Um nicht zu stolpern und mir vor den Augen von Captain Washington das Genick zu brechen, stieg ich die breite Treppe vorsichtig hinauf. Meinen vermeintlich knallharten Ruf würde das total ruinieren. Natürlich hatte das gemächliche Tempo nichts mit dem unheimlichen Kribbeln zu tun, das über meine Haut tanzte. Nope. Ganz und gar nicht.
Nachdem wir den überdachten Eingang der Schule erreicht hatten, atmete ich flach ein und schaute zu den beiden Wächtern. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verstärkte sich um das Zehnfache. »Ich glaube, wir sind uns bisher noch nicht begegnet.«
»Nur so nebenbei«, antwortete der mit dem schicken Hemd. »Ich heiße Jordan.« Dann deutete er mit dem Kopf in Richtung des anderen Wächters. »Und das ist Teller.«
Der Wächter mit den helleren Haaren nickte.
»Schön, euch kennenzulernen.« Ich konzentrierte mich wieder auf die Schule. »Ich hoffe, ihr seid so schlau und hört auf mich, wenn ich sage, ihr solltet lieber hier draußen bleiben.«
»Das kommt nicht infrage«, sagte Dez rau. Als wir die Treppe hinaufgegangen waren, hatte er die Gestalt verändert.
»Ich weiß, dass du nicht schlau bist. Aber ich hoffe, die beiden schon.« Die Anspannung setzte sich in meinem Nacken fest. »Ihr werdet nicht imstande sein zu erkennen, was da drin los ist, es sei denn, die Vorgänge sind wirklich stark. Vielleicht habt ihr Glück oder eben Pech und könnt die Schattenwesen sehen, sollten sie gesehen werden wollen. So oder so wird es wahrscheinlich nicht viel geben, was ihr tun könnt.«
»Das wissen wir«, antwortete Teller und scannte die Fenster. »Aber wir lassen dich da nicht allein reingehen. Schon schlimm genug, dass du überhaupt hier bist. Allein dafür wird uns Nic den Arsch aufreißen.«
»Du wirst uns das nicht ausreden«, bestätigte Jordan. »Wir gehen mit dir da rein. Zu streiten zögert die Angelegenheit nur raus, und was soll das bringen?«
Nichts. Denn wenn da drinnen noch jemand am Leben war, musste er gerettet werden. Schlimmer noch, ich hatte das Gefühl, dass Captain Washington etwas unternehmen musste, um ihre Beamten da rauszuholen, was bedeutete, dass noch mehr Polizisten da reingehen würden, und das war das Letzte, was ich wollte.
»Okay. Aber wenn ihr deswegen demnächst jahrelang in Therapie müsst, behauptet nicht, ich hätte euch nicht gewarnt«, sagte ich und lief los.
Allerdings blieb mein Fuß gleich an der ersten Stufe hängen, die ich nicht gesehen hatte. Ich stolperte und fing mich, weil Dez meinen Arm festhielt.
»Geht es dir gut?«, fragte Jordan.
»Ja.« Ich seufzte. »Im Grunde bin ich fast blind – eigentlich bin ich offiziell blind«, sagte ich und überraschte mich selbst mit dieser Wahrheit.
»Verdammt«, murmelte Jordan, »wäre mir nicht aufgefallen.«
»Echt nicht?«, fragte ich skeptisch.
Ich dachte, ich hätte ein halbes Grinsen gesehen. »Ich bin einfach davon ausgegangen, dass du nicht sonderlich aufmerksam bist.«
»Tja, das stimmt auch«, kommentierte Dez.
Ich verdrehte die Augen, aber ich … Ich konnte nicht fassen, dass ich eben vor praktisch Fremden zugegeben hatte, nicht gut sehen zu können. Die Probleme mit meinem Sehvermögen hatte ich entweder stets für mich behalten oder so getan, als wäre das keine große Sache, was meistens damit endete, dass ich in etwas Scharfes und Schmerzhaftes hineinlief oder eben nicht in der Lage war, Anleitungen zu lesen, das Ganze aber trotzdem durchzog – mit katastrophalen Ergebnissen. Es hatte Äonen gedauert, bis ich mich Zayne anvertraut hatte, und ihm vertraute ich sogar mein Leben an, selbst jetzt noch. Ich wusste nicht mal, warum ich so zögerte, anderen davon zu erzählen.
Okay, das war eine Lüge.
Ich wusste genau, warum.
Ich wollte nicht, dass die Leute denken, mein schlechtes Sehvermögen mache mich schwach oder unfähig. Ich wollte kein Mitgefühl oder gar Mitleid. Ich wollte als ich gesehen werden und nicht als diejenige, die langsam erblindete. Aber die Sache war die, dass ich ich war – eine Trueborn, die wusste, wie man kämpfte, und die bereit war, jemanden umzuhauen, die alte 90er-Jahre-Sitcom-Marathons im Fernsehen liebte und die ihre Mutter vermisste, die wusste, wie sich Verlust anfühlte, und die wahnsinnig verliebt war. Ich war auch die Frau, die blind wurde. Was mit mir geschah, war nicht die Summe dessen, was ich war, sondern bloß ein Teil dessen, was ich war.
Keine Ahnung, warum es etwa neunzehn Jahre gedauert hatte, das zu erkennen, aber nun fühlte ich mich sehr reif. Lächelnd betrat ich die Schule.
Das Lächeln hielt nicht lange an.
Sobald sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, schien sich die Luft zu verdichten und zu verwirbeln. Die leeren Vitrinen und geschlossenen Spindtüren ständig im Blick, ging ich vorwärts. Die Gänsehaut kehrte mit aller Macht zurück, und ich spitzte die Ohren. Weil ich mich anstrengte zu lauschen, lief ich automatisch langsamer.
»Geht’s nur mir so, oder fühlt es sich für euch auch so an, als wäre es hier drin verdammt nahe am Gefrierpunkt?«, fragte Jordan.
Zwar erwartete ich geradezu, meine Atemluft zu sehen, doch das war es nicht, worauf ich mich konzentrierte. Stirnrunzelnd neigte ich den Kopf zur Seite und lauschte noch ein paar Augenblicke. »Ich nehme an, ihr hört das nicht.«
»Ich höre nichts anderes als die Stimme in meinem Kopf, die flüstert, dass dieser Ort mir eine Gänsehaut verursacht«, murmelte Teller. »Und das ist meine eigene Stimme.«
Unwillkürlich musste ich grinsen. »Ich höre … Geplapper.«
»Du siehst nichts?«, wandte sich Dez an mich.
Ich schüttelte den Kopf. »Noch nicht.« Ich blickte auf zu dem, was wie eine normale Decke schien. »Der Cop, der von der Decke verschlungen wurde? Weiter als bis hierher haben es die Polizisten doch nicht geschafft, oder?«
»Richtig«, antwortete Jordan.
Ich drehte mich nach rechts, mein ganzer Körper spannte sich an. Die Türen zur Turnhalle waren geschlossen, drinnen brannte Licht, aber mir fiel wieder ein, was beim letzten Mal jenseits der Türen gewesen war. Eine Turnhalle voller Toter, die nicht Basketball spielten.
»Das Portal wird von dort aus betreten, nicht wahr?«, fragte Jordan.
Ich nickte. »Sicher seid ihr echt scharf darauf, es zu sehen, aber ich glaube, es ist nicht schlau, da runterzugehen, wenn wir nicht müssen. Beim letzten Mal war dort der Großteil der Schattenwesen. Ich habe zwar viele von denen erledigt, aber ich wette, sie wurden mittlerweile ersetzt.«
»Sie bewachen das Portal«, behauptete Teller.
»Sie sind definitiv …« Ein dunkler Umriss bewegte sich an den Fenstern der Turnhallentür vorbei, und eine Sekunde später erschien ein Gesicht hinter der Scheibe, grau und verzerrt, während der Mund aufklappte und einen stummen Schrei von sich gab.
Ein weiterer Geist erschien, hing kopfüber. Strähniges dunkles Haar verdeckte das Gesicht. Eine Hand krallte sich an das Glas, die Haut war fleckig und hatte einen unnatürlich dunklen Farbton.
»Möchte ich wissen, was du gerade siehst?«, fragte Dez.
»Nope.« Ich atmete geräuschvoll aus, während ich weiter auf die Turnhalle zuging. Die Härchen an meinen Armen stellten sich auf, während meine Gnade pulsierte und pochte. Ich hielt schon den Griff.
»Sollten wir nicht lieber oben nachsehen, da der Beamte ja durch die Decke gesaugt wurde?«, fragte Teller.
Ja, könnten wir, aber ich hatte das Gefühl, dass wir das nicht mussten. »Bleibt hier draußen, bis ich Entwarnung gebe.«
Ich hoffte, dass sie mir zuhörten, und öffnete die Türen zur Turnhalle.
Sofort strömten Geister in die Eingangshalle hinaus, streiften an mir vorbei und durch mich hindurch, während ich bloß geradeaus starrte. Bei meinem letzten Besuch hier war das Licht ausgeschaltet gewesen. Ich hatte nicht sehen können, was in der Turnhalle war, und war davon ausgegangen, es wäre ein lebendig gewordener Albtraum.
Ich hatte mich geirrt.
Denn das Ganze zu sehen war noch viel schlimmer.
Die Turnhalle war voller Geister. Diejenigen, die zufällig herumschwebten, wirkten am … frischesten. Einige sahen fast lebendig aus, sie waren entweder auf natürliche Weise gestorben oder durch Ursachen, die nicht sichtbar waren. Sie schienen die anderen um sich herum nicht zu bemerken und drehten sich nicht einmal in Richtung der offenen Tür. Ich hatte das ungute Gefühl, dass sie nicht zum letzten Mal hier waren. Bei dem Anblick tat mir das Herz weh. Irgendwie waren sie hierhergeführt worden und dann vom Engelsbann eingeschlossen worden. Gute Personen, die höchstwahrscheinlich nie eine Chance haben würden, ins Jenseits zu kommen.
Ein Mann in einem weißen Shirt mit blauem Logo und in Jeans schritt umher und zog sich an den braunen Haaren. »Ich verstehe das nicht. Ich verstehe es nicht«, murmelte er immer wieder.
Ich riss den Blick von ihm los. Aber die anderen?
Igitt.
Sie waren schon eine Weile tot und lange genug hier gefangen, dass ihnen nur noch einer kleiner Schritt fehlte, damit sie zu Gespenstern wurden. Ihre Haut hatte eine grässliche Farbe, grau und wächsern, und die meisten wiesen wirklich grobe Verletzungen auf. Löcher in Kopf und Brust. Schusswunden. Aufgeschnittene Kehlen. Aufgedunsene und zerschundene Gesichter. Die Körper geschwollen und missgebildet.
Offenbar waren sie sich unserer Anwesenheit bewusst, denn sie lächelten, wobei sie nach purer Boshaftigkeit stanken.
»Was, zum …?« Jordans Flügel flatterten, als er sich umsah. Ein Mann mit einem hässlichen blutigen Loch im Kopf war eben durch ihn hindurchgelaufen. Die blauen Augen des Wächters wurden groß. »Ist gerade …? Nein. Antworte nicht darauf. Ich will es gar nicht wissen.«
Ich schluckte schwer, hob den Kopf und wünschte, ich hätte es nicht getan. »Oh Gott.«
Sie wimmelten an der Decke wie tausend Kakerlaken, krabbelten über die Balken und durcheinander. Sie bedeckten die Wände und die Zuschauertribünen.
Ein Geist schwebte an mir vorbei in die Eingangshalle und zeigte unglücklicherweise mehr. Die Frau war jung – als sie gestorben war, war sie nicht älter als ich gewesen. Ihre Kehle und ihr Brustkorb waren aufgerissen und legten dickes, geleeartiges Gewebe frei. Sie sah aus, als hätte sich ein Raver an ihr vergriffen, aber geschwärzte Adern bedeckten ihre Schultern und Oberarme. Vielleicht eher ein Nachtkriecher? Deren Klauen und Zähne waren giftig, und in ihrem Inneren stimmte irgendetwas definitiv nicht.
Ihre Füße berührten nicht den Boden, als sie vor Dez stehen blieb. »Bist du gekommen, um deine Toten zu holen?«, fragte sie in hauchzartem Singsang. »Oder bist du gekommen, um zu sterben?«
»Er kann dich weder sehen noch hören«, erklärte ich ihr. »Ich schon, also lass die anderen in Ruhe.«
Dez blickte mich an, während der Kopf des Geistes ruckartig in meine Richtung schwang. Ich winkte ihr zu. »Ja. Hi. Wo sind all die Leute?«
Teller und Jordan tauschten Blicke, und ein anderer Geist schlurfte mit einem verstümmelten Bein, das nur noch an ein paar lumpigen Sehnen baumelte, aus dem dichtesten Gedränge heraus. Er war älter, sein schlichtes Hemd war blutbespritzt. »Wir sind hier«, flüsterte er. »Direkt vor Ihnen.«
»Nicht Sie. Die Leute, die hier arbeiten. Die Cops!«, stellte ich klar. »Die hoffentlich noch am Leben sind und fröhlich atmen?«
»Das ist wirklich abgefahren«, murmelte Teller.
»Hier ist niemand am Leben«, erwiderte der Mann gereizt. »Nicht einmal du. Du bist bereits tot, und du …«
»Blah-blah-blub-blub. Wie auch immer, Mann. Du gehörst nicht hierher. Du warst bestimmt ein guter Mensch, der ins Licht hätte gehen sollen, aber so ist es jetzt nun mal. Ich nehm’s dir nicht übel, außer du gibst mir einen Grund dazu.« Das tote Mädchen griff nach meinem Zopf. Ich warf ihr einen alarmierenden Blick zu. »Denk nicht mal daran, mich anzufassen«, warnte ich und beschwor meine Gnade, bis es in meinen Augenwinkeln weiß wurde. »Sonst werde ich dir in den Arsch treten und dich nicht nur von hier vertreiben, sondern dir den Garaus machen. Und zwar für immer. Also, verdammt noch mal zurück mit dir.«
Sie verzog den Mund und gab ein leises Wimmern von sich, das sogar die Wächter zu hören schienen, denn sie blieben stehen und drehten sich zu uns um.
Ich hob die Brauen. »Oh, du bist ein alter Hase, nicht wahr? Schon eine Weile tot. Cool. Ich bin superbeeindruckt. Warum sagst du mir nicht, wo die Leute sind?«
Sie schlich zurück, den Kopf in einem unnatürlichen Winkel herabhängend. »Direkt hinter dir.«
»Ich meine nicht die Leute, mit denen ich zusammen hier bin.« Mein Geduldsfaden wurde immer dünner.
»Ich auch nicht«, flötete sie.
Es kribbelte in meinem Nacken. Ich drehte mich um und sah zuerst Dez und die anderen in der Eingangshalle warten. Teller wischte sich übers Gesicht, als würde er versuchen, ein verirrtes Haar loszuwerden. Doch da war kein Haar. Einer der Geister strich ihm mit den Fingern über die Wange.
Geister konnten dermaßen unheimlich sein.
Langsam hob ich den Blick von den Türen zur großen Anzeigetafel.
Oh Gott.
Sie hingen von der Spitze der Anzeigetafel, die Köpfe gesenkt, die Arme schlaff und die Beine sanft schwankend. Ein Dutzend insgesamt. Neun in Jeans. Drei trugen dunkelblaue Uniformen.
Ich wich zurück und ignorierte die Kälte, die mir entgegenschlug. Einer hatte langes braunes Haar. Er trug ein weißes Hemd mit einem blauen Aufdruck auf der Vorderseite und Jeans. Schweren Herzens schaute ich hinter mich und fand den schreitenden Mann von vorhin. Ich schluckte hart.
Das war er. Einer der vermissten Leute.
»Was ist hier los?«, fragte Dez von der Tür her.
»Ich habe die Vermissten gefunden.« Ich räusperte mich. »Schätze, alle.«
Dez lief los und geradewegs durch eine ältere Frau hindurch, die vor lauter Verwesung aufgedunsen war. »Was …?« Er brach ab und schaute auf. »Oh Jesus.«
Ein Geist lachte, während ein anderer skandierte: »Jesus liebt mich, ja, das tut er …«
Etwas Schnelles und Pechschwarzes schoss aus der Masse der Geister hervor. Ein Schattenwesen. Verdammt noch mal. Die meisten Geister konnten nicht viel Schaden anrichten. Gespenster waren schon etwas anderes, aber Schattenwesen? Sie konnten eine Menge anrichten und sogar töten.
»Aufpassen!«, rief ich und wirbelte in Richtung Flur herum.
»Was, zum …« Tellers Flügel bogen sich, während sich Jordan umdrehte.
Heilige Scheiße! Genau wie Dämonen konnten die beiden Schattenwesen sehen.
Teller hob vom Boden ab, aber er war nicht schnell genug. Der Schatten schlug in ihn ein und stieß ihn zurück, als er durch ihn hindurchging. Der Wächter fiel rückwärts. Die Türen der Spinde klapperten, als er an ihnen entlangschlidderte, seine Haut war rosa gesprenkelt, und er drohte, seine menschliche Gestalt anzunehmen.
»Alles klar bei dir?«, rief Dez.
»Großer Gott«, stieß Teller keuchend hervor und hustete, während er seine Wächter-Gestalt beibehielt. »Was, zur Hölle, war das?«
»Ein Schattenwesen«, sagte ich und schaute prüfend in den Flur. »Er ist weg.« Hinter mir kicherte einer der Geister. »Glaube ich.«
»Mir geht’s gut.« Teller kam wieder auf die Beine und schüttelte die Flügel aus. »Das war, als würde man von einem Güterzug überrollt werden.« Er richtete sich kerzengerade auf. »Von einem brennenden Güterzug.«
»Immerhin hat es dich nicht mitgenommen«, sagte ich und erinnerte mich daran, was eins von ihnen mit Cayman gemacht hatte.
»Da ist noch eins!« Dez stieg in die Luft. »Es kommt aus der verdammten Wand.«
Ich wirbelte herum zu dem Punkt, auf den er zeigte, und sah, wie sich ein Schattenwesen aus der Stelle herausschälte, wo die Wand auf die Decke traf.
Es sauste kugelrund von oben herab und entfaltete sich auf halber Höhe zum Boden. Dann nahm es die Gestalt eines Wesens an, eine Kombination aus schwarzem Rauch und Schatten mit blutroten Augen wie glühende Kohlen.
»Ich hab’s.« Ich schlich vorwärts, beschwor meine Gnade. Die Ränder meines Sichtfelds wurden weiß, während sich das weiß-goldene Feuer meinen Arm hinunter ausbreitete und in meine Hand floss. Das Gewicht des Schwertgriffs formte sich in meiner Handfläche, die Klinge aus Funken und Flammen brach hervor.
»Das gehört auch zu dem, das ich noch nie gesehen habe«, kommentierte Jordan von hinten.
Das Schattenwesen stürmte vorwärts, hinter sich eine Spur schwarzen Rauchs. Ich schaltete auf Angriff und zog das Schwert durch die Mitte. Der Schatten fiel in sich selbst zusammen und ging in Rauchschwaden auf.
»Sie mögen stark sein«, sagte ich und ließ das Schwert des Michael sinken. Die Geister machten nun einen großen Bogen um mich. »Aber sie sind nicht die Klügsten.« Erneut wandte ich mich an die anderen. »Hier muss noch mehr sein.«
»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«, fragte Jordan, und Teller nickte, während er sich uns wieder zuwandte »Sie sind tot, nicht wahr? Die Vermissten.«
»Ja«, gab Dez stöhnend von sich. »Und die Cops auch.«
Ich schaute von Teller zu den Körpern hoch oben. Mein Magen rotierte. »Warum?«, fragte ich heiser und blickte zu dem toten Mädchen.
»Weil man gehofft hat, dass du dann kommst«, antwortete sie mit brüchiger Stimme.
Mein Instinkt erwachte im selben Moment zum Leben, als die Tür zum Untergeschoss und das Portal aufflogen. Ich hatte ein böses Déjà-vu und machte mich auf LUDs gefasst – kleine, hässliche Dämonen, die riesengroßen Ratten ähnelten … wenn Ratten auf Hinterbeinen laufen könnten.
Doch das war nicht das, was durch die Tür kam. Im Nachhinein hätte ich LUDs bevorzugt.
Grellweißes Licht explodierte von der Tür aus und lud die Luft mit Energie, die sich über die Decke und die Wände ergoss und über den Boden floss. Ich hielt mir die Hand vor die Augen, um sie zu schützen, aber die Lichtintensität war so plötzlich und so extrem, dass ich trotzdem kurzzeitig geblendet war.
Etwas Großes krachte gegen die Wand hinter mir, als ich die Hand zurückzog. Ich hoffte sehr, dass es nicht Dez war. Ich blinzelte, bis ich erkennen konnte, dass sich die Geister zur Seite verstreut hatten. Meine Gnade pochte als Reaktion auf das … das himmelsgleiche Strahlen.
Eine riesige Gestalt trat durch die Tür, und das Erste, was ich sah, waren die Flügel – gigantische weiße Flügel, durchzogen von tintenblauen Adern.
Mein Herz krampfte sich zusammen.
Gabriel.