9

sig

Das zweite Mal in Folge humpelte ich mitten in der Nacht angeschlagen zurück in die menschenleere Wohnung. Ich zog die Schuhe an der Tür aus, ließ die Schlüsselkarte auf den Küchentresen fallen und ging dann direkt unter die Dusche. Diesmal kreisten im Abfluss bloß Schmutz und ein bisschen Gras, das irgendwie in meinen Haaren gelandet war. Kein Blut. Das war ja schon mal eine Verbesserung, fand ich, als ich mir nach dem Duschen eines von Zaynes sauberen Shirts überzog. Ein ziemlich gutes Nachthemd, und ich bezweifelte, dass ihn das momentan störte.

Ich schnappte mir die Decke und das Kissen, die ich auf der Couch hatte liegen lassen, und trug sie zurück ins Schlafzimmer, das eigentlich unser gemeinsames Schlafzimmer war. Mit der schmerzenden Seite meiner Hüfte schloss ich die Tür und schaute zum Bett. Der sanfte weiße Schein von der Decke spendete nicht annähernd genug Licht, aber ich schlurfte vorwärts und blinzelte in die Dunkelheit.

Mein Knie krachte gegen den Bettrahmen. Der stechende Schmerz war intensiv und pochend. »Mist.«

Den unerträglich intensiven Schmerz wegatmend, ließ ich die Decke aufs Bett fallen und warf das Kissen Richtung Kopfteil. Dann kletterte ich auf die Matratze, und nachdem ich noch einmal tief durchgeatmet hatte, blickte ich zur Decke. Während ich das schwache Licht der einzelnen, wahllos verstreuten Sterne dort betrachtete, spürte ich einen Stich im Herzen, als hätte mir jemand ein Messer in die Brust gerammt.

Früher in den Potomac Highlands hatte ich auch Sterne an meiner Zimmerdecke gehabt. Manch einer mochte das unglaublich kitschig finden, aber mir fiel es so schwer, die echten zu sehen. Wenn ich glaubte, einen Stern entdeckt zu haben, sah ich häufig in Wirklichkeit bloß die Lichter eines Flugzeugs oder von einem Handymast. Eines Tages – ein Tag, von dem ich wusste, dass er bald bevorstand – würde ich in den Himmel schauen und nicht mehr in der Lage sein, so etwas Einfaches und Atemberaubendes wie einen sternenübersäten Himmel zu betrachten.

Zayne hatte mitbekommen, wie wichtig mir war, Sterne in der Dunkelheit funkeln zu sehen, selbst falsche. Dass er daraufhin ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als ich davon überzeugt war, dass er mich hasste und die Beschützerbindung überaus bedauerte, diese selbst leuchtenden Klebesterne an der Decke angebracht hatte, war eines der schönsten Dinge, die je jemand für mich getan hatte. Das war der Zayne, der immer noch in dem gefallenen Engel steckte – da war ich mir sicher.

Oder hoffte es.

Nicht die Art hoffnungsvollen Wunschdenkens, sondern echte Hoffnung. Ich wusste einfach, es war noch nicht zu spät. Zayne hatte unendlich viele Gelegenheiten gehabt, mich zu töten. Von dem Moment an, als er angekommen war, bis zu dem Moment, als er vor etwa einer Stunde wie eine Rakete in den Himmel abgehoben hatte, hätte er mir ernsthaften Schaden zufügen können. Und falls er mich tot sehen wollte, war es auch nicht besonders hilfreich gewesen, den Ghul umzubringen.

Andererseits, diese ganze Ich-sollte-derjenige-sein-der-dich-tötet-Nummer förderte nicht gerade die warmen und zärtlichen Gefühle in mir, aber vielleicht war es kein Zufall gewesen, dass ich auf einer viel weicheren Stelle landete als Dez, nachdem er uns beide weggeschleudert hatte. Oder dass er mich bei der Drehung nicht mit seinen Flügeln umgehauen hatte. Das alles konnte unbewusst passiert sein, auf einer Ebene, die er in seinem jetzigen Zustand nicht recht verstand.

Und der Mann, den er getötet hatte? Das war noch nicht abschließend geklärt. Bevor wir den Park verließen, hatte Dez den Ausweis des Mannes gefunden und Gideon gebeten, zu überprüfen, ob er etwas über den Kerl rausfinden konnte. Wenn stimmte, was Zayne behauptet hatte, hatte er keinen Unschuldigen getötet. Ich hätte den ganzen Tag darüber streiten können, ob ein Mord gerechtfertigt war oder nicht, aber schließlich hatten Wächter in der Vergangenheit keine bösen Menschen ausgeschaltet, die Dämonen geholfen hatten, sondern bloß diejenigen, die aktiv schreckliche Taten begangen hatten. Also bis auf Weiteres kein Bedauern diesbezüglich.

Wichtig war nur, dass Zayne noch immer nicht verloren war. Ich musste bloß herausfinden, wie, in aller Welt, ich ihn wieder hervorlocken konnte.

Ich zog die Decke bis zum Kinn und starrte auf die Sterne. Zayne zu finden schien fast unmöglich. Musste ich mich vielleicht wieder mit einem Dämon in Gefahr begeben, damit er erneut auftauchte? Ich gab keine gute Jungfrau in Nöten ab, also bezweifelte ich, dass dieser Plan funktionieren würde. Und nicht nur das: Was wäre, wenn ich in Gabriels Händen landete? Selbst wenn ich einen Weg fände, Zayne hervorzulocken, wie sollte ich dann das Schwert des Michael einsetzen? Da er spürte, wann ich meine Gnade herbeirief, könnte ich nicht auf das Überraschungsmoment setzen. Ich musste gegen ihn kämpfen und dabei irgendwie die Oberhand gewinnen. Um das durchzuziehen, brauchte ich alle Kraft. Das glich der Neuauflage des Kampfs gegen Gabriel, und wie der geendet hatte, wusste ich ja.

Ich wünschte, es gab etwas, das Zayne nicht nur zu mir brachte, sondern auch noch bewusstlos machte.

Ich seufzte. Mir war klar, dass Wünsche an die Sterne nicht erhört wurden, aber ich wollte es zumindest versuchen …

Plötzlich machte ich große Augen. Denn während ich zu Zaynes sanft leuchtendem Sternbild hinaufblickte, wurde mein Wunsch in Form einer Idee erfüllt.

Denn es gab durchaus jemanden, von dem ich spürte, dass er Zayne dazu bringen könnte, zu mir zu kommen, ob er wollte oder nicht. Und wenn überhaupt jemand wusste, wie man einen gefallenen Engel außer Gefecht setzte, dann sie.

Die Alte.

Nachdem ich eine Möglichkeit entdeckt hatte, wie ich Zayne dorthin bringen konnte, wo ich ihn brauchte, war an Schlaf natürlich nicht mehr zu denken.

Aufgekratzt schwang ich die Beine über die Bettkante und schaltete die Nachttischlampe ein. Das einzige Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich das Hotel befand, in das mich Roth gebracht hatte, als wir auf die Hexen getroffen waren. Schließlich war ich nicht imstande gewesen, irgendein Straßenschild zu sehen, oder hätte so weit gedacht, danach zu fragen. Vielleicht hatte die Alte die Stadt schon wieder verlassen, so wie der Rest des Hexenzirkels. Na ja, also die, die noch lebten.

Roth und Layla konnte ich wohl auch nicht fragen, da ich davon ausging, dass es in der Hölle keinen Handyempfang gab. Gideon würde wahrscheinlich den Standort herausfinden können, aber ich war mir nicht sicher, ob ich die übrig gebliebenen Mitglieder des Hexenzirkels auf das Radar der Wächter setzen wollte. Natürlich, momentan hatten sie Wichtigeres zu tun. Hatten wir alle, aber Hexen standen definitiv auf der Zu-vernichten-Liste von Wächtern. Und einige, beispielsweise Faye, hatten es auch echt verdient, nachdem sie dem Senator einen Zauber zur Verfügung gestellt hatten, der im Grunde Menschen zu Kanonenfutter gemacht hatte. Aber nicht alle Hexen waren so schlecht.

Nur die, die sich gewisse Teile meines Körpers zunutze machen wollten.

Doch es bestand durchaus die Möglichkeit, dass die Wächter danach, falls es überhaupt ein Danach geben sollte, die Hexen verfolgten. Aber sosehr ich die Information, wo sich die Alte aufhielt, auch brauchte, das konnte ich nicht bringen.

Allerdings kannte ich einen bestimmten Dämon, der zwar nicht auf meine Anrufe reagierte, aber damals im Hotel aufgetaucht war und den Deal beendet hatte, sodass Bambi freigekommen war.

Ich merkte, dass ich mein Handy in der Küche gelassen hatte, also stand ich auf, ging zur Schlafzimmertür und öffnete sie.

Das explosionsartige Kribbeln entlang meiner Schädelbasis setzte plötzlich und scharf ein. Rasch griff ich mir an den Oberschenkel, nur um festzustellen, dass meine Eisendolche nicht da waren. Lagen sie auf der Kommode? Nope. Auf der Ablage im Badezimmer. Verdammt.

Aber ich hatte meine Gnade. Sie pulsierte in meiner Brust, wenn auch nicht so intensiv wie sonst. Ich brauchte Ruhe und Zeit, aber beides war wohl so bald nicht in Sicht.

Die offene Fläche in dem engen Flur schien mir verzerrt. In der großen Hoffnung, dass es sich nicht um einen weiteren gruseligen Ghul handelte, und in dem Versuch, wegen der Vorstellung, dass ein Dämon im Begriff war, in der Wohnung aufzutauchen, nicht auszuflippen, beschwor ich die Gnade.

Nur einen Sekundenbruchteil später stand ein dunkelhaariger Dämon vor mir. Erleichterung durchströmte mich, als ich Cayman erkannte.

Daraufhin rief ich die Gnade zurück. »Ich war so kurz davor, dich zu töten. Wie bist du hier reingekommen?«

»Da ich eingeladen wurde, kann ich kommen, wann immer ich will.« Einfach so ließ er die Informationsbombe platzen und strich sich das vom Wind zerzauste Haar aus dem Gesicht. »Und ja, bevor du fragst, das ist der Ursprung des Vampir-Mythos. Die Notwendigkeit, hereingebeten zu werden. Und nein, Vampire gibt’s nicht. Dämonen schon.«

Ich hatte nicht vor, nach dieser ganzen Vampir-Sache zu fragen, und ich konnte mich auch nicht erinnern, dass Zayne oder ich Cayman irgendwann hierher eingeladen hatten. Ebenfalls bezweifelte ich, dass Zayne davon erfreut wäre, aber im Moment war das egal. »Ich hab versucht, dich zu erreichen.«

»Ach, echt? Na ja, ich war damit beschäftigt, durch die ganze verdammte Stadt zu rennen, alle Chaos-Dämonen loszuwerden und dabei zu versuchen, am Leben zu bleiben«, erzählte er, und jetzt, da er es erwähnte, fiel mir auf, dass er tatsächlich ein bisschen fertig wirkte. Für gewöhnlich war Cayman ziemlich aus dem Ei gepellt, aber das schwarze Shirt mit dem Aufdruck der Band BTS war zerknittert und am Hals zerrissen, und keine Ahnung, ob das Loch am Knie seiner Jeans ein modisches Statement war oder nicht.

»Deshalb habe ich heute Nacht keine Dämonen gespürt? Warum?«, wollte ich wissen, denn was sollte schon schiefgehen? »Was ist los?«

»Was los ist?« Caymans dunkle Brauen schossen in die Höhe. »Ist das jetzt dein Ernst? Als wüsstest du nicht Bescheid!« Er trat näher, und ich roch … verbranntes Holz? Und seine Augen, die normalerweise einen goldenen Farbton besaßen, wirkten nun wie glühende Kohlen. »Was hast du getan, Trinity?«

Ich runzelte die Stirn. »Äh, hm, ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich habe nichts gemacht, und dennoch bist du hier, in meiner Wohnung. Muss ich dich daran erinnern, dass du Angst vor mir hast?«

»Ja, du warst eine der bösesten Kreaturen, die auf diesen Straßen unterwegs waren, und ich hatte Angst vor dir, aber das war, bis ich einem gewissen verdammten gefallenen Engel begegnete, der eine Himmelstonne Gnade rockt, der offenbar Amnesie und eine urplötzlich extreme Abneigung gegen alle Dämonen hat.«

»Oh«, flüsterte ich und verkrampfte mich sofort. »Du sprichst von Zayne.«

»Oh? Oh? Ist das alles, was du zu sagen hast? Ja! Ich spreche von Zayne, der zufällig ein sehr, sehr mächtiger gefallener Engel ist, falls du mich beim ersten Mal nicht richtig verstanden hast.«

»Ich hab dich schon verstanden. Deshalb habe ich ja versucht, dich zu erreichen. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass er dich oder einen anderen Dämon angreifen würde, aber ich habe versucht, dich zu warnen. Du bist nicht ans Handy gegangen.«

Wütend kniff Cayman die Augen zusammen. »Ich telefoniere nicht gern.«

»Ich hab dir eine Nachricht geschickt!«, gab ich zurück. »Und ich zitiere: Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.«

»Wie ich schon sagte: Ich war irgendwie damit beschäftigt, am Leben zu bleiben.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Und woher sollte ich das wissen?«

»Hast du vielleicht eine Nachricht hinterlassen, die besagte: ›Hey, mein liebster Dämonen-Makler, Zayne ist zurück? Er ist übrigens ein gefallener Engel, also haust du besser schnell über alle sieben verdammten Berge ab!‹«

»Ich fand nicht, dass das etwas war, das ich als Nachricht hinterlassen sollte, weil mir auch niemand geglaubt hat, als ich das zum ersten Mal erzählt habe«, erklärte ich. »Außerdem hatte ich keinen Schimmer, dass er Dämonen jagen würde.«

»Natürlich jagt er Dämonen!«, meinte Cayman, als wäre das etwas, das ich bereits hätte wissen müssen. »Er ist ein frisch Gefallener. Die haben es auf alles und jeden abgesehen, der auch nur einen Funken Macht in sich trägt, und Dämonen hassen sie besonders. Es dauert Jahrzehnte, bis sie diese Ich-bin-immer-noch-besser-als-ihr-niederen-Dämonen-Einstellung überwunden haben. Denn, hallo, was glaubst du eigentlich, woher Wächter das haben? Deshalb sind auch so wenige dem Team Hölle beigetreten. «

»Moment mal!« Ich starrte Cayman auf. »Du wusstest, was Wächter ursprünglich waren?«

»Na logo, Trinity.« Er drehte sich um und ging in die Küche. Während er sich bewegte, ging das Licht an. »Wenn man um sein Leben rennt, bekommt man Appetit, und ich bin am Verhungern.«

»Wie, in alles in der Welt, habt du und Roth Bescheid gewusst und es geschafft, relativ dichtzuhalten?« Ich sah ihm hinterher. »Wieso haben das die Dämonen nicht von den Dächern gerufen?«

»Nicht jeder Dämon weiß Bescheid.« Cayman hob die Hand, und eine Schachtel Cheez-It-Snack-Mix flog quer durch die Küche in seine Hand.

Manno, das hätte ich auch so gern gekonnt.

»Nur die Ältesten und die, die am meisten mit dem Boss verbunden sind, kennen die wahren Ursprünge der Wächter. Es von den Dächern zu schreien würde diesen lästigen blinden Glauben besiegen, oder? Das würde den da oben und den da unten verärgern. Dafür hat doch niemand Zeit.« Er öffnete die Schachtel, während er sich auf die Couch fallen ließ. »Und egal, welche Wächter auch immer ihre Herkunft herausgefunden haben, sie haben das lieber mit ins Grab genommen, als zuzugeben, dass sie von Gefallenen abstammen«, erklärte Cayman und wiederholte damit nahezu das, was schon der Thronende gesagt hatte. »Wächter haben die Geschichte, was aus den gefallenen Engeln wurde, neu geschrieben. Sie löschten ihr eigenes schmutziges kleines Geheimnis aus.«

»Okay. Na toll. Du weißt alles über gefallene Engel, aber du liegst trotzdem falsch.« Ich ließ mich in die andere Ecke der Couch fallen. »Ich habe nichts gemacht. Zayne hat sich entschieden, ein Gefallener zu sein.«

Cayman drehte den Kopf in meine Richtung, und ich wünschte, ich hätte sagen können, ob seine Augen den rötlich-schwarzen Farbton verloren hatten. »Erzähl!«

Also erzählte ich.

Ich erzählte Cayman alles, was ich wusste, bis zu dem Moment, als mir klar wurde, dass die Alte mir eine Hilfe sein könnte. »Also, meinst du, was der Thronende gesagt hat, stimmt? Dass meine Gnade Zayne nicht tötet, sondern zurückbringt?«

»Ehrliche Meinung? Keine Ahnung!«, gab er zu und stellte die leere Schachtel auf den Couchtisch. Wie er die ganze Schachtel mit Käsekräckern hatte essen können, war mir ein Rätsel. »Ich habe noch nie erlebt, dass ein Gefallener etwas anderes geworden ist als ein Wächter oder ein wirklich großer Spieler ganz unten. Und die, die in meinem Team sind? Diejenigen, die’s mit intakten Flügeln und ihrer Gnade in die Hölle geschafft haben, haben beides nicht lange behalten. Unser Boss ist nicht dumm genug, um zuzulassen, dass etwas, das annähernd so mächtig ist wie er, denselben 666-Bereichscode besetzt. Er hat ihnen die Flügel abgestreift und damit die Gnade genommen. Doch selbst dann sind diese Gefallenen immer noch verflucht mächtig. Nicht einmal Roth will sich mit einem von denen anlegen. Doch zum Glück für ihn und uns alle haben sie viel zu viel Freude an ihrer eigentlichen Arbeit.«

»Haben gefallene Engel in der Hölle Jobs?«, fragte ich.

»Jeder hat einen Job, Trin Trueborn. Wir nennen sie Richter. Sie verbringen ihre Zeit damit, dafür zu sorgen, dass wirklich schlechte Menschen sich bis in alle Ewigkeiten wünschen, sie hätten bessere Lebensentscheidungen getroffen«, sagte er. »Aber die Sache ist die, dass schon verdammt lange keine Engel mehr gefallen sind, nämlich ungefähr seit dem Byzantinischen Reich nicht mehr. Und dann gibt’s da noch Layla. Sie ist am ehesten eine Gefallene, aber auch nicht wirklich.«

»Hä? Ich dachte, sie wäre teils Wächter und teils Dämon?«

»Einerseits ja, andererseits nein. Langer Rede kurzer Sinn: Sie hat das Blut eines der Ursprünglichen – du weißt schon, eines der allerersten Engel, die gefallen sind. Genau wie ihre Mutter, aber noch mal: Layla ist trotzdem keine echte Gefallene. Genauso wenig wie Lilith.«

Das wusste ich nicht und hatte das Gefühl, dass hinter der Geschichte noch eine ganze Menge mehr steckte.

»Wie auch immer, ich bin ja kein Experte, was bei einem kürzlich Gefallenen möglich ist, der seine Flügel und die Gnade besitzt, also kann ich nicht sagen, ob dieser Thronende die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Ich traue Engeln weniger als den meisten Dämonen, aber irgendwie ist das ganz süß, finde ich.«

Verwirrt sah ich ihn an.

»Dass er für dich gefallen ist. Das ist … das ist krass. Das ist wahre Liebe. Du weißt ja, dass Roth gegen die Anweisung des Bosses gehandelt hat, um mit Layla zusammen zu sein.« Cayman beugte sich vor. »Das steht auf einer Stufe mit dem Fallen eines Engels und bedeutet, dass er tiefe Liebe für dich empfindet.«

»Ja«, flüsterte ich und sank ins Sofapolster.

»Und nenn mich ruhig einen dummen romantischen Dämon, aber ich muss einfach daran glauben, dass mit dieser Art von Liebe alles möglich ist.« Damit lehnte er sich zurück und schlug die Beine übereinander.

»Das glaube ich auch«, pflichtete ich ihm bei und gähnte leise. »Hat Zayne Dämonen getötet?«

»Ja. Ein paar. Okay, mehr als ein paar. Hat ein ganzes Haus voller Dämonen ausgeschaltet, um ehrlich zu sein«, antwortete er.

»Oh nein.« Entsetzt fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht.

Cayman gluckste. »Sieh dich nur an, du hast Mitleid mit toten Dämonen. Du bist eine beschissene Trueborn, weißt du das?«

»Ja, ich weiß, Zayne ging’s bisher nicht ums Töten … zumindest nicht von wirklich bösen Dämonen.«

»Yep, stimmt. Er ist ein progressiver Wächter«, sagte er, und ich ließ die Hand sinken. »Beziehungsweise war er das. Wie auch immer, mach dir keine Gedanken. Das waren ›nicht ganz so böse‹ Dämonen. Er hat einige erwischt, die es verdient haben. Solche, die schlampig wurden und die Regeln verwässert haben. Die im Haus waren bloß ein Rudel Raver.«

»Das hättest du auch gleich sagen können, oder?« Raver waren wie riesige Ratten-Dämonen auf zwei Beinen, die alles fraßen, auch Menschen … und selbst die Knochen.

»Und du hättest mit ›Mein Freund ist jetzt ein gefallener Engel‹ anfangen können«, gab er zurück, und ich glaubte ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. »Damit sind wir wohl quitt.«

»Schätze schon. Sorry, dass er hinter dir her war«, lenkte ich ein. »Das meine ich wirklich so.«

»Ja, das kauf ich dir sogar ab. Und ich nehm’s Zayne nicht persönlich.« Kurz hielt Cayman inne. »Und irgendwie war es auch hot.«

Stirnrunzelnd sah ich ihn an.

»Was ist? Der gefallene Engel Zayne steht ganz oben auf dem Hotness-Barometer. Ich kann’s doch nicht ändern.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin schließlich ein Dämon.«

»Zayne wäre bestimmt glücklich, zu hören, dass er dich als seinen größten Fan nicht verloren hat«, sagte ich ironisch.

»Oh, ich bin nicht sein größter Fan. Das ist Bambi.«

»Was?« Ich hob die Hand. »Stopp. Sprich nicht weiter. Ich verfüge nicht über genügend Platz im Hirn, um das zu verkraften.«

Cayman kicherte, und es war genauso unheimlich, wie ich mir das Kichern eines Dämons vorstellte. »Übrigens, ist er, seitdem er ein Gefallener ist, mal hier gewesen? Wenn ja, war es mir ein Vergnügen, mit dir geplaudert zu haben, aber dann muss ich jetzt wie ein Gummiball hier raushopsen.«

»Noch nicht. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er sich nicht erinnern kann, wo er wohnt, oder ob er das Apartment schlicht meidet.«

»So oder so, ich bewerte das als gutes Zeichen.« Cayman stützte einen Arm auf die Lehne der Couch. »Und das solltest du auch.«

Stimmt, nur dass Zaynes Auftauchen hier die Suche nach ihm viel einfacher machen würde. Allerdings wäre das in Sachen Überrumpelung wieder gar nicht hilfreich. »Weißt du eigentlich, ob die Alte immer noch in diesem Hotel wohnt?« Ich brachte uns wieder in die richtige Spur, und es war seltsam, dass ausgerechnet ich das tat, da ich doch normalerweise diejenige war, die alle vom Weg abbrachte. »Und kannst du mir sagen, wo das Hotel ist?«

»Ich kann dich hinbringen, aber ich habe keine Ahnung, ob die Alte noch da ist, und dort angekommen, bist du dann auf dich allein gestellt«, fügte er hinzu. »Ich finde, du bist ein cooler kleiner Halbengel, aber ich lege mich nicht mit den Hexen an, es sei denn, ich werde angefordert, um einen Deal zu vermitteln. Ich möchte nicht versehentlich eine von ihnen verärgern, sodass unaussprechliche Teile von mir, die ich gut finde, abfallen oder etwas ähnlich Schreckliches.«

»Verständlicherweise.«

»Und bevor du verlangst, dass ich dich jetzt sofort da hinbringe oder sobald die Sonne aufgeht … Um diese Zeit ist die Alte noch nicht auf den Beinen, und sonntags ist sie sowieso bei ihrer Familie.«

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass morgen Sonntag war. Beziehungsweise heute. Na, egal. »Auch Hexen betrachten den Sonntag als Ruhetag?«

»Ja, tun sie. Genau wie einige Dämonen.«

Aha, okay.

»Am besten versuchst du’s am Montagnachmittag.« Er hatte die Füße auf den Couchtisch gelegt, ich trat sie schnell wieder herunter, und er hob entschuldigend die Hand. Die Fernbedienung flog daraufhin in seine Richtung. »Ruh dich etwas aus. Ich halte die Stellung.« Obwohl Schlafen das Letzte zu sein schien, was ich momentan konnte, brauchte ich Ruhe, trotzdem konnte Cayman nicht hierbleiben.

»Du solltest gehen«, erklärte ich ihm.

Cayman hob eine Augenbraue. »Wie unhöflich.«

»Es ist nicht so, dass ich dich nicht hierhaben will. Aber es ist hier nicht sicher für dich«, argumentierte ich. »Zayne war noch nicht hier, aber das heißt ja nicht, dass er nicht noch kommen könnte. Selbst dir bereitet das Sorgen, und wenn er kommt, während ich schlafe, bist du tot.«

»Und wenn er kommt, während ich schlafe, bist du tot«, unterstrich er meine Befürchtung.

»Er hat mich noch nicht umgebracht, obwohl er ausreichend Gelegenheit dazu hatte. Ich glaube nicht, dass er herkommen wird, aber wenn du hier bist, finde ich keine Ruhe, sondern sorge mich, dass du getötet wirst, während ich meinen Schönheitsschlaf halte«, antwortete ich. »Du kannst doch irgendwohin, oder?«

Er nickte. »Ich kenne Plätze, an denen Zayne noch nicht war.«

»Dann los. Ich schicke dir morgen früh eine Nachricht.«

Einen Moment musterte mich Cayman. »Heißt das, du magst mich? Dass du mich gernhast? Wirst du irgendwelche zukünftigen Babys nach mir benennen?«

Ich rollte mit den Augen. »So weit würde ich jetzt nicht gehen.«

»Aber du magst mich.« Er richtete die Fernbedienung zuerst auf mich, dann auf sich. »Einer winzig kleinen Trueborn liegt die Sicherheit eines Dämons am Herzen. Die Welt wird ganz sicher untergehen.«

»Wie auch immer.« Ich grinste. »Raus aus meinem Haus.«

»Es ist ein Apartment.«

»Halt die Klappe.«

Lachend erhob sich Cayman von der Couch. »Ich werde nicht lügen. An deiner Stelle wäre ich lieber sehr weit weg von dem Ort, an dem der gefallene, aber superscharfe Zayne auftauchen wird, also versuch, zwischen jetzt und morgen nicht getötet zu werden.«

»Ich probier’s.«

»Bis später, Stubenhocker.« Cayman machte zuerst das Peace-Zeichen und verschwand dann auf diese rasend schnelle, einmalige Dämonen-Art.

Auch darauf war ich echt neidisch.

Ich vergewisserte mich, dass die Wohnungstür verschlossen war, schlurfte zurück ins Bett, und in dem Moment, als mein Kopf das Kissen berührte, schlief ich auch schon ein.

Keinen Schimmer, was mich geweckt hatte, aber irgendetwas war da. Irritiert setzte ich mich auf. Draußen war es immer noch dunkel, doch das Zimmer war durch Zaynes Sternenbild sanft beleuchtet. Ich wünschte mir, meine Augen würden rascher wach werden, und schaute mich im Zimmer um.

Zwischen meinen Schulterblättern begann es zu prickeln, und plötzlich war ich hellwach.

Ein Dämon war in der Nähe.

War Cayman zurückgekehrt? Ich bezweifelte das, schob die Decke von mir und stand auf. Das von Zayne geborgte Schlafshirt glitt über meine Hüften und Oberschenkel, während ich nach meinen Dolchen griff …

Verdammt, sie waren immer noch im Badezimmer. Ich eilte dorthin und schnappte sie mir von der Ablage. Dann machte ich mich auf den Weg ins Wohnzimmer. Das Deckenlicht in der Küche brannte noch, eine Gefälligkeit von Cayman, und ich konnte sehen, dass niemand in der Wohnung war. Das kribbelige Gefühl zwischen meinen Schultern hielt jedoch an. Befand sich in einer Wohnung in der Nähe ein Dämon?

Und wo, zur Hölle, war eigentlich Peanut?

Ich ging auf die Wohnungstür zu, als ich es hörte – ein klickendes, kratzendes Geräusch auf Glas. Langsam drehte ich mich zu den bodentiefen Fenstern um. Zwar konnte ich nichts außer Dunkelheit und entfernten, undeutlichen Lichtern erkennen, aber das hieß nicht, dass nicht etwas an den Fenstern kratzte.

»Oh Mann«, nuschelte ich und schlich vorwärts. In Anbetracht der Tatsache, dass wir ziemlich weit oben wohnten, wusste ich, dass da draußen wohl kein harmloses Tier sein würde.

Die Eisendolche fest umklammert, schritt ich an der Couch vorbei und wurde verhaltener. Da draußen war definitiv etwas – der Schatten war breiter. Da war auch wieder dieses unheimliche Klicken, gefolgt von dem Geräusch von etwas Scharfem, das sich an dem Glas zu schaffen machte.

Blinzelnd blieb ich vor der Fensterscheibe stehen, beugte mich vor und drückte das Gesicht an das kühle …

Glühend kohlenrote Augen über abgeflachten, pelzbesetzten Nasenlöchern starrten mich an.

Erschrocken schrie ich auf und machte einen Satz rückwärts. Plötzlich wusste ich auch, warum es schien, als würden sich die Schatten bewegen. Es waren Flügel, die ich gesehen hatte, und vor den Fenstern lauerte definitiv etwas Pelziges.

»Trolle«, murmelte ich schwer seufzend. Das letzte Mal, dass ich sie gesehen hatte, waren sie vom Boten geschickt worden. Das hieß, wenn sie jetzt hier waren, wusste Gabriel, wo ich war.

Nicht gerade überraschend, aber erschreckend.

Und nervig.

Denn eigentlich wollte ich nur schlafen, mit der Alten reden und meinen leicht psychotischen Freund in Ordnung bringen. War das denn zu viel verlangt? Vielleicht würde der Troll verschwinden, wenn ich ihn einfach ignorierte.

Doch der Troll schlug mit einer krallenbewehrten Faust gegen das Fenster und ließ die Scheibe vibrieren.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Dieses verfluchte Ding würde noch die Scheibe zerspringen lassen, und das war so ziemlich das Letzte, womit ich mich beschäftigen wollte.

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab. Der Troll schlug wieder gegen das Glas. »Ja, ja. Ich höre dich. Du willst spielen. Dann spielen wir eben.«

Barfuß, halb bekleidet und ohne groß nachzudenken, betrat ich den Aufzug und drückte den Code für die Dachterrasse. Ich hoffte, dass niemand dort oben war, und stellte erleichtert fest, dass es sich leer anhörte, als die Türen leise aufglitten.

Ich war noch nie hier gewesen, erinnerte mich aber, dass Zayne einmal erzählt hatte, dass das Ganze als Grünfläche für die Mieter gedacht war. An hohen Stangen aufgereihte, matt schimmernde Solarlichterketten, verbunden mit weißen Sonnensegeln, die über weite Teile des Daches gespannt waren. Der Geruch von Chlor war ein Hinweis darauf, dass es irgendwo einen Pool gab. Während ich vorsichtig um die Liegestühle und runden Tischchen ging, hatte ich am ganzen Körper Gänsehaut. Vielleicht lag es an meinen Augen, aber ich sah keine »Grünflächen«, als ich über dieses Dach strich. Eine kühle Brise erfasste Sonnensegel, und ich näherte mich der gläsernen Brüstung, die verhinderte, dass jemand vom Dach stürzte.

Mit einem Eisendolch ans Glas pochend, rief ich: »Ich bin hier oben und warte. Beeil dich. Ich bin müde und hab schlechte Laune.«

Zunächst herrschte Stille, dann drang ein tiefer Schrei an meine Ohren. Ich trat von der Glasbrüstung zurück und holte Luft. Das Solar- und Mondlicht reichte kaum. Ich hatte große Probleme, etwas zu erkennen, aber das Ganze war machbar. Ich war schon unter übleren Bedingungen zurechtgekommen und auch mit weit weniger Training.

Nur eine Sekunde später fegte eine dunkle Gestalt von der Seite des Gebäudes herauf und über die gläserne Wand hinweg. Sie landete auf zwei krallenbewehrten Füßen kurz vor mir, und einen Moment lang wünschte ich mir echt, ich hätte den Troll nicht sehen können.

Dieses Ding musste von einem Dämonen-Baum gefallen sein und auf dem Weg nach unten jeden hässlichen Ast getroffen haben. Es sah aus wie eine riesige wandelnde Fledermaus und hob kreischend seine fast durchsichtigen Flügel.

Ohne zu zögern, rammte ich ihm den Eisendolch tief in die Brust. »Dumpfbacke«, murmelte ich, während der Dämon in Flammen aufging.

Trolle waren notorisch gewalttätig und ihre Klauen ziemlich giftig für Menschen und Wächter, aber sie waren nicht gerade für ihre Intelligenz bekannt, was sie soeben erneut unter Beweis gestellt hatten.

Gähnend drehte ich mich um und ging zurück zur Fahrstuhltür, während ich von dem weichen, nach Zayne duftenden Kissen träumte. Ich hatte zwei Schritte geschafft, als ein Schatten vom Himmel fiel und mit einem harten Schlag auf dem Dach landete. Und dann noch einer und noch einer …

Sieben Trolle standen vor mir, die Körper gekrümmt. Vielleicht waren es auch acht.

Schlingernd kam ich zum Stehen und riss die Augen auf, während einer von ihnen zischte. Trolle waren nie allein unterwegs. Das hatte ich glatt vergessen. »Ich bin hier die Dumpfbacke«, flüsterte ich und wich vor den Dämonen zurück, während bereits meine Gnade in mir pochte.

Einer der Trolle taumelte vorwärts, und ich tauchte auf den Boden ab. Sein ausgestreckter Arm fegte über meinen Kopf, dann sprang ich auf und stieß den Dolch in seinen Rücken. Hitze wehte in meine Richtung, als ich herumwirbelte und den Dolch in die Brust eines anderen stieß.

Flammen entstanden, während ein Flügel durch die Luft schnitt, mich seitlich erwischte und fast umwarf. Ich stolperte über einen Sessel, der wie aus dem Nichts auftauchte, und landete auf dem … künstlichen Rasen.

Oh, hey, ich hatte die Grünfläche doch gefunden.

Sofort sprang ich wieder auf, scannte das dunkle Dach und drehte mich mit klopfendem Herzen nach einem Hinweis auf die Trolle um. Es mussten noch fünf oder sechs übrig sein. Ich war mir nicht sicher. Zählen war nicht leicht.

Ein Fleck aus verfilztem Fell und Rot erschien vor mir. Der Troll war zu nah. Schnell machte ich einen Satz rückwärts und schnappte mir den Sessel, der mir eben noch im Weg gewesen war. Ich hob ihn hoch und warf ihn nach dem Troll.

Er quietschte, als ihn der Sessel im Gesicht traf. Ich blieb stehen, weil ich solch ein Geräusch noch nie von einem Troll gehört hatte. »Du klingst wie ein Hundespielzeug. Das ist irgendwie süß.«

Den Sessel beiseiteschiebend, wollte sich der Troll auf mich stürzen.

Doch ich tänzelte seitwärts und erwischte den Dämon mit dem Dolch an der Kehle. Schwefelgestank erstickte mich fast, als ich über die Überreste des Sessels stieg. »Trotzdem riechst du gar nicht süß.« Ich würgte. »Oder siehst süß aus …«

Krallen schnappten nach der Rückseite meines Shirts, und nur einen Herzschlag später war ich in der Luft, hoch über dem Dach und stieg schnell auf. Das viel zu große Hemd hob sich, während der Troll übers Dach flog. Unfreiwillig schlüpfte ich aus dem Shirt. Panik explodierte in mir. Welche Unterwäsche trug ich eigentlich? Oh Gott, es war das Paar mit dem Mittwoch- und Vögel-Tag-Aufdruck auf dem Po. Ich würde aus diesem verdammten Shirt in den Tod fallen und auf dem Gehweg in Unterhosen gefunden werden, auf denen Mittwoch stand, obwohl Sonntag war.

Die Leute würden denken, dass ich meine Unterhose schon tagelang trug. Der Gerichtsmediziner wäre entsetzt.

Das konnte ich nicht zulassen.

Immer noch über dem Dach, schwang ich die Dolche in einem hohen, weiten Bogen und schnitt durch die Arme des Trolls.

Er kreischte, und heißes Blut spritzte auf meinen Kopf, und dann fiel ich, und zwar schnell. Das üble Gefühl eines Déjà-vus überkam mich, aber dieses Mal war da kein Beschützer, der mich retten konnte. Dieser Sturz würde mich nicht umbringen, aber er würde sehr wehtun, eine Menge gebrochener Knochen bedeuten, und ich war eben erst mit der letzten Heilung durch.

Zumindest glaubte ich nicht, dass mich dieser Sturz umbringen würde. Mit stotterndem Herzschlag stellte ich mich auf den kommenden Schmerz ein.

Doch auf einmal fasste mich ein Arm um die Taille und stoppte meinen freien Fall so plötzlich, dass mir die Luft aus den Lungen entwich. Ich glich einem Jo-Jo, flog so ruckartig und schnell nach oben, dass sich mein gesamter Körper verkrampfte. Unbewusst öffnete ich die Hände, die Dolche rutschten heraus und fielen aufs Dach, während mein Rücken auf eine harte Brust traf, die kälter war als die Luft.

Wintermint umgab mich.

Mit klopfendem Herzen drehte ich den Kopf und sah, wie pralle weiße Federn, die mit Gold durchzogen waren, durch die Luft schwebten.

Zayne hatte mich aufgefangen.

Woher er gekommen oder warum er hier war, spielte keine Rolle. Er hatte mich erwischt, genau wie schon zuvor, und das war ein weiterer Beweis dafür, dass er immer noch da drin war.

»Du hast mich gerettet«, brachte ich keuchend hervor. »Mal wieder.«

»Hab ich das?«

»Ganz offensichtlich«, stieß ich mühsam hervor, kaum in der Lage, in dem kalten, böigen Wind zu atmen. Kurz schaute ich über die Schulter – und sah direkt in lebhafte blaue Augen, die von der Gnade erhellt waren.

»Buh!«

Fragend runzelte ich die Stirn. »Was bedeutet ›buh!‹?«

Um einem Troll auszuweichen, steuerte Zayne nach links. »Das.«

Zayne ließ los.

Er ließ mich einfach fallen.