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Tja.

Die Erleichterung und die wachsende Hoffnung währten nur kurz, fielen in sich zusammen und gingen ziemlich spektakulär in Flammen auf.

»Wie romantisch«, murmelte ich und achtete nicht auf die schmerzhafte Leere, die diese beiden Worte in mir auslösten.

»Findest du?«, fragte er auf ausdruckslose, apathische Art, was sowohl nervtötend als auch beeindruckend war. »Immerhin meintest du doch, dass ich deinetwegen gestorben bin. Solltest du dann nicht meinetwegen sterben?«

»Ich sagte, du bist für mich gestorben, nicht meinetwegen«, korrigierte ich.

»Wo ist da der Unterschied?« Er drehte den Kopf, und so konnte ich erkennen, dass sich unter seinem Kiefer keine Wunde befand. Ich hatte ihn also nicht tief geschnitten, und die Stelle war bereits verheilt. »Wenn ich du wäre, würde ich das nicht tun.«

Zwar konnte ich nicht hinter Zaynes Flügel sehen, aber man musste kein Genie sein, um zu begreifen, dass Dez dabei war, etwas echt Mutiges und zugleich Blödes zu machen. Und dass er Zaynes Warnung gehört hatte.

»Kluge Entscheidung«, sagte Zayne und ließ den Blick zu mir zurück wandern. Einen kurzen Moment konnte ich den goldenen Hautton richtig erkennen – die Leuchtkraft, die sie noch nicht besessen hatte, bevor Gabriel ihn getötet hatte. Ein feines Leuchten, das den meisten vermutlich nicht auffiel, denn es war seine Gnade.

Mir wurde flau im Magen. Zayne war tatsächlich vollgepackt mit himmlischem Feuer, und mir war sofort klar: Sollten sich Wächter mit ihm anlegen, um von meinem Angriff abzulenken, würden sie das nicht überleben. Wenn Dez ihn angreifen würde …

Ich dachte an Dez’ Frau Jasmine, wie nett sie zu mir gewesen war, und an ihre kleinen Zwillinge. Darum sollte Dez eigentlich weit, weit weg von hier sein.

Doch Zayne stand vor mir, und ich musste es versuchen, egal, wie riskant das war. Egal, wie egoistisch es auch sein mochte.

Es gelang mir, ruhig zu sprechen. »Wir haben dich gesucht.«

»Ich weiß.«

»Ach ja?« Ich gab mir die größte Mühe, zu verbergen, wie sehr mich seine Antwort entnervte. »Warum hast du dann bis jetzt gewartet, mir das zu zeigen? Als wir uns zuletzt begegnet sind, bist du mir direkt ins Gesicht gesprungen.«

»Richtig«, antwortete er emotionslos. »Aber ich war beschäftigt.«

Mein Herz krampfte sich ängstlich zusammen. Gab es noch mehr Leichen, die wir nur einfach noch nicht gefunden hatten? »Mit dem toten Typen hinter uns? Meinst du das?«

Zayne kniete nieder und klappte die Flügel so schnell ein, dass mir die Luft wegblieb. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, und so nah, wie wir uns waren, konnte ich erkennen, dass sich nicht nur seine Augenfarbe verändert hatte. Seine Gnade leuchtete auf unheimliche Weise hinter seinen Pupillen.

»Betrauerst du seinen Tod?«, fragte er, was mich erstaunte. Da er Dez den Rücken zugewandt hatte, hielt er ihn wohl nicht im Entferntesten für eine Bedrohung. »Findest du, er starb keinen gerechten Tod?«

»Warum hast du ihn getötet?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Ja«, sagte ich. »Tut es.«

Er beäugte mich kalt lächelnd »Dieser Mann, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, war nichts weiter als die übelste Sorte aller Raubtiere. Ich habe all seine Sünden gespürt.«

Mein Herz stolperte. »Was … was meinst du?«

»Ich kann die Sünden der Menschheit spüren – ihre dunkelsten und verborgensten Gedanken«, wiederholte er in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass er der Ansicht war, ich besäße nicht mal zwei funktionierende Gehirnzellen. Sein Blick streifte den leblosen Körper hinter mir, und innerlich verfluchte ich den Thronenden, weil er vergessen hatte, mich über diese neue Begabung von Zayne zu informieren. »Er hat nicht nur auf unangemessene, verbotene Weise an Kinder gedacht, sondern sich auch noch daran erinnert, was er angerichtet hatte.«

Ich zählte zwei und zwei zusammen, und schließlich stieg der Geschmack bitterer Galle in meiner Kehle auf. War es richtig oder falsch, erleichtert zu sein, dass dieser Mann kein guter Kerl gewesen war? Mord war schlimm, aber wenn das, was Zayne behauptete, stimmte, konnte ich nicht wirklich Mitleid mit dem Typen haben. Mir war bloß nicht klar, was das Ganze für Zayne bedeutete.

Oder für mich.

Aber egal.

»Du triffst eine falsche Entscheidung«, sagte Zayne und riss mich aus meinen Gedanken. Er beobachtete mich, sprach aber gar nicht mit mir.

Was trieb Dez da eigentlich?

»Momentan bin ich übermäßig großzügig«, fuhr Zayne fort. »Aber mach noch einen Schritt, und es wird dein letzter sein.«

Hatte er etwa Augen im Hinterkopf? Keine Ahnung, aber allein die pure Drohung wirkte wie eine Tatsache. Und es war klar, dass das seine letzte Warnung war.

Während ich Zayne anstarrte, versuchte ich auf die Kette zu kriegen, dass er trotz seines ausdruckslosen Tonfalls und des raubtierhaften Glanzes seiner Augen wie er selbst aussah. Ja, einiges war anders. Das innere Feuer und die Flügel. Aber es fiel mir schwer, zu verarbeiten, wie verändert er war. Wie hatte sein Fall alles auslöschen können? War die Herrlichkeit – seine Seele – derart mächtig? Besaß er irgendwelche Erinnerungen an sein früheres Leben oder nur vage Empfindungen und das Bewusstsein, nicht länger mit mir verbunden zu sein? War er mir deshalb vertraut, wusste aber selbst nicht, warum? Oder war es ihm egal? Oder war der Grund, warum er den Ghul getötet, mir aber nicht den Hals umgedreht hatte, der, dass ihn dieses Bewusstsein immer noch auf einer ursprünglichen, grundlegenden Ebene antrieb, die er nicht nachvollziehen konnte? War es zu spät?

»Bist du überhaupt noch da?«, fragte ich leise und nahm ein gefühlsmäßiges Aufflackern um seine Augen und den Mund herum wahr.

Verwirrung? dachte ich. Das erinnerte mich daran, wie er mich angestarrt hatte, als ich gestern seine Wange berührt hatte, statt ihm eine zu verpassen.

Wäre er wirklich verloren, würde er jetzt keine Verwirrung spüren. Zumindest nahm ich das an – ich musste. »Fühlst du immer noch zu viel?«, fragte ich, denn mir kam in den Sinn, was er und der Thronende über seinen Fall berichtet hatten. »Weißt du noch, was du bis gestern warst? Wer du warst?«

Er antwortete nicht.

»Du warst Wächter, genau wie er. Du warst mein Beschützer, mit mir verbunden. Du bist gestorben, um mich zu schützen. Kannst du dich nicht daran erinnern?«

Zayne atmete scharf ein, und sein Brustkorb hob sich.

»Du hast das getan, weil du mich liebst, und nicht wegen irgendeiner Bindung oder aus Pflicht«, fügte ich rasch hinzu. »Erinnerst du dich an nichts vor deinem Fall? Weißt du überhaupt noch deinen Namen?«

»Ich habe dir gesagt, wie du mich nennen kannst«, stieß er hervor, und ein Schauer jagte über meinen Rücken.

»Wie denn? Tod? Gefallener? So heißt du nicht. Dein Name ist Zayne«, sagte ich und legte alles, was ich für ihn fühlte, mit in diesen Satz. Meine ganze Liebe und Angst um ihn, all meine Hoffnung und den Schmerz. »Erinnerst du dich an seinen Namen? Den Namen dieses Wächters? Er ist wie ein Bruder für dich …«

»Stopp.« Kurz schloss er die Augen. »Das ist unwichtig. Wer ich war, spielt keine Rolle …«

»Warum?«, widersprach ich. »Du kannst nicht nur wütend und voller Hass sein. Das kann nicht alles sein. Du hast nicht erst angefangen zu existieren, als du gestern im Park gelandet bist. Du hattest ein vollständiges Leben. Du bist liebenswürdig und gut und gerecht. Du liebst. Du trauerst. Du …«

»Nein! Ich bin nichts von alledem!«, brüllte er, riss die Flügel auf und breitete sie weit aus. Das innere Leuchten wurde intensiver und pulsierte so hell, dass mir ein stechender Schmerz in die Augen schoss. Golden-weißes Licht sprühte aus seinen Armen, aus beiden Armen …

Dann geschahen gleich mehrere Dinge gleichzeitig.

Mir war klar, dass er seine Gnade beschwor, und obwohl ich neugierig war, welche Art von Waffe das hervorbringen würde, war ich nicht so dumm, es herausfinden zu wollen. Dez rief seinen Namen und noch etwas anderes, und Zayne wirbelte herum. Die Spitzen seiner Flügel strichen mit sanftester Zärtlichkeit über meine Wangen, als sie nach oben fuhren. Ich speicherte das alles ab, um später darüber nachzudenken, war aber überrascht, dass er mir die Flügel nicht über den Kopf gezogen hatte. Nun auf Dez konzentriert, hatte er mir den Rücken zugewandt, und das war der richtige Moment. Zayne war abgelenkt, und ich durfte nicht zulassen, dass er Dez erwischte. Das war meine Gelegenheit, ihn entweder zurückzuholen oder …

Oder ihm den ewigen Frieden zu schenken.

Er trat von mir weg, und ich rief meine Gnade. Endlich entfesselt, schoss sie durch mich hindurch und ließ die Ränder meines Sichtfelds weiß werden. Die Gnade jagte durch meinen Arm, und ich sprang auf die Füße …

Doch Zayne wirbelte dermaßen schnell herum, dass es kaum zu glauben war. Er schnappte sich meinen rechten Arm, bevor meine Gnade auch nur das Handgelenk erreichen konnte. Dann riss er mich herum, schlang den anderen Arm um meine Taille und zog mich an sich. Der direkte Kontakt mit seiner kalten Haut war ein Schock. Zayne klemmte meinen linken Arm an meiner Seite fest. »Ich denke nicht.«

Das Schwert des Michael flammte hell auf, spuckte und knisterte himmlisches Feuer, aber Zaynes Griff war wie ein Schraubstock. Ich konnte mein Handgelenk kaum bewegen. Zayne wusste, dass ich in diesem Moment meine Gnade beschwor. Innerhalb von Sekundenbruchteilen durchlebte ich ein Wechselbad der Gefühle – von verblüfft zu »Was, zur Hölle …«

»Woher wusstest du das?«

»Ich konnte spüren, wie sie zum Leben erwachte. Und ich kann sie jetzt fühlen, in dir. Sie ruft nach mir«, antwortete er und drückte seine kühle Wange an meine. »Es glüht ein Feuer in meinem Blut und meinen Knochen. Wie sollte ich es da nicht wissen?«

»Eine raffinierte, aber unbequeme Fähigkeit«, blaffte ich und widerstand nur knapp dem Drang zu schreien. Der Thronende hatte ja so etwas angedeutet, aber er hätte ruhig sehr viel deutlicher machen können, was damit gemeint war, dass Zayne meine Gnade spüren konnte.

»Nicht wahr?« Er spreizte die Hand auf meiner Hüfte. »Du wolltest mich angreifen, als ich mit dem Rücken zu dir stand. Ich dachte, du liebst mich?«

Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb, und ich war mir überaus bewusst, wie nah seine Hand dem Griff meines Dolches war und wie fest er mein Handgelenk hielt. Nicht schmerzhaft. Sich das zu merken war wichtig. »Ich liebe dich wirklich. Ich liebe dich mehr als alles andere …«

»Sieht aber nicht nach einer sehr liebevollen Handlung aus.« Sein Kinn strich über meine Wange, weil er leicht den Kopf bewegte. »Kann sein, dass du dein Leben nicht zu schätzen weißt, denn ich könnte schwören, dass du dich gerührt hast, obwohl ich dich gewarnt hatte. Vielleicht liegt dir mehr an ihrem Leben? Beweg dich weiter, und ich werde erst sie und dann dich töten.«

Dez erstarrte, stieß aber ein tiefes, grollendes Knurren aus.

Zayne lachte amüsiert, und das klang derart kalt, dass ich erschauderte. »Soll mir das Angst machen?«

»Ja«. Dez’ Krallen schlossen sich zu Fäusten. »Soll’s.«

»Tut’s aber nicht.«

Ich versuchte, mich aus seiner Umklammerung zu befreien, erreichte aber nichts mit dem Schwert. Es stieß ins Leere. »Du wirst mich nicht töten.«

»Ach nein?«

»Dann hättest du’s schon längst getan«, zischte ich durch zusammengebissene Zähne, immer noch mit ihm ringend.

»Vielleicht gefällt es mir, mit dir zu spielen.« Wieder bewegte er den Kopf und ließ seine Wange über meine streichen, was in einer schockierenden Form vertraut und doch völlig ungewohnt war. »Vielleicht langweile ich mich zunehmend. Vielleicht auch nicht? Aber was ich ganz sicher weiß, ist, dass du dich nur selbst verbrennst, je länger du an der Gnade festhältst, kleines Nephilim.«

»Natürlich erinnerst du dich mehr daran als an alles andere.« Mit aller Kraft, die in mir steckte, und das war eine Menge, wehrte ich mich gegen seinen Arm und seinen Griff. Ein frustrierter Schrei drang aus meiner Kehle. Ich hatte mich nicht mal einen Millimeter befreit.

»Du klingst wütend, kleines Nephilim

»Es heißt nicht Nephilim! Sondern Trueborn!«

Ich hob das Bein und trampelte auf seinen nackten Fuß. Zayne jaulte auf, eher überrascht als aus Schmerz, doch sein Griff um meine Taille lockerte sich ausreichend genug. Ich riss mich los und schwang den linken Arm auf den, der meinen hielt. Seine Finger rutschten ein Stückchen ab, sodass ich seinen Arm verdrehte und darunter durchtauchte. Weiche Federspitzen kitzelten mich an der Wange, während eine dunkle Gestalt neben mir landete. Mit gefletschten Zähnen versuchte Dez, Zaynes Arm zu erwischen.

Eine Sekunde lang sah es so aus, als würde ich Zaynes Griff brechen – ich war so kurz davor, das Schwert des Michael zu ziehen –, und nur einen Augenblick später wurde ich von den Füßen in die Luft gefegt. Meine Gnade verflog in alle Winde, während ich auf dem Rasen aufschlug. Der Aufprall war erneut brutal, aber es hätte schlimmer kommen können. Ich hätte Dez sein können.

Der knallte in eines der Brunnenbecken, sodass der Stein brach. Dez sank ins Wasser.

Zayne hatte uns beide wie Papierflugzeuge herumgeschleudert, aber immerhin war ich auf einem viel weicheren, gepolsterten Körperteil gelandet. Da Dez seine Wächter-Gestalt angenommen hatte, ging es ihm bestimmt gut, aber wenn ich in diesem Tempo in den Brunnen geknallt wäre, wäre wohl mein Licht erloschen.

Ich beschwor meine Gnade. Sie flackerte schwach in meiner Brust, direkt unterm Herzen. Eigentlich sollte ich nicht so angeschlagen sein, wie ich es momentan war. Das musste daran liegen, dass sich mein Körper immer noch von Gabriels Schlägen erholte, denn so erschöpft sollte ich echt nicht sein.

Flügel wirbelten mein Haar auf, sie warnten mich, dass Zayne in der Nähe war. Ich drehte mich auf die Seite und warf den Kopf zurück. Er stand über mir, die Gnade zog sich durch seine weit ausgebreiteten Flügel. Unsere Blicke trafen sich und hielten einander fest. Er betrachtete mich mit aufgeblähten Nasenflügeln, während ich mich auf die Beine kämpfte, ohne den Blickkontakt zu ihm zu lösen. Seine Chance, mich auszuschalten, war riesengroß. Jeden Moment konnte er mein Leben beenden, ohne dass ich überhaupt merkte, was passierte. Aber er rührte sich keinen weiteren Schritt. Vielleicht handelte es sich um idiotische Naivität oder Verzweiflung, aber Hoffnung keimte in mir auf. Wenn er wirklich verloren war und bloß eine Bedrohung und Herausforderung in mir sah – und anscheinend momentan eine sehr armselige –, würde er mich ausschalten.

Tat er aber nicht.

Er streckte den Kopf hoch, als ich auf ihn zuging, aber er bewegte sich nicht. Wie ein gefangener Vogel machte ich mit flatterndem Herzen noch einen Schritt und dann noch einen und hielt nicht an, bis uns nur noch wenige Millimeter voneinander trennten.

Keinen Schimmer, was mich da überkommen hatte. Vielleicht hatten sich ein paar wichtige Gehirnzellen gelockert. Wenn man bedenkt, wie viele Male ich allein in der vergangenen Woche herumgeschleudert worden war, eine logische Folge. Oder vielleicht war ich schlicht zu blöd. »Wirst du mich jetzt töten?«

Ein Muskel an seinem Kinn zuckte.

Jeder meiner Atemzüge war zu flach und zu schnell. »Du könntest, oder? Würde dich nicht mal ein paar Schweißperlen kosten. Warum hast du’s nicht längst getan?«

Seine Augen weiteten sich etwas. »Möchtest du sterben?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich will dich. Das will ich. Ich will dich zurück.«

Er runzelte die Stirn, und dann bemerkte ich, dass er mir auf den Mund sah. Das raubtierhafte Flackern in seinen Zügen veränderte sich und wurde auf eine ganz neue Art noch intensiver. Sofort erkannte ich diesen Blick, der Begierde und Lust widerspiegelte. Eine der ersten menschlichen Regungen an ihm, seit er zurückgekehrt war. Er öffnete den Mund, und ich wusste nicht, ob er gleich was sagen würde oder nicht. Ich bewegte mich schneller, als mir in dem Moment bewusst war, es überhaupt zu können. Während ich mich auf die Zehenspitzen stellte, streckte ich die Arme nach oben und umschloss seine kalten Wangen. Ich zog seinen Kopf zu mir heran und drückte meine Lippen auf seine.

Ich küsste ihn.

In gewisser Weise fühlte er sich immer noch gleich an. Seine Haut an meinen Handflächen war ganz weich. Die Umrisse und die Form seines Mundes waren gleich. Er schmeckte noch immer nach frischer Morgenluft. Aber da endeten auch schon alle Ähnlichkeiten zu früher. Er bewegte sich nicht. Seine Lippen waren zu kalt. Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt atmete, als ich den Kopf in den Nacken legte und innerlich betete und bettelte, dass irgendeine Reaktion von ihm bewies, immer noch derselbe und nicht komplett zu dieser unmenschlichen Kreatur geworden zu sein.

Aber nichts.

Tränen brannten mir in den Augen. Wieder und wieder küsste ich ihn, während ich zu weinen begann …

Dann veränderte sich Zayne.

Sein Mund gab unter meinem nach, wurde weicher und öffnete sich. Zayne neigte den Kopf zur Seite, erwiderte meinen Kuss, und ich hätte Halleluja schreien können, doch das wäre zu diesem Zeitpunkt verrückt und kontraproduktiv gewesen. Und das war das Letzte, was ich jetzt sein wollte. Ich spürte die Berührung seiner Zunge, und die war nicht kalt. Mein ganzer Körper begann zu prickeln, und mir wurde heiß. Der Kuss vertiefte sich, wurde fordernd und wild, verzehrend und mächtig. Ein tiefes Grollen drang aus seiner Kehle, und die Hitze in mir wurde noch intensiver. Seine Fingerspitzen strichen über meine Wange, mein Haar. Seine Handfläche und seine Haut waren kühl, und dennoch empfand ich sie als warm …

Dann riss Zayne so plötzlich den Kopf zur Seite, dass ich beinahe umgefallen wäre. Ganz benommen öffnete ich die Augen und sah, wie er etwas entfernt unter einer der hellen Parkleuchten stand. Sogar ich konnte erkennen, dass sich sein Brustkorb genauso heftig hob und senkte wie meiner.

»Du bist immer noch da drin«, flüsterte ich.

Sein Kopf flog nach links, dann nach rechts, und die Sehnen an seinem Hals traten deutlich hervor. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Schon gut«, entgegnete ich und wischte mir mit zitternden Händen die Tränen aus dem Gesicht. »Weil er es weiß.«

»Wer?«, fragte er rau.

»Zayne.«

Schlagartig öffnete er die Augen. Seine Flügel hoben sich, wölbten sich hoch in die Luft, und für einen Moment war ich der Meinung, alles falsch verstanden zu haben. Er würde die Gnade, die glühend durch seine Flügel floss, gegen mich einsetzen, und der Thronende wäre sehr enttäuscht von mir.

»Ich habe keine Lust mehr, mit dir zu spielen«, warnte er. »Das nächste Mal, wenn ich dich sehe, werde ich dich töten.«

Und damit schwang er diese kraftvollen Flügel und hob ab. Er stieg so schnell auf, dass er eher einem aufgehenden Stern glich als einem gefallenen Engel. Ja, er schoss geradezu in den Nachthimmel und war bald verschwunden.

Das Wasser schwappte, als Dez mühsam aus dem Brunnen kletterte und stöhnend auf dem Boden aufschlug. »Hast du ihn tatsächlich eben geküsst?«

»Ja, hab ich.« Noch immer schaute ich in den Nachthimmel. Die Umrisse der dunkleren Wolken, die sich seit dem gestrigen Regenguss gehalten hatten, lichteten sich langsam. Etwas Warmes tropfte aus meiner Nase. Schnell wischte ich das Blut weg.

»Ehrlich gesagt hab ich keinen Schimmer, was ich dazu sagen soll.«

»Er ist noch immer da drin.« Ich blinzelte und schloss dann mein rechtes Auge, das mit dem ausgeprägteren Grauen Star.

Wir schwiegen beide für einen Moment. »Bist du dir da sicher, Trinity? Denn an dieser Kreatur war nichts, das sich wie Zayne verhalten hat.«

Aber ich hatte sie gesehen. Winzige Lichtpunkte. Ich hatte Sterne gesehen. »Ja. Ich bin mir sicher.«