Selbst Stunden nach meinem Gespräch mit Peanut bibberte ich immer noch. Sogar als ich später am Nachmittag und bis tief in die Nacht mit Dez unterwegs war, wurde ich das seltsame Gefühl nicht los. Nicht, dass Peanut irgendwas gesagt hätte, das ich nicht schon wusste, aber da war etwas an der Art, wie er es gesagt hatte.
Oder etwas an ihm, das einfach verändert war.
Doch wenige Sekunden später war er wieder ganz sein bizarres und dennoch normales Selbst.
Als Dez und ich an eine Kreuzung kamen, rieb ich mir die rechte Hand und widerstand dem Drang, gegen einen Mülleimer in der Nähe zu treten. In dem Moment fühlte es sich an, als hätten wir schon jeden Block in der Stadt abgelaufen. Darüber hinaus kämpfte ich auch gegen den Drang an, wieder mein Handy zu checken, was ich bis dahin bereits gefühlt alle zehn Minuten getan hatte.
Am Nachmittag hatte ich versucht, Cayman zu erreichen, indem ich mehr als einmal die Nummer anrief, von der er mir geschrieben hatte, aber es war niemand rangegangen. Ausgehend davon, wie andere auf die Nachricht über Zayne reagiert hatten, dachte ich, dass ich ihm die Neuigkeit nicht per SMS mitteilen sollte. Aber Cayman hatte nicht zurückgerufen. Er hatte nicht mal auf meine Nachricht geantwortet.
Natürlich hatte mein Verstand sofort auf Worst-Case-Szenario geschaltet. Zayne hatte Cayman irgendwie gefunden, hatte etwas gefallener-Engel-mäßig Schreckliches angestellt, was mich traurig machen würde, weil ich den dummen Dämon mochte. Layla würde richtig traurig sein, und dann würde Roth töten wollen …
Plötzlich klingelte Dez’ Handy. »Gideon«, nahm er das Gespräch an. »Na, sag schon.«
Bitte. Bitte lass uns eine Spur haben. Egal was, selbst wenn es nur ein vages Gerücht wäre. Kein Hinweis auf Zayne – weder von uns noch von den Wächtern, die ebenfalls die Stadt nach einem Anzeichen von ihm durchkämmten – und nicht nur das, ich hatte die ganze Zeit hier draußen keinen einzigen Dämon gespürt, nicht mal einen Chaos-Dämon. Seit Gabriels Ankunft in der Stadt waren zwar weniger Dämonen unterwegs, doch zumindest einen hatte ich immer erfühlt.
»Was? Ja. Das könnte was sein«, sagte Dez und drehte sich auf dem Absatz, während ich mich zwang, den Mund zu halten. »Eigentlich sind wir gar nicht so weit weg. Wir sehen uns das mal an.«
»Um was geht’s?«, wollte ich sofort wissen, als Dez das Handy sinken ließ. »Hat Gideon was rausgefunden?«
»Ich möchte dir keine zu große Hoffnung machen, aber er hat einen merkwürdigen Anruf abgehört, der bei der Polizei eingegangen ist«, antwortete er.
»Meine Hoffnungen sind nicht groß«, log ich. Denn sie waren absolut riesig. »Was für ein Anruf?«
»Ein Mann hat sich bei der Polizei gemeldet und meinte, er hätte einen Typen gesehen, der von einem Engel verprügelt wurde.«
Ich blinzelte einmal und dann noch einmal. »Das … das könnte definitiv Zayne sein.« Ich hielt inne. »Mit einem hoffentlich wirklich guten Grund, jemanden zu verprügeln.«
»Oder irgendein Betrunkener oder einer, der high ist«, gab Dez zurück.
»Gideon meinte, es würde ihn überraschen, wenn die Polizei auch nur am Park vorbeifährt, um den Grund des Anrufs zu überprüfen.«
»Welcher Park? Du hast gesagt, in der Nähe?«
Dez wandte sich nach links. »Nur etwa zwei Blocks weiter …«
Ich rannte sofort los, und Dez’ Flüche dröhnten mir in den Ohren. Trotzdem wurde ich nicht langsamer. Dez war unmittelbar hinter mir. Wir überquerten die glücklicherweise leere Kreuzung, und mein Herz hüpfte, als die Backsteinmauern des Parks in Sicht kamen. Ich rannte weiter, bis ich den Eingang sah.
Er war verschlossen – vom Boden bis zur höchsten Stelle des steinernen Torbogens vergittert.
Frustriert schluckte ich einen Wutschrei hinunter und bewegte mich rückwärts auf die Gehwegkante zu, als Dez neben mir ankam. Die den Park umgebende Mauer war vielleicht drei oder vier Meter hoch.
Mit ein bisschen mehr Anlauf durchaus machbar. Daraufhin warf ich einen Blick auf die Straße hinter mir, um mich zu versichern, dass kein Auto kam, und eilte dann in die Mitte der Fahrbahn.
»Trinity …«, rief Dez.
Ich rannte los und raste mit pumpenden Armen und Beinen auf die Mauer zu. Alle Muskeln in meinem Körper spannten sich an. Ungefähr einen Meter vor der Mauer hob ich vom Boden ab und schwang mich in die Luft. Für einen Moment hatte ich das Gefühl zu fliegen. Wie schwerelos.
Die Entfernung hatte ich richtig eingeschätzt.
Mehr oder weniger jedenfalls.
Ich schaffte die Mauer und sprang weit darüber hinaus.
Mist!
Auf eine harte Landung vorbereitet, traf ich mit beiden Füßen auf der Erde auf. Der Aufprall vibrierte in den Beinen, in der Hüfte und in der Wirbelsäule nach. Bei Menschen hätte diese Art von Sturz sicher einen Knochen- oder Halsbruch zur Folge gehabt. Wäre ich in Topverfassung gewesen, hätte ich nicht mal darüber nachgedacht. Aber ich war nicht in bester Verfassung, und deshalb tat die Landung weh. Und zwar sehr. Doch alle wichtigen Knochen waren unversehrt geblieben. Als sich Dez über die Mauer schwang – seine Landung war viel graziöser und sanfter als meine –, erhob ich mich in diesem Moment wieder aus der Hocke. Ohne auch nur hinzusehen, wusste ich, dass er sich in seine Wächter-Gestalt verwandelt hatte.
Wieder wurde hinter mir geflucht, während ich über den gepflasterten Gehweg trabte. Dem solarbeleuchteten Pfad folgend, lief ich an Bäumen vorbei, die mich an Weihnachten erinnerten, und gelangte dann auf eine hell erleuchtete Grünfläche. Das Wasser eines riesigen Springbrunnens schien im gleichen Rhythmus wie mein Puls zu sprudeln. Und dahinter war … Ich blinzelte.
Das soll ja wohl ein Witz sein.
Auf der anderen Seite des Brunnens befanden sich ungefähr eine Million Stufen, und obwohl ich ihre Umrisse erkennen konnte, waren sie nicht annähernd so beleuchtet wie die Stelle hier. Verdammt noch mal …
»Stopp!«, schrie Dez.
Schlingernd kam ich zum Stehen, schaute nach unten und sah, dass ich fast über eine Unebenheit gestolpert wäre. Eine Unebenheit, bei der es sich definitiv um einen Körper handelte.
»Verdammt«, flüsterte ich und wich ruckartig einen Schritt zurück.
Dort lag ein Mann. Ich konnte nicht erkennen, was er anhatte, weil … weil so viel Blut aus ihm drang – ich blinzelte. Oh. Da, wo mal seine Augen gewesen waren, floss eine ganze Menge Blut heraus.
Mir drehte sich der Magen um. »Was … ähm … meinst du, sind seine Augen … äh … ausgebrannt?«
»Ja«, lautete die knappe Antwort. Die Flügel nach hinten geschoben, kniete Dez nieder und checkte den Puls des Mannes. »Er ist tot.«
Ich war nicht wirklich der Ansicht, dass das hätte bestätigt werden müssen.
»Das heißt ja nicht, dass es Zayne war«, meinte Dez, bevor ich meine Befürchtung überhaupt aussprechen konnte. Dez schaute zu mir auf. »Manche Dämonen können ihr Aussehen verändern. Das weißt du doch.«
Ja, richtig. »Aber warum sollte ein Dämon sein Aussehen verändern und mit Engelsflügeln unterwegs sein?«
»Weil sie nicht ganz dicht sind? Um jemandem vorzugaukeln, einen Engel zu sehen, obwohl es in Wirklichkeit ein lebendig gewordener Albtraum ist?«, antwortete er. »Lass mich mal schauen, ob ich rausfinden kann, wer diese arme Seele hier ist.«
Tief Luft holend und mit angehaltenem Atem sah ich mich um, während Dez den Kerl sanft auf die Seite drehte und nach seiner Brieftasche griff. Mir brannten die Augen. Genauso wie meine Nase und meine Kehle. Ich wollte nicht weinen. Nope. Weinen brachte nichts. Dez könnte recht haben. Ein Dämon könnte das hier angerichtet haben. Das musste nicht heißen, dass es Zayne gewesen war.
Denn wenn doch und Zayne bereits gemordet hatte, dann war er schon …
Die Luft hinter Dez bewegte sich wellenartig.
Fragend neigte ich den Kopf zur Seite. Es könnten nur meine Augen sein. Sie waren erschöpft.
Einen Moment später wusste ich, es lag nicht an meinen Augen.
Plötzlich nahm ich einen Dämon wahr – einen sehr mächtigen Dämon – und das traf mich wie eine statische Aufladung der Atmosphäre.
»Dez! Achtung!«, rief ich, bereits in Bewegung. Ich sprang über den leblosen Körper und stellte mich zwischen das Portal und Dez. Die Luft um mich herum drehte sich im Kreis, als Dez sich erhob und herumwirbelte.
Ein heißer, übelriechender Wind wehte mir die Haare aus dem Gesicht, während eine riesige, massige Gestalt vor mir auftauchte. Eine Sekunde lang dachte ich, es handele sich um einen Hellion oder Nachtkriecher, und obwohl man sich über beide nicht unbedingt freuen sollte, tat ich es. Ich fühlte, wie meine Gnade bereits pulsierte. Sie vermischte sich mit all der Wut und Verzweiflung und entlud sich in dem Bedürfnis, gewalttätig zu werden.
Aber in dem Moment, da der Dämon seine vollständige Gestalt annahm, wusste ich, das war kein Hellion oder Nachtkriecher. Dieser Dämon war etwas, das ich noch nie gesehen hatte.
Die Haut war milchig weiß und der Körper unbehaart. Der kugelförmige Kopf … na ja, er bestand aus einem purpurroten Auge, zwei kleinen Löchern, die ich für eine Nase hielt, und einem riesigen runden Mund voller Reihen winziger Haifischzähne.
Er sah aus wie ein riesiger Wurm – ein gigantischer, muskulöser Wurm mit zwei Armen und zwei Beinen.
»Was, um alles in der Welt, ist das?«, fragte ich.
»Ein Ghul«, stieß Dez zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ein Leichenfresser. Sie fressen auch gern Seelen. Es ist ihnen definitiv verboten, sich an der Erdoberfläche aufzuhalten. Das hier ist der erste, den ich im wahren Leben sehe.«
Ich senkte den Blick und hätte mir am liebsten die Augäpfel gebleicht. »Und warum sind Dämonen eigentlich immer nackt?«
Der Ghul öffnete das Maul, und es kamen verstümmelte Grunzlaute sowie hohe Quiekser heraus.
»Sorry.« Dez’ Flügel entfalteten sich. »Ich spreche kein Dämonenwurmisch.«
Das Gebrabbel wurde zuerst lauter, und dann … dann wurde es zu Wörtern – Wörtern, die ich klar und deutlich verstand. »Wir sind wegen des Nephilims hier.«
Ich rollte mit den Augen. Er musste von Gabriel geschickt worden sein. Vermutlich wollte er mich bis zur Verklärung unter seiner zärtlichen, liebevollen Obhut haben. »Trueborn. Der richtige Begriff lautet Trueborn.«
»Das interessiert uns nicht«, antwortete der Ghul, und bevor ich das »Wir« weiter hinterfragen konnte, streckte sich die gesamte linke Seite seines Körpers, und ein weiterer Ghul kam herausgeplumpst.
»Was, auf tatsächlich großem verfluchten Erdenboden …?« Entsetzt klappte ich den Mund zu, während ein weiterer aus der rechten Körperseite des ersten Ghuls hervortrat.
»Ich glaube, die Sache mit der richtigen Replikation ist in deren Schulbüchern ausgelassen worden«, kommentierte Dez.
»Ach, meinst du?«
Der Ghul rechts vom Haupt-Ghul stürzte sich direkt auf Dez. Aber er war schnell, befreite sich drehend aus seinem Griff. Die anderen beiden widmeten sich mir.
Ich hatte meine Eisendolche bei mir, doch meine Gnade drängte hervor. Ich wollte sie einsetzen. Den einstigen Entschluss, die Gnade nur im äußersten Fall zu benutzen, hatte ich hinter mir gelassen, da mir klar geworden war, dass das, was man mir beigebracht und wie ich trainiert hatte, das weitaus größere Hindernis war als meine Sehfähigkeit.
Allerdings war das Problem dabei, dass ich keinen mit mir verbundenen Beschützer mehr hatte. Ich konnte nicht die Kraft aufbringen, mit den Schwächen umzugehen, die unweigerlich auf den Einsatz meiner Gnade folgten. Höchstwahrscheinlich würde meine Nase bluten und möglicherweise noch mehr Dämonen in meine Richtung locken, obwohl das am Abend zuvor ja nicht der Fall gewesen war.
Aber genau jetzt war es in Ordnung, meine Gnade nicht einzusetzen.
Ich war mehr als zufrieden mit meinen Dolchen.
Also hielt ich die Gnade zurück und zog die Dolche aus den Scheiden. Adrenalin schärfte meine Sinne, als die Ghuls mich angriffen. Gespannte Erwartung durchströmte meinen Körper, meine Muskeln spannten sich an. Ich wusste, ich musste etwas Abstand halten, damit sie nicht außerhalb meines eingeschränkten Sichtfelds landeten, und wartete bis zum letztmöglichen Zeitpunkt, dann drehte ich mich ruckartig um und trat zu. Mein Sneaker erwischte den Ghul an einer sehr empfindlichen Stelle. Er kreischte und krümmte sich, während ich wieder aufsprang.
Der andere Ghul bewegte sich beunruhigend schnell und griff mit Händen, so groß wie mein Kopf, nach mir. Ich tauchte unter seinem Arm hindurch, wirbelte herum und rammte den Dolch mitten in seinen Rücken, genau dort, wo das Herz sein musste. Dann riss ich das Eisen wieder heraus und wartete auf das Auflodern der Flammen, die sein Ableben signalisierten.
Der Ghul drehte sich um, öffnete das Maul und brüllte mir direkt ins Gesicht.
»Bäääh.« Mir tränten die Augen. »Dein Atem …«
»Der Kopf!«, rief Dez, der hinter einem der Ghuls landete und den Arm um dessen Hals schlang. »Du musst den Kopf vom Körper trennen.«
Ich kräuselte die Oberlippe. »Igitt. Ekelhaft.«
Der Ghul vor mir ließ eben einen weiteren Ghul aus sich herausspringen, und ich stöhnte auf. »Och, nun komm schon.«
Als Dez seine krallenbewehrten Hände in die Kehle des Ghuls rammte, sah ich mich um. Da entdeckte ich etwas an der Kante des Brunnens hinter dem Ghul und schoss sofort nach vorn.
Ghul Nummer drei hatte sich von meinem Tiefschlag erholt und schlurfte auf mich zu. Ich trat fest auf, holte mit dem Unterschenkel aus und fegte seine Beine unter ihm weg. Der Ghul schlug hart auf, während ich mich schnell aufrichtete und losrannte. Ich sprang auf den anderthalb Meter hohen Brunnenvorsprung und wirbelte herum.
»Oh mein Gott!«, rief ich und deutete auf den Eingang. »Schaut mal! So viel leckeres Fleisch!«
Der dumme Ghul vor mir wandte sich in die Richtung, in die ich zeigte. Flammen schlugen aus Dez’ Ghul, und als ich von dem Vorsprung heruntersprang, schlug mir der Gestank eines kaputten Abwasserkanals entgegen. Ich landete auf dem Rücken des Ghuls und legte den Arm um seinen Hals, während er versuchte, sich aus der Umklammerung zu winden. Eine fleischige Faust traf mich seitlich am Kopf, aber ich hielt mich fest und stieß den Dolch unmittelbar unter meinen Arm in seine Kehle.
Fauliges Blut strömte heraus, als ich zudrückte und den Dolch über seinen Hals zog, während er um sich schlug. Der Dolch durchschnitt das Rückenmark, und, oh Mann, das kostete mich alle Kraft meiner Armmuskeln, die ich eben noch so hatte. Als sich der Ghul drehte, sah ich Ghul Nummer vier, der wie ein Linebacker Dez angriff.
In der Sekunde, in der ich spürte, wie sich der Kopf des Ghuls löste, benutzte ich die Knie und sprang von ihm. Ich landete nicht weit entfernt, als der Körper vor mir in Flammen aufging.
»Pfui!« Auch der Kopf in meinen Händen fing Feuer. Schaudernd schleuderte ich ihn von mir.
Eine schwere Hand landete auf meinem Nacken, und zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen wurde ich in die Luft gehoben. Der einzige Unterschied diesmal war, dass ich nicht von dem, der mich hielt, geblendet war.
Denn das war einfach nur eklig.
Die Luft vor mir schien sich zu verzerren, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Oh, zur Hölle, nein – nicht mal gruselige Magie würde mich so schnell von dem hier erlösen.
Ich griff nach hinten, packte den Arm, der mich festhielt, zog die Beine bis zur Brust und schwang sie dann vor und zurück. Ich knallte die Füße in die Mitte des Ghuls, bis er losließ.
Dann fiel ich, drehte mich im letzten Moment, sodass ich auf der Hüfte landete. Für den armen Knochen wär’s das fast gewesen. Der Schmerz bremste mich, während ich mich stöhnend auf den Rücken rollte.
Wenn das hier alles vorbei war, würde ich in den Geschichtsbüchern als einer der jüngsten Menschen auftauchen, die eine Hüftprothese benötigten.
Bevor ich auch nur wieder auf die Beine kommen konnte, erschien ein Ghul in meinem Sichtfeld. Ich stützte mich auf die Ellbogen und trat mit beiden Beinen aus. Der Ghul erwischte meinen Knöchel.
»Verflucht noch mal!« Im Sitzen schwang ich den Dolch, während er mich zu sich zog. Die Luft lud sich noch einmal elektrisch auf.
Dieser Ghul war nicht so dumm wie der vorherige. Er sah meinen nächsten Move kommen und hob prompt meinen ganzen Körper hoch. Dann schüttelte er mich wie eine Kinderrassel. Erneut erwachte meine Gnade zum Leben, und dieses Mal hielt ich sie nicht zurück. Denn andernfalls würde mich dieser Punk durch irgendein Portal zerren, und ich war mir sicher: Egal, wo das endete, dort wollte ich nicht sein. Die Ränder meines Sichtfelds wurden weiß …
Ohne Vorwarnung ließ der Ghul los, und ich fiel wie ein Sack Kartoffeln zu Boden. Ich landete erst auf der Schulter, dann auf den Rippen und stöhnte auf. Immerhin hatte ich die Dolche nicht fallen lassen. Also, gewonnen?
Ich würde auch eine Rippentransplantation benötigen, sofern es so was überhaupt gab. Die Gnade zog sich zurück, als ich die Handflächen im Gras aufsetzte und mich wieder hochdrückte.
Etwas rollte an mir vorbei. Etwas Kugelförmiges, Weißes. Es prallte seitlich an den Brunnen.
Ein Ghul-Kopf.
Stumm beobachtete ich, wie er Feuer fing, während ich müde ausatmete.
»Danke, Dez«, sagte ich, kurz davor, mich einfach fallen zu lassen und eine kleine Verschnaufpause einzulegen.
»Das war nicht ich«, antwortete Dez kaum lauter als flüsternd.
Ich zog die Mundwinkel nach unten, während ich zum angeschmorten Beton des Brunnens schaute. Der Gestank eines vielbesuchten Dixie-Klos verflüchtigte sich, und ein anderer Geruch hüllte mich ein – viel frischer, knackiger.
Wintermint.
Erneut setzte mein Herz einen Schlag aus.
Behutsam rollte ich auf den Rücken, dann auf die andere Körperseite und blickte auf. Das Erste, was ich sah, waren nackte Füße. Irgendwie waren sie sauber. Keine Ahnung, warum mir das auffiel, aber so war’s. Warum waren seine Füße immer noch sauber? War er die ganze Zeit nur rumgeflogen? Ich hob den Blick, und so nah, wie er jetzt war, erkannte ich, dass seine Hose aus dem gleichen Stoff war wie die, die der Thronende getragen hatte: aus unglaublich gut geschneidertem Leinen. Ich schaute weiter hoch. Bauch und Brust waren immer noch nackt. Dann sah ich wieder diese Flügel – herrlich weiße, von Gnade durchzogene Flügel, weit ausgebreitet und alles dahinter verdeckend.
Zayne stand da und starrte auf mich herab mit Augen, die zu blau waren, um echt zu sein, und zu kalt, um wirklich seine zu sein.
»Zayne«, wisperte ich.
Er rührte sich nicht. »Das Ding wollte dich umbringen.«
Mein Herz pochte wie wild. »Ja, wahrscheinlich. Kann sein.«
Zayne neigte den Kopf zur Seite. »Das konnte ich nicht zulassen.«
Gut. Nein. Das war sogar mehr als gut. Erleichterung machte sich in mir breit …
»Denn wenn du stirbst«, fuhr er fort, »dann nur durch meine Hand.«