Es war bereits kurz vor Sonnenaufgang, als ich ins nur schwach beleuchtete Apartment humpelte. Die Aufzugtür schloss sich hinter mir, und ich blieb stehen. Unfähig, mich zu bewegen, sah ich mich in der Wohnung um.
Alles erinnerte mich an Zayne. Nicht an den gefallenen Zayne, sondern an meinen Zayne.
Die frei liegende Deckenkonstruktion aus Stahl und die kahlen Backsteinwände verliehen dem Apartment einen sehr industriellen Vibe. Den größten Teil des Wohnzimmerbereichs nahm eine große graue Sofalandschaft ein, die breit genug war, dass zwei Wächter nebeneinander hätten liegen können. Die schlichten verchromten Beistelltische und der Sofatisch verströmten keine persönliche Note. In der einen Zimmerecke, die vermutlich eigentlich als Essbereich gedacht war, hing über aufgerollten Trainingsmatten ein Boxsack. Ich schaute zu Boden und entdeckte ein Paar von Zaynes Sneakers an der Wohnungstür, die dort für eine Joggingrunde bereitstanden. Seit dem Tag seines Todes hatte niemand diese Schuhe angefasst. Weder Roth noch Layla. Keiner der x Wächter, die hier ein und aus gegangen waren. Mir tat das Herz weh, als ich den Blick hob.
Tja, beinahe alles erinnerte mich an Zayne. Dass der Fernseher lief, obwohl niemand da war, gäbe es bei Zayne nicht. Das war entweder das Werk von Cayman, dem Dämon-Makler, oder Peanut, dem gespenstischen Mitbewohner. Auch die zerknüllten Chipstüten, die leeren Getränkedosen auf der Kücheninsel und das Geschirr in der Spüle stammten ganz sicher nicht von Zayne. Diese Unordnung war die Hinterlassenschaft einer beliebigen Anzahl von Leuten, die hier gewesen waren, aber die in der Mitte aufgerissene Packung Oreos war definitiv von mir.
Wenn Zayne das hier sehen würde, würde er … er würde wahrscheinlich seufzen und sich dann ans Aufräumen machen, als müsste die Wohnung dekontaminiert werden. Die Vorstellung zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen.
Und verursachte mir erneut einen Stich ins Herz.
Ich streifte meine Sneakers ab, schleppte mich weg von der Tür, schlurfte zur Couch und schnappte mir die Fernbedienung. Ich schaltete den Fernseher aus, doch weil ich die Stille daraufhin nicht aushalten konnte, machte ich ihn fünf Sekunden später wieder an.
Dann betrat ich den engen kurzen Flur, der zu zwei Schlafzimmern führte. Das zur Linken war leer. Zayne hatte gemeint, das wäre sein Zimmer, wenn ich mal von ihm genervt wäre. Es gab nur ein Bett, und er hatte es in mein Zimmer gestellt, aber mein Zimmer war im Grunde unser Zimmer. Ich starrte auf die nur angelehnte Tür. Für eine gefühlte Ewigkeit stand ich da und blickte auf die Tür, bevor ich sie schließlich aufstieß.
Ich wagte nicht, zur Decke zu schauen. Ich konnte nicht – wollte nicht direkt auf die Sterne sehen, die Zayne dort angebracht hatte. Selbst ihr schwaches, sanftes Leuchten war kaum zu ertragen. Mit gesenktem Kopf tastete ich mich an der Wand entlang, bis ich den Lichtschalter fand, ging dann an dem ungemachten Bett vorbei und wühlte in meiner Reisetasche, aus der meine Klamotten geradezu herausquollen, und fand schließlich einen sauberen Pyjama.
Dann begab ich mich ins Badezimmer, schaltete das Licht ein und stieß die Tür hinter mir zu. Seit ich das Apartment verlassen hatte, sah ich mich nun zum ersten Mal im Spiegel.
Die Pyjamahose glitt mir aus den Fingern und fiel leise auf den Boden. Ich ließ sie liegen und trat näher an mein Spiegelbild, das mich wirklich schockierte.
Mein dunkles Haar war verfilzt, total trocken und völlig durcheinander, aber das war ja nichts Neues. Genauso wenig wie die heilenden blauen Flecken auf meinen Wangen und unter den Augen. Es lag an den neuen Blutergüssen an meinem Kiefer, die eher violett schimmerten. Die neuen, die sich mit den bereits vorhandenen am Hals verbanden.
Ich schloss die Augen und umklammerte mein Kinn. Am liebsten hätte ich geschrien, bis mir die Kehle wehtat und es in meinen Ohren klingelte. Ich wollte schreien, bis ich nichts mehr fühlen konnte, denn das hier war nicht gerecht. Es war nicht fair. Nicht mir gegenüber. Nicht Zayne gegenüber. Wenn es noch nicht zu spät war, wenn ich ihn zurückholen und er sich erinnern konnte, würde er …
Würde es ihn teilweise umbringen.
Oh Gott. Zayne fehlte mir.
Jada fehlte mir.
Thierry und Matthew fehlten mir.
Peanuts blödes Gesicht fehlte mir.
Aber mir war klar, wenn ich mit Jada oder Thierry und Matthew sprechen würde, würden sie sich nur Sorgen um mich machen – sich um all das hier sorgen –, und das wollte ich ihnen nicht antun. Vor allem, weil es nichts gab, was sie unternehmen konnten. Schließlich konnten sie nicht herkommen. Solange Gabriel hier lauerte, war das viel zu gefährlich.
Dennoch wollte ein kleiner kindlicher Teil von mir nicht nur die Zeit zurückdrehen, sondern auch die Vergangenheit ändern, sodass wir alle … bei so was wie einem Barbecue oder so wären. Sogar Cayman wäre da, und Peanut würde verrückte Dinge anstellen, zum Beispiel so tun, als würde er den Hot Dog von jemandem verputzen, der ihn eben aß.
Aber ich konnte weder die Zeit zurückdrehen noch die Vergangenheit ändern.
Schweren Herzens löste ich mich von meinem Spiegelbild und stellte das heiße Wasser in der Dusche an. Ich streifte die schmutzigen Klamotten ab und trat unter den Wasserstrahl. Als der heiße Schauer auf die alten und neuen Wunden traf, sog ich durch zusammengebissene Zähne die Luft ein. Ich kämpfte gegen den Schmerz, beobachtete das rosa und bräunlich gefärbte Wasser, das um den Ausguss kreiste, bis es klar wurde. Die Haare wusch ich gleich zweimal und gab so viel Waschgel auf den Luffaschwamm, dass mir der nach Ananas und Mango duftende Schaum den Arm hinunterlief. Als ich fertig war, roch das Badezimmer wie ein feuchtheißer Obstkorb.
Nachdem ich den Pyjama angezogen hatte, nahm ich Zaynes Kamm, entwirrte damit die Knoten in meinem Haar und hoffte, dass Zayne sich irgendwann später darüber aufregen würde, dass ich seinen Kamm genommen habe. Dann verließ ich das Badezimmer, schnappte mir im Schlafzimmer ein Kissen und die Decke und schleppte beides ins Wohnzimmer. Ich verwandelte die Ecke der Couch in ein Bett, entspannte mich und wickelte mich in die Decke. Sie roch süß, irgendwie nach Schokolade und dem Wein, den Matthew gern trank. Sie roch wie Bambi – Roths Vertraute. Die zwei Meter lange Schlange hatte die vergangenen Tage zusammengerollt neben mir verbracht, den Kopf auf meinem Bein, während ich mich erholt hatte. Ich glaube, Bambi hatte das getan, weil ich ihr geholfen hatte, zu Roth zurückzukehren. Das Kissen allerdings …
Ich drehte den Kopf und drückte die Wange hinein. Es roch nach Wintermint. Mir brannten die Augenhöhlen, als ich die Lider schloss.
Da war immer noch Hoffnung.
Zayne lebte.
Es war noch nicht zu spät.
Das sagte ich mir immer wieder, bis ich langsam wegdämmerte. Es fühlte sich an, als wären erst Minuten vergangen, als ich wieder wachgerüttelt wurde.
»Trinnie!«, schrie mir jemand mitten ins Gesicht.
Ruckartig fuhr ich hoch, mein Herz trommelte wie wild, während ich die Augen aufriss. Ein ganzes Stück über dem Fußboden schwebte die geisterhafte Gestalt von Peanut.
»Herrje«, röchelte ich und blinzelte mehrmals. Gedämpftes Tageslicht drang durch die Fenster herein. »Fast hätte ich einen Herzinfarkt bekommen.«
»Du? Einen Herzinfarkt?«, kreischte er, und es war ganz gut, dass ihn 99,5 Prozent der Bevölkerung nicht hören konnten. »Wo warst du die ganze Zeit? Ich bin nach Hause gekommen, und du warst weg. Immer wieder bin ich zurückgekehrt, und dann ist es passiert.«
Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und wartete, bis ich besser sehen konnte. Peanuts dunkles Haar war zerzaust, als hätte er in einem Windkanal gesteckt. Das Whitesnake-Konzert-Shirt war so vintage wie seine roten Chucks, doch als ich seine Füße betrachtete, bemerkte ich, dass er von den Knien abwärts völlig durchsichtig war.
Ich hob die Augenbrauen. »Wie spät ist es?«
»Weiß ich nicht. Ich bin tot. Sehe ich aus, als ob ich eine Uhr hätte oder eine brauchen würde?«
»Na ja, du denkst ja auch, du brauchst ein eigenes Badezimmer, warum solltest du also nicht auch meinen, eine Uhr zu brauchen?«, murmelte ich.
»Das ist was anderes«, entgegnete er und senkte sich. Es sah aus, als ob der Couchtisch seinen halben Körper verschlingen würde. »Nur weil ich tot bin, heißt das noch lange nicht, dass ich keine Privatsphäre benötige.«
»Als würdest du die Privatsphäre anderer respektieren.« Ich griff nach meinem Handy auf dem Beistelltischchen, tippte auf das Display und sah, dass seit meinem Einschlafen nur ein paar Stunden vergangen waren. Nicht annähernd genug Zeit, als dass ich mich gut hätte erholen können.
Aber lange genug, damit sich Zayne jede Menge Ärger eingehandelt haben konnte.
»Aber wen kümmert momentan schon Privatsphäre? Du warst die ganze Nacht weg, und es ist etwas … es ist etwas passiert.« Nicht dafür bekannt, auf dramatische Gesten zu verzichten, schlug er sich die Hände vors Gesicht. »Es ist passiert.«
»Was ist passiert?«, fragte ich, während ich die Decke zurückschob und aufstand. Wie ich Peanut kannte, war das, worüber er entsetzt war, vermutlich etwas ganz Normales. So was wie, dass er gehört hatte, wie der Kühlschrankmotor ansprang.
»Etwas Superseltsames, Dudette.«
Mit steifen Knochen und Muskeln schlurfte ich in Richtung Küche und kam mir vor, als wäre ich hundert Jahre alt. »Was ist passiert, Peanut?« Ich öffnete den Kühlschrank und schnappte mir eine Cola.
Peanut schwebte aus dem Couchtisch und wandte sich Richtung Küche. Sein Unterkörper wurde sichtbarer. »Ich weiß nicht, was es war«, antwortete er, während ich die Getränkedose öffnete und an den Mund hob. »Aber ich wurde ins Nichts gezogen.«
Als Peanut das sagte, traf das kohlensäurehaltige göttliche Getränk auf meine Kehle und löschte perfekt den Durst. Fast wäre ich erstickt, weil ich schwer schluckte. »Was? Ins Nichts?«
Daraufhin kam Peanut nah genug, dass ich sehen konnte, wie groß seine Augen waren. »Ja. Exakt das habe ich gesagt. Ich habe unten mit Gena gechillt«, ergänzte er, und ich machte mir in Gedanken eine Notiz, dass ich nun wusste, das Mädchen wohnte in einem der unteren Stockwerke – einem der vielen unteren Stockwerke. Aus irgendeinem beunruhigenden Grund drückte sich Peanut sehr vage aus, wenn es um dieses Mädchen ging. »Und auf einmal fühlte es sich an, als ob ein unsichtbares Seil um mich geschlungen wäre, und dann war da ein intensiver weißer Blitz, aber das Licht schien irgendwie zu … fallen? Ich dachte in dem Moment, no way, ich gehe keinesfalls ins Jenseits, ob ich will oder nicht.«
Ich starrte Peanut an, nahm noch einen Schluck und frage mich, ob es möglich war, dass Geister Drogen nahmen. Und wenn ja, ob ich ihm wohl deshalb eine Standpauke halten musste.
»Aber es war nicht das Jenseits. Nein. Plötzlich war ich an diesem grauen, stillen Ort mit all diesen Leuten, die ich nie zuvor gesehen hatte. Und ich meine, wirklich viele Leute.« Er schwebte durch die Kücheninsel und nah an meine Seite, sodass er vielleicht noch drei Zentimeter von mir entfernt war. »Siehst du, wie nah wir uns sind?«
»Äh … ja.«
»So voll war es da. Wir waren dort alle in diese Nichtwelt gepfercht und sind in den jeweiligen persönlichen Bereich der anderen eingedrungen. Ich war sehr verwirrt und bin durchgedreht – total durchgedreht. Wo auch immer ich war, da war es weder geil noch supercool. Und nur ein paar Augenblicke später wurde ich wieder hierher zurückgestoßen. Doch dieser Ort. Er war …« Peanut schwebte rückwärts und schüttelte die Schultern. »Er war leer, Trinnie. Voller Menschen und trotzdem leer.«
Das vernebelte Gefühl aus Schlaf und Erschöpfung lichtete sich, während ich Peanut einfach nur anstarrte. Es handelte sich um keine seiner normalen Überreaktionen auf etwas außerordentlich Gewöhnliches. Er meinte das ernst und …
Ich stellte die Getränkedose ab. »Du sagtest, da war ein Blitz von hellem Licht, das von oben herabfiel? Um welche Zeit ungefähr?«
»Keine Ahnung. Ein paar Stunden nach Sonnenuntergang? Ich hab nicht wirklich darauf geachtet.« Peanut flog nach oben. »Ich hab auf YouTube Poodle Exercise with Humans angeschaut.«
Daraufhin zog ich die Augenbrauen zusammen und wollte schon meckern, schüttelte den Gedanken aber schnell ab. »Und du weißt nicht, wohin du geführt wurdest?«
»Nein, Trinnie. Ich meine, ich weiß nicht, ob es das war«, sagte er und kam einem der Deckenventilatoren sehr nahe.
»Was glaubst du, was es ist?«
»Du weißt schon: es.« Er erreichte den Ventilator. Die Flügel schnitten durch seinen Schädel. »Das Fegefeuer. Ich wurde ins Fegefeuer gesaugt.«
Okay. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. »Sicher?«
»Ich war noch nie da, also könnte ich mich auch irren. Der Ort klingt erst mal überhaupt nicht bombig«, antwortete er, während der Ventilator weiter durch seinen Kopf fuhr. Das mit anzusehen war ziemlich verstörend. »Aber so stelle ich mir einen solch deprimierenden Ort vor. Hoffnungslos und eben einfach … mit nichts.«
»Das klingt … merkwürdig«, murmelte ich besorgt. Höchst unwahrscheinlich, dass das, was Peanut passiert war, irgendwas mit Zayne zu tun hatte, aber ein fallendes strahlendes Licht, das in etwas hineinsaugte, das möglicherweise das Fegefeuer war? Und ungefähr zur gleichen Zeit, als Zayne zurückgekommen war? Selbst wenn es keinen Zusammenhang gab – könnte es vielleicht noch mal passieren? Peanut konnte super nervtötend sein, aber ich … na ja, ich liebte ihn auf dieselbe Weise, wie ich mir vorstellte, dass man nervige Geschwister liebte oder so.
Vermutlich gehörte das zusätzlich auf meine ständig wachsende Liste von Dingen, die mich stressten.
»Egalo, also ich bin natürlich super durchgedreht, und darum hab ich dich gesucht, aber du warst nicht hier.« Der Ventilator schnitt ihm nun durchs Gesicht. »Wo warst du? Die Jagd auf Dämonen oder den Boten aller Obertrottel konnte es ja wohl nicht sein.«
Der Bote aller Obertrottel? Ich musste fast lachen. »Nein, ich war nicht auf der Jagd. Ich musste nur mal raus, den Kopf freikriegen und …« Ich runzelte die Stirn. »Ja, meine Sehfähigkeit ist übel, aber dich kann ich sehen. Kannst du bitte aus dem Ventilator rauskommen? Ich glaube, du weißt nicht, wie irre das aussieht.«
»Oh, mein Fehler.« Er kam heruntergeschwebt und setzte sich auf einen der Barhocker, schlug ein Bein über das andere und hockte schlicht geschniegelt und gestriegelt da. »Du hast also Abstand gebraucht? Und? Hast du gefunden, was du gesucht hast?«
»Ähm. Ja und Nein.« Ich trat um die Kücheninsel herum und setzte mich neben Peanut. Da bemerkte ich, dass er bis zur Hüfte in die Sitzfläche eingesunken war. Schnell sah ich weg, stellte die Getränkedose auf einen Untersetzer und bereitete mich auf die einhundertundeine Fragen vor, die – verständlicherweise – gleich auf mich zukommen würden. »Ich habe gestern Zayne getroffen.«
»Eeeeecht?«, reagierte Peanut und zog das Wort derart in die Länge, dass ich warten musste, bevor ich weitererzählen konnte.
»Ich weiß, wie das klingt, aber es ist wahr.« Ich blickte in Peanuts irgendwie sichtbare Augen. »Er lebt, Peanut, und er ist ein gefallener Engel.«
Jetzt starrte er mich auf dieselbe Art an wie ich ihn vermutlich vor wenigen Minuten. Daraufhin berichtete ich ihm alles, und das dauerte ungefähr eine Stunde oder so, da ich ständig Sachen wiederholen musste. Während des Zayne-erkennt-mich-nicht-Teils fing ich an, die Oreos auf der Kücheninsel zu naschen und hatte fast die ganze Packung aufgegessen, als ich zu der Ich-muss-ihn-ins-Herz-stechen-Sache kam. Peanut drehte im Verlauf der Geschichte ziemlich durch, verschwand mal und kam dann zurück. Erneut schwebte er zur Decke und in den Ventilator. Dann hüpfte er durchs Apartment, kehrte aber schließlich zur Kücheninsel zurück und schien sich beruhigt zu haben.
»Das also hab ich gestern Abend gemacht.« Ich trank die Cola aus. »Ich war bei Dez, und wir haben ihn gesucht. Aber nicht gefunden.«
Peanut starrte mich an. »Und ich dachte, Gabriel war das übelste deiner Probleme.«
Ich gab ein ersticktes Lachen von mir. »Das haben wir beide gedacht.« Ich streckte mich, um an die Schachtel mit den Müsliriegeln zu kommen. Ich hatte die nicht gekauft und Zayne auch nicht, denn das waren die ungesunden mit den Schokoladenstückchen.
»Im Augenblick kann ich nicht mal an den Boten denken oder wie, zur Hölle, ich ihn vor der Verklärung aufhalten soll.«
»Oder wie du bis dahin am Leben bleiben sollst«, kommentierte Peanut.
In den Müsliriegel beißend, warf ich ihm einen finsteren Blick zu.
»Was denn?«
»Nicht sehr hilfreich«, sagte ich, den Mund voll mit Müsli und Schokolade.
»Ich hab bloß meinen Captain-Obvious-Hut auf, okay? Ja, das ist nicht sehr hilfreich, aber ich weiß doch nicht mal, wie ich helfen kann. Oh! Moment. Vielleicht könnte ich die anderen Geister fragen, ob sie ihn gesehen haben.« Er stürzte nach vorn, zur Hälfte in die Kücheninsel.
Seufzend blickte ich auf die Müslikrümel, und meine dunkelsten Befürchtungen drangen geradezu sprudelnd aus mir heraus. »Keinen Schimmer, wo er ist und ob er überhaupt noch in der Stadt ist. Was er momentan macht oder ob’s schon zu spät ist.«
»Er muss noch in der Stadt sein«, stellte Peanut fest. »Und es kann nicht zu spät sein. Das darfst du nicht mal denken. Das hilft weder dir noch ihm.«
Auf diese erstaunlich ruhige und angemessene Reaktion eines Geistes fiel mir zunächst nichts ein. Schließlich nickte ich. »Ja, aber irgendwie auch schwer, nicht so zu denken. Unmöglich, nicht daran zu denken, ihn zu finden und dann gegen ihn kämpfen zu müssen. Nicht weil er mächtig ist, sondern …«
»Sondern weil du ihn liebst«, ergänzte Peanut leise.
Ich nickte. »Ich kann nicht …« Ich atmete scharf durch die Nase und begann den Satz noch einmal: »Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie es sein wird, das Schwert des Michael gegen ihn zu erheben, selbst wenn es funktionieren sollte.«
Wir schwiegen eine Weile, dann fragte Peanut: »Was hast du vor? Antworte nicht. Du weißt ja bereits, was du zu tun hast. Du musst ihn finden.« Daraufhin streckte er die Hand aus und legte sie auf meine, die auf dem grau-weißen Marmor der Kücheninsel ruhte. Seine Hand fuhr durch meine und verursachte mir eine Gänsehaut.
»Ja, ich weiß.« Und das tat ich tatsächlich. »Aber wenn’s nicht funktioniert – falls ich ihn töten sollte …«
»Falls das geschieht, weißt du tief im Inneren, dass es das Richtige ist. Es wird höllisch wehtun. Schlimmer als ein Starkstromschlag, und das kann ich schließlich beurteilen. Aber Zayne … er soll nicht böse sein. So ist er nicht. Er ist besonders. Ein guter Typ. Eigentlich zu gut für dich.«
Ich lachte, weil es stimmte.
»Trotzdem musst du’s versuchen, Trinnie.«
Ich wollte schon etwas erwidern, als ich auf seine Hand blickte. Sie war nicht mehr in den Marmor gesunken. Sie lag auf meiner, ganz normal, und ich hatte wohl nicht genug Schlaf bekommen, denn ich hätte schwören können … Peanuts Hand zu spüren. Unmöglich, doch da war eine kühle Berührung, die sich echt anfühlte. Konkret. Langsam hob ich den Blick und schaute Peanut an.
»Du musst Zayne finden. Du musst dich um ihn kümmern«, sagte er, und für einen Augenblick war sein ganzer Körper zu erkennen. Fast so, als wäre er aus Fleisch und Blut, als säße er neben mir, und wirkte auf mich nicht … wie Peanut. Seine Haut … leuchtete beinahe, und seine Augen waren zu lebendig, fast als würde dahinter ein weißes Licht brennen. »Und danach musst du den Boten aufhalten. Wenn nicht, ist alles ohne Bedeutung. Die Gegenwart und auch der Tod.«