Eingerahmt von hohen Tannen schlängelte sich der steinerne Weg durch das dunkle Paradies.
Sein Paradies.
Ein Goldregen, der sein Gold längst verloren hatte, grüßte mit seinen langen, dünnen, fingergleichen Ästen. Vorbei an einer jungen Blautanne gelangte er zu seinem größten Schatz. Jeden Tag kam er hierher. Es war ein Ritual, ein fester Brauch. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das erste Mal hier gewesen war. Nur, dass es schon sehr lange her sein musste. Es war der einzige Ort, der ihm Kraft gab, an dem er sich sicher fühlte.
Das Gewächshaus war weder von der Straße noch vom angrenzenden Nachbargrundstück aus zu sehen. Zu geschützt stand es hinter einer blickdichten Mauer aus Tannen und Rhododendronbüschen.
Mit seiner Taschenlampe leuchtete er sich den Weg in sein verwunschenes Reich, als er die hohen Bäume und die immergrünen Pflanzen passierte. Als er endlich am Gewächshaus angekommen war, ließ er den Lichtstrahl vorsichtig über den mit Rosensträuchern zugewachsenen Glaspavillon gleiten.
Es tut so gut, endlich wieder hier zu sein, dachte er und holte tief Luft.
Der erste Frost hatte den Rosen zugesetzt. Seine Lieblinge aber waren im Inneren des Gewächshauses vor der Kälte geschützt. Vorsichtig versuchte er, die Klinke der Eingangstür herunterzudrücken. Er rutschte aber immer wieder ab und musste die andere Hand zur Hilfe nehmen, so sehr zitterte er.
Du musst ruhig bleiben, redete er sich beschwichtigend ein, als er es endlich geschafft hatte.
Angespannt, fast ängstlich betrat er das Gewächshaus. Für einen kurzen Moment hielt er inne. Die hohe Luftfeuchtigkeit umhüllte ihn, während er den stickigen Duft von Dünger, Torf und Erde einatmete.
Mit zittrigen Fingern kramte er ein kleines Windlicht aus seiner Jackentasche. Vorsichtig stellte er es vor seine Lieblingsrose, die noch eine einzige Blüte aufwies. Mitte November, bei guter Pflege und genügend Licht, kam sie noch einmal hervor, bevor sie, wie alle anderen Rosenarten auch, den langen Winterschlaf antrat.
Er nahm die Streichholzschachtel, die er in der Schublade eines kleinen Tisches verstaut hatte und die schon etwas mitgenommen und an einigen Stellen bereits aufgeweicht war, und versuchte, ein Streichholz zu entzünden. Doch seine Finger schafften es nicht, das Streichholz schnell genug über die Reibefläche zu ziehen.
Er fluchte, als er merkte, dass das Zündholz auseinandergebrochen und für einen erneuten Versuch unbrauchbar geworden war. So aufgeregt war ich doch schon lange nicht mehr, grübelte er und atmete noch einmal tief durch in der Hoffnung, damit seinen galoppierenden Puls etwas beruhigen zu können. Doch erst beim vierten Versuch schaffte er es, ein Streichholz zu entzünden und die kleine Kerze im Windlicht zum Brennen zu bringen.
„Pass gut auf dich auf, mein Engel. Schlaf gut. Morgen bin ich wieder da“, sagte er und glitt so unbemerkt aus dem Gewächshaus wie er wenige Minuten zuvor gekommen war.
Beim Davonhuschen summte er leise das Kinderlied, das ihn an seine Jugend erinnerte, als er sie zum ersten Mal in Nöggenschwiel gesehen hatte: „Sie gleicht wohl einem Rosenstock, drum liegt sie mir am Herzen. Sie trägt auch einen roten Rock, kann züchtig freundlich scherzen. Sie blühet wie ein Röselein, die Wänglein wie das Mündelein. Liebst du mich, so wie ich dich, mein Röslein auf der Heiden.“