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Wie konnte ich es ihm begreiflich machen, dass er zuhören, beziehungsweise verstehen würde, wenn ich es ihm doch schon mal erklärt hatte? Dass es daran lag, dass ich ihn liebte und er mich, aber Worte … Worte schienen keine Bedeutung zu haben.

Und mir war nicht klar, ob das der Grund war, warum ich tat, was ich als Nächstes tat. Weil ich ihn erreichen wollte, wie es mir vorhin bereits gelungen war, oder ob mein Handeln von dem Schmerz angetrieben wurde, der sich tief in mir eingenistet hatte, oder ob es bloß meine rücksichtslose Impulsivität war, die dem Mantra »Erst machen, dann denken« gehorchte.

Das Warum war total egal, als ich ihm den Mund entgegenhob. Das Einzige, was zählte, war, dass es sich richtig anfühlte, obwohl er mir gedroht hatte, mich entweder umzubringen oder in einen Käfig zu sperren, und ich ihm vorhin tatsächlich mitten ins Herz hatte stechen wollen. Ernsthaft. In keiner normalen Welt wäre das auch nur annähernd in Ordnung. Und schon gar nicht das, was ich nun tun wollte. Jede Menge Drama, aber das hier … nichts war normal. Wir waren nicht normal, und hier waren die Normen und Regeln und Erwartungen nicht nur schwarz oder weiß. Sie waren grau, und wir ertranken darin, aber als er mich eben geküsst hatte, war mir bewusst geworden, dass es noch einen Teil von Zayne gab, der mich wiedererkannte – der uns erkannte und alles, was wir einander bedeuteten. Diesen Teil von Zayne zu erreichen war das alles wert.

In der Sekunde, als meine Lippen seine berührten, erschauerte ich – genau wie er. Der Kuss … er war nicht wie der im Park. Da war kein zaghaftes Vorantasten oder Hoffen auf eine Reaktion von ihm. Alles war da, und seine Reaktion folgte sofort.

»Ich … ich brauche dich«, sagte er mit belegter Stimme.

»Ich gehöre dir, Zayne.«

Er presste den Mund auf meinen, und der Kuss schmeckte nach Wasser und Wintermint, vertraut und dennoch unbekannt.

Und dieser Kuss, die Berührung seiner Lippen, seine Zunge … all das wurde schnell zu etwas mehr, etwas Tieferem und Härterem. Und das Ganze geriet schnell völlig außer Kontrolle.

Zayne schlang den Arm um mich und ich meinen um seinen Nacken. Ich drückte mich von der Poolwand ab, drängte mich ihm entgegen, und dann fixierte er mich mit dem Rücken an der Wand. Das Gewicht und die Nähe seines Körpers zerstreuten all meine Gedanken, bevor sie sich auch nur bilden konnten. Meine Finger versanken in den feuchten Strähnen seines Haares, und seine Hand strich unter Wasser über meinen Oberschenkel und die Hüfte, unter den Saum des Shirts und weiter nach oben, zu genau der Stelle, die schon vorhin seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Ich wölbte den Rücken durch, während eine Art erstickter Laut über meine Lippen kam.

Doch der wurde von dem wahnsinnigen und schwindelerregenden Kuss aufgefangen und ging in all den leisen Geräuschen unter, die folgten. Hitze verbrannte mich von innen, wärmte seine Haut und setzte mein Blut in Brand. Ich hob die Beine und schlang sie um seine Taille, während wir uns küssten und küssten, bis mir die Luft ausging, doch ich hörte nicht auf. Es war eine Art Urverlangen, das uns antrieb, eines, das weit über das Körperliche hinausging, und es war, als tanzten wir gefährlich nah an einer Klippe – wie seine Zunge meine umspielte, wie seine Hände die Wölbungen und Vertiefungen meines Körpers erforschten und dort verweilten, sich über die nackte Haut bewegten und dann tiefer, unter die hauchdünnen Stoffbarrieren glitten. Seine Hand öffnete und schloss sich, drängte mich, mich zu bewegen, aber ich brauchte kein Drängen. Es war, als würde ich über die Klippe stürzen wollen – die Art, wie ich seine Haut streichelte, nach seinen Schultern, seinen Armen griff und versuchte, ihn näher an mich heranzuziehen, und die Art, wie ich mich bewegte und drehte und an ihn drückte, bis das pochende Gefühl zu etwas so Dringlichem wurde, dass es fast schmerzhaft war. Es zeigte sich in der Art, wie ich an dem glatten, durchnässten Bund seiner Hose zog und wie meine Hüften zuckten, als er die Kleidung zerriss.

Dann kippten wir, taumelten und fielen über die Klippe.

Seinerseits gab es kein Entkommen mehr, und egal, wie das hier ausgehen sollte, ich wollte auch gar nicht, dass es endete. Ich würde es nicht bereuen, denn es war er. Es war Zayne, der mich hielt und berührte, und er war es, der tief in mir diese alles verzehrende Spannung erzeugte. Die Spule zog sich bereits zusammen und drehte sich, als Zayne mich von der Poolwand hob und sein mächtiger Druck immer und immer weiter nach innen drängte, bis seine Hüften auf meine klatschten. Ein unbehaglicher Blick, der Schock der mich erfüllenden Größe, der mich dazu veranlasste, kurz innezuhalten und in seinen Mund zu keuchen, aber Zayne rührte sich einen Moment nicht, und ein erstickter Laut drang aus seinem Mund. Und dann bewegte er sich wieder. Wir bewegten uns, und es hatte nichts Zögerndes, als wir uns gegenseitig nahmen.

Noch immer lagen unsere Lippen aufeinander, und ich hörte nicht auf, ihn zu küssen, nicht einmal, als die Spule sich löste, eine Flut intensiven Vergnügens freisetzte und wir gemeinsam kamen. Ich schrie vor Lust auf, während er in mir erschauerte.

Erst als der Wahnsinn abebbte, lange nachdem das letzte Beben in unseren Körpern verklungen war, trennten sich unsere Münder. Ich sagte nichts. Er auch nicht, aber er hielt mich immer noch an sich gedrückt, die Arme hinter meinem Rücken verschränkt, und ich umklammerte immer noch seine Schultern. Er bewegte sich und strich mit der Stirn über meine, bevor er den Kopf auf meine Schulter sinken ließ und zärtlich daran knabberte.

Mein Puls beruhigte sich, und ich öffnete die Augen. Das Erste, was mir auffiel, war sein Flügel. Der war so nah an meinem Gesicht, dass ich sehen konnte, wie jeder gefiederte Bereich eigentlich aus mehreren kleineren bestand. Ich konnte das feine Netzwerk von Adern sehen, die vor Gnade funkelten.

Ich hob die Hand, und meine Fingerspitzen berührten das flaumig weiche …

Zaynes Kopf schnellte hoch, und seine Hand war noch flinker. Er erwischte mein Handgelenk und riss meine Finger zurück. »Nicht«, warnte er, und sein anderer Arm spannte sich um mich. »Sie sind …«

Mein Herz raste erneut. »Sind was?«

Sein Blick suchte meinen, aber er sagte eine ganze Weile nichts. Für eine gefühlte Ewigkeit hielt er mich einfach nur fest. »Ich weiß jetzt«, sagte er dann, »warum ich zu dir komme. Deshalb.«

Zunächst schöpfte ich einen Funken Hoffnung, aber dann kniff ich skeptisch die Augen zusammen. »Es geht nicht um das, was wir eben getan haben.«

»Nicht?« Sein Arm straffte sich erneut, zog mich fest an sich, sodass ich aufstöhnte. »Doch.« Ein selbstgefälliger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, verschwand aber schnell, während er die Stirn gegen meine lehnte. »Da ist mehr

Auf einmal war da nicht nur ein Funken Hoffnung. Nein, die Hoffnung loderte hell wie ein Lagerfeuer. »Da ist mehr.«

»Ja, ich weiß.« Er ließ meine Hand und meine Taille los und umklammerte stattdessen meine Hüfte. Er schob mich von sich weg, und das auf überraschend sanfte Weise, zumindest für diese … Ausgabe von Zayne. Eine Weile noch ließ er die Hände auf mir ruhen, dann zog er sich zurück, und das Glühen seiner Haut wurde schwächer, bis es nur noch vage zu erkennen war. »Deshalb musst du dich von mir fernhalten, denn ich werde dir wehtun. Selbst wenn ich es nicht will oder beabsichtige, wird dich die Sache, die einen Teil von mir einnimmt, verletzen. Darum: Bleib weg von mir.«

Und damit verschwand er in einem feinen Wasserstrahl.

Ich ließ mich mit dem Rücken gegen die Poolwand sinken, während ich auf die Stelle starrte, an der sich Zayne eben noch befunden hatte.

Die Sache, die einen Teil von mir einnimmt, wird dich verletzen.

Diese Worte waren wichtig. Eine Bestätigung. Ein weiterer Beweis dafür, dass Zayne auf irgendeine Weise immer noch da drin war. Auch wenn ich nicht viel mehr Beweise gebraucht hätte.

Seine Worte verursachten mir nachträglich eine Gänsehaut, aber mein Herz … Ich presste die Faust an die Brust. Es tat nicht mehr so weh wie zuvor. Keine Ahnung, wie lange ich noch in dem Pool blieb, aber das Perlgrau der Morgendämmerung zog bereits über den Himmel, als ich mich schließlich bewegte. Meine Unterwäsche war verschwunden… genauso wie meine Fähigkeit, kritische Entscheidungen zu treffen, stellte ich fest, als ich aus dem Becken kletterte.

Bedauerte ich, was passiert war? Nein. Sollte ich? Manche mochten vielleicht der Meinung sein, dass es mir leidtun sollte, und selbst ich konnte erkennen, dass das nicht die beste Entscheidung meines Lebens gewesen war, während ich über das Dach trottete und meine Dolche nahe der unsinnigen »Grünfläche« fand, die ungefähr so groß wie ein Schuhkarton war. Hatte ich die Gelegenheit verpasst, das Schwert des Michael zu benutzen, als Zayne … abgelenkt gewesen war? Wahrscheinlich nicht. Abgesehen davon, dass ich zur selben Zeit ebenso abgelenkt gewesen war, wusste ich, dass er trotzdem gespürt hätte, wenn ich meine Gnade weiter beschworen hätte.

Ich tippte den Code für die Wohnungstür ein, während ich in Gedanken das eben Geschehene noch einmal Revue passieren ließ. Ich überlegte, dass wir … Wir hatten nicht verhütet, und obwohl wir keine Ahnung hatten, ob es uns überhaupt möglich war, ein Baby zu zeugen, vor allem unter den neuen Umständen, war das vorhin nicht besonders intelligent von uns gewesen. Verdammt, ich wusste nicht mal, ob es möglich war, dass Trueborns wiedergeboren wurden. Das wenige, das ich wusste, schloss die Sache mit den Blümchen und Bienchen nicht mit ein.

Aber es war passiert.

Daran war nichts mehr zu ändern.

Und ich würde das der ständig wachsenden Liste von Dingen hinzufügen müssen, über die ich mir Sorgen machen musste, genauso wie die Tatsache, dass sowohl Zayne, der gefallene Engel, als auch Gabriels Schergen exakt wussten, wo sie mich finden konnten.

Oh Mann, ich war echt froh, dass Jada momentan nicht hier war, denn ich würde ihr innerhalb von fünf Sekunden alles anvertrauen, und sie hätte … tja, sie hätte vermutlich einiges dazu zu sagen.

Zurzeit hatte ich dafür aber wirklich nicht den Kopf. Ich konnte ja nicht mal darüber nachdenken, was eben geschehen war. Ich zog mir ein trockenes Shirt von Zayne über, kletterte zurück ins Bett und schlief mit den Dolchen auf dem Kissen neben mir ein.

Ich verschlief einen Großteil des Sonntags und stand nur auf, um Handynachrichten zu beantworten und auf die Toilette zu gehen. Erst da wurde mir klar, dass ich meinem Körper tatsächlich nicht ausreichend Zeit zur Erholung gegeben hatte. Vermutlich brauchte mein Körper noch mehr Zeit, aber eine beantwortete Nachricht hatte von Dez gestammt.

An der schlimmsten Highschool der Welt war irgendetwas passiert. Er wollte mir mehr darüber erzählen, wenn er mich später abholte, aber in Anbetracht dessen, was in der Schule sowieso schon vor sich ging, bezweifelte ich, dass mir die neuen Vorgänge das Herz erwärmen würden.

Glücklicherweise fanden während meines ohnmachtsartigen Schlafs keine weiteren Besuche von Dämonen oder gefallenen Engeln statt, aber ich wusste nicht, wie lange diese Gnadenfrist wohl anhalten würde. Das Apartment war möglicherweise nicht sicher, und selbst wenn ich Zayne wieder zur Vernunft gebracht haben würde, könnten wir eventuell nicht hierbleiben.

Aber das Problem würde sich erst später stellen. Genauso wie das, was ich in den frühen Morgenstunden mit Zayne angestellt hatte und ob Peanut wirklich kurzzeitig ins Fegefeuer gesaugt worden war.

Peanut begegnete ich, nachdem ich eine Jeans und ein weites Shirt angezogen hatte, das lang genug war, um die Dolche zu verbergen. Er hatte nach den Kratzern auf der Fensterscheibe gefragt, und als ich antwortete, das sei ein Dämon gewesen, der versucht hatte, in die Wohnung zu kommen, kreischte er auf und verschwand.

Seither hatte ich nichts mehr von ihm gesehen oder gehört.

Ich hatte eine ganze Schachtel Mikrowellenspeck gegessen – RIP, ihr Arterien – und machte mich auf den Weg, um mich mit Dez zu treffen.

Ich blinzelte in den bedeckten Himmel und näherte mich vorsichtig dem schwarzen SUV, der am Bordstein parkte. Inständig hoffte ich, dass es Dez’ Wagen war und ich nicht entführt werden würde.

Das Beifahrerfenster wurde heruntergelassen, und Dez’ Gesicht kam unscharf zum Vorschein. »Hey«, rief er. »Komm, steig ein.«

Ich öffnete die Tür und schwang mich auf den Beifahrersitz. Dann schaute ich Dez an und dachte sofort an Zayne und diesen Pool. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss, und war dankbar, dass Dez darauf konzentriert war, sich in den Verkehr einzufädeln. Momentan sollte ich nun wirklich an nichts von alldem denken.

»Also, was ist mit der Schule?«, fragte ich, während ich mich zurücklehnte und ein Haargummi aus der Hosentasche zog. Ich hielt es zwischen den Lippen und raffte dann mein Haar.

Es roch nach Chlor.

Igitt.

»Was anderes als etwas Ungutes? Wohl kaum«, antwortete er. »Die Polizeichefin hat sich vor ungefähr einer Stunde bei uns gemeldet, wegen etwas, von dem sie glaubt, dass es eher unser Fachgebiet betrifft.«

Die Beziehung von Wächtern und Gesetzeshütern war bemerkenswert, da neunundneunzig Prozent der Menschen aufgrund blöder Regeln nichts von der Wahrheit ahnten. Soweit mir bekannt war, wussten nur die obersten Behördenvertreter, wohinter Wächter wirklich her waren. Das meiste kam wegen einer bestimmten Menge an Enttarnungen von Dämonen heraus. Ausnahmen von den Regeln wurden erlaubt, und manche wurden eingeweiht, nachdem sie bewiesen hatten, dass man ihnen die Wahrheit anvertrauen konnte. Wie man beweisen konnte, dass man derart vertrauenswürdig war, war mir schleierhaft, aber Thierry hatte mir mal erzählt, dass Beamtinnen und Beamte in jedem Bundesstaat und in jeder Bundesbehörde – vom FBI bis zum Verteidigungsministerium und den verschiedenen Geheimdiensten – definitiv wussten, dass Dämonen unter uns waren. Matthew hatte auf eine super-extra-geheime Abteilung innerhalb einer der Geheimdienste angespielt, die sich ausschließlich mit dämonischen Aktivitäten beschäftigte. Keine Ahnung, ob das stimmte, aber wenn, hatten sie dann diese ganze Gabriel-Nummer abgehört und mitbekommen?

Falls ja, fand ich das eigentlich nicht schlecht.

»Offenbar sind bei der Polizei mehrere Vermisstenmeldungen von den Familien der Bauarbeiter eingegangen, die am Samstag in der Schule gearbeitet haben«, fuhr Dez fort. »Keiner der Arbeiter ist nach Hause zurückgekehrt oder geht ans Handy.«

»Oh Mann«, nuschelte ich um das Haargummi herum, während ich immer noch mein Haar zusammenfasste und das Durcheinander rasch zu einem Zopf flocht. Diese Schule war voller verlorener Seelen. Die meisten waren Geister, die nicht vorangeschritten, sondern zu rachsüchtigen, wütenden Gespenstern geworden waren. Sie stellten eine Bedrohung für jeden dar, waren an der Schule in der Hinsicht aber nicht die Einzigen. Denn das Gebäude platzte geradezu aus allen Nähten vor lauter Schattenwesen – der Essenz, die verstorbene Dämonen zurückließen –, und die waren weitaus gefährlicher und furchteinflößender als ein Gespenst, das am sprichwörtlichen Montag einen typisch schlechten Tag hatte. All die Geister, Gespenster und Schattenwesen waren im Grunde dort gefangen und warteten darauf, dass sich das Portal öffnete, damit sie in den Himmel eindringen konnten, um ihn zu infizieren, so wie bei einem wirklich üblen Ausbruch von Windpocken. Wie, um alles in der Welt, jemand in diesem Gebäude arbeiten konnte, war mir schleierhaft, aber die Sanierungsarbeiten waren in vollem Gange. Selbst Menschen, die nicht an Geister glaubten, mussten doch spüren, dass mit der Schule etwas nicht stimmte.

»Ja.« Dez nickte, während er den SUV vor einem Zebrastreifen abbremste. »Eine Polizeieinheit ist rausgefahren, um nachzusehen, und die haben den Kontakt zu ihrer Dienststelle verloren, nachdem sie das Gebäude betreten hatten.«

Ich band das Ende des Zopfes fest und blickte zu Dez. »Das ist nicht gut.«

»Nein, gar nicht.«

»Und, lass mich raten, es gibt noch mehr schlechte Nachrichten.«

»Yep. Eine andere Einheit ist rausgefahren, um nach der ersten zu sehen. Die beiden Polizisten betraten das Gebäude, und nur einer kam wieder raus.«

Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Hat die Schule den anderen verspeist?«

»Laut des entkommenden Polizisten wurde sein Partner von einer riesigen schwarzen Masse in die Decke gesaugt.«

»Die Schule hat den anderen also tatsächlich verspeist. Oh Gott.« Ich schüttelte den Kopf. »Diese Schule muss geschlossen werden.«

»Richtig, das habe ich der Polizeichefin auch gesagt. Aber obwohl es sich um eine Art Tatort handelt, kann sie die Leute nur für kurze Zeit davon abhalten hineinzugehen. Sie prüft in diesem Augenblick, was sie unternehmen kann, um den Bau längerfristig zu stoppen.« Dez bog nach rechts ab, und wir bewegten uns ungefähr einen halben Meter, bevor wir wieder standen.

Stirnrunzelnd starrte ich aus dem Fenster. Warum, um alles in der Welt, herrschte an einem Sonntagabend so viel Verkehr?

Dez hatte eine bessere Frage. »Hast du zufällig eine riesige schwarze Masse gesehen, als du zuletzt dort warst?«

Ich stieß einen missbilligenden Laut aus. »Nein, aber einen verdammten Haufen Geister und Schattenwesen. Ich bin zwar keine Expertin für Schattenwesen, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass sie jemanden durch die Decke saugen.«

»Na, das kann ja lustig werden«, kommentierte er. »Ich fand, da du sie sehen kannst und wir nicht, wäre es eine gute Idee, dich mitzunehmen.«

Ich nickte. Das war sinnvoll. »Und irgendetwas muss dort vor sich gehen. So verrückt es klingt, aber wie lange waren die Arbeiter schon da drin, ohne dass es größere Probleme gab? Also vor dem Vorfall, meine ich. Das Einzige, von dem ich weiß, ist ein Kind, das die Treppe runtergestoßen wurde. Was könnte sich also verändert haben?« Ich dachte nach. »Andererseits, der Geist von Sam? Er kam zurück, um Stacey zu warnen, sich von der Schule fernzuhalten, weil er gespürt hat, dass etwas Schlimmes bevorstand. Ich bin davon ausgegangen, dass er das Portal meinte.«

»Vielleicht wollten sie die Schule in Vorbereitung auf die Verklärung räumen?«, überlegte Dez laut. »Aber das ist nicht sehr logisch.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Das dauert ja noch mindestens zwei Wochen.«

Ich schaute wieder aus dem Fenster und fragte mich, ob irgendetwas die Geister und Schattenwesen dazu veranlasst hatte, gewalttätiger zu werden. Oder ob die Natur schlicht ihren Lauf nahm. Jeder Geist beziehungsweise jedes Gespenst wurde gefährlicher, je länger es gefangen war.

»Du bist ja so schweigsam.«

»Sorry. Hab nur grad an was gedacht.«

»An Zayne?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte Dez nicht von meinen Plänen erzählt, zur Alten zu gehen, sondern mich dagegen entschieden. Das war etwas, über das ich vorläufig nicht reden sollte. Denn ich hatte das Gefühl, dass er entweder versuchen würde, es mir auszureden, oder darauf bestehen würde mitzukommen.

Dez schwieg daraufhin zunächst, dann meinte er: »Nicolai wollte nicht, dass ich dich da mit reinziehe.«

»In was?« Ich blickte zu ihm.

»Bei allem, was mit Zayne grad los ist, macht er sich Sorgen, dass du dich ablenken lässt.«

Ich? Abgelenkt? Beinahe hätte ich aufgelacht. »Erstens: Ich bin immer abgelenkt. Ich befinde mich in einem Dauerzustand der Ablenkung.« Daraufhin streckte ich zwei Finger hoch. »Zweitens, zugegeben: Zayne hat Priorität. Richtig oder falsch, ist mir egal. Doch die Sache mit dem Boten ist trotzdem meine Pflicht. Dafür bin ich … gezüchtet worden.« Ich schürzte die Lippen. Gezüchtet? Das klang ja schrecklich. »Dafür bin ich ausgebildet worden. Falls irgendwas mit dem Boten vor sich geht, muss ich dabei sein. Ich kann die Sache mit Zayne und dem Boten voneinander trennen. Und drittens …« Ich schaute auf meine drei erhobenen Finger und senkte dann die Hand. »Es gibt kein Drittens. Ich habe nur eins und zwei.«

Dez grinste. »Ich weiß, aber Nicolai ist besorgt, dass es eine Falle sein könnte. Ein möglicher Versuch von Gabriel, dich zu ihm zu locken.«

»Könnte sein«, entgegnete ich, und Dez blickte zu mir herüber. »Keinen Schimmer, ob er glaubt, dass die Wächter mich zu ihm bringen oder nicht. Kann sein, dass er so denkt, aber es ist ja schließlich nicht so, als wüsste er nicht, wo ich wohne. Ein paar Trolle und ein anderer Dämon sind letzte Nacht bei mir aufgetaucht.«

»Was? Und das erzählst du erst jetzt?«

Ich riss die Augen auf, während Dez auf die Bremse trat. Ein kleineres rotes Auto war vor ihm ausgeschert. »Keine große Sache. Ich habe mich drum gekümmert.«

»Keine große Sache? Du bist da nicht sicher, wenn Gabriel weiß, wo du wohnst.«

»Vermutlich hat Gabriel schon immer gewusst, wo ich wohne, und aus welchem Grund auch immer hat er erst vergangene Nacht seine Lakaien auf mich gehetzt«, erklärte ich.

»Du kannst bei uns wohnen …«

»Und euch in Gefahr bringen? Deine Frau und deine Kinder? Schlägst du das ernsthaft vor?« Ich bemerkte, wie Dez den Kiefer anspannte. »Denn was sollte Gabriel daran hindern, mich auch dort zu finden? Ich bin nicht bereit, dieses Risiko einzugehen. Und du auch nicht, glaube ich.«

Wortlos lenkte Dez den SUV den mit Bäumen gesäumten Hügel hinunter. »Dann solltest du in der Wohnung aber nicht allein sein.«

»Bin ich nicht. Ich habe Peanut.«

Fragend blickte Dez zu mir.

»Er ist ein Geist«, erklärte ich achselzuckend.

»Was soll ich dazu sagen?«

»Da gibt’s nichts zu sagen.« Nervös tippte ich mit dem Fuß auf den Wagenboden. »Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen. Auch die von Nicolai. Aber mir geht’s da, wo ich wohne, gut, und falls sich das ändert …« Was durchaus sein könnte. »… werde ich es euch wissen lassen.«

»Ich verstehe ja, warum du das Apartment nicht verlassen willst.«

»Ach ja?« Ich hob eine Augenbraue.

»Du willst da sein, falls Zayne zurückkommt.«

Ich öffnete den Mund, klappte ihn aber gleich wieder zu und starrte bloß in den dunkelblauen Himmel. Auf meiner Brust lastete ein immenser Druck. Ich wollte niemanden anders in Gefahr bringen, und mir war klar, es könnte eine Zeit kommen, in der ich das Apartment verlassen musste, aber Dez hatte recht. Für den Fall, dass Zayne irgendwie ohne mein Zutun aus der Sache rauskam, wollte ich da sein. Ich wollte da sein, für den Fall, dass er nach mir suchte.

Selbst wenn er nicht zum Kuscheln kam.

Wenn Dez wüsste, dass Zayne bereits in der Wohnung gewesen war – auf dem Dach des Hauses, um genau zu sein –, würde er mich wahrscheinlich fesseln und irgendwo verstecken.

Und ja, ich war unvernünftig. Ich wusste, ich sollte zusehen, dass ich wegkam, und mich verkriechen, aber wann hatte ich mich je für die vernünftige, normale Variante entschieden? Noch nie. Ich knabberte an meinem Daumennagel. Vielleicht würde ich morgen um die gleiche Zeit einen Weg gefunden haben, Zayne zu neutralisieren, damit ich ihn zurückbringen konnte.

Oder befreien.

»Du musst vorsichtig sein, Trinity«, meldete sich Dez erneut zu Wort.

»Bin ich.« Irgendwie. Als die Highschool in Sichtweite kam, legte sich eine Last auf meine Schultern. Vor dem Eingang war ein Polizeifahrzeug geparkt, neben einem anderen schwarzen, nicht weiter auffälligen Auto.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich so glücklich sein würde, eine verfluchte Highschool zu sehen.

Dez parkte hinter dem schwarzen Wagen. Er stellte den Motor ab, drehte sich zu mir um, und mein Instinkt sagte mir, dass er innerlich auf eine Art ernstes Gespräch vorbereitet war.

»Sieh mal! Eine Polizistin!« Ich löste den Sicherheitsgurt und riss die Beifahrertür auf. Fast wäre ich aus dem SUV gefallen.

Die Polizistin stand vor der schwarzen Limousine und sprach in ihr Handy. Ob es mein Schrei oder mein ungewöhnlicher Ausstieg/Sturz aus dem SUV war, der ihre Aufmerksamkeit erregte, wusste ich nicht. Auf jeden Fall drehte sich die große schwarze Frau zu mir um.

Fröhlich winkte ich ihr zu. »Haben Sie die Ghostbusters gerufen? Wenn ja, jetzt sind wir hier.«

Langsam senkte sie ihr Handy und wandte sich an Dez.

»Captain Washington, das hier ist Trinity.« Dez klang bereits jetzt erschöpft. »Sie … ähm … berät uns.«

»Wirklich?« Der Tonfall der Polizistin verriet starke Zweifel.

»Sie ist in solchen Dingen Expertin«, beharrte Dez.

»Ich sehe Tote.«

Die Polizistin öffnete den Mund, und es dauerte einen Moment, bis sie sich gefangen hatte und dann meinte: »Find ich cool.«

Ich grinste.

»Also, was ist da drinnen los, Captain Washington?«, fragte Dez und warf mir einen Blick zu, den ich deutlich entziffern konnte.

Halt. Die. Klappe.

»Zur Hölle, wenn ich das nur wüsste, Dez. Ich habe drei vermisste Beamte und einen, der in seinem Streifenwagen sitzt«, antwortete sie und schob, um das Handy in die Tasche ihrer dunklen Hose zu stecken, den kurzärmeligen Blazer etwas zurück und enthüllte die Pistole, die seitlich in einem Holster steckte. »Und nichts weiter tut, als zu beten.«

Ungläubig hob ich die Augenbrauen. »Im Ernst?«

Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu und nickte. »Er hat nicht viel gesagt. Ich weiß nur, dass sie es nicht bis zur Haupthalle geschafft haben, bevor Officer Lewis geschnappt wurde.«

»Von einer schwarzen Masse an der Decke?«, wollte Dez wissen.

»Ja, und lasst mich hinzufügen, dass Officer Lee seit dreißig Jahren bei der Polizei ist. Es gibt also nur sehr wenig, was ihn aus der Fassung bringt.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und blickte zur Schule. »Ich hab ihn noch nie so erlebt. Ich glaube, er hat wirklich gesehen, was er beschrieben hat. Deshalb habe ich euch herbestellt, aber wie ich den anderen schon erklärt habe, kann ich nicht versprechen, wie lange ich euch den Vortritt lassen kann. Ich habe vermisste Beamte, und auch wenn der zweite Anruf nicht über Funk kam, der erste schon. «

Ich runzelte die Stirn. »Den anderen …?«

Plötzlich fiel ein Schatten von oben und landete mit einem lauten Knall vor mir. Ich quietschte auf und machte einen Satz rückwärts. Alles, was ich sah, war die harte graue Haut eines Wächters. »Du lieber Himmel.«

»Sorry«, kam die schroffe Antwort, während die glatthäutigen Flügel nach hinten schnappten und der Wächter gut einen Meter Abstand zwischen uns brachte. Der dunkelhaarige Kopf neigte sich vor. Die Hörner hatten die Farbe von poliertem Obsidian. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Schon okay.« Blinzelnd blickte ich zum Dach. Ein weiterer Wächter hockte auf der Kante. Nun kam auch er herab und schloss sich dem ersten an. Der zweite Wächter hatte helleres und kurzgeschorenes Haar, aber Hörner wie der vorherige. »Es regnet Gargoyles.«

»Wir haben gewartet, so wie du uns gebeten hast«, antwortete der erste Wächter, und während ich mich von meinem Mini-Herzinfarkt erholte, bemerkte ich, dass er ein Shirt trug, obwohl er in seiner Wächter-Gestalt mit ausgebreiteten Flügeln war.

Hä?

»Wir haben nichts von drinnen gehört«, sagte der zweite Wächter, und ich trat zur Seite, um besser sehen zu können.

Das Shirt, das der erste Wächter trug, hatte zwei Schlitze, die auf beiden Seiten seiner Wirbelsäule verliefen. Mehr als genug Platz für seine Flügel. Das war lächerlicherweise clever und peinlich zugleich, wenn man bedachte, dass noch niemand sonst darauf gekommen zu sein schien.

»Keinen einzigen Ton«, bestätigte der erste Wächter und blickte mich an.

Lächelnd verschränkte ich die Hände. »Ich mag dein Shirt.«

Kurz drehte er sich zu Dez um und schluckte dann. »Danke.«

»Sie ist also … Beraterin?«, fragte Captain Washington. »In welcher Funktion noch, bis auf die Tatsache, dass sie Tote sieht?«

»Dieser Art«, sagte ich und deutete auf den sich verdunkelnden Himmel, während ich der Gnade in mir erlaubte zu pulsieren.

Für gewöhnlich hatten die Leute keine Ahnung, was ich war. Nicht, bis ich ein wenig von meiner Gnade durchscheinen ließ. Ich wusste nicht, was sie dann sahen oder ob sie vielmehr etwas spürten – etwas, das den Überlebensinstinkt in ihnen ansprach –, aber Captain Washington machte sofort einen Schritt rückwärts und stieß gegen den Kotflügel der schwarzen Limousine.

Und sie wirkte nicht wie eine Lady, die oft zurückwich.

»Cool. Cool«, flüsterte sie und räusperte sich. »Ihr alle solltet da reingehen.«

»Wir werden Ihre Beamten finden«, versprach Dez, und ich dachte bei mir, dass solche Versprechen nicht unbedingt klug waren.

Im Vorbeigehen griff er nach meinem Shirt und zog mich mit sich. »Ich dachte, du sollst nicht verraten, was du bist«, sagte er leise.

»Sie weiß nicht, was ich bin, aber die Wächter schon, also was soll’s?!« Ich atmete tief ein und blickte schließlich zum Schulgebäude.

Sofort wünschte ich, ich hätte es gelassen. Drinnen brannten Lichter, ein grelles Leuchten, das einladend und doch grotesk wirkte. Eine Gänsehaut überzog meinen gesamten Körper. Wie zuvor schon einmal fühlte es sich an, als ob Tausende von Augen auf mich gerichtet wären, obwohl sich niemand an den beleuchteten Fenstern im Erdgeschoss zeigte.

Aber sie waren immer noch da – die Geister, Gespenster und Schattenwesen. Und sie warteten da drinnen.