In der obigen Ausarbeitung des Emotionsbegriffs in der Affekttheorie wurde der Emotionsbegriff, wie er sich bei Deleuze und Massumi findet, revidiert und erweitert, indem das Verständnis von Emotionen immanent durch andere Affekttheorien weiterentwickelt wurde. Zentral dafür war die Diskussion um den Modulationsbegriff. Dieser eröffnet eine Perspektive, den Emotionsbegriff in der Affekttheorie neu als eine produktive und eigenständige Kraft zu denken. Über den Modulationsbegriff wurde eine Perspektive eingeführt, Affekte und Emotionen als zwei Kräfte mit unterschiedlichen Funktionsweisen in affektiven Relationen zu verstehen. Im weiteren Verlauf des Buches geht es darum, sowohl Affekte als auch Emotionen zusammen in einer Modulationen zu bestimmen. Zusammengedacht kann die Dichotomie von Affekten und Emotionen überwunden werden.
In der bisherigen Diskussion zur Sozialität des Affekts wurden Emotionen als das Andere des Affekts gedacht und entwickelt. Im Folgenden wird die Perspektive umgedreht und Affekte von Emotionen aus verstanden und dazu auf Theorien zurückgegriffen, die über Affekttheorien im engeren Sinne hinausgehen. Ausgehend vom Rhythmusbegriff, der als Übertragungsphänomen eingeführt wird und von dem aus sich Fragen der Medialität in affektiven Relationen ergeben, die unmittelbare und direkte Wirkungen von Affekten unplausibel erscheinen lassen, zeigen sich die Konsequenzen eines solchen Vorgehens für eine Sozialtheorie der Affekte. Stattdessen müssen Affekte durch Medien zwischen Körpern übertragen werden. Emotionen werden dabei als ein Medium der Affektübertragung eingeführt. Die Medialität affektiver Relationen eröffnet den Blick auf signifikante und symbolische Prozesse von Affektmodulationen. Diese signifikanten und symbolischen Prozesse können mit Emotionen verbunden werden, wodurch sich eine Dimension in affektiven Relationen eröffnet, die bisher in der Affekttheorie nach Deleuze und Massumi noch nicht betrachtet wurde, weil sie im größtem Kontrast zu einem Affektbegriff steht, der gerade als nicht bedeutsam, symbolisch oder signifikant gedacht wird. Emotionen sind Signifikationsprozesse von Affekten, die mit ihrer Intensität nicht mehr das ganz Andere der Signifikationsprozesse sind, sondern in Modulationen sind Intensität von Affekten und Signifikation ineinander gefaltet. In Modulationen sind Signifikationsprozesse eine aktive und produktive und keinesfalls eine negative, nicht-intensive Kraft. In der Diskussion über den Modulationsbegriff wurde bereits auf diese Signifikationsprozesse verwiesen, die erst jetzt wieder aufgegriffn werden. Darüber hinaus eröffnet die Diskussion über die Medialität des Affekts einen Blick auf die Transformationen von Affekten in ihren Übertragungen sowie die Grenzen der Affektmodulationen. An den Grenzen der Affektmodulation durch Emotionen bleiben Affekte Noise ohne Sinn und Bedeutung für das Soziale. Zudem eröffnet die Diskussion die Frage nach dem Anderen des Affekts und den Grenzen des Affektbegriffs selbst.
Bevor diese Fragen bearbeitet werden, wird erläutert, wie die weitere sozialtheoretische Untersuchung konzipiert ist. Die Theoretisierung des Sozialen in der Affekttheorie über einen Emotionsbegriff könnte auf zweierlei Weise vollzogen werden: entweder indem der Affektbegriff in die Emotionstheorie integriert und auf diese Weise transformiert wird, oder indem aus anderen Perspektiven der Emotionsbegriff in der Affekttheorie ergänzt und weiterentwickelt wird. Der erste Weg wird nur kurz skizziert und bleibt programmatisch und soll nur eine mögliche Perspektive andeuten; der zweiten Idee wird gefolgt.
Einerseits könnte also eine solche Untersuchung so aussehen, dass der Affektbegriff in die Emotionstheorie integriert wird – diesen Weg schlägt Wiesse (2020) ein, indem er Ideen der Affekttheorie in eine soziologische Theorie der Situation integriert. Stärker auf die Diskussion zum Emotionsbegriff in dem vorliegenden Buch bezogen, wäre eine Möglichkeit, in der Emotionstheorie Ungenauigkeiten und Leerstellen des Affekts zu finden, die auf die Notwendigkeit eines Affektbegriffs verweisen. Massumi betont die Autonomie des Affekts. Diese Autonomie markiert die Grenzen der bewusst-intentionalen Emotionsarbeit von Subjekten, wie sie besonders in interaktionistischen Emotionstheorien etwa von Erving Goffman oder Arlie Hochschild herausgearbeitet werden. Durch die Autonomie des Affekts schreibt sich ein konstitutives Moment der Unkontrollierbarkeit, Indeterminiertheit, der Unterbrechung und Ereignishaftigkeit in Interaktionen ein. In den Arbeiten Goffmans (1956, 1969) sind Emotionen meist eine Blackbox; er konzentriert sich auf die dramaturgische Seite von Interaktionen. Dies liegt auch daran, dass er keinen ausgearbeiteten Körperbegriff hat; er deutet die Bedeutung von Körpern nur an, ohne sie weiter auszuführen (vgl. Goffman 1980: 609 ff.). Dennoch finden sich bei Goffman Situationsbeschreibungen, in denen sich Affekte spontan ausdrücken (vgl. Goffman 2009: 69, 83, 182, 193 f.). Goffman (2009) untersucht in diesen Situationen die Handlungsstrategien von Subjekten, die affektive Reaktionen zu überspielen oder affektive Reaktionen wie Intensitäten, Spannungen oder Anziehungskräfte zu unterdrücken versuchen. Er zeigt in diesen Interaktionen zugleich auf, wie es möglich ist, sich gegen Affekte in der Selbstdarstellung abzuschirmen oder Affekte strategisch zu nutzen.
Eine andere Autorin ist Arlie Hochschild (2006), die an Goffman anschließt, sich dabei aber auf Emotionen konzentriert und Formen von »innere[m] Handeln« oder des »deep acting« (Hochschild 2006: 56) von Subjekten als Strategien der Emotionsarbeit beschreibt, die emotionalen Kräfte in Situationen willentlich und bewusst zu kontrollieren und unkontrollierte Ausbrüche zu vermeiden versuchen. Bei Hochschild können Emotionen deshalb meistens nicht spontan entstehen (vgl. ebd.: 54). Trotz der Emotionsarbeit kommt es in ihrem empirischen Fall der Flugbegleiter*innen immer wieder vor, dass deren Emotionsarbeit scheitert und unkontrollierte Affekte ausbrechen. Hochschild (2006: bspw. 109) beschreibt Momente, in denen Flugbegleiter*innen ihre Selbstkontrolle verlieren, es zu Wutausbrüchen kommt und sie entweder die Gäste unfreundlich behandeln, beschimpfen oder sich weigern, sie zu bedienen.
Für beide Autor*innen spielen Momente der Offenheit und Indeterminiertheit durch Affekte jedoch nur eine theoretisch untergeordnete Rolle. Die Gleichzeitigkeit von Aktualisierung und Virtualisierungen, Offenheiten und Einschränkungen, Werden und Organisierungen beachten sie nur am Rande. Das grundsätzliche Problem der Emotionstheorie – wie es hier exemplarisch skizziert wurde – besteht darin, das Soziale zu stabil zu konzipieren. Eine Ausnahme ist Jack Katz (1999), der sich für die Übertretung von Bedeutungen in Interaktionen durch Emotionen interessiert. Emotionen haben bei Katz einerseits Ähnlichkeiten mit Affekten, denn sie sind intensive körperliche Dynamiken, die sich der Kontrolle der Subjekte entziehen können; sie sind aber andererseits für Katz auch subjektiv, sinnstiftend, narrativ und selbstreflexiv sowie strategisch einsetzbar (vgl. Katz 1999: 1 ff., 309 ff., 329 ff., 344). Seine Beispiele sind das spontane Weinen in einer Verhörsituation oder beim Spielen (vgl. ebd.: 175–308) und die Reaktionen von Autofahrer*innen, die geschnitten wurden (vgl. ebd.: 18–86). In diesen Situationen drücken sich Emotionen spontan aus und so intensiv, dass die Akteure sie nicht mehr kontrollieren oder zurückhalten können (vgl. auch Flam 2002: 119 ff.).
Ein Anschluss an die Emotionstheorie würde vor einer Reihe vo Problemen stehen. Hochschild und Katz haben zwar eine relationale Perspektive auf das Soziale, weil Emotionen eine (Signal-)Funktion zwischen Subjekten einnehmen, trotzdem sind die konstruktivistischen Ansätze wie der von Hochschild oder Katz sind letztlich zu akteurszentriert, zu kognitivistisch, zu intentionalistisch und zu sehr auf die bewusste Ebene der Emotionen fokussiert, weil sie von Goffman geprägt sind. Viele Positionen der Emotionstheorien sind mit den sozialtheoretischen Annahmen von Deleuze und Massumi nicht oder nur schwer vereinbar: Emotionen werden nur an menschliche Subjekte gebunden; Emotionen entstehen aus Interaktionen, nicht aus Intraaktionen zwischen Subjekten, und dann, wenn Subjekte eine gleiche bewusste Aufmerksamkeit haben, teilen sie kollektive Emotionen (vgl. zur Problematisierung der Emotionstheorie Seyfert 2011b: 74 ff.; auch 2012).
Weniger anschlussfähig sind strukturalistische Ansätze wie der von Theodore Kemper (1978). Emotionen sind für ihn menschliche, vor allem kognitive und weniger körperliche Zustände, die von (emergenten) Strukturen des Sozialen vorgegeben und von diesen in die Körper und Interaktionen implementiert werden. Wie sich Subjekte mit einer bestimmten Emotion fühlen und wie sie gemäß einer bestimmten Emotionen handeln, gibt die Struktur vor. Subjekte reproduzieren durch ihre Emotionen wiederum eben jene sozialen Strukturen. Kempers Ansatz ist nicht relationalistisch und flach, weil er auf eine Mikro-Makro-Unterscheidung zurückgreift. Das Soziale ist bei ihm deshalb ziemlich stabil und weniger dynamisch.
Eine weitere, nicht anschlussfähige Position bilden die behavioristischen Emotionstheorien wie die von Burrhus F. Skinner (1973). Emotionen sind bei ihm biologisch implementierte, körperliche Reaktionsmuster von Subjekten auf äußere Reize aus der Umwelt; die Gefühle von Subjekten sowie ihre kognitive Verarbeitung sind dafür nicht weiter relevant. Das zentrale Problem dieses Emotionsbegriffs liegt darin, dass er zu sehr einem biologistischen und deterministischem Stimulus-Response-Schema folgt. Auf einen bestimmten Reiz gibt es eine immer gleiche, bestimmte emotionale Reaktion. Emotionen können aufgrund der sie auslösenden Reize differenziert werden. Subjekte sind den Reizen aus der Umwelt direkt und unmittelbar ausgeliefert. Schon Massumi grenzt sich aufgrund dieses Verständnisses von Skinner ab und verwendet als Gegenbegriff zu einer monokausalen und deterministischen Beziehung den Begriff »Quasi-Kausalität«. Abweichungen, Ereignisse und Veränderungen zwischen Reiz und Reaktion nehmen bei Skinner keine theoretische Rolle ein (ein Überblick über verschiedene Positionen findet sich bei Senge/Schützeichel 2013).
Aus Sicht der vorgeschlagenen Affekttheorie scheint dagegen ein Anschluss an die Traditionslinie von Georg Simmel, der Goffman sowie Randall Collins stark geprägt hat, am vielversprechendsten. Eine kurze Diskussion von Simmel und Collins eröffnet erste Ideen, wie eine Integration des Affektbegriffs in die Emotionstheorie aussehen könnte – die Möglichkeiten und Schwierigkeiten. Simmel (2013) betrachtet in seiner »Soziologie« unterschiedliche Emotionen wie Treue, Dankbarkeit, Liebe, Hass, Neid oder Eifersucht als verschiedene Formen von Wechselwirkungen zwischen Subjekten. Emotionen sind produktiv, sie verbinden, stabilisieren und konstituieren Verbindungen zwischen Personen. Die meisten Emotionen sind instabil, unvorhersehbar und nicht vollständig kontrollierbar, mit Ausnahme von Treue und Dankbarkeit (vgl. Simmel 2013: 652 ff.). Verschiedene Emotionen interagieren miteinander, sie bestehen nebeneinander, sie können antagonistisch sein, sie können sich ablösen, sie können sich gegenseitig mindern oder steigern – so bilden sie ein dynamisches Kräfteverhältnis.
Collins Mikro-Emotionssoziologie kann als Weiterführung von Simmels verstanden werden, weil »Gefühle Resultat jeweils spezifischer sozialer Wechselwirkungen« (Neckel 2006: 129) sind. In Collins Interaktionstheorie (2004), die durchaus problematisch bleibt, weil sie teilweise noch zu akteurszentriert argumentiert und von einer Mikroperspektive auf Makrophänomene schließt, könnte der deleuzianische Affektbegriff integriert werden. Kompatibel mit der Affekttheorie ist hingegen Collins Idee von »emotionaler Energie« (bes. Collins 2012a: 128 ff.), die zentrale Kraft in Interaktionsritualen. Bernd Bösel (2017: 42 ff.) begründet, warum diese emotionalen Energien als Affekte im Anschluss an Deleuze und Massumi zu verstehen sind: Emotionale Energien sind undifferenzierte und kontinuierliche Energien, die zwischen involvierten Körpern zirkulieren und sich in singulären Körpern ausdrücken. Zudem besetzt diese Energie Symbole, Ideen, Objekte oder Körper und verleiht ihnen dadurch ein affektives Potential.59
Interaktionsrituale sind ebenso bei Collins (2004: 47 ff.) wie in Durkheims Religionssoziologie primär affektiv, relational und performativ (zur Affektivität von Ritualen vgl. auch Greve 2013). Bedingung für Interaktionsrituale sind eine physische Präsenz von mindestens zwei Personen, ein gemeinsamer Fokus auf eine Sache wie einen Gegenstand, eine Idee, ein Symbol, einen Körper oder eine Handlung sowie eine gemeinsame Stimmung (vgl. Collins 2012a: 126 f.). Die gemeinsame Stimmung ist für Collins eine geteilte Emotion, sie ermöglicht eine emotionale Übertragbarkeit im Ritual. Interaktionsrituale sind eine Form von Affektmodulation, weil sie emotionale Energien modulieren. Sie konstituieren und stabilisieren Verbindungen zwischen Körpern und bilden ein Kollektiv, indem sie die emotionale Energie im Ritual abstimmen und angleichen (vgl. ebd.: 126 ff.).
Mit der Energie in einem Ritual ändert sich die Stabilität der Verbindungen und die Bereitschaft zum gemeinsamen aktiven Handeln der Körper. Eine hohe Energie drückt sich in Emotionen von Vertrauen und Enthusiasmus aus, die zum Handeln auffordern, und eine niedrige Energie in mangelnder Initiative und einem negativen Selbstwertgefühl (vgl. ebd.: 127). Darüber hinaus unterscheidet Collins zwischen langfristiger und kurzzeitiger emotionaler Energie und Emotionen: Erstere sind relativ stabil und gleichmäßig wie ein Selbstbewusstsein oder der Enthusiasmus, während Letztere phasenhaft sind und spontan ausbrechen können wie beispielsweise Wut oder Angst. Die kurzzeitige Energie unterbricht Handlungen oder Aufmerksamkeiten der Körper im Ritual (vgl. ebd.: 137 ff.). Um Relationen möglichst lange aufrechtzuerhalten und die emotionale Energie zu modulieren und zu organisieren, müssen Rituale permanent wiederholt werden. Je einheitlicher und angeglichener die emotionale Energie zwischen den Körpern ist, desto intensiver und dauerhafter das rituelle Ereignis. Das Ziel des Rituals liegt für Collins darin, die emotionale Energie eines Kollektivs möglichst dauerhaft zu erhalten und zu steigern, um eine möglichst starke Verbundenheit und Solidarität zwischen Körpern herzustellen (vgl. Collins 2012b).
Wenn der Affektbegriff in die Emotionstheorien integriert wird, erfahren Letztere konzeptionelle Veränderungen, die hier nur thesenartig angedeutet werden können. Die unterschiedlichen Punkte skizzieren die Möglichkeit einer anderen Untersuchung zur Sozialität des Affekts:
Zwischen Affekten und Emotionen in einer Affektion gäbe es eine systematische Unterscheidung sowie Verbindung in Modulationen. Emotionen sind Virtualisierungen, Affekte Aktualisierungen in affektiven Relationen.
Die Emotionstheorie würde ontologisch fundiert. Die ontologischen Annahmen der meisten Theorien sind nur implizit. Die ontologischen Begriffe der Potentialität beziehungsweise Virtualität begründen aus philosophischer Perspektive ein Werden des Sozialen und kein Subjekt. Die sozialtheoretischen Konsequenzen der Ontologie liegen erstens darin, dass das Soziale und Körper immer im Werden sind und dass zweitens die ontologische Dimension alle Körper im Sozialen prägt, also neben menschlichen Körpern auch Dinge, Technologien oder Pflanzen.
Affekte und Emotionen in der Emotionstheorie würden stärker poststrukturalistisch ausgerichtet, indem Affekte und Emotionen prozessual gedacht werden. Stabilitäten in affektiven und emotionalen Relationen werden erklärungsbedürftig und können nicht vorausgesetzt werden. Organisierungen von Affekten durch Emotionen sind permanente Versuche, affektive Relationen zu modulieren. Die emotionalen Stabilitäten sind prekär und metastabil, wenn Relationen im Werden sind.
Die Zahl der relevanten Akteure im Sozialen würde durch eine posthumanistische Perspektive ausgeweitet. Materialitäten und Akteure aller Art werden miteinbezogen in das Soziale und in Prozesse der Affektmodulation und nicht nur menschliche Körper. Affekte und Emotionen entstehen nicht in zwischenmenschlichen Interaktionen, sondern zwischen vielfältigen Körpern.
Mit dem Affektbegriff bekommt die Emotionstheorie eine genuin relationale Perspektive auf das Soziale. Intensive Kräfte wie Affekte und Emotionen bestimmen das Soziale. Ein einzelner Körper oder ein Subjekt sind nur ein Medium des Ausdrucks für Affektionen. Eine kognitivistische und akteurszentrierte Perspektive auf das Soziale entfällt.
Die mit Deleuze und Massumi eingeführten Ordnungsbegriffe wie der Rhythmus ersetzen einen Struktur-Handlungs-Dualismus, transzendente Normen, Werte oder Regeln des Sozialen, die wie von außen auf Körper oder Subjekte einwirken und Emotionen vorgeben. Mit dem Rhythmusbegriff wird ein flaches und topologisches Verständnis von Kräften in sozialen Relationen möglich.
Aufgrund der genannten Punkte müsste der Grundbegriff der Interaktion durch Intraaktion ersetzt werden. Er folgt den ontologischen Konsequenzen, denn er bezieht alle Körper gleichermaßen mit ein, und Körper verändern sich permanent in ihren relationalen Affizierungen und kommen nicht als vorgängig geschlossene Körper zusammen, die sich in ihrer Relation auch nicht mehr verändern. Eine Intraaktionsbeziehung ist performativ, weil sie immer wieder neu konstituiert werden muss, um bestehen zu bleiben, dabei aber ihre Relation ändert.
Vielfältige Ansätze der Emotionstheorie setzen sich umfassend mit der Arbeit an Emotionen oder der Gefühlsarbeit auseinander. Mit dem Affektbegriff könnten sie den Begriff der Gefühlsarbeit erweitern und vertiefen, indem sie Emotionsarbeit um die konkrete Arbeit am Affekt ergänzen und Gefühlsarbeit als Affektmodulation ausarbeiten.
Die Emotionstheorie unterscheidet Emotionen wie Scham, Angst, Freude oder Wut. Diese Systematisierung und Differenzierung könnte erweitert werden, indem Emotionen nach ihren spezifischen Affektmodulationen unterschieden werden.
Durch die Integration des Affektbegriffs in die Emotionstheorie wären weiterführende Theoretisierungen des Affektbegriffs denkbar. Emotionen sind eingebettet in verschiedene Momente des Sozialen wie sex, class, gender, Identitäten, Normen und Werte, um nur einige zu nennen. Das Soziale der Affekte könnte in ihrer konstitutiven Relation zu Emotionen durch einen Anschluss an diese Momente weiterentwickelt werden.
Andererseits wäre ein sozialtheoretischer Anschluss an die Affekttheorie durch einen Emotionsbegriff auch möglich, indem Begriffe, Konzepte und Argumente aus der Emotionstheorie und anderen Sozialwissenschaften in die Affekttheorie einfließen, wie es bereits im 4. Kapitel zum Modulationsbegriff erprobt wurde. Auf diese Weise können sowohl der Affekt- als auch der Emotionsbegriff in der Affekttheorie selbst weiter ausgearbeitet werden. Diese Vorgehensweise scheint aus Sicht der Untersuchung vielversprechender und wird bevorzugt. Durch die Integration von Begriffen aus den Sozialwissenschaften werden Emotionen als Affektmodulationen weiter konzipiert, statt dass Affekttheorien in eine andere Theorietradition integriert werden. Ziel ist es, die Eigenständigkeit einer affekttheoretischen Perspektive zu bewahren und so die Besonderheit eines Emotionsbegriffs in der Affekttheorie herauszustellen.
Andernfalls besteht die Gefahr, dass durch die Transformation des Affektbegriffs in die Emotionstheorie der theoretische Einsatz der Affekttheorie verloren geht, entwickelte sich die Affekttheorie doch gerade in produktiven Abgrenzungsprozessen zu Emotionstheorien. Es geht nicht darum, diese Differenz aufzulösen, sondern in der Affekttheorie dem Emotionsbegriff weiter nachzugehen. Theorien der Affekte und der Emotionen beschäftigen sich zwar mit durchaus komplementären Prozessen und Phänomenen, doch jeweils von einem anderen theoretischen Hintergrund sowie anderen ontologischen Grundannahmen und mit einem anderen Verständnis des Sozialen aus. Die Affekttheorie nach Deleuze und Massumi hat mit Spinoza, Bergson, Tarde und Whitehead andere theoretische Hintergründe und Traditionslinien als die Emotionstheorie, die sich zwar auch James bezieht, aber an den (symbolischen) Bedeutungen von Emotionen und ihren Interaktionsweisen im Sozialen interessiert ist und nicht an den autonomen Kräften von Affekten und dem Verhältnis von Virtualität und Aktualität (vgl. Senge/Schützeichel 2013; Scherke 2009).
Warum ein Anschluss an die Emotionstheorie problematisch ist, lässt sich vice versa aus den genannten Punkten bestimmen, die aufgezählt wurden, um zu skizzieren, wie die Emotionstheorie durch die Affekttheorie weitergedacht werden könnte: Das größte Problem besteht darin, dass der Emotionsbegriff nicht an eine Ontologie rückgebunden wird, die von dem Verhältnis von Virtualität und Aktualität bestimmt ist, wodurch die Emotionstheorie bisher nicht die Autonomie und Materialität von Affekten denken kann. Daraus folgt, dass Emotionen und das Soziale sehr stabil gedacht werden, die konstitutive Offenheit des Sozialen durch Affekte vernachlässigt wird und damit auch, dass Affekte genuin Neues im Sozialen hervorbringen und nicht nur Störungen von Intraaktionen sind. Darüber hinaus bindet die Emotionstheorie Kräfte zwischen Körpern direkt an eine kognitivistische, diskursive oder symbolische Dimension des Sozialen und hat keine Begriffe für die Intensität von Affekten, die sich diesen Prozessen entziehen. Die Emotionstheorie ist auch stärker individualistisch als die Affekttheorie ausgerichtet, weil Emotionen an Subjekte gebunden sind, die ihre Emotionen bewusst und intentional beeinflussen können, während der Affektbegriff eine relationale Kraft ist, die zudem zwischen verschiedenen Körpern wirksam ist und nicht nur in menschlichen, wie im Emotionsbegriff vorausgesetzt.
Bereits im Kapitel zu Massumi (3.5.3) und im 4. Kapitel zum Diskursnetz des Modulationsbegriffs wurde die Bedeutung des Rhythmus von Affekten und Emotionen für Affektmodulationen zwar herausgestellt, die sozialtheoretischen Konsequenzen aber nur angedeutet. Den sozialtheoretischen Konsequenzen wird nun weiter nachgegangen. Es wird sich zeigen, dass Emotionen performative und selbstorganisierende Prozesse der Organisierung von affektiven Relationen sind, die diesen eine metastabile Form geben. Die Muster der Emotionen werden durch Rhythmen temporalisiert und als Rhythmen betrachtet; damit wird die Diskussion bei Massumi sowie im Kapitel zum Modulationsbegriff vertieft. Studien aus den Performance Studies und den Theaterwissenschaften eröffnen ein Verständnis von Rhythmen als eigenständige Kraft und, ausgehend vom Rhythmus, eine Perspektive auf die Medialität affektiver Relationen, indem sie darauf hinweisen, dass Affizierungen beziehungsweise Übertragungen von Affekten im Theaterkontext nicht unmittelbar und direkt sind. Damit Affekte Effekte haben, sich also in Relationen ausdrücken können, müssen sie von Medien übertragen werden. Es ist die Medialität von Emotionen, die signifikante und symbolische Affektmodulationen plausibel macht und eine Dimension in affektive Rhythmen einschreibt, die bisher vernachlässigt wurde.60
Henri Lefebvre (2016) führte den Rhythmusbegriff in die Sozialwissenschaften ein und weitete ihn auf viele Bereiche des Sozialen, wie den gesamten Alltag (vgl. Lefebvre 1987) oder die Natur, Ideologien oder Traditionen (vgl. Lefebvre 2016: 51) aus. Sein Rhythmusbegriff bietet aufgrund seiner Vereinbarkeit mit dem Denken von Deleuze und Massumi eine Vertiefung der Diskussion zu Rhythmen als Affektmodulationen; bei Massumi sind Rhythmen das zentrale Moment der Organisierung des Sozialen und von affektiven Relationen. Die Gemeinsamkeiten von Deleuzes Denken und Lefebvres Rhythmus unterstreicht Borch (2005: 93 f.): Sie bestehen darin, dass Rhythmen nur dort entstehen, wo es auch Differenzen in Wiederholungen gibt. Lefebvres Rhythmustheorie ist trotz der sonst marxistischen Ausrichtung seiner Arbeiten anschlussfähig an Deleuze und Massumi, weil Rhythmen an alle Arten von Körpern gebunden sind, ihre Wiederholungen mit Differenzen einhergehen, Körper oder Relationen auf Grundlage von Rhythmen funktionieren und von verschiedenen Rhythmen in einem »metastable equilibrium« (ebd.: 30) gehalten werden (vgl. ebd.: 18, 77, 89). Rhythmen sind ein Zusammenspiel von »a place, a time and an expenditure of energy«: »a) repetition (of movements, gestures, action, situations, differences); b) interferences of linear processes [sich zeitlich und räumlich ausbreitende] and cyclical processes [sich gleichbleibend wiederholende Bewegungen wie Tidebewegungen oder soziale Organisationen]; c) birth, growth, peak, then decline and end [Phasen des Rhythmus].« (ebd.: 25, vgl. auch 40)61
Die Anschlussfähigkeit von Lefebvre an die Affekttheorien von Deleuze und Massumi ist auch deshalb gegeben, weil bei ihm Rhythmen als Qualität von Relationen eine eigenständige, materielle und organisierende Kraft im Sozialen sind.
»It [der Rhythmus] is neither a substance, nor a matter, nor a thing. Nor is it a simple relation between two or more elements, for example subject and object, or the relative and the absolute. Doesn’t its concept go beyond these relations: substantial-relational? It has these two aspects, but does not reduce itself to them. The concept implies something more. What? Perhaps energy, a highly general concept. An energy is employed, unfolds in a time and a space (a space-time). Isn’t all expenditure of energy accomplished in accordance with a rhythm?« (ebd.: 74)
Rhythmen funktionieren durch Bewegungen und ihre Wiederholungen sowie Differenzen. In Wiederholungen gleichen sich die Bewegungen und unterschiedlichen Rhythmen der anderen involvierten Körper an.62 Dieser Vorgang ist aber nicht deterministisch oder mechanisch, weil sich in den Wiederholungen und Rhythmen der unterschiedlichen Körper Differenzen einschreiben (vgl. ebd.: 87). Rhythmen sind als eine Kraft der Abstimmung oder Annäherung für Lefebvre nicht harmonisch, identisch oder homogen, sondern entsprechen dem Denken von Deleuze und Massumi insofern, als sie wiederholt werden müssen, um zu bestehen und sich während dieser Bewegungen Differenzen ausdrücken: »No rhythm without repetition in time and in space […]. But there is no identical absolute repetition, indefinitely. Whence the relation between repetition and difference. When it concerns the everyday, rites, ceremonies, fêtes, rules and laws, there is always something new and unforeseen that introduces itself to the repetitive: difference.« (ebd.: 16) An anderer Stelle spricht Lefebvre dezidiert, wie auch Deleuze, vom philosophischen Problem der »repetition and becoming« (ebd.: 87), das mit dem Rhythmusbegriff auftaucht (weiterführend zu den sozialtheoretischen Implikationen des Rhythmusbegriffs siehe Butler 2012: 11 f.).63
Der Rhythmusbegriff von Deleuze und Guattari ist mit dem von Lefebvre kompatibel, weil er keine »Wiederherstellung des Gleichen [ist], sondern aus unendlicher Variation, Differenzierung, Gleichgewichtsstörung, einer ständigen ›Krise‹« (Schmitt 2014: 24) besteht. Den Rhythmus als organisierende Kraft zu verstehen, wie es Lefebvre tut, lässt es plausibel scheinen, Prozesse des Ordnens und Organisierens als asubjektive, strategische, relationale Prozesse zu verstehen.
Massumi zeigte auf, dass die Aktualität des Sozialen rhythmisch ist, das Diskursnetz des Modulationsbegriffs sowie Protevi und Lefebvre verweisen darauf, dass Modulationen (von Emotionen) wie Rhythmen funktionieren und in diesem Kapitel wird aufgezeigt, dass auch in den Performance Studies Affektmodulationen rhythmisch gedacht werden. Damit eröffnet sich eine Anschlussfähigkeit von Performance Studies und Affekttheorien. Performance Studies lassen sich hier anschließen, weil sie ebenfalls analysieren, wie sich Bewegungen und Relationen zwischen Körpern beispielsweise im Tanz, während politischer Mobilisierungen oder im Theater durch Rhythmen organisieren und wie es dabei zu Ereignissen, Verschiebungen und Unterbrechungen kommt. Von ihrem vergleichbaren Rhythmusbegriff aus stellen sie aber weiterführende Fragen, die über die Affekttheorien von Deleuze und Massumi hinausgehen und die die konstitutive Medialität von Affekten sowie weiterführend von Affektmodulationen betreffen.
Rhythmen haben bestimmte Qualitäten, die im letzten Kapitel (5.2) Muster genannt wurden (vgl. Eikels 2013: 106). Sie sind eine Kraft der immanenten (Selbst-)Organisierung (vgl. Shaviro 2009: 66) von affektiven Relationen und ihren unterschiedlichen Körpern, Bewegungen und anderen Rhythmen. Ein Rhythmus unterbricht oder stoppt Bewegungen nicht, vielmehr bilden unterschiedliche Bewegungen neue gemeinsame Bewegungen heraus (vgl. Brandstetter/Brandl-Risi/Eikels 2007: 23). Eine gemeinsame oder abgestimmte Bewegung in einem gemeinsamen Rhythmus kann als eine Synchronisation oder Synchronisierung verstanden werden (vgl. Turetsky 2004: 145 f.). Für den Begriff der Affektmodulation bedeutet das, dass Affektmodulationen, eben weil sie rhythmisch verfasst sind, verschiedene Bewegungen beziehungsweise Kräfte in Relationen synchronisieren. Eine Synchronisation ist keine Anpassung und Vereinheitlichung an eine (einzige) gemeinsame Bewegung, »sondern nur eine ungefähre Annäherung oder Abstimmung« (Brandstetter/Brandl-Risi/Eikels 2007: 32), die örtlich und zeitlich begrenzt ist. Eine Synchronisation ist damit auch keine Determination, weil die involvierten Körper in affektiven Relationen zu different sind, sie nicht »dieselbe rezeptive Affektfähigkeit [haben] […], also auch nicht von allen Affekten auf die gleiche Weise angesprochen« (Seyfert 2011b: 78) werden. Genau genommen gibt es deshalb niemals nur einen Rhythmus und damit eine Synchronizität in affektiven Relationen, sondern eine Polysynchronität, weil unterschiedliche Rhythmen nebeneinander bestehen (vgl. Brandstetter/Eikels/Schuh 2017: 2, 13 ff., 27 ff.) – Kai von Eikels verwendet den Begriff »Rhythmen-Pluralismus der Synchronisierung« (Eikels 2013: 170), um diesen Punkt zu unterstreichen. Zusammenfassend dazu Gabriele Brandstetter:
»Unter Synchronisierung wird hier ein Vorgang verstanden, bei dem mehrere Elemente oder Komplexe mit distinkten rhythmisierten Eigenzeitlichkeiten einander wechselseitig (ohne rekonstruierbaren Ursprung in einem beteiligten Element) so beeinflussen, dass sie einen rhythmischen Zusammenhang etablieren. Dieser Zusammenhang kann in einer ähnlichen, im Extremfall gleich erscheinenden Zeitlichkeit bestehen (synchronicity im alltagssprachlichen Sinne) oder in einem temporär stabilisierten Muster differenter Zeitlichkeiten (zur Abgrenzung oft als polychronicity bezeichnet). Auch im Fall starker Annäherungen der Eigenzeiten bringt die Abstimmung durch Synchronisierung jedoch keine Vereinheitlichung; es bleibt stets ein Unterschied, der zwar so gering ausfallen kann, dass er für einen Beobachter unwahrnehmbar wird und diesem wie ›perfekte Gleichzeitigkeit‹ vorkommt, aber grundlegend dafür ist, dass Synchronisierungen reversibel sind und für gewöhnlich nur kurz- oder mittelfristig Bestand haben.« (Brandstetter/Eikels/Schuh 2017: 2)
Theorien des Performativen wie die von Brandstetter fassen rhythmische Bewegungen von unterschiedlichen Körpern zudem als performativ. Die Performativität von Rhythmen verweist darauf, dass Synchronisierungen durch Rhythmen nicht in bestimmten Körpern oder Subjekten begründet sind, sondern Prozesse der Selbstorganisation von Assemblagen selbst. Performativ sind Rhythmen,
»[denn sie haben einen] organisatorischen Effekt […]: Bewegungen haben dort, wo sie in ein System von Beziehungen zwischen Sichbewegenden eingelassen sind (oder diese Beziehungen erst stiften), organisatorische Wirkungen – und vielleicht kann man sagen: eine organisatorische Wirklichkeit. Bewegung wird nicht nur organisiert, sie stellt selbst ein wichtiges Organisationsmedium dar. Indem Bewegungen lenken und koordinieren, indem sie sie umlenken und anders koordinieren, können sie auch qualitative Veränderungen, die Auflösung alter und die Entstehung neuer Phänomene oder Ordnungen anstoßen. In jedem Fall aber lassen sie mit jeder Richtungsänderung, jeder Wendung, die sie einander geben, die Auflösbarkeit des Alten und die Eventualität es Neuen evident werden.« (Brandstetter/Brandl-Risi/Eikels 2007: 8)
Bewegungen von Körpern beeinflussen andere Bewegungen und erzeugen damit eine rhythmische »›Dynamik‹, die zu einem Teil zwischen Potentialität und Aktualität in der Schwebe bleibt« (ebd.: 8) und »zudem als Zeitort einer jederzeit möglichen Überraschung durch das Emergente, Ereignishafte eine stets prekäre Grenzen zwischen Gewolltem und Widerfahrenem, Aktivität und Passivität, Fortsetzung und Unterbrechung eines Prozesses markiert.« (ebd.: 8) Die Organisierungen durch Rhythmen, die sich in den sich gegenseitig beeinflussenden Bewegungen von unterschiedlichen Körpern bilden, sind nicht geschlossen, einheitlich oder identisch. (Selbst-)Organisierungen in performativen Bewegungen müssen beständig wiederholt werden, um die Relationen zu stabilisieren. Während dieser Wiederholungen treten Momente des »Irregulären, Unvorhergesehenen, Ereignishaften« (ebd.: 18) ein und es emergiert genuin Neues in den Bewegungen. Rhythmische Bewegungen transformieren sich beständig (vgl. auch typisch für die Kunst-, Tanz- und Theaterwissenschaft Fischer-Lichte 2004: 58, 233; Helbing 1999: 7 ff., 18 oder Matthias 2018).
Die Performance Studies und ihre Ausführungen zum Rhythmus führt zu der Frage nach der Medialität von Affektmodulationen, weil Rhythmen Körper verbinden oder loslösen: Wie funktionieren Affekte und Affektmodulationen zwischen Körpern, wenn sich Körper direkt oder nicht direkt berühren? Affizierungen von Körpern sind sowohl für Deleuze als auch Massumi in ihren Effekten direkt und unmittelbar, obwohl Affekte das Dazwischen von Körpern besetzen beziehungsweise zwischen Körpern wirken. Die Eigenständigkeit des Dazwischen oder der Relation in Affektionen gerät bei Deleuze und Massumi so aus dem Blick, weil Affekte bei ihnen als direkte Berührungen zwischen Körpern konzipiert sind. Wie Affekte zwischen Körpern übertragen werden oder wie sich Körper gegenseitig affizieren, die sich nicht direkt berühren, bleibt untertheoretisiert. Auch bei Brennan (2004), die als positive Ausnahme die Medialität von affektiven Relationen berücksichtigt, bleibt letztlich unklar, wie Affekte durch Pheromone und Hormone über eine Distanz wirksam sind (vgl. Pile 2012: 45). Neben Brennan kritisiert Steve Pile (ebd.: 45 ff.) diesen Punkt auch bei Clough et al. (2007: 67), die für die Erklärung von Affektionen über eine Distanz auf Quantenmodelle zurückgreifen. Pile verweist darauf, dass direkte und unmittelbare Affizierungen gerade nicht der Normalfall von Affektionen sind, sondern die Ausnahme. Stattdessen fasst er Affizierungen als Distanz-Effekte. Für die Affekttheorien hat Tarde (2015) die Medialität affektiver Relationen vorweggenommen, indem er affektive Kollektivierungen über eine Distanz am Gegenstand von Zeitungen beschreibt; auch Blackman (2012) kritisiert die Tendenz in Affekttheorien, von unmediatisierten Affekten auszugehen.64
Anders als bei Deleuze und Massumi wird im Kontext der Performance Studies und Theaterwissenschaften sowie der Medientheorie die Frage nach dem Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Körpern relevant. Wenn es beispielsweise zwischen Körpern auf der Bühne, während einer Performance oder zwischen Publikum und Künstler*innen zu Affizierungen und Affektmodulationen kommt, dann stellt sich ein Problem, welches Pile auf den Punkt bringt: »One of the pressing aspects of this problem [der Übertragung von Affekten] is the question of how we understand the transfer of affect over distance.« (Pile 2012: 44, Herv. C.H.P.)
Wenn Affekte ein Zwischen überbrücken und Wirkungen übertragen, kann die Relation und können die Effekte von Affekten rein logisch nicht unmittelbar oder instantan sein – es gibt kein unmittelbares »Berühren« (vgl. weiterführend Derrida 2007).
»Ein Medium kann nicht unmittelbar oder immediat sein, weil es sonst die Elemente der Relation, zwischen denen es auf jeweils spezifische Weise vermittelt und zwischen denen der zusammenbringende Akt der Kommunikation stattfindet, in ein unvermitteltes Verhältnis brächte, das ihre Trennung und seine Vermittlung aufheben würde. […] Was unmittelbar ist, soll kein Medium haben. Doch wenn Zwei immediat verbunden sind, dann sind sie als getrennte Zwei in einer Weise aufeinander bezogen, die eine Trennung voraussetzt, diese im gleichen Schritt aber tilgt. Um zwei getrennte Relata durch Kommunikation, durch Austausch und Übertragung zu verbinden, braucht es ein Medium, weil in der Trennung ein Dazwischen haust.« (Sprenger 2012: 10)
Es kann keine direkten und unmittelbaren Affektionen geben, Affekte sind auf Medien angewiesen. Es bedarf eines Mediums der Affektmodulation, das eine Differenz zwischen Körpern in affektiven Relationen überwinden kann. Ein Medium muss eine zeitliche und räumliche Differenz, welcher Art und Ausprägung auch immer, überwinden, um etwas zwischen Körpern zu übertragen (vgl. ebd.: 8 ff.). Affektive Relationen sind von einer konstitutiven Medialität geprägt, die im weiteren Verlauf des Kapitels weiter ausgeführt wird. Medien der Übertragung im Sinne ihrer Zirkulationen sind die Möglichkeitsbedingungen von Affekten und Affizierungen.
Das Nähe-Distanz-Verhältnis in affektiven Relationen wird in den Performance Studies und den Theaterwissenschaften verhandelt. Trotz seiner Prä-Individualität und Trans-Subjektivität sind Affekte mediatisiert (vgl. Blackman 2012: 22). Damit es überhaupt zu Affizierungen und Affektmodulationen zwischen Körpern kommen kann, braucht es ein Medium, das Wirkungen zwischen Körpern zirkulieren lässt beziehungsweise überträgt.65 »Zur Synchronisierung bedarf es eines Mediums, das die Übertragung von Wirkungen zwischen Handlungen oder Ereignissen ermöglicht. Das Medium ist zudem im Fall sozialer Akteure selbst in hohem Maße veränderlich und wird von den Synchronisierungen, die es vermittelt, seinerseits transformiert« (Brandstetter/Brandl-Risi/Eikels 2007: 31). Schon auf den ersten Blick macht es einen Unterschied, ob Affizierungen und Affektmodulationen taktil, symbolisch, elektronisch, visuell, akustisch, sprachlich oder olfaktorisch sind, also ob sie durch optische oder akustische Signale, Gebärden oder Töne, Vibrationen des Bodens oder durch direkte Körperkontakte übertragen werden. Die verschiedenen Modi verweisen auf unterschiedliche Medien der Affektübertragungen (vgl. auch Seyfert 2011a: 110 ff.). Wie zentral es ist, diese Medialität affektiver Relationen zu untersuchen, zeigt sich darin, dass in vielfältigen Studien die Übertragung von körperlicher Energie wie Affekten vorausgesetzt wird, ohne auf das »Wie« der Übertragung einzugehen.66
Der Übertragungsbegriff, wie er in dieser Untersuchung auf Affekte und Affektmodulationen bezogen wird, ist nur eingeschränkt mit dem klassischen Übertragungsbegriff, wie ihn Luhmann kritisiert, vergleichbar. Für dieses Buch wird der Übertragungsbegriff abgeschwächt und für Affekte und ihre Modulation über eine Distanz verwendet. Luhmann (2006: 193 f., 227) verwendet ihn nicht für Kommunikationen, weil der klassische Übertragungsbegriff impliziert, dass der Empfänger etwas vom Absender erhält und der Absender damit etwas verlieren würde. Kommunikation ist bei Luhmann aber kein Ding, sondern ein (autopoietischer) Prozess in sozialen Systemen. Mit dem Übertragungsbegriff legt Luhmann den entscheidenden Teil der Kommunikation in die Mitteilung und nicht in die Art und Weise, wie Mitteilung weiter prozessiert wird. Das Problem liegt zudem darin, dass der Übertragungsbegriff suggeriert, die übertragene Information sei bei Sender und Empfänger identisch. Diese Gleichheit kann aber nicht vorausgesetzt werden, denn die Informationsübertragung ist das Ergebnis der Kommunikation selbst. Eine Kommunikation ist kein zweiseitiger Prozess, in dem nur der Absender dem Empfänger etwas mitteilt; sie ist »ein symmetrisches Verhältnis mehrerer Selektionen« (Luhmann 2006: 227). Eine Übertragung als Affektmodulation nach Deleuze und Massumi zu verstehen, umgeht die Probleme, die Luhmann am klassischen Übertragungsbegriff aufzeigt: Es geht nichts verloren, Modulationen sind ein permanenter Prozess zwischen verschiedenen Körpern, die sich affizieren und während denen es zu Transformationen und Veränderungen in den Relationen und Körpern kommt. Übertragungen sind hier also zu vergleichen mit wechselseitigen Zirkulationen von Effekten zwischen Körpern.
Fischer-Lichte stellt zwar die »Medialität von Theater« (Fischer-Lichte 2004: 47) heraus, reduziert diese aber letztlich auf eine direkte und unmittelbare Affektion von Zuschauer*innen und Darsteller*innen. Während einer Aufführung wird »Energie« (ebd.: 169) erzeugt, die zwischen den verschiedenen Körpern von Zuschauer*innen und Darsteller*innen zirkuliert, sich überträgt und diese so affiziert. Diese Energieübertragungen haben materielle Effekte auf die Körper, indem sie die Vermögen der Körper und ihrer Relationen verändern und intensivieren (vgl. ebd.: 98 f.). Fischer-Lichte spricht in diesem Zusammenhang davon, dass sich die »phänomenalen Leib[e]« in Affektionen in »einen energetischen Leib« (ebd.: 170) transformieren. Die Medialität von Affizierungsprozessen zwischen unterschiedlichen Körpern ist aber bei ihr angelegt, tritt durch den Ereignisbegriff jedoch zurück (vgl. Fischer-Lichte 2004: 52). Letztlich versteht sie Affizierungsprozesse zu sehr von ihrer »leiblichen Ko-Präsenz« (ebd.: 58) aus. Über elektronische oder technische Medien können deshalb nach Fischer-Lichte auch keine Energien übertragen werden oder Affizierungen stattfinden (vgl. ebd.: 174 f.).
Kai von Eikels (2013: 165 f.) kritisiert vitalistisch-energetische Vorstellungen von Affekten und Affizierungen wie die von Deleuze (vgl. auch Jakobidze-Gitmans 2014: 57) und Massumi und wie sie auch noch bei Fischer-Lichte zu finden sind, weil sie davon ausgehen, dass Körper sich direkt, automatisch und unmittelbar gegenseitig affizieren könnten. Theorien, die mit einem Energiebegriff operieren, ignorieren die Medialität und das Dazwischen affektiver Relationen. Am Begriff der Energie kritisiert Eikels, dass »Ko-Präsenz eine quasi-objektive, quasi-materielle Realität« (Eikels 2013: 165) zugesprochen wird. Energie erscheint dabei als Substanz, die zwischen Zuschauer*innen und Darsteller*innen zirkuliert. Der Energiebegriff impliziert zudem – und das macht ihn nach Eikels problematisch – einen Ursprung, eine einseitige und lineare Wirkungsbeziehung von einem Körper auf einen anderen, eine unmittelbare Beziehung ohne Medien, eine strenge Ko-Präsenz von Körpern als Bedingung, einen direkten Kontakt von Körpern sowie eine eindeutige Ursache-Wirkungsbeziehung (vgl. ebd.: 166 ff.). Dies sind Merkmale, gegen die sich der Rhythmusbegriff bei Massumi und darüber hinaus richtet, der Rhythmen topologisch versteht.67
Um die Medialität affektiver Relationen terminologisch zu berücksichtigen, verwendet Eikels statt des Energiebegriffs mit seinen vitalistischen Konnotationen den Begriff »Information« (ebd.: 101). Die »Beziehungen« zwischen Menschen – im Fall des Buches noch wesentlich allgemeiner zwischen vielfältigen Körpern – entwickelt er als »Informationsübertragung« (ebd.: 101), sodass auch Modulationen von Affekten mittels Rhythmen als Informationsübertragungen verstanden werden können.
»[D]a Synchronisierung keine Verschmelzung in Gang setzt, ist das Zusammenhängen jederzeit reversibel. Synchronisierung braucht ein Medium, das Informationen zwischen Handlungen oder Ereignissen überträgt – und als Medium zählt hier alles, was überträgt, ob analog oder digital, ob von geringer oder sehr hoher Eigenkomplexität: Wichtig ist, dass die Übertragung wirklich stattfindet, dass ›Übertragung‹ nicht lediglich metaphorisch einen imaginären Prozess verbildlicht [wie beim Energiebegriff]« (ebd.: 166).
Aufgrund von Informationsübertragungen durch Medien können Affizierungen und Affektmodulationen über zeitliche und räumliche Differenzen hinweg wirken, ohne dass eine körperliche Ko-Präsenz notwendig ist. Bei Eikels und im Gegensatz zu Fischer-Lichte sind damit auch affektive Übertragungen und Ansteckungen über digitale Medien möglich ohne eine direkte physische Ko-Präsenz während der Übertragung (vgl. ebd.: 164, 172 ff.). Eikels widerspricht mit diesem Verständnis von Information dem Vorurteil, dass Informationen nur als Inhalt von Kommunikation verstanden und so mit einer Repräsentation oder Form gleichgesetzt werden, die keine Referenz zur Materialität haben (vgl. auch Terranova 2004a: 52). Der Informationsbegriff erweitert den »Materialismus des Rhythmischen« (Eikels 2013: 168) oder den »rhythmic materialism« (Henriques 2010: 58), der mit dem Modulationsbegriff eingeschlagen wurde: »Information, in diesem Sinne, ist nichts Immaterielles. Sie ist das am materiellen Prozess, was ihn von seiner Beschreibung durch eine Energiebilanz emanzipiert: der Signifikant einer medialen Differenzierung der Materie, die sich dort beobachten lässt, wo Bewegung Bewegung organisiert.« (Eikels 2013: 168)68
Eikels’ Informationsbegriff hat eine Begriffsschwäche. Informationen bei Eikels (2013: 166 ff.) sind Entitäten, die über eine Distanz durch ein Medium Affizierungen auszulösen vermögen. Eikels scheint das Problem des Übertragungsbegriffs, welches mit Luhmann vorher bereits angesprochen wurde, implizit mit seinem Informationsbegriff zu reproduzieren, weil er Informationen wie Dinge versteht, die vom Sender zum Empfänger übertragen werden können. Zudem ist bei Eikels unklar, was genau eine Information ist und was sie überträgt. Durch den Informationsbegriff öffnet Eikels aber die Diskussion zu Medientheorien, die für das Verständnis von Affektmodulationen nun herangezogen werden.
Der Informationsbegriff von Tiziana Terranova (2004a; 2004b) ist mit dem Informationsbegriff von Eikels vereinbar; ihr Informationsbegriff ist jedoch anschlussfähiger an die Diskussion zu Affektmodulationen, weil er die Leerstellen von Eikels bearbeitet und das Verständnis der Medialität von Affektmodulationen erweitert. Sie schreibt gegen zwei verbreitete Vorurteile an: dass Informationen der Inhalt von Kommunikation und dass Informationen immateriell sind (vgl. Terranova 2004b: 3).69
Der Informationsbegriff von Terranova (2004b) hat vier zentrale Merkmale: Erstens sind Informationen nicht mehr an Bedeutungen oder die Produktion von Bedeutung gebunden, sondern in Abgrenzung zur Störung bestimmt; zweitens sind Informationen eine statistische Messung von Unwahrscheinlichkeit; drittens verbindet sie materielle und signifikante Prozesse und viertens transformieren Medien Informationen während der Übertragung. An diese Merkmale schließt in den nächsten Abschnitten die Diskussion über den Emotionsbegriff an, indem Emotionen als Medien verstanden und weiterentwickelt werden.
Erstens sind Informationen für Terranova (2004b: 10 ff.) das, was aus dem Noise oder der Störung ausgeschlossen wird. Noise ist das Andere der Information. Diese Bestimmung von Information ist formal, weil Informationen sich nicht über die Übertragung von Bedeutungen, im Sinne von Bezeichnungen, Signifikationen oder Inhalten bestimmen. Bedeutung ist den materiellen Effekten der Medien untergeordnet. Das heißt, Informationen haben keine notwendige Referenz zu einem bestimmten Objekt oder Subjekt. Informationen können vielfältige Formen annehmen wie Sounds, Bilder, Farben oder Wörter oder eben Affekte. Information »[is the] content of communication, in the sense that it is what needs to be transported with the minimum loss of quality, from the sender to a receiver […]. At the same time, this content is not defined by its meaning, but by a mathematical function – a pattern of redundancy and frequency that allows a communication machine to distinguish it from noise.« (Terranova 2004b: 13) Eine Bedeutung haben Informationen dafür nicht notwendigerweise, sie können aber Bedeutungen bekommen. Terranovas Begriffe von Sender und Empfänger sind sehr offen, weil sie posthumanistisch sind. Den Informationsbegriff bezieht sie auf ein allgemeines und abstraktes Übertragungsgeschehen zwischen einem Sender und einem Empfänger: »The scene of communication is reduced to its minimum condition: that of making contact by clearing a channel from the threat of noise.« (ebd.: 15) Erfolgreich ist eine Informationsübertragung nicht, wenn eine Bedeutung richtig übermittelt wurde, sondern wenn Verbindung und Anschlussfähigkeit (»contact«) mit möglichst wenig Noise oder Störungen hergestellt wurden. Dazu sind Filtertechniken notwendig, die den Noise reduzieren.
Bei Terranova sind Informationen durch ihre Abgrenzung zu Noise zweitens das Ergebnis einer (statistischen) Auswahl. Bereits im vorherigen Abschnitt zur »Virtualisierung der Virtualität« (5.3) wurde ausgearbeitet, dass Muster die Wahrscheinlichkeit von Affekten modulieren, ohne sie zu determinieren. Eine Kommunikation ist eine Auswahl von mehr oder weniger wahrscheinlichen Möglichkeiten nach einer statistischen Messung. Durch eine Auswahl werden andere Möglichkeiten ausgeschlossen: »The communication of information thus implies the reduction of material processes to a closed system defined by the relation between the actual selection (the real) and the field of probabilities that it defines (the statistically probable). The relation between the real and the probable, however, also evokes the spectre of the improbable, the fluctuation and hence the virtual.« (ebd.: 20) Informationsübertragungen übermitteln, wie das Zitat zeigt, nicht nur vorher ausgewählte mögliche Alternativen, sondern die Informationsübertragungen eröffnen das »transformative potential of the virtual (that which is beyond measure)« (ebd.: 20). Bei Terranova findet sich, wie bei Deleuze und Massumi, auf die sie sich dezidiert bezieht, die Unterscheidung von Möglichkeit und Virtualität. Eine Informationsübertragung von (aktuellen) Möglichkeiten ist die eingeschränkte Auswahl einer Realisierung, weil sie sich auf einen vorher bestimmbaren Bereich beschränkt; Informationsübertragungen können aber auch die Virtualität de- oder potentialisieren. (Affekt-)Modulationen betreffen, wie bei Massumi gezeigt werden konnte, sowohl die Aktualität als auch die Virtualität affektiver Relationen.
Mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Kommunikation eröffnet sich ein Bereich außerhalb der Wahrscheinlichkeit, weil es hundertprozentige Wahrscheinlichkeiten aufgrund der Virtualität nicht gegeben kann, sonst wären Relationen determiniert. Das Virtuelle (des Affekts) bei Deleuze, Massumi und Terranova liegt jenseits der Wahrscheinlichkeit(srechnung) und kann nicht exkludiert werden, weil es sich als Ereignis der Quasi-Kausalität, wie es bei Massumi heißt, jeder Wahrscheinlichkeit letztlich entzieht (vgl. ebd.: 22 ff.). Die Offenheit des Virtuellen besteht darin, »[e]ven as mediated by the space of statistical probability, in fact, the relationship between the real and the probable that is enacted within the informational dimension of communication does not ontologically exclude the possibility of the extremely improbable (or of the virtual).« (ebd.: 26) Das Virtuelle besteht jenseits des Möglichen und eröffnet die Emergenz von ganz neuen Vermögen im Aktuellen jenseits aller Wahrscheinlichkeit.
Terranovas (2004a: 55 ff.) dritter Punkt in der Diskussion zum Informationsbegriff besteht darin, dass sie Kommunikation sowohl als einen materiellen Prozess als auch einen bedeutsamen und signifikanten versteht. Die Effekte von Informationen in der Kommunikation bestehen darin, Körper aller Art in materielle Prozessen einzubinden (vgl. Terranova 2004a: 60 ff.). Doch die materiellen Prozesse gehen nicht vollständig in Informationen auf, Informationen berücksichtigen nur bestimmte Merkmale der Materialität. Damit erweitert sie den Informationsbegriff um eine physische Dimension: »On the one hand, it involves a physical operation on metastable material processes that it captures as probabilistic and dynamic states; on the other hand, it mobilizes a signifying articulation that inserts such description into the networks of signification that make it meaningful.« (ebd.: 70) Weil Informationen keine Repräsentationen sind, erklärt sie auch, warum Kommunikation nicht unbedingt eine lineare und kausale Beziehung zwischen Input und Output ist. Kommunikation ist kontingent und metastabil, sie kann abgelenkt, unterbrochen, transformiert oder vervielfältigt werden (vgl. ebd.: 60 f.).
Dass Kommunikation oder Übertragung sowohl ein körperlicher als auch ein signifikanter Prozess sind, darauf verweist bereits Charles Peirce (1998: 16), auf den sich Massumi positiv bezieht, und für den ein Index – also eine bestimmte Qualität des Zeichens wie ein Rauchmeldersignal oder eine Durchsage, die Feueralarm melden – sowohl physische als auch affektive Wirkungen hat. Wenn der Alarm wahrgenommen wird, reagieren Körper quasi automatisch. Ein Index ist materiell mit seinem Objekt verknüpft. Auch für Thoburn (2007: 83, 84) hat Kommunikation selbst eine materielle Wirksamkeit.70
Der Informationsbegriff eröffnet viertens die Perspektive auf Transformationen während einer Übertragung. Bei Terranova minimieren Informationen Noise, dieser kann aber nicht gänzlich unterdrückt werden. Eine Informationsübertragung ist immer einer gewissen Störung ausgesetzt, die das, was eigentlich übertragen wird, verändert. Diesen Punkt unterstreicht Luhmann (2006: 68, 102 ff.) für den, wie bereits gezeigt, Informationen im klassischen Verständnis nicht übertragen werden können. In Luhmanns Verständnis gehen Informationen aus einer neuen Differenz im System hervor und sind insofern produktiv und kreativ, weil sie einen neuen Zustand ausdrücken. Bei Simondon (2011) findet sich ein sehr ähnliches Verständnis von Information: Informationen sind keine identische Übertragung zwischen Sender und Empfänger; eine Information ist eine Differenz, die sich in einer Relation oder einem metastabilen Milieu ausdrückt und neue Potentiale in einer Relation entfaltet. Die Information erhält ihre Kraft aus der Virtualität der Relation (vgl. Hui 2011a, b).
Für die weitere Diskussion zur Medialität von affektiven Relationen sind Terranovas, Simondons und Luhmanns Ausführungen zentral, da sie einen neuen Emotionsbegriff vorbereiten. Im nächsten Abschnitt werden Affektmodulationen durch Emotionen als Informationsübertragungen verstanden. Informationsübertragungen charakterisieren vier Momente: Erstens sind sie eine Form der Konnektion und weniger der Übertragung von Bedeutungen. Sie knüpfen (neue) Relationen zwischen Körpern, indem sie Noise oder störende Einflüsse modulieren. Was sie dabei genau übertragen, ist nicht so relevant, übertragen werden kann potentiell alles. Für das Buch ist die Übertragung von Affekten primär, aber nicht aller Affekte, weil Informationen nur eine Auswahl sind. Nicht alle Affekte oder Affektionen einer affektiven Relation werden übertragen, sondern nur eine bestimmte Auswahl von verschiedenen Intensitäten, Dynamiken oder Vermögen, andere werden hingegen ausgeschlossen. Affektmodulationen modulieren die Wahrscheinlichkeit von affektiven Relationen, ohne diese determinieren zu können. Informationsübertragungen öffnen sich auf diese Weise der Virtualität von Affekten, die als Ereignisse niemals vollständig determiniert werden können, weil sie jenseits jeder Wahrscheinlichkeit sind. Es ist drittens nicht so, dass Bedeutungen in Informationsübertragungen irrelevant geworden sind. Emotionen haben als Medien auch signifikante und bedeutungsvolle Effekte, die sie neben körperlichen Kräften übertragen. Sie verbinden sowohl signifikante als auch affektive Prozesse. Und viertens sind Informationsübertragungen von Affekten nicht linear und deterministisch. Informationsübertragungen zwischen Körpern weichen aufgrund ihrer Medialität ab, werden unterbrochen, abgelenkt und transformiert.
Emotionen als Medium der Informationsübertragung in Betracht zu ziehen, plausibilisiert sich auf den ersten Blick dadurch, dass die diskutierten Ansätze äußerst offen lassen, was ein Medium sein kann. Aus der bisherigen Diskussion ergibt sich lediglich, dass Medien Informationen übertragen, die Körper affizieren. Henriques ist deshalb interessant, weil er eine Vielzahl von unterschiedlichen Medien unterscheidet, die Affekte unterschiedlich modulieren. Er unterscheidet »not only in the material medium of solids, liquids and gases [wie Licht, Technik, Musik], but also, as argued below, in corporeal [Tanz oder Performances] and sociocultural [besondere Feiertage, soziale Mobilität] media. In addition, rhythms and cycles can easily transfer from one medium to another.« (Henriques 2010: 59; vgl. auch 71) In diese Richtung argumentiert auch Eikels:71
»Zum Synchronisierungsmedium taugt alles, was Signale zwischen sämtlichen Beteiligten hin und her überträgt, die deren Körper als Informationen auswerten können. Diese Signale, die Bewegungen voneinander unterrichten, sind ebenfalls Bewegungen: Lichtwellen bei visueller, Schallwellen bei auditiver, Schwingungen von Objekten bei taktiler Information. Und wie jede Bewegung geben auch sie eine gewisse Menge an kinetischer Energie weiter […]. Dennoch verursacht die Energieübertragung nicht die Synchronisierung. Die durch Licht- und Schallwellen übertragene Energie ist so geringfügig, dass sie einen menschlichen Körper mit seiner Muskelkraft niemals dazu bringen könnte, den Rhythmus seines Gehens zu ändern. […] [Nur so wird erklärbar, warum] sehr schwache Impulse Umorganisationen mit Konsequenzen von manchmal erstaunlichem Ausmaß in die Wege leiten.« (Eikels 2017: 30)
Medien der Affektmodulation sind vielfältig, im Tanz und in der Performance-Kunst ergänzt Brandstetter beispielsweise »neuronale Netze, um Blut- und Atemzirkulation; darüber hinaus übertragen bei den Synchronisierungen zwischen mehreren Tänzern Licht- und Luftschwingungen optische und akustische Informationen sowie Vibrationen des Übungsraum- beziehungsweise Bühnenbodens, gegebenenfalls auch direkte Körperkontakte, taktile Informationen.« (Brandstetter/Eikels/Schuh 2017: 2) Henriques, Eikels und Brandstetter verweisen auf die vielfältigen medialen Bedingungen von Affektmodulationen. Modulationen setzen voraus, dass ein Medium vorhanden ist, das Informationen überträgt.72 Die Medien unterscheiden sich hinsichtlich ihrer materiellen Entitäten, Dauer oder ihrer räumlichen Reichweite (vgl. Eikels 2013: 172). »Synchronisierung […] ist aber nicht nur als ein zeitlicher und räumlicher Vorgang zu verstehen, sondern auch durch die Materialität und gegebenenfalls strukturelle Eigenkomplexität des Mediums geprägt.« (Brandstetter/Eikels/Schuh 2017: 2)
Medien wie Licht, Stimmen, Sound, Technologien, Luft oder auch Körper und – sofern sie Informationen übertragen – auch Emotionen sind die Bedingungen für Affizierungen und affektive Relationen. Medien übernehmen eine Funktion komplementär zu einer Infrastruktur (Larkin 2013; Star 1999) oder einem Hintergrund-Netzwerk (Ingold 2008) für affektive Relationen, weil sie Möglichkeitsbedingungen von Affizierungen zwischen Körpern sind. Mittels Medien sind Übertragungen von Affekten über eine Distanz möglich. Diese Medien sind wie Infrastrukturen die Bedingungen für Sozialität, ohne die Kollektivierungen, Intraaktionen oder soziale Ordnungen nicht hergestellt und aufrechterhalten werden können. Emotionen sind wie eine »sinnliche Infrastruktur« (Senge/Zink 2019: 12), die Affizierungen zwischen Körpern überträgt.
Brandstetter oder Eikels nennen Emotionen explizit nicht als Medien affektiver Relationen, was nur teilweise verständlich ist, da ihr Gegenstand Theater und Performances sind und deshalb Licht, Musik oder Bodenschwingungen direkt Aufmerksamkeit finden. Es ist aber erklärungsbedürftig, weil beide Autor*innen Übertragungen zwischen Darsteller*innen und Zuschauer*innen an gegenseitige Wahrnehmungen von körperlichen Veränderungen anknüpfen. Wahrgenommen werden neben Licht, Musik und Schwingungen auch körperliche Bewegungen, Handlungen, Gestiken oder Mimik, allesamt Merkmale von Emotionen.
Emotionen, wie sie bisher in diesem Buch verstanden wurden, passen in das Medienverständnis von Brandstetter und Eikels, weil sie körperliche Effekte übertragen. Emotionen sind eigenständige, aktive und produktive Kräfte, die zudem relational und rhythmisch sind. Im Theaterkontext wird ebenfalls die strategische und instrumentelle Funktion von Emotionen deutlich, weil sie in Aufführungen eingesetzt werden, um bestimmte Gefühle an die Zuschauer*innen zu übertragen. Emotionen sind körperlich signifikante, bedeutungsvolle Ausdrücke und standardisierte Gefühle beispielsweise der Darsteller*innen, die Zuschauer*innen wahrnehmen können und die dann bei ihnen ähnliche Emotionen auslösen. Welche Konsequenzen es hat, Emotionen als Medien zu verstehen, wird in den folgenden beiden Unterkapiteln analysiert.
Ohne Medien gibt es keine Affektionen, weil direkte und unmittelbare Übertragungen von Affekten nicht möglich sind. Medien unterschiedlichster Art wurden im letzten Unterkapitel als Formen der Affektmodulation eingeführt, die durch Rhythmen und Informationen funktionieren. Die vorliegende Untersuchung schlägt vor, Emotionen als Medien und damit als eine Form von Informationsübertragung zu verstehen. Emotionen als Medien der Affektmodulation sind eine konstitutive Bedingung von Affektionen neben anderen, sodass die Spezifika von Emotionen im Vergleich zu anderen Medien weiter herausgestellt werden müssen.73 Durch die Berücksichtigung der Medialität von affektiven Relationen lassen sich drei Probleme in den Arbeiten von Deleuze und Massumi bearbeiten, die die Sozialität des Affekts betreffen.
Die Problemdimensionen ergeben sich aus den Dimensionen des Informationsbegriffs bei Terranova selbst. In jedem der drei folgenden Unterkapitel wird eines der aufgeworfenen Probleme diskutiert. Terranova wirft erstens die Frage nach der signifikanten Dimension von Affektmodulationen auf, die Informationen neben einer materiell-physischen Dimension ebenfalls haben. Die Dimension von Bedeutungen und Signifikationen wird im Modulationsbegriff wieder eingeholt, die bei Deleuze und Massumi nur als negative Abgrenzungsfolie dient, um die Spezifik von Affekten im Gegensatz zu Emotionen zu bestimmen, selbst aber nur das Andere des Affekts bleibt, ohne ihre konstitutive Beziehung zu Affekten zu berücksichtigen. Terranova fragt zweitens danach, wie mediatisierte Modulationen funktionieren. Damit eröffnet sie eine Perspektive auf den Prozess der Übertragung selbst; Übertragungen transformieren Informationen. Sie werden transformiert während der Übertragung, sodass Übertragungen die Intensität und Effekte von Affekten nicht unverändert belassen. Diese Transformationen durch Modulationen sind nicht ausschließlich negativ und einschränkend, wie Deleuze und Massumi annehmen. Es kann gezeigt werden, dass sie auch produktiv und ermöglichend sind und Vermögen sowie Affekte steigern können. Zudem bestimmt Terranova drittens Informationen in ihrem Verhältnis zum Noise und zur Störung. Sie stellt die Frage nach den Grenzen und nach dem Anderen von Informationen. Auf den Kontext des Buches bezogen, wirft sie die Frage nach den Grenzen und dem Anderen von Emotionen und Affekten auf und hinterfragt einen umfassenden und totalen Affektbegriff bei Deleuze und Massumi, der andere soziale Kräfte tendenziell ausblendet. Anstatt aber den Affektbegriff durch einen anderen umfassenden Begriff wie den von Emotionen zu ersetzen, werden ihre gemeinsamen Grenzen bestimmt. Informationsübertragungen durch Emotionen verlaufen auf der anderen Seite aufgrund der übertragenen Affekte nicht störungsfrei. Affekte sind als Rest der Noise der Informationsübertragung durch Emotionen. Durch Affekte ist den Modulationen eine Unbestimmtheit eingeschrieben, die sie niemals gänzlich unterdrücken, sondern nur minimieren können.
Wie die vorliegende Untersuchung zeigt, sind Emotionen auf zweierlei Weise nicht mehr das ganz Andere von Affekten, wie in der Affekttheorie von Deleuze und Massumi ursprünglich angedacht: Einerseits sind sie nicht mehr nur individuelle Zustände, sondern selbst Affektmodulationen im Sozialen und in affektiven Relationen, die einer anderen (Funktions-)Logik als Affekte folgen. Anderseits können Affekte zwar nicht an sich, aber in ihrer konstitutiven Relationalität mit Emotionen Bedeutungen erhalten, also in Signifikationsprozesse eingebunden werden. Wenn Emotionen als Medien in affektiven Relationen verstanden werden, kann eine symbolische und signifikante Dimension in affektive Relationen (wieder) eingeführt und damit ein zentrales Problem einer Sozialtheorie der Affekte relativiert werden, das darin besteht, Intensität und signifikante Prozesse dichotom zu konzipieren, als ob Emotionen und Affekte trotz ontologischer Unterschiede nicht ineinander gefaltet wären.
Der Affektbegriff von Deleuze und Massumi wurde besonders in Abgrenzung zu einem Emotionsbegriff entwickelt, weshalb das konkrete Funktionieren von Affektmodulationen durch signifikante und symbolische Emotionen, die in einer anderen Dimension operieren als Affekte, erklärungsbedürftig ist. Emotionen sind bei Massumi (2002a: 26, 28), wie bereits im Massumi-Kapitel (3.2) sowie dem ersten Abschnitt zum Emotionsbegriff in den Affekttheorien (4.9) gezeigt, Prozesse der Qualifizierung, Signifikation und symbolische Prozesse, die an die Intensität von Affekten anschließen, um sie zu modulieren. Dabei verändern Affekte ihren ontologischen Status (vgl. auch Fox 2015: 301 ff.). Mit anderen Worten: Emotionen sind Übertragungsprozesse, in denen die Intensitäten und Effekte von Affekten umgewandelt werden in eine andere Qualität, obwohl Affekte aufgrund ihrer Virtualität immer einen Überschuss gegenüber Modulationen durch Emotionen haben.
Emotionen haben im Gegensatz zu Affekten intrasubjektiv geteilte Bedeutungen und binden sich trotz ihrer Eigenständigkeit an ein Subjekt, dem eine bestimmte Emotion zugeschrieben wird. Im vorigen Kapitel (5.1 und 5.2) wurde diese Funktion von Emotionen als Subjektivierung verstanden, wodurch die Intensität, Zirkulation und Dynamik von Affekten moduliert wird. Trotz der Subjektivierung verbleiben Emotionen eigenständige und aktive Kräfte. Die unterschiedlichen Dimensionen von Emotionen werden im folgenden Zitat nochmal wiederholt:
»[…] emotions are organized, meaningful, generally adaptive action systems […] [They] are complex functional wholes including appraisals or appreciations, patterned physiological processes, action tendencies, subjective feelings, expressions, and instrumental behaviors […] None of these features is necessary for a particular instance of emotion. Emotions fit into families, within which all members share a family resemblance but no universal set of features (Fischer/Shaver/Carnochan 1990: 84 f.).« (Hatfield/Cacioppo/Rapson 1994: 3)
Emotionen im Verständnis von Deleuze und Massumi haben eine symbolische Bedeutung im Sozialen. Als Informationen umfassen sie bestimmte körperliche Reaktionen in Gestik, Mimik, Herzschlag, Haltungen, Körperbewegungen und moralische Implikationen, Sprachwendungen, Bewertungen, Anschlusshandlungen, Gefühle, Aussprüche oder zugeordnete Wörter (weiterführend zu diesen sogenannten Emotionsskripten siehe bes. Parkinson/Fischer/Manstead 2005: 39 ff., zu Emotionsregimen bes. Reddy 2001: 320 ff.). Emotionen sind damit quasi überdeterminiert, weil eine Emotion eine Summe von Prozessen auf verschiedenen Ebenen versammelt. Diese Prozesse laufen auf einer mehr oder weniger bewussten Ebene ab (vgl. Hatfield/Cacioppo/Rapson 1994: 4 ff.).
Wenn Affekte und Emotionen wie hier aneinander gebunden werden und wenn Emotionen als Medien Affekte als Informationen übertragen, dann können Affekte in ihrer Verbindung zu Emotionen an Bedeutungen oder Diskurse gebunden werden (siehe auch Slaby/Mühlhoff/Wüschner 2016: 89). Im Gegensatz zu Leys‹ (2011: 468 f.) Einschätzung können also in der Affekttheorie von Massumi Affekte und Bedeutungen in Form von Emotionen aufeinander bezogen werden.74 Weil Emotionen an Affekte oder Affektionen anschließen, können Affekte als »bedeutungsstiftend« (Scheve/Berg 2018: 40) gesehen werden. Emotionen können an Affekte anschließen und so haftet durch Emotionen Affekten eine Bedeutung an (vgl. Henriques 2010: 80 f.).
In den Performance Studies ist es Lichte-Fischer, die Emotionen über ihre Bedeutungen bestimmt, die sie für andere Körper erhalten: »Gefühle [Emotionen] sind also Bedeutungen, die wegen dieser körperlichen Artikulationen von anderen wahrnehmbar und in diesem Sinne durchaus anderen zu übermitteln sind, auch ohne daß sie in Worte ,übersetzt‹ würden.« (Fischer-Lichte 2004: 263) Die Bedeutungen von Emotionen haben »Wirkungen« (ebd.: 264) in Theateraufführungen und damit allgemein in affektiven Relationen, wenn sie wahrgenommen werden. Die ausgelösten Emotionen leiten Körper und ihre Handlungen an (vgl. ebd.: 162). Zwar bindet Fischer-Lichte (2004: 245 ff.) Wahrnehmung an ein Bewusstsein, nicht aber an sprachliche Bedeutung. Fischer-Lichte bleibt hinter dem Wahrnehmungsbegriff von Deleuze und Massumi zurück, die Wahrnehmung nicht an ein Bewusstsein, Intentionalität oder menschliche Agency binden. Stern (2007: 227 f.) entwickelt einen nicht-persönlichen Wahrnehmungsbegriff. Im Anschluss an ihn und Whiteheads Begriff von Perception versteht auch Massumi (2015a: 45 ff.) Wahrnehmung als unpersönlich, nicht klar einem Körper zuschreibbar und nicht als aktiven menschlichen Akt, weil Körper beispielsweise in ihren Gewohnheiten ohne Bewusstsein Effekte wahrnehmen und auf diese reagieren (vgl. auch Adloff/Jörke 2013; Blackman 2013).
In Faltungen von Emotionen erhalten Affekte (nachträglich) eine Bedeutung, ordnen sie einem einzelnen Subjekt zu und bringen Affizierungen in eine Ursache-Wirkungs-Relation. Emotionen können zwar Subjekte zugeordnet werden, doch die Stärke des entwickelten Emotionsbegriffs besteht darin aufzuzeigen, dass Emotionen relationale Kräfte sind und so nicht auf Subjekte zurückgeführt werden können. Emotionen sind eine produktive Kraft, die bestimmte Bedeutungen und Kräfte einem einzelnen Körper oder Subjekt zuordnen.75 Grossberg verdeutlicht die Faltungen von Affekten und Emotionen, indem er Emotionen als »das Produkt der Artikulation zweier Ebenen [begreift] […]: Signifikation (eher als Ideologie, da Menschen ziemlich emotional werden können bei Bedeutungen, die nicht beanspruchen, die Realität zu repräsentieren) und Affekt.« (Grossberg 2010a: 85) Er unterscheidet Affekte und Emotionen wie Deleuze und Massumi, indem er zwischen quantitativen und qualitativen Momenten affektiver Relationen unterscheidet. Die quantitative Dimension wäre im Verständnis dieses Buches eine Dimension des Affekts, weil ein Affekt »immer ein quantitativ variables Energieniveau (Aktivierung, Schwächung) [beinhaltet], das eine Artikulation oder ein Individuum an eine bestimmte Praxis bindet« (Grossberg 2010b: 87) und zudem bestimmte »Erfahrungen, Praktiken, Identitäten, Bedeutungen und Lüste […] verankert, doch er bestimmt auch, wie kraftvoll sich Menschen im jeweiligen Moment ihres Lebens führen, das Niveau ihrer Energie oder Leidenschaft.« (ebd.: 87) Die andere Dimension einer affektiven Relation ist die qualitative Dimension der Emotionen, sie schließt an Affekte an und qualifiziert sie. Qualitativ wird eine affektive Relation »durch die Weise, wie das spezifische Ereignis wichtig gemacht wird.« (ebd.: 87) Eine affektive Relation bekommt durch Bedeutungen eine Organisierung, Form und Struktur. Sie »wird anhand von Karten organisiert, die die Investitionen der Menschen in der und in die Welt lenken.« (ebd.: 87) Diese Karten sind hier Muster und Rhythmen aller Art, die Intensitäten modulieren und Körpern bestimmte Dynamiken und Vermögen zuordnen und sie organisieren.
Anders sind Affekte und Emotionen bei Slaby, Mühlhoff und Wüschner aneinander gebunden, die einen neuen Holimorphismus einfügen, der mit Deleuze und Massumi nicht kompatibel ist, weil er Substanz und Form voneinander ablöst. Die Autoren bestimmen das Verhältnis von Affekt zu Emotion nicht als das von Quantität und Qualität, sondern als das »Verhältnis von Substanz und Form« (Slaby/Mühlhoff/Wüschner 2016: 87): »Furcht, Freude, Neid, Scham, Stolz, Zorn oder Eifersucht sind Beispiele für solche meist auf konkrete Ereignisse gerichteten evaluativen Weltbezüge, in denen Affektivität sich vielfältig [in Ausdrücken, Verhalten, Verständnissen] artikuliert und ausformt. Die damit einhergehenden unterschiedlichen Emotionstypen bilden umfassende kulturspezifische Kategoriensysteme, die affektive Erfahrungen und Praktiken lesbar und lebbar machen.« (ebd.: 77) Emotionen sind an »differenzierte normative Ordnungen« (ebd.: 77) gebunden, mit denen Affekte kategorisiert und bewertet werden können. Affekte demgegenüber beziehen sich stärker auf die relationalen gegenseitigen Affizierungen von Körpern untereinander. Sie entziehen sich immer auch individuellen Zuschreibungen und reflexiven Repräsentationen. Daraus folgt, dass Emotionen nicht an alle Affekte anschließen, sondern jeweils nur Teile der affektiven Dynamiken einordnen (vgl. ebd.: 86).
Wenn Affekte auf diese Weise an Emotionen gebunden werden und damit nicht an sich, aber in ihrer Verbindung mit Emotionen eine Bedeutung bekommen, entfallen Schwierigkeiten eines sozialtheoretischen Anschlusses. Wenn eine Sozialtheorie sich ausschließlich als sinnverstehend oder rekonstruierend und hermeneutisch versteht, besteht eine Schwierigkeit der Affekttheorien darin, dass Affekte an sich keine Bedeutung haben. Dadurch sind sie an sich nicht beobachtbar, sondern nur in ihren empirischen Effekten und in Verbindung mit Signifikationsprozessen. Indem in diesem Buch in den Affekttheorien von Deleuze und Massumi die dichotome Unterscheidung zwischen Affekten und Emotionen nicht ontologisch, sondern in ihrer dichotomen Logik aufgehoben wird, lassen sich Affekte mit signifikanten Prozessen aller Art und nicht nur denen von Emotionen verbinden. Sie lassen sich, durch Emotionen vermittelt, in ihrem Sinn für das Soziale verstehen, wodurch der Affektbegriff auch in Sozialtheorien integrierbar wird, die auf einen Begriff von Sinn aufbauen. Deshalb ist die Gegenüberstellung von Affekt und Diskurs bei Carsten Stage und Britta Timm Knudsen (Timm Knudsen/Stage 2015a: 19 f.) wie auch bei Wetherell (2012: 51 ff. 2013), in der sie zwischen prälinguistischen und nicht-diskursiven Affekttheorien wie der von Massumi und Affekttheorien, die die Beziehung von Kognition, Diskurs und Affekt immer schon zusammen betrachten, aus Sicht der Untersuchung nicht mehr plausibel. Im Anschluss an Deleuze und Massumi sind Affekte und Emotionen und damit Intensität und Bedeutung ineinander gefaltet.76
Wegen ihrer Übertragungsfunktion können Emotionen als Boten im Sinne von Sybille Krämer verstanden werden, »[d]enn diese Aufgabe [von Boten] besteht darin, zu vermitteln und zu übertragen, was selbst nicht von der Natur eines Medium ist, sei das nun ›Botschaft‹, ›Gehalt‹ oder ›Form‹ genannt.« (Krämer 2004: 22) Boten setzen wie Medien eine Differenz zwischen Körpern voraus, denn nur wenn Körper sich nicht direkt und unmittelbar berühren, können Informationen übertragen werden, andernfalls gibt es keine »Lücke« oder »Distanz« die überwunden werden könnte (vgl. Krämer 2004: 16, 18; Eikels 2013: 12, weiterführend auch Krämer 2008).
Eine Emotion ist kein Automat für Affekte, sondern ein Mediator. Medien als Boten übertragen nicht Informationen wie in einem Sender-Empfänger-Modell, in dem ein Sinn direkt vom Sender zum Empfänger übertragen wird und der Informationsgehalt beim Empfänger exakt so ankommt, wie der Sender ihn losgeschickt hat. Medien modulieren Informationen und übertragen sie nicht einfach eins zu eins. Ein Medium ist – wie Latour sagt – etwas, das »unterbricht, transformiert und etwas anderes emergieren lässt« (Latour/Cuntz/Engell 2013: 84).77 Und auch ein Rhythmus unterbricht und verbindet zugleich: Ein »Rhythmus verschafft einem Text, einer musikalischen Phrase Sinn und hat im gleichen Moment auch das Potential, diesen Sinn zu stören und zu zerschlagen oder mögliche Sinnzuschreibungen aufzuschieben« (Riss 2005: 296). Übertragungen sind keine Reproduktionen oder identischen Wiederholungen des übertragenden Affekts, sondern modulieren Affekte in der Übertragung.
Diese Form der Übertragung durch Medien kann mit Levi Bryant (2014) und seiner Maschinen- und Medienontologie unterstützt werden. Er konzentriert sich auf das transformative Moment jeder Übertragung. Ausnahmslos alle Objekte der Welt, gleichgültig ob Bäume, Daten, Ideen, Körper, Gehirne oder Autos, also alle Formen von mehr oder weniger geschlossenen und emergenten Entitäten sind für ihn Medien (vgl. Bryant 2011). Bryant setzt Medien und Maschinen gleich: »Media – what I am here calling ›machines‹ – are formative of human action, social relations, and designs in a variety of ways that don’t simply issue from humans themselves.« (Bryant 2014: 22) Medien wie Emotionen werden analog zur vorliegenden Untersuchung über ihre Operationen verstanden; ebenfalls analog dazu denkt er Maschinen als produktiv, eigenständig und posthumanistisch, weil sie nicht von Subjekten hervorgebracht sind (vgl. ebd.: 17 ff., 20, 22, 39). Medien haben bei Bryant sehr viele Merkmale, von denen hier nur diejenigen aufgezählt werden sollen, die für das weitere Verständnis von Emotionen als Affektmodulationen relevant sind.
Bisher wurde in dem Buch der Begriff des Körpers verwendet, um das zu bezeichnen, was Bryant Maschine oder Medien nennt. Zwar ist der Zugang zu Emotionen im Buch ein relationaler und kein objektzentrierter wie bei Bryant, doch können Emotionen als Medien im Sinne von Bryant verstanden werden, weil sie eine eigenständige Kraft der Übertragung sind. Bryant hebt Emotionen nicht gesondert als Medien hervor, doch es gibt in Bryants Theorie keine Argumente dafür, Emotionen nicht auch wie Ideen als Medien zu verstehen, besonders dann, wenn die Bedeutungsdimension von Emotionen berücksichtigt wird. Die Relationen zwischen unterschiedlichen Medien »organize social or ecological relations« (ebd.: 7), also die Relationen zwischen Medien oder Körpern.
»I propose a post-human media ecology in which a medium is understood as any entity that contributes to the becoming of another entity affording and constraining possibilities of movement and interaction with other entities in the world. […] I argue that machines ought to be understood in terms of their operations, transforming inputs that flow through them, producing a variety of different types of outputs. Insofar as machines operate on flows, they are to be understood as ›trans-corporeal‹ or interactively related to other machines through flows of information, matter, and material that they receive from other entities.« (ebd.: 9)
Und nochmals anders: »A machine [oder ein Medium] is a system of operations that perform transformations on inputs thereby producing outputs.« (ebd.: 38, vgl. auch 6) In den Übertragungsprozessen von Medien bleibt das, was übertragen wird, nicht identisch – Übertragungen sind Transformationen dessen, was übertragen wird. Anstatt von Transformationen ließe sich deshalb für die begriffliche Konsistenz der Untersuchung auch von Modulationen sprechen. Die Informationen, die von Emotionen übertragen werden, verändern sich im Prozess der Übertragung. Affekte, die in einer Information eingefaltet werden, werden nicht identisch an andere Körper übertragen. Emotionen verändern die Intensität von Affekten in ihrer Übertragung.
Relationen, die durch Affektmodulationen stabilisiert werden, würde Bryant mit Verweis auf Luhmann als strukturelle Kopplungen zwischen verschiedenen Körpern verstehen. Eine strukturelle Kopplung gibt Relationen nach ihm (2014: 24 ff.) einen Zweck, eine Funktion in der Relation und Zielgerichtetheit. Eine strukturelle Kopplung ist eine Austauschbeziehung zwischen verschiedenen Körpern, die über Medien vermittelt wird. Medien verbinden die Körper und übertragen Kräfte zwischen den Körpern und verändern dabei die Kraft und Vermögen der Körper, wobei die Kopplung eher monodirektional oder reziprok sein kann (vgl. Bryant 2014: 25, 30 ff.). Medien modulieren die Relationen zwischen Körpern und haben so Effekte auf deren Bewegungen, Vermögen, Dynamiken oder ihr Werden (vgl. ebd.: 35 ff.).
Die Medientheorie von Bryant hebt ein Moment der Medialität in affektiven Relationen hervor, welches den Emotionsbegriff ergänzt. Medien operieren bei ihm dadurch, dass sie Ströme als Inputs transformieren und durch ihren Output Körper beeinflussen. Bezogen auf das Verständnis von Emotionen als Medien, folgt daraus, dass auch sie Inputs in Form von Affekten bekommen, diese modulieren und diese modulierten Kräfte an Körper übertragen.
Aufgrund ihrer Virtualität kann niemals alle Affektivität übertragen werden. Eine Modulation von Emotionen ist nur eine Auswahl beziehungsweise Filterung von Affekten. Die Outputs und damit verbundenen materiellen Effekte sind vielfältig, sie sind aufgrund der Eigenständigkeit von Affekten nicht identisch und mit ihren Inputs (vgl. auch ebd.: 50). Die Outputs von Emotionen sind wiederum Affekte, nur transformierte. Insofern kann von einer strukturellen Kopplung zwischen Affekten und Emotionen gesprochen werden, weil Emotionen immer an Affekte anschließen. In ihrer Kopplung wird ein Input (Affekt) durch das Medium einer Emotion moduliert und als Output (ein modulierter Affekt) übertragen. Mediatisierte Affekte werden durch Emotionen aber nicht in ein monodirektionales Reiz-Reaktions-Schema eingeordnet, wie in der Kritik von Massumi am Emotionsbegriff oder der von Luhmann am Übertragungsbegriff. Modulationen sind durch die Virtualität des Affekts unsicher und niemals determinierend oder vollständig kontrollierend.
Terranova hat gezeigt, das Informationsübertragungen versuchen, die Störungen durch Noise so gering wie möglich zu halten. Analog dazu versuchen Emotionen die Übertragung beziehungsweise Modulation von Affekten möglichst stabil und gleichmäßig zu bewerkstelligen. Affekte haben aufgrund ihrer Virtualität aber einen Überschuss gegenüber ihrer Modulation durch Emotionen, weshalb sie sich niemals komplett, keineswegs immer oder mit allen ihren Effekten von Emotionen einfalten oder übertragen lassen. Affekte markieren die Grenze der Emotion und allgemeiner des Sozialen. Emotionen managen die Wahrscheinlichkeit von Affekten, weil sich Affekte aufgrund der ausgeführten Quasi-Kausalität und Ereignishaftigkeit ihrer Modulation entziehen. Daraus folgt, dass Emotionen nicht an alle Affekte oder Intensität eines Affekts anschließen, sondern jeweils nur Teile von affektiven Relationen, der Intensität oder Virtualität von Affekten oder affektiven Dynamiken übertragen (vgl. Slaby/Mühlhoff/Wüschner 2016: 86). Affekte gehen aber nicht vollständig in Informationen und Emotionen auf, sie bleiben letztlich indeterminiert, unwahrscheinlich und unvorhersehbar.
Affekte, die nicht in Emotionen übersetzt und moduliert werden können, also die nicht signifizierten Affekte können als Rauschen oder Lärm gegenüber Emotionen verstanden werden. »Noise« ist für Lefebvre (2016: 37) das Andere des Rhythmus, weil Noise als Kraft oder Bewegung keinen Rhythmus, also keine Muster oder Organisierungen hat. Noise ist ebenso für Terranova das Andere der Übertragung, welches als Störung konstitutiv ist und bleibt. Es ist nicht vollständig unterdrückbar und modulierbar. Der Rest des Affekts, der nicht in Emotionen eingefaltet wird oder werden kann, ist im Sinne des Buches auch Noise gegenüber Emotionen, eine Intensität und affektive Kraft ohne Bedeutung, Qualität oder Gerichtetheit.
Daraus folgt nicht, dass Noise keine weitere Rolle mehr in Affektmodulationen einnimmt. Mit Blick auf die Systemtheorie kann das Verhältnis von nicht-signifikanten Affekt und Informationsübertragung – hier durch Emotionen – so gefasst werden, dass die »nicht-kommunikative [hier frei zu verstehen als nicht-signifikante] Anschlussfähigkeit« (Stäheli 2005: 162) von Affekten auf der einen Seite Übertragungen von Emotionen unterstützen kann, indem Affekte in Emotionen eingefaltete Informationen schneller und unmittelbarer an Körper weitergeben; Übertragung wird ansteckender. Auf der anderen Seite können Affekte eine Autonomie entfalten, die nicht mehr übertragbar ist und die Übertragung unterbricht oder stört (vgl. auch Stäheli 2007b).
Für Emotionen folgt daraus, dass nicht eingefaltete Affekte die medialen Übertragungen durch Emotionen erweitern können. Affekte, die nicht in Emotionen eingefaltet sind, unterstützen oder verstärken die Übertragungen von Emotionen, indem sie deren Übertragungen beschleunigen, vervielfältigen oder die Intensität der übertragenen Kräfte von Affekten verstärken. Der Rest des Affekts kann die Medialität von Emotionen aber auch stören und unterbrechen. Der virtuelle Überschuss von Affekten entzieht sich ihrer Modulation. Der Noise des Affekts bringt eine Offenheit und Indetermination in die Medialität von Emotionen. Durch Noise nimmt nicht nur die Geschwindigkeit von Übertragungen durch Emotionen zu, es erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und Misslingens der Informationsübertragung.
Der Rest der Modulation verweist darüber hinaus auf das Andere des Affekts, weil er nicht Teil von Affekt-Emotionen, also nicht Teil von Signifikationsprozessen ist. Das Soziale wird bei Deleuze und noch deutlicher bei Massumi vor allem durch Affekte und Affizierungen bestimmt. Jede soziale Relation ist neben anderen Kräften bei ihm immer auch affektiv. Ihre Theorien verlieren einerseits an analytischer Schärfe, besonders, da Massumis Affektbegriff als Analysekategorie keinen Zustand mehr kennt, der nicht affektiv ist. Andererseits kann mit Blick auf die Arbeiten von Laclau und Mouffe (bspw. 2006) zum Politischen und des analytischen Potentials dieses Begriffs festgehalten werden, dass ein sehr weiter Begriff des Politischen, wie sie ihn entwickeln, es ermöglicht, alle Formen sozialer Relationen als politisch zu verstehen und nicht nur einen abgrenzbaren Bereich des Sozialen (vgl. auch Marchart 2010: 13 ff., 245 ff.).
Diese Überlegungen lassen sich auf Deleuzes und Massumis Affekttheorie ausweiten: Es gibt nicht nur keinen Bereich des Sozialen, der von der Logik des Politischen ausgenommen ist, was für Laclau, Mouffe sowie Oliver Marchart (2010) kein theoretisches Problem ist, sondern ein analytisches Potential birgt. Es gibt analog dazu für Massumi auch keinen Bereich des Sozialen und keine Relation zwischen Körpern, der nicht affektiv wäre. Für Thomas Nail (2018: 53) ist das ebenfalls kein Problem. Wenn alles Soziale von Affizierungen bestimmt wird, dann kommt es für ihn darauf an, genauer die Spezifika von Bewegungen, wie es bei ihm heißt, oder von affektiven Relationen und Modulationen zu untersuchen, wie es im Kontext der vorliegenden Untersuchung relevanter ist.
Roberto Esposito (2015) wendet sich diesem Problem eines umfassenden Begriffs des Politischen zu und fragt nach dem Anderen des Politischen. Als Gegenbegriff zum Politischen führt er den Begriff des »Impolitical« ein. In seinem Buch bleibt Esposito äußerst vage. Den Begriff des Impolitical bestimmt er nie ausführlich und positiv. Die Ausführungen von Esposito bleiben schwer nachvollziehbar. Deshalb wird nur an seine Gedanken angeschlossen, soweit sie relevant sind. Ins Deutsche lässt sich der Begriff Impolitical schwer übersetzen. Die direkte Übersetzung ins Deutsche wäre das »Unpolitische«, welches aber zu große Nähe zum Begriff des Nichtpolitischen hätte. Eine soziale Relation ist für Esposito niemals a-, nicht- oder antipolitisch. Die Antipolitik ist bei Esposito selbst eine Politik, die positiv konnotiert wird und reduktionistisch ist, weil sie Konflikte reduziert; ebenso bleiben eine A- oder Nichtpolitik politisch, weil sie eine Distanz zum Politischen ausdrücken und damit weiterhin in den Begriffen und der Logik des Politischen operieren. Das Impolitical bei Esposito demgegenüber zeigt und definiert die gesamte Realität erst umfassend als politische und versucht das Politische nicht zu neutralisieren, indem seine Konflikthaftigkeit negiert wird, wie es aus den anderen Gegenbegriffen folgt. Das Impolitical markiert eine Alterität und Andersartigkeit zum und im Politischen, oder ist die andere Seite einer Medaille; es steht nicht außerhalb des Politischen, übersteigt es aber. Das Impolitical erinnert das Politische daran, dass es konstitutiv endlich und begrenzt ist. Das Politische ist begrenzt; nicht, weil es im Gegensatz zu unendlichen oder unbegrenzten Begriffen stehen würde, sondern weil es in sich selbst vollständig und deshalb nicht auf etwas Unendliches außerhalb seiner angewiesen ist. Im Zentrum des Politischen steht das Impolitical, weil es vom Politischen weder produziert wird noch produktiv ist aus Sicht des Politischen. Es fällt mit dem Politischen zusammen, weil es bestätigt, dass das Politische nur durch sich selbst bestimmt wird, also geschlossen ist und durch nichts als sich selbst bestimmt wird. Das Politische hat kein Ziel oder keine Bewegung, die auf ein Außerhalb seiner selbst strebt. Das Impolitical reduziert weder das Politische, noch ist das Impolitical das Außen des Politischen; das Impolitical öffnet vielmehr das Politische für seine eigenen Grenzen, Störungen, Unterbrechungen und Unmöglichkeiten (vgl. Esposito 2015: xivff.).
Auch für Deleuze oder Massumi kann es keinen A-, Nicht- oder Anti-Affekt geben, weil alle Relationen oder Körper im Sozialen affektiv sind, wenn auch unterschiedlich und nicht ausschließlich. So umfassend wie der Begriff des Politischen bei Esposito ist, ist auch der Begriff des Affekts bei Deleuze und Massumi zu verstehen. Esposito eröffnet mit der Diskussion des Impolitical die Frage nach dem Anderen und den Grenzen des Affekts in affektiven Relationen. Analog zu Esposito wäre der Gegenbegriff des Affekts nicht A-, Nicht- oder Antiaffekt. Einen vergleichbaren Begriff wie das Impolitical lässt sich für den Affektbegriff nicht finden. Der analoge und am besten geeignete Gegenbegriff zum Affekt wäre in etwa der »Imaffect« oder »Dis-Affekt«.
Gibbs (2002) verwendet den Begriff »Disaffected« und Angerer sieht im Intervall des Affekts eine »Lücke«, die eine »Figur der Dis-affektion sichtbar« (Angerer 2015: 124) macht. Der Disaffekt bei Angerer ist eine Kraft, die die vollkommenen und allgegenwärtigen Affektionen unterbricht und aufhält. Aus Sicht von Deleuze und Massumi ist jede Relation zwar affektiv, das heißt aber nicht – und darauf verweisen sowohl Gibbs als auch Angerer –, dass Affekte immer die primäre Kraft in einer Relation sind. Obwohl Deleuze und Massumi durchaus davon ausgehen, dass Affekte meistens die bestimmenden Kräfte sind, ist diese Annahme nicht notwendig. Der Modulationsbegriff und seine Medialität eröffnen eine Perspektive auf vielfältige Modulationen und Kräfte im Sozialen.
Eben weil Deleuze und Massumi alle Relationen als affektiv verstehen, ist die Frage des Dis-Affekts interessant. Dis-Affekte markieren die Störungen oder Unterbrechungen von Affekten und ihrer Modulationen. Diese sind, wie Angerer beschreibt, nicht als negativ zu verstehen, wie Deleuze und Massumi nahelegen, sondern sie markieren die Bedingungen der Möglichkeit von Affekten und Affizierungen; sie sind ihr konstitutives Moment. Mit der Einführung des Dis-Affekts ist die Ausweitung des Affektbegriffs auf alle Relationen im Sozialen nicht unbedingt ein theoretisches Problem – wenn Mouffe und Laclau gefolgt und darüber hinweggeschaut wird, dass nach Luhmann Begriffe nur dann einen Informationsgehalt haben, wenn sie nicht total oder allumfassend sind und alles beschreiben –, weil mit dem Affektbegriff nicht impliziert ist, dass Affekte immer und ausschließlich die primäre Kraft in Relationen sind und dass ihre Kraft nicht unmediatisiert und damit rein und unmittelbar ist.
Vor diesem Hintergrund gibt es verschiedene Gegen- oder Grenzbegriffe zum Affekt, die mit der hier entfalteten Affekttheorie nach Deleuze und Massumi kompatibel sind und deren Gedanken weiterführen. Die Gegenkräfte zum Affekt sind erstens andere Kräfte in einer sozialen Relation wie Emotionen, Verständigungen, Signifikationen oder Kommunikation, die zusammen mit Affekten in ein Kräfteverhältnis treten und sich gegenseitig modulieren. Eine Begrenzung des Affektbegriffs besteht mit Blick auf die Diskussionen zur Medialität von Affekten und dem Noise zweitens darin, dass es zwar überall im Sozialen Affekte gibt, aber nicht überall Affekte auch an Emotionen gebunden sind, also Affekte nicht immer eine Bedeutung und einen Sinn als Teil von Affekt-Emotionen erhalten. Das Andere des Affekts ist hier eine Affekt-Emotion. Und drittens wird der Affektbegriff auf bestimmte Relationen des Sozialen begrenzt, die aus Sicht der Sozialtheorie und ihrer spezifischen Fragen an das Soziale interessant sind.
Deleuzes und Massumis Affektbegriff ist allgemein und abstrakt. Mit ihren umfassenden und allgemeinen Begriffen von Affekten und Emotionen »an sich« können zwar die grundsätzlichen Effekte von Affekten und Emotionen bestimmt werden, zugleich sind die konkreten Affektmodulationen zwischen Aktualität und Virtualität, Emotion und Affekt immer singulär und spezifisch je nach affektiver Relation und Assemblage. Die Allgemeinheit in ihren Begriffen blendet diese Spezifik tendenziell aus, wodurch die Vielfalt von affektiven Relationen, Affekten und Emotionen aus dem Blick gerät. Mit dem Begriff der Affektmodulation, insbesondere mit der konstitutiven Verschränkung von Affekten und Emotionen zu Affekt-Emotionen führt diese Untersuchung Begriffe ein, die diese Vielheit systematisieren. Wenn Affekte und Emotionen konstitutiv aneinander gebunden werden, eröffnet sich die Möglichkeit einer Differenzierung von Affekten und Emotionen aufgrund ihrer unterschiedlichen Affektmodulationen, Rhythmen und Mustern. Leys (2011: 442) Kritik an Deleuze und Massumi, dass beide Affekte nicht unterschieden, ist deshalb nur eingeschränkt berechtigt.
Deleuze und Massumi geben in ihren Arbeiten Hinweise darauf, wie eine weitere Charakterisierung und Differenzierung sowohl von Affekten als auch von Emotionen aussehen könnte. Im Folgenden werden im Anschluss an Deleuze und Massumi verschiedene Dimensionen dargestellt, anhand derer sich Affekte in ihrer konstitutiven Relation zu Emotionen und von ihren Modulationen her unterscheiden lassen. Dies eröffnet einer sozialtheoretischen Perspektive auf die Affekttheorie die Möglichkeit, auf die Spezifika von Affekten sowie Emotionen einzugehen – die Auseinandersetzung bleibt jedoch zunächst eine erste Skizze.
Ausgangspunkt ist und bleibt die Modulation zwischen Aktualität und Virtualität sowie ihre wechselseitigen Faltungen von Aktualisierung und Virtualisierung. Diese Unterscheidungen sind grundlegend und primär für die weiteren Unterscheidungen von Affekten und Emotionen. In Aktualisierungen von Affekten – die Kraft, in der sich die Virtualität in der Aktualität ausdrückt – emergieren genuin neue Vermögen in einzelnen Körpern, in Relationen von Körpern oder es entstehen neue Verbindungen zwischen Körpern. Aktualisierungen sind Ereignisse, die sich spontan und unkontrollierbar ausdrücken und Differenzierungen entfalten. Diesen Prozess bezeichnen Deleuze und Massumi auch als »Werden«. Virtualisierungen von Emotionen sind der Aktualisierung entgegengesetzt, wobei diese Unterscheidung analytisch ist, da beide Prozesse zusammen in einer Modulation stattfinden. Virtualisierungen verändern Affekte und ihre Aktualisierungen nicht nur in der Aktualität, sondern darüber hinaus ihre Virtualität, also die Bedingungen der Aktualisierungen von Affekten. Virtualisierungen verändern die Vermögen, Intensität sowie die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Affekte aktualisieren. Jedoch kann die Virtualität niemals umfassend moduliert werden, weil die Virtualität der Aktualität ontologisch vorgängig ist und ein überschießendes Moment hat. Die Virtualität und Aktualisierungen von Affekten lassen sich modulieren, nicht kontrollieren.
Die Unterscheidung zwischen Aktualisierung und Virtualisierung findet ihre Entsprechung in weiteren Unterscheidungen. Durch sie erhalten die Begriffe Aktualisierung und Virtualisierung zum einen weitere Dimensionen und zum anderen wird daran anschließend die Unterscheidung zwischen Affekten und Emotionen weiter spezifiziert. Im Folgenden werden Affekt-Emotionen und insbesondere Affektmodulationen durch Emotionen anhand von drei weiteren Dimensionen unterschieden, die sich aus der bisherigen Diskussion ergeben: Die erste Unterscheidung wird zwischen Potentialisierungen und Depotentialisierungen der Intensität, die zweite zwischen De- und Reterritorialisierungen von Grenzen gemacht und die dritte Unterscheidung betrifft verschiedene Signifikationen von Affekt-Emotionen. Anhand dieser Dimensionen können verschiedene Grundformen der Modulationen zwischen Affekten und Emotionen differenziert werden. Die Unterscheidungsdimensionen bilden eine Operationalisierung des Affektbegriffs.
Uexküll (1956: 23 ff.), auf den sich Deleuze positiv bezieht, unterscheidet Affekte anhand ihrer Intensitäten und Vermögen, Effekte und Wirkungen in der Welt hervorzurufen. Am Beispiel einer Zecke unterscheidet Uexküll drei Affekte, die er an den drei Prozessen Licht, Geruch und Hitze erläutert. Diese drei Prozesse affizieren die Zecke und sie richtet ihre Bewegungen nach ihnen aus. Eine Zecke klettert auf einen Strauch zum Licht, dort wartet sie auf Tiere oder Menschen, die sie am Geruch erkennt und auf die sie hinunter springt, sobald sie vorbeilaufen. Dann sucht sie eine trockene und besonders warme Stelle auf deren Haut, um dort Blut auszusaugen. Diese drei Affekte sind notwendig, damit die Zecke den richtigen Ort findet, um zu überleben. In direktem Anschluss an Uexküll unterscheiden Deleuze und Guattari (1992: 349 ff.) Pferde anhand ihrer Vermögen, ihrer Bewegungen, die sie ausführen können und nicht anhand von formalen und festen Eigenschaften wie genetischen und körperlichen Übereinstimmungen oder Maßen. So kommen beide zu dem Schluss, dass Arbeitspferde mehr Ähnlichkeiten mit einem Ochsen haben als mit einem Rennpferd.
Intensitäten von Affekten unterscheiden sich anhand der Kräfte beziehungsweise Effekte, die sie ausdrücken (können) und den Richtungen, in die sie weisen (können). »Können« wird hier insofern einschränkend hinzugefügt, weil Affekte sich ausdrücken können und werden, aber sich nicht zwangsläufig in einer bestimmten Situation und Assemblage mit einer bestimmten Intensität auch ausdrücken müssen. Zwischen Potentialität und Aktualität bestehen keine Determinationen. Die Intensität verweist auf die Potentialität von Affekten, welche nicht gleichgesetzt beziehungsweise kurzgeschlossen werden kann mit ihren aktualisierten Effekten. Die Potentialität ist ein Energiereservoir für zukünftige Affekte und zugleich die Bedingung oder Wahrscheinlichkeit im Sinne von Massumi, mit der sich Affekte in Körpern und Relationen aktualisieren. Deshalb ist es aufgrund seiner Virtualität letztlich unklar, welche Vermögen ein Affekt hat, weil er genuin neue Momente ausdrückt zugleich aber partiell vorhersehbar ist.
Intensitäten werden nach ihren Langsamkeiten und Schnelligkeiten, Ruhepausen und Bewegungen unterschieden, also danach, wie wirkmächtig ein Affekt sein kann, wie schnell er sich zwischen Körpern übertragen kann oder wie stark er Körper bewegt (vgl. auch Seyfert 2011b: 89 ff.; Gawne 2012: 99). Darüber hinaus unterscheiden Deleuze und Guattari zwischen »aktiven und passiven Affekten« (Deleuze/Guattari 1992: 350, vgl. auch und Deleuze 1980: 74, 100). Diese Unterscheidung geht auf Spinoza (1994: 345 ff.) zurück, der zwei primäre Affekte – Freude und Trauer – in seiner Arbeit danach unterscheidet, welche Effekte sie auf die Vermögen von Körpern haben. Die Kraft eines passiven Affekts wie der Trauer vermindert und schränkt die Vermögen eines Körpers ein, während aktive Affekte wie die Freude ermöglichend und stärkend sind (vgl. Deleuze 1993a: 195 ff.). Freude ist ein aktiver Affekt, weil er die Vermögen der Körper steigert, sie stärker befähigt, bestimmte Aktionen auszuführen, schneller zu handeln oder größere Gewichte zu transportieren, um im Bild des Pferdes zu bleiben. Trauer auf der anderen Seite vermindert die Vermögen eines Körpers, ein Körper wird langsamer, kann weniger Aktionen ausführen oder ist nicht gleichermaßen leistungsfähig (vgl. auch Brown/Stenner 2001: 89 ff.; Protevi 2009: 49, 2011: 393).
Die Unterscheidung von Aktualisierung und Virtualisierung kann mit Blick auf die Intensitäten von aktiven sowie passiven Affekten weiter geführt werden, als bei Deleuze und Massumi angelegt. Beide Autoren betrachten primär Aktualisierungen und damit aktive Affekte; Virtualisierungen und passive Affekte spielen bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle wegen eines untertheoretisierten Begriffs des Sozialen, der Aktualität und ihres Modulationsbegriffs. Im Affektmodulationsbegriff werden jedoch sowohl Aktualisierungen als auch Virtualisierungen aneinander gebunden.
Affektmodulationen beeinflussen die Intensitäten und Effekte von Affekten nicht nur oder erst dann, wenn sie sich in der Aktualität ausdrücken, sondern sie beeinflussen zugleich die Potentialität von Affekten. Der Einfluss von Affektmodulationen ist selbst ontologisch und wirkt sich auf die Bedingungen und zukünftigen Intensitäten und Emergenzen von Affekten aus. Wenn Deleuze und Massumi die Funktionen von Virtualisierungen andeuten, verstehen sie sie ausschließlich negativ als Depotentialisierungen, weil Virtualisierungen die Intensität von Affekten einschränken (vgl. Massumi 2002a: 79 EN 4). Virtualisierungen können die Potentialität und Intensität von Affekten aber auch stärken und erweitern, dann nehmen sie die Funktion einer Potentialisierung an. Eine Virtualisierung als Potentialisierung und nur als solche zu verstehen, findet sich bei Terranova (Terranova 2004b: 27), die Virtualisierungen nicht wie Deleuze und Massumi negativ besetzt, sondern positiv. Nur an einer Stelle am Beispiel des Fußballs verweist Massumi (2002a: 73) auf die Funktion einer Virtualisierung als De- und Potentialisierung während des Spiels.
De- und Potentialisierungen von Affekten sind Effekte der Virtualisierungen von Emotionen. Emotionen übertragen Affekte nicht vollständig, in der Übertragung transformieren sich die Potentialität und damit auch die Intensität von Affekten. Wie genau, hängt von der spezifischen Medialität von Emotionen und ihrem Assemblage ab. Potentialisierungen als auch als Depotentialisierungen bezeichnen Veränderungen der Intensität und Vermögen von Affekten, also Veränderungen der Kräfte, Dynamiken, Bewegungen oder Übertragungen der Vermögen von Körpern oder zwischen Körpern in Relationen, die durch Affekte hervorgerufen werden können. De- und Potentialisierungen modulieren zukünftige Affekte, also ihre Wahrscheinlichkeit zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, einen bestimmten Effekt hervorzurufen und nicht ihre aktuellen Effekte, die im nächsten Abschnitt betrachtet werden. Die aktuellen Effekte von Affekten werden nur indirekt moduliert, indem ihre Wahrscheinlichkeit verändert wird. Potentialisierungen sind eine Steigerungen der Intensitäten und Vermögen in affektiven Relationen, während Depotentialisierungen Verminderungen oder Einschränkungen eben dieser Momente sind und damit Reduktionen der Dynamiken und Vermögen der Verbindungen und Körper in zukünftigen Affektionen.
Ein längeres Zitat Deleuzes und Guattaris fasst die Merkmale des ersten Unterscheidungskriteriums am Beispiel des Körpers nochmal zusammen und verweist gleichzeitig auf ein weiteres Unterscheidungskriterium, welches ebenfalls bei Deleuze bereits angelegt ist:
»Als Breitengrad eines Körpers bezeichnet man die Affekte, zu denen er nach einem bestimmten Vermögensgrad oder vielmehr nach den Grenzen dieses Grades fähig ist. Der Breitengrad besteht aus intensiven Teilen, die zu einer Fähigkeit gehören, so wie der Längengrad aus extensiven Teilen besteht, die zu einer Beziehung gehören. Wir haben es vermieden, einen Körper durch seine Organe und Funktionen zu definieren, und wir vermeiden es ebenso, ihn durch Gattungs- oder Arteigenschaften zu definieren, sondern versuchen stattdessen, seine Affekte zusammenzuzählen.« (Deleuze/Guattari 1992: 349 f.)
Neben dem sogenannten Breitengrad, der im Zitat die Virtualität beziehungsweise Potentialität, Intensität und Vermögen von Affekten bezeichnet, sprechen Deleuze und Guattari von einem Längengrad, der auf die extensiven Vermögen von Affekten verweist, also diejenigen Relationen und weniger einzelne Vermögen, die Affekte zu anderen Körpern herstellen, und diejenigen Relationen in der Aktualität, die im Umkehrschluss zu Körpern abgetrennt werden, um Assemblage zu bilden. Auch Seyfert (2011a: 115 ff.) unterscheidet ähnlich zwischen intensiven und extensiven Modi von Affekten. Aktualisierungen und Virtualisierungen modulieren nicht nur die Virtualität beziehungsweise Potentialität, die Wahrscheinlichkeit ihrer Emergenz und die Intensitäten von Affekten, sondern zugleich die Aktualität und die aktuellen Effekte von Affekten, die extensiv im Gegensatz zu intensiv ist. Die extensiven Effekte von Affekten verweisen auf die Aktualität von affektiven Relationen, die eine räumliche und linear-zeitliche Ausbreitung haben, also auf Grenzen und Grenzziehungen zwischen Körpern.
Emotionen, die als Affektmodulationen in der Aktualität funktionieren, können deshalb ebenfalls über ihre spezifischen Grenzziehungen differenziert werden. Deleuze und Guattari (bes. 1992: 703 ff.) haben vielfältige Begriffe, um verschiedene Formen von Grenzziehungen zu bezeichnen, die bei ihnen aber nicht an Modulationen und damit auch nicht an Aktualisierungen oder Virtualisierungen gebunden werden. Ihre Grenzbegriffe sind aber hilfreich dafür, Modulationen in der Aktualität zu verstehen. Das grundlegende Spannungsverhältnis zwischen verschiedenen Grenzziehungen besteht bei Deleuze und Guattari zwischen De- und Reterritorialisierungen, die sich im Sinne des vorliegenden Buches auch als De- und Synchronisationen verstehen lassen. Deterritorialisierungen bezeichnen allgemein Bewegungen oder Kräfte, die einer synchronisierten Relation und ihrem Rhythmus entfliehen. Deleuze versteht Affekte folgerichtig als Deterritorialisierungen, weil sie sich über Organisierungen oder die Grenzen von Relationen hinwegsetzen. Deterritorialisierungen überschreiten aufgrund ihrer Verbindung zur Virtualität permanent Grenzen und Modulationen, weil sie niemals vollkommen kontrollierbar sind (vgl. ebd.: 270, 309). Affekte als Deterritorialisierung markieren das Moment der Un-Modulierbarkeit, weil sie sich als Ereignis (zumindest teilweise) ihrer Modulation entziehen (vgl. auch Anderson 2010b: 162) – die Deterritorialisierung markiert das konstitutive Scheitern der Modulation oder deren unkontrollierbares Anderes, die Störung oder den Noise.
Wenn Affekte und Emotionen wie in diesem Buch in Modulationen aneinander gebunden werden, dann können Emotionen als Reterritorialisierungen verstanden werden. Reterritorialisierungen sind nach Deleuze (und Guattari) (1992: 703 ff.) Kräfte der Synchronisierung, Stabilisierung und Organisierung von affektiven Relationen. Emotionen falten (deterritorialisierte) Affekte durch ihre Muster und Rhythmen ein, sie integrieren, blockieren oder unterdrücken Affekte, um Relationen zu stabilisieren (vgl. auch Pieper/Wiedemann 2014: 72; Fox 2015: 307). Indem Emotionen versuchen, Affekte zu reterritorialisieren, reagieren sie auf Affekte, die sich ihrer Modulation entziehen. Eine Emotion kann ihre Rhythmen und Synchronisierungen nicht identisch reproduzieren oder wiederherstellen. Dies ist ein Grund für die Metastabilität von Relationen, die durch Emotionen moduliert werden und letztlich für Emotionen selbst. Die Effekte und Grenzziehungen von Emotionen verändern sich im Prozess der Modulation und damit verändert sich auch, welche Affekte von Emotionen wie moduliert werden und damit in welchen Gefühlen oder Verhaltensweisen sich Emotionen ausdrücken.
Negativ ist eine Deterritorialisierung im Verständnis von Deleuze, wenn sie quasi unmittelbar von einer Reterritorialisierung eingeholt wird. In dieser Bewegung werden die Deterritorialisierungen sofort wieder eingefaltet und die affektive Relation verändert sich nur wenig, wenn Emotionen die aktuellen Effekte von Affekten und die Transformationen durch Affekte fast vollständig verhindert. In einer positiven Deterritorialisierung hingegen kann sich eine Deterritorialisierung von Affekten gegenüber den Reterritorialisierungen durch Emotionen temporär durchsetzen und neue Relationen mit anderen deterritorialisierten Kräften eingehen. Auf diese Weise können neue affektive Relationen entstehen, die sich der Modulation von Emotionen weitergehend und zumindest temporär entziehen.
Emotionen auf Reterritorialisierungen zu verengen, wie es bei Deleuze und Massumi angelegt ist, wird dem Emotionsbegriff als Virtualisierung und ihrer Funktion als Medium nicht gerecht. Virtualisierungen können selbst als produktive und aktive Deterritorialisierungen in der Aktualität verstanden werden (vgl. Lévy 1998: 17 f., 33). Emotionen potentialisieren nicht nur, sie sind auch Deterritorialisierungen, weil sie als Medien Affekte transformieren und deshalb sowohl eine negative als auch positive Deterritorialisierung sein können, die affektive Relationen und ihre Rhythmen verändert und auf diese Weise neue Relationen zwischen Körpern oder neue Dynamiken in Relationen eröffnet. Als negative Deterritorialisierung verändern Emotionen affektive Relationen und ihre Rhythmen nur sehr gering und ändern die Rhythmen und Muster einer Relation nicht, während sie als positive Deterritorialisierung weitreichende Veränderungen in diesen vorantreiben. In einer positiven Deterritorialisierung können sich neue Muster und Rhythmen in einer Relation durch Emotion bilden.
Jede affektive Relation ist in ihrer Aktualität von den beiden Bewegungen der Re- und Deterritorialisierung bestimmt; sie sind ineinander gefaltet, wodurch sie aufeinander folgen. Emotionen sind sowohl De- als auch Reterritorialisierungen. Als Deterritorialisierungen ermöglichen sie Offenheiten, Veränderungen und Ausbreitungen von affektiven Relationen, während sie in ihrer Funktion als Reterritorialisierungen die Kräfte der Synchronisierung, Stabilisierung und Organisierung sind, die eine höhere Metastabilität von Relationen herstellen (vgl. auch Deleuze/Guattari 1992: 20, 413 f., 2000: 97).
Die ersten drei Unterscheidungsdimensionen finden sich bei Deleuze und Massumi wieder. Es sind Dimensionen, die vom Affektbegriff aus gedacht werden – insofern, als beide Autoren Aktualisierung, Potentialisierung und Deterritorialisierung zur Beschreibung von Affekten hervorheben und die Effekte der Virtualität auf die Aktualität darstellen. Über den Modulationsbegriff und die daran anschließende konstitutive Verbindung von Virtualität und Aktualität, Aktualisierung und Virtualisierung, Affekten und Emotionen kann die Unterscheidung von Affekten und Emotionen auch vom Begriff der Emotion aus gedacht werden. De- und Potentialisierung sowie De- und Reterritorialisierung bilden unterschiedliche Muster und Rhythmen in den Modulationen zwischen Affekten und Emotionen.
Die Unterscheidung von Affekten und Emotionen als Affekt-Emotionen lässt sich um die Dimension der Signifikation ergänzen. Die Medialität von Emotionen verweist auf Signifikationsprozesse, die ebenfalls einen Modus von Affektmodulationen bilden. Die Modulation zwischen Affekten und Emotionen kann durch Emotionen signifiziert werden, wodurch Affekte in Modulationen Bedeutungen und Symbole erhalten. Wenn Affekte und Emotionen aneinander gebunden werden, können Affekte von ihrer Beziehung zu Emotionen aus verstanden werden. Diese Möglichkeit besteht aber nur für den Fall, dass Affekte an Emotionen gebunden sind und sich ihnen nicht, als Noise, entziehen.
In Affekt- und Emotionstheorien gibt es eine schwer zu überblickende Vielfalt von Ansätzen, um Affekte-Emotionen zu unterscheiden. Simmel arbeitet verschiedene Emotionen heraus wie Liebe, Hass, Neid, Eifersucht, Dankbarkeit und Treue, die unterschiedliche Formen von Wechselwirkungen zwischen Subjekten im Sozialen darstellen (vgl. Simmel 2013: 652, siehe auch Flam 2002). Ekman (2004) und Griffiths (1997: 78) unterscheiden beim Menschen typische Affektmuster wie Überraschung, Wut, Angst, Ekel, Trauer und Freude. Diese unterscheiden sich anhand ihrer körperlichen Ausdrücke, insbesondere den Gesichtsausdrücken, weil für Ekman das Gesicht das zentrale Organ des Ausdrucks und der Informationsübertragung von Emotionen ist. Tomkins (1995) wiederum unterscheidet Affekte danach, ob sie positiv, negativ oder verändernd sind. Positive Affekte sind »Interest-Excitement« und »Enjoyment-Joy«, verändernde sind »Surprise-Startle« und negativ sind »Distress-Anguish […], Fear-Terror […], Shame-Humiliation […], Contempt-Disgust […], Anger-Rage« (Tomkins 1995: 74). Als letztes Beispiel dient das Unterscheidungssystem von Antonio Damasio (2014). Er unterscheidet Emotionen auf zwei Ebenen: Zum einem auf Ebene des Aufkommens, ob sie im Hintergrund und überraschend sind, ob sie primär sind, weil sie leicht erkennbar und häufig sind wie »Furcht, Ekel, Überraschung und Glück« (ebd.: 57), oder ob sie wie »Mitgefühl, Verlegenheit, Scham, Schuldgefühle, Stolz, Eifersucht, Neid, Dankbarkeit, Bewunderung, Entrüstung und Verachtung« (ebd.: 58) sozial sind, weil sie intrapersonelle Beziehungen bezeichnen. Zum anderen werden Emotionen bei ihm nach ihrer Intensität und Bedeutung im Sozialen unterschieden. Freude kennzeichnet eine gleichmäßige Intensität und Harmonie von Körperzuständen; Verlegenheit, Scham und Schuld sind Sanktionen, die das Ziel haben, das »Gleichgewicht […] in der eigenen Person, im anderen, in der Gruppe« (ebd.: 162) wieder herzustellen; Furcht und Traurigkeit stellen die Geltung von Normen und Regeln wieder her und Verachtung und Entrüstung sind Bestrafungen für Normverletzungen, wohingegen Mitgefühl und Mitleid entstehen, wenn Leiden oder Bedürftigkeiten bei Subjekten wahrgenommen werden; und Ehrfurcht, Staunen, Hochstimmung oder Dankbarkeit und Stolz entstehen, wenn Leistungen oder Verhalten anerkannt werden (ebd.: 185).
Die kurze Übersicht soll darauf verweisen, dass es eine Vielfalt von Unterscheidungsmerkmalen und Klassifikationen gibt und eine Phänomenologie von Affekt-Emotionen noch aussteht, die Affekte von ihren Emotionen aus differenziert.78 Coole (2005; 2013) führt die Möglichkeit einer Phänomenologie der Körper in eine flache Ontologie ein, indem sie aus der Perspektive des New Materialism die Agencys von Körpern unterschiedet. Dabei entwickelt sie ein Schema, das verschiedene Vermögen von Körpern unterscheidet und greift dabei auch Fähigkeiten auf, die menschlich konnotiert sind, wie Intentionalität oder die Fähigkeit von sprachlicher Kommunikation und Verständigung. Die Agencys von Körpern werden danach unterschieden, wie aktiv Körper in Relationen und unabhängig von anderen Körpern sind. Jeder Körper ist eine Summe dieser verschiedenen Vermögen in verschiedenen Ausprägungen, die seine jeweilige singuläre Agency ausmachen. Auch bestimmte Affekt-Emotionen könnten anhand vielfältiger Merkmale unterschieden werden.
Slaby, Mühlhoff und Wüschner (2016: 77) differenzieren Affekte wie Furcht, Freude, Neid, Scham, Stolz, Zorn oder Eifersucht als einige wenige Autor*innen der Affekttheorie nach den von ihnen ausgelösten Emotionen, also danach, wie Emotionen an Affekte anschließen und anhand ihrer Affekte, ihrer körperlichen Ausdrücke und des ausgelösten Verhaltens sowie ihrer Bedeutungen, also den »kulturell bzw. gesellschaftlich verankerten und politisch konnotierten Klassifikationsweisen, Verständnissen, Wissensbeständen und Praktiken.« (ebd.: 78) Darüber hinaus unterscheiden sie Emotionen danach, an welche Objekte sie gebunden sind oder an welche Prozesse sie anschließen. Emotionen der Furcht beispielsweise entstehen gegenüber einer Gefahr und Trauer aufgrund eines Verlustes (vgl. ebd.: 78).
Wenn Emotionen in Modulationen an Affekte anschließen, lassen sich im Sinne des vorliegenden Buches Affekte umgekehrt von den von ihnen ausgelösten Emotionen oder von den Emotionen her, die sie modulieren, bestimmen. Die Schwierigkeit eines solchen Vorgehens besteht darin, dass ein gleicher Affekt bei Brennan (2004) unterschiedliche Emotionen ausdrücken kann. Sie unterscheidet Affekte nach ihren Emotionen und schließt von diesen rückwirkend auf Affekte. Diese Schwierigkeit wird auch in der Psychologie in der Diskussion über »core affects« (Russell 2003) artikuliert: Eine allgemeine Empfindung ist hier ein Grundaffekt und erst nachträglich werden aus dieser allgemeinen Empfindung durch soziale und kulturelle Übersetzungen spezifische Emotionen wie Ekel, Hass, Zorn oder Liebe (ähnlich argumentiert auch Feldman Barrett 2017).
Emotionen als Virtualisierungen sind aber nicht nur abgeleitet von und nachträglich zu Affekten, sondern erhalten in der Untersuchung eine eigene aktive Kraft, die Affekte moduliert und konstitutiv an diese gebunden ist. Daraus folgt, dass Emotionen und signifizierte Affekt-Emotionen, in denen Affekte in Modulationen und Informationsübertragungen von Emotionen eingefaltet sind, nicht an sich, aber in der Verbindung mit Emotionen Affekte signifizieren und so eine Bedeutung erhalten. Die Analyse von Emotionen ermöglicht Rückschlüsse auf die Virtualität beziehungsweise Potentialität von Affekten sowie ihre Intensität, Kraft und ihr Vermögen.
Der Einbezug von Signifikationsprozessen hat auch Konsequenzen für das Verständnis von Relationen oder Kollektiven. Aus verschiedenen Modulationen zwischen Affekten und Emotionen ergeben sich verschiedene Formen der Kollektivierungen. Emotionen verbinden, konstituieren und stabilisieren Relationen von Körpern (vgl. auch Wobbe/Trüller 1999). In Kollektivierungen werden Grenzziehungen oder Reterritorialisierungen relevant, weil Kollektive sich nur durch Grenzziehungen bilden. Um sich zu stabilisieren, begrenzen die Rhythmen die Körper eines Kollektivs. Daher lassen sich Kollektive nach ihren Affektmodulationen und damit nach Aktualisierungen und Virtualisierungen, Potentialisierungen und Depotentialisierungen sowie De- und Reterritorialisierungen unterscheiden. Anhand dieser Dimensionen könnten in zukünftigen Untersuchungen Massen (Canetti 2014), Smartmobs (Rheingold 2006), Schwärme oder Multitudes (Thacker 2009), Flash Mobs (Kaulingfreks/Warren 2010) oder politische Netzwerke (Zehle/Rossiter 2009) nach ihren affektiven Dynamiken auf einer gemeinsamen Grundlage unterschieden werden (zur Einordnung von Deleuze in die Massentheorien siehe Brighenti 2010). In affektiven Relationen oder Kollektiven können verschiedene Emotionen nebeneinander bestehen. Die verschiedenen Emotionen bilden zusammen ein Kräfteverhältnis. In diesem kann es dazu kommen, dass bestimmte Emotionen und damit auch bestimmte Virtualisierungen wirksamer werden und andere Emotionen unterdrücken. In Anlehnung an Lordon (2014: 9, 33) könnten solche Emotionen als »Master-Emotionen« bezeichnet werden, die gegenüber anderen Emotionen dominant sind. Wenn bestimmte Virtualisierungen gegenüber anderen dominant sind, dann ließen sich die verschiedenen genannten Kollektive nach ihren dominanten Affekten und Emotionen unterscheiden.
Die Aufzählung unterschiedlicher Affekte und Emotionen ist nicht vollständig. Sie dient nur dazu, einen ersten Ein- und Überblick darüber zu geben, auf welche Weise Affektmodulationen und damit Emotionen und Affekte unterschieden werden könnten und welche Perspektive sich dadurch auf Relationen und Assemblagen ergibt. Das vorliegende Buch leistet keine eigene spezifische Differenzierung und Systematisierung von verschiedenen Modulationen zwischen Affekten und Emotionen, sondern entwickelt nur allgemeine Unterscheidungskriterien. Sie gibt erste Hinweise darauf, wie eine weitere Arbeit an der Systematisierung aussehen könnte, die die allgemeine und besondere Bedeutung von Affekten und Emotionen berücksichtigt. Affekte der Furcht, Liebe oder Langeweile unterscheiden sich in ihren Effekten auf Körper und Relationen, doch wie, das muss Gegenstand weiterer Untersuchungen sein, die all die genannten Affekte anhand ihrer Affektmodulationen und ihren Emotionen unterscheiden.
Im ersten Kapitel (5.) dieses Teils wurde der Emotionsbegriff direkt aus den Affekttheorien im Anschluss an Deleuze und Massumi entwickelt. In diesem Kapitel hingegen wurde die Diskussion weitergeführt mit Arbeiten aus den Performance Studies, mit deren Hilfe der Rhythmusbegriff vertieft und der Fokus auf die Medialität affektiver Relationen gelenkt wurde. Affektmodulationen durch Emotionen funktionieren über Rhythmen, also flache, selbstorganisierende und immanente Mikroprozesse der Synchronisierung. Sie implementieren in affektiven Relationen Muster, die affektive Relationen organisieren und ordnen, indem sie Affekten Themen, Praktiken, Bedeutung oder Symbole zuweisen. Synchronisierungen durch Emotionen bilden dabei weder stabile Ordnungen und geschlossene Einheiten noch sind sie deterministisch; stattdessen setzen sie Differenzen von Körpern und Rhythmen voraus. Geschlossene und einheitliche Relationen können in Modulationen nicht hergestellt werden, weil Synchronisierungen wiederholt werden müssen und sich in ihrer Wiederholung Differenzen einschreiben.
Die Diskussion in diesem Kapitel hat dem Emotionsbegriff als Virtualisierung weitere Konturen hinzugefügt, die die Liste aus dem letzten Zwischenfazit erweitert, deshalb ist Nummerierung fortlaufend. Die weiteren Merkmale von Emotionen ergeben sich aus der Medialität affektiver Relationen:
Emotionen sind Medien von Affizierungen. Die Medialität von affektiven Relationen lenkt den Blick auf die Frage, wie Affizierungen zwischen Körpern genau funktionieren, oder, anders ausgedrückt, wie Affekte über eine Distanz zwischen Körpern übertragen werden können, da Affekte sehr selten beziehungsweise nie Effekte durch direkte körperliche Berührungen haben. Affekte sind auf ein Medium angewiesen und mediatisiert, damit sie sich über eine Distanz zwischen Körper ausdrücken können. Emotionen sind ein solches Medium, das die Übertragung von Affekten zwischen Körpern ermöglicht. Emotionen als Medien sind eine Form der Informationsübertragung. Deleuze und Massumi verstehen Affizierungen vitalistisch-energetisch als direkte und unmittelbare körperliche Effekte. Die Medialität von affektiven Relationen reflektieren sie nicht. Anstatt von Energieübertragungen auszugehen, wurde deshalb ein Informationsbegriff eingeführt. Emotionen übertragen Affekte und ihre Intensität als Informationen. Informationen haben sowohl eine signifikante und sinnhafte als auch eine physische Dimension. Emotionen sind eine Form der Signifikation. Durch Emotionen erhalten Affekte (als Affekt-Emotionen) eine Bedeutung, also eine symbolische und signifikante Dimension, zwar nicht an sich oder ontologisch, aber in ihrer konstitutiven Verbindung zu Emotionen in Modulationen. Die Gegenüberstellung von Affekten und Emotionen aufgrund ihrer Merkmale Intensität und Qualität wird durch die vorliegende Untersuchung relativiert, ohne ihre ontologischen Unterschiede zu negieren. Dabei ist wichtig zu ergänzen, dass nicht alle Intensität von Affekten vollständig von Emotionen und damit Signifikationsprozessen eingeholt und eingefaltet werden; Affekte behalten einen Überschuss und ihre Autonomie gegenüber den Modulationen von Emotionen. Der Medienbegriff eröffnet darüber hinaus die Perspektive, dass Affektmodulationen durch Emotionen Übersetzungen und Transformationen von Affekten sind. Informationsübertragungen durch Emotionen sind Modulationen und weder linear noch deterministisch. Eine Übertragung lässt dasjenige, was übertragen wird, nicht unverändert. Affekte verändern sich in ihrer Übertragung und weichen ab, sie werden unterbrochen, abgelenkt oder transformiert. Emotionen sind aktiv und produktiv, weil sie Informationen nicht identisch übertragen und damit auch Affekte und Affizierungen beeinflussen und verändern. Die Übertragungen und Modulationen von Emotionen sind niemals identisch, sondern singulär, zum einen aufgrund der Autonomie der Affekte und zum anderen, weil Emotionen Informationen transformieren. Affekte werden durch ihre Mediatisierungen nicht in ein monodirektionales Reiz-Reaktions-Schema integriert.
Die Medialität von affektiven Relationen eröffnet den Blick auf Dis-Affekte und die Grenzen oder das Andere von Affekten. Affekte, die nicht in Informationen übersetzt werden und sich so einer Modulation von Emotionen entziehen, können als Noise oder Rest in einer Affektmodulation verstanden werden. Einerseits können diese Dis-Affekte die Übertragungen von Emotionen unterstützen oder verstärken, anderseits können sie die Medialität von Emotionen stören oder unterbrechen. Darüber hinaus markiert der Dis-Affekt das Andere von Affekten. Das Affektverständnis von Deleuze und Massumi, für die Affekte die primäre und ständig präsente Kraft in affektiven Relationen sind, wird eingeschränkt. Der Affektbegriff wird begrenzt durch andere Kräfte im Sozialen und dadurch, dass zwar alle sozialen Relationen auch affektiv sind, aber nicht alle Affekte an Emotionen gebunden sind.
Die Medialität und insbesondere die Wiedereinführung von Signifikationsprozessen ermöglicht eine allgemeine Differenzierung von Affekt-Emotions-Modulationen. Die Verbindungen von Affekten und Emotionen sind immer singulär, sie können aber auf verschiedenen Dimensionen unterschieden werden.
Die grundlegende Unterscheidung von Modulationen ist die zwischen den Aktualisierungen von Affekten und Virtualisierungen von Emotionen. Auf ihr bauen die weiteren Unterscheidungsdimensionen auf. Deleuze und Massumi verstehen Virtualisierungen vor allem negativ und einschränkend. Es wurde aber herausgearbeitet, dass die Virtualisierung in ihren aktuellen und virtuellen Effekten sowohl einschränkend als auch produktiv und ermöglichend ist. Diese Ambivalenz zeigt sich anhand der anderen Unterscheidungsdimensionen.
Eine Virtualisierung von Emotionen kann sowohl Effekte der Potentialisierung der Virtualität umfassen, wenn sie die Virtualität zukünftiger Affekte erweitert, als auch der Depotentialisierung, wenn sie die Virtualität reduziert. Auf diese Weise steigert oder reduziert sie die Intensität von affektiven Relationen und verändert damit die zukünftigen Dynamiken von Relationen oder die Vermögen der involvierten Körper.
De-Potentialisierungen von Emotionen modulieren die ontologische Dimension von affektiven Relationen, ihre Virtualität beziehungsweise Potentialität. Virtualisierungen modulieren die aktuellen Effekte von Affekten und nicht nur deren Intensität und Potentialität. Virtualisierungen verbinden Körper zu Assemblagen und trennen dabei zugleich Relationen zu anderen Körpern. Die Affektmodulationen von Emotionen in der Aktualität funktionieren als Grenzziehungen. Bei Deleuze und Massumi werden Emotionen auf Re-Territorialisierungen verengt, weil diese die Deterritorialisierungsbewegungen von Affekten immer wieder einholen und organisieren, stabilisieren und synchronisieren. Die Deterritorialisierungen von Affekten überschreiten aufgrund ihrer Virtualität immer wieder die Grenzen und Einschränkungen von Reterritorialisierungen und markieren so ebenfalls die Unmöglichkeit vollständiger Modulationen. Emotionen können jedoch nicht auf Reterritorialisierungen reduziert werden. Sie sind zudem Deterritorialisierungen, weil sie als Medien Affekte transformieren können, um ihre deterritorialisierende Kraft zu erweitern oder aktiv Grenzen verschieben, um die Effekte von Affekten auszuweiten.
Die Medialität von Emotionen berücksichtigt Bedeutungs- und Signifikationsprozesse von Affekt-Emotionen. Modulierte Affekte erhalten durch Emotionen eine Bedeutung und Symbole, anhand derer Affekt-Emotionen neu verstanden und unterschieden werden können. Die Liste von unterschiedlichen Begriffen für Affekt-Emotionen ist lang: Liebe, Angst, Freude, Hass, Zorn, Trauer, Eifersucht, Furcht, Scham, Stolz, Verachtung oder Bewunderung sind nur einige mögliche Signifikationen von Affekt-Emotionen. Sie alle kennzeichnen noch näher zu bestimmende Modulations-Konstellationen, also spezifische Verbindungen von Aktualisierungen und Virtualisierungen, De- und Potentialisierungen oder De- und Reterritorialisierungen.