Kapitel Fünfundzwanzig
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Daiven
Fasziniert starrte ich auf den Monitor, der in rasender Abfolge eine Flut an Bildern zeigte. Es waren Adams und Nashs Gedanken. Sie verflogen jedoch viel zu schnell, als dass ich in der Lage war, auch nur einen davon wirklich zu erfassen. Erleichterung durchflutete mich. Endlich, nach Wochen der Ungewissheit, war das Ende des Albtraums in Sicht.
Immer wieder wanderte mein Blick zwischen Adam und Nash hin und her. An ihren Köpfen saßen Elektroden, die mit einem großen flachen Bildschirm verbunden waren. Die Vorstellung, dass Callahan vorgehabt hatte, das Teufelsding an mir zu benutzen, erschreckte mich. Jetzt da ich wusste, was passieren konnte, hätte ich um keinen Preis zugelassen, dass er in mein Gehirn eindringt. Nicht einmal unter Androhung von körperlicher Folter oder gar dem Tod. Beiläufig griff ich mir an den rechten Oberarm. Die Narben von Nashs Angriff würde ich bis an mein Lebensende tragen und somit niemals vergessen. Dennoch war mir bewusst, dass er mir das ohne den Apex nie angetan hätte.
Ich knirschte mit den Zähnen. Mein Blick schweifte hinüber zu Brent Lamont. Er schien regelrecht von der Bilderflut gefangen zu sein. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Monitor.
Mittlerweile besaß ich eine Vermutung, was Adam als Nächstes plante. Wir hatten zwar nicht darüber gesprochen, dennoch musste ich Lamonts Unaufmerksamkeit nutzen, um Lio einzuweihen. Langsam und unauffällig zog ich meinen Freund zur Seite.
»Das Ding ist der helle Wahnsinn!«, flüsterte er mir ehrfürchtig zu.
»Vergiss den Apex«, wisperte ich und achtete darauf, dass der Präsident nichts mitbekam. »Hör zu. Adam wird sich an dem Mistkerl rächen wollen. So wie ich ihn kenne, will er den ganzen Bunker in die Luft jagen«, fuhr ich rasch im Flüsterton fort. »Ich weiß nicht wie, aber ich bin mir sicher, er hat sich bereits etwas überlegt. Wir müssen uns auf alles gefasst machen.«
Lio sah mich mit einem entschlossenen Blick an. Er war einsatzbereit und wartete nur noch darauf loszuschlagen. Ganz egal was Adam beabsichtigte zu tun. Doch zuerst musste der Apex seine Arbeit beenden. Nervös biss ich mir auf die Lippen.
»Schon bald kämpfen vier fähige Männer auf meiner Seite«, sagte Lamont unvermittelt. Er drehte den Kopf zu uns und brachte mich mit seinem blasierten Gesichtsausdruck kurzzeitig aus dem Konzept. Seine Körperhaltung verriet, dass er voll und ganz von sich überzeugt war.
»Ach ja? Bist du dir sicher?«, reizte ich ihn und lächelte süffisant.
»Ich denke schon. Nein ... ich bin mir sicher, wenn ihr seht, welches Geschenk ich für euch vorbereitet habe. Smith müsste gleich eintreffen und er hat für eine grandiose Überraschung gesorgt. Wartet es nur ab!« Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust und konzentrierte sich aufs Neue auf die Bilderfolge des Apex’, die allmählich langsamer wurde und zu undeutlichen Abbildungen verschwammen.
Der Mann sprach für mich in Rätseln und ich spannte instinktiv die Schultern an. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür. Ein Wachmann, vermummt mit einer Sturmhaube, schubste einen mir wohlbekannten Mann in den Raum. Ray Callahan! Seine Hände waren mit Handschellen auf dem Rücken fixiert. Zusätzlich war er zur Sicherheit mit einem dicken roten Seil um Brust und Oberarmen gut verschnürt.
Irritiert und dennoch von Schadenfreude erfüllt, beobachtete ich, wie mein früherer Kommandant ins Stolpern geriet und vor mir auf die Knie fiel.
»Herzlich willkommen, alter Freund«, sagte Brent Lamont mit übertrieben fröhlicher Stimme.
»Endlich sind alle Loser an einem Platz versammelt.« Ray Callahan hob den Kopf und starrte zuerst Lamont und dann mich verachtungsvoll an.
»Der einzige Loser im Raum bist du!« Ich ballte die Hände und achtete auf niemanden mehr. Meine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Mörder meiner Eltern. Hemmungslose Wut und unkontrollierbarer Hass brodelten in mir hoch. Ich wollte Rache für all die Unschuldigen, die diesem Monster zum Opfer gefallen waren. Allen voran für meine Eltern und Sophie. Von höllischer Raserei ergriffen, stürmte ich mit einem Schrei auf ihn zu. Mit einem gezielten Tritt gegen die Brust warf ich ihn rücklings zu Boden. Dann gab es für mich kein Halten mehr. Mit voller Wucht schlug ich ihm mit der Faust auf die linke Gesichtshälfte, sodass sein Kopf heftig zur Seite ruckte.
»Das ist für meine Mum!«, brüllte ich aus meinem tiefsten Inneren.
Der zweite Faustschlag donnerte gegen die rechte Wange.
»Das für meinen Dad!«
Callahan spuckte Blut und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Angst in seinen Augen. Mit Genugtuung bearbeitete ich weiterhin sein Gesicht. »Und das ist für Sophie! Und das für all die Grausamkeiten, die ich wegen dir durchmachen musste! Und das ist ...«
Plötzlich fühlte ich eine sanfte Berührung auf meiner Schulter, die mich innehalten ließ. Hektisch atmend starrte ich auf Callahans blutüberströmtes Gesicht. Seine Nase war gebrochen. Ich hob den Blick und erkannte Adam neben mir.
Mein Freund lächelte sanft und reichte mir die Hand. »Lass gut sein, er ist es nicht wert.«
Ich nickte schweigend und ließ mir aufhelfen. Abschätzend sah ich Adam an. Ohne dass ich meine Frage stellen musste, antwortete er: »Es hat geklappt. Lass uns jetzt das tun, wofür wir gekommen sind.«
Ein letztes Mal wandte ich mich an Callahan, der mit der Bewusstlosigkeit kämpfte. Er sah nun nicht mehr wie der skrupellose Mistkerl aus, der er bis vor Kurzem noch gewesen war.
»Nur damit du es weißt ... Vater
... ich kenne die Wahrheit. Ich weiß, dass du mich im Wald sterben lassen wolltest«, spie ich hasserfüllt aus. Das Wort Vater betonte ich absichtlich mit Abscheu.
»Du ... du hast dich ... lange genug von ... von mir täuschen lassen ... Sohn
«, stammelte er und hustete mehrmals, bis er sich einigermaßen gefangen hatte. Schließlich starrte er mich spinnefeind an. »Du kommst ganz nach Lilly und Allen. Viel zu neugierig und viel zu empfindsam, um abzudrücken. Aus dir hätte ein wirklich guter Kämpfer werden können. Sogar mein Nachfolger. Jetzt bist du nur ein verräterischer Feigling!« Er lachte wie ein Wahnsinniger und es klang wie das verhöhnende Bellen einer Hyäne.
»Ich bin nicht feige! Es wäre lediglich eine Verschwendung von Munition«, erwiderte ich kalt.
»Deine Eltern hatten auch immer eine Entschuldigung ...«, sprach Callahan und wurde prompt von Lio mit einem wirkungsvollen Fußtritt gegen die Schläfe zum Schweigen gebracht. Ausgeknockt lag er da.
Mein bester Freund grinste. »Ich hätte ihm nur zu gerne eine Kugel in den Schädel gejagt, aber wie du gesagt hast ... es wäre reine Munitionsverschwendung.«
»Der Meinung schließ ich mich an. Trotzdem wird er sich für das, was er getan hat, verantworten müssen.« Nash gesellte sich zu uns und fuhr sich mit den Fingern fahrig durch die Haare. Mit einer Mischung aus Sorge und Ernsthaftigkeit auf dem Gesicht blickte er sich um.
»Ich wusste, dass euch mein Geschenk gefallen wird.« Lamont klatschte aufgeregt in die Hände und wirkte dabei wie ein kleines Kind.
Ich beachtete ihn nicht weiter, denn mein Augenmerk galt Nash. Mit zwiespältigen Gefühlen wurde mir klar, wie sehr ich darauf gehofft hatte, meinen Waffenbruder zurückzubekommen. Je mehr Zeit ich zwangsweise mit ihm verbracht hatte, desto klarer wurde mir, dass er bei seinem Angriff mehr oder weniger unzurechnungsfähig gewesen war. Dennoch hatte die geistige Genesung einen bitteren Beigeschmack. Nur weil er der Alte zu sein schien, hieß das noch lange nicht, dass nun alles vergeben und vergessen war.
»Hey Großer, wie geht’s dir?« Adam schlug ihm kameradschaftlich auf den Oberarm.
»Ich bin froh, die Scheiße aus deinem Hirn los zu sein, kleiner Bruder. Wie kommst du bloß mit dem ganzen Mist klar?« Er warf einen verächtlichen Blick in Richtung Lamont. »Soll ich dem Kerl den Hals umdrehen, oder willst du das tun?«
»Nun können wir gegen Edwards vorgehen«, bedeutete Elverstons Präsident völlig aus dem Zusammenhang gerissen und lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.
»Das bezweifle ich«, antwortete der Wachmann, der sich die ganze Zeit über erstaunlicherweise im Hintergrund gehalten hatte, sodass ich beinahe vergessen hatte, dass er anwesend war. Überrascht starrte ich ihn an. Er zielte mit der Waffe auf Lamonts Brust, während er sich mit der anderen Hand die Haube vom Kopf zog.
Adam starrte den jungen Mann verdutzt an. »Charly? Was zur Hölle machst du? Ich dachte ...«
»Bist du lebensmüde? Senk sofort deine Waffe! Sonst bist du fällig, wenn Smith kommt!«, befahl Lamont konsterniert und wusste offensichtlich nicht, was vor sich ging. Ebenso wenig wie ich.
»Ich unterstehe ganz sicher nicht deinen Befehlen und was Colonel Smith angeht ...«, sprach der Soldat und verzichtete dabei auf Höflichkeitsfloskeln, »der wurde von mir mit einem Kopfschuss in die Hölle geschickt.«
Entsetzt wich Brent Lamont einige Schritte zurück. Dabei verlor er jedwede Gesichtsfarbe und nestelte jäh an der Innentasche seines Anzuges.
»Denk gar nicht erst daran, die Waffe zu ziehen! General Edwards hat das Labor umstellen lassen. Du wirst den Bunker nur als Gefangener verlassen.« Charly näherte sich ihm rasant und entriss ihm eine kleine versteckte Pistole.
So sehr ich mein Gehirn anstrengte, ich verstand nicht, was gerade passierte. Ehe ich zu einem Ergebnis kommen konnte, übernahm Adam das Wort: »Ich hätte jetzt mit allem gerechnet, aber nicht mit dir.«
»Das kann ich mir vorstellen. Dein Plan war scheiße, wenn ich das mal sagen darf. Hätten meine Leute dich und deine Freunde nicht stets im Visier gehabt, wäre es für Mary und mich nicht so glimpflich ausgegangen. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich von meiner Schwester fernhalten sollst, wenn du mal wieder hirnlos deinen Kopf riskierst?« Trotz der harschen Worte grinste der Soldat meinen Freund breit an.
Adam seufzte erleichtert.
Charlys wachsamer Blick wanderte zufrieden zu uns. »Ich gehöre General Edwards Spezialeinheit an. Ein paar von uns haben sich bei Lamonts Leuten eingeschleust. Wir hatten nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, endlich zugreifen zu
können. Dass es heute Nacht passiert, kam ziemlich plötzlich. Im Übrigen ... alles, was der Drecksack euch erzählt hat, war erstunken und erlogen. Für seine Dreistigkeit, General Edwards heimlich beiseiteschaffen zu wollen, muss er sich vor dem Justizrat verantworten. Ach ja ... und bevor ich es vergesse ...«, er grinste uns schief an, »... meine Uniformen stehen euch nicht.«
»Damit wird Edwards nie durchkommen«, geiferte Lamont.
»Du hast Sendepause!«, antwortete Nash und verpasste ihm einen Kinnhaken. »Ich war vielleicht nicht ganz ich selbst, aber ich kann mich an alles erinnern, was gesagt wurde.«
Lio und ich sahen uns stumm an. Nicht nur ich war froh, den alten Nash bei uns zu wissen.
»Bedeutet das, du stehst auf unserer Seite?«, fragte Lio skeptisch.
»Ich bin zwar kein Fan der Black Devils
, aber in dem Fall ziehen wir am selben Strang. Zumindest kann ich euch zusichern, dass euch nichts passieren wird. Immerhin habt ihr uns geholfen, den korrupten, hinterlistigen und völlig von sich eingenommenen Schweinehund hier endlich dingfest zu machen.« Charly deutete mit der Waffe an, dass Lamont sich in Bewegung setzen sollte. Dann überreichte er Adam Lamonts abgenommene Pistole. »Nehmt die und folgt mir.«
Ich holte tief Luft. Mit erbitterter Miene beäugte ich den bewusstlosen Callahan und den schweigenden Lamont. Er versuchte wohl noch immer, eine Lösung für sein Dilemma zu finden. Für mich zählte in diesem Moment die Wendung, die mit der Enthüllung einherging. Was bedeutete das am Ende für uns?
Auch Lio schien sich diesbezüglich seine Gedanken zu machen, denn er baute sich vor Marys Bruder auf. »Woher wissen wir, ob wir dir trauen können? Wer sagt, dass du ...«
Charly tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust. »Du trägst meine Uniform. Eigentlich bin ich heikel, was meine
Klamotten angeht, aber ich will mal ein Auge zudrücken, wenn du sie mir gewaschen und gebügelt in den Schrank zurück hängst. Und was das Vertrauen angeht ... Adam kennt mich, er bürgt für mich ... nicht wahr?« Grinsend sah er zu meinem Freund hinüber.
»Wie spät ist es?«, erkundigte sich Adam unruhig, ohne auf die Frage einzugehen. Der unerwartete Themenwechsel irritierte nicht nur Charly.
Stirnrunzelnd las Marys Bruder auf der Armbanduhr die Zeit ab. »Zehn nach Drei. Warum?«
»Dann bleiben uns genau zwanzig Minuten.«
»Für was?«
»Um zu verschwinden! Pünktlich um halb vier fliegt uns hier alles um die Ohren«, antwortete Adam. »Dann wird dein Kleiderschrank dein geringstes Problem sein.«
»Wie meinst du das?«, erkundigte sich Charly.
»Ich habe, als ich mich im Kontrollzentrum um die Kameras gekümmert habe, die Selbstzerstörung aktiviert. Der Timer ist auf halb vier eingestellt.«
»Du bist verrückt!«, entrüstete sich Lamont.
»Da muss ich ihm leider recht geben«, warf Charly ein. »Im Bunker befinden sich immer noch unschuldige Kinder.«
»Ich war noch nie bei so klarem Verstand wie jetzt. Wir holen sie natürlich und nehmen sie mit. Und da du uns dabei nur ein Klotz am Bein wärst, rein ins Krankenzimmer!« Adam presste Brent Lamont den Pistolenlauf an die Schläfe.
Der Präsident sah ihn ungläubig an. »Du hast doch nicht vor mich hier verrecken zu lassen?«
Mit einem gehässigen Grinsen stellte sich Adam vor ihn. »Du hast genau zwei Möglichkeiten. Entweder du gehst jetzt da rein und wartest, bis wir dich holen. Oder ich jage dir gleich eine Kugel in den Kopf. Und nimm deinen Kumpel hier mit.« Mit
einem verächtlichen Blick deutete er auf Callahan, der immer noch bewusstlos auf dem Boden lag.
Mit zittrigen Beinen kam Lamont dem Befehl nach. Schockiert sah ich dabei zu, wie er meinen Ziehvater unter den Achseln packte und ihn Richtung Krankenzimmer zerrte. Ich konnte kaum glauben, dass Adam die Laboratorien tatsächlich sprengen wollte. Doch inzwischen hatte ich gelernt, dass er alles, was er sagte, ernst meinte. Tief in meinem Herzen stimmte ich seinem Vorhaben zu. Liberty Station
verdiente seine Daseinsberechtigung nicht und musste vernichtet werden.
»Los! Mach jetzt!«, befahl Adam gefühlskalt, als Lamont an der Tür stehen blieb. Trotz des frostigen Tonfalls meines Freundes sah ich in seinen jadegrünen Augen ein Feuer auflodern. Es war haargenau dasselbe, wie das als wir in Callahans Büro eingedrungen waren. Adam wusste, was er tat, und ich vertraute ihm mein Leben an. Er wartete, bis Lamont Callahan ins Krankenzimmer gezogen hatte, dann setzte er ihn mit einem gewaltigen Schlag seiner künstlichen Faust gegen die Stirn außer Gefecht. Lamont fiel benommen zu Boden.
»Glaubst du wirklich, die Zeit reicht aus, um die Kinder zu retten und die beiden anschließend zu holen?« Charly wirkte gehetzt und starrte nervös auf die Uhr.
»Hab ich jemals gesagt, dass ich das vorhabe? So erledigen wir zwei Ratten auf einmal.« Grinsend schoss er auf das Zahlenschloss.
Mit gefiel die Vorstellung, dass beide in die Luft gesprengt werden sollten. Sie waren schuldig und hatten es verdient für ihre Taten mit dem Leben zu bezahlen. Auch den anderen schien es nichts auszumachen.
»Dann lasst uns nicht länger hier herumstehen. Wo sind die Kinder?«, kam es von Nash.
»Auf der zweiten Ebene. Folgt mir.« Selbst Marys Bruder eilte los, ohne irgendeinen Einwand zu erheben.
Ich wollte ihm gerade folgen, da vernahm ich ein leises Wimmern. Irritiert sah ich mich um und entdeckte die Wissenschaftlerin, die sich die ganze Zeit über in die hinterste Ecke des Labors zurückgezogen hatte und vor Angst am ganzen Körper bebte. An sie hatte niemand mehr von uns gedacht.
»Wartet mal!«, rief ich meinen Freunden nach. Langsam näherte ich mich ihr.
Die Frau fing an zu weinen.
Ich ging vor ihr in die Hocke und versuchte sie zu beruhigen: »Dir passiert nichts. Wir sind hier nicht die Bösen, weißt du ...«
»Los, nimm sie endlich mit!«, forderte mich Nash ungeduldig auf.
Bevor ich reagieren konnte, schnappte er sie am Arm und zog sie auf die Beine.
»Du willst doch leben?«, fragte er.
Die Frau nickte.
»Gut. Dann reiß dich zusammen und komm!«
Ohne sie loszulassen, rannte er mit ihr zur Tür. Ich folgte den beiden als Letzter aus dem Labor. Draußen warteten bereits die anderen ungeduldig.
»Na endlich! Zu den Kindern geht es da entlang.« Charly deutete mit der Hand nach rechts.
»Diese Aufgabe lege ich ganz in eure fähigen Hände«, sagte Adam überraschend und war im Begriff in die entgegengesetzte Richtung zu verschwinden. Ich hielt ihn am Ärmel zurück.
»Was hast du vor?« Schockiert starrte ich ihn an. Mein Puls raste und Adrenalin wurde durch meine Venen gepumpt.
»Ich muss den Speicherchip mit dem Originalbauplan vernichten«, antwortete er mit einem bitteren Ausdruck, der die Ernsthaftigkeit seiner Aussage unterstrich.
»Hier fliegt doch ohnehin gleich alles in die Luft«, drängte Lio kopfschüttelnd.
»Aber ich fühle mich erst sicher, wenn ich ihn eigenhändig eliminiert habe. In der Zwischenzeit kümmert ihr euch um die Kinder. Ich bin gleich wieder da. Geht!«
»Nicht ohne mich!« Ohne mit der Wimper zu zucken stellte ich mich an seine Seite.
»Mir ist es aber lieber, wenn ich weiß, dass du in Sicherheit bist.«
»Entweder wir gehen beide oder gar nicht. Lieber sterbe ich an deiner Seite, als dass ich dich verliere«, sagte ich kompromisslos.
Adam seufzte.
»Wetzt endlich die Hufe ihr zwei Turteltäubchen. Wir warten draußen«, kam es von Charly. Über Funk informierte er seine Einheit über die neue Sachlage, dann rannte er gefolgt von meinen Freunden los.
Während die anderen tiefer in den Bunker eindrangen, sprinteten Adam und ich den entgegengesetzten Gang entlang. Dabei überließ ich ihm die Führung. Nach mehreren Abzweigungen blieb er abrupt vor einer grauen Tür stehen.
»Hier ist es. Jetzt müssen wir nur noch reinkommen.« Adam reichte die kleine Pistole an mich weiter und zog den Codeknacker aus der Hosentasche. Er hielt ihn an das Zahlenschloss, das Brent Lamonts persönliches Büro vor unbefugtem Zugriff schützte. In Sekundenbruchteilen schaltete das rote Lämpchen auf Grün. Der Weg war frei.
Adam öffnete die Tür und trat ein. Ich folgte ihm auf dem Fuß und wäre fast gegen ihn geprallt, da er überraschend stoppte. An der hinteren Wand des geräumigen Arbeitszimmers stand eine Geheimtür offen. Ein Mann in einem dunklen Anzug kniete vor einem Tresor, aus dem er gerade etwas herausholte. Als er uns bemerkte, sprang er auf und wirbelte zu uns herum.
»Der hat uns gerade noch gefehlt«, flüsterte ich kaum hörbar, während ich den Griff der Schusswaffe festumklammerte.
»Ich hätte es wissen müssen. Zumindest hast du mir Zeit erspart.« Adam ließ das Codierungsgerät wieder in der Hosentasche verschwinden und ging entspannt auf ihn zu. Ich wich ihm dabei nicht von der Seite.
»Glaubst du, ich lasse einfach zu, dass du mich einsperrst«, giftete Brent Lamont zurück. Er ballte die linke Hand, in der er eindeutig etwas versteckte.
»Du machst mein schön zurechtgelegtes Plänchen nicht zunichte. Gib mir den Stick!« Adams Tonfall klang viel zu sanft. Doch zugleich verhöhnte er sein Gegenüber damit.
Unweigerlich schmunzelte ich.
»Wenn du kein Blei schmecken willst, tu was er sagt!«, befahl ich mit fester Stimme und zielte auf Lamonts Kopf.
»Lass es gut sein!«, bedeutete Adam und trat vor seinen Ziehvater. Er starrte ihm unnachgiebig in die grauen Augen, in denen sich hemmungslose Angst widerspiegelte. Mit der künstlichen Hand griff er nach der seines früheren Peinigers und bog sie ihm ohne jedwede offensichtliche Kraftanstrengung nach hinten. So lange, bis das Handgelenk mit einem lauten Knacken nachgab.
Lamont schrie schmerzerfüllt auf, öffnete unweigerlich die Finger und der USB-Stick fiel zu Boden. Adam verpasste ihm einen Stoß, sodass er einige Schritte zurückwich. Dann hob er den Stick auf und legte ihn mitten auf den Schreibtisch.
Ich richtete weiterhin die Schusswaffe auf unseren Feind. Ihn hilflos und ängstlich zu sehen, gefiel mir.
Brent Lamont hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Handgelenk und sah entsetzt zu, wie Adam das schwere Namensschild aus Holz an sich nahm, ausholte und gleich mehrmals damit auf den Speicherstick einschlug. Die Plastikhülle zersplitterte in mehrere Einzelteile. Sodann fischte er die winzige Speicherplatine heraus und hob sie in die Luft.
Gut sichtbar zwischen den Fingern seiner kybernetischen Hand brach er sie entzwei.
»Nein!«, brüllte Lamont aus vollem Hals. Er griff nach etwas Länglichem auf seinem Tisch und wollte sich auf Adam stürzen. Ohne nachzudenken, betätigte ich den Abzug der Waffe. Lamont hielt mitten in der Bewegung inne und starrte mit leerem Blick geradeaus. Leblos kippte er mit einem Loch in der Stirn um. Der metallene Brieföffner fiel ihm klirrend vor die Füße.
Adam sah mich erschüttert an, dann grinste er und nickte mir dankend zu.
»Bist du fertig?«, drängte ich zum Aufbruch.
»Gleich.« Er eilte hinüber zu einem Aquarium, das fast die gesamte sechs Meter lange Wand ausfüllte. Er öffnete seitlich eine kleine Klappe und warf die zerbrochene Platine ins Wasser.
»Salzwasser. Das überleben die Daten nicht. Nun können wir gehen.« Er schenkte mir ein liebevolles Lächeln und griff nach meiner Hand.
Schmunzelnd erwiderte ich den Händedruck. »Gut. Dann zeig mir mal, wie schnell du rennen kannst!«