Zayne ließ mich tatsächlich fallen.
Zu verblüfft, um auch nur zu schreien, stürzte ich hinab. Kreischend schoss die dunkle Gestalt eines Trolls auf mich zu, und wäre das nicht echt Shit, wenn mir ausgerechnet ein verdammter Troll das Leben retten sollte?!
Doch Zayne erwischte den Troll mitten im Flug …
Der Schock von Wasser erfasste plötzlich meine Lungen, es schlug hoch, verschluckte mich und zog mich nach unten. Chlor brannte mir in Augen und Nase.
Ich hatte den blöden Pool getroffen.
Als ich wie ein schwerer Sack Steine auf den Boden des Beckens sank, peitschte glühend heiße Wut durch mich hindurch und entfachte meine Gnade. Die Ränder meines Sichtfelds wurden weiß, als ich die Füße auf den Beckenboden aufsetzte und mich abstieß. Ich schwamm nach oben, angetrieben von purem, unbändigem Zorn. Ich durchbrach die Wasseroberfläche und atmete schnappartig ein, während ich »Arschloch!« brüllte.
Das Kichern als Reaktion versetzte mich nur weiter in Rage. Wahrscheinlich hatte ich einen wutbedingten Blackout, denn ich wusste nicht mal, wie ich es danach an den Rand des Pools geschafft hatte. Wasser rann an mir herunter, als ich vorwärts hechtete, wobei das Shirt an einigen sehr unaussprechlichen Stellen klebte. Hitze kroch wellenartig meinen Arm hinunter, gefolgt von wirbelndem weißen Feuer. Die Gnade explodierte aus meiner Hand und spuckte Flammen, während sich meine Finger um den glühenden Griff krümmten, der sich an meiner Handfläche bildete. Das Schwert war zwar schwer, aber vertraut.
Ein Troll fiel aus dem Himmel und landete vor mir. Er öffnete das Maul.
»Halt die Klappe«, stieß ich hervor und zog das Schwert des Michael durch den Dämon, obwohl meine Aufmerksamkeit einzig und allein auf die golden-weißen Flügel vor mir gerichtet waren.
Jemand stand kurz davor, ein paar schöne Federn zu verlieren.
Ein Troll brannte lichterloh, als Zayne auf mich zugewirbelt kam. Sein Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Doch er klappte ihn wieder zu und senkte den Blick.
»Das war nicht cool«, stieß ich hervor.
»Du hast nach Dämonen-Blut gestunken«, antwortete er ausdruckslos und neigte den Kopf zur Seite. »Du bist sehr nass, kleines Nephilim.«
Ich bemerkte, dass sein Blick an zwei sehr persönlichen Körperstellen hängen blieb, die dank des durchnässten Shirts deutlich hervortraten, und stellte fest, kein Problem damit zu haben, ihm in diesem Moment ins Herz zu stechen.
Ganz und gar nicht.
»Außerdem bin ich sehr angepisst.« Ich führte die Hände am Griff zusammen, während ich das Schwert nach vorn schwang. Die Gnade spuckte knisternd Feuer und lud die Luft auf.
»Das merke ich.« Ruckartig bewegte sich Zayne vorwärts und erwischte meine Handgelenke, bevor ihn das Schwert erwischen konnte. »Und irgendwie törnt mich das an.«
Ein Wutschrei entwich meiner Kehle, ich lehnte mich zurück und verlagerte das Gewicht auf einen Fuß. Dann trat ich aus und erwischte ihn im Magen.
Zayne ächzte, ließ aber nicht los. »Autsch.« Er drehte seinen Arm und wirbelte mich herum. Dann zog er mich wieder an sich, und die Kühle seiner Haut drang durch mein dünnes, feuchtes Shirt. »Haben wir uns nicht erst vor ein paar Stunden in genau derselben Situation befunden?«
Weißes Feuer knisterte pulsierend, während ich mich gegen seinen Griff stemmte. »Als du meintest, du würdest mich töten, wenn wir uns das nächste Mal begegnen?«, blaffte ich zurück. »Aber stattdessen hast du mich gerettet.«
»Doch noch bin ich nicht weg.« Er senkte das Kinn und streifte meine Wange. »Oder siehst du das anders?«
»Nein, und die Nacht ist noch jung.« Ich warf den Kopf zurück, aber er wich meinem Hieb aus. »Warum bist du überhaupt hier?«
»Ich hab deine Wohnung beobachtet.«
Ich erstarrte. Jetzt wusste ich, dass er sich daran erinnerte, wo wir wohnten. »Das ist gruselig.«
»Ach ja?«
»Ja, und es nicht richtig. Denn es ist unsere Wohnung.«
Der Griff um meine Handgelenke wurde fester. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst.«
»Natürlich nicht. Red dir nur weiter ein, dass du mich umbringen wirst oder dass du mich nicht gerettet hast, obwohl du das tun musstest. Tu, was auch immer dir ein gutes Gefühl gibt.«
Sein anderer Arm legte sich um meine Taille. »Du gibst mir ein gutes Gefühl.«
Als Reaktion auf seine Worte und seine Stimme, die plötzlich rauer, tiefer klang, errötete ich und war beschämt. Keine Ahnung, ob ich mich mehr über mich selbst oder ihn ärgerte.
»Du wirst vor Erschöpfung noch tot umfallen.« Langsam ließ er die Lippen über meinen Kiefer wandern, was dazu führte, dass mir ein ziemlich unangemessener Schauer über die Haut lief. »Und was dann, kleines Nephilim? Keine Gnade. Keine Dolche. Dann gibt es nur noch dich und mich.«
»Es gab immer nur dich und mich, Zayne.«
Ob es nun diese Worte waren oder die Tatsache, dass ich seinen Namen ausgesprochen hatte, auf jeden Fall war Zayne derart erstaunt, dass er den Griff lockerte und ich mein linkes Handgelenk befreien konnte. Ich wandte mich von ihm ab, und eine Sekunde lang pochte das Schwert des Michael intensiv zwischen uns.
Dann lächelte Zayne, und mein Herz geriet ins Stolpern, weil es dieses bestimmte Lächeln war. Herzlich. Charmant. Freundlich. Vertraut.
»Vielleicht lasse ich dich am Leben«, sagte er. »Halte dich in einem Käfig, mein hübsches kleines Nephilim. Du kannst mein Haustier sein.«
Sein Haustier? Ich blinzelte nervös. »Vielleicht entferne ich dir dein …«
Er riss mich vorwärts, und ich wollte mich festhalten, aber meine Füße rutschten auf dem nassen Boden. Ein Kribbeln explodierte an meinen Schultern.
Zayne schleuderte mich zur Seite. Seine Flügel schnappten zurück, während mein Blick auf die sich sammelnden Schatten fiel, die über das Dach auf uns zurasten.
Stühle und Tische flogen in die Luft und zur Seite, während zwei Wirbelstürme aus rotem und schwarzem … Rauch auf uns zukamen.
Schielend versuchte ich, etwas zu erkennen. »Was, zur Heiligen Hölle …?«
Der Rauch wurde dichter und verteilte sich dann, wobei die glatte, wachsartige Haut der Dämonen zum Vorschein kam, die ovalen pupillenlosen Augen und die großen Nasenlöcher über breiten, grausamen Mäulern.
Das waren keine Ghuls. Sondern Sucher-Dämonen, die oft geschickt wurden, um wertvolle Dinge für die Hölle zu holen.
Wie, um alles in der Welt, war es Gabriel gelungen, sie auf seine Seite zu ziehen?
Schlingernd kamen sie zum Stehen, während sie einen Blick erhaschten … aber nicht von mir.
Von Zayne.
»Gefallener«, raunte einer der Sucher guttural.
Zayne hob die Flügel. Ich sah es nicht, aber ich spürte, wie sie meine Haare bewegten, als sie über uns schwebten.
Der andere Sucher-Dämon fluchte. »Dafür habe ich mich nicht angemeldet.« Er machte auf dem Absatz kehrt und begann zu rennen, roter und schwarzer Rauch umgab ihn.
Na dann.
Wie eine Rakete hob Zayne vom Boden ab. Der Sucher-Dämon kam nicht sehr weit.
Ich schaute zu dem anderen Dämon. Er bewegte sich vorwärts, offensichtlich nicht so beeindruckt von mir.
»Du kommst mit mir, Nephilim.«
Jetzt war ich irgendwie beleidigt.
»Mach es mir nicht so schwer«, befahl der Dämon. »Letztlich tust du dir doch nur selbst weh.«
»Ach ja?« Das Schwert des Michael pulsierte heftig. »Oh Gott«, murmelte ich und trat beiseite. »Heute ist es echt schlimm.«
Dann schwang ich das Schwert. Der Sucher-Dämon war schnell, aber ich war schneller. Er sprang zurück, doch ich wirbelte herum, riss das Schwert hoch und traf ihn im Bauch. Die Feuerklinge schnitt durch ihn hindurch, als wären seine Knochen und Muskeln nichts weiter als ein Papiertaschentuch.
»Verdammt«, nuschelte der Sucher-Dämon, bevor die Flammen seinen … Körper verschlangen.
»Anregende letzte Worte«, sagte ich und drehte mich um.
Der zweite Sucher-Dämon fand das gleiche Ende. Mehr oder weniger. Hierbei entstanden Geräusche von einer ganzen Menge … Zerren und Zerreißen, an die ich nicht mal mehr denken möchte.
Meine Arme zitterten, und die Gnade pochte immer noch mitten in meiner Brust. Eigentlich sollte ich noch nicht ausgebrannt sein, aber ich war kurz davor. Normalerweise konnte ich länger durchhalten, aber auch in diesem Fall hatte ich nicht sonderlich viel Erholung bekommen. Es war aber noch genug Kraft in mir, dass ich tun konnte, was getan werden musste. Mein Herz begann wieder zu rasen, als sich unter meiner Nase feuchte Wärme bildete. Zayne nahm meine Gnade bereits wahr, also würde ihn nicht weiter alarmieren, was ich da tat.
Jetzt war ein besserer Zeitpunkt denn je. Das sagte ich mir, als ich übers Dach zu Zayne ging. Ich würde die Alte gar nicht brauchen. Zayne war hier, und auch wenn ich ihm am liebsten richtig fest eine reingehauen hätte, er war da drin. Er musste einfach. Warum sonst hatte er mich beobachtet? Warum sonst war er nicht bloß einmal, sondern gleich zweimal aufgetaucht, um mir den Rücken zu stärken? Er war da drin, und ich würde ihn befreien – auf die ein oder andere Art.
Als diese herrlichen Flügel lautlos zurückschwangen, schnürte mir der bevorstehende Druck das Herz ein. Zayne blickte über die Schulter zu mir. Während er die Unterlippe zwischen die Zähne nahm, zog er einen Mundwinkel nach oben.
Mein dummes, dummes Herz hüpfte vor Freude, und meine Schritte stockten nur einen Augenblick.
Und mehr war nicht nötig.
Er war einfach so schnell, zu schnell, und selbst wenn ich tiptop in Form gewesen wäre, hätte das nichts gebracht. Er erwischte meinen Arm, bevor ich das Schwert überhaupt anheben konnte.
Das Leuchten unter seiner Haut nahm zu, als er den Kopf senkte und bis auf wenige Millimeter an das Schwert des Michael herankam. »Du blutest.«
Ich hatte keine Gelegenheit zu reagieren.
Sein anderer Arm schoss um mich herum und zog mich an seinen Körper. Ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten und hervortraten. Einen Moment lang dachte ich, er würde sich gleich in die Lüfte schwingen und mich mitnehmen. Mich in einen Käfig stecken, so wie er es angekündigt hatte.
Aber er stieg nicht in die Luft. Er sprang zur Seite, und in Sekundenbruchteilen begriff ich. Ich verlor den Halt meiner Gnade. Das Schwert des Michael fiel in sich zusammen, kurz bevor wir in den Pool stürzten.
Wir gingen gemeinsam unter, ein Gewirr aus Beinen und aufgewühlten Luftblasen. Im aufgewirbelten Wasser trafen sich unsere Blicke, während wir sanken und sanken. Seine Lippen bewegten sich, er sprach, und, du lieber Himmel, waren Engel vielleicht halb Fisch oder so? Waren da Kiemen unter den Federn?
Doch es gab noch wichtigere Fragen. Wollte er mich ertränken? Das wäre allzu leicht, so wie er mich an sich drückte. Es gab kein Entkommen aus seinem Griff.
Bevor meine Ratlosigkeit in Panik umschlagen konnte, stieß er sich vom Boden des Beckens ab. Nur Augenblicke später durchbrachen wir die Wasseroberfläche, und er ließ mich los. Ich sank nicht zurück, sondern fand mich am flacheren Ende des Pools wieder, wo mir das Wasser nur bis zur Taille reichte.
Nach Luft ringend, stieß ich mich ab und wischte mir mit dem Handrücken unter der Nase entlang. Ich schaute hinunter, und selbst beim schwachen Licht des hereinbrechenden Sonnenaufgangs konnte ich erkennen, dass das kein Blut an meinen Fingern war.
Erneut setzte mein Herz einen Schlag aus. Hatte er … hatte er gewusst oder sich erinnert, was mein Blut anrichten würde? War das der Grund, warum er uns beide in den Pool geworfen hatte?
Ich sah auf und beobachtete ihn … wie er mich beobachtete. Keiner von uns beiden sagte etwas, als ich mit dem Rücken an die Wand des Pools stieß. Er war nah, und seine Gesichtszüge erschienen mir deutlicher, als sie eigentlich hätten sein sollen. Von seinen Lippen ging eine Spannung aus, die ich eben erst begonnen hatte zu verstehen, aber dennoch sofort wiedererkannte. Deshalb hämmerte mein Herz jetzt aus einem ganz anderen Grund als zuvor. Er kam näher, seine Flügel schnitten durch das Wasser hinter ihm. Ich erstarrte und rührte mich nicht.
Zayne blieb vor mir stehen, und ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. »Warum hast du mich vorhin geküsst?«
Seine Frage erstaunte mich, und ich brauchte einen Moment, um zu antworten. »Weil ich … ich wollte dich erreichen.«
Dichte Wimpern, die ich eigentlich gar nicht sehen sollte, senkten sich und schirmten seinen Blick ab. »Und, hast du?«, fragte er sanfter. Eher wie … eher wie Zayne, als ich’s je gehört hatte.
Eine Welle des Bewusstseins fuhr wie ein Beben durch mich hindurch. »Du bist hier«, sagte ich mit belegter Stimme und hob die Hände aus dem Wasser. Ich wusste nicht mal, was ich tat, bis ich es tat und ihm die Finger flach auf die Brust legte.
Bei dieser Berührung schien er tief einzuatmen. Ich stieß ihn nicht fort. Ich … ich berührte ihn einfach.
»Sag, ob ich dich erreicht habe«, flüsterte ich, während der Saum seines Shirts davonschwamm und drohte, an die Wasseroberfläche zu steigen.
Er hob den Blick, schaute mich an, und dieses Glühen … das Strahlen seiner Haut und seiner Augen leuchtete heller. Es war fast schmerzhaft, ihn anzuschauen, aber ich sah nicht weg.
»Ich weiß nicht, warum ich hier bin«, sagte er.
Ich weigerte mich, das zu glauben. »Doch, das weißt du. Auf einer gewissen Ebene weißt du es.«
Seine Gesichtszüge schienen angespannter, und als er den Kopf zu mir heruntersenkte, wurden sie unschärfer. »Dann erklär mir, warum.«