem Drehsessel und spielte mit dem Glas Whiskey in der Hand.
»Ehrlich gesagt war es geraten, mein Sohn.« Zum ersten Mal verzog er die Mundwinkel zu einem höhnischen Schmunzeln.
Er ekelte mich an. In all den Jahren war ich vieles für ihn gewesen, aber niemals hatte er mich als seinen Sohn betitelt.
»Deine zwei Begleiter dürfen sich gerne zeigen. Ihnen wird nichts passieren«, sagte er mit gedämpfter Stimme und betätigte einen Schalter am Schreibtisch. Augenblicklich hörte man, wie sich die Tür zum Arbeitszimmer und auch die Fenster automatisch verriegelten. Er hatte sich mit uns eingesperrt.
»Was soll das?«, hakte ich nach und gab meinen Freunden das Zeichen aus ihren Verstecken hervorzukommen. Beide wirken sichtlich nervös und gesellten sich rasch an meine Seite. Zu dritt fixierten wir aufmerksam unser Gegenüber.
Lamont leerte das Glas in einem Zug und stellte es ab. Danach bedeutete er uns, uns zu setzen. Wir lehnten ab und blieben an Ort und Stelle mit gezogenen Waffen stehen.
»Was soll das?«, wiederholte ich meine Frage. »Hast du keine Bedenken, dass wir dich überwältigen könnten?«
»Ihr seid gekommen, um mit mir zu reden. Also tun wir das. Wenn ihr mich erschießen wolltet, hättet ihr es längst getan.« Lamonts ausgeglichener Tonfall erhöhte augenblicklich meine Konzentration.
»Woher wussten Sie, dass wir hier sind?«, übernahm Daiven das Reden und ich konnte seine Nervosität beinahe am eigenen Leib spüren.
Lamont verschränkte lachend die Arme vor der Brust. Er ließ sich weder aufgrund seiner Mimik noch mithilfe seiner Körpersprache in die Karten blicken. »Spielt es wirklich eine Rolle, ob ich es wusste oder nicht? Wie soll ich mich ausdrücken. Nennt es Intuition. Ich gestehe, nachdem man mich informiert hatte, was mit dem Trupp, den ich nach Withergate geschickt habe, passiert ist, hatte ich mit Adams Auftauchen gerechnet. Wenn auch nicht unbedingt zu so später Stunde. Da man keinerlei DNS-Spuren von ihm fand, bin ich davon ausgegangen, dass die Rebellen ihn gefangen nahmen. So wie ich das sehe, lag ich mit meiner Vermutung richtig. Verrätst du mir deinen Namen, junger Mann?« Sprachlos blickte ich zwischen Daiven und Lamont hin und her. Ich fragte mich, was er wirklich wusste und was er uns verschwieg.
»Ich bin ich, das muss genügen«, antwortete Daiven schnippisch.
Unser Gegenüber nickte und stand auf. »Bitte verzeiht, aber mir gelüstet es nach einem weiteren Drink. Möchtet ihr auch einen?« Lässig näherte er sich mit dem Glas in der Hand dem Bartisch und schenkte sich nach, ohne sich im Geringsten um die auf ihn gerichteten Waffen zu kümmern.
»Ich nehme an, ihr seid aus Rays Truppe«, stellte er ohne eine Antwort zu erwarten fest und schlenderte hinüber zu einem der beiden Ledersessel, in den er sich setzte. »Ich frage mich allerdings, warum ihr nur zu dritt seid. Ray schickt keine Kundschafter aus. Schon gar nicht, wenn er mein vorzeitiges Ableben im Sinn hat. Daher verzeiht mir, dass ich vor Neugier beinahe platze. Was wollt ihr?«
»War der Typ schon immer so von sich selbst überzeugt?« Lios genervter Gesichtsausdruck sprach Bände. Doch ich schwieg und konzentrierte mich auf Lamont.
»Warum nennst du mich nicht Brent und nimmst Platz?« Er lächelte und es wirkte keinesfalls hinterhältig, was mich überraschte. »Ich kann es nicht leiden, wenn ich mit meinen Gesprächspartnern nicht auf Augenhöhe rede. Das ist äußerst unhöflich. Also gebt euch einen Ruck. Ich beiße nicht. Wir sind unter uns. Niemand wird uns stören.«
So unbekümmert kannte ich ihn nicht und das schockte mich am meisten. Er schien in den letzten Wochen ein anderer Mensch geworden zu sein. Oder gaukelte er uns allen nur etwas vor? Falls er das tat, war er ein verdammt guter Schauspieler.
»Hör auf damit! Was immer du vorhast, wir fallen nicht auf deine Sorglosigkeit rein. Siehst du die Waffen? Ist dir völlig egal, ob jemand von uns abdrückt?« Ihn eingehend musternd baute ich mich vor ihm auf. Ich war auf der Hut. Äußerlich war er der Mann, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Groß, schlank und mit grauen Strähnen im schwarzen Haar. Er trug einen seiner dunklen maßgeschneiderten Anzüge und blank polierte Schuhe. Trotz allem war er ein anderer Mensch. Jemand, den ich nicht einzuschätzen vermochte.
Lamont lächelte mitleidig. »Natürlich ist es mir nicht egal, Adam. Aber soll ich, wie du es immer getan hast, wie ein Häuflein Elend um mein Leben betteln? Würde es etwas an dem ändern, was ihr ohnehin gedenkt zu tun? Nein. Es liegt auf der Hand, dass ihr etwas Konkretes von mir wollt. Ansonsten hättet ihr euch nicht die Mühe gemacht, in mein Büro einzudringen und hier auf mich zu warten. Gut. Lassen wir die Höflichkeitsfloskeln und kommen direkt auf den Punkt. Ich höre!«
Ich tauschte mit meinen beiden Mitstreitern einen vielsagenden Blick aus. Dann nahm ich gegenüber Lamont auf dem Sessel Platz. Daiven und Lio positionierten sich jeweils links und rechts von mir. Sie überließen mir die Führung des Gespräches, waren sich allerdings unsicher, was uns am Ende erwarten würde.
»Einverstanden. Aber verrate uns zuerst, was du bereits weißt«, sagte ich schlicht. Doch in meinem Inneren tobte ein Orkan voller aufgewühlter Emotionen. Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und einem Hass, der über das normale Maß weit hinausging. Ich ahnte, dass uns unser Gegenüber etwas Wichtiges verschwieg. Nur was? Sicher war ich mir nur in einem Punkt. In meiner Abwesenheit war etwas passiert, das Lamont offensichtlich in eine Art Hochstimmung versetzte. Selbst für ihn war sein momentanes Verhalten keinesfalls normal. Er, der normalerweise niemandem über den Weg traute, sprach mit uns, als handelte es sich um eine Unterhaltung zwischen Freunden.
Erneut nippte er entspannt am Glas. »So gefällt mir das. Du denkst wohl immer noch, ich hätte dich mit Vergnügen in den Tod geschickt. Das Gegenteil ist der Fall. Schon seit einigen Jahren sitzt mir General Edwards im Nacken härter durchzugreifen. Da er offiziell ohne meine Einwilligung nicht handeln durfte, kamen wir zu einer Übereinkunft. Ich gab ihm doppeltes Stimmrecht im Rat. Seine Truppen dürfen nun tun und machen, wie er es wünscht. Dir sind die verschärften Kontrollen sicherlich aufgefallen.«
»Wieso?« Was er behauptete, kam einem politischen Selbstmord gleich.
»Ich tat es nicht ganz freiwillig. Die Dinge sind etwas verworren. Es ging mir in erster Linie nicht um die Zukunft von Elverston, sondern hauptsächlich um das Schicksal einer Person, die du kennst und liebst.«
»Raus mit der Sprache! Was wissen Sie!«, befahl ihm Daiven harsch.
Lamont lächelte süffisant. »So viel, dass das eine mit dem anderen in gewisser Weise zusammenhängt.«
»Geht das auch ohne Rätselraten? Was wollen Sie uns sagen?« Lio hob den Lauf der Waffe und fuchtelte damit herausfordernd herum. Ich wusste, dass er nicht grundlos abdrücken würde, daher ignorierte ich ihn. Allerdings konnte ich mir auf Lamonts Worte keinen Reim bilden.
Er nippte ein weiteres Mal am Whiskey, dann schlug er die Beine übereinander und sah uns der Reihe nach an. Sein Blick blieb an mir hängen. »Ich nehme an, du hast dich aus freien Stücken Rays Männern angeschlossen. Also gut, ich werde euch sagen, was ich weiß. Abgesehen von dem verlorenen Stimmrecht, war ich gegen deine Verbannung machtlos. Ja, ich sprach sie aus, doch der Befehl kam von General Edwards. Er wollte nicht zulassen, dass du die Programmierung der Supervisors manipulierst. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich überhaupt nichts unternommen. Ich selbst bin auch nicht glücklich über die voranschreitende Mobilisierung durch die verdammten Maschinen. Es war Edwards, der auf ein Exempel pochte, um die politische Lage innerhalb der Stadt zu stabilisieren. Das hieß, den Widerstand vernichten und dann aufrüsten. Bist du tatsächlich davon ausgegangen, ich würde so etwas Einzigartiges wie dich in den Tod schicken? Sicher nicht! Du bist zwar nicht mein eigen Fleisch und Blut, aber dafür bist du das fehlende Puzzleteil zur Rettung der Menschheit. Du bist der Einzige, dessen Komponenten nicht vom Körper abgestoßen wurden und bis heute funktionieren. Was glaubst du, warum ich dir so viel Freiraum gelassen habe? Du solltest dich entfalten. Ich mag dir herzlos erscheinen, aber ich bin alles andere als das.«
Im ersten Augenblick raubte mir seine Aussage die Sprache. Ich sprang auf und hielt ihm drohend die Waffe an den Kopf. Am liebsten hätte ich abgedrückt und ihn so für all die Grausamkeiten meiner Kindheit bezahlen lassen. Es war jedoch Daiven, der mich vor einem vorzeitigen Fehler bewahrte und an den Schultern packte. Er sah mich mit Nachdruck an.
»Du weißt, warum wir gekommen sind. Alles andere ist zweitrangig. Lass ihn reden! Hörst du?« Er griff nach meiner Hand und drückte sie fest.
Ich holte einmal tief Luft und atmete langsam wieder aus. Krampfhaft versuchte ich zu verstehen, was Lamont soeben von sich gegeben hatte. Er wusste von Anfang an, dass ich nicht sein Sohn war. Daher hatte er auch niemals Skrupel besessen die qualvollen Experimente an mir durchzuführen. Das lag nun klar auf der Hand. Wohl aber fragte ich mich, woher er das wusste, wenn Sophie nie die Möglichkeit gehabt hatte, ihm die Wahrheit zu erzählen.
»Hörst du?«, wiederholte Daiven energischer.
Ich hob das Kinn und nickte. Leider konnte ich ein leichtes Beben meines Körpers nicht verhindern. Alles in mir war in Aufruhr. Ich war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. »Woher weißt du, dass ich nicht dein Sohn bin?«, donnerte ich ihm wutschnaubend entgegen. Ich war viel zu aufgewühlt, um mich im Zaum zu halten. Mir war ohnehin klar, dass die Bodyguards wussten, dass er nicht allein im Büro saß.
Lamont seufzte und lächelte blasiert. Nur zu gerne hätte ich ihm den Lauf meiner Waffe in den Mund geschoben, nur damit er keine Chance hatte, mich weiterhin zu verhöhnen.
»Woher weißt du, dass du nicht mein Vater bist?«, konkretisierte ich die Frage.
»Samantha hat es mir kurz vor deiner Geburt gestanden«, antwortete er leise, fast schon flüsternd. »Es war nicht leicht, für mich zu wissen, dass Ray dein Vater ist. Aber ich habe mich stets bemüht, die Tatsache zu akzeptieren.«
»Bemüht?«, brüllte ich ihn an. Der Hass in mir gewann die Oberhand. »Du hast dich stets bemüht? Du hast mich nach Liberty Station geschickt ... immer und immer wieder! Du warst derjenige, der jeden Fortschritt mit Argusaugen beobacht hat. Du hattest nie moralische Bedenken mir und den anderen diese Tortur anzutun! Du hast dafür Kinder in den Tod geschickt! Ist das deine Vorstellung von Fürsorge? Für dich gelten doch nur deine krankhaften und fast schon wahnhaften Vorstellungen des ewigen Lebens. Du willst den Geist in eine funktionierende Maschine einsperren und denkst kein bisschen über irgendwelche Konsequenzen nach. Also hör auf darüber zu reden, als würde es dir leidtun! Du hast nie die Schmerzen gespürt!«
Lamonts Lächeln verschwand und er blickte mich mit ernster Miene an. Als er schließlich aufstand, das Glas zur Seite stellte und mir eine Hand auf die Schulter legte, war das zu viel für mich. Ich schlug sie weg und verpasste ihm mithilfe meines künstlichen Armes einen ordentlichen Kinnhaken. Sein Kopf ruckte zur Seite. Seine Unterlippe war aufgeplatzt und blutete.
»Fass. Mich. Nie. Wieder. An!«, betonte ich jedes Wort drohend mit bebender Stimme.
»Schon gut, mein Junge«, sagte er sanftmütig. Er wischte sich mit den Fingern das Blut ab und trat einen Schritt zurück. »Ich verstehe dich. Ja, das tu ich wirklich. Doch das alles hat einen Grund. Einen sehr wichtigen Grund. Sobald du es mit eigenen Augen siehst, wirst du es verstehen.«
»Wovon zum Teufel redest du?« Ich konnte mich kaum noch zügeln. Nur Dank Daiven stürzte ich mich nicht auf ihn.
»Das alles tu ich für Samantha.« Seine Antwort war schlicht und einfach, aber auch verstörend.
»Mum ist tot!«, giftete ich ihn an und glaubte, ich würde gleich den Verstand verlieren. Ich hatte mit so vielen Argumenten seinerseits gerechnet, aber dass er meine Mutter ins Spiel brachte, war der letzte Tropfen, der das Fass voller Hass und Enttäuschung zum Überlaufen brachte.
»Das ist sie eben nicht, Adam. Sie lebt, doch sie ist in einer Hülle gefangen, die nichts weiter als totes Fleisch ist.«
»Was ...?«, presste ich heraus und taumelte schockiert nach hinten, bis mich Daivens Arme auffingen. »Was redest du für einen Müll?«
»Mein Junge, glaub mir, deine Mutter ist nicht tot. Sie hat das Feuer im Gewächshaus vor fünfundzwanzig Jahren überlebt. Sie ist nicht tot, aber eine Gefangene ihres eigenen Geistes. Ich hoffte, sie mit deiner Hilfe zurückzuholen. Wenn du mich lässt, kann ich es dir beweisen.«
Während er sprach, nahmen seine Augen einen seltsamen Glanz an, der mich für einen flüchtigen Moment in meine Kindheit zurückversetzte. Damals hatte er mich oft so befremdlich angesehen. Meistens dann, wenn die Wissenschaftler einen Fortschritt an mir verzeichnen konnten.
Von einem Augenblick zum nächsten stand meine Welt Kopf. Ich hörte Lamonts Worte und doch begriff ich sie nicht. Wie war das möglich? Ehe ich vor knapp vier Wochen verhaftet worden war, hatte ich ihr Grab besucht. Die komplette Tragweite dessen, was er sagte, war kaum zu fassen.
»Was ... was hat das ... alles zu ... bedeuten?«, stammelte ich kraftlos und ließ es zu, dass Daiven seinen Arm um meine Schulter legte.
»Vieles und noch so viel mehr«, erwiderte Lamont kryptisch. »Ich weiß von Sophies Tod und das einer von euch beiden ihr Sohn ist.«
»Woher?«, murmelte Lio und wir drei schauten uns sprachlos an.
Lamont setzte sich wieder in den Sessel. »Von meinem Spion unter den Black Devils . Dank ihm war ich immer auf dem Laufenden, was Ray in Timbermore Point plant. Dass er den Originalbauplan des Speicherchips in seinen Besitz bringen will, ist für mich schon lange kein Geheimnis mehr. Leider konnte mein Verbindungsmann mir nichts Genaues über die künftigen Pläne berichten. Aber er teilte mir mit, dass Adam mit einigen Rebellen vom Stützpunkt geflohen ist und Sophie dabei ihr Leben gelassen hat. Daher habe ich nur darauf gewartet, dass ihr irgendwann bei mir auftaucht. An wen sonst hättet ihr euch wenden sollen, wenn es um Ray geht?«
Bass erstaunt starrte ich Lamont an. Mein Puls raste und ich vergaß beinahe zu atmen.
»Wer ist der Verbindungsmann?«, erkundigte sich Daiven und schluckte merklich.
»Er ist nicht weiter von Belang. Ihr kennt ihn ohnehin nicht. Wichtig ist, dass er mich mit Informationen versorgt und Ray mit falschen Nachrichten gefüttert hat. Callahan denkt wahrscheinlich immer noch, sein Kontakt wäre ein kleines Rädchen in der Stadt, der den eigenen Präsidenten verrät. Dass ich es bin, der hinter allem steckt und ihn mit den neusten Informationen fütterte, ahnt er nicht einmal.« Das zufriedene Lächeln kehrte auf Lamonts Gesicht zurück. »Ich mache euch einen Vorschlag. Senkt die Waffen und nehmt Platz. Lasst uns vernünftig über alles reden und ich verspreche euch, ich werde ehrlich antworten.«
Wie in Trance nickte ich Daiven und Lio zu und wir drei setzten uns. Ich auf dem Sessel, die anderen beiden auf dem Sofa. An alles, woran ich denken konnte, war meine Mutter. Falls er wirklich nicht gelogen hatte, und daran glaubte ich, lebte sie. Doch was war geschehen und was hatte das mit den Experimenten in Liberty Station zu tun?