Eine Rauchwolke, die nach Birnenkompott und Haselnüssen roch, brach aus dem Inneren der Kammer hervor und ergoss sich in die Hexenstube. Ihr entstieg Konstanze, über und über mit buntem Ruß beschmiert, einen großen schneeweißen Vogel auf dem Arm. Fieswurz folgte ihr und warf die Tür ins Schloss.
»Böser Käse!«, schimpfte sie atemlos.
»Scheußlicher Geschmack!«, schnaubte der Homunculus.
»Ich hätte nie gedacht, dass du wirklich daran leckst«, staunte Konstanze.
»Wenn ich es nicht getan hätte, hätte ich mich den Rest meines Lebens gefragt, wie der wohl schmeckt. Es ist ein Fluch«, erwiderte Fieswurz achselzuckend.
Konstanze lief zur Hexe, wobei ihr ein Hauch Käsigkeit wie ein Schatten folgte. »Hier bitte!«, sagte sie und reckte den Arm mit dem Vogel in die Höhe.
Das Tier verharrte in vollendeter Grazie. Es schien nichts weniger als der Herrscher des Raums zu sein, selbst wenn echte Majestäten zugegen wären.
Die Schönheit und Reinheit des Vogels war so einschüchternd, dass sein drittes, bisher geschlossenes Auge auf der Stirn vollkommen natürlich wirkte. Dieses Wesen behielt auch mitten in einem Wirbelsturm Haltung.
Die Baba Jaga blickte dem aristokratischen Tier ins Gesicht und sprach: »Alter Freund, Caladrius, lass deine Kräfte walten.«
Die betörende Mischung aus Schwan und Reiher weitete die Augen mit den menschenähnlichen Wimpern und senkte das mit der Schmuckfeder besetzte Haupt. Sie breitete die weißen Flügel aus und vollführte einen eleganten Hüpfer von Konstanzes Arm herunter. Dreimal kreiste der Vogel über Moritz’ reglosem Körper, bevor er sich langsam auf dessen Schuhspitzen niederließ. Der Caladrius beäugte den Liegenden zuerst mit den beiden Augen, die links und rechts seiner schlanken Schnabelspitze lagen. Er schien die nässende schwarze Wunde in der Bauchdecke förmlich in sich aufzusaugen. Dann stieß er einen hellen Schrei aus und öffnete sein drittes Auge. Es war blau wie die Farbe des Meeres.
Ein Moment fieberhafter Spannung erfüllte die Luft, als der Caladrius sein Gefieder aufplusterte.
Das schneeweiße Federkleid färbte sich mit einem flatternden Schütteln rabenschwarz. Es passierte so schnell, dass kein Wimpernschlag dazwischen Platz gefunden hätte. Der Vogel wandte seinen eleganten Schnabel ab und drehte Moritz den Rücken zu.
»Was bedeutet das?«, fragte Helene mit bebender Stimme.
Die Hexe schwieg.
»Antwortet!«
»Es tut mir leid«, murmelte die alte Frau. »Der Stern hat begonnen, die Seele des Jungen zu leeren.« Sie senkte die Lider. »Er tötet ihn ab.«
Ein durchdringender Schmerz zuckte durch Helenes Herz. »Gibt es nichts, was wir tun können?«
»Der Caladrius hat gesprochen. Das Gefieder ist schwarz. Er hat den Blick abgewandt. Es gibt keine Hoffnung.«
»Aber da ist noch eine weiße Feder«, ertönte Konstanzes Stimme.
Die Baba Jaga starrte auf den Vogel. Da war tatsächlich eine tapfere blütenweiße Feder am Unterbauch der Vogelkreatur. Langsam, kaum merklich, färbte sie sich hellgrau.
Die Hexe sog scharf die Luft ein. »Wir müssen den Splitter entfernen. Sofort!«, rief sie. »Eine Zange, schnell!«
Helene wollte losstürzen, doch die Hexe deutete mit dem Finger auf sie. »Du hast eine Aufgabe – die Tür!«
Helene erstarrte mitten in der Bewegung. Nur widerwillig wandte sie sich um.
Der Morgen jenseits des Hauses ließ die Arkadenhäuser vor der Teynkirche in zarten blassblauen Schatten erstrahlen. Nichts war zu erkennen. Kein trüber Schemen, keine üble Gestalt, kein …
Voller Entsetzen bemerkte Helene einen Stofffetzen. Er versteckte sich auf der linken Seite direkt hinter dem Türrahmen. Sie lehnte sich nach vorn, um besser sehen zu können, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. In quälender, wallender Langsamkeit schob sich etwas um die Ecke. Grau und fahl und mit einer Geige im Arm.
»Er kommt«, war das Einzige, was von ihren Lippen perlte.Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zur Baba Jaga hinüber. Konstanze reichte ihr soeben eine lange, gebogene Zange aus Eisen.
»Beeilung!«, zischte die Hexe.
Der Caladrius auf Moritz’ Füßen breitete die Flügel aus, stieß einen jämmerlichen Trauerruf aus, als eine schwarze Hand nach seinem Hals langte.
»Vorsicht!«, brüllte Fieswurz, als sich Moritz jäh aufbäumte. Sein vormals weißes Hemd hatte sich mit Dunkelheit vollgesogen wie die Pilzhaube eines Schopf-Tintlings. Er saß aufrecht auf dem goldenen Tisch und starrte wie eine Puppe mit leeren Augen auf die Stube. Schwärze troff aus seinen Augenwinkeln. Finstere Tränen rannen in Sturzbächen die Wangen hinunter.
Er wollte den Vogel packen, doch der Homunculus sprang dazwischen. Augenblicklich schwang sich der Caladrius in die Luft und flüchtete auf ein eingezwängtes Regal. Fieswurz wurde von Moritz’ Schlag getroffen und blieb reglos in einer Raumecke liegen.
Moritz wandte sich der Hexe zu. Eine Hand schnellte nach vorn und krallte sich um den Kiefer der Baba Jaga, die andere entwand ihr die gebogene Zange. Helene glaubte, das Brechen eines Handgelenks zu hören, als das Werkzeug zu Boden polterte.
… der Tod betrat den Flur, sein Umhang reinste Poesie …
Moritz öffnete den Mund, um zu sprechen, doch es kam kein Laut heraus. Da war nur ein dunkles Geflecht aus Adern zu sehen und tintiger Speichel tropfte von seinen Zähnen. Er würgte eine klebrige Flüssigkeit hervor, die wie Pech aus ihm herausquoll. Mehrere Tropfen der Substanz spritzten auf das Gesicht der Hexe und drangen in ihren Rachen ein. Mit einem erstickten Gurgeln brach sie zusammen.
Konstanze schrie wie von Sinnen und drängte sich rückwärts in eine Ecke. Schwarztriefend glitt Moritz von seinem goldenen Lager herunter und ging auf sie zu. Der stumm chrachernde Fips auf ihrem Rücken schien vor Angst den Verstand zu verlieren.
… mit äußerster Langsamkeit führte der Tod den kleinen Bogen zu den vier Saiten seines Instrumentes …
»Nein!« Ein Aufschrei entrang sich Helenes Kehle. Sie ließ Edgars Weidenkörbchen zu Boden gleiten, riss sich von der Tür los und ergriff die fallengelassene Zange. Mit einem wilden Kreischen warf sie sich auf die Finsternis ausdünstende Kreatur, die einmal Moritz gewesen war. Sein Kopf ruckte herum und packte ihren zum Schlag erhobenen Arm. Dann öffnete er seinen Mund und spuckte ihr geronnene Dunkelheit entgegen. Ein nach brennendem Schmerz stinkender Brei aus nächtlichen Gedanken stürzte auf sie ein und begrub sie unter sich. Und während Helene zu Boden sank und in einen Albtraum aus Seelenkälte hinüberglitt, sah sie, wie sich Moritz auf seine kreischende Schwester warf und sie mit ätzendem Nichts bedeckte.
… der Tod begann zu spielen …