Kapitel Dreiundzwanzig
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Adam
Mit widersprüchlichen Gefühlen konfrontiert, schwankte ich mit jedem Wort aus Lamonts Mund zwischen abgrundtiefem Hass und wachsender Hoffnung auf ein gutes Ende. Je mehr er jedoch von seinem angeblichen Stimmverlust im Justizrat sprach, desto weniger war ich geneigt, ihm zuzuhören oder gar zu glauben. Die Zwistigkeiten innerhalb der Stadtpolitik interessierten mich nicht, sondern wie man Callahans Vorhaben einen Riegel vorschieben konnte. Würde es ihm gelingen, eine Armee aus Surges aufzubauen, führte das unweigerlich zu einem weiteren Bürgerkrieg zwischen Timbermore Point und Elverston. Egal, aus welchem Blickwinkel man die aktuellen Ereignisse betrachtete, viele unschuldige Menschen würde dabei ihr Leben für etwas opfern, von dem sie nicht einmal etwas ahnten.
Dass Lamont Sophie als einzig wahre Freundin ansah, hätte ich persönlich nie geglaubt, wenn ich den Brief nicht mit eigenen Augen gelesen hätte. Es aus seinem Mund zu hören, überraschte mich dennoch. Ich schätzte, es lag an der Tatsache, dass ich ihn anders kannte. Seine aalglatte Art, sowie sein überheblicher und viel zu freundlicher Ton, rieten aber nicht nur mir zur Vorsicht. Auch meine Freunde gingen achtsam mit den Dingen um, die er freiwillig preisgab.
Obwohl ich ihm nicht über den Weg traute, war es undenkbar, ihm den Brief und die Testergebnisse vorzuenthalten. Deshalb übergab ich ihm beides nach einem bestätigenden Nicken von Daiven und Lio. Alles Weitere behielt ich vorerst für mich, während mich zunehmend eine
merkwürdige Unruhe beschlich. Der derzeitige Frieden war mir zu auffällig. Ich hatte das Gefühl, dass Lamont auf Zeit spielte. Plante er etwas, oder wartete er nur auf einen günstigen Zeitpunkt, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Meiner Meinung nach lief es auf beides hinaus. Allein, dass wir ohne Zwischenfälle in die Stadt hineinspaziert waren und es unbehelligt bis ins Büro geschafft hatten, war ein deutliches Indiz dafür.
Aufmerksam behielt ich ihn im Blick. Die Nähe meiner Freunde gab mir die Kraft, um wieder klar denken zu können. Vor allem in Bezug auf meine Mutter. Das Thema interessierte mich brennend, dennoch musste ich mich langsam herantasten, um an weitere Informationen zu kommen.
Nachdem Lamont zuerst die Testergebnisse und die Randnotizen studiert hatte, ging er dazu über, Sophies Brief zu lesen. Je länger ich ihn dabei beobachtete, umso prägnanter zeichnete sich für mich ein deutliches Bild ab. Er wirkte zum ersten Mal in seinem Leben überrascht. Dieser Wesenszug irritierte mich kurz. Als ich ihn jedoch genauer in Augenschein nahm, bemerkte ich das verschmitzte Schmunzeln um die Mundwinkel herum. Er spielte uns etwas vor. Meine Alarmglocken schrillten.
»Wirst du uns helfen?«, erkundigte ich mich und nahm die Papiere wieder an mich. Den Brief überließ ich dem wahren Empfänger.
Lamont taxierte uns der Reihe nach. Dann wandte er sich emotionslos an Lio: »Du bist Sophies Sohn! Du hast eindeutig James Kinnpartie.« Sein Blick wanderte weiter. »Und du mein Junge, bist Daiven. Es wundert mich nicht, dass Ray deine Eltern töten ließ. Er war schon immer gut darin, seine Widersacher auf die sicherste Art zu beseitigen.«
»Sag uns lieber etwas, dass wir nicht wissen!«, schnauzte ich ihn an.
»Ich bin nicht euer Feind«, antwortete Lamont ruhig. »Das ist doch das, was euch beschäftigt, oder? Ich würde keinen Vorteil daraus schlagen, wenn ich euch hintergehen würde. Bevor ich euch helfe, müssen wir allerdings noch ein paar Dinge klären.«
»Was? Ist dir ein blutiger Krieg lieber?« Wutschnaubend sprang ich auf und richtete ein weiteres Mal den Lauf der Waffe direkt auf seine Stirn.
Lamont hob seelenruhig die Hand und drückte den Waffenlauf gen Boden. »Nicht so vorschnell. Wir warten noch auf einen Gast. Euer Bruder sollte bald da sein.«
Konsterniert blickte ich ihn an. Im gleichen Augenblick wurde wie durch Geisterhand die Notverriegelung aufgehoben und die Tür öffnete sich. Wie angekündigt trat Nash ein, gefolgt von einem Mann, der mir bestens vertraut war. Bis heute hatte ich das ausdrucksstarke Grinsen in dem dunklen Gesicht nie vergessen können. Er trug die olivgrüne Uniform des Militärs geschmückt mit dem Abzeichen eines Colonels und musterte mich interessiert aus den düsteren Augen.
Mir wurde schlagartig übel. Mein Pulsschlag stieg in ungeahnte Höhnen und ich musste mich zusammenreißen, um mich nicht auf ihn zu stürzen. Ich hasste diesen Mann genauso abgrundtief wie den, der mich den widerlichen Experimenten ausgesetzt hatte, wenn nicht sogar mehr. Ich hätte es wissen müssen, dass er auftauchen würde. Die beiden gab es nur zusammen oder gar nicht. Smith war der größte Speichellecker in der Stadt und Lamonts Handlanger für das Grobe. Es gab nichts, was er nicht für seinen Präsidenten tun würde.
»Es überrascht mich wirklich dich wiedersehen«, sagte der Colonel mit seiner tiefen Bassstimme und schloss die Tür zum Arbeitszimmer. Augenblicklich wurde die Verriegelung erneut aktiviert.
Ich zog Nash sofort zu mir, während Lio und Daiven sich schützend neben uns stellten. Er machte einen leicht schläfrigen
Eindruck und hielt sich nur wackelig auf den Beinen. Womöglich hatte man ihm irgendetwas gegeben, damit er ruhig blieb. Obwohl ich mir Sorgen machte, durfte ich mich nicht von seiner Anwesenheit ablenken lassen.
»Was hat das zu bedeuten?« Ich ließ all meiner angestauten Wut freien Lauf.
»Zumindest nicht, was du denkst«, kam die schlichte Antwort vom Colonel, der mit verschränkten Armen mitten im Raum stand. Er zog weder die Waffe, noch reagierte er sonst auf irgendeine Weise feindselig. Das irritierte mich.
Unzählige Gedanken rasten mir durch den Kopf. Smith war es gewesen, der sichergestellt hatte, dass ich als Kind nach Liberty Station
eskortiert und wieder nach Hause gebracht wurde. Oft hatte er die Aufgabe persönlich übernommen. Das letzte Mal hatte ich während der Apexsitzung flüchtig an ihn gedacht. Ihn leibhaftig vor mir zu sehen, schwemmte Emotionen an die Oberfläche, die ich bislang erfolgreich verdrängt hatte. Wobei das nicht ganz stimmte. Ich hatte sie an Nash weitergegeben, der sie für mich auslebte. In diesem Moment wünschte ich mir sehnlichst, Smith hätte die Verletzungen erlitten, die Daiven über sich ergehen lassen musste, denn für ihn waren sie bestimmt gewesen. Er war der Träger des Tattoos, das ich mit Schmerz und Pein in Verbindung brachte. Es an Daiven zu sehen, hatte mich anfangs mehr geschockt, als ich zugeben wollte. Ich hatte beinahe Erleichterung gefühlt, als ich seinen zerstörten Arm gesehen hatte, und dafür schämte ich mich.
Das Nächste, das mir in den Sinn kam, war Mary. Hatte sie mich verraten? Oder hatte ihr Bruder uns womöglich ans Messer geliefert? Obwohl ich mir beides nicht vorstellen konnte, bestanden die Möglichkeiten durchaus.
»Was ist mit Nash? Was habt ihr ihm gegeben?«, hakte ich nach und ging gar nicht erst auf Smiths Worte ein.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Lio die Halbautomatik auf den Colonel gerichtet hatte. Daiven hielt Lamont in Schach. Ihre angespannte Körperhaltung zeigte, dass sie kurz davor waren, die Geduld zu verlieren. Auch ich war diese miesen Tricks allmählich leid.
»Sag schon, was ist mit ihm?«, giftete ich Smith an.
»Keine Sorge. Er hat nur ein leichtes Beruhigungsmittel gespritzt bekommen.«
»Woher wusstet ihr von ihm?«, warf Daiven ein.
»Liegt es nicht auf der Hand?« Lamonts überhebliches Lachen war blanker Hohn in meinen Ohren. Plötzlich fiel mir die Wahrheit wie Schuppen von den Augen und ich kam mir wie ein Narr vor. Enttäuscht senkte ich die Waffe. Ich hätte es ahnen müssen.
»Du warst über unser Eindringen im Bilde«, sagte ich enttäuscht und hätte mich am liebsten selbst geohrfeigt. Lamont spielte definitiv ein falsches Spiel mit uns. Er hatte uns das Betreten der Stadt erlaubt und uns den Weg freigehalten, damit wir überhaupt erst so weit kommen konnten.
»Stimmt, ich habe Kenntnis über jeden eurer Schritte, seit ihr den Fuß in die Kanalisation gesetzt habt«, bestätigte Lamont meine Vermutung mit einem selbstgefälligen Grinsen. »Ich war mir sicher, du würdest einen Weg zu mir finden. Daher wies ich den Colonel an, alle möglichen Eingänge im Auge zu behalten, aber nichts zu unternehmen, sobald du auftauchst. Wichtig war nur, es vor General Edwards geheimzuhalten. Hätte er etwas davon mitbekommen, wärt ihr schon längst hinter Schloss und Riegel. Deshalb haben wir auch so schnell wie möglich Nash zu uns geholt. Falls du dir Sorgen um Mary oder ihren Bruder machst, die sind unbegründet. Ihnen ist nichts passiert. Charly ist einer meiner treusten Wachen. Er hat uns sofort über den Rebellen informiert, der sich bei seiner Schwester versteckt hielt. Warum sollte ich einem so loyalen Soldaten etwas antun?«
Die Worte warfen ein völlig neues Licht auf die Situation. Ich wusste, dass weitaus mehr dahinter steckte, als nur die Tatsache, dass er mit uns reden wollte.
»Jungs«, übernahm Smith. »Der Präsident wird euch sicherlich über den wachsenden Einfluss des Generals informiert haben. Die Männer, die uns treu ergeben sind, würden nie und nimmer ausreichen, um Edwards zu stürzen. Besonders jetzt, da es ihm gelungen ist, ein großes Handelsabkommen mit Mexiko und Europa abzuschließen. Außerdem war er es, der den Befehl zum Aufrüsten der Supervisors gab. Er hat dem Rat vorgeschlagen, sie verstärkt an den Grenzen einzusetzen. Nun wiegt der Stimmverlust deines Vaters höher als je zuvor. Schon vor deinem Urteil ist dir wahrscheinlich aufgefallen, dass immer mehr Supervisors durch die Stadt patrouillieren. Inzwischen hat Edwards deren Anzahl verdoppeln lassen und alle tragen die Detonationsfunktion in sich. Eine falsche Aktion und sie reißen viele Menschen mit ins Verderben. Edwards Ziel ist es, die menschlichen Soldaten still und heimlich zu dezimieren, und aus Elverston eine uneinnehmbare Festung machen, die allein von ihm kontrolliert wird. Wenn das so weiter geht, werden wir in spätestens zwei Jahren von diesen Biestern überrollt, denen ich nicht weiter über den Weg traue, als dem Teufel persönlich. Das dürfen wir nicht zulassen.«
Ich seufzte. Selbstverständlich verstand ich die Bedenken, doch konnten wir uns auf die Aussagen von Lamont und Smith verlassen? Ich hatte da so meine Zweifel. Außerdem waren wir nicht gekommen, um über die politische Lage der Stadt zu philosophieren, sondern um herauszufinden, ob jemand im Stande war, Callahan und damit den Bau der Surges aufzuhalten. Außerdem gab es da immer noch Nash, dem wir dringend helfen mussten.
»Adam?«, rief mich Daiven zu sich. »Was genau will er uns sagen? Lio und ich kommen nicht so ganz mit.«
»Ich habe das Geschwafel langsam satt«, kam es von Lio. »Sieh dir Nash an. Er hält nicht mehr lange durch. Wir wollten doch zu einem Apex.« Er richtete einen sorgenvollen Blick auf unseren Halbbruder. Nash wankte von einer Seite auf die andere.
»Ihr habt recht«, murmelte ich. »Wir haben nur ein kleines Problem. Lamont hat uns durch die Blume gesagt, dass er nur noch General Edwards Marionette ist. Das heißt, das Militär hat eigentlich das Sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob er uns überhaupt helfen kann.«
Daiven wirkte beunruhigt. »Der Typ erinnert mich stark an Callahan.«
»Ja. Leider. Hört mir zu. Aktuell ist es besser, wir stehen auf ihrer Seite, als ganz alleine. Ich denke, ich weiß, was hier los ist. Lasst mich mal machen und wir werden es gleich sehen.«
Meine Freunde sahen mich misstrauisch an.
»Keine Sorge. Ich habe Nash nicht vergessen.«
Obwohl sie nicht überzeugt schienen, stimmten sie mir zu. Ich war ihnen für ihr Vertrauen dankbar und würde alles daran setzen, um sie nicht zu enttäuschen.
»Wenn ich so darüber nachdenke, ergibt sich ein klares Bild«, wandte ich mich schließlich laut an Lamont und blickte ihm unnachgiebig in die Augen. »Es war erst nicht leicht zu erkennen, aber allmählich kristallisiert es sich heraus. Ich nehme an, wir stehen nur lebend vor euch, weil ihr beide es so wollt. Du warst die ganze Zeit über bestens informiert und hast nur auf den günstigsten Zeitpunkt zum Zurückschlagen gewartet. Liege ich soweit richtig?« Nachdem die Worte ausgesprochen waren, verpuffte die Unsicherheit, die mich bisher unterschwellig gehemmt hatte. Jetzt waren wir am Zug.
»Euch stehen nicht so viele Soldaten zur Verfügung wie Edwards«, fuhr ich fort. »Deshalb müsst ihr auf andere Ressourcen zurückgreifen. Das wären dann wohl Callahans Truppen, die nicht einmal ahnen, dass sie von euch vor den Karren gespannt werden sollen. Fast bin ich geneigt, euch für den ausgeklügelten Plan zu gratulieren. Aber nur fast. Noch verstehe ich nicht, wie ihr das bewerkstelligen wollt.«
»Es war der Zufall, der alles in die Wege geleitet hat. Nachdem die Würfel gefallen sind, bin ich froh, dass es so gekommen ist.« Trotz der zuversichtlichen Worte wirkte Lamont plötzlich nicht mehr so selbstsicher. Womöglich bildete ich es mir auch nur ein. »Wie wir alle wissen, ist Ray nicht mehr aufzuhalten. Er ist versessen darauf seine eigene Roboterarmee gegen uns einzusetzen. Das heißt, er braucht endlich den echten Bauplan des Originalchips und ist es leid zu warten. Edwards setzt auf seine Supervisors, die die Rebellen problemlos vernichten könnten, sollte er dazu den Befehl geben. Ich stehe dazwischen. Also mussten Smith und ich das Ganze etwas vorantreiben. Ich habe Ray mehr Wissen überlassen, als gut für ihn ist. Eure Flucht hat alles ins Rollen gebracht, sodass es nicht mehr aufzuhalten ist. Wie heißt es so schön: Wir schlagen jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe.«
Seine Worte überraschten weder mich noch Daiven oder Lio. Allerdings fehlten ein paar Puzzleteile, um alles ordentlich zusammenzusetzen. Zum ersten Mal, seit ich die Villa betreten hatte, keimte Hoffnung in mir auf. Um sicherzugehen, dass ich richtig lag, hakte ich nach: »Demnach hast du nur darauf gehofft, dass es irgendwann zu einer derartigen Situation kommt. Der Zufall kam dir mehr als gelegen«, sagte ich scheinbar gelassen. Dafür spürte ich umso deutlicher den schweren Klumpen, der sich in meinem Magen festsetzte. »Mit unserer Flucht versetzten wir Callahan in Alarmbereitschaft. Ich frage mich, was passiert, wenn er die Grenze angreift? Meine Freunde kennen ihn besser
als ich, aber im Prinzip unterschreibt er damit doch nur das eigene Todesurteil.«
»Normalerweise würde ich dir jetzt recht geben« Brent Lamont lächelte zufrieden. »Aber vergiss nicht, Ray denkt, er hätte hier einen Verbündeten. Ich habe ihm versichert, sobald ich ihm ein Zeichen gebe, bekommt er eine sichere Passage in die Stadt. Genau deshalb wird er sie auch ohne Bedenken betreten.«
»Durch die Kanalisation ...« Daivens schockierter Ton gab genau das wieder, was ich fühlte.
»Ich vermute, es läuft alles wie vorhergesehen?«, erkundigte sich Lamont beim Colonel.
Smith nickte zufrieden. »Selbstverständlich. Kurz vor meiner Ankunft wurde mir berichtet, dass Callahans Truppen in die Tunnel eingedrungen sind. Die Grenzposten haben nichts bemerkt.«
»Wunderbar!«, gratulierte Lamont ihm und erhob sich aus dem Sessel.
Ich stellte mich ihm in den Weg und hinderte ihn daran, in Richtung Tür zu gehen. »Halt! Gar nichts wunderbar. Ihr benutzt Callahans Männer, um die eigenen Truppen zu unterstützen und Edwards’ Soldaten zu dezimieren. An die Surges will ich gar nicht denken und was ist mit all den unschuldigen Menschen in der Stadt?«
»Kollateralschaden«, war alles, was ich zu hören bekam.
»Wie bitte? Geht’s noch? Hast du dir mit deinem Whiskey die Gehirnwindungen verätzt?«, brauste ich auf. Entrüstet stürmte auf ihn zu. Die Ungeheuerlichkeit des Ganzen brachte mich zur Weißglut. Ich musste mich zusammenreißen, um ihm nicht aus Versehen den Schädel einzuschlagen. »Ihr beide seid genauso krank wie Callahan! Wie wäre es, wenn wir euch auf der Stelle erschießen und so dem Irrsinn gleich ein Ende setzen. Ist es das, was du willst?«
Brent Lamont lachte schallend und auch Smith konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
Lio trat vor und hielt seine Waffe direkt an die Schläfe des Colonels. »Was zur Hölle ist so verdammt lustig? Glaub ja nicht, ich hätte Skrupel abzudrücken.«
»Ich werde ihn nicht davon abhalten«, erklärte ich eiskalt und sah zu Nash. »Eventuell wären wir aber geneigt euch zu verschonen, wenn du mir die Möglichkeit gibst, den Apex in Liberty Station
zu benutzen. Abgesehen davon will ich den Beweis, dass meine Mutter wirklich noch lebt. Bring mich zu ihr. Ich will sie mit meinen eigenen Augen sehen.«
Für einen Moment herrschte Totenstille. Brent Lamont und Colonel Smith wechselten nickend einen Blick.
»Einverstanden!«, bedeutete Lamont. »Ich wollte euch ohnehin vorschlagen, dass wir uns dorthin begeben. Denn das ist auch Callahans Ziel. Er denkt, dass er dort findet, wonach er schon so lange sucht.«
»Der Bauplan wird nicht mehr im Ebon Range Spire
aufbewahrt?« Fassungslos wollte ich das eben Gehörte nicht glauben. Der Sitz des Justizrates, der zugleich auch das Oberkommando des Militärs beherbergte, war eine wahre Festung. Einen sichereren Ort gab es nicht.
»Nicht mehr. Damit Edwards ihn sich nicht aneignen kann, wurde er in mein Büro nach Liberty Station
gebracht. Dort ist bereits alles abgeriegelt. Ohne mich oder Smith kämt ihr nicht einmal in die Nähe der Labore.«
»Das denkst du. Ich kenne durchaus einen Weg, um ungesehen dort hinzukommen. Ich bin ihn schließlich oft genug gegangen«, argumentierte ich, dennoch fühlte ich, wie die Anspannung in mir wuchs.
»Spielt das eine Rolle? Glaubst du, wenn du in Liberty Station
eingedrungen bist, dass dich niemand daran hindern würde, den Apex zu benutzen? Mein Vorschlag wäre, ihr
vertraut mir und wir brechen schleunigst auf, um Nash zu helfen. Einen weiteren Kämpfer gegen Callahan zu haben, wäre durchaus erstrebenswert.« Lamont ging zu meinem Halbbruder und musterte ihn neugierig. »Ich kannte ihn als Kind. Ihn so zu sehen, gefällt mir nicht.«
Wie schon einmal zuvor gewann ich den Eindruck, als würde seine hochmütige Fassade einen Riss aufweisen. Er schien tatsächlich zu bedauern, was mit Nash geschehen war. Trotz allem nahm ich ihm den Anflug von Reue nicht ab.