Leseprobe
BURNING WINGS
(Gay Romance Fantasy)
* * * * *
Elijah
»Nein!«
Das Wort drang aus meiner Kehle und ich riss die Lider auf. Adrenalin strömte durch meinen Körper und Schweißperlen rannen mir die Schläfen hinab. Irritiert starrte ich an die weiße Zimmerdecke. Schwer atmend schloss ich die Augen und versuchte zu verstehen, dass es wieder nur ein Albtraum gewesen war. Einer von vielen, die mich seit über vier Jahren jede Nacht quälten.
Der Gedanke jagte mir einen eiskalten Schauder über den Rücken. Würde es jemals enden? Zitternd lag ich im Bett. Die grauenhaften Bilder und dämonisch verzerrten Stimmen verebbten nur langsam. Schon bald würden sie mich wieder malträtieren. Hinabreißen in die höllischen Tiefen der Träume, in eine Welt, die mir inzwischen so vertraut war wie die Wirklichkeit, in der ich ausschließlich hilflos zusah.
Warum wurde ich damit gefoltert? Diese Frage stellte ich mir bei jedem Aufwachen, fand jedoch bislang keine befriedigende Antwort darauf. Diese Ungewissheit lastete auf mir, wie die unleugbare Panik, nie mehr aus den Angsträumen zu erwachen. Obwohl sie nur eine simple chemische und physikalische Reaktion des Körpers waren, Geschehnisse im Unterbewusstsein zu verarbeiten. Einzig und allein bizarre Halluzinationen mentaler Aktivitäten im Schlafzustand. Trotzdem sagte ein kleiner Funke in mir, es musste mehr dahinter stecken. Mehr als das Offensichtliche.
Die Ärzte fanden keine plausiblen Erklärungen dafür, weshalb ich immer wieder von diesen Schreckensbildern heimgesucht wurde. Inzwischen hatten sie aufgegeben und ich resignierte ebenso. Blieb mir denn eine Wahl?
Niemand konnte mir helfen. Kein Einziger war im Stande, diese ständig wachsende Furcht vor dem Unbekannten zu vertreiben oder mir mein Gedächtnis zurückzubringen.
Seit dem schrecklichen Unfall lebte ich ein Leben, das nicht mir gehörte. Ich war ein Fremder im eigenen Körper. Zumindest fühlte es sich so an. Angeblich eine Abwehrreaktion auf das, was vor fast fünf Jahren geschehen war. Nach dem Frontalcrash mit einem Lastwagen lag ich ein Jahr lang im Koma. Ein schweres körperliches Trauma mit irreparabler Amnesie, so die Diagnose. Darüber hinaus waren meine Unterschenkel so zertrümmert worden, dass sie abgenommen werden mussten. Wöchentliche Sitzungen bei meiner Psychotherapeutin und selbst die über mehrere Monate andauernde Reha hatten nichts an dem intensiven Gefühl verändert. Ich war gefangen in dem Wrack, das andere Körper nannten. Gefoltert von Geschehnissen, die mich jede Nacht erneut heimsuchten.
Hilflos lachend öffnete ich die Augen. Mit einiger Kraftanstrengung stemmte ich mich in eine sitzende Position und blickte auf den Wecker neben mir.
»Verdammte Scheiße! Schon wieder verschlafen.«
Ich würde zum siebten Mal in Folge in Professor O'Neills Kurs für englische Geschichte platzen. Er hatte mich gewarnt, dass er ein weiteres Zuspätkommen nicht dulden und es der Universitätsdirektion mitteilen würde. Nach kurzer Überlegung beschloss ich, alle Vorlesungen für den Tag zu schwänzen. Sollten sie mich doch verwarnen und rauswerfen. Das Studium, das mir meine Eltern finanzierten, war ohnehin nur ein weiterer kläglicher Versuch, sich zu entschuldigen. Dafür, dass sie seit dem Unfall so taten, als würden sie ihren Sohn nicht mehr kennen. Diese Unterstützung war ebenso erbärmlich, wie die fünfhunderttausend Pfund Schmerzensgeld der Logistikfirma und die von ihnen spendierte Penthousewohnung in der Nähe der City University of London. Der betrunkene Fahrer hatte lediglich fünf Jahre auf Bewährung und dauerhaften Führerscheinentzug bekommen. Aber nichts und niemand brachten mir meine Beine und meine Erinnerungen zurück.
Hundemüde und frustriert hievte ich mich nach oben. Es war jedes Mal aufs Neue kräftezehrend, aufzustehen. Aber im Bett liegen zu bleiben, war keine Option. Meine vier Wände engten mich ein. Sie schienen mich jeden Tag zu verhöhnen und mir zuzuraunen, dass ich als Krüppel hilflos war und ich mir am besten die Decke über den Kopf zog. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Ich wollte hinaus ins Freie. Meinem selbst auferlegten Gefängnis entfliehen.
Routiniert griff ich nach der Flasche mit der Creme und rieb mir die Stümpfe ein, die in letzter Zeit immer öfter schmerzten. Anschließend nahm ich die speziell angefertigten Strümpfe, um am Ende die beiden Beinprothesen anziehen zu können. Inzwischen hatte ich gelernt, sie nicht mehr abstoßend zu finden. Sie ermöglichten mir, die Freiheit zu genießen. Durch monatelanges Training in der Rehaklinik waren wenigstens diese Bewegungen zu meiner zweiten Natur geworden.
Bis ich die Wohnung verließ, verging trotzdem eine Stunde. Der Weg führte mich direkt zu meinem Lieblingscafé. Ich überquerte die Straße und mich trennten nur wenige Meter von einem ordentlichen Kaffee, da spürte ich mein Smartphone in der Gesäßtasche vibrieren. Lustlos und dennoch neugierig zog ich es hervor und las den Namen meiner Schwester auf dem Display.
»Na klasse«, flüsterte ich und war für einen Moment versucht, den Anruf abzulehnen. Das wiederum hätte gewiss zur Folge, dass sie mich fortwährend nerven würde, bis ich endlich doch reagierte. Also nahm ich das Gespräch seufzend an. Warum sie mich sprechen wollte, wusste ich, noch bevor sie ein Wort sagte.
»Was ist nur los mit dir, Elijah?«, hörte ich Erins vorwurfsvolle Stimme.
»Eigentlich wollte ich das schöne Wetter genießen und einen Cappuccino trinken«, erwiderte ich missmutig.
»Das Sekretariat der Uni hat mich angerufen. Sie machen sich Sorgen um dich.«
»Echt jetzt? Mir geht es nicht anders als gestern. Ich habe einfach keinen Bock.«
»Das ist deine Standardausrede. So geht das nicht weiter. Du kannst nicht in den Tag hineinleben und tun und machen, was du willst. Mum weiß es noch nicht und wenn Dad ...«
»Bla ... bla ... bla«, formte ich lautlos mit den Lippen und hörte ihr nur mit einem Ohr zu.
Immer wieder die gleiche Leier. Vorwürfe, Pflichten und Ansprüche, denen ich gerecht werden sollte. Das war alles, was ich von meiner Familie erwarten durfte. Mitgefühl gab es in ihrer Welt nicht.
Unbewusst wandte ich mich um und starrte den jungen Mann im nächstgelegenen Schaufenster an. Ein Unbekannter, der mich ständig im Spiegel ansah und sich fragte, wer er in Wirklichkeit war. Doch was zählten schon verlorene Erinnerungen an eine Zeit, die für meine Familie niemals existent waren. Ich war hoffnungslos versunken im Strudel des Nichtwissens und sie ignorierten genau diesen Fakt konsequent.
»Procede ex carcerem tuum! Erlöse dich aus deinem Gefängnis! Pugna!« Die Worte ertönten wie aus heiterem Himmel wispernd in meinem Kopf.
»Was?« Verdutzt blickte ich hinter mich. Wer hatte das gesagt?
Irritiert beäugte ich die Passanten, die wie aufgeschreckte Hühner an mir vorbei eilten. Jeder Einzelne schien nur mit sich selbst beschäftigt zu sein. Niemand beachtete mich. Mir fiel Erin wieder ein, die wie ein Wasserfall sprach und nicht einmal bemerkt hatte, dass ich kein Wort von dem, was sie sagte, mitbekommen hatte.
»Memento! Erinnere dich! Pugna!«
»Was hast du gesagt?«, fragte ich meine Schwester.
»Hörst du mir überhaupt zu? Du sollst endlich erwachsen werden! In vier Tagen wirst du vierundzwanzig und trotzdem übernimmst du keine Verantwortung für dein Leben.«
Schlagartig überkam mich das unverkennbare Empfinden, beobachtet zu werden. Voller Neugier wanderte mein Blick umher, bis ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Mann in mittlerem Alter und Anzug entdeckte. Er starrte mit einem süffisanten Grinsen zu mir herüber.
Verwirrter als zuvor musterte ich ihn. Selbst aus der Entfernung spürte ich den unangenehmen durchdringenden Blick, den er mir zuwarf. Er brachte mein Herz zum Rasen und ein eiskalter Schauder jagte mir über den Rücken. Im nächsten Augenblick versperrte mir ein vorbeifahrender Bus die Sicht und als er sie wieder freigab, war der Fremde verschwunden.
»... am Wochenende kommen wir zu Besuch«, sprach Erin und katapultierte mich mit den Worten in die Gegenwart zurück.
»Sorry, ich muss auflegen. Ich melde mich später«, schnauzte ich gereizt. Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete ich das Gespräch und steckte das Smartphone in die Gesäßtasche zurück.
»Kämpfe dagegen an! Semper pugna!« , hallte es erneut in meinem Kopf und die Worte versetzten mir einen Schrecken.
Konfus drehte ich mich um die eigene Achse, da traf mich etwas Hartes von vorne an der Schulter. Aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte ich rückwärts und wurde von zwei kraftvollen Armen aufgefangen. Einen langen Moment blickte ich in herrliche tiefblaue Augen, die mich völlig vereinnahmten. Augen, die mich verschmitzt studierten und ein inneres Feuer versprühten, das mir innerhalb eines Sekundenbruchteils die Luft zum Atmen nahm. Mein Magen verkrampfte sich. Ich wurde von einem merkwürdigen Angstgefühl erfasst, gleichzeitig fühlte ich mich dennoch auch irgendwie geborgen. Als ich jedoch ein verdächtiges Knacken an der rechten Beinprothese vernahm, kehrte meine miese Laune zurück. Wutschnaubend giftete ich den Fremden an: »Zum Teufel noch mal, was bist du nur für ein Trottel! Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst?«
»Hoppla! Was fällt mir denn da Leckeres in die Arme? Es freut mich auch, dich kennenzulernen.«
Konsterniert stierte ich den Mann an, der meinen Beinahesturz verursacht, aber auch verhindert hatte. Innerlich rang ich mit mir, doch meine Verärgerung gewann rasch die Oberhand.
»Den blöden Spruch kannst du dir sonst wo hin stecken«, sagte ich grimmig und löste mich unsanft aus seinem Griff. Ohne weiter auf ihn zu achten, zog ich das Hosenbein hoch und überprüfte die mechanische Konstruktion der Prothese. Vorsichtig bewegte ich sie und versuchte aufzutreten. Offensichtlich schien sie nicht ernsthaft beschädigt worden zu sein.
Der Typ musterte mich frech von oben nach unten und grinste.
Ich war jedoch nicht zu Scherzen aufgelegt. »Idiot! Glotz nicht so dämlich.«
Der Fremde ignorierte meinen Wutausbruch und zwinkerte mir zu. »Mein Name ist Roman. Und du bist?«
»Ähm ... Elijah«, kam es aus meinem Mund, obwohl ich mir geschworen hatte, nicht zu antworten. Erneut nahm mich der seltsame Blick aus den leuchtenden Augen gefangen, begleitet von einem leichten Zittern, das mir durch Mark und Bein fuhr. Dieser merkwürdige Typ hatte etwas an sich, das mir nicht behagte, aber gleichwohl meine Neugier schürte. Es war jedoch seine Unverfrorenheit, die meine Empörung weiter nährte.
»Falls die Prothese was abbekommen hat, zahlst du!«
»Ich kann dir gerne zwei gesunde Beine schenken, wenn dir das lieber ist.«
Ich wurde von einer Woge rasenden Zorns erfasst. So eine Dreistigkeit war mir bisher noch nie untergekommen. Zu allem Überfluss schien sich mein Gegenüber köstlich zu amüsieren.
»Arschloch! Verpiss dich! Oder du erlebst gleich, wie ein Krüppel dich vermöbelt.«
»Hm. Würde ich an deiner Stelle lassen. Hinter dir stehen die Bullen.«
Erfreut über die glückliche Fügung des Schicksals sah ich über die Schulter. Dort standen aber keine uniformierten Polizisten. »Falls du das witzig findest, ist das ...«, schmetterte ich ihm entgegen, endete mit meiner Schimpftirade allerdings abrupt. Der Fremde war verschwunden, hatte sich einfach in Luft aufgelöst. Lediglich vorbeieilende Fußgänger warfen mir skeptische Blicke zu.
»Verdammt!«
»Erlöse dich aus deinem Gefängnis! Pugna!« , hallte es lautstark in meinem Kopf.
»Was ist das für eine verfluchte Scheiße?«
Die Leute um mich herum ignorierend, konnte ich mich kaum in Zaun halten. Unbewusst ballte ich die Hände zu Fäusten. Vermutlich drehte ich gerade durch. Der Tag hatte beschissen begonnen und er würde ganz gewiss so enden, falls ich nicht bald eine Ablenkung fand. Trotz meiner miserabelen Stimmung verspürte ich allmählich Hunger. Ich griff in die Hosentasche und zog meinen Geldbeutel hervor, mehr als fünf Pfund hatte ich jedoch nicht einstecken.
Der nächste Geldautomat lag einen halben Kilometer die Straße herunter. Das bedeutete einen längeren Fußmarsch und das vermutlich mit einer lädierten Prothese. Ob dem tatsächlich so war, konnte ich nur herausfinden, wenn ich sie beim Laufen belastete. Also setzte ich mich in Bewegung. Auf den ersten zehn Metern kam ich nur wacklig voran, dann fing ich mich und mir fiel ein großer Stein vom Herzen, als sie kein verräterisches Geräusch von sich gab.
Ich beschloss, den komischen Vogel aus dem Gedächtnis zu verbannen. Stattdessen entsann ich mich an das Gespräch mit meiner Schwester. In vier Tagen kämen sie und meine Eltern zu Besuch. Allein diese Vorstellung vermieste mir zusätzlich den ohnehin schon beschissenen Tag. Mein eigentlicher Plan sah vor, am Samstagabend mit meinen Kumpels von der Uni in einer einschlägigen Stripteasebar einen draufzumachen. Das konnte ich jetzt offenbar vergessen. Keine knackigen Ärsche von heißen Blondinen und Riesenmöpse von Brünetten. Dafür ein stinklangweiliges Essen in einem Schicki-Micki-Restaurant.
Nach gut zehn Minuten erreichte ich frustriert den Geldautomaten. Gerade als ich die Karte aus der Geldbörse herauskramen wollte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sofort fesselte mich ihr Auftreten. Langes dunkles Haar umschmeichelte ihr bildhübsches Gesicht, das von einer Traumfigur unterstrichen wurde. Helle Augen warfen mir einen atemberaubenden Blick zu und ihre Mundwinkel formten ein fröhliches Lächeln. Instinktiv erwiderte ich es. Der Tag schien doch noch etwas Positives bereit zu halten.
Dieses Hochgefühl dauerte nur wenige Sekunden an. Bereits im nächsten Moment verwandelten sich ihre sanften Züge in eine arrogante Maske. Hochnäsig stolzierte sie weiter und ich beobachtete, wie sie in den Bus stieg, der soeben angehalten hatte.
»Blöde Kuh!«, schnaubte ich verbittert und wandte mich dem Bankautomaten zu.
Ich hob sicherheitshalber gleich mehrere hundert Pfund ab. Vielleicht gönnte ich mir einen Abstecher in die nächste Bar, um den Tag vorzeitig zu beenden. Es konnte nur besser werden, denn am Tiefpunkt befand ich mich längst.
Warum hatte der Lastwagen seine Arbeit nicht vollendet? Dann wäre ich jetzt zwei Meter tief unter der Erde und die Welt würde sich im unendlichen Kosmos ohne mich weiterdrehen.
Doch das Schicksal dachte gar nicht daran, mich zu schonen. Es zeigte mir deutlich, dass meine Freunde keine wirklichen Freunde waren. Kaum lag ich im Koma, hatten sie sich von mir abgewandt. Ich war und blieb ein einsames menschliches Wrack.
Womöglich blieb ich für immer Single, drängte sich mir der schmerzvolle Gedanke auf. Welche Frau wollte schon einen Krüppel zum Freund? Von denen, die ich kennengelernt hatte, bisher keine.
Sogar meine weiblichen Kommilitonen verdeutlichten mir jedes Mal aufs Neue, dass ich außer Freundschaft, nichts erwarten durfte. Der einzige Mensch, mit dem ich reden konnte, war meine Psychologin Cathrine.