4. Das Diskursnetz der Modulation: Von Emotionen und Affekten

Um die Theoretisierung des Sozialen in der Affekttheorie über den Modulationsbegriff weiterzuführen, wird der Modulationsbegriff in sein Diskursnetz gestellt. Die folgende Diskussionen ermöglicht es, das Problem des Sozialen weiter zu bearbeiten, indem sie den Emotionsbegriff ins Zentrum rückt. Auf der einen Seite wird so die Aktualität von Affekten weiter ausgearbeitet. Affekte sind moduliert, einen unmittelbaren Affekt kann es trotz seiner Verbindung zur Virtualität nicht geben. Der tendenzielle Dualismus zwischen Affekten und Emotionen, wie er sich bei Massumi findet, wird aufgelöst und als Modulation zwischen Affekten und Emotionen verstanden. Auf der anderen Seite eröffnet Massumi über den Begriff von Affektmodulationen die Möglichkeit von Virtualisierungen. Virtualisierungen modulieren die Virtualität und Aktualisierungen von Affekten. Massumi führt mit seinem Emotions- und Rhythmusbegriff sozialtheoretische Begriffe ein, um Affektmodulationen und das Soziale des Affekts zu bestimmen, die er jedoch nur andeutet. Emotionen sind für Massumi die primären Effekte von Affekten und zugleich ihre wirkmächtigste Virtualisierung.

Das Diskursnetz des Modulationsbegriffs erstreckt sich über verschiedene Theorien, die entweder den Begriff selbst benutzen oder aber mit anderen Begriffen die gleichen Probleme diskutieren, die mit dem Modulationsbegriff aufgeworfen wurden. In anderen Affekttheorien nimmt der Modulationsbegriff selten eine zentrale theoretische oder empirische Bedeutung ein. Wenn, dann wird der Begriff Modulation oft ohne weitere Theoretisierungen verwendet, aber dennoch in Verbindung mit Affekten gebracht. Der Modulationsbegriff scheint in diesen Theorien den Begriff der Macht im Sinne Foucaults oder den der Gouvernementalität tendenziell zu ersetzen. Modulationen sind hier allgemeine Machtwirkungen, die Affekte oder andere körperliche Vermögen beeinflussen.49 Einen solchen Modulationsbegriff verwendet im Anschluss an Deleuze beispielsweise Seigworth (2016: 23, 27 f., 29). Seigworth ist nah an dem Verständnis von Modulation, welches Deleuze (1993e) in seinem Aufsatz über die Kontrollgesellschaften entwickelt. Modulationen sind für Seigworth allgemeine Machtwirkungen oder Strategien von Machtverhältnissen, die Affekte beeinflussen. Im Gegensatz zu Strategien des Zwanges oder der Disziplin sind sie subtiler, sanfter und funktionieren über Veränderungen von Räumen anstatt über die direkte Beeinflussung der Körper.

4.1Emotionen als Affektmodulationen

Deleuze und Massumi entwickeln ihren Affektbegriff in Abgrenzung zum Begriff der Emotion, der bei ihnen dadurch tendenziell ausgeblendet wird. Gleichzeitig eröffnen sie eine Perspektive, Affekte und Emotionen über den Begriff der Modulation zusammenzubringen und vom jeweils anderen her zu verstehen. Wie bei Massumi sind beide ineinander gefaltet: Emotionen sind die Effekte von Affekten und zugleich eine Kraft der Virtualisierung, während Affekte eine Kraft der Aktualisierung sind. Emotionen sind als zentraler Gegenbegriff von Affekten die primären und wirkmächtigsten Formen von Affektmodulationen und haben als solche eine eigenständige und aktive Kraft.

In den Diskussionen zum Modulationsbegriff finden sich nur bei Stern und Simondon Positionen, die Emotionen als Form der Affektmodulation verstehen und dem Emotionsbegriff eine zentrale Rolle einräumen. Obwohl die Arbeiten Simondons und Sterns wichtige Quelle für ihn sind, bezieht sich Massumi nicht auf ihr Verständnis von Emotionen. Andernfalls hätte er Emotionen als Affektmodulationen wohl eine bedeutende Rolle eingeräumt.

Zwar hebt Simondon teilweise zu sehr die Bedeutung des Menschen hervor, doch er benutzt den Modulationsbegriff wie Massumi, weil der Mensch für Simondon der Mediator oder »Wandler« zwischen der Virtualität und der Aktualität, oder, wie er es noch ausdrückt, zwischen der »potentiellen Energie und der aktuellen Energie« (Simondon 2012: 131) ist. Diesen Vorgang bezeichnet Simondon als »Modulation« (ebd.: 131). Simondon benutzt den Modulationsbegriff darüber hinaus, wiederum analog zu Deleuze und Massumi, in seiner Individuationstheorie, um das Verhältnis von Affekten und Emotionen zu bestimmen (vgl. auch Scott 2014: 67, 72).

Die Anwendungen des Modulationsbegriffs bei Simondon einerseits auf die ontologische Unterscheidung und andererseits auf die Unterscheidung zwischen Affekt und Emotion laufen bei Simondon nebeneinander und werden nicht wie bei Deleuze und Massumi direkt aufeinander bezogen. Dabei lassen sich bei Simondon beide Verwendungen zusammenbringen. Für Simondon ist ein Affekt eine präindividuelle, nicht-bewusste und intensive Kraft zwischen Körpern und ein Moment des Werdens, welche körperliche Reaktionen auslöst (vgl. Simondon 2013: 254 f.). Zwischen Affektion und ihren Effekten auf Handlungen gibt es keine lineare Beziehung, sondern eine Mediation eines Körpers in einer Assemblage. Körper in Relationen modulieren die Intensitäten und Kräfte von Affekten und werden nicht direkt und unmittelbar von Affekten zu Handlungen bewegt. Eine Emotion funktioniert nach einer anderen Logik im Sozialen, auf einer Ebene der Signifikation und des intersubjektiven Sinns, weil sie körperliche Zustände gegenüber anderen Subjekten ausdrückt, die diese verstehen können (vgl. Scott 2014: 70 ff.; Mills 2016: 74 f., 78; Combes 2013: 30 f.). Um die konstitutive Verschränkung von Affekten und Emotionen für Kollektivierungen hervorzuheben, benutzt Simondon den Begriff »affectivo-émotive« (Simondon 2013: 242 ff., vgl. auch Bardin 2015: 80 ff.).

Bei Simondon modulieren Emotionen Affekte (2013: 255, 255 FN 4). Emotionen sind relationale Techniken der Modulation und kein nachträgliches Ergebnis in Affektionsprozessen. Affekte können sich zwar zu einer Emotion transformieren – »a transductive series going from pure action [Affekt] to pure emotion« (Simondon 1989: 109, übersetzt von Scott 2014: 90). Eine Emotion ist für Simondon demnach eine eigenständige, aktive und produktive Kraft der Modulation. Emotionen organisieren die körperlichen Kräfte und Intensitäten von Affekten und machen sie subjektiv erfahrbar und erkennbar. Sie organisieren Affekte, indem sie den Affekten eine Einheit und Bedeutung verleihen und so ihre Intensität verändern (vgl. Simondon 2013: 255). Emotionen ordnen, stimmen ab und stabilisieren Affekte. Auf diese Weise erhalten Affekte eine bestimmte Richtung und können in lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge eingeordnet werden: »Simondon characterizes emotion as an ›insular temporal unity‹ and structure. It guides the living, conveying meaning (sens) by assuming affectivity and unifying it. […] Emotions without content are impassive; affects without emotions are directionless. Emotion modulates psychic life, while affection is what is modulated (Simondon 1989: 123 n.3).« (Scott 2014: 71) Dieses Argument unterstreicht Simon Mills: »Emotion is the modulation of the transductive process [Werdensprozess] of affect« (Mills 2016: 75).

Emotionen sind für Simondon also nicht subjektive Eigenschaften, als welche sie oft bei Deleuze und Massumi erscheinen, Emotionen sind relational und kollektiv, weil sie affektive Assemblagen modulieren (vgl. ebd.: 76). Aufgrund ihrer Einheitlichkeit und signifikanten Bedeutung stabilisieren Emotionen affektive Relationen und bilden Assemblage (vgl. Simondon 2013: 306). Nicht nur, weil Emotionen relational zwischen Körpern wirken, auch weil sie mit Affekten zusammen die Basis für Kollektivierungen bilden, sind sie kollektiv. Die Bedeutung von bewussten Prozessen und intersubjektiver Kommunikation für Kollektivierungen hält Simondon für nicht so relevant. Geteilte und gemeinsame affektiv-emotionale Kräfte oder Stimmungen bilden Assemblagen und nicht gemeinsame Handlungen, die zu diskontinuierlich für ein einheitliches Kollektiv sind, oder gleiche bewusste Repräsentationen: Assemblagen sind möglich, wenn »affective-emotive expressions are the same.« (Scott 2014: 73)

Simondon zeigt auf, dass Affekte und Emotionen zusammengedacht werden müssen. Emotionen bilden eine zentrale Kraft in affektiven Relationen. Die Modulation von Affekten durch Emotionen ist eine Organisierung, Stabilisierung und Abstimmung von Affekten.50 Affekte und Emotionen zusammen bilden Assemblage, in denen Affekte als Aktualisierungen die Kraft der Öffnung und des Werdens darstellen und Emotionen als Virtualisierungen eine Kraft der Ordnung und Stabilisierung sind.

4.2Produktivität und Positivität

Affektmodulationen von Emotionen sind nicht negativ und unterdrückend, sondern produktiv und positiv, wie Simondon hervorhebt. Affektmodulationen wie die Macht bei Foucault sind als produktiv zu verstehen, darauf verweist Mühlhoff. Affektmodulationen, die er als Immersion versteht, sind produktiv, weil sie die relationalen Dynamiken und Vermögen von Körpern steigern und ausnutzen.51

»[Die Immersion operiert] durch Anregung, lustvolle Steigerung im situativen Zusammenwirken mit anderen, durch das Gefühl von Selbstverwirklichung, oder auch durch selektive Aktivierung verunsichernder oder traumatischer Aspekte der individuellen Affizierbarkeit. Die immersive Spielart der Macht beruht darauf, eine gezielte Modulation von Individuen in Situationen zu bewirken, und zwar durch die selektive Steigerung bestimmter Aspekte ihres Affizierungsvermögens. Im Ganzen zielt sie darauf ab, die Individuen einzubinden, jedoch ohne sie einschließen oder disziplinarisch abrichten zu müssen. Im Kleinen beruht dies darauf, jedes Individuum so in ein intensives und resonatives Beziehungsgeflecht zu verwickeln, dass bestimmte Aspekte seiner potentia darin gesteigert und intensiviert werden und das Individuum dadurch quasi ›lustvoll‹, ›freiwillig‹ und doch modulierend eingehegt wird.« (Mühlhoff 2018: 357)

Die immersive Macht fördert bestimmte Affektionen und unterbindet andere, um dadurch passende und produktive Interaktionen herzustellen. Für Mühlhoff ist sie unter Rückgriff auf Foucault eine neue Strategie der Gouvernementalität, also eine Regierungstechnik, »die auf Ebene der Affizierungsverhältnisse operiert und sich die spezifische personale und emotionale Konstitution jedes Individuums zunutze macht – als abschöpfbare und zugleich formbare Quelle intrinsischer Kräfte.« (ebd.: 13) Die »affektiven und charakterlichen Dispositionen von Menschen« (ebd.: 13) – oder in anderen Worten: Affekte und Affektrelationen – werden zu einem zentralen Gegenstand gouvernementaler Macht. Wie die gouvernementale Macht funktioniert die Affektmodulation der immersiven Macht nicht wie ein Zwang, eine Disziplin, Pflicht oder Unterwerfung. Sie ist eine Form des Managements. Die immersive Macht moduliert anstatt zu determinieren; sie beeinflusst die affektiven Relationen der Körper, indem sie vielfältige Situationen einrichtet und zu einem Umfeld formt, das eine indirekte, sanfte und fast unwahrnehmbare Kraft auf Körper ausübt. In diesem Prozess aktualisieren sich virtuelle Potentiale (vgl. ebd.: 123 f., 154 f.).

In Anlehnung an Foucault ist auch für Lordon Macht produktiv. Die Produktivität von Macht besteht darin, Affekte hervorzubringen und auf sie einzuwirken,

»as conduct of conducts or action on actions, is an art of making others do things. But making others do things is precisely the effect of the affects, since an affect is something an affection (an encounter with something) does to me (causing joy or sadness), and consequently what it makes me do – for the result of an affect is a redirection of the conatus and the desire to do something. Thus power is in its very mode of operation a matter of producing affects and inducing through affects. Conducting conducts is therefore nothing other than a certain art of affecting, and to govern is indeed, in keeping with etymology, a matter of directing, but in the most literal, even geometrical, sense of the term, namely, a matter of orienting the conatus-vectors of desire in certain directions. Power is the totality of practices of co-linearisation.« (Lordon 2014: 61)

Die Macht des Kapitalismus beeinflusst bei Lordon Körper und damit das Verhalten von Subjekten durch Modulationen von Affekten. Die ausgelösten Affekte verursachen Emotionen wie Freude oder Traurigkeit. Dafür werden bestimmte Objekte eingesetzt, die Freude ermöglichen. Der größte Effekt der Herrschaft des Kapitalismus besteht nach Lordon darin, zu bestimmen, welche Objekte als Waren begehrenswert sind (vgl. ebd.: 106 ff.). Zur Konkretisierung dienen Lordon Untersuchungen zu Angestellten, die an Objekte wie Autos, Urlaube oder Häuser affektiv gebunden sind, damit sie effektiv arbeiten (vgl. ebd.: 107 f.).

4.3Virtualisierungen der Aktualität und Virtualität

Bei Deleuze und Massumi sowie Simondon ist angelegt, dass Affektmodulationen von Emotionen eine Virtualisierung sind, sie modulieren Affekte sowohl in ihrer Aktualität als auch in ihrer Virtualität. Mühlhoff und Lordon beachten nur die aktuellen Effekte. Auch Brennan versteht Affektmodulationen nur in ihren aktuellen Wirkungen. Sie unterscheidet zwei idealtypische Formen der Modulation, die auch bei Deleuze und Massumi die Grundrichtungen von affektiven Relationen bilden: Angleichung und Abstoßung. »There is transmission by which people become alike and transmission in which they take up opposing positions in relation to a common affective thread (the angry and the depressed; the loved and the lover). The form of transmission whereby people become alike is a process whereby one person’s or one group’s nervous and hormonal systems are brought into alignment with another’s.« (Brennan 2004: 9) Zudem unterscheidet sie analog zu Deleuze und Massumi zwischen positiven Affekten, die die Energie von Körpern und Relationen steigern, und negativen Affekten, die die Energie mindern. Konkrete Affekte stehen in diesem Spannungsverhältnis, weil sie niemals nur positiv sind, da sie andere Relationen oder Vermögen ausschließen (vgl. ebd.: 34).

Modulationen finden aber ebenfalls in der Virtualität statt. Yuk Hui (2015) führt die Diskussion des Modulationsbegriffs über den Technikbegriff fort. Es wäre – so folgert Hui (2015: 86) – ein Rückschritt in den Hylomorphismus, wenn Modulation nur mit sozialer Kontrolle und Stabilisierung gleichgesetzt werden würde. Im Hylomorphismus wird eine vorgängige Form auf ein noch nicht geformtes Material angewandt. Bei Simondon ist eine Modulation sowohl Kontrolle als auch Individuation und Werden und nicht nur eines von beiden. Hui greift auf Simondon zurück, doch auch bei Deleuze konnte in dem vorliegenden Buch ein solcher ontologischer und gleichzeitig gesellschaftstheoretischer Modulationsbegriff erarbeitet werden.

Offenheiten und Stabilisierungen gehen bei Hui zusammen. Modulationen sind neben einer Form der Kontrolle zugleich eine Möglichkeit des Widerstands in Kontrollgesellschaften (vgl. ebd.: 74). Modulationen bieten eine Möglichkeit für das Werden, Erfindungen und Offenheiten – sie sind also produktiv und aktiv: »[O]n the one hand, the understanding of modulation as a technological mechanism whose constitutive processes are analogous to emergent models of social control; on the other hand, the theory of ontogenesis based on the idea of modulation, which understand the latter as the principle of being qua becoming. The former understanding addresses hyper-control in current capitalism; the latter proposes a new conception of being and acting.« (ebd.: 86)

Hui (ebd.: 74 ff.) zeigt, dass Modulationen ontologische Wirkungen haben. Simondon und mit ihm Hui, wie auch Deleuze, denken vom Modulationsbegriff aus Sein und Werden neu, er ist der »ontological ground for understanding being as modulated becoming.« (ebd.: 79) Technologien können die ontologischen Bedingungen des Sozialen modulieren, indem sie beispielsweise Intensitäten von Affekten steigern oder mindern (vgl. Hui/Morelle 2017: 153).

Darüber hinaus arbeitet Stern die Virtualisierung von Affektmodulationen und Emotionen heraus. In seinem Buch »Die Lebenserfahrung des Säuglings« setzt sich Stern (2007) mit den Bedingungen und Möglichkeiten von Affektabstimmungen (deutsch für »affective attunements«) in intersubjektiven Relationen auseinander. In seinem Buch bildet die Relation zwischen Kind und Mutter das Zentrum der Untersuchung. Den Begriff Affektabstimmung konzipiert Stern zwar humanistisch, er lässt sich aber auf alle affektiven Relationen beziehen. Für Massumi (2002a: 262 EN 15, 287 EN 12, 2015b: 172, 239, 269 EN 14, 2015c: 56, 141) bildet Stern eine zentrale Referenz für seine eigene Affekttheorie. »Affektabstimmung[en]« (Stern 2007: 200), wie sie Stern denkt, sind in der Sprache der vorliegenden Untersuchung eine Form der Modulation von Affekten in Relationen zwischen Körpern, weil sie die Körper in einem Intraaktionsgeschehen aufeinander einstimmen und angleichen. Durch Affektabstimmungen werden Affekte zwischen den Körpern und damit die Vermögen und Gefühle der involvierten Körper sowie ihre Verhaltensweisen angeglichen: »Die Affektabstimmung stellt folglich eine Ausführung von Verhaltensweisen dar, die die Gefühlsqualität eines gemeinsamen Affektzustandes zum Ausdruck bringen, ohne die Verhaltensäußerung des inneren Zustands exakt zu imitieren.« (ebd.: 203) Stern unterscheidet also zwischen dem geteilten Verhalten von Subjekten und den inneren Zuständen wie Gefühlen im Moment der Affektabstimmung. Abgestimmt und moduliert wird vor allem das oberflächliche, also aktuelle Verhalten der Subjekte.

Darüber hinaus beschreibt Stern, dass die Affektabstimmungen auch die Virtualität von affektiven Relationen modulieren. Um Affektabstimmungen als Virtualisierungen zu bestimmen, grenzt Stern Affektabstimmungen vom Begriff der Nachahmung ab, den er für oberflächliche Angleichungen von Verhalten verwendet, denn

»[d]ie Nachahmung bleibt ganz auf die Formen des äußerlich sichtbaren Verhaltens konzentriert. Das Abstimmungsverhalten aber gestaltet das Geschehen um und lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was ›hinter‹ dem Verhalten liegt, auf die Qualität des Gefühls, das gemeinsam empfunden wird. Aus denselben Gründen werden die äußerliche Form vor allem durch Nachahmung vermittelt, während die Abstimmung vor allem die Funktion hat, eine Verbindung zu innerlichen Zuständen zu schaffen und der Gemeinsamkeit des inneren Erlebens Ausdruck zu verleihen. Die Nachahmung spiegelt die Form wieder, die Abstimmung das Gefühl.« (ebd.: 204)

Affizierungsgeschehen modulieren nicht nur die je aktuellen Vermögen und Verhalten der Körper, sondern die Virtualität der Körper selbst (vgl. ebd.: 224). Auf diese Weise führen Affektabstimmungen zu einem »[Z]usammen-sein[s]« oder »gemeinschaftlichen Erlebens« (ebd.: 224) der verschiedenen Körper. Daran hat sich nicht nur das Verhalten der Körper angepasst, sondern ebenso ihre Virtualität beziehungsweise Potentialitäten und die ihrer Relationen selbst.

Dass Affektabstimmungen beziehungsweise Affektmodulationen die Virtualität betreffen, legt Stern noch an anderer Stelle nahe, denn sie betreffen Vitalitätsaffekte. Analog zur Unterscheidung zwischen Affekt und Emotion bei Deleuze und Massumi unterscheidet Stern zwischen zwei Affekten: »Es scheint, daß Abstimmungen beiden Arten von Affekten gelten können, sowohl den diskreten, kategorialen Affekten wie Freude und Traurigkeit als auch den Vitalitätsaffekten, z.B. dem Explodieren oder Abklingen. Tatsächlich treten Abstimmungen zumeist in Verbindung mit Vitalitätsaffekten auf.« (ebd.: 223) Affekte (Virtualitätsaffekte) sind vor allem körperlich und autonom, weil sie sich der vollständigen Kontrolle der Körper entziehen (vgl. ebd.: 223). Sie kennzeichnen für Stern eine bestimmte Intensität, deren Merkmale stark an Massumi erinnern: Affekte sind bei Stern »aufwallend«, »verblassend«, »flüchtig«, »explosionsartig«, »anschwellend«, »abklingend«, »berstend« oder sich »hinziehend« (ebd.: 83). Dies sind Merkmale, die auf affektive Anziehungs- und Abstoßungsprozesse verweisen. Kategoriale Affekte, also Emotionen, sind hingegen »Freude, Traurigkeit, Furcht, Zorn, Ekel, Überraschung, Interesse, eventuell Scham und natürlich eine Kombination aus diesen« (ebd.: 84), alles Beschreibungen, die sich auf Bedeutungen, Signifikationen und individuelle Körper beziehen.

Affekte und Emotionen können bei Stern miteinander verbunden sein, sind es aber nicht zwangsläufig, weil nicht alle Affekte einen »kategorial-affektive[n] Signalwert« (ebd.: 86) haben beziehungsweise bekommen können. Affekte und Affektionen sind also nicht immer an Emotionen gebunden oder in Emotionen übersetzbar; Affekte können eine Intensität entfalten, die einer symbolischen Einordnung entgeht. In diesem Fall sind sie zu intensiv für eine Bedeutung. Affekte behalten auch bei Stern potentiell ihren Überschuss gegenüber einer Emotion und Modulationsversuchen. Um in eine Emotion übersetzt werden zu können, darf die Intensität von Affekten nicht zu stark sein, sondern muss durch Modulationen angepasst und reduziert werden. Emotionen können Affekte modulieren, indem sie ihnen Bedeutungen, Erlebnisse und Praktiken zuweisen. Emotionen sind also eine Art von Muster, dass Bedeutungen, Erleben und ein Set an Praktiken verbinden, die typisch für eine Emotion wie der Trauer oder der Freude sind. Dieser Punkt wird im Unterkapitel zur Signifikation (4.9) noch weiter ausgearbeitet.

Neben Stern ist es Anderson, der die Modulationen zwischen Affekten und Emotionen in der Virtualität andeutet – »affects and emotions are always-already entangled with one another in encounters« (Anderson 2014: 84). An dieser Stelle ist Anderson nah an der Argumentation des vorliegenden Buches zur Modulation bei Massumi: »Emotion as qualified personal content feeds back into the emergence and organisation of affect, whilst at the same time being the most intense expression of the capture of affect and of affect’s ongoing escape.« (ebd.: 83) Was zu einer Emotion wird, ist ein Frage der Modulation und damit letztlich des Machtgefüges, in dem sie stattfindet.

Simondons, Sterns und Andersons Beiträge bestehen darin, die Modulationen zwischen Affekten und Emotionen zu beschreiben und Affektmodulationen nicht nur in der Aktualität, sondern auch in der Virtualität zu verorten. Affekte können in Emotionen übersetzt werden, wenn ihre Intensität eine bestimmte Stärke nicht überschreitet. Affektmodulationen sind solche Angleichungen und Reduzierungen der Intensität von Affekten, die es ermöglichen, dass Affekte zu Emotionen werden. Als Emotionen erhalten Affekte eine symbolische Bedeutung, bestimmte Erlebnisse und Handlungsabläufe, die es ermöglicht, Intensitäten zu organisieren.

4.4Synchronisation durch Muster

Affektmodulationen, die Intensitäten anpassen, damit sie zu einer Emotion werden können, denkt Stern (2007: 92) als wiederholte Interaktionen. Durch die permanente Wiederholung von bestimmten Bewegungen kann die Intensität affektiver Relationen moduliert werden. Aufgrund von Wiederholungen stellen sich eine Routine und ein Handlungsmuster ein, die die Offenheit von Relationen einschränken und Intensitäten reduzieren. Wie Stern aufzeigt, geben Emotionen Affekten bestimmte Muster und synchronisieren auf diese Weise ihre aktuellen Effekte und virtuelle Intensität. Dass Affektmodulationen über Muster und als Synchronisation funktionieren, lässt es plausibel scheinen, von Emotionen als »Modes of Ordering«, wie sie Mol (2002) diskutiert, zu sprechen, auch wenn sie den Modulationsbegriff nicht auf die Unterscheidung von Virtualität und Aktualität bezieht. »Modes of ordering do not primarily order meanings (like ,versions‹) or actions (like ,frames‹). They have neither a thinker/feeler nor an actor at their center: individuals are ordered along with them. Modes of ordering pervade organizations, or habits, or buildings, or techniques, or gestures. They may order anything: what it is they order is part of what turns them into one ,mode‹ or another (Law 1994).« (Mol 2002: 68) Diese Modi sind nicht auf einzelne Entitäten zurückzuführen, sondern entfalten eine eigene Agency. Die Agency der Modi liegt in körperlichen Bewegungen, die sie vorgeben (vgl. ebd.: 70) und die auf diese Weise verschiedene Assemblagen bilden.52

Auch Latour (1996) schließt an Law an, in seinem Text über die Agency von Türschlüsseln. Objekte haben Muster oder das »Skript einer Vorrichtung […], welches wäre dann das Aktionsprogramm eines solchen Schlüssels? ,Schließen Sie bitte die Haustür nachts immer hinter sich zu, tagsüber jedoch nie.‹« (Latour 1996: 47) Latour betont nochmals die körperstrukturierende und zielgerichtete Wirkung von Objekten und ihrem Aktionsprogramm. Diese Idee von Latour ist zwar noch zu sehr auf Objekte bezogen, lässt sich aber auch auf bestimmte Relationen übertragen, wie es stärker bei Mol angelegt ist. Im Sinne dieser Untersuchung organisieren Modulationen affektive Relationen, indem sie die Dynamiken von Körpern durch die Implementierung von Mustern anpassen. Emotionen können als solche Muster, Modi oder Programme verstanden werden. Sie geben Affekten eine bestimmte Richtung und Intensität und formen so eine bestimmte Assemblage.

4.5Subjektivierung und Kollektivierung

Die Modulation durch Emotionen kann als eine Subjektivierung und Kollektivierung verstanden werden, die die affektiven Relationen und die involvierten Körper vereinheitlichen und ihnen eine Stabilität geben. Machteffekte implementieren und stabilisieren sich durch Muster dauerhaft, Mühlhoff spricht auch von

»dynamischen Mustern von Affizierungsdynamiken […] [und] Sedimentierungseffekt[en] […]. […] Damit wird plausibel, wie in der Genese des einzelnen Individuums und seines Affizierungsvermögens in konkreten nahweltlichen Relationen auch übergeordnete, sozial und gesellschaftlich stabilisierte Affizierungsmuster und Strukturen zum Tragen kommen, entlang derer eine affektive Subjektivierung der Individuen stattfindet.« (Mühlhoff 2018: 21; Herv. C.H.P.)

Im Gegensatz zu Deleuze und Massumi verbindet Mühlhoff seine Affekt- und Machttheorie mit einer Subjektivierungstheorie: »Subjektivierung heißt Einbindung bei gleichzeitiger Konstituierung des Subjekts und Perpetuierung des Machtapparats. Aus dem, was klassische Theorien der Subjektivierung als Unterwerfung bezeichnen, wird in den Immersionsgefügen Vereinnahmung [Immersion].« (ebd.: 19)

Als Affizierungsmuster der Subjektivierung bezeichnet Mühlhoff dezidiert sozialtheoretische Kategorien wie gender oder Arbeit(sverhältnisse). An Subjektformen sind »Rollenmuster[]« (ebd.: 23) gebunden, die bestimmte Vermögen der Körper und seine Reaktionen modulieren – »[d]as, was ein Subjekt als sein eigenes lustvolles und autonomes (affektives) Streben wahrnimmt, wird durch diese Spielart von Macht so moduliert, dass es mehrwertgenerierend in einen Gesamtapparat (etwa ein Unternehmen) eingebunden werden kann.« (ebd.: 24) Solche Affizierungsmuster sind an Asymmetrien und Polarisierungen gebunden, die darin sichtbar werden, welche Affekte und affektiven Relationen von Affizierungsmustern unterdrückt und ausgeschlossen, welche gefördert und gesteigert werden. Formen von asymmetrischen affektiven Relationen können beispielsweise Herrschafts- oder Ausbeutungsbeziehungen sein (vgl. ebd.: 20 f.).

Subjektivierungen betreffen Kollektive, insofern bestimmte Subjekte einer Situation diese Muster teilen. Ahmed und Lordon haben darüber hinaus eine Theorie der Kollektivität, die die Modulation von Affekten zentral setzt. Obwohl Ahmed den Begriff der Emotion dem des Affekts vorzieht, kann ihre Emotionstheorie als eine Affekttheorie gelesen werden.53 Bei Ahmed entfalten Emotionen eine Eigenständigkeit (die Massumi Autonomie nennt), ohne dass sie dafür auf eine dezidierte Ontologie rekurriert. Emotionen haben eine eigenständige Agency, weil sie nicht an einen individuellen Körper noch an seine Psyche oder Bewusstsein gebunden – »emotions do things« (Ahmed 2004a: 119; vgl. auch 2004b: 1, 4, 208). Wegen dieser Nähe von Ahmeds Emotionsbegriff zum eigenen Affektbegriff wird im Folgenden von Affekten gesprochen, wo Ahmed von Emotionen spricht.

Muster von Affektmodulationen, die bei Ahmed affektive Ökonomien heißen, bilden bestimmte Kollektive. Ahmeds Arbeiten führen die Diskussionen zum Modulationsbegriff fort, weil sie in ihren empirischen Fallstudien besonders an den Grenzziehungen von Kollektiven interessiert ist. Modulationen konstituieren affektive Relationen und Assemblagen aus Körpern, indem sie Grenzen ziehen zwischen jenen Körpern, die Teil der Assemblage sind und jenen, die außerhalb sind.

»In such affective economies, emotions do things, and they align individuals with communities […]. In particular, I will show how emotions work by sticking figures together (adherence), a sticking that creates the very effect of a collective (coherence) [innen], with reference to the figures of the asylum seeker and the international terrorist [außen]. My economic model of emotions suggests that while emotions do not positively reside in a subject or figure, they still work to bind subjects together.

Indeed, to put it more strongly, the nonresidence of emotions is what makes them ›binding‹.« (Ahmed 2004a: 118)

In ihren konkreten Fallanalysen konzentriert sich Ahmed auf die (Modulations-)Ökonomien der Affekte wie den Rassismus und Nationalismus, die eine Trennung zwischen »Wir« und »Sie« beziehungsweise »den Anderen« oder »Fremden« vornehmen und beide mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzen. Zentral sind dabei die Affekte der Liebe und des Hasses. Der Hass und die Liebe teilen Körper ein. Auf der Seite des Außen werden Körper mit einer bestimmten Hautfarbe und Verhaltensweisen durch den Hass zu einer Quelle der Angst und Bedrohung, während innen Körper durch die Liebe verbunden und schützenswert werden (vgl. Ahmed 2004a: 126 f. 2000: 17 ff.). Affektmodulationen des Rassismus kollektivieren Subjekte mit der Idee und dem Kollektiv einer »weißen Nation« oder »weißen und reinen Gemeinschaft«: »these negative attachments to others is redefined simultaneously as a positive attachment to the imagined subjects brought together through the capitalisation of the signifier, ›White‹.« (Ahmed 2000: 43) Das gemeinsame »Wir«, »Uns« oder die »Gemeinschaft« werden gegenüber dem »Sie« und »den Anderen« von der Liebe besetzt (vgl. ebd.: 42 ff.). Die Gemeinschaft der Liebe kennzeichnen nicht Angst, Gewalt, Abgrenzung, sondern Zuneigung, Vertrauen, Freundschaft und Zusammenhalt (vgl. auch Ahmed 2004c, a).

Neben Ahmed hat Lordon eine Theorie der affektiven Kollektivität. Lordon zeigt auf, wie sich durch Affektmodulationen in Institutionen stabilisierte Kollektive bilden, die »weitestgehend in sich geschlossen sind, im Modus der Selbst-Affektion (vgl. Lordon 2015: 55). Stabilisierte und geordnete affektive Kollektive affizieren sich selbst und können sich damit mit ihren Affektmustern reproduzieren. Spinoza folgend, bilden sich Kollektive aus vielfältigen gegenseitigen Affizierungen von Körpern. Bei Spinoza besteht die Macht der Menge darin, »alle gleich zu affizieren –, [die Macht der Menge stellt] ispo facto das Vermögen dar, einen gemeinsamen Affekt zu erzeugen.« (ebd.: 56) Die Menge »produziert […] den Zement, der ihr die eigene Konsistenz und den Zusammenhalt als Körper verschafft: den gemeinsamen Affekt.« (ebd.: 60) Die Selbstregulierungskräfte des Kollektivs bestehen darin, sich als mehr oder weniger geschlossenes Kollektiv darüber zu konstituieren, dass sie Affekte teilen, die sie gemeinsam modulieren. Diesen Prozess nennt Lordon die »Komposition von individuellen zu kollektiven Affekten« (ebd.: 57).

Mühlhoff, Ahmed und Lordon verdeutlichen, dass Affektmodulationen Körper als Subjekte oder Kollektive angleichen. Durch gemeinsame Muster agieren Affekte zwischen Körpern relativ gleichmäßig und sie bilden damit Assemblagen mit vereinheitlichten Bewegungen, Gefühlen und körperlichen Ausdrücken, ohne sie gänzlich gleich zu machen. Kollektive bilden sich jedoch nur, wenn sie andere Körper ausschließen. Alle drei Autor*innen tendieren dazu, die gebildeten Subjekte und Kollektive als recht geschlossen zu beschreiben und sind nicht am Werden interessiert wie Deleuze und Massumi. Wenn der Blick darauf gelenkt wird, dass Muster um zu synchronisieren permanent wiederholt werden müssen, werden Muster prekär und instabil, da sich in ihnen Differenzen ausdrücken.

4.6Rhythmen im Werden

Aufgrund der fehlenden beziehungsweise geringen Relevanz des Modulationsbegriffs in der Sozialtheorie wird dem Begriff auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen nachgegangen, auf die Deleuze vornehmlich selbst verweist, wenn er Modulationen beschreibt. Es ist auffällig, dass Deleuze den Begriff der Modulation neben seinen Analysen einer neuen Regierungsmacht dann öfters benutzt, wenn er über Kunst, insbesondere über Musik spricht (vgl. Deleuze/Guattari 1992: 135, 142, 662; Deleuze/Guattari 2000: 226). Dabei beschreibt er kontinuierliche und variierende Organisationsprozesse. Der Modulationsbegriff verweist in den Textstellen außer auf ganz allgemeine Variationen in der Musik in der Abfolge eines Musikstückes auf die kontinuierlichen Variationen von Tönen im Gesang, bis die Intervalle immer kleiner werden und schließlich ganz verschwimmen oder auf die Variationen in der Sprache, die zwischen Akzenten mit ihren unterschiedlichen Betonungen und Redewendungen bestehen. Deleuze ist an den damit einhergehenden Öffnungen und Schließungen der Musik oder Sprache interessiert, die nicht stillgestellt werden können. In einer Modulation kommt es gleichzeitig zu Variationen und Organisierungen, sodass sich variable Gebilde herausbilden, die immer wieder wiederholt werden müssen und sich dabei stets verändern. Damit verweist Deleuze ebenfalls auf die Bedeutung von Rhythmen für Organisierungen in der Musik.

Stern zeigt auf, dass Affektmodulationen wiederholt werden müssen, um wirksam zu sein, nur so bilden sie Muster heraus. Als eine Bedingung von Affektmodulationen nennt er den Rhythmus und bedient sich Begriffen aus der Musik. In einem Rhythmus werden verschiedene »Taktschläge mit unterschiedlicher Akzentuierung […] aufeinander abgestimmt.« (Stern 2007: 209) Die Taktschläge der verschiedenen Körper werden in einem Muster zusammengeführt und entwickeln sich zu einer geordneten Komposition. Ein Rhythmus ermöglicht zudem die Integration von andern Körpern und Bewegungen, indem ihre Takte angepasst werden.

Auf die Bedeutung von Musik und Rhythmus für die Affekttheorie geht Protevi (2013: 86 ff.) ein: Er verbindet Affekte mit Musik und Modulation. Musik ist für ihn eine zentrale Form der Affektmodulationen. Um diese Funktion von Musik zu verstehen, bezieht er sich auf Bispham (2006). Bispham argumentiert, dass alle menschlichen sozialen Interaktionen von rhythmischem Verhalten geprägt sind. Er beschreibt die Funktionslogik der Musik, Körper zu affizieren und so zusammenzubringen als gegenseitige Einstimmung der involvierten Körper in der Musik. Synchronisiert werden »emotions and motivational states by means of affecting states of actionreadiness« (Bispham 2006: 131). In der Musik teilen Körper eine »collective emotionality« (ebd.: 131) oder kollektive Emotion: »[I]n co-regulating and achieving a convergence of emotional and motivational state with regularities providing joint focus, redundancy, and attentive efficiency as well as a feeling of shared experience.« (ebd.: 131) Durch die Musik gelangen Körper auf die gleiche »emotional wavelength« (Protevi 2013: 88), wie Protevi formuliert. Die Körper werden in, anderen Worten, durch Rhythmen in ihren Vermögen, Bewegungen und Kräften ähnlich ausgerichtet. Synchronisationen durch Rhythmen sind nicht stabil, sondern reagieren auf die Dynamiken der Relationen und Assemblagen und greifen korrigierend in Abweichungen ein. Durch diese Synchronisationen entstehen metastabile Assemblagen aus Körpern (vgl. Bispham 2006: 130 f.).

Im Deleuze-Kapitel wurde an verschiedenen Stellen bereits herausgearbeitet, dass Nietzsche für Deleuze eine zentrale Referenz, besonders für seine Affekttheorie ist. Daher ist es interessant, dass sich Deleuze in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche nicht auf dessen Rhythmusbegriff bezieht, sonst hätte wahrscheinlich auch er seinen Modulationsbegriff stärker mit seiner Affekttheorie verbunden. Im Anschluss an Elaine Millers (1999: bes. 4–10) Arbeit zum Rhythmusbegriff im Werk von Nietzsche, lässt sich aus Sicht des vorliegenden Buches auch Nietzsches Rhythmusbegriff als Affektmodulation verstehen.54 Nietzsche versteht Rhythmus als einen Prozess der Individuation, der Vielheit und des Werdens, der singuläre Körper in ihren Relationen (neu) hervorbringt. Rhythmen sind für Nietzsche keine stabilen Prozesse des Organisierens, sondern selbst im Werden: »moving, mobile and fluid, the form of that which does not have organic consistency … It is the form as improvised, momentary, changeable« (Nietzsche zit. nach Miller 1999: 5). Aus diesem Grund sind Modulationen immer provisorisch und transformieren sich. Nur der moderne Rhythmus, den Nietzsche kritisiert, ist selbstidentisch; ihm fehlt jene Ambiguität, wodurch er nicht mehr fluide und offen ist (vgl. ebd.: 6 f.).55 Ein Rhythmus ist etwas Fließendes und die Organisation dieses Fließens: »movement and moderation« (Sachs 1953: 13). Auch affektive Relationen bei Deleuze und Massumi entsprechen der Doppelbedeutung von Rhythmus als Werden und Kontrolle, Fluss und zugleich Ordnung oder Regulierung dieses Flusses (vgl. auch Ikoniado 2014: 10 f.; Woitas 2016: 508). Rhythmen gibt es zwischen allen Arten von Körpern und sind nicht an menschliche Subjekte gebunden (vgl. auch Ikoniado 2014: 15). In der Bedeutung des Rhythmusbegriffs ist bereits eine posthumanistische Position angelegt.

Rhythmen sind demnach keine stabilen Prozesse des Organisierens oder Vereinheitlichung; eine Synchronisation durch Rhythmen ist keine Herstellung von Identitäten und geschlossenen Formationen wie durch einen Code. Rhythmen sind fluide und selbst im Werden, sie sind provisorisch und transformieren sich, sodass hervorgebrachte Relationen metastabil sind (vgl. Messiaen 2012: 40 f.; Bogue 2003: 18). Durch Aktualisierung im Rhythmus emergieren immer wieder neue Intensitäten, Momente oder Relationen (Ikoniado 2014: 12 ff.). Deshalb versteht auch Simondon (2015: 388) einen Rhythmus nicht als unilinearen und gradlinigen Prozess.

Ausgehend von den vorangegangenen Überlegungen und Deleuzes (1997b: 193 ff.) Gedanken sowohl zu Refrain, Milieu und Territorium als auch zum Ritornell (Deleuze/Guattari 1992: 424 ff.), wie im letzten Kapitel (3.5.3) zu Massumi über Rhythmen entwickelt, lassen sich Emotionen als rhythmische Territorialisierungen verstehen. Diese Schlussfolgerung legt auch Massumi nahe. Rhythmen bringen Territorien hervor. Territorien bestehen aus unterschiedlichen Milieus und Rhythmen, die eine bestimmte Qualität, Eigenschaft oder einen vereinheitlichenden Code haben, der verschiedene Milieus zusammenfasst und einer gemeinsamen Logik unterwirft. Ein Milieu ist, allgemein gesprochen, eine Ordnung oder Form in Zeit und Raum, verbunden mit anderen Milieus (vgl. Bogue 2003: 17 f.). Ein Milieu ist zum Beispiel ein Mensch, der wiederum verschiedene Submilieus hat. Submilieus wären die Luft und Umwelt als externe Milieus oder Körperorgane und der Blutkreislauf als interne Milieus. Aus Milieus wird ein Territorium, wenn sie expressiv und abstrakt werden und die einzelnen Milieus feste Eigenschaften und Qualitäten bekommen: In einer Territorialisierung wird eine Tendenz oder eine Kraft des Milieus von einer einzelnen Komponente gelöst und als verallgemeinerte und qualitative Eigenschaft gesetzt, an der das gesamte Milieu und verschiedene kleinere Milieus ausgerichtet werden. Verschiedene Kräfte werden dabei um ein Zentrum gruppiert und bilden auf diese Weise ein Territorium. Territorialisierungen verändern beziehungsweise reorganisieren auf diese Weise Funktion, Richtung und Zusammensetzung der Kräfte in den Milieus und erschaffen neue Funktionen für die Kräfte (vgl. ebd.: 19 ff.).

Auf den Emotionsbegriff übertragen, bedeutet dass, das Emotionen Affekte und intensive Relationen durch ihre Rhythmen organisieren und stabilisieren, indem sie den vielfältigen Affekten gemeinsame Muster oder Qualitäten zuweisen. Emotionen wie Trauer, Freude oder Wut sind verbunden mit bestimmten körperlichen Dynamiken und Reaktionen, die die jeweilige Emotion auszeichnen und quasi der typische Ausdruck dieser Emotion in einer bestimmten Situation sind. Milieus, die mit Rhythmen zusammen ein Territorium ausmachen, umfassen für den Fall von Emotionen verschiedene körperliche Reaktionen wie einen Gesichtsausdruck oder eine Geste mit einer bestimmten passenden Intensität und Bedeutung, die erst zusammen ausdrücken, was eine Emotion beispielsweise der Trauer oder Freude ist.

Durch den Verweis auf die Musik und den Rhythmus enthält der Modulationsbegriff darüber hinaus eine weitere Bedeutungsdimension, die Deleuze zwar andeutet, die aber aus der Perspektive der Musik nochmals deutlicher wird. Der Modulationsbegriff verweist besonders auf (De-)Synchronisationen und die Spannungen und Wechsel zwischen Harmonie und Disharmonie. Eine Modulation meint den Wechsel von einem Ton zu einem anderen und die damit einhergehende kontinuierliche Variation der Musik selbst. Die Übergänge können selbst durch vielfältige Techniken konstituiert werden, die leichte oder starke Abweichungen in den Tönen und Tonfolgen vornehmen, was zu harmonischeren oder disharmonischeren beziehungsweise ungewohnten Abschnitten führen kann (vgl. Ferris 2000: 62 ff.). Durch die Ton- und Tonartenwechsel ist der Modulationsbegriff an den Begriff des Rhythmus gebunden. Die Rhythmen in der Musik werden durch Modulationen verändert und variiert (vgl. Losada 2008: 317 ff.). Der Modulationsbegriff verweist damit auf eine kontinuierliche Mikro-Praxis, die Rhythmen der Musik verändert und gleichzeitig selbst nicht stabil bleibt, sondern variiert.

4.7Transformationen

Im letzten Absatz und bereits bei Nietzsche wurde darauf verwiesen, dass Affektmodulationen durch Rhythmen keine Einheiten hervorbringen, sondern Bewegungen nur angleichen; dazu müssen sie permanent wiederholt werden. In ihre Wiederholungen schreiben sich Differenzen ein, eine wiederholte Bewegung verändert sich, darin zeigt sich ein weiteres Moment der Produktivität von Affektmodulationen. In seiner Technikphilosophie versteht Simondon eine Modulation als die Übertragung von Informationen mithilfe von elektrischen Strömen oder elektromagnetischen Wellen. Dabei kommt es zu Verschiebungen oder Störungen, wenn die eingespeisten nicht mit den ausgehenden Modulationen identisch sind (vgl. Simondon 2012: 119 ff.).

Auf die transformative Funktion von Affektmodulationen verweist Anderson. Er (2014: 16 ff.) problematisiert Affekttheorien, weil sie zu wenig Interesse an der Mediation beziehungsweise Organisation von Affekten zeigen. Er vertritt, wie die vorliegende Untersuchung, die Auffassung, dass es keinen unmediatisierten, unberührten oder unmittelbaren Affekt gibt, womit er sich explizit gegen Massumi wendet (vgl. Anderson 2014: 19). Mediationen transformieren Affekte, affektive Relationen und Vermögen von Körpern:

»[Mediation] is a general term for processes of relation that involves translation and change and from which affects as bodily capacities emerge as temporary stabilisations. In other words, mediation involves constant (dis)connections between affects and the complex mixtures that make up ways or forms of life. The processes through which affective life is mediated are many and varied, meaning that mediation as used in this book is not reducible to either a) mediation as the reconciliation of two opposing forces or b) mediation as equivalent to the media.« (ebd.: 13)

4.8Medialität

Der Begriff der Medialität weist darüber hinaus in eine andere Richtung, die Anderson nicht mitbedenkt, wohl aber Brennan, die ebenfalls auf den transformativen Effekt von Modulationen verweist. Obwohl sie selbst nicht den Modulationsbegriff verwendet, sind die von ihr beschriebenen »Transmissions of affects« (Brennan 2004) Modulationen, die zwei Formen annehmen können: Angleichungen und Abstoßungen. Wie bei Deleuze und Massumi sind Affekte bei Brennan relational und sozial. Der Ursprung von Affekten liegt einerseits nicht in einem einzelnen Subjekt, sondern in Relationen aus verschiedenen (menschlichen) Körpern, und andererseits sind Affekte den Subjekten vorgängig (vgl. ebd.: 13, 65). Affekte sind materielle und energetische Kräfte, die Körper verändern, ihre Vermögen und Dynamiken steigern oder abschwächen. Diese Prozesse in affektiven Relationen fasst Brennan als eine Übertragung, die die Vermögen von Körpern und Relationen moduliert (vgl. ebd.: 3, 75, 86). Deshalb muss Brennans Kritiker*innen widersprochen werden, die ihr wie Mühlhoff (2018: 157 f.) vorwerfen, affektive Übertragungen tendenziell als einseitig und nicht ko-konstitutiv zu konzipieren. Dabei geht Brennan auf das Problem der Medialität affektiver Relationen ein, indem sie die Massenpsychologie dafür kritisiert, kein Verständnis davon zu haben, wie sich Affekte zwischen Körpern übertragen. Dieser Vorwurf lässt sich darüber hinaus auch auf Deleuze und Massumi ausweiten, die die direkten und unmediatisierten Affizierungen zwischen Körpern voraussetzen. Um die Leerstelle der Affizierungen (in der Massentheorie) zu bearbeiten, greift Brennan auf das Konzept »Entrainment« (ebd.: 52) zurück. Entrainment ist der konkrete Mechanismus der Übertragung von Affekten, es ist eine Übertragung durch Pheromone, die sich wie eine »chemical communication« (ebd.: 68) in der Luft zwischen Körpern übertragen. Ein Körper wird affiziert, indem er die Pheromone aufnimmt, die wiederum seine Hormone verändern. Auf diese Weise beeinflussen Pheromone und Hormone die Handlungen von menschlichen Körpern. Für Brennan gibt es keine Unmittelbarkeit der Affektionen. Körper sind keine passiven Empfänger von Pheromonen, sondern verarbeiten sie. Der menschliche Körper ist ein »receiver and interpreter of feelings, affects, attentive energy.« (ebd.: 87)

Brennan ist interessant, weil sie die Materialität von Affektionen genauer untersucht. Affekte beeinflussen Körper, indem sie Entitäten übertragen und so Körper sowohl in ihren biologischen und physiologischen als auch ihren psychologischen Prozessen verändern. Brennan bezieht Affekte ausschließlich auf menschliche Körper, weil nur sie die biologischen Voraussetzungen für die Übertragung von Affekten haben. Aus diesem Grund sind ihre Ausführungen für eine posthumanistische Affekttheorie problematisch, weil sie dadurch die verschiedenen Körper in affektiven Relationen – die von den anderen Theorien miteinbezogen werden – ignoriert. Dennoch bleibt die Frage nach der Medialität von Affektionen in diesem Buch bisher unbeantwortet. Deleuze und Massumi konzentrieren sich auf die direkten und unmittelbaren Effekte von Affekten.

4.9Signifikation

Wenn Emotionen und Affekte zusammengedacht werden, wird der Dualismus zwischen Intensität und Signifikations- und Bedeutungsprozessen, wie er sich bei Deleuze und Massumi durchzieht, unterlaufen. Verschiedene Positionen zum Modulationsprozess versuchen Affekte wieder mit Diskursen und Signifikationen zusammenzubringen. Anderson beispielsweise verbindet in seinem Mediationsbegriff intensive Prozesse mit sinnhaften und kognitiven (vgl. Anderson 2014: 85, 88, 165). Emotionen sind zwar die symbolische und aktuelle Seite eines durch Affekte ausgelösten Gefühls, Affekte bekommen durch sie aber zugleich eine Bedeutung und Richtung. Indem er Affekte und Emotionen verbindet, unterscheidet Anderson beispielsweise Affekte der Hoffnung, Liebe oder Angst und Prekarität nach ihrer Intensität, ihren Effekten sowie ihrer Bedeutung (vgl. ebd.: 77, 124 ff.).

Auf die Signifikationen von Affekten verweist ebenso Ahmed. Affekte sind bei ihr relational und zirkulieren zwischen Körpern und binden sie aneinander, weshalb sie von »attachments« (Ahmed 2004b: 11) spricht und davon, dass Affekte sowohl »sticky« (ebd.: 4, 11) und stabilisierend sind als auch beweglich. Affekte sind sticky oder klebrig, weil sie Objekte beziehungsweise Körper im umfassenden Sinn besetzten und ihnen auf diese Weise sowohl eine symbolische Bedeutung als auch ein affektives Vermögen geben oder aber Bedeutungen oder Vermögen verändern. Insofern sind Affekte für Ahmed intentional; »they are ›about‹ something: they involve a direction or orientation towards an object« (ebd.: 7). Affekte verbinden Körper und Zeichen. »Affect does not reside in an object or sign, but is an effect of the circulation between objects and signs (= the accumulation of affective value). Signs increase in affective value as an effect of the movement between signs: the more signs circulate, the more affective they become.« (ebd.: 45) Die Intensität der affizierenden Körper oder ihr affektiver Wert liegen für Ahmed darin, wie sehr die Zeichen, die sie besetzen, im Sozialen oder Kollektiven zirkulieren und damit affizieren. Affektive Zeichen geben den Körpern eine Bedeutung im Sozialen, zum Beispiel wenn sie angstvoll sind oder liebenswürdig (vgl. ebd.: 70, 90, 194).

In eine ähnliche Richtung argumentiert Lordon (2014: 95, 11 f.), wenn er beschreibt, wie der Kapitalismus Körper beeinflusst, indem er Affekte nutzbar und verwertbar macht. Dies geschieht dadurch, dass Affekte Begehren eine bestimmte Richtung geben und an Objekte wie Autos, Urlaube oder Häuser binden. Mit Objekten sind nicht nur materielle Körper gemeint. Lordon betont, dass alle Arten von Körpern materielle wie immaterielle Objekte affizieren können. Es können also auch Ideen oder Normen affizieren. Affekte und Ideen sind verbunden: »Sie wären als Affekt-Ideen zu definieren, oder besser noch als mit einem bestimmten Ideengehalt besetzte Affekte. Deshalb ist es völlig illusorisch, zu glauben, die Ordnung des Sinnes und des Diskurses ließe sich trennscharf von der Ordnung der Mächte-Affekte unterscheiden« (Lordon 2015: 71).

Ahmeds, Andersons und Lordons Gedanken sind für das vorliegende Buch weiterführend, weil sie Affekte auch durch ihre symbolische und sinnhafte Prozesse modulieren. Die Autor*innen trennen nicht dualistisch zwischen Signifikationen und Affekten, wie es Deleuze und Massumi tun, sondern untersuchen die Verschränkung beider Ebenen und interessieren sich für die Intensität und affektive Qualität von symbolisch aufgeladenen Körpern. Sie eröffnen damit eine Perspektive auf die affektiven Kräfte von Signifikationen und symbolischen Prozessen im Sozialen.

4.10Zwischenfazit: Anschlusspunkte des Modulationsbegriffs

Das Diskursnetz des Modulationsbegriffs eröffnet die Möglichkeit eines eigenständigen Emotionsbegriff in der Affekttheorie, der die Sozialität des Affekts bestimmt. Emotionen sind eine Kraft der Aktualität des Sozialen. Die vergangene Diskussion verweist auf einen Emotionsbegriff, der nicht mehr das dualistische Gegenstück von Affekten, nicht ausschließlich der Effekt von Affekten und als solcher negativ und mangelhaft ist. Stattdessen eröffnet sich ein positiver und produktiver Emotionsbegriff in der Affekttheorie.

1.Emotionen als Affektmodulationen

Für Simondon, Stern sowie teilweise Anderson sind Emotionen eigenständige Techniken der Modulation in affektiven Relationen. Bereits Massumi hat an einigen Stellen darauf verwiesen, dass Emotionen Techniken der Affektmodulation sind, diesen Gedanken aber nicht weiter ausgeführt. Besonders Simondon bindet Affekte und Emotionen in seiner Wortschöpfung »Affekt-Emotionen« direkt aneinander und hebt ihre gegenseitige Modulation hervor. Bei ihm wird am deutlichsten, dass Emotionen eigenständige Affektmodulationen sind. Affekte und Emotionen sind bei Anderson Teile eines Mediationsprozesses, sodass Affekte nicht unberührt, unmediatisiert oder ungefaltet sind, wie Deleuze und Massumi suggerieren.

Emotionen sind in Abgrenzung zu Deleuze und Massumi keine individuellen, abgeleiteten und passiven Zustände, sondern relationale und aktive Kräfte. Emotionen ordnen, stabilisieren und synchronisieren Körper, indem sie Affekten eine Bedeutung und Richtung geben. Wenn sich affektive Relationen durch permanente und wiederkehrende Modulationen stabilisieren, bilden sich Affizierungsmuster, wie sie Mühlhoff bezeichnet; Ahmed spricht von Affektökonomien, Stern von Aktivierungskonturen und Bispham versteht kollektiv geteilte Emotionen als Grundlage von Kollektivierungen. Auch Anderson untersucht Affektmuster sowie Mol, die im Anschluss an die Akteur-Netzwerk-Theorie von Modes of Ordering spricht. Ungeachtet der Unterschiede in ihren je spezifischen Merkmalen und theoretischen Hintergründen sind die verschiedenen Ordnungs- und Organisationsbegriffe letztlich Affizierungsmuster. Sie modulieren affektive Relationen, in denen sie ihm durch eine gemeinsame Logik und Funktion geben. Sie verbinden, integrieren und synchronisieren Relationen, Körper und Kräfte, schließen andere aus und haben eine spezifische Dynamik, ausgelöstes Verhalten und Intensität.

Durch Affektmodulationen werden affektive Relationen stabilisiert und geordnet, gleichförmiger und einheitlicher. Die entstehenden Muster sind aber nicht umfassend stabil und abgeschlossen, sondern metastabil. Modulationen sind flach und fluide und nicht determinierend. Das Gegenmodell zu einer Modulation ist ein Code, der stabil, vereinheitlichend und unterdrückend ist. Eine Modulation gleicht zwar an und synchronisiert, sie führt aber nicht zu einer geschlossenen und stabilen Einheit; eine Modulation ist variabel und arbeitet an, in und mit den affektiven Dynamiken.

2.Territorialisierung und Deterritorialisierung

Affektmodulationen haben in beiden Dimensionen des Sozialen – in der Aktualität sowie in der Virtualität – Effekte. Brennan unterscheidet zwei grundlegende Bewegungen in der Aktualität idealtypisch: Angleichung und Abstoßung. Aus der Perspektive von Deleuze und Massumi sind Angleichungen Territorialisierungen und Abstoßungen Deterritorialisierungen. In Angleichungen passen sich Körper in ihren Stimmungen und Dynamiken an. Abstoßungsprozesse haben gegenteilige Effekte. Körper kommen nicht dichter zusammen und stabilisieren ihre Beziehung nicht, sondern reduzieren oder trennen ihre affektiven Relationen untereinander (vgl. Brennan 2004: 9). Positiv sind Affektmodulationen zudem dann, wenn sie die Dynamiken der Körper und Relationen steigern; negativ sind sie, wenn sie diese mindern. Konkrete Affektmodulationen vereinen beide Formen. Affektmodulationen sind niemals nur negativ und abschwächend, sondern zugleich positiv und steigernd (vgl. ebd.: 34, 70). Eine Perspektive, wie sie Deleuze und Massumi einnehmen, aus der beide die positive und deterritorialisierende Kraft der Affekte und die negative und reterritorialisierende Kraft von Affektmodulationen betonen, ist unzureichend.

3.Potentialisierung und Depotentialisierung

Affektmodulationen falten neben der Aktualität die Virtualität, wie Simondon und Stern ausführen. Für Stern beeinflussen Affektmodulationen die Virtualität von Affekten, die er »Aktivierungskonturen« (Stern 2007: 87) oder »Erregungs-/Aktivierungsniveaus« (ebd.: 88) nennt. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Potentialität und Intensitäten, die die Stärke von ausgelösten Affizierungen bestimmen. Sie sind die Bedingungen zukünftiger oder potentieller Affekte und des von ihnen ausgelösten Verhaltens (vgl. ebd.: 89). Affektmodulationen unterscheiden sich in ihrem Verhältnis von Virtualität und Aktualität. Affektmodulationen sind potentialisierend, wenn sie die Virtualität für Affekte öffnen und ihre potentielle Intensität steigern; sie sind depotentialisierend, wenn sie entgegengesetzte Effekte haben und die Potentialität für zukünftige Affekte reduzieren, sodass die ausgelösten Dynamiken in affektiven Relationen potentiell schwächer werden.

4.Signifikation

Die Gegenüberstellung von signifikanten, kognitiven, symbolischen sowie diskursiven Prozessen und affektiven Prozessen, wie sie Deleuze und Massumi vornehmen, findet sich bei den in diesem Kapitel diskutierten Autor*innen nicht. Stattdessen betonen sie deren konstitutive Verschränkung. Bei Ahmed und Lordon erhalten Symbole und Zeichen affektive Ladungen. Durch die Verschränkung von symbolisch-sinnhafter und intensiver Ebene in affektiven Relationen lassen sich Affekte nach ihren jeweiligen Modulationsmustern unterscheiden. Ahmed oder Anderson unterscheiden Affekte und Modulationen wie Angst, Hoffnung oder Hass. Sie verweisen bereits darauf, stärker die Rolle von Signifikationen und Emotionen als Affektmodulationen und Kräfte in affektiven Relationen zu beachten. Emotionen haben eine symbolische und diskursive Dimension: Sie drücken bestimmte Gefühle auf eine kulturell tradierte Weise aus. Die Emotion Angst hat einen gewissen Gesichtsausdruck, Verhaltensweisen und Körperspannung, mit denen die Emotion symbolisch dargestellt und repräsentiert wird. Für andere Körper einer Intraaktion ist eine Emotion deshalb erkennbar und Körper können ihr Verhalten anhand der Emotion ausrichten und anpassen.

5.Rhythmen

Die Ausführungen zu Nietzsche, zur Musik und zu Stern haben die Rolle von Rhythmen in Affektmodulationen herausgestellt. Der Rhythmusbegriff ist für Massumi eine Kraft der Stabilisierung und Synchronisierung von affektiven Relationen. Emotionen als Affektmodulationen sind selbst rhythmisch und territorialisierend. Der Rhythmusbegriff verweist insbesondere auf die Temporalität, Dynamik und variable Geschwindigkeiten von Affektmodulationen. Rhythmen sind eine Mikropraktik der Verbindung, Synchronisation und Angleichung von affektiven Relationen und heterogenen Körpern. Sie geben Affekten und Kräften ein bestimmtes Muster, das jedoch nicht selbstidentisch und endgültig stabil ist, sondern dynamisch und metastabil. Rhythmen verändern sich permanent, sie sind im Werden.

Brennan lenkt den Blick auf die Medialität von affektiven Relationen. Affekte sind nicht direkt und unmittelbar in ihren Effekten. Sie werden nach Brennan durch biologische Prozesse übertragen. Sie sind eine Kraft des Da-Zwischen und deshalb auf Medien angewiesen. Bis zu diesem Teil des Buches wurde herausgestellt, dass Affekte durch Rhythmen moduliert und damit letztlich durch sie auch übertragen werden. Im nächsten Teil wird genauer auf die Medialität affektiver Relationen eingegangen und vorgeschlagen, Emotionen als ein Medium von affektiven Relationen zu verstehen.

Im weiteren Verlauf der Untersuchung steht der Emotionsbegriff im Anschluss an Deleuze und Massumi im Mittelpunkt. Er ermöglicht es, die Aktualität und damit Sozialität des Affekts zu bestimmen: als aktiv, produktiv, signifikant und eigenständig. Verschiedene Theorien der Affektmodulation legen dies nahe und orientieren sich für das Verständnis von Affektmodulationen an Emotionstheorien. Insbesondere Anderson (2014: 105 ff.) bezieht sich positiv auf Raymond Williams‹ (1961; 1977) Gefühlsstrukturen sowie Hochschilds (1979; 2006) »feeling rules«. Zwischen Affekten und Emotionen darf nicht dichotom unterschieden werden. Für die Emotionstheorie, wie für dieses Buch, sind nicht nur Affekt kollektiv und affektiv, sondern ebenso aus ihnen resultierende Emotionen (vgl. Anderson 2014: 108). Emotionen sind zwar subjektive Gefühlszustände, die aufgrund ihrer Kraft in affektiven Relationen zugleich eine produktive Eigenständigkeit haben.